In der Nacht - Dennis Lehane - E-Book

In der Nacht E-Book

Dennis Lehane

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Beschreibung

Amerika während der Prohibition. Joe Coughlin, ein kleiner Handlanger
des Syndikats in Boston, steigt in Florida zum mächtigsten Rumschmuggler seiner Zeit auf. Doch was ihn umtreibt, ist nicht nur die zweifelhafte Berühmtheit eines Gesetzlosen, das schnelle Geld und das Leben In der Nacht. Er setzt alles aufs Spiel – aus Liebe zu einer Frau. Aus der Unterwelt von Boston, aus einem Wirbel von Liebe und Gewalt, Hass und Rache führt Joes Weg in den Süden Amerikas und bis nach Kuba.

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EPUB

Seitenzahl: 637




Dennis Lehane

In der Nacht

Roman

Aus dem Amerikanischen vonSky Nonhoff

Titel der 2012

bei William Morrow, New York,

erschienenen Originalausgabe:

›Live by Night‹

Copyright ©2012 by Dennis Lehane

Die deutsche Erstausgabe erschien

2013 im Diogenes Verlag

Covermotiv: Foto von

Frank van den Bergh (Ausschnitt)

Copyright ©Frank van den Bergh/

Vetta/Getty Images

Für Angie – Kein Weg zu weit

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright ©2016

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24315 4 (1. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60413 9

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] »Zwischen Gottesleuten und Kriegsleutenbesteht eine sonderbare Verwandtschaft.«

Cormac McCarthy, »Blood Meridian«

»Es ist zu spät, ein braver Bürger zu sein.«

Lucky Luciano

[7] Erster Teil

Boston

[9] 1

Ein Langschläfer im Land der Frühaufsteher

Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement. Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, während Joe dem Tuckern des Motors lauschte, den Blick auf das schäumende Kielwasser gerichtet. Und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal an jenem Morgen nicht mit Emma Gould zusammengeführt.

Sie begegneten sich kurz nach Morgengrauen, an einem Tag im Jahre 1926, als Joe und die Bartolo-Brüder die Spielhölle im Hinterzimmer eines Speakeasy in South Boston ausraubten. Als sie den Fuß über die Schwelle setzten, hatten Joe und die Bartolos keine Ahnung, dass auch dieses Speakeasy Albert White gehörte. Ansonsten hätten sie auf dem Absatz kehrtgemacht und die Beine in die Hand genommen.

Die Hintertreppe war kein Problem. Auch die Bar, die sich zusammen mit dem Kasino im hinteren Teil eines Möbellagers am Hafen befand, passierten sie ohne Zwischenfall; Joes Boss, Tim Hickey, hatte ihm versichert, dass der [10] Laden ein paar harmlosen Griechen gehörte, die kürzlich aus Maryland zugezogen waren. Doch als sie das Hinterzimmer betraten, war dort eine Pokerrunde in vollem Gange; über den fünf Spielern, die bernsteinfarbenen Whiskey aus schweren Kristallgläsern tranken, hing ein grauer Teppich aus Zigarettenrauch. In der Mitte des Tischs stapelte sich ein beachtlicher Haufen Geld.

Keiner der Männer sah griechisch aus. Oder harmlos. Da sie ihre Anzugjacken über die Stuhllehnen gehängt hatten, waren die Waffen an ihren Hüften deutlich zu sehen. Als Joe, Dion und Paolo mit gezückten Pistolen den Raum betraten, griff keiner von ihnen nach seiner Waffe, doch Joe sah genau, dass zwei, drei von ihnen durchaus mit dem Gedanken spielten.

Eine junge Frau war gerade dabei, Drinks zu servieren. Sie stellte das Tablett auf dem Tresen ab, nahm ihre Zigarette aus einem Aschenbecher und zog daran; mit einem Gesichtsausdruck, als fiele es ihr schwer, angesichts der drei Pistolen ein Gähnen zu unterdrücken. Und sonst habt ihr nichts zu bieten, Jungs?

Joe und die Bartolos hatten ihre Hüte tief in die Stirn gezogen und trugen schwarze Tücher über Mund und Nase. Eine gute Idee, denn hätte sie einer der Männer erkannt, hätten sie bestenfalls noch einen halben Tag zu leben gehabt.

Ein Spaziergang, hatte Tim Hickey gesagt. Ihr schlagt bei Morgengrauen zu, wenn sich bloß noch ein paar müde Gestalten im Hinterzimmer herumtreiben.

Und nun sahen sie sich fünf bewaffneten Gangstern gegenüber.

[11] »Ihr wisst, wem der Laden hier gehört?«, fragte einer der Spieler.

 Joe hatte den Mann noch nie gesehen, aber den Kerl neben ihm kannte er – Brenny Loomis, Exboxer und einer von Albert Whites Leuten, Tim Hickeys größtem Rivalen im Schwarzbrenner-Geschäft. Seit neuestem ging das Gerücht, dass Albert kistenweise Thompson-Maschinenpistolen für einen bevorstehenden Bandenkrieg hortete. Es hieß: Wer auf der falschen Seite stand, stand schon mit einem Bein im Grab.

»Solange hier keiner Dummheiten macht, passiert auch niemandem was«, sagte Joe.

Der Mann neben Loomis ergriff abermals das Wort. »Ich habe dich gefragt, ob du weißt, wem die Bude hier gehört, du Vollidiot.«

Dion Bartolo schlug ihm mit der Pistole ins Gesicht, so hart, dass er blutend von seinem Stuhl fiel. Was allen anderen anschaulich vor Augen führte, dass das nicht sonderlich erstrebenswert war.

»Alle auf die Knie, und Hände hinter den Kopf«, sagte Joe. »Das Mädchen kann stehen bleiben.«

Brenny Loomis sah Joe herausfordernd an. »Wenn das hier vorbei ist, rufe ich deine Mutter an, Junge. Damit sie schon mal deinen Sarg bestellen kann.«

Loomis war ein ehemaliger Vereinsboxer, der des Öfteren in der Mechanics Hall gekämpft hatte; ihm wurde nachgesagt, er habe einen Schlag wie ein Sack Billardkugeln. Er tötete im Auftrag von Albert White. Bislang zwar nur gelegentlich, aber die Leute munkelten, dass er bei Bedarf sicher auch nichts gegen eine Vollzeitstelle einzuwenden hatte.

[12] Als Joe in Loomis’ winzige braune Augen sah, machte er sich fast in die Hose, doch er deutete trotzdem mit seiner Pistole auf den Boden, einigermaßen verblüfft darüber, dass seine Hand nicht zitterte. Brendan Loomis verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ging auf die Knie. Und nachdem er nachgegeben hatte, gaben auch die anderen klein bei.

»Und Sie kommen hierher, Miss«, sagte Joe zu dem Mädchen. »Keine Angst, wir tun Ihnen nichts.«

Sie drückte ihre Zigarette aus und blickte ihn an, als spiele sie mit dem Gedanken, sich eine neue anzustecken, sich vielleicht sogar noch einen frischen Drink einzuschenken. Dann durchquerte sie den Raum, eine junge Frau in seinem Alter, um die zwanzig, mit Winteraugen und so blasser Haut, dass er darunter beinahe ihre Adern und das Gewebe sehen konnte.

Während sie auf ihn zukam, nahmen die Bartolo-Brüder den Spielern ihre Waffen ab. Mit dumpfem Krachen landeten die Pistolen auf dem unweit entfernten Blackjack-Tisch, doch das Mädchen zuckte nicht mal mit der Wimper, während hinter ihren dezembergrauen Augen helle Flammen zu lodern schienen.

Sie blieb direkt vor ihm stehen, ohne seiner Waffe Beachtung zu schenken, und sagte: »Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?«

Joe reichte ihr einen der zwei Leinensäcke, mit denen er hereingekommen war. »Das Geld, das dort auf dem Tisch liegt, bitte.«

»Kommt sofort, der Herr.«

Während sie zum Tisch zurückging, förderte er ein Paar [13] Handschellen aus dem anderen Sack zutage. Dann warf er ihn Paolo zu, der sich über den ersten Spieler beugte, ihm die Hände auf den Rücken fesselte und sich gleich darauf den Nächsten vornahm.

Mit dem Arm schob das Mädchen den Pot zusammen – Joe sah, dass dort nicht nur Dollarnoten, sondern auch teure Armbanduhren und allerlei Schmuck lagen –, ehe sie auch das Geld zusammenklaubte, das vor den Spielern gelegen hatte. In der Zwischenzeit fesselte Paolo auch die anderen Männer und machte sich anschließend daran, einen nach dem anderen zu knebeln.

Joe ließ den Blick durch den Raum schweifen – hinter ihm befand sich das Rouletterad, an der Wand unter der Treppe stand der Craps-Tisch. Er zählte drei Blackjack Tische und einen Baccarat-Tisch. Sechs Spielautomaten nahmen die hintere Wand ein. Von einem Dutzend Telefonen auf einem niedrigen Tisch war jederzeit das nächste Wettbüro zu erreichen; auf einer Tafel konnte er die Namen der Pferde lesen, die am Vorabend beim zwölften Rennen in Readville gestartet waren. Abgesehen von der Tür, durch die sie hereingekommen waren, gab es nur eine weitere, auf der sich ein mit Kreide geschriebenes T befand – die Toilette, wie er annahm, da Leute, die tranken, zwischendurch auch mal eine Stange Wasser wegstellen mussten.

Nur dass Joe auf dem Weg durch die Bar bereits an zwei Toiletten vorbeigekommen war, also mehr als genug. Außerdem hing vor diesem Klosett ein Vorhängeschloss.

Er sah zu Brenny Loomis, der gefesselt und geknebelt auf dem Boden lag, aber genau beobachtete, wie sich die Rädchen in Joes Kopf zu drehen begannen, während Joe wieder[14] um genau sah, wie es in Loomis’ Oberstübchen arbeitete. Und in diesem Moment wusste er eines so sicher wie das Amen in der Kirche – dass sich hinter der Tür nie und nimmer eine Toilette befand, was ihm beim Anblick des Vorhängeschlosses ohnehin klar gewesen war.

Sondern der Geldzählraum.

Albert Whites Geldzählraum.

Und gemessen daran, dass Tim Hickeys Spielhöllen die letzten zwei Tage nur so gebrummt hatten – es war das erste, ausgesprochen kühle Oktoberwochenende –, vermutete Joe, dass hinter jener Tür ein kleines Vermögen auf sie wartete.

Albert Whites kleines Vermögen.

Das Mädchen trat zu ihm und reichte ihm den Sack mit der Poker-Beute. »Ihr Dessert, Sir«, sagte sie. Er konnte kaum glauben, wie gelassen sie wirkte. Sie blickte ihn nicht nur an, sie sah gleichsam durch ihn hindurch. Er war fest davon überzeugt, dass sie sein Gesicht trotz der Maskierung und des tief in die Stirn gezogenen Hutes genau erkennen konnte. Eines Morgens würde er beim Zigarettenholen plötzlich ihre Stimme hinter sich hören: »Das ist der Kerl!« Ihm würde nicht mal Zeit bleiben, die Augen zu schließen, bevor die Kugeln seinen Körper trafen.

Er nahm den Sack entgegen und ließ ein weiteres Paar Handschellen von seinem Zeigefinger baumeln. »Drehen Sie sich um.«

»Ja, Sir. Selbstverständlich, Sir.« Sie wandte sich um und legte die Hände auf den Rücken, presste die Handgelenke gegen das Steißbein. Ihre Fingerspitzen befanden sich genau über ihrem Hintern, während Joe jäh aufging, dass jetzt weiß [15] Gott nicht der richtige Moment war, sich auf irgendeinen Mädchenhintern zu konzentrieren, Schluss, aus.

Er ließ die erste Fessel einrasten. »Keine Angst, ich ziehe sie nicht zu fest an.«

»Machen Sie sich keine Umstände.« Sie warf einen Blick über die Schulter. »Aber es wäre schön, wenn ich keine blauen Flecken bekommen würde.«

Du lieber Himmel.

»Wie heißen Sie?«

»Emma Gould«, sagte das Mädchen. »Und Sie?«

»Nummer eins.«

»Bei den Girls? Oder bloß bei den Cops?«

Er konnte nicht mit ihr herumplänkeln und gleichzeitig den Raum im Auge behalten, und so drehte er sie zu sich um und zog einen Knebel aus der Tasche. Die Knebel waren Socken, die Paolo in dem Woolworth’s geklaut hatte, wo er sonst arbeitete.

»Sie wollen mir eine Socke in den Mund stopfen?«

»Ja.«

»Eine Socke? In meinen Mund?«

»Brandneu und unbenutzt«, sagte Joe. »Ehrenwort.«

Ihre hochgezogene Augenbraue hatte dieselbe Farbe wie ihr Haar, das wie angelaufenes Messing schimmerte und weich wie Hermelin aussah.

»Ehrlich, ich würde Sie nicht anlügen«, fuhr Joe fort, und in diesem Moment fühlte es sich tatsächlich wie die Wahrheit an.

»Das sagen meistens die, die’s doch tun.« Sie öffnete den Mund wie ein Kind, das den Widerstand gegen einen Löffel bittere Medizin aufgab, und Joe überlegte, was er noch [16] sagen konnte, aber ihm wollte ums Verrecken nichts einfallen. Vielleicht konnte er ihr ja eine Frage stellen. Nur, um noch mal ihre Stimme zu hören.

Ihre Augen traten leicht hervor, als er ihr die Socke in den Mund drückte. Als sie das Klebeband in seiner Hand sah, schüttelte sie den Kopf und versuchte, die Socke auszuspucken, doch darauf war er vorbereitet, presste ihr die Hand auf den Mund und strich die Enden auf ihren Wangen glatt. Sie blickte ihn an, als wäre die ganze Situation bis zu diesem Zeitpunkt völlig unverfänglich – ja, sogar reizvoll – gewesen, so, als hätte er mit einem Mal den Bogen überspannt und alles verdorben.

»Fünfzig Prozent Seide«, sagte er.

Abermals zog sie die Augenbraue hoch.

»Die Socke«, sagte er. »Und jetzt da rüber.«

Sie kniete neben Brendan Loomis nieder, der Joe die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte, keine einzige Sekunde lang.

Joe ließ den Blick in aller Ruhe über die Tür zum Geldzählraum und über das Vorhängeschloss schweifen, um ganz sicherzugehen, dass Loomis es auch mitbekam. Dann sah er Loomis in die Augen, der dumpf zurückstierte, während er darauf wartete, was nun folgen würde.

Joe hielt seinem Blick stand. »Lasst uns abhauen, Jungs«, sagte er. »Die Sache ist gelaufen.«

Loomis schloss einmal die Augen, ganz langsam, und Joe betrachtete das als Friedensangebot – zumindest potentiell. Und dann machten sie sich im Eiltempo aus dem Staub.

[17] Sie fuhren am Hafen entlang. Das harte Blau des Himmels war von harten gelben Streifen durchsetzt. Möwen kreisten kreischend über dem Wasser. Der Ausleger eines Schiffskrans schwang scharf über die Straße und wieder zurück, just in dem Moment, als Paolo über seinen Schatten fuhr. Hafenarbeiter, Schauerleute und Lastwagenfahrer standen neben ihren Paletten und Kisten in der Kälte und rauchten. Ein paar von ihnen warfen Steine nach den Möwen.

Joe kurbelte sein Fenster herunter, genoss den kalten Fahrtwind im Gesicht. Die Luft roch nach Salz, Fischblut und Benzin.

Dion Bartolo wandte sich zu ihm um. »Wieso hast du die Puppe gefragt, wie sie heißt?«

»Wollte mich bloß unterhalten.«

»Und so, wie du sie gefesselt hast, hätte man meinen können, du wolltest ein Tänzchen wagen.«

Joe hielt den Kopf aus dem Fenster und sog die stinkende Luft in die Lungen, so tief es nur eben ging. Paolo verließ das Hafengelände und steuerte den Wagen Richtung Broadway; der Nash Roadster machte locker dreißig Meilen die Stunde.

»Ich habe die Kleine schon mal gesehen«, sagte Paolo.

Joe zog den Kopf wieder ein. »Wo?«

»Keine Ahnung. Irgendwo. Aber ich bin mir ganz sicher.« Der Nash machte einen kleinen Satz, als sie auf den Broadway fuhren, und sie schaukelten in ihren Sitzen. »Du kannst ja ein Gedicht für sie schreiben.«

»Geniale Idee«, sagte Joe. »Wie wär’s, wenn du mal vom Gas gehst, statt hier durch die Gegend zu rasen, als hätten wir was ausgefressen?«

[18] Dion legte den Arm auf die Sitzlehne und wandte sich zu Joe um. »Ob du’s glaubst oder nicht, er hat tatsächlich mal ein Gedicht für ein Mädchen geschrieben.«

»Ist nicht wahr!«

Paolo warf einen Blick in den Rückspiegel und nickte feierlich.

»Und was ist passiert?«

»Nichts«, sagte Dion. »Sie konnte nicht lesen.«

Sie fuhren Richtung Dorchester, gerieten aber vor dem Andrew Square in einen Stau, weil dort ein Gaul verreckt war. Der Verkehr musste um das Pferd und den umgestürzten Eiskarren herumgelenkt werden. Eissplitter glitzerten zwischen den Pflastersteinen wie Metallspäne; der Eismann stand neben dem Kadaver, trat dem toten Tier wütend in die Rippen. Die ganze Fahrt über wollte sie Joe nicht aus dem Kopf gehen. Ihre Hände waren weich und trocken gewesen, die Handflächen klein und rosa, die Venen an ihrem Handgelenk violett. Hinter dem rechten Ohr hatte sie einen Leberfleck, hinter dem linken keinen.

Die Bartolo-Brüder wohnten in der Dorchester Avenue über einer Metzgerei und einem Schusterladen. Der Metzger und der Schuster hatten Schwestern geheiratet und hassten einander nur unmaßgeblich weniger, als sie ihre Frauen hassten. Was sie aber nicht davon abhielt, in ihrem gemeinsam genutzten Keller ein Speakeasy zu betreiben. Spätabends trudelten Leute aus den anderen sechzehn Pfarrbezirken von Dorchester ein, und manche nahmen sogar den weiten Weg von der North Shore auf sich, um hier den besten Schnaps südlich von Montreal zu trinken und den Herz-Schmerz-Liedern einer schwarzen Sängerin namens Delilah Deluth [19] zu lauschen. Der Schuppen wurde The Shoelace genannt – Der Schnürsenkel –, was den Metzger so auf die Palme getrieben hatte, dass er darüber kahl geworden war. Joe hatte kein Problem damit, dass die Bartolo-Brüder fast jeden Abend im Shoelace anzutreffen waren, doch dass sie auch noch direkt über dem Schuppen wohnten, grenzte an pure Idiotie. So unwahrscheinlich es auch sein mochte – eine einzige Razzia, die von ehrlichen Cops oder Steuerfahndern durchgeführt wurde, und die Chancen standen gut, dass sie auch kurzerhand die Tür zu Dions und Paolos Bude eintreten und dort reichlich Geld, Waffen und Schmuck finden würden, für die zwei Itaker, von denen der eine in einem Kaufhaus, der andere in einem Lebensmittelladen arbeitete, mit Sicherheit keine zufriedenstellende Erklärung parat hatten.

Zugegeben, für gewöhnlich reichten sie Schmuck und Juwelen gleich an Hymie Drago weiter, den Hehler, mit dem sie seit einer kleinen Ewigkeit zusammenarbeiteten; das Geld jedoch wanderte normalerweise nicht weiter als bis zum Spieltisch im Hinterzimmer des Shoelace oder in ihre Matratzen.

An die Eiskiste gelehnt, sah Joe zu, wie Paolo seinen Anteil und den seines Bruders ebendort verstaute. Das zurückgeschlagene, von Schweiß gelblich verfärbte Laken gab den Blick auf die Schlitze frei, die sie in die Seite der Matratze geschnitten hatten, und Paolo schob die Geldbündel hinein, als würde er eine Weihnachtsgans stopfen.

Paolo war dreiundzwanzig und damit der Älteste von ihnen. Obwohl zwei Jahre jünger, wirkte Dion trotzdem reifer als er, vielleicht, weil er smarter, vielleicht, weil er schlicht rücksichtsloser war. Joe, der nächsten Monat zwanzig wurde, [20] war zwar der Jüngste, doch der unangefochtene Kopf des Trios, seit er im zarten Alter von dreizehn Jahren mit den anderen einen Zeitungskiosk ausgeraubt hatte.

Paolo stand auf und klopfte sich den Staub von den Knien. »Jetzt weiß ich wieder, wo ich sie schon mal gesehen habe.«

Joe stieß sich von der Eiskiste ab. »Wo?«

»Zum Glück ist er nicht scharf auf sie«, sagte Dion.

»Wo?«, wiederholte Joe.

Paolo deutete auf den Boden. »Unten.«

»Im Shoelace?«

Paolo nickte. »Sie war mit Albert da.«

»Welchem Albert?«

»König Albert von Montenegro«, sagte Dion. »Oder was glaubst du?«

Leider gab es in Boston nur einen einzigen Albert, dessen Vorname bereits ausreichte, um zu wissen, wer gemeint war. Albert White, dessen Spielhölle sie gerade ausgeraubt hatten.

Albert hatte während der Moro-Rebellion auf den Philippinen gekämpft und war anschließend in den Polizeidienst eingetreten, dann aber nach dem Streik von 1919 entlassen worden, so wie auch Joes älterer Bruder. Momentan betrieb er die Automobilwerkstatt White Garage and Automotive Glass Repair (ehemals Halloran’s Tire and Automotive), White’s Downtown Café (ehemals Halloran’s Lunch Counter) und die Spedition White’s Freight and Transcontinental Shipping (ehemals Halloran’s Trucking). Es ging das Gerücht, er hätte Bitsy Halloran höchstpersönlich umgelegt. Bitsy hatte sich in einer Telefonzelle in einem Rexall-Drugstore am Eggleston Square elf Kugeln eingefangen. Die [21] vielen Schüsse aus nächster Nähe hatten die Eichenholzverkleidung in Brand gesetzt. Es wurde sogar gemunkelt, dass Albert die verkohlten Überreste gekauft, auf Vordermann gebracht und die wieder voll funktionstüchtige Telefonzelle nun in seinem Arbeitszimmer auf Ashmont Hill stehen hatte.

»Die Kleine gehört also Albert.« Der Gedanke, dass sie womöglich bloß eine Gangsterbraut wie so viele war, traf Joe wie ein Schlag in die Magengrube. Er hatte bereits davon geträumt, wie sie zu zweit in einem gestohlenen Wagen unter rotem Himmel gen Mexiko brausten, losgelöst von Vergangenheit und Zukunft, immer dem Sonnenuntergang entgegen.

»Ich habe sie dreimal zusammen gesehen.«

»Ach, jetzt sogar schon dreimal?«

Paolo blickte auf seine Finger, als wollte er nachzählen. »Ja.«

»Und wieso arbeitet sie dann als Bedienung in Alberts Spielhölle?«

»Was soll sie denn sonst machen?«, gab Dion zurück. »Sich aufs Altenteil zurückziehen?«

»Nein, aber –«

»Albert ist verheiratet«, sagte Dion. »Wer weiß schon, wie schnell er seine Flittchen wechselt?«

»Wie kommst du darauf, dass sie so eine ist?«

Langsam schraubte Dion den Verschluss von einer Flasche kanadischem Gin, während er Joe mit leeren Augen musterte. »Keine Ahnung. Für mich war sie bloß irgendein Mädchen, das uns die Kohle eingetütet hat. Ich kann mich nicht mal erinnern, welche Haarfarbe sie hatte.«

[22] »Dunkelblond. Fast schon hellbraun.«

»Die Kleine gehört Albert.« Dion schenkte ihnen drei Gläser ein.

»Sieht so aus«, sagte Joe.

»Schlimm genug, dass wir ausgerechnet seinen Laden ausgeraubt haben. Also komm bloß nicht auf die Idee, dir auch noch seine Kleine unter den Nagel zu reißen, kapiert?«

Joe schwieg.

»Kapiert?«, wiederholte Dion.

»Kapiert.« Joe griff nach seinem Drink. »Überhaupt kein Problem.«

Während der nächsten drei Abende ließ sie sich jedenfalls nicht im Shoelace blicken. Das wusste Joe ganz sicher – er war nämlich jede Nacht dort gewesen und bis ganz zum Schluss geblieben.

Aber Albert schaute vorbei. Wie so oft trug er einen seiner eierschalenfarbenen Nadelstreifenanzüge, als wären sie nicht in Boston, sondern in Lissabon, dazu einen braunen Fedora, der zu seinen braunen Schuhen passte, die wiederum perfekt mit den braunen Nadelstreifen harmonierten. Wenn der erste Schnee fiel, pflegte er braune Anzüge mit eierschalenfarbenen Nadelstreifen, einen eierschalenfarbenen Hut und weiß-braune Gamaschen zu tragen. Und wenn der Februar kam, stieg er stets auf dunkelbraune Anzüge, dunkelbraune Schuhe und schwarzen Hut um, doch für Joe spielte das keine Rolle. Es wäre ein Klacks gewesen, ihn in einer dunklen Gasse aus zwanzig [23] Meter Entfernung mit einer billigen Knarre zu erschießen. Man hätte nicht mal Laternenlicht benötigt, um erkennen zu können, wie sich das Weiß seines Anzugs rot verfärbte.

Albert, Albert, dachte Joe, als Albert White am drit-ten Abend an seinem Barhocker vorbeiging. Ich würde dich umlegen, ohne auch nur einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Was mir fehlt, ist allein der Killerinstinkt.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass Albert nur selten dunkle Gassen aufsuchte, und wenn, hatte er gleich vier Bodyguards dabei. Und selbst wenn es einem gelang, ihn trotzdem zu töten – und Joe fragte sich, warum, zum Teufel, er überhaupt mit dem Gedanken spielte –, hatte man damit allenfalls Albert Whites Imperium ins Wanken gebracht, in dem auch die Polizei, die Italiener, die jüdische Mafia in Mattapan und diverse seriöse Geschäftsleute als stille Teilhaber fungierten, darunter Bankiers und Investoren mit Beteiligungen an Zuckerrohrplantagen in Kuba und Florida. Und solche Beziehungen in einer kleinen Stadt zu zerstören war etwa so, als würde man Raubtiere mit blutigen Händen füttern.

Albert musterte ihn. Musterte ihn auf eine Art und Weise, dass Joe unwillkürlich dachte: Er weiß Bescheid. Er weiß, dass wir seinen Laden ausgeraubt haben. Dass ich scharf auf seine Kleine bin.

Doch Albert sagte nur: »Hast du mal Feuer?«

Joe riss ein Streichholz an und hielt es ihm entgegen.

Rauch schlug ihm ins Gesicht, als Albert das Streichholz ausblies. »Danke, Junge«, sagte er und ging weiter, sein [24] Teint so hell wie sein Anzug, seine Lippen so rot wie das Blut, das durch seine Adern strömte.

Am vierten Tag nach dem Überfall folgte Joe einer Eingebung und machte sich noch einmal zum Möbellager am Hafen auf. Beinahe hätte er sie verpasst. Offenbar hatten die Sekretärinnen zur selben Zeit Schichtende wie die Arbeiter; die Schatten der Frauen wirkten im Sonnenlicht klein gegen die der Staplerfahrer und Schauerleute. Schauerhaken hingen von den Schultern ihrer schmutzigen Jacken; sie redeten laut durcheinander, umkreisten die jungen Frauen, pfiffen und machten Witze, über die nur sie selber lachten. Die Mädchen schienen aber daran gewöhnt zu sein; es gelang ihnen, die Männer loszuwerden. Einige der Burschen blieben zurück, ein paar schlugen andere Richtungen ein, und andere wiederum machten sich auf den Weg zum schlechtestgehüteten Geheimnis, das die Docks zu bieten hatten – ein Hausboot, auf dem Alkohol ausgeschenkt wurde, seit die Sonne zum ersten Mal über dem Boston der Prohibitionszeit aufgegangen war.

Die Frauen blieben eng beisammen, bewegten sich zügig den Kai hinauf, und Joe bemerkte sie nur, weil ein anderes Mädchen mit derselben Haarfarbe stehen blieb, um seinen Schuh zurechtzurücken, so dass auf einmal Emmas Gesicht in der Menge auftauchte.

Joe verließ seinen Beobachtungsposten nahe des Ladedocks der Gillette Company und schlenderte den Frauen im Abstand von etwa fünfzig Metern hinterher. Immer wieder [25] sagte er sich, dass sie Albert White gehörte, dass er nicht ganz bei Trost war und sich die Sache endlich aus dem Kopf schlagen musste. Nicht nur, dass es eine Schnapsidee war, Albert Whites Mädchen den Südbostoner Hafen entlang zu folgen; tatsächlich hätte er der Stadt ganz den Rücken kehren sollen, solange er nicht genau wusste, ob ihm jemand den Überfall auf die Spielhölle anhängen konnte. Tim Hickey war unten im Süden, um Rum zu beschaffen, weshalb sie ihn nicht fragen konnten, warum sie bei der falschen Pokerrunde hereingeplatzt waren, und die Bartolos blieben erst einmal in Deckung, bis das Ganze geklärt war – während Joe, vermeintlich der Cleverste von ihnen, hinter Emma Gould herschnüffelte wie ein halb verhungerter Köter, der den Duftschwaden aus einer Küche folgte.

Schluss jetzt. Finger weg.

Joe war klar, dass die Stimme recht hatte. Es war die Stimme der Vernunft. Oder zumindest die seines Schutzengels.

 Das Problem war nur, dass ihn nicht irgendwelche Schutzengel interessierten. Er war an ihr interessiert.

Die Frauen verließen das Hafengelände und trennten sich an der Broadway Station. Die meisten gingen weiter zu einer Bank bei den Straßenbahnhaltestellen, während Emma die Treppe zur U-Bahn nahm. Joe ließ ihr einen kleinen Vorsprung, ehe er ihr durch das Drehkreuz und eine weitere Treppe hinab folgte. Sie stieg in einen Zug, der Richtung Norden fuhr. Der Waggon war überfüllt und stickig, doch er ließ sie keine Sekunde aus den Augen – und das war auch besser so, da sie nur einen Halt später, am Bahnhof South Station, wieder ausstieg.

[26] South Station war ein Knotenpunkt, an dem drei U-Bahn-Linien, zwei Hochbahnlinien, eine Straßenbahnlinie und zwei Buslinien zusammenliefen. Als er aus dem Waggon stieg, kam er sich einen Moment lang vor wie eine Billardkugel – er wurde hin- und hergestoßen, gerempelt, gerammt, und schon hatte er sie aus den Augen verloren. Er war nicht so groß wie seine Brüder, von denen man den einen sicher nicht übersah, der andere aber ein echter Riese war. Aber Gott sei Dank war er nicht klein, einfach nur mittelgroß. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte dann, sich durch die Menge zu drängen. Er kam zwar kaum voran, doch plötzlich erhaschte er einen Blick auf ihr karamellfarbenes Haar, als sie in den Tunnel einbog, der zur Atlantic-Avenue-Hochbahn führte.

Er erreichte das Gleis in genau dem Augenblick, als die Wagen einfuhren. Sie stand zwei Türen weiter, als die Bahn die Station verließ und die Stadt auf einmal vor ihnen lag, deren Farben – Blau, Braun, Ziegelrot – in der hereinbrechenden Dämmerung satt schimmerten. In den Fenstern der Bürogebäude: fahlgelbes Licht. Straßenzug für Straßenzug gingen die Laternen an. Die Umrisse des Hafens verschmolzen mit dem Grau des Himmels. Hinter sich das Panorama der Stadt, lehnte Emma an einem Fenster. Mit ausdrucksloser Miene ließ sie den müden Blick ziellos durch den überfüllten Wagen wandern. Ihre Augen waren unwahrscheinlich hell, sogar noch heller als ihr Teint, hatten die Farbe von sehr, sehr kaltem Gin. Ihr Kinn und ihre Nase waren ein wenig spitz und gesprenkelt mit Sommersprossen. Sie wirkte völlig unnahbar, hatte sich hinter einer Maske aus Kälte und Schönheit verbarrikadiert.

[27] Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es wäre schön, wenn ich keine blauen Flecken bekommen würde.

Das sagen meistens die, dieʼs doch tun.

Als sie die Batterymarch Station hinter sich gelassen hatten und über das North End hinwegratterten, lag das Ghetto unter ihnen – italienische Dialekte, italienische Bräuche, italienisches Essen –, und Joe musste unwillkürlich an seinen ältesten Bruder Danny denken, den irischen Cop, der das Viertel über alles geliebt, dort gelebt und auch gearbeitet hatte. Danny war ein Baum von einem Mann, der alle um Haupteslänge überragte. Er war ein erstklassiger Boxer gewesen, ein ausgezeichneter Cop und furchtlos obendrein. Er hatte mitgeholfen, die Bostoner Polizeigewerkschaft aufzubauen, und war schließlich auch ihr Vizepräsident geworden, doch am Ende hatte ihn das Schicksal aller Polizisten ereilt, die am Streik im September 1919 teilgenommen hatten – mit einem Mal war er arbeitslos gewesen, ohne Chance auf Neueinstellung und Persona non grata im Vollzugsdienst an der gesamten Ostküste. Damit hatten sie ihn gebrochen, so jedenfalls hieß es, und schließlich war er nach Tulsa, Oklahoma, gezogen, in ein Schwarzenviertel, das während eines Aufstands vor fünf Jahren niedergebrannt war. Seither hatte Joe nur gerüchteweise gehört, wo sich Danny und seine Frau Nora mittlerweile aufhalten sollten – in Austin, Baltimore, Philadelphia.

Früher hatte Joe seinen Bruder bewundert. Dann hatte er ihn gehasst. Inzwischen dachte er nur noch selten an ihn, doch wenn, dann musste er zugeben, dass ihm Dannys Lachen fehlte.

[28] Am anderen Ende des Wagens bahnte sich Emma Gould den Weg zu den Türen. Durch die Fenster sah Joe, dass sie gerade in die City Square Station in Charlestown einfuhren.

Charlestown. Kein Wunder, dass die Pistole in seiner Hand sie keine Sekunde lang aus der Fasson gebracht hatte. In Charlestown rührten sich die Leute sogar mit ihren 38ern Zucker und Sahne in den Kaffee.

Er folgte ihr bis zum Ende der Union Street. Vor einem einstöckigen Haus bog sie nach rechts ab, und als Joe ebenfalls die Gasse hinter dem Haus betrat, fehlte plötzlich jede Spur von ihr. Er sah sich um – lauter einstöckige Schuhkartons mit verrottenden Fensterrahmen und Teerpappeflicken auf den Dächern. Sie konnte in jedem der Häuser verschwunden sein, doch sie hatte die letzte Querstraße der Siedlung gewählt. Weshalb er annahm, dass sie in das blaugraue Haus gegangen war, vor dem er jetzt stand. Sein Blick fiel auf eine schwere, im Boden eingelassene Tür aus Stahl, die offenbar in den Keller führte.

Ein paar Meter weiter befand sich ein Holztor. Da es verschlossen war, zog er sich daran hoch und sah hinüber auf eine weitere, noch schmalere Gasse, leer bis auf ein paar Mülltonnen. Er ließ sich wieder herunter und kramte in der Hosentasche nach einer der Haarnadeln, ohne die er selten das Haus verließ.

Eine halbe Minute später stand er hinter dem Tor und wartete.

[29] Es dauerte nicht lange. Um diese Tageszeit – Feierabend – musste man nie lange warten. Er hörte, wie sich Schritte näherten. Es waren zwei Männer, die sich über den letzten Versuch unterhielten, im Flugzeug den Atlantik zu überqueren; Wrack und Pilot blieben weiterhin unauffindbar. Eben war die Maschine noch in der Luft gewesen, kurz darauf spurlos verschwunden. Ein Klopfen, und ein paar Sekunden später hörte Joe, wie einer der Männer sagte: »Hufschmied.«

Die Eisentür öffnete sich mit einem Quietschen und wurde gleich wieder geschlossen und verriegelt.

Joe sah auf die Uhr und wartete genau fünf Minuten, ehe er hinter dem Holztor hervorkam und ebenfalls an die Tür klopfte.

Eine gedämpfte Stimme sagte: »Was?«

»Hufschmied.«

Ein dumpfes Knarren drang an seine Ohren, als die Tür entriegelt wurde. Joe zog sie auf und schloss sie über sich, bevor er eine enge Stiege hinunterkletterte. Unten angekommen, stand er vor der nächsten Tür. Sie wurde geöffnet, kaum dass er die Hand nach der Klinke ausgestreckt hatte. Ein alter, kahlköpfiger Kerl mit Blumenkohlnase, über dessen Wangen sich jede Menge geplatzter Äderchen zogen, winkte ihn mit finsterer Miene herein.

Es war ein unverputzter Kellerraum, in dessen Mitte ein Tresen auf dem nackten Boden stand. Fässer dienten als Tische, man saß auf Stühlen aus billigstem Kiefernholz.

Joe hockte sich ans Ende der Bar, nur wenige Meter von der Tür entfernt. Eine Frau mit fetten, nachgerade schwanger wirkenden Armen servierte ihm warmes Bier, das irgendwie nach Seife und irgendwie nach Sägemehl schmeckte, [30] jedenfalls nicht wie richtiges Bier und auch kaum nach Alkohol. Im schummrigen Licht sah er sich nach Emma Gould um, erspähte aber nur Dockarbeiter, zwei Matrosen und ein paar Nutten. An der Backsteinwand unter der Stiege stand ein Klavier mit kaputten Tasten. In dieser Art Etablissement wurde nicht viel Unterhaltung geboten, mal abgesehen von der Schlägerei, zu der es zwangsläufig kommen musste, sobald den Matrosen und den Hafenarbeitern aufging, dass zwei Bordsteinschwalben zu wenig anwesend waren.

Sie trat aus der Tür hinter der Bar, knotete gerade ein Tuch hinter ihrem Kopf fest. Sie hatte sich umgezogen; statt Rock und Bluse trug sie nun einen groben beigefarbenen Pullover und eine braune Tweedhose. Sie ging den Tresen entlang, leerte die Aschenbecher aus und wischte ein paar Bierpfützen weg, während die Frau, die Joes Bier serviert hatte, ihre Schürze löste und im Hinterraum verschwand.

Als sie zu Joe kam, sagte sie mit einem Blick auf sein fast leeres Glas. »Noch eins?«

»Gerne.«

Sie musterte ihn kurz, schien sich aber nicht sonderlich für ihn erwärmen zu können. »Wer hat Sie denn an uns weiterempfohlen?«

»Dinny Cooper.«

»Kenne ich nicht«, sagte sie.

Ganz meinerseits, dachte Joe, während er sich fragte, wie, zum Teufel, er auf diesen hirnrissigen Namen gekommen war. Dinny? Warum hatte er ihn nicht gleich »Snacky« genannt?

»Er wohnt in Everett.«

[31] Sie machte nicht die geringsten Anstalten, ihm etwas zu trinken zu bringen. »Ach ja?«

»Wir haben letzte Woche zusammengearbeitet. Drüben in Chelsea, auf dem Bau.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Jedenfalls hat Dinny über den Fluss gezeigt und mir von dem Laden hier erzählt. Er meinte, hier gäb’s echt gutes Bier.«

»Tatsächlich? Sie lügen ja wie gedruckt.«

»Weil ich gesagt habe, hier gäb’s gutes Bier?«

Sie starrte ihn so durchdringend an wie in Albert Whites Spielhölle, als könne sie seine Eingeweide sehen, das rosa Gewebe seiner Lungen, die Gedanken, die gerade durch seine Hirnwindungen schossen.

»So schlecht ist das Bier doch gar nicht«, sagte er und prostete ihr zu. »Ich habe woanders schon mal ein paar gezischt. Also, ich schwöre, das Bier war wirklich…«

»Wollen Sie mir noch weiter Märchen erzählen?«, fragte sie.

»Miss?«

»Also?«

Er beschloss, den Gekränkten zu spielen. »Ich lüge nicht, Miss. Aber ich kann auch wieder gehen, wenn Sie wollen. Überhaupt kein Problem.« Er stand auf. »Was schulde ich Ihnen?«

»Zwanzig Cent.«

Er drückte ihr zwei Dimes in die ausgestreckte Hand, und sie ließ die Münzen in der Hosentasche verschwinden. »Das machen Sie doch sowieso nicht.«

»Was?«

[32] »Verschwinden. Das haben Sie bloß gesagt, um mich zu beeindrucken. Damit ich Sie bitte zu bleiben.«

 »Von wegen.« Er zog seine Jacke über. »Und ob ich jetzt gehe.«

Sie lehnte sich an die Bar. »Kommen Sie mal her.«

Er hob das Kinn.

Sie winkte ihn mit dem Zeigefinger zu sich. »Näher.«

Er räumte ein paar Hocker beiseite und lehnte sich über den Tresen zu ihr.

»Sehen Sie die Jungs da drüben in der Ecke? Die an dem Apfelfass?«

Die drei Kerle waren ihm schon beim Betreten des Kellers aufgefallen. Anscheinend Hafenarbeiter, dachte er – Schultern wie Schiffsmasten, Hände wie Felsbrocken und Augen, die man lieber nicht mit neugierigen Blicken provozierte.

»Ja, und?«

»Das sind meine Cousins. Erkennen Sie die Ähnlichkeit?«

»Nein.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Raten Sie mal, womit sie ihre Brötchen verdienen.«

Sie waren sich nahe genug, um sich gegenseitig mit den Zungenspitzen berühren zu können.

»Keine Ahnung.«

»Sie knöpfen sich Typen vor, die von irgendwelchen erfundenen Dinnys quasseln, und schlagen sie zu Brei.« Ihr Gesicht rückte noch ein Stückchen näher. »Und dann werfen sie die armen Kerle in den Fluss.«

Joe verspürte den Anflug einer Gänsehaut im Nacken. »Interessanter Beruf.«

[33] »Auf jeden Fall besser, als Pokerrunden zu überfallen, oder?«

Um ein Haar wären Joe die Gesichtszüge entgleist.

»Wie wär’s mit einem cleveren Spruch?«, sagte Emma Gould. »Vielleicht irgendwas über die Socke, die Sie mir in den Mund gestopft haben. Ich will etwas echt Schlagfertiges hören.«

Joe schwieg.

»Und nur damit Sie’s nicht vergessen«, fuhr Emma Gould augenzwinkernd fort. »Die Jungs behalten uns die ganze Zeit im Auge. Sobald ich mein Ohrläppchen berühre, schaffen Sie’s nicht mal bis zur Tür.«

Er starrte auf ihr Ohrläppchen. Das rechte. Es sah aus wie eine Kichererbse, nur weicher. Er fragte sich, wie es wohl morgens gleich nach dem Aufwachen schmecken mochte.

Joe sah auf den Tresen. »Und wenn ich diesen Abzug betätige?«

Sie folgte seinem Blick zu der Pistole, die er dorthin gelegt hatte.

»So schnell kommen Sie im Leben nicht an Ihr Ohrläppchen.«

Sie wandte den Blick von der Waffe und ließ ihn so langsam über seinen Unterarm wandern, dass sich ihm die Härchen aufstellten, dann über seine Brust, seine Kehle und sein Kinn. Dann sah sie ihm hart, fast herausfordernd in die Augen; in ihren Pupillen schimmerte etwas, das lange vor Anbeginn der Zivilisation in die Welt gekommen war.

 »Um Mitternacht habe ich Schluss«, sagte sie.

[34] 2

Der große Schlaf

Joe wohnte in der obersten Etage einer Pension im West End, nur einen Steinwurf vom Trubel am Scollay Square entfernt. Die Pension gehörte Tim Hickey und wurde von ihm und seinen Männern betrieben, die schon lange die Stadt unsicher machten, aber erst seit der Prohibition so richtig dick im Geschäft waren.

Der erste Stock wurde für gewöhnlich von Paddys bewohnt, die völlig zerlumpt und ausgemergelt direkt vom Schiff kamen. Zu Joes Aufgaben gehörte es, sie an den Docks abzuholen. Anschließend wurden sie dann in Hickeys Suppenküchen mit Schwarzbrot, Muschelsuppe und Schweinekartoffeln verköstigt und in Dreierzimmern mit festen, sauberen Matratzen untergebracht, während die älteren Huren im Keller ihre Klamotten wuschen. Wenn sie nach etwa einer Woche wieder halbwegs bei Kräften, ihre Haare von Läusen und ihre Münder von faulen Zähnen befreit worden waren, füllten sie nur allzu gern die bereitgehaltenen Wählerregistrierungskarten aus und versprachen, Hickeys Kandidaten bei der nächsten Wahl nach Kräften zu unterstützen. Zu guter Letzt gab man ihnen dann die Namen und Adressen anderer irischer Einwanderer, die ihnen dabei helfen konnten, so schnell wie möglich Arbeit zu finden.

[35] Im zweiten Stock, den man nur durch einen separaten Eingang betreten konnte, befand sich das Kasino. Im dritten waren die Huren untergebracht. Joe wohnte im vierten, in einem Zimmer am Ende des Gangs. Auf der Etage gab es ein hübsches Bad, das er sich mit spendablen Freiern und Penny Palumbo teilte, der besten Nutte in Tim Hickeys Stall. Penny war fünfundzwanzig, sah aber aus wie siebzehn. Ihr Haar glänzte wie Honig im Glas, wenn die Sonne hindurchschien. Ein Mann war wegen Penny von einem Dach in den Tod gesprungen; ein weiterer hatte sich in den Fluss gestürzt, und ein Dritter hatte es vorgezogen, statt sich selbst einen anderen Typen umzubringen. Joe mochte sie trotzdem: Sie war stets freundlich und wahrhaft ein schöner Anblick. Doch sosehr sie nach süßen Siebzehn aussah, hätte er darauf gewettet, dass sie das Gehirn einer Zehnjährigen besaß. Soweit Joe es beurteilen konnte, drehte sich alles in ihrem Kopf ausschließlich um die drei neuesten Gassenhauer und den vagen Wunsch, vielleicht irgendwann einmal Schneiderin zu werden.

Je nachdem, wer zuerst ins Kasino hinuntermusste, brachten sie einander gelegentlich einen Kaffee vorbei. An diesem Morgen war Penny dran. Sie saßen am Fenster und sahen auf die gestreiften Markisen und die riesigen Reklametafeln am Scollay Square hinunter, während die ersten Milchlaster die Tremont Row entlangknatterten. Penny erzählte ihm, dass ihr letzte Nacht eine Wahrsagerin vorausgesagt hatte, dass sie entweder jung sterben oder nach Kansas ziehen und der Pfingstgemeinde beitreten würde. Als Joe sie fragte, ob sie Angst vor dem Tod habe, sagte sie, na klar, aber Kansas wäre garantiert noch schlimmer.

[36] Als Penny gegangen war, hörte er, wie sie draußen auf dem Gang mit jemandem sprach, und kurz darauf stand Tim Hickey in der Tür. Er trug eine dunkle Nadelstreifenweste, eine dazu passende Hose und ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Tim war ein gepflegter Mann mit einem dichten Schopf weißen Haars und den traurigen, resignierten Augen eines Kaplans, der im Todestrakt eines Zuchthauses seinen Pflichten nachging.

»Mr.Hickey, Sir.«

»Morgen, Joe.« Tim trank einen Schluck Kaffee aus seinem altmodischen Glas, in dem sich die ersten Sonnenstrahlen des Tages fingen. »Übrigens, was diese Bank in Pittsfield angeht…«

»Ja?«, sagte Joe.

»Der Mann, den du brauchst, kommt immer donnerstags hierher, aber sonst ist er abends meist drüben in Upham’s Corner – du weißt, welchen Laden ich meine. Du erkennst ihn an dem Homburg, der neben seinem Glas auf der Theke liegt. Er sagt dir, wie du in das Gebäude rein- und wieder rauskommst.«

»Danke, Mr.Hickey.«

Das quittierte Hickey, indem er sein Glas hob. »Noch was. Erinnerst du dich an den Kartengeber, über den wir letzten Monat gesprochen hatten?«

»Klar«, sagte Joe. »Carl.«

»Er zieht wieder linke Touren ab.«

Carl Laubner, einer ihrer Kartengeber beim Blackjack, hatte zuvor in einem Abzockerladen gearbeitet und war nicht dazu zu bewegen, in Tim Hickeys Kasino sauber zu spielen. Jedenfalls nicht, wenn Zocker dabei waren, die nicht [37] einhundertprozentig nach Weißen aussahen. Wenn also ein Italiener oder Grieche am Tisch Platz nahm, konnte man die Sache vergessen. Auf magische Weise teilte Carl die ganze Nacht Zehnen und Asse aus, zumindest so lange, bis die dunkelhäutigeren Gentlemen sich einen anderen Zeitvertreib suchten.

»Schmeiß ihn raus«, sagte Hickey. »Gleich, wenn er kommt, sagst du ihm, dass er sich einen neuen Job suchen kann.«

»Ja, Sir.«

»Solcher Bockmist läuft hier nicht, da sind wir uns hoffentlich einig.«

»Absolut, Mr.Hickey. Absolut.«

»Außerdem stimmt was mit dem Spielautomat Nummer zwölf nicht – da ist irgendwas locker, jedenfalls spuckt er zu viel Geld aus. Wie auch immer, bei uns geht alles korrekt zu, aber wir sind kein verdammter Wohltätigkeitsverein, stimmt’s, Joe?«

Joe machte sich eine Notiz. »Nein, Sir, im Leben nicht.«

Tim Hickey betrieb eins der wenigen sauberen und deshalb auch beliebtesten Kasinos in Boston, insbesondere was das hochklassige Glücksspiel betraf. Tim hatte Joe gelehrt, dass man mit getürkten Spielen jemanden maximal zwei-, dreimal ausnehmen konnte, bevor er aus Schaden klug wurde und nicht wiederkam. Und Tim wollte die Besucher seines Etablissements nicht bloß ein paarmal schröpfen; er wollte ihnen für den Rest ihres Lebens die Taschen leeren. »Lass sie spielen, lass sie trinken«, hatte er Joe erklärt, »und am Ende sind sie uns sogar dankbar dafür, dass wir sie von der Last ihrer Kohle befreit haben.«

[38] »Unsere Kunden?«, hatte Tim mehr als einmal gesagt. »Sie wollen ein bisschen am Nachtleben teilhaben, das ist alles. Aber wir, wir leben in der Nacht. Sie zahlen für das, was uns gehört. Und wenn sie in unseren Sandkasten kommen, verdienen wir an jedem einzelnen Sandkorn.«

Tim Hickey gehörte zu den klügeren Menschen, die Joe in seinem Leben kennengelernt hatte. Zu Beginn der Prohibition, als man in der Stadt noch strikt unter sich geblieben war – Italiener unter Italienern, Juden unter Juden, Iren unter Iren –, hatte Hickey Allianzen gesucht. Er hatte sich mit Giancarlo Calabrese verbündet, der die Führung der Pescatore-Bande übernommen hatte, solange der alte Pescatore hinter Gittern saß; gemeinsam hatten sie in karibischen Rum investiert, während alle anderen sich auf den Whiskeymarkt konzentriert hatten. Und während die Gangs in Detroit und New York ihre ganze Kraft darauf verwendeten, noch mehr Subunternehmer für den Whiskeyhandel zu finden, brachten Hickey und Pescatores Handlanger nach und nach den Markt für Zuckerrohr und Melasse unter ihre Kontrolle. Die Rohstoffe kamen großteils aus Kuba, wurden über die Florida Straits ins Land gebracht, auf amerikanischem Boden zu Rum verarbeitet und dann an die Ostküste geschmuggelt, wo der Alkohol mit achtzig Prozent Gewinnspanne an den Mann gebracht wurde.

Als Tim von seinem Abstecher nach Tampa zurückgekehrt war, hatten sie über den schiefgelaufenen Überfall auf die Spielhölle gesprochen. Er lobte Joe dafür, dass er klug genug gewesen war, Albert Whites Geldzählraum außen vor zu lassen (»Sonst wäre hier Krieg ausgebrochen, aber was für einer«), und versicherte ihm, dass jemand von einem [39] verdammt hohen Balken baumeln würde, sobald er herausfand, wer ihnen diese Suppe eingebrockt hatte.

Joe hoffte, dass er ihm Glauben schenken konnte – andernfalls hätte er nämlich davon ausgehen müssen, dass Tim sie auf ebenjenes Kasino angesetzt hatte, weil er auf einen Krieg mit Albert White scharf war. Und es war Tim durchaus zuzutrauen, dass er ein paar seiner Männer – ungeachtet der Tatsache, dass er sie schon seit ihrer Jugend kannte und gefördert hatte – über die Klinge springen ließ, um den Markt für Rum ganz in seiner Hand zu haben. Tatsächlich war Tim alles zuzutrauen. Absolut alles. Wer in diesem Geschäft weiter in der ersten Liga spielen wollte, durfte keinen Zweifel daran lassen, dass er sich von seinem Gewissen schon lange verabschiedet hatte.

Während sie nun in Joes Zimmer standen, veredelte Tim seinen Kaffee mit einem Schuss Rum aus seinem Flachmann. Er hielt ihn Joe hin, doch der schüttelte den Kopf. Tim steckte das Fläschchen wieder ein. »Wo hast du die letzten Tage gesteckt?«

»Ich war hier.«

Tim Hickey sah ihm einen langen Moment in die Augen. »Diese Woche warst du jeden Abend unterwegs, und in der Woche davor genauso. Hast du ein Mädchen?«

Joe fiel kein Grund ein, warum er lügen sollte. »Hab ich, ja.«

»Ist sie nett?«

»Ziemlich lebhaft. Sie ist…« Joe kam nicht auf das richtige Wort. »Na ja, sie hat was.«

Hickey trat einen Schritt auf ihn zu. »Die scheint dir ja direkt ins Blut gegangen zu sein, was?« Er tat so, als würde er [40] sich eine Spritze in den Arm drücken. »Das sehe ich doch.« Seine Hand schloss sich um Joes Nacken. »Also, in unserer Branche trifft man selten die Richtige. Kann sie denn kochen?«

»Ja.« Ehrlich gesagt hatte Joe nicht die geringste Ahnung.

»Das ist wichtig. Ob sie anständig ist oder nicht, spielt keine Rolle, Hauptsache, sie kümmert sich um den Haushalt.« Hickey ließ ihn los und ging zur Tür. »Und wegen Pittsfield redest du mal mit diesem Typen.«

»Das mache ich, Sir.«

»Bist ’n guter Junge«, sagte Tim Hickey. Dann ging er hinunter in sein Büro, das sich gleich hinter der Kasinokasse befand.

Tatsächlich blieb Carl Laubner noch zwei weitere Abende im Dienst, ehe sich Joe erinnerte, dass er ihn feuern sollte. Joe vergaß in letzter Zeit allerhand, inklusive zweier Verabredungen mit Hymie Drago, um die Sore vom Überfall auf Karshmans Pelzgeschäft zu verticken. Um den Spielautomaten hatte er sich gekümmert, doch als Laubner an jenem Abend seine Schicht antrat, traf sich Joe schon wieder mit Emma Gould.

Seit jenem Spätnachmittag in der Kellerkneipe in Charlestown hatten er und Emma sich fast jeden Abend gesehen. Fast jeden, da sie an den anderen Abenden mit Albert White zusammen war, eine Situation, die Joe bislang schlicht als ärgerlich abgetan hatte, inzwischen aber als schier unerträglich empfand.

[41] War Joe nicht bei ihr, dachte er ununterbrochen daran, wann sie sich wieder treffen würden. Und wenn es dann so weit war, konnten sie die Finger nicht voneinander lassen. Wenn das Speakeasy ihres Onkels geschlossen hatte, trieben sie es dort. Waren ihre Eltern und Geschwister nicht zu Hause, fielen sie in Emmas Zimmer übereinander her. Sie hatten Sex in Joes Auto und Sex in seiner Bude, nachdem er sie über die Hintertreppe hinaufgeschmuggelt hatte. Sie hatten Sex zwischen ein paar kahlen Bäumen auf einem windigen Hügel mit Blick auf den Mystic River und an einem kalten Novemberstrand in der Bucht von Savin Hill. Ob sie es im Stehen, im Sitzen oder im Liegen machten, war ihnen herzlich egal, und ob drinnen oder draußen, ebenso. Wenn ihnen der Luxus einer ganzen Stunde miteinander vergönnt war, probierten sie jede neue Spielart, jede neue Stellung aus, die ihnen gerade in den Sinn kam. Und wenn ihnen nur ein paar Minuten blieben, machten sie einfach das Beste daraus.

Sie sprachen selten miteinander. Jedenfalls über nichts, was jenseits ihres scheinbar unstillbaren Verlangens lag.

 Hinter Emmas hellgrauen Augen, ihrer fast transparenten Haut verbarg sich ein Wesen, das sich in eine Ecke seines Käfigs zurückgezogen hatte. Und es war keineswegs so, dass es aus seinem Käfig herausgewollt hätte. Es wollte, dass niemand dort hineinkam. Das Gitter öffnete sich, wenn sie ihn in sich aufnahm, für jene Stunden oder Minuten, die sie sich liebten. Dann war ihr Blick offen und innig, und ihm war, als könne er bis auf den Grund ihrer Seele sehen, ins rot schimmernde Zentrum ihres Herzens, in die Träume, denen sie in ihrer Kindheit nachgehangen hatte, [42] vorübergehend befreit von dunklen Kellermauern und verriegelten Eisentüren.

Doch wenn er nicht mehr in ihr war und ihr Atem wieder langsamer ging, konnte er genau beobachten, wie sich das Wesen wieder zurückzog. Es war, als würde er den Gezeiten zuschauen.

Aber es war nicht wichtig. Allmählich begann er zu ahnen, dass er sie liebte. In jenen seltenen Augenblicken, wenn sich das Gitter öffnete und sie ihn zu sich ließ, erkannte er eine Frau, die sich danach sehnte, jemandem vertrauen zu können, die lieben wollte, einen unstillbaren Durst nach Leben hatte. Er musste sie nur davon überzeugen, dass er es wert war, jenes Vertrauen, jene Liebe und jenes Leben zu riskieren.

Und das war er.

In jenem Winter wurde er zwanzig Jahre alt, und er wusste ganz genau, wie der Rest seines Lebens aussehen sollte. Er wollte der Mann werden, dem Emma Gould ihr ganzes Vertrauen schenkte.

Im Lauf des Winters wagten sie es ein paarmal, sich zusammen in der Öffentlichkeit sehen zu lassen – selbstredend nur, wenn sie genau wusste, dass Albert White und seine wichtigsten Vertrauten nicht in der Stadt waren. Zudem gingen sie nur in Lokale, die Tim Hickey oder seinen Partnern gehörten.

Einer von Tims Kompagnons war Phil Cregger, der das Venetian-Garden-Restaurant im Erdgeschoss des Bromfield [43] Hotels führte. Es war ein frostiger Abend, als Joe und Emma dort essen wollten; obwohl der Himmel klar war, roch die Luft nach Schnee. Sie hatten gerade Mantel und Hut an der Garderobe abgegeben, als eine Gruppe von Männern das Privatzimmer hinter der Küche verließ. Am Zigarrenrauch und dem jovialen Tonfall ihrer Stimmen erkannte Joe bereits, um was für Leute es sich handelte, ehe er ihre Gesichter sah – Politiker.

Stadträte, Abgeordnete, Baudezernenten, Feuerwehrhauptmänner, hochrangige Polizisten und Staatsanwälte: kurz, die schillernde, lächelnde, zwielichtige Blase, die den Motor der Stadt zumindest mit Ach und Krach am Laufen hielt, die dafür sorgte, dass die Züge halbwegs planmäßig fuhren und die Ampeln leidlich funktionierten – und die Bewohner Bostons tagtäglich daran erinnerte, dass die gesamte Infrastruktur ohne ihre Bemühungen im Nu zusammenbrechen würde.

Er erblickte seinen Vater im selben Moment, als sein Vater ihn bemerkte. Wie jedes Mal, wenn sie sich eine Zeitlang nicht gesehen hatten, war ihre Begegnung ein wenig befremdlich, weil sie buchstäblich ihr Spiegelbild vor sich hatten. Joes Vater war sechzig. Er hatte Joe im reifen Alter von vierzig gezeugt, nachdem er bereits in jüngeren Jahren Vater zweier Söhne geworden war. Doch während Connor und Danny das genetische Erbe beider Elternteile in sich vereinten, sowohl was ihre Gesichter und ihre Körper als auch ihre Hünenhaftigkeit anging (was sie den Fennessys, ihrer Familie mütterlicherseits, zu verdanken hatten), war Joe das Ebenbild seines Vaters. Er war genauso groß, besaß die gleiche Statur, das gleiche kantige Kinn, die gleiche Nase und [44] die gleichen ausgeprägten Wangenknochen, dazu ebenso auffällig tiefliegende Augen, die kaum erkennen ließen, was gerade in seinem Kopf vorging. Der einzige Unterschied zwischen Joe und seinem Vater war farblicher Natur: Joes Augen waren blau, die seines Vaters grün; Joes Haar war weizenblond, das seines Vaters flachsfarben. Und während Joes Vater sah, wie ihm seine eigene Jugend spöttisch eine Nase drehte, sah Joe Leberflecke und Runzeln, den Tod, der um drei Uhr morgens am Fußende seines Betts stand und ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden klopfte.

Nachdem Thomas Coughlin noch ein paar Hände geschüttelt und Schultern geklopft hatte, löste er sich aus dem Pulk, während sich die anderen Männer an der Garderobe anstellten, und trat zu seinem Sohn. »Wie geht’s dir?«

Joe schüttelte ihm die Hand. »Gar nicht so übel. Und selbst?«

»Bestens. Ich bin letzten Monat befördert worden.«

»Zum stellvertretenden Polizeichef von Boston«, sagte Joe. »Ich hab’s gehört.«

»Und du? Womit verdienst du gerade dein Geld?«

Man musste Thomas Coughlin schon sehr, sehr gut kennen, um zu merken, wenn er bereits tief ins Glas geschaut hatte. Seine Aussprache nämlich war tadellos; seine Stimme blieb stets ruhig, fest und angenehm sonor, selbst wenn er bereits eine halbe Flasche irischen Whiskey intus hatte. Sein Blick war klar und nicht mal ansatzweise glasig. Doch wenn man mit den Anzeichen vertraut war, bemerkte man etwas Raubtierhaftes, Sardonisches in seinen glatten Zügen, etwas, das sein Gegenüber taxierte, dessen Schwächen auslotete und überlegte, ob er es nicht zum Nachtisch verspeisen sollte.

[45] »Dad«, sagte Joe. »Das ist übrigens Emma Gould.«

Thomas Coughlin ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss über die Knöchel. »Sehr erfreut, Miss Gould.« Er winkte den Oberkellner heran. »Gerard, den Ecktisch bitte.« Lächelnd wandte er sich wieder zu Joe und Emma. »Hättet ihr etwas dagegen, wenn ich mich euch anschließe? Ich habe einen Bärenhunger.«

Als sie ihren Salat aßen, konnte man die Atmosphäre gerade noch entspannt nennen.

Thomas gab Geschichten aus Joes Kindheit zum Besten, in denen es einzig und allein darum ging, was für ein Schlitzohr er gewesen war, ein Lausejunge mit nichts als Flausen im Kopf. Es waren lauter amüsante Schnurren, wie gemacht für die Hal-Roach-Komödien in der Samstagnachmittagsvorstellung, nicht zuletzt, weil er verschwieg, wie sie unweigerlich geendet hatten – mit einer Ohrfeige oder einer gehörigen Tracht Prügel.

Emma lächelte und kicherte an genau den richtigen Stellen, doch Joe merkte, dass sie nur so tat, als würde sie sich blendend unterhalten. Alle taten sie nur so. Joe und Thomas taten so, als wären sie ein Herz und eine Seele, und Emma tat so, als würde sie nicht mitbekommen, dass das genaue Gegenteil der Fall war.

Nach der obligatorischen Geschichte darüber, was sein Jüngster seinerzeit mit sechs Jahren in ihrem Garten angestellt hatte – Joe hatte die Story so oft gehört, dass er selbst die Kunstpausen seines Vaters auf den Sekundenbruchteil [46] vorhersagen konnte –, richtete Thomas das Wort an Emma und fragte, woher ihre Familie stammte.

»Aus Charlestown«, erwiderte sie, und Joe glaubte einen Hauch von Trotz aus ihrer Stimme herauszuhören.

»Nein, nein, ich meinte, woher Ihre Familie ursprünglich kommt. Ich sehe Ihnen doch an der Nasenspitze an, dass Sie Irin sind. Sie wissen doch bestimmt, woher Ihre Vorfahren stammen.«

Der Kellner räumte die Salatteller ab, während Emma antwortete: »Der Vater meiner Mutter kam aus Kerry. Und die Mutter meines Vaters aus Cork.«

»Ich bin ganz in der Nähe von Cork geboren.« Thomas schien über die Maßen erfreut.

Emma nippte an ihrem Wasser, ohne auf ihn einzugehen. Es war, als hätte sich ein Teil von ihr urplötzlich verabschiedet. Joe war das schon öfter aufgefallen – irgendetwas in ihr klinkte sich einfach aus, wenn sie sich unwohl fühlte, mit einer Situation nicht umgehen konnte. Auf einmal wirkte ihr Körper, als hätte sie ihn auf der Flucht zurückgelassen, und das, was ihr ureigenes Wesen ausmachte, war von einer Sekunde auf die andere verschwunden.

»Wie hieß Ihre Großmutter denn mit Mädchennamen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie.

»Sie wissen es nicht?«

Emma zuckte mit den Schultern. »Sie ist tot.«

Thomas war völlig perplex. »Aber es kann Ihnen doch nicht egal sein, von wem Sie abstammen.«

Emma hatte dafür nur ein weiteres Schulterzucken übrig und zündete sich eine Zigarette an. Thomas zeigte es nicht, doch Joe wusste, dass er fassungslos war. Moderne, [47] selbstbewusste Frauen brachten ihn seit jeher auf die Palme, egal ob sie rauchten, zu kurze Röcke trugen, mit tief ausgeschnittenen Dekolletés provozierten oder sich schamlos in der Öffentlichkeit betranken, ohne Rücksicht auf die bürgerliche Moral.

Thomas lächelte. »Wie lange kennen Sie meinen Sohn eigentlich schon?«

»Ein paar Monate.«

»Seid ihr beide –«

»Dad.«

»Joseph?«

»Also, momentan sind wir noch gar nichts.«

Insgeheim hatte er gehofft, Emma würde kurz klären, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, doch stattdessen warf sie ihm einen kurzen Blick zu, der nur allzu deutlich fragte, wie lange sie hier noch herumsitzen mussten, ehe sie wieder an ihrer Zigarette zog und sich gelangweilt im Saal umsah.

Dann kam der Hauptgang, und die nächsten zwanzig Minuten verbrachten sie damit, sich über die Qualität der Steaks, die Sauce béarnaise und Creggers neuen Teppichboden zu unterhalten.

Während des Desserts steckte sich auch Thomas eine Zigarette an. »Was machen Sie denn beruflich, meine Liebe?«

»Ich arbeite bei Papadikis. Dem Möbellager am Hafen.«

»In welcher Abteilung?«

»Sekretariat.«

»Hat mein Sohn eine Couch mitgehen lassen, oder wie habt ihr euch kennengelernt?«

»Dad.«

[48] »Ich frage mich ja bloß, woher ihr euch kennt«, sagte sein Vater.

Emma zündete sich eine weitere Zigarette an und ließ den Blick ein weiteres Mal durch das Restaurant schweifen. »Ein echter Angeberschuppen ist das.«

»Mir ist nämlich durchaus klar, womit mein Sohn seine Brötchen verdient. Weshalb ich wohl davon ausgehen muss, dass Sie ihm im Zuge einer Straftat oder in irgendeinem übel beleumundeten Etablissement begegnet sind.«

»Dad«, sagte Joe. »Ich dachte, wir wollten einfach nur nett zusammen essen.«

»Tun wir doch auch. Miss Gould?«

Emma sah ihn an.

»Bin ich Ihnen mit meinen Fragen zu nahe getreten?«

Emma musterte ihn mit einem dieser kühlen Blicke, der frisch aufgetragenen Dachteer zum Erstarren gebracht hätte. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal.«

Thomas lehnte sich zurück und nippte an seinem Kaffee. »Ich rede davon, dass Sie zu der Sorte Mädchen gehören, die mit Kriminellen verkehren, was Ihrem Ruf nicht unbedingt dienlich sein dürfte. Dass es sich bei dem fraglichen Kriminellen zufälligerweise um meinen Sohn handelt, steht hier nicht zur Debatte. Sondern vielmehr der Umstand, dass mein Sohn, ob kriminell oder nicht, immer noch mein Sohn ist und ich väterliche Gefühle für ihn hege, Gefühle, die mich zu der Frage führen, ob es ratsam ist, dass er mit einer Frau verkehrt, die wissentlich Umgang mit Kriminellen pflegt.« Thomas stellte seine Kaffeetasse zurück auf den Unterteller und lächelte dünn. »Können Sie mir folgen?«

[49] Joe erhob sich. »Na schön, wir gehen.«

Doch Emma rührte sich nicht vom Fleck. Sie stützte das Kinn in die Hand und betrachtete Thomas eine Zeitlang, während die Zigarette neben ihrem Ohr glimmte. »Mein Onkel hat neulich mal einen Bullen namens Coughlin erwähnt, der Schmiergeld von ihm kassiert. Das sind nicht zufällig Sie?« Sie schenkte ihm ein ebenso schmallippiges Lächeln und nahm einen Zug von ihrer Zigarette.

»Und dieser Onkel ist nicht zufällig Ihr Onkel Robert, den alle Bobo nennen?«

Sie schloss zustimmend die Augen.

»Der Polizeibeamte, auf den Sie anspielen, heißt Elmore Conklin, Miss Gould. Er ist in Charlestown stationiert und bekannt dafür, dass er Schutzgelder von verschiedenen illegalen Etablissements einsteckt. Mich selbst verschlägt es nur selten nach Charlestown. Als stellvertretender Polizeichef von Boston bin ich aber gern bereit, dem Lokal Ihres Onkels künftig ein wenig mehr Beachtung zu schenken.« Thomas drückte seine Zigarette aus. »Würde ich Ihnen damit entgegenkommen, meine Liebe?«

Emma hielt Joe die ausgestreckte Hand hin. »Ich muss mir die Nase pudern.«

Joe gab ihr Kleingeld für die Klofrau. Während sie ihr hinterhersahen, fragte sich Joe, ob sie überhaupt zurückkommen würde; gut möglich, dass sie sich ihren Mantel von der Garderobe holte und direkt abrauschte.

 Sein Vater zog seine Taschenuhr aus der Weste und ließ sie aufspringen, ehe er sie genauso schnell wieder zuklappte und in der Tasche verschwinden ließ. Die Uhr war sein wertvollster Besitz, eine 18-karätige Patek Philippe, die ihm [50] vor mehr als zwanzig Jahren von einem dankbaren Bankvorstand geschenkt worden war.

»War das wirklich nötig?«, fragte Joe.

»Ich habe nicht angefangen, Joseph, also kritisiere jetzt bitte nicht meine Reaktion.« Sein Vater lehnte sich zurück und schlug ein Bein über das andere. Manche Menschen trugen ihre Macht wie einen Mantel, der kratzte oder ihnen nicht richtig passte. Thomas Coughlin trug seine Macht, als wäre sie in London für ihn maßgeschneidert worden. Er nickte ein paar Bekannten zu, ehe er sich wieder seinem Sohn zuwandte. »Wäre ich der Meinung, dass du lediglich ein etwas unkonventionelles Leben lebst – glaubst du, ich würde mich daran stoßen?«

»Ja«, erwiderte Joe. »Und ob.«

Sein Vater lächelte milde und zuckte noch sanfter mit den Schultern. »Ich bin seit siebenunddreißig Jahren im Polizeidienst, und bei meiner Arbeit habe ich vor allem eins gelernt.«

»Dass sich Verbrechen nicht lohnt«, sagte Joe. »Es sei denn, man betreibt es im großen Stil.«

Noch ein mildes Lächeln, während Thomas den Kopf ein wenig zur Seite neigte. »Nein, Joseph. Nein. Was ich gelernt habe, ist Folgendes: Gewalt gebiert Gewalt. Und die primitive, stumpfsinnige Brut, die deine Gewalt hervorbringt, wird dich eines Tages aufspüren. Du wirst deine Abkömmlinge nicht erkennen, aber sie dich schon. Und sie werden es dir heimzahlen, verlass dich darauf.«

Im Lauf der Jahre hatte Joe verschiedenste Versionen dieses Vortrags gehört. Doch sein Vater – mal abgesehen davon, dass er sich wiederholte – wollte einfach nicht [51] wahrhaben, dass allgemeine Theorien auf bestimmte Menschen schlicht nicht zutrafen. Jedenfalls nicht dann, wenn die betreffende Person ihre eigenen Regeln aufstellte und smart genug war, alle anderen nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

Joe war erst zwanzig, aber er wusste bereits, dass er zu diesen Auserwählten gehörte.

 Doch um den Alten bei Laune zu halten, hakte er nach: »Und was genau werden sie mir heimzahlen wollen?«

»Deine Gedankenlosigkeit. Dass du sie so mir nichts, dir nichts in die Welt gesetzt hast.« Die Ellbogen auf dem Tisch, beugte sich sein Vater mit verschränkten Händen vor. »Joseph.«

»Joe.«

»Joseph, Gewalt gebiert Gewalt. Das ist ein Naturgesetz.« Er löste die Hände voneinander und sah seinen Sohn eindringlich an. »Was du in die Welt setzt, kehrt immer zu dir zurück.«

»Ja, Dad, ich kenne das Vaterunser.«

Sein Vater wandte den Kopf, als Emma von der Damentoilette kam und sich geradewegs zur Garderobe begab. Während er sie im Auge behielt, fuhr er fort: »Und es kommt in ganz anderer Gestalt, als du voraussehen kannst.«

»Bestimmt.«

»Deine einzige Sicherheit ist deine Selbstgewissheit. Und Selbstvertrauen, das man sich nicht verdient hat, strahlt seit jeher am hellsten.« Thomas beobachtete, wie Emma dem Garderobenmädchen ihre Marke reichte. »Zugegeben, sie ist ja nicht gerade hässlich.«

Joe schwieg.

[52] »Aber davon abgesehen«, fuhr sein Vater fort, »verstehe ich beim besten Willen nicht, was du an ihr findest.«

»Weil sie aus Charlestown stammt?«