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Aufzuwachen heißt, Tag für Tag aufs Neue zu einem Teil der Welt zu werden. Manchmal sind diese frühen Momente magisch und still und fast noch wie ein Traum. Oft aber schreckt man gestresst auf. Und die Influencer der Gegenwart empfehlen Morgenrituale zur Selbstoptimierung. Dieses Buch zeigt jedoch, dass das kein neues Phänomen ist. Schon in mittelalterlichen Klöstern wurde das Erwachen beobachtet, bewertet und effizienter gemacht.
In den Tag erzählt von Intimität und Gesellschaft: im Bett, im Bad und beim Frühstück, wenn der Mensch noch nicht ganz wach ist und doch schon im Tag. Wir begleiten das Dienstmädchen des 19. Jahrhunderts bei seinen zahllosen morgendlichen Aufgaben. Wir treffen eine Pariser Künstlerin, die das zu früh zu muntere Kleinkind malt. Und wir erleben einen Beatle, der aus dem Bett steigt und gleich zum Klavier geht: mit einem Welthit im Kopf. Die früh aufstehende Person, so die Botschaft dieses Buchs, hat Zeit für Kreativität. Sie könnte aber auch noch ein bisschen schlafen.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2026
Christoph Ribbat
In den Tag
Eine kurze Geschichte des Aufwachens
Insel Verlag
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eBook Insel Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2026
Originalausgabe© Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2026
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Umschlaggestaltung: Pauline Altmann, Palingen
eISBN 978-3-458-78662-7
www.insel-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
1 Pauls Traum
2 Hahn und Wecker
3 Aus dem Schlaf gerissen
4 Ins Bad
5 Zum Frühstück
Über dieses Buch
Anmerkungen
Informationen zum Buch
1
Delphine können gleichzeitig wach sein und schlafen. Sie schalten eine Gehirnhälfte ab, diese ruht sich aus, und die andere Hälfte sorgt dafür, dass sie weiterschwimmen können. Irgendwann werden die Gehirnhälften gewechselt. Der Mensch kann so etwas nicht. Wenn er schläft, schläft er. Wacht zwischendurch kurz auf – und schläft weiter, bis er nicht mehr weiterschläft.1
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Paul McCartney, dreiundzwanzig Jahre alt, wacht eines Morgens auf und hat eine Melodie im Kopf. Er hat bei seiner Freundin übernachtet, im Mai des Jahres 1965, in der Wimpole Street in London, in einer Wohnung unter dem Dach. Ihm scheint, als habe er die Melodie geträumt und als sei sie jetzt, da er wach ist, übrig geblieben. Er steigt aus dem Bett. In der Wohnung steht ein Klavier. Er setzt sich daran und macht etwas aus der Musik in seinem Kopf. Es ist wirklich eine tolle Melodie, findet er, aber weil er sie ja geträumt hat, nimmt er an, dass nicht er sie sich ausgedacht hat. Wahrscheinlich ist das ein Lied, das er irgendwo gehört hat und das dann in seinem Traum aufgetaucht ist.
In den folgenden Tagen versucht Paul, die Angelegenheit zu klären. Er fragt alle möglichen Leute, ob sie den Song kennen. Singt ihn vor. Denkt sich einen provisorischen Text aus. »Scrambled eggs«, singt er, »oh my baby, how I love your legs.« Meist lachen die Leute, wenn er das singt. Das passt eigentlich nicht. Die Melodie ist eher traurig. Paul hat früh seine Mutter verloren, an den Krebs, er war vierzehn, sie siebenundvierzig, und ein Echo davon wird man dem fertigen Stück anhören. Aber er muss weiter Leute befragen, auch weil Bandkollege Ringo neulich ebenfalls ein Lied geschrieben hat, seine beste Komposition jemals, drei Stunden lang hatte er daran herumgewerkelt, und schließlich war klar geworden, dass dieser großartige Ringo-Starr-Song tatsächlich ein schon existierender Bob-Dylan-Hit war. Das soll ihm, Paul McCartney, nicht passieren. Die Leute, die er fragt, ob sie das Lied irgendwann, irgendwo schon einmal gehört hätten, finden »Scrambled Eggs« sehr schön und sagen, es sei sicher von ihm. Er bleibt also dabei. Und der Song, der ihm beim Aufwachen im Kopf war, wird ein Welthit.2
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Der Durchschnittsmorgenmensch wacht anders auf als Paul, der Beatle. Er öffnet die Augen, vielleicht wegen des Geräuschs der Smartphone-Weckfunktion, vielleicht weil ein konventioneller Wecker piept, vielleicht weil eine bereits aufgewachte andere Person sich bemerkbar macht. Vielleicht wacht dieser Mensch auch nur auf, weil er immer um dieselbe Zeit aufwacht oder auch, im Idealfall, weil der Schlafdruck, das ist der Fachbegriff, in ihm so weit abgesunken ist, dass das Gehirn den Aufwachprozess von sich aus in Gang gesetzt hat.
Irgendwann merkt der Mensch nun, dass er bei Bewusstsein ist. Wach. Er kann von diesem Zeitpunkt an, anders als im Schlaf, sinnvoll mit anderen Personen kommunizieren. Der Mensch steht auf, oder er bleibt noch ein bisschen liegen und steht dann erst auf und denkt vielleicht daran, dass er geträumt hat und dass er sich theoretisch an den einen oder anderen Traum erinnern können müsste, und stellt dann oft fest: Er hat alles, was er geträumt hat, vergessen.
Um sich häufiger an Träume zu erinnern, könnte der Mensch gleich nach dem Aufwachen etwas in sein Traumtagebuch eintragen. Stift und Papier neben dem Bett würden genügen, sowie ein paar dafür reservierte Minuten. Studien zeigen, dass allein das Führen eines solchen Tagebuchs die Anzahl erinnerter Träume ansteigen lässt. Selbst so etwas aufzuschreiben wie: »Alle Träume vergessen« erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mensch danach öfter an Träume erinnern wird. Im Schlaf erzeugte bahnbrechende Ideen könnten eines Morgens in einem solchen Traumjournal notiert werden, vielleicht ein Pop-Klassiker, wie bei Paul McCartney. Aber die meisten Menschen haben für Selbstreflexion früh am Morgen keine Zeit.
Und es sind nicht nur Eile und Stress, die ein beeindruckend kreatives Aufwachen verhindern. Ein biologisches Phänomen, die Schlafträgheit, bremst uns, die einen stärker, die anderen schwächer. Aufzuwachen bedeutet, zwar von einem Moment auf den anderen bei Bewusstsein, aber dennoch nicht richtig wach zu sein. Der Arzt Samuel Hahnemann bemerkte das schon 1803: Eine »unangenehme Empfindung von Düsterheit, von Trägheit und Ungefügigkeit in den Gliedern« spüre der Mensch in den »ersten Augenblicken oder Viertelstunden des Erwachens«.3
Heutige Forschungen bestätigen diese Beobachtungen. Die gerade aufgewachte Person hat bedeutend geringere kognitive Fähigkeiten als ein schon länger waches Individuum. Sie reagiert langsamer. Wirkt verwirrt. Im Schlaf hatte ihr Gehirn, wie der gesamte Körper, eine niedrigere Temperatur als im Wachzustand; die Gradzahl, die man für normale Denkfähigkeit braucht, muss erst einmal erreicht werden. Zudem benötigt das Gehirn eine Weile, um während des Schlafs entkoppelte Areale wieder miteinander zu verbinden. Schlafträgheit kann zwar schnell verfliegen, vielleicht war das bei Paul McCartney so, sie kann aber auch ein paar Stunden lang anhalten. In der Regel bleibt sie für fünfzehn bis dreißig Minuten.4
Die aufgewachte Person empfindet diese träge erste Tagesphase meist als unangenehm. Und sie muss dennoch funktionieren: ein WC benutzen, Körperpflege betreiben, duschen und/oder Gerüche durch kosmetische Produkte überdecken und möglicherweise Kontakt mit anderen Personen haben, die ebenfalls gerade erst aufgewacht sind. Der Zustand der Schlafträgheit kann die Kommunikation negativ beeinflussen. Das ist den am Morgen miteinander Kommunizierenden nicht immer bewusst. Die aufgewachte Person wird zudem versuchen, sich anzuziehen und sich in irgendeiner Form zu stärken, um dann für die Arbeit, die Schule, das Studium oder für andere da zu sein. Oder sie musste schon vom Zeitpunkt des Erwachens an das gesamte Programm von Körperpflege, Anziehen, Stärkung nicht nur für sich selbst organisieren, sondern auch für Kinder oder für andere hilfsbedürftige Menschen. Das ist alles nicht leicht.
Schlafträgheit erlebt man als besonders intensiv, wenn man zuvor auf viel Schlaf verzichten musste oder wenn man bei besonders niedriger Körpertemperatur geweckt wurde, im Tiefschlaf. Sie macht weniger Probleme, wenn man sich am vorigen Tag viel bewegt und keinen Alkohol getrunken hat. Die Schlaftrunkenheit ist eine intensivere Form der Schlafträgheit und ein Effekt von Schlafstörungen oder Krankheiten. Aber auch Schlafträgheit, so normal diese ist, kann Probleme nach sich ziehen. Die Ärztin etwa, die im Krankenhaus geweckt wird und sofort operieren muss: Sie ist eigentlich noch nicht ganz da.
Für die Forschung belegt das Phänomen, dass die Grenze zwischen Schlafen und Wachen nicht so eindeutig ist, wie wir meist annehmen. In den Schlafzustand brechen Wachelemente ein, in den Wachzustand Schlafbestandteile, und die allererste Phase des wachen Tages, die, in der wir aufstehen, ins Bad gehen, das Frühstück machen, gehört quasi noch zum Schlaf. Man sollte also froh sein, sie überhaupt zu bewältigen. Sich halbwegs auf das Leben einzustellen: Mehr kann man in diesem Tagessegment kaum von sich erwarten.5
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Der Mensch, am Morgen ein so eingeschränktes Wesen, hat dennoch die Zeit gleich nach dem Aufwachen immer wieder mit hohen Erwartungen verknüpft. In Geschichte und Gegenwart begegnet man zahlreichen Individuen, die den Tagesanfang zu einer besonders produktiven und kreativen Zeitspanne verklären. Sie empfehlen ihren Mitmenschen, in der Frühe sofort Leistung zu bringen. Nicht nur die Blase zu entleeren, Kaffee zu kochen und die Kleidung nicht auf links anzuziehen. Sondern mehr, viel mehr zu tun.
In der literarischen Welt finden sich einige solcher Beispiele. Ernest Hemingway, Vorbild zahlreicher Jungschriftsteller, sagte, dass er morgens so früh wie möglich schreibe, weil ihn dann niemand störe. Er wache auf, und sein Kopf fange gleich an, diese Sätze zu produzieren, und diese müsse er dann rasch loswerden.6
Kinderbetreuung war für Hemingway, einen eher altmodisch agierenden Vater, kein Hindernis für kreative Arbeit. Toni Morrison dagegen musste jahrelang genau in der Zeit schreiben, in der sie selbst wach war, aber ihre kleinen Kinder noch nicht. Gegen fünf Uhr morgens begann sie. Aber auch als die Kinder groß waren und sie nicht mehr brauchten, schrieb Morrison weiter in den frühen Morgenstunden. Sie stand auf, bevor es hell wurde, machte sich einen Kaffee, während es noch dunkel war, so musste es sein, es musste noch dunkel sein, trank den Kaffee, schrieb, sah zu, wie es hell wurde, schrieb weiter. Das war wichtig: so zeitig aufzustehen, dass sie vor dem Licht da war. Nur so konnte Morrison kreativ sein.7
Heute haben sich die Ansprüche an den frühen Morgen noch einmal konkretisiert. Jamie Oliver etwa, Koch und Kochbuchautor, lässt sich um Viertel vor fünf am Morgen von seinem Smartphone wecken, nimmt dann eine halbe Stunde lang ein Vollbad, mit sehr heißem Wasser und einer Portion des lilafarbenen Baby-Schaumbadprodukts der Firma Johnson's. Er visualisiert in der Wanne den vor ihm liegenden Tag, geht dann joggen oder ins Fitnessstudio und beginnt schließlich zu arbeiten.8 Folgt man den Ratgeberbüchern und den Social-Media-Accounts unserer Zeit, den Influencern und Selfcare-Experten, dann können und sollten wir alle, ob wir hauptberuflich kreativ sind oder nicht, es Jamie Oliver gleichtun und möglichst früh aufwachen, sehr viel früher jedenfalls, als es die meisten von uns derzeit tun.
In der damit gewonnenen Zeit, das empfehlen uns diese Fachleute, könnten wir uns selbstoptimierenden Aktivitäten widmen. Das Traumtagebuch führen, das Dankbarkeitsjournal. Yoga betreiben, Hanteltraining, Experimente in bewusstem Atmen. Das Spektrum der Morgenroutinen ist breit. Vielleicht sollte man gleich nach dem Aufwachen Spaziergänge unternehmen, weil neue Studien zeigen, dass Ehrfurchterlebnisse – etwa: im Angesicht des Sonnenaufgangs – zur psychischen und körperlichen Gesundheit beitragen. Man kann die durch frühes Aufwachen freigewordene Zeit für die Zubereitung und achtsame Aufnahme eines besonders gesunden Frühstücks verwenden. Zur Frage, was ein gesundes Frühstück ist, gibt es unterschiedliche Meinungen, die man zuvor konsultieren müsste.9
Schon kurz nach dem ersten Augenaufschlagen scheint also die Entscheidung zu fallen, ob man ein ideensprühender, erfolgreicher, gesunder Mensch sein möchte – ob man also bereit ist, schöpferischer und zielgerichteter als andere Zeitgenossen in den Tag zu starten – oder ob man liegen bleibt und döst, vielleicht noch einmal einschläft und also nichts über erfolgreiche Selbstoptimierung zu berichten haben wird.
Das allerdings ist ein nur scheinbar neues Phänomen. Schon im Mittelalter gab es Menschen, ehrgeizige Mönche, die für ihr frühes Aufwachen und Aufstehen bewundert werden wollten. Mit äußerst disziplinierten Morgenroutinen wiesen sie ihre vorbildliche Lebensführung nach und ähnelten darin heutigen Frühaufstehern mit Social-Media-Präsenz. Ebenfalls aus dem Mittelalter stammen aber auch Quellen, die das Im-Bett-Bleiben mit Nachdruck unterstützten: Aufstehkritische Gedichte porträtierten schon um das Jahr 1200 herum Liebespaare, die vom unerträglichen Morgen aus ihren Umarmungen gerissen wurden und ohne jede Frage lieber liegen geblieben wären. Die Kontroversen um den richtigen Tagesbeginn sind seitdem intensiver geworden, besonders in westlichen Gesellschaften, in denen Selbstdisziplin und Arbeitseifer zwar viel zählen, Freiheit und Selbstbestimmung jedoch auch. Es geht immer wieder um eine entscheidende Frage: Wie – und wie schnell – soll aus dem ruhenden, passiven, träumenden Individuum eine Person werden, die gesellschaftliche Aufgaben übernimmt? Ist man nach dem Erwachen öfter unentschlossen, ob man dem morgendlichen Leistungsdruck nachgeben oder ihm widerstehen will oder nicht, dann lohnt es sich, die Geschichte des Aufwachens zu studieren. In ihr wird der träge den Tag beginnende Mensch, noch gar nicht richtig wach und schon gefordert, ständig erforscht, beraten und diszipliniert.
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Paul McCartneys besonderes Erwachen im Mai 1965 hinterlässt erst einmal nur »Scrambled Eggs« – und das bleibt ein paar Wochen lang nichts als eine seltsame Idee. Er nimmt sie mit in den Portugal-Urlaub mit Jane, ins Flugzeug nach Lissabon. Vom Flughafen dort geht es mit dem Auto nach Albufeira. Weil die Beatles schon zu diesem Zeitpunkt keine erfolglose Band mehr sind, müssen weder er noch Jane den Wagen Richtung Algarve steuern. Das tut jemand anders für sie. Sie könnten beide schlafen. Jane tut das. Paul bleibt wach. Er denkt weiter über das Lied aus dem Traum nach. »Scrambled eggs.« Da-da da.
Ringo wird später sagen, dass er zu dem Song nicht wirklich Schlagzeug spielen könne. George und John sagen auch: Sie könnten wenig dazu beitragen. Das Stück wird also eher eine Paul- als eine Beatles-Nummer sein. Da-da da. Paul hat keine Gitarre mit in den Urlaub genommen, aber als sie in Albufeira angekommen sind, leiht er sich eine und bastelt weiter an dem Lied herum. Jemand wird später die Idee haben, es mit einem Streichquartett aufzunehmen, was Paul zuerst völlig unpassend finden wird. Dann kommt er darauf, dass die Streicher leicht schräge »blue notes« spielen könnten. Das wird funktionieren. Da-da da. »Suddenly«. Es wird schließlich ein Song über eine Person, die mit dem Heute nicht richtig zurechtkommt. Möglicherweise handelt er auch von der Schlafträgheit: von Erfahrungen in den ersten Minuten des Wachseins, wenn man nicht einmal die Hälfte der Person ist, die man einmal war, und ein Schatten über einem hängt und man nicht an den gerade begonnenen Tag glaubt, sondern eher ans Gestern. »Yesterday«.10
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Menschen schlafen auf Grasmatten: Dreißig Zentimeter dick sind diese und daher recht bequem. Nach dem Aufwachen nehmen sie sich immer wieder einmal vor, die Unterlagen zu erneuern. Sie verbrennen sie dann und bauen sich neue Lager, mit einem dann wieder frischen Gemisch aus Gras, Asche und Bestandteilen des Kampferbaums. Asche und Kampfer verwenden sie, weil die Substanzen Insekten abhalten. An Tagen, an denen die Matten nicht erneuert werden, bleiben manche der Menschen auf ihnen sitzen und stellen Werkzeuge aus Stein her. Unter diesen ersten jemals nachgewiesenen Betten – in einer Höhle in den Lebombo-Bergen, im südlichen Afrika – bleiben Felspartikel zurück, die andere Menschen, dann keine Steinzeitmenschen mehr, zweihunderttausend Jahre später sehr genau untersuchen werden.11
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In der Bronzezeit wird das Huhn domestiziert und damit auch der bei Tagesanbruch krähende, Menschen aufweckende Hahn. Die Praxis, die Vögel zu halten, breitet sich von Südostasien Richtung Westen aus. Drei Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung kennt man Hahn und Huhn in Indien, noch einmal tausendfünfhundert Jahre später schnitzt dann ein handwerklich begabter Mensch in der Nähe des Tigris ein Behältnis aus Elfenbein, das einen Hahn zeigt, Hennen und die strahlende Sonne. Das Bild gibt dem Geflügel eine metaphysische Bedeutung, im Zusammenhang mit dem Tagesanbruch.
Es ist ansonsten unklar, wozu der Hahnenschrei gut ist. Er markiert kein Territorium und hat auch keine Funktion in den sexuellen Beziehungen des Hahns zu den Hühnern. Wenn Hühner ohne Hahn zusammenleben, wird die dominanteste Henne einen besonders auffällig gefärbten Kamm bekommen und in manchen Fällen zu krähen beginnen. Aus irgendeinem Grund müssen Menschen bei der Nutztierzüchtung ausdauernd krähende Hähne den eher stillen Exemplaren vorgezogen haben.12
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Weiter im Zeitraffer: zum Philosophen Platon, vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Platon steht gern früh auf und will, dass auch andere früh aufstehen. Im Schlaf, sagt er, sei der Mensch zu nichts nütze. Zu lange zu ruhen, sei schädlich. Auf Hähne verlässt er sich nicht.
Er betreibt eine Akademie unweit von Athens Zentrum, in der Nähe des Töpferviertels Kerameikos. Auf dem Akademiegelände wohnen seine Schüler, um die zwanzig. Die Bibliothek hat rund vierzig Arbeitsplätze. Auf Sockel sind Tischplatten montiert, auf diesen lassen sich Papyrusrollen ausbreiten, dort wird gelesen.
Um Tag für Tag möglichst viel Wissen vermitteln zu können, regt Platon an, einen Wecker zu bauen. Es handelt sich um eine Wasseruhr, wie sie schon von den Ägyptern entwickelt wurde. An diesem speziellen Gerät aber steckt eine Pfeife. Das ist Platons Innovation. Wenn eine ausreichende Menge Wasser in ein mit Luft gefülltes Behältnis getropft ist, entweicht die Luft aus der Röhre, an deren Ende die Pfeife sitzt. So weckt der Wecker.
Es muss sich um eine beeindruckend große Wasseruhr handeln. Die Schüler der Akademie wohnen in verschiedenen Häusern, auf dem gesamten Gelände verteilt, und alle sollen von dem Pfeifen aufgeweckt werden, damit der Tag in der Akademie pünktlich beginnen kann. Es ist wichtig, rechtzeitig aufzustehen: Die komplizierten Vorträge finden morgens statt, die nicht so anspruchsvollen am Abend.13
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Jenseits philosophischer Akademien wacht man anders auf. Bis weit ins Mittelalter hinein weckt entweder das Tageslicht die Menschen Europas oder die Gewohnheit oder ein Hahn oder andere Tiere oder Kinder, die sich melden. Menschen, die anderen dienen, beginnen den Tag, weil ihre Herrschaft etwas von ihnen will. Vielleicht schlafen sie auch weiter, wenn die Herrschaft nichts will. Weil Uhrzeiten im Alltagsleben noch keine Bedeutung haben, wird ihnen niemand zum Vorwurf machen, dass sie nicht zu einer bestimmten Uhrzeit wach geworden sind.
Im Schlaf, in ihren Träumen sind die mittelalterlichen Menschen ganz für sich, aber sobald sie die Augen aufschlagen, sehen sie andere Menschen. Kaum jemand schläft allein. Höchstens der Großbauer und seine Frau haben ein abgetrenntes Zimmer. Und die große Mehrheit schläft auf Stroh auf dem Boden. Auch Betten haben nur die Begüterten.14
Die vermeintlich einfachen Menschen wachen auf und spüren wahrscheinlich gleich ihre schmerzenden Körper, weil sie am Tag zuvor schwer gearbeitet haben. Aber es ist ebenso wahrscheinlich, dass sie mit einem Gefühl der Erleichterung erwachen. Die Nacht gilt als gefährliche Zeit. Es ist gut, sie überstanden zu haben. Dass Dämonen in der Dunkelheit unterwegs sind und die Seelen der Menschen rauben wollen, ist eine in der gesamten Bevölkerung verbreitete Annahme.15
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Im mittelalterlichen Kloster dagegen ähnelt der Start in den Tag ein wenig mehr dem unserer Gegenwart. Man nimmt, wenn man die Augen aufschlägt, nicht sofort einen Mitmenschen wahr. Als Mönch schläft man allein, vielleicht nicht unbedingt in einer Einzelzelle, aber in einem einzelnen Bett. Nicht Sonne oder Hahn wecken die Klosterbewohner, sondern eine Glocke, zu einer festgelegten Stunde. Man wird aufgeweckt, weil man beten soll: mitten in der Nacht, früh am Morgen, wie oft und wann genau, bestimmen die jeweiligen Ordensregeln. Schon wenige Jahrhunderte nach Christi Geburt haben sich diese Routinen in Klöstern durchgesetzt. Je strenger man sich an den Gebetsplan hält, desto besser. Je weniger man schläft, desto mehr lebt man das fromme Leben. Das Ziel ist ewiges Gotteslob. Nachtruhe hält davon nur ab.
Ein Mönch namens Bruno überbietet Mitte des elften Jahrhunderts die strengen Vorschriften noch. Für das bisschen Schlummer, das sich Bruno überhaupt gönnt, lässt er sich ganz bewusst auf einer möglichst unbequemen Unterlage nieder. Nach dem Gebet in den frühen Morgenstunden dürfte er noch einmal schlafen, das wäre akzeptabel, aber er tut es nicht, er bleibt wach, und er denkt, statt zu dösen, über theologische Fragen nach. Diese Selbstdisziplin wird viel gerühmt. Aus Bruno wird später der heilige Bruno.
Auch sein Zeitgenosse, der Abt Johannes, legt sich nach dem Gebet gegen drei Uhr morgens nicht noch einmal hin, bis zum Gebet gegen fünf, andere Mönche seines Ordens tun das so, sondern geht stattdessen umher, sinkt vor dem einen Altar auf die Knie, steht wieder auf, wandert zum nächsten Altar, kniet dann dort und steht wieder auf, wandert weiter, kniet wieder, steht auf, wandert, murmelt Psalmen, flickt Netze, reinigt Kerzenhalter, tut alles, um nicht einzuschlafen. Sein Verhalten gilt ebenfalls als heldenhaft.
Mönche späterer Generationen schreiben Biografien solcher Glaubensbrüder. Deren diszipliniertes morgendliches Tun wird darin gepriesen und verbreitet, so, wie das Verhalten produktiver Frühaufsteher des einundzwanzigsten Jahrhunderts ständig medial multipliziert wird.
Im elften Jahrhundert bleibt ein Mönch allerdings eines Morgens liegen. Rodulfus, zum Beten geweckt, ist zu erschöpft von der Arbeit am gestrigen Tag. Und ein paar andere Mönche tun es ihm gleich. Daraufhin erscheint, Rodulfus ist sich da ganz sicher, der Teufel selbst im Klosterschlafsaal. Satan steht dort, an die Wand gelehnt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und verkündet, und das gleich mehrfach, dass er derjenige sei, der zu denen käme, die nicht aufstehen wollten.16
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Der Klosterdiener schläft, in einem Benediktinerkloster, um das Jahr 1100 herum. Neben ihm steht eine Wasseruhr. Anders als in Platons Akademie pfeift diese nicht. Sie lässt, als ein bestimmter Füllstand erreicht ist, ein Gewicht fallen. Das Geräusch des auf dem Boden auftreffenden Klotzes reißt den Klosterdiener aus dem Schlaf. Nun muss er die Mönche wecken. Weil die Wasseruhr aber nicht besonders präzise ist, muss er vorher erst einmal kurz vor die Tür und in den Himmel schauen. An den Sternen überprüft er, ob die Uhrzeit überhaupt stimmt. Dann geht er wieder hinein, zündet Kerzen an, schlägt die Glocke. Es ist immens wichtig, dass die Mönche pünktlich zur Gebetszeit aufstehen. Nur so kann man wahre Frömmigkeit unter Beweis stellen.
Solche Klosterdiener sind allerdings auch nicht immer verlässlich. Daher arbeiten die Mönche des Mittelalters an der Rationalisierung des Weckvorgangs. Sie wollen Wasser- oder Sanduhren direkt mit Glocken verbinden. Wichtig wäre insbesondere, dass eine solche Glocke nicht nur einmal schlägt, sondern mehrmals, damit man sie im Schlaf nicht überhört. Irgendwann im dreizehnten Jahrhundert schafft es ein besonders talentierter Tüftler, ein aufziehbares Räderwerk zu entwickeln. Wer das ist, wird unklar bleiben, aber es muss ein Mönch sein, weil es in dieser Zeit kaum andere Menschen gibt, denen es wichtig ist, von einem Gerät geweckt zu werden. Die Erfindung ist dann bahnbrechend: Eine Spindel lässt ein Hämmerchen auf eine Glocke schlagen, und es gibt einen Ton, und die Spindel wirft das Hämmerchen dann erst zurück und wieder nach vorn, um den nächsten Ton zu erzeugen und noch einen Ton und noch einen. Wiederholtes Klingeln dringt damit in die Träume der Mönche und lässt sich nicht ignorieren. Sie wachen ganz sicher auf. Und von dort ist es nur noch ein winziger Schritt zu der Erkenntnis, dass sich dieser Wiederholmechanismus auch für eine noch viel wichtigere Innovation verwenden lässt. Das Hin- und Herklicken, das die Glocke öfter schellen lässt, kann schließlich auch die vergehende Zeit messen: nicht mit tropfendem und im Winter einfrierendem Wasser oder mit unzuverlässig rieselndem Sand, sondern mit präziser Mechanik. Tick. Tack. Diese Neuerung wird das Schlafen und Aufwachen, tatsächlich das gesamte Leben auf dieser Welt radikal verändern, weil bald nicht mehr Tageslicht und Jahreszeiten den Lebensrhythmus bestimmen, sondern Uhrzeiten, von Menschen gemacht.17
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Die Menschen des Mittelalters schlafen, träumen, wachen auf, beginnen den Tag, vergessen die meisten Träume und erinnern sich manchmal doch. Wenn sie einen Traum klar im Kopf haben, werden sie sich fragen, was er bedeutet. In einer anderen Epoche, im zwanzigsten Jahrhundert, wird Sigmund Freuds Die Traumdeutung aufwachenden Personen das Gefühl geben, dass ihr Traum ihnen etwas aus ihrem Unterbewusstsein mitteilt: dass er von ihren Ängsten erzählt, von Wünschen, von Kindheitserfahrungen. Im Mittelalter meint man dagegen, dass der Traum die Zukunft vorhersagt. Und dass er eine Botschaft sein könnte von Gott.
