In der Morgensonne - Frieda Jung - E-Book

In der Morgensonne E-Book

Frieda Jung

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Beschreibung

Diese anrührenden Kindheitserinnerungen führen uns weit zurück, in ein Land, ein Dorf, eine Gemeinschaft, die von der Landkarte und den Erinnerungen ausgelöscht wurden: Ostpreußen. Im Herzen der Autorin lebt noch das kleine Mädchen, das auf die ersten Jahre seines Lebens den begeisterten Blick derer richtet, die für immer den Zauber einer glücklichen Kindheit in sich tragen. Ein Text voller Sensibilität, Zärtlichkeit und Lebensfreude. Der Leser von heute, der den Rest der Geschichte kennt, wird wahrscheinlich viele andere Emotionen hinzufügen.

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EPUB

Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2020

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In der

Morgensonne

Frieda Jung

Fait par Mon Autre Librairie

À partir de l’édition Burckhardthaus, Berlin, 1921.

__________

© 2020, Mon Autre Librairie

ISBN : 978-2-491445-46-1

Inhalt

Vorwort

Sonnenaufgang

Das neue Nest

Die Religionsstunde

Die Versuchung

Wie’s früher war

Hanna

Die Weihnachtswünsche

Das Nachbarhaus

Die Schulvisitation

Unser Albert

„Es fiel ein Reif...“

Gesundung

Johannisabend

Die Vettern

Ottchen

Aus dem Konfirmandenjahr

Vorwort

Zwei singende Kinder bei der Kartoffelernte sind schuld an diesem Büchlein.

Ich saß an der Giebelwand meines Häuschens, da, wo man über Felder und Wiesen nach der Skalischer Forst sieht und wo die beiden schmalen weißen Brücken der Goldap herüberleuchten.

Auf dem Acker neben meinem Gärtchen sah ich ein paar Frauen ihre blanken Forken in die Erde stoßen und die gelblichen Knollen, die sie aus ihr herausgeholt, mit der so oft gesehenen sichern Armbewegung auf die Mitte des Beetes werfen. Zwei Kinder in verschossenem Alltagskittelchen gingen fröhlich hinter ihnen her und warfen die Kartoffeln in den großen Weidenkorb, den sie von Zeit zu Zeit bei den Henkeln ergriffen und weiterstellten.

„Im schönsten Wiesengrunde

Liegt meiner Heimat Haus!...“

Wie ein verspätetes Lerchenlied flog der Kindergesang in die blaue Luft.

Ich senkte den Blick auf mein halbbeschriebenes Briefblatt, aber es war, als ob ihn etwas gewaltsam in die Höhe zog.

Die beiden fröhlichen Kinder dort...! Und ihr Lied...! Und der Ton, mit dem die reifen Erdfrüchte in ihren Korb fielen...! Er klang mir plötzlich wie das leise traute Anpochen einer Freundin.

„Herein!“ bat ich ebenso leise.

Und in der geöffneten Tür meiner Seele stand – die Erinnerung.

„Wie lang’ ist’s her“, sagte sie lächelnd, „daß du selbst so mit den Schwestern...!“

Ich war bereits aufgesprungen und breitete beide Arme aus „Und unser Erntefeuer brannte – und wir saßen auf den umgestürzten gefüllten Säcken und sahen zusammen in den blauen Rauch!“

Die Freundin nickte. „Wenn du willst, – es ist jetzt Reisezeit...!“ Eine Schar wilder Gänse flog rauschend über unserem Haupt dahin.

„O – ob ich will!“

„Und wohin soll’s gehen?“

„Im schönsten Wiesengrunde liegt meiner Heimat Haus! In mein Kinderland – in die Morgensonne!“

So ist mein Büchlein entstanden. Zwei singende Kinder sind schuld daran.

Buddern, Ostpreußen, im November 1910.

Frieda Jung

Sonnenaufgang

Unser Haus war das erste im Dorf, – und das gehörte sich auch so, denn es war das Schulhaus. Wenn man von Nemmersdorf oder Kollatischken kam, dann lag es gleich links vom Weg und sah einen mit seinem Giebelfenster treuherzig an.

Mir paßte das nicht immer. Es ist nicht angenehm, wenn ein Haus nach allen Seiten hin Fenster hat; man kann auf keinen Baum in Ruhe klettern, – und daß ich das einzige Mal in meinem Leben der Base Lina, die mich immer neckte, die Zunge ausgestreckt, ist auch nur auf diese Weise herausgekommen.

Das Dach unseres Hauses war ganz bemoost und hing weit und zutraulich über die niederen Wände herab. Wenn es regnete, war es herrlich, darunter zu stehen und dem Regen ein Schnippchen zu schlagen. Im Innern des Hauses gab es eine „schwarze Küche“ mit offenem Schornstein und außer der Schulstube zwei kleine Stübchen, die Herrn Pfarrer Dewiß unsere Privatwohnung nannte. Das gefiel mir ungeheuer, es war, als wenn unsere Stuben einen schönen Vornamen bekommen hätten. Ja, wer mal so ans Taufen gewöhnt ist...!

Entzückend waren unsere Türschwellen. Sie waren so hoch wie kleine Bänkchen und wurden von mir auch als solche benutzt. Sie hatten außerdem die Eigenschaft, erzieherisch zu wirken, denn sobald man darauf saß, hieß es aufmerken, – wenn die Tür unversehens aufgemacht wurde, pardauz lag man auf dem Rücken und zappelte mit den Beinchen in der Luft.

Eine andere wundervolle Sitzgelegenheit war die Schublade von dem rotgestrichenen Schaff1 in der Wohnstube. Sie wurde ein Stück herausgezogen und dann saß man auf den alten Kleidungs- und Wäschestücken, die darin aufbewahrt wurden, wie auf einem kleinen Sopha. Rückenlehne, Polster – alles vorhanden. Sonst gab es bei uns nur rotgestrichene Holzstühle, die in der Lehne einen herzförmigen Ausschnitt hatten. Die waren außerdem aber auch noch zum Versteckenspielen da. Man stand von der hohen Lehne völlig verdeckt – kein Mensch konnte einen gewahr werden – und sah durch das Herzguckloch, wie die anderen sich halbtot suchten. Vater konnte es besonders gut. Er schoß in der Stube umher, daß ihm die Rockschöße flogen, und setzte sich endlich ganz zufällig auf den Stuhl, hinter dem man stand. Dann eine Gänsefeder oder einen Strohhalm leise, leise ans Ohr oder in die Halsbinde – und die Stube dröhnte von Schreckensrufen, Jubelgeschrei und Wiedersehensfreude. – Auch zum Küssen wurden die Stühle benutzt, aber es war durch das Guckloch mühsam, ich habe mir dabei einmal einen Mausezahn herausgedrückt.

Dicht vor unserem Bett – ich schlief bei Mutterchen – war die „Kartoffelkaule“. Man faßte an den eisernen Ring, der an der Diele befestigt war, und hob diese auf. Dann gähnte es einem schwarz entgegen. „Kartoffel einlesen“ gehörte durchaus nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Und wenn ich es trotzdem immer singend tat, so war das nicht aus Liebe zur Sache, sondern aus Angst vor den schwarzen Ecken da unten. Licht anzustecken wäre ja eine große Verschwendung gewesen. So mußte man die Arbeit in den Fingern haben wie beim Harfenspiel. Zum Krillen2 nimmt man die kleinsten, zum Schrapen3 die mittleren, zum Reiben die größten Kartoffeln, das wissen auch Minderbegabte. Aber die Ausführung fordert guten Willen.

Ich hatte ihn nicht immer. Auch nach anderen Richtungen hatte ich ihn nicht immer. Dann nannten mich die Eltern schlechtweg „Wegners Trine“ und behandelten mich mit verletzender Kälte. Was hatten sie mit Wegners Trine zu tun? Ja, das waren noch hübsche Zeiten gewesen, als ihre Friedel so lieb und artig in der Stube umhergesprungen! Es schien ihnen allen sehr leid zu tun, daß Friedel weg war, kein bißchen Lachen wollte aufkommen. Schließlich konnte ich’s nicht mehr aushalten. Zum Äußersten entschlossen lief ich zur Türe. „Wegners Trine raus“, kommandierte ich mehr laut als klangvoll. Und nun kam ein schönes Wiedersehn mit der so schmerzlich entbehrten kleinen Friedel. Mutterchen nahm mich sofort auf den Schoß. Wir lachten uns an, und ich streichelte ihr das kohlschwarze Haar, das zu beiden Seiten ihres schmalen Gesichts so glatt heruntergekämmt war, daß einer sich drin spiegeln konnte.

Auf diese Weise kam ich fast nie mit dem braunen Birkenreis in Berührung, das hinter dem Spiegel steckte und so gräßlich aussah. Sehr, wirklich sehr gräßlich. Da half nicht einmal die rote Schleife, die Hanna aus einem Streifchen Purpurkattun um den Stiel gebunden.

Überhaupt – Birkenreiser sahen nur um die Pfingstzeit nach etwas aus. Dann hatten sie ganz helle grüne Blättchen, die der liebe Gott direkt unter seinen Augen hatte wachsen lassen. Und sie durften mit dem Winde spielen, solange sie wollten.

Die Pfingstzeit was übrigens so wie so fein. Dann hatte ich Geburtstag. Der Storch hatte mich einmal grad an einem Pfingstsonntag Mutterchen auf das Buntgewürfelte Kissen gelegt. Als sie gar nicht mehr auf Besuch gerechnet hatte. Davon rührte mein Geburtstag her. Er ähnelte ein bißchen nach einem Sonntag, die Dielen waren dann mit weißem Sand und Kalmus bestreut, und ein bißchen nach Weihnachten, denn ich bekam etwas geschenkt. Das Schönste, was sich einmal bekam, waren zwölf goldene Sterne, die mir mein Soldatenbruder, der siebzehn Jahre älter war als ich, geschickt. Die Schwestern nannten sie Kotillonorden, wußten aber auch nicht, was das bedeutete. Als ich beim nächsten Besuch des Bruders ihn fragte, ob er sich die Sterne vom Himmel geholt, lächelte er gerade so, als ob er träumte, und sagte: „Ja, ja – vom Himmel!“ Und dann nahm er mir den einen wieder weg.

Mit dem Himmel wußte ich überhaupt gut Bescheid und mit dem lieben Gott auch. Der liebe Gott behütete mich vor zu großen Beulen an der Stirn, und wenn ich allein einschlafen sollte und das Handtuch so weiß durch die Dunkelheit schien, und vor Matthees Turkus, der immer so Wütend bellte, wenn ich vorbeilief. Er ließ, wie schon gesagt, die Birkenblättchen wachsen und schien überhaupt viel zu arbeiten. Die roten Erdbeeren, die man sich wie Perlen auf Schmielen4 zog, und die Kirschen und Honigbirnen in unserem Garten hatte er auch gemacht. Auch hatte er unsere Schwalben das Zwitschern gelehrt und die Angerapp das lustige Springen über die Steine. Bloß während des Gewitters, da half ihm unsere große Pappel, die vor der Türe stand, das Dorf behüten, denn ich hatte es schon mehrere Male von Vater gehört, daß sie unser Blitzableiter sei. – Ich betete immer sehr gern, und Beten war das Leichteste, was es geben konnte. Man legte dem lieben Gott gewissermaßen die Ärmchen um den Hals und sagte: „Lieber, lieber Vater!“ Und das bedeutete, daß man ihn so lieb habe wie Vaterchen. Meine Schwester Hanna sagte: „Noch lieber...!“ Aber das war wohl bloß gespaßt.

Übrigens damit, daß Nickeleits Lude von Dawideits die schwarzbunte Kuh gestohlen hatte, damit hatte der liebe Gott nichts zu tun gehabt. Das hatte der Teufel gemacht. Von dem wußte die Hermannsche im Loshaus viel Schreckliches zu erzählen – einem standen immer die Haare zu Berge. Die Eltern kannten den Teufel nicht. Schade!

Manchmal passierte bei uns etwas Großes. Wir saßen in der Stube und dachten an gar nichts. Auf einmal hieß es: „Der Sperling ist da, der Sperling ist da!“ Das war aber nicht ein Sperling mit Federn! Das heißt, ja – Federn hatte er, aber in einer Tonne! Doch fliegen konnte er nicht, denn er war kein Sperling, er hieß bloß so. Und jetzt war er wieder da – jetzt war er wieder da!

Er saß in seinem großen Planwagen auf einem Bündel Stroh. Hinter ihm lag allerlei Greuliches – Lumpen, Felle, Knochen – von dem man nicht begreifen konnte, warum der alte Sperling so schöne Sachen dafür gab. Vor ihm aber standen Wannen mit Heringen und grüner Seife, nun, daraus machte einer sich noch nicht so viel. Aber der große Sack mit Semmeln! Und der Kasten, der Kasten! Wenn man von dem Kasten nur ein Eckchen erblickte, schlug einem gleich das Herz bis in den Hals, denn man wußte noch vom vorigen Mal, was darin war. Auf der einen Seite Lakritzen, Gerstenzucker, Johannisbrot und Süßholz, auf der anderen Seite „dickkoppsche“ Stecknadeln – nichts als dickkoppsche Stecknadeln! Die waren das Wunderbarste, was es auf der Welt gab, und hießen so, weil sie dicke Köpfe hatten, blaue, gelbe, schwarze; manche hatten sogar ein Vögelchen als „Kopf“. Die Prinzessinnen, Feen und Elfen in unseren Märchen hatten sicher auch alle ihre Schleier und Gewänder mit solchen dickkoppschen Stecknadeln zusammengesteckt, darum ließ es ihnen wohl so wundervoll.

Wenn der Wagen vor der Türe hielt, schlug ich gleich einen Purzelbaum, was mir eigentlich verboten war. Und dann hinauf auf die Lucht.5 „Mutterchen, dies?“ „Nein, das is noch zu schade!“ „O jeh! Na denn aber dies – und das – und das!“ Meine Schwester Martha hatte immer das größte Bündel, aber Mutterchen nahm ihr meistens noch etwas weg. „Wo denkst du hin? Das is noch ’n guter Rock!“

Schließlich aber hatte doch jeder ein ganz nettes Päckchen unter dem Arm. Wenn man jetzt nur schnell herangekommen wäre! Doch nun stand schon das ganze Dorf um den Wagen, ich konnte mich auf den Zehenspitzen recken, wie ich wollte...

Endlich kam der Vater, nahm mich auf den Arm und half mir beim Handel. „Zwei Stangen Süßholz, vier Lakritzen und eine Dickkoppsche“, forderte er und lachte so vergnügt, daß ich seine weißen Zähne blitzen sah.

„Gott der Gerechte, nu fängt auch noch der Herr Lehrer an, ausverschämt zu werden. Werd’ ich geben aine Sißholz, aine Lakritzen und kaine Dickkoppsche!“

Aber zuletzt gab er doch das, was der Vater gefordert, denn der hatte auf mein Bündelchen noch einen halben Dittchen gelegt...

Daß in unserem Hause eine Schulstube war, habe ich schon gesagt. Und daß darin viel Kinder saßen, versteht sich von selbst. Ganz oben saß unsere Hanna, die nächstens eingesegnet werden sollte. Die wußte alles, was es auf der Welt gab. Sie war aber mit ihren Gedanken immer „wo anders“, und ich bekam manchmal den Eindruck, daß das nicht gut sei. Martha, die fünf Jahre jünger war, hatte ihren Platz auf der dritten Bank. Die unterhielt einen lebhaften Verkehr und Tauschhandel nach oben und unten und hatte die Gewohnheit, zu schwatzen. Wenn einer so still auf der Türschwelle saß, bemerkte man das alles.

Ich war noch nicht sechs Jahre alt und durfte nur alle Tage ein bißchen zum Besuch kommen. Das war schön. Besonders wenn die Kinder sangen. Dann war es, als ob die ganze Stube voller Lerchen gewesen wäre:

„Auf dem grünen Rasen,

wo die Veilchen blühn,

Geht mein Schäfchen grasen

In dem jungen Grün!“

O ja! Unsere kleine Wiese war plötzlich in die Schulstube gekommen. Das wimmelte von Blumen, daß einer gar nicht wußte, welche man pflücken sollte, den goldgelben Hahnenfuß oder die weißen Schlafblumen oder die roten Pechnelken. Das Schäfchen aber – o, das nahm man doch wohl am besten auf den Schoß. Und streichelte es ganz leise und sang: „Su – su – su…“

„Du mußt nicht immer dazwischen summen, Friedel“, sagte Vater plötzlich und lachte ein bißchen.

Sehr hübsch war auch das Lied von den Kinderbeinen.6 Das klang, als wenn einer betete. Mutterchen wußte erst nicht, welches Lied ich meinte. Da merkte ich mir das nächste Mal den Anfang und der hieß: „Nun danket alle Gott“.

Aber einmal kam in die Stube auch ein schreckliches Lied gegangen. Es kam so hinein, als wenn es bei jedem Wort mit einem armdicken Stock auf die Erde schlug. Und an seinen Füßen hatte es Holzklumpen, so lang...!

„Wie heißt das Volk, das, kühn von Tat,

der Tyrannei den Kopf zertrat?“

Ich warf sofort die Schürze über mein Gesicht. Nein – nein – nein! Bloß das nicht. Bloß nicht den Kopf zertreten! Bloß nicht der armen Frau Tyrannei den Kopf zertreten. „Das sollt ihr nicht singen“, schrie ich plötzlich ganz außer mir. Vater fuhr verblüfft herum. „Du bist wohl nicht bei Trost, Mädel! Mach, daß du rauskommst!“

Ich war schon draußen, aber das nützte mir nicht viel – das grausame Lied lief mir in die Wohnstube nach. Bei dem Schluß: „Es ist mein Volk Borussia“ ging die Melodie so hoch in die Höhe, daß ich meinte, ganz deutlich jemanden schreien zu hören. Es war schrecklich.

Und in der nächsten Gesangstunde wieder – und in der nächsten wieder!

Ich wußte gar nicht mehr, wo ich vor Grauen und Mitleid bleiben sollte, und wurde über die Maßen ungezogen. Da nahm Vater mich auf den schoß und sagte ernst: „Nun ist’s genug mit dem Geheul. Jetzt sagst du mir, warum du das Lied nicht leiden kannst!“

Sagen – sagen! Wenn ich es hätte sagen können, hätt’ ich ja nicht so viel zu heulen brauchen.

„Na weißt du, wir beide wollen das Lied einmal zusammen singen. Dann wirst du hören, wie hübsch es klingt.“

Ich wurde ganz steif. Das – singen? Ich? Vaterchen hätte mir ebenso anbieten können, mein weißes Kätzchen in den Dorfteich zu werfen.

Wie es dann weiter wurde, weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, ich hab’ um Frau Tyrannei ein paar kleine Klapse bekommen. Die Hauptsache war aber, daß sie von der Stunde ab nicht mehr in unsere Schulstube kam und ich meinen Platz auf der Türschwelle in alter Sicherheit und Seligkeit wieder einnehmen konnte.

Unsere Base Mariechen sammelte Briefmarken. Und mein zweiter Bruder, Albert, hatte extra nach Amerika ziehen müssen, um ihr von dort welche zu schicken. Er tat es ziemlich oft und dann steckte er in das Kuvert auch immer gleich noch einen Brief an die Eltern. Darin stand, daß es ihm sehr gut gehe und daß er uns und unsere große Pappel immer im Traume sehe. Sonst wär’ alles wunderschön – bloß daß wir und die Pappel nicht da wären!

Es war bei uns stets eine sehr große Freude, wenn solch ein Brief ankam, aber das hatte ich doch gesehen, daß Mutterchen sich beim Lesen immer die Augen wischte. Und eines Tages stellte ich mich ganz patzig vor Mariechen hin und sagte: „Holl dir deine Briefmarken selbst, Mutterchen soll nich immer weinen!“

Da machte Mariechen ein furchtbar lustiges Gesicht, aber Mutterchen streichelte mich und sagte: „Puttchen, wegen der Marken allein is er ja nicht über das große Wasser gefahren. Sieh mal, der Onkel dort war so mutterseelenallein und wollt’ rein sterben vor Bangen. Und weil er den Albert über die Tauf’ gehalten, hat er so lang’ um ihn gebettelt, bis wir ihn hinschickten.“

„Na, wollt’ der Albert auch?“

„Der bettelte noch doller!“

Ich machte ein pfiffiges Gesicht. „Ja, ja – ich besinn’ mich!“

Nun lachte sie wieder. „Dummchen, du warst ja erst zwölf Wochen alt, wie er losfuhr“ sagte Mariechen.

„Und wie alt war er?“

„Sechzehn Jahr’!“ Mutterchen wischte sich schon wieder die Augen.

„Na, sei man still, Mutterchen, da fand er wenigstens schon gut hin!“

Wenn unsere Martha ins Lachen kam, das sah komisch aus. Dann wurde sie ganz dunkelrot und tanzte in der Stube herum, daß ihr die Zöpfe nur so um die Ohren flogen und ihre Röcke ein rundes Kesselchen machten. Hanna war viel stiller und ich hatte sie eigentlich lieber, weil sie mich die vielen hübschen Verschen lehrte. Vom „Hasenkind“ und „Pferdchen, du hast die Krippe so voll“ – beim So schüttete ich immer einen ganzen Sack voll Hafer in die Krippe – und die schönen Geburtstagsverschen. Das eine davon hieß zum Schluß: „Bleifederchen gesund und froh“ und das andere: „Ich wünsch’ die Glück zum Sonnenschirm“. Wenn ich die beiden vortrug, wollte Martha sich immer vor Lachen ausschütten, und einmal behauptete sie ganz dreist, das hieße: „Bleib’, Vaterchen, gesund und froh“, und „Ich wünsch’ dir Glück und Sonnenschein“.

Aber Hanna sagte: „Du bist ja dammlich“, was sie eigentlich nicht sagen durfte, das uns „schlechte“ Worte verboten waren. Ich fand es aber von Martha auch dammlich.

Ich denke, es muß nicht viel später gewesen sein, da kam bei uns das „Schappiezupfen“. Die Tische in der Schulstube waren mit weißen Handtüchern bedeckt, und in den Bänken saßen nicht bloß die Schulkindern, sondern auch einige erwachsene junge Mädchen. „Solche, die einen Schatz haben – und der ist im Krieg“ sagte Hanna. Alle zupften aus Leinenstückchen, die Mutter aus alter Wäsche zuschnitt, die Fäden, und die hießen Schappie. Wenn mir jemand beim Ausziehen der ersten Fäden half, konnte ich’s auch. Eigentlich war das Hübscheste bei der Arbeit das viele Händewaschen; es machte Spaß und man wurde dafür auch noch gelobt.

Aber nein – hübscher war doch wohl noch das andere. Wenn der Vater etwas vorlas, was ich nicht verstand, wobei seine Augen aber so blitzten, als ob einer Licht ansteckt, und alles ist auf einmal hell. Dann war mir, als saßen alle in der Schulstube viel grader, und es dauerte nicht lange, dann sangen wir: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“. Und auch Mutterchen sang mit. Überhaupt meinte ich, Krieg müsse so etwas Klingendes sein, aber Vater sagte, eigentlich wäre es etwas sehr Trauriges; bloß manchmal lasse der liebe Gott eine schöne Frucht daraus wachsen. Nun ließ ich natürlich nicht nach mit Fragen, was für eine Frucht. Da meinte er: „Wenn Brüder, die sich ihr Lebtag gezankt, einig werden und sich einen Kuß geben!“

Das hörte sich sehr lieb an. Und ich nahm das Leinenstückchen, das ich „klar“ gezogen und als Spreittuch für meine Puppe hatte überseit bringen wollen, und zerzupfte es bis auf den letzten Faden für die Brüder, die sich gezankt und sich nun einen Kuß gegeben.

Eine große Rolle spielte in jener Zeit der Briefträger.

Unser Briefträger war die gute alte Müllern. Sie trug an Stelle ihres kranken Mannes die Postsachen aus und hatte sich außer seiner großen Ledertasche auch seine langen Stiefel und seine schwarze Pudelmütze angeeignet. Das sah zu dem kurzen, hochgeschürzten Rock sehr spaßig aus. Das Drolligste aber war mir doch, daß sie ihre Gesichter wechseln konnte. Völlig auswechseln! Dann mußte man denken, sie wäre gar nicht die alte Müllern, und erst noch mal ordentlich nach ihrer Pudelmütze und den langen Stiefeln gucken.

Gewöhnlich sah ihr Gesicht mit den vielen Runzeln und Falten mir so aus, als wenn über einem Kohlkopf ein großes Spinngewebe liegt, ich meine, es war alles so grau, so egal, so unbeweglich. Wenn die alte Müllern dies Gesicht aufgesetzt hatte, wußten wir gleich bei ihrem Eintritt: heut’ gab’s nichts für uns – heut’ brachte sie uns nur die Postsachen, die für das Dorf bestimmt waren; die Schulkinder sollten sie mit nach Hause nehmen. Das was damals noch allgemein so. „Ja“, sagte sie dann trocken – und in ihrem egalen Gesicht zuckte auch nicht ein Muskelchen – „unsereins kann da auch nich für! Unsereins kann ja nich extra bei die Franzosen laufen, sich Briew holen! Der Belauf is so schon groß genug.“

Aber dann kam hin und wieder ein Tag, da war das „Spinngewebe“ von dem Gesicht der alten Müllern völlig fortgewischt. Ein altes, liebes, zittriges Großmuttergesicht sah einen auf einmal an. In seinen Runzeln zankten Freude und Angst miteinander herum, aber beide riefen gleich laut: „Ein Brief aus Homburg!“ Wir brauchten nur einen Blick auf die gute alte Müllern zu werfen, dann hörten wir’s.

In demselben Augenblick bekam Mutterchen eine ganz fremde Stimme, als wollte sie ihr zerbrechen und vor die Füße fallen. Und ich lief in die Schulstube, und der Vater kam mitten in der Stunde ins Wohnzimmer, und wenn er sich umsah, standen auch schon Hanna und Martha hinter ihm. „Hat er selbst geschrieben?“ fragte er leise und rasch.

„Nein, sagte die Mutter, „der Märter. Aber es geht ihm etwas besser!“

„Es geht ihm etwas besser“, wiederholte der Vater tief aufatmend.

„Es geht ihm etwas besser“, sagten die Schwestern und falteten die Hände.

Und eine ungeheure Freude füllte goldhell unsere ganze Stube, und wir gingen alle selig darin herum – es ging ihm ja etwas besser!

Der aber, von dem uns diese Botschaft gekommen, war mein ältester Bruder, der bei Courcelles einen Schuß in die Schulter erhalten hatte – sehr tief – und nun seit Monaten in Homburg in Privatpflege lag.

Daß die alte Müllern an einem solchen Tag stets noch ein Stündchen als unser lieber und geehrter Gast bei uns bleiben mußte, ist selbstverständlich. Sie stand übrigens in der ganzen Umgegend in gutem Ansehen. Es wurde von ihr erzählt, daß sie einmal mit einem schwarzgeränderten Brief wohl eine Viertelstunde lang in einer Hausflur gestanden, weil es ihr gar zu wehe tat, eine Trauerbotschaft zu bringen.

Trotzdem ist das Kriegsjahr die Glanzzeit ihres Lebens gewesen. Zwanzig Jahre später erzählte mir ihre Schwiegertochter, daß fast alle Erzählungen der Greisin den Ausgangspunkt hätten: „Weil (als) ich noch mit Briew ging...“

Ja, es war eine ereignisreiche Zeit.

Nach dem großen Charpiezupfen in unserer Schule hatte Mutterchen die weißen Fäden in eine saubere Züche7 gesteckt und nach Nemmersdorf zum Herrn Pfarrer geschickt. Ein paar Wochen später kam unerwartet zu uns Besuch. Mutter backt in Eile Löffelkuchen, die sie mit unserem anerkannt guten Kaffee – sie nahm immer nur zur Hälfte gebrannte Gerste, während die anderen Kiaulkehmer einen viel größeren Zusatz nehmen – dem Gast aufs freundlichste anbietet. Vater leistet ihm Gesellschaft, sie selbst backt noch schnell am Kamin die letzten Kuchen – sie müssen bekanntlich frisch aus der Pfanne gegessen werden.

Als sie sich umwendet, sieht sie, wie der Gast einen raschen Griff nach dem Munde macht und etwas unauffällig fortwirft. Und noch einmal! Und jetzt wieder! Mutter schickt sich an, in die Erde zu sinken. Und nun fängt auch Vater an. Er will Mutter nicht bloßstellen und arbeitet ebenso unauffällig und eifrig fort wie der Gast. Aber die ist schon halb ohnmächtig. In ihrem Hause...!

Endlich löst ein helles Auflachen die Spannung. „Sehen Sie, meine Frau ist so patriotisch, daß sie sogar in unser Gebäck Scharpie hineinnimmt!“ Und nun klärt sich alles auf. Martha hat beim Einkauf die Züchen verwechselt und statt der Mehlzüche die genommen, in welche damals die weißen Fäden gepackt waren – und ein Bündlein davon hatte sich in eine Ecke versteckt gehabt, um die ruhige Kiaulkehmer Lehrerfrau einmal aus allen Fugen zu bringen.

Es gab eine groß Heiterkeit, die aber bei Mutter doch wohl nur „so von oben“ gewesen sein mag, denn uns Mädeln wurde streng verboten, im Dorf auch nur ein Wörtchen von der „Blamage“ verlauten zu lassen. Mutterchen hielt sehr auf Ehre.

Und dann – als alle anderen Soldaten aus unserem Dorf längst ihren Urlaub gehabt, um nach dem Kriege ihr Zuhause wiederzusehen, kam ein Tag...! Aus ihm ist mir in späteren Jahren ein Gedicht gewachsen. Das mag hier stehen.

Des Kriegers Heimkehr

Den sonnenhellen Tag vergess’ ich nicht,

Zu deutlich prägte er sich in die Seele.

Der Vater stand am Pulte, ernst und schlicht,

Und übte mit den Kindern Pfingstchoräle.

Wir kleinsten aber, noch nicht reif dafür,

Wir mußten Sätze auf die Tafel schreiben –

Da pochte es so leise an die Tür’,

Als wär’s ein Vöglein an den Fensterscheiben.

Zu leise war’s. – Sie sangen ungestört

Als fühlten sie des heil’gen Geistes Wehen;

Ich aber hab’ zu schreiben aufgehört,

Um an der Türe einmal nachzusehen,

Und öffnet’, langsam nur, mit scheuer Hand,

Wohl meinend, daß ein Bettler draußen stünde:

Laut schrie ich auf, denn vor der Türe stand

Ein junger Krieger mit der weißen Binde.

In strammer Haltung wie vorm General,

So stand er da, mit zuckender Gebärde.

Sekundenlang noch rauschte der Choral –

Da fiel der Taktstock plötzlich laut zur Erde.

Ein Jubelschrei: „Mein Vater!“ und „mein Sohn!“

Sie haben draußen sich ans Herz genommen.

Mir war, als ob der wundersame Ton

Vom Himmel selber wär’ herabgekommen.

Dann kam die Mutter heim, der Schwestern Schwarm –

Wie wir im Wiedersehn uns nun entzückten!

Wie wir mit frommer Ehrfurcht auf den Arm,

Den kranken, in der weißen Binde blickten!

Und wie des Bruders Brust so stolz sich hob

Im Hochgefühl des Sieges und der Ehre!

Wie ihn der Vater dann ins Zimmer schob:

„Ihr Kinder, seht, der focht im deutschen Heere!“

Da ging ein Flüsterton von Bank zu Bank,

Die Kecken suchten andre mitzuziehen.

Und plötzlich rauschte auf ein heller Klang

In kindlich frommen, mächt’gen Melodien,

Das Lied: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“.

Die Kinder sangen’s frei und unbefohlen,

Sie stellten sich im Kreise wie ein Wall

Und ließen sich kaum Zeit zum Atemholen.

Dem Heimgekehrten aber kam’s zu Sinn:

Im deutschen Schulhaus lernt man deutsche Treue! –

Nun gingen langsam Jahr um Jahre hin,

Doch kommen ihm die Tränen stets aufs neue,

Denkt er des Tages, da am Heimattor

Der Arm der Eltern liebend ihn umschlungen

Und ihm entgegenscholl in hellem Chor

Die Wacht am Rhein, von Kindermund gesungen.

Das neue Nest