Mystic River - Dennis Lehane - E-Book
Beschreibung

Dave, Jimmy und Sean kannten sich schon als Kinder. Nun, 25 Jahre später, kreuzen sich die Wege der drei grundverschiedenen Männer erneut unter tragischen Umständen, als Jimmys Tochter Katie ermordet aufgefunden wird. Sean, inzwischen Polizist, leitet die Ermittlungen, und schon bald steht sein alter Freund Dave unter Verdacht. Dennis Lehanes Weltbestseller, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis, verfilmt und mit zwei Oscars prämiert.

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EPUB

Seitenzahl:695


Dennis Lehane

Mystic River

Roman

Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff

Titel der 2001 bei

William Morrow, New York,

erschienenen Originalausgabe: ›Mystic River‹

Copyright © 2001 by Dennis Lehane

Umschlagfoto (Ausschnitt): Filmplakat zur

gleichnamigen Verfilmung aus

dem Jahr 2003, Copyright © Warner Bros./Photofest

Für Sheila, meine Frau

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright © 2014

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24300 0 (1.Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60437 5

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

Er verstand die Frauen nicht. Nicht so, wie Barkeeper oder Komiker nichts von Frauen verstanden, sondern so, wie arme Leute nichts von Wirtschaft verstehen. Man konnte sein halbes Leben vor dem Gebäude der Girard Bank verbringen, ohne den blassesten Schimmer zu haben, was drinnen vor sich ging. Deshalb überfielen solche Leute letztlich auch lieber den Supermarkt um die Ecke.

Pete Dexter, God’s Pocket

Es gibt keine Straße mit stummen Steinen und kein Haus ohne Echo.

Góngora

[7] Teil 1

Die Jungen,die den Wölfen entkamen

[9] 1

Der »Point« und die »Flats«

Als Sean Devine und Jimmy Marcus Kinder waren, arbeiteten ihre Väter in der Coleman-Süßwarenfabrik und brachten jeden Abend den Gestank von warmer Schokolade mit nach Hause. Der Geruch steckte in ihrer Kleidung, setzte sich in ihren Betten und den Vinyl-Rückenlehnen ihrer Autositze fest. Die Küche von Seans Eltern roch wie ein Karamelllutscher, das Badezimmer wie ein Chew-Chew-Riegel. Als sie elf waren, hatten Sean und Jimmy einen derartigen Ekel vor Süßigkeiten entwickelt, dass sie ihren Kaffee für den Rest ihres Lebens schwarz tranken und auf Nachtisch grundsätzlich verzichteten.

Samstags sah Jimmys Vater meist auf ein Bier bei den Devines vorbei. Jimmy brachte er mit, und während aus einem Bier schnell sechs wurden, zwei, drei Whiskey inklusive, spielten Jimmy und Sean draußen im Garten, manchmal auch mit Dave Boyle, einem Jungen mit zierlichen Handgelenken und verhuschtem Blick, der immer Witze erzählte, die er von seinen Onkel hatte. Durch das Fliegengitter des Küchenfensters drang vereinzelt lautes Gelächter zu ihnen heraus. Sie hörten, wie die Laschen von den Bierdosen gezogen wurden und die schweren Zippos auf- und zuschnappten, wenn Mr.Devine und Mr.Marcus sich ihre Luckys ansteckten.

[10] Seans Vater war Vorarbeiter und hatte den besseren Job. Er war groß und blond und besaß ein offenes, gewinnendes Lächeln, mit dem er Seans Mutter schon des Öfteren besänftigt hatte; ihre Wut verrauchte dann, als hätte er sie einfach ausgeknipst. Jimmys Vater war für das Beladen der Lieferwagen zuständig. Er war klein; sein dunkles Haar fiel ihm wirr in die Stirn, und irgendetwas in seinen Augen schien ständig zu flackern. Außerdem bewegte er sich wie ein Wiesel; man blinzelte nur kurz, und plötzlich befand er sich am anderen Ende des Raums. Dave Boyle hatte keinen Vater, nur eine Menge Onkel, und er war an jenen Samstagen nur dabei, weil er an Jimmy hing wie eine Klette; wenn er sah, wie Jimmy mit seinem Vater das Haus verließ, stand er auch schon, ein wenig außer Atem, neben ihrem Auto und fragte, traurig und erwartungsfroh zugleich: »Wie sieht’s aus, Jimmy?«

Sie lebten alle in East Buckingham, ein Stück westlich vom Stadtzentrum, einem Viertel mit winzigen Eckläden, kleinen Spielplätzen und Metzgereien, in deren Schaufenstern rosafarbenes, noch blutiges Fleisch hing. Die Bars hatten irische Namen; am Straßenrand standen Dodge Darts. Die Frauen trugen im Nacken verknotete Kopftücher und hatten Kunstledertäschchen mit Schnappverschluss bei sich, in denen sich ihre Zigaretten befanden. Bis noch vor ein paar Jahren waren ältere Jungs so plötzlich von den Straßen verschwunden, als hätten Außerirdische sie entführt. Nach etwa einem Jahr kehrten sie hohlwangig und hohläugig aus dem Krieg zurück, und so manches Mal kamen sie überhaupt nicht wieder. Tagsüber durchforsteten die Mütter Zeitungen nach Gutscheinen. Abends gingen die Väter [11] in die Kneipe. Jeder kannte jeden, und außer den älteren Jungs verließ nie jemand das Viertel.

Jimmy und Dave stammten aus den Flats unten am Penitentiary Channel südlich der Buckingham Avenue. Sie wohnten nur zwölf Blocks von Seans Straße entfernt, doch das Haus der Devines befand sich nördlich der Avenue, in jenem Teil des Viertels, der The Point genannt wurde, und für gewöhnlich gingen sich die Bewohner des Point und der Flats geflissentlich aus dem Weg.

Nicht, dass die Straßen des Point mit Gold gepflastert gewesen wären oder man dort mit dem Silberlöffel im Mund geboren wurde. Es war einfach nur der Point, eine Arbeitergegend, in der Chevys, Fords und Dodges vor schlichten Reihenhäusern oder dem einen oder anderen Haus im viktorianischen Stil parkten. Aber den Bewohnern des Point gehörten ihre Häuser; in den Flats wohnte man zur Miete. Im Point gingen die Familien zur Kirche, blieben zusammen, standen in Wahlmonaten mit Plakaten an der Straßenecke. In den Flats hingegen – tja, wer wusste schon genau, was dort vor sich ging – lebten manche Leute wie die Tiere, hausten zu zehnt in einer Wohnung, kippten ihren Müll auf die Straße; Sean und seine Freunde auf der Saint Mike nannten die Gegend Wellieville – das Pflaster, wo die Asozialen wohnten, Scheidungen an der Tagesordnung waren, Eltern von der Stütze lebten und ihre Kinder auf öffentliche Schulen schickten. Während Sean also mit schwarzer Hose, schwarzer Krawatte und blauem Hemd auf die Saint Mike’s Parochial ging, besuchten Jimmy und Dave die Lewis-M.-Dewey-School in der Blaxston Street, auch Looey & Dooey genannt. Dort trugen die Kids [12] Straßenklamotten, ziemlich cool, nur, dass sie so gut wie jeden Tag dieselbe Kluft anhatten, was wiederum entschieden weniger cool war. Sie wirkten irgendwie schmierig – speckiges Haar, speckige Haut, speckige Kragen und speckige Ärmel. Viele Jungen hatte dicke Aknepickel und brachen die Schule vorzeitig ab, und manche Mädchen trugen Umstandskleider bei der Abschlussfeier.

Ohne ihre Väter wären sie also wohl niemals Freunde geworden. Unter der Woche trafen sie sich nie, nur an den Samstagen, und ob sie nun im Garten spielten, durch die Kieshalden jenseits der Harvest Street streiften oder mit der U-Bahn fuhren – ohne ein bestimmtes Ziel, sondern nur, um durch die dunklen Schächte zu gondeln, das Rattern und Quietschen der Bremsen zu hören, wenn die Wagen die nächste Kurve nahmen und die Lampen flackerten –, kam es Sean manchmal so vor, als würde er die ganze Zeit den Atem anhalten. Wenn man mit Jimmy unterwegs war, konnte einfach alles passieren. Und wenn Jimmy wusste, dass es Regeln gab – in der U-Bahn, auf den Straßen oder im Kino –, ließ er sich davon jedenfalls nichts anmerken.

Einmal waren sie an der South Station, warfen sich auf dem Bahnsteig gegenseitig einen orangefarbenen Streethockeyball zu, doch dann kam Jimmy nicht an einen von Seans Würfen, und der Ball flog auf die Gleise. Bevor Sean auch nur blinzeln konnte, war Jimmy auch schon von der Plattform nach unten gesprungen, wo sich nicht nur Mäuse und Ratten tummelten, sondern sich auch die Stromschiene befand.

Die Leute auf dem Bahnsteig drehten durch, schrien lauthals auf Jimmy ein. Eine Frau wurde aschfahl im Gesicht, [13] während sie in die Knie ging und rief: »Komm sofort wieder hoch, verdammt noch mal, sofort!« Im selben Moment hörte Sean ein dumpfes Grollen – vielleicht eine Bahn, die gerade in den Tunnel an der Washington Street bog, oder auch nur ein paar Lastwagen, die oben über die Straße donnerten –, und die anderen Leute hörten es auch. Sie fuchtelten mit den Armen, reckten die Köpfe und sahen sich hektisch nach der U-Bahn-Polizei um. Ein Mann hielt seiner kleinen Tochter die Hand vor die Augen.

Jimmy spähte ins Dunkel unter dem Bahnsteig. Dann hatte er den Ball gefunden und wischte mit dem Ärmel irgendwelchen schwarzen Dreck davon ab, ohne sich um die Leute zu scheren, die auf der gelben Linie knieten und ihm die Hände entgegenstreckten.

Dave stieß Sean an und platzte laut heraus: »O Mann!«

Jimmy ging in der Schienenmitte auf die Treppe am anderen Ende des Bahnsteigs zu, wo der dunkle Schlund des Tunnels gähnte. Im selben Augenblick ließ ein weiteres, mächtigeres Grollen den Bahnhof erbeben, und die Leute zuckten zusammen, stießen nervös die zu Fäusten geballten Hände in die Hüften. Jimmy ließ sich Zeit, schlenderte regelrecht das Gleis entlang, und dann sah er über die Schulter zu Sean und grinste.

»Er lacht«, sagte Dave. »Er hat sie echt nicht mehr alle.«

Als Jimmy die erste Stufe der Betontreppe erklomm, wurde er von mehreren Händen nach oben gerissen. Sean beobachtete, wie seine Beine nach links schwangen und sein Kopf nach rechts kippte; ein massiger Mann hielt ihn fest, und Jimmy wirkte so klein und leicht wie eine Strohpuppe, doch trotzdem presste er den Ball fest an seine [14] Brust, ließ ihn auch nicht los, als irgendwer an seinem Ellbogen zerrte und er mit dem Schienbein gegen die Bahnsteigkante knallte. Sean spürte, dass Dave die Muffe ging, während er gleichzeitig die Leute im Blick behielt, die Jimmy auf den Bahnsteig zerrten. Von der Sorge, der Angst, der Hilflosigkeit, die sich eben noch auf ihren Mienen gespiegelt hatte, war nichts mehr zu sehen. Stattdessen starrte er nun in die primitiven Gesichter von Ungeheuern, so von Wut verzerrt, als wollten sie jeden Moment die Zähne in Jimmy schlagen und ihn anschließend zu Tode prügeln.

Dann hatten sie Jimmy auf die Plattform gezogen und hielten ihn fest, gruben ihre Finger in seine Schultern, sahen sich nach jemandem um, der ihnen sagen würde, was sie jetzt tun sollten. Sekundenbruchteile später brach die U-Bahn durch den Tunnel, und irgendwer stieß einen spitzen Schrei aus, doch dann lachte jemand – ein schrilles Gackern, das Sean unwillkürlich an Hexen denken ließ, die um einen brodelnden Kessel tanzten –, weil die Bahn, ein Zug, der Richtung Norden ging, am anderen Ende des Bahnhofs hereindonnerte, während Jimmy die Leute um sich herum ansah, als wollte er sagen: Na, kapiert?

Neben Sean stieß Dave einen seiner hohen Lacher aus und erbrach sich in die eigenen Hände.

Sean wandte den Blick ab und fragte sich, was er eigentlich mit alldem zu tun hatte.

***

An jenem Abend wurde Sean von seinem Vater in den Hobbykeller gerufen. Der Hobbykeller platzte aus allen [15] Nähten: schwarze Schraubstöcke, Kaffeedosen voller Nägel und Schrauben, fein säuberlich gestapeltes Holz unter der zerschrammten Werkbank, die den Raum in zwei Hälften teilte, Hämmer, die wie geholsterte Pistolen in Werkzeuggürteln hingen, eine Bandsäge an einem Haken. Seans Vater, der öfter in der Nachbarschaft als Handwerker aushalf, arbeitete hier an seinen Vogelhäuschen und den Brettern, die er für die Blumen seiner Frau an den Fenstern befestigte. Hier hatte er auch den Bau der hinteren Veranda geplant, die er und seine Freunde eines sengend heißen Sommers gezimmert hatten, als Sean fünf gewesen war. In den Hobbykeller verzog er sich, wenn er seine Ruhe haben wollte, manchmal auch, wenn er sauer war, wenn er sich über Sean, Seans Mutter oder seinen Job ärgerte. Die Vogelhäuschen – Miniaturausgaben von viktorianischen Häusern, solchen im Tudor- oder Kolonialstil oder Schweizer Chalets – stapelten sich in einer Ecke, und zwar so viele, dass sie am Amazonas hätten leben müssen, um genug Vögel dafür zu finden.

Sean setzte sich auf den alten roten Barhocker und fummelte an dem massiven schwarzen Schraubstock herum, fühlte Schmieröl und Sägemehlreste unter den Fingern, bis sein Vater das Schweigen brach: »Sean, wie oft muss ich es dir eigentlich noch sagen?«

Sean nahm die Finger vom Schraubstock und wischte sich das Öl von der Hand.

Sein Vater klaubte ein paar verstreute Nägel von der Werkbank und warf sie in eine gelbe Kaffeedose. »Ich weiß, dass Jimmy Marcus dein Freund ist, aber wenn ihr künftig zusammen spielen wollt, bleibt ihr gefälligst in Sichtweite des Hauses. Und zwar unseres Hauses.«

[16] Sean nickte. Widerworte waren sinnlos, wenn sein Vater so leise und langsam wie jetzt sprach; jedes einzelne Wort kam über seine Zunge, als wäre es mit einem Kieselstein beschwert.

»Haben wir uns verstanden?« Sein Vater schob die Kaffeedose zurück und warf Sean einen Blick zu.

Sean nickte, während er zusah, wie sein Vater sich Sägemehl von den dicken Fingern rieb.

»Für wie lange?«

Sein Vater langte nach oben und zupfte ein Staubfädchen von einem Haken in der Decke. Er rollte es zwischen den Fingern hin und her, ehe er es in den Abfalleimer unter der Werkbank warf. »Eine ganze Weile, würde ich sagen. Übrigens, Sean…«

»Ja, Sir?«

»Komm bloß nicht auf die Idee, deswegen zu deiner Mutter zu gehen. Nach der Nummer heute ist sie ein für alle Mal bedient – sie will, dass du überhaupt nicht mehr mit Jimmy spielst.«

»Er ist gar nicht so schlecht. Er…«

»Das habe ich auch nicht gesagt. Aber er ist eben ein Unruhestifter, und von Unruhestiftern hat deine Mutter die Nase gestrichen voll.«

Die Augen seines Vaters schimmerten, als das Wort »Unruhestifter« über seine Lippen kam, und Sean wusste, dass er einen Moment lang den anderen Billy Devine sah, jenen Mann, den er sich aus beiläufigen Äußerungen seiner Tanten und Onkel zusammengesetzt hatte. Sie nannten ihn den alten Billy, den »Hitzkopf«, wie Onkel Colm einmal grinsend gesagt hatte, jenen Billy Devine, der irgendwann [17] vor Seans Geburt verschwunden und von diesem schweigsamen, bedächtigen Mann ersetzt worden war, der mit seinen dicken geschickten Fingern ein Vogelhäuschen nach dem anderen baute.

»Vergiss nicht, was wir besprochen haben«, sagte sein Vater und klopfte Sean auf die Schulter, zum Zeichen, dass ihre Unterredung beendet war.

Sean verließ den Hobbyraum, lief durch den kühlen Keller und fragte sich, ob er Jimmys Gesellschaft aus demselben Grund genoss, aus dem sein Vater seine Zeit so gern mit Mr.Marcus verbrachte, wenn sie sich vom Samstag in den Sonntag tranken, immer wieder urplötzlich in lautes Gelächter ausbrachen, und gleichzeitig fragte er sich, ob es vielleicht das war, wovor sich seine Mutter fürchtete.

***

Eines Samstags ein paar Wochen später kamen Jimmy und Dave Boyle ohne Jimmys Vater bei den Devines vorbei. Sie klopften an die Hintertür, während Sean gerade sein Frühstück beendete. Er hörte, wie seine Mutter die Tür öffnete und die beiden begrüßte – »Guten Morgen, Jimmy. Morgen, Dave.« –, in jenem höflichen Tonfall, den sie stets anschlug, wenn ihr jemand begegnete, der ihr nicht ganz geheuer war.

Jimmy war auffällig still. All die sprühende Energie, die sonst von ihm ausging, schien er mühsam unter Verschluss zu halten. Sean spürte, wie sie von innen gegen Jimmys Brust trommelte, wie Jimmy schwer schlucken musste, um sie im Zaum zu halten. Er wirkte kleiner als sonst, irgendwie düster gestimmt, so als würde er sofort platzen, wenn man mit [18] einer Nadel in ihn hineinstach. Sean hatte ihn schon öfter so erlebt und kannte Jimmys Launen, doch gaben sie ihm jedes Mal wieder zu denken; er fragte sich, ob Jimmy seine Stimmungen im Griff hatte oder ob sie ihn aus heiterem Himmel überfielen wie eine Halsentzündung, ob es ihm nun passte oder nicht.

Dave Boyle war besonders nervtötend, wenn Jimmy Trübsal blies. Er schien zu glauben, dass es seine Aufgabe war, andere bei Laune zu halten – mit dem Ergebnis, dass er über kurz oder lang allen auf den Senkel ging.

Als sie auf dem Gehsteig standen und überlegten, was sie unternehmen sollten – Jimmy völlig in sich versunken, während Sean immer noch nicht richtig wach war –, neugierig, was der Tag bringen mochte, dieser Tag, den sie wohl oder übel in den Grenzen von Seans Straße verbringen mussten, sagte Dave: »He, warum lecken sich Hunde die Eier?«

Weder Sean noch Jimmy reagierte. Sie hatten den Witz schon etwa tausendmal gehört.

»Na, weil sie’s können!«, gackerte Dave und hielt sich den Bauch, als sei das zum Brüllen komisch.

Jimmy ging zu den Sägeböcken hinüber, hinter denen ein Teil des Gehsteigs erneuert worden war. Die Baustelle war mit gelbem Absperrband gesichert, das ein Rechteck um vier Böcke bildete, doch dann riss das Band, als Jimmy geradewegs hindurchmarschierte. Er ging in die Hocke, mit den Turnschuhen noch auf dem alten Teil des Gehsteigs, und zog mit einem Zweig dünne Linien in den noch weichen Boden, die Sean an die Finger alter Männer erinnerten.

»Mein Vater arbeitet nicht mehr mit deinem.«

»Wieso das denn?« Sean hockte sich neben Jimmy, [19] während er wünschte, er hätte ebenfalls einen Ast. Er wollte tun, was Jimmy tat, auch wenn er nicht genau wusste, warum, und es war ihm egal, dass ihm sein Vater eine gehörige Tracht Prügel verabreichen würde, wenn er davon etwas mitbekam.

Jimmy zuckte mit den Schultern. »Weil er schlauer als die anderen war. Sie haben Schiss vor ihm gekriegt, weil er Bescheid wusste, deswegen.«

»Weil er Bescheid wusste«, sagte Dave Boyle. »Stimmt’s, Jimmy?«

Stimmt’s, Jimmy? Stimmt’s, Jimmy? Manchmal war Dave schlimmer als ein Papagei.

Sean fragte sich, was es über Süßigkeiten groß zu wissen gab und inwiefern das irgendwie wichtig sein mochte. »Und worüber?«

»Wie man den Laden richtig auf Zack bringt.« Jimmy klang selbst nicht so recht überzeugt und zuckte mit den Schultern. »Na ja, solche Sachen halt. Wichtiges Zeug.«

»Aha.«

»Wie man den Laden richtig auf Zack bringt. Stimmt’s, Jimmy?«

Jimmy ritzte noch ein paar Linien in den Boden. Dave Boyle griff sich ebenfalls einen Ast, beugte sich über den weichen Zement und begann einen Kreis zu ziehen. Jimmy runzelte die Stirn und warf seinen eigenen Zweig achtlos fort. Dave hielt inne und warf Jimmy einen Blick zu, als wolle er fragen: Was habe ich denn jetzt verbrochen?

»Wisst ihr, was echt cool wäre?« Jimmys Stimme hob sich ein bisschen, und unter Seans Haut begann es zu kribbeln, weil Jimmys Vorstellung von »cool« sich für gewöhnlich meilenweit von der anderer Leute unterschied.

[20] »Was denn?«

»Wenn wir jetzt ’ne Runde mit ’nem Auto drehen würden.«

»Ach so«, sagte Sean gedehnt.

»Na ja« – Jimmy streckte die Hände aus, schien Zweig und Zement völlig vergessen zu haben –, »bloß einmal um den Block.«

»Bloß einmal um den Block«, wiederholte Sean.

Jimmy grinste. »Wäre doch cool, oder?«

Sean spürte, wie sich unwillkürlich ein Lächeln in seinem Gesicht breitmachte. »Aber hallo.«

»Sogar supercool.« Jimmy vollführte einen kleinen Luftsprung. Er sah Sean mit hochgezogenen Augenbrauen an und sprang abermals in die Luft.

»Ultracool.« Sean spürte das große Lenkrad bereits in den Händen.

»Ja, ja, ja!« Jimmy boxte Sean gegen die Schulter.

»Ja, ja, ja!« Sean verpasste ihm ebenfalls einen Schlag gegen die Schulter, während etwas in ihm zu vibrieren begann, ihn förmlich elektrisierte, die ganze Welt plötzlich nur noch aus Rausch und Beschleunigung bestand.

»Ja, ja, ja!«, sagte Dave, verfehlte jedoch Jimmys Schulter.

Einen Augenblick lang hatte Sean völlig vergessen, dass Dave auch da war. Das ging ihm öfter so, auch wenn er keine Ahnung hatte, warum.

»Ultrahypermegacool.« Jimmy lachte und machte noch einen Luftsprung.

Und Sean konnte alles bereits vor sich sehen. Sie saßen auf den Vordersitzen (Dave hinten, wenn überhaupt), zwei [21] Elfjährige, die durch Buckingham bretterten, laut hupend ihre Freunde grüßten, sich auf der Dunboy Avenue Wettrennen mit den älteren Jungs lieferten und mit kreischenden Reifen Bremsspuren auf dem Asphalt hinterließen. Er roch die Luft, die durch das Fenster wehte, spürte sie in seinen Haaren.

Jimmy sah die Straße entlang. »Kennst du jemand hier in der Straße, der seine Schlüssel im Auto lässt?«

Sean kannte eine ganze Reihe solcher Leute. Mr.Griffin versteckte seine Schlüssel unter dem Sitz, Dottie Fiore bewahrte sie im Handschuhfach auf, und Old Man Makowski, der alte Säufer, der von morgens bis abends mit voller Lautstärke Sinatra-Platten dudelte, ließ sie für gewöhnlich sogar im Zündschloss stecken.

Doch als er Jimmys Blick folgte und auf die betreffenden Wagen deutete, verspürte Sean einen dumpfen, langsam anschwellenden Schmerz hinter den Augen, und im grellen Sonnenlicht, das die Motorhauben und Kofferräume reflektierten, fühlte er das Gewicht der Straße, der Häuser, des gesamten Points und all der Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden. Er war kein Junge, der Autos stahl. Er war ein Junge, der eines Tages studieren, etwas aus sich machen, nicht bloß Vorarbeiter oder Packer sein würde. So war es geplant, und Sean war fest davon überzeugt, dass Pläne funktionierten, wenn man ruhig blieb und nicht davon abwich. Es war so, als würde man sich einen Film bis ganz zu Ende ansehen, egal, wie langweilig oder verwirrend er auch sein mochte. Weil sich am Schluss oft alles zusammenfügte oder die Auflösung so umwerfend war, dass sie einen für all die Langeweile entschädigte.

[22] Und um ein Haar hätte er Jimmy darin eingeweiht, doch sein Freund lief bereits die Straße hinauf und spähte durch alle möglichen Autofenster, während Dave neben ihm hereilte.

»Wie wär’s mit dem hier?« Laut hallte Jimmys Stimme durch die trockene Luft, als er eine Hand an Mr.Carltons Bel Air legte.

»He, Jimmy?« Sean ging auf ihn zu. »Vielleicht ein andermal, okay?«

Jimmy machte ein langes Gesicht. »Was soll das denn? Wir ziehen das durch, das wird supercool – schon vergessen?«

»Supercool«, sagte Dave.

»Wir können doch nicht mal übers Lenkrad sehen.«

»Dann holen wir uns eben ein paar Telefonbücher.« Jimmy grinste im Sonnenlicht. »Bei dir zu Hause.«

»Telefonbücher«, sagte Dave. »Jawoll!«

Sean hob abwehrend die Arme. »Nein. Vergiss es.«

Jimmys Lächeln erstarb. Er blickte auf Seans Arme, als wolle er sie an den Ellbogen abhacken. »Hast du keine Lust auf ein bisschen Spaß, oder was?« Er zerrte am Türgriff des Bel Air, doch der Wagen war verschlossen. Einen Moment lang zuckten Jimmys Wangen; seine Unterlippe bebte, und eine derart hoffnungslose Verlorenheit sprach aus seinem Blick, dass Sean Mitleid mit ihm bekam.

Dave sah Jimmy, dann Sean an. Zögernd schnellte sein Arm vor und traf Sean an der Schulter. »Genau, warum hast du keine Lust auf ein bisschen Spaß?«

Sean konnte es nicht fassen, dass Dave ihn geschlagen hatte. Dave.

[23] Er verpasste Dave einen Stoß gegen die Brust, und Dave landete auf dem Hintern.

Jimmy stieß ihn weg. »Was soll der Scheiß?«

»Er hat mich geschlagen«, sagte Sean.

»Hat er nicht«, gab Jimmy zurück.

Sean starrte ihn ungläubig an, und Jimmy äffte seine weit aufgerissenen Augen nach.

»Er hat mich geschlagen.«

»Er hat mich geschlagen«, wiederholte Jimmy mit Kleinmädchenstimme und schubste ihn abermals. »Dave ist mein Freund, verdammt noch mal!«

»Aber ich auch«, sagte Sean.

»Aber ich auch«, sagte Jimmy. »Ich auch, ich auch, ich auch.«

Dave Boyle rappelte sich auf und lachte.

»Hör auf damit«, zischte Sean.

»Hör auf damit, hör auf damit, hör auf damit.« Jimmys Handwurzeln gruben sich tief in Seans Rippen, als er ihn erneut schubste. »Na los, komm schon. Oder hast du Schiss?«

»Oder hast du Schiss?« Und jetzt verpasste ihm auch Dave einen Schubs.

Sean hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war. Er konnte sich nicht einmal erinnern, was Jimmy eigentlich sauer gemacht hatte oder weshalb Dave überhaupt auf die blödsinnige Idee verfallen war, ihn zu schubsen. Eben hatten sie noch neben dem Wagen gestanden, und nun stieß ihn Jimmy mitten auf der Straße mit voller Kraft vor die Brust, fixierte ihn mit wutverzerrter Miene, die schwarzen Augen zu schmalen Schlitzen verengt.

»Na los, mach schon.«

[24] »Ich…«

Der nächste Stoß. »Komm schon, du Memme.«

»Jimmy, können wir nicht einfach…«

»Nee, können wir nicht. Jetzt geht dir die Muffe, was?«

Er wollte ihm den nächsten Stoß verpassen, doch dann hielt er in der Bewegung inne, und die hoffnungslose (und müde) Verlorenheit überschattete wieder seine Züge, während er die Straße hinuntersah.

Ein dunkelbrauner Wagen kam auf sie zu, lang und rechteckig wie die Autos, die Police Detectives fuhren, ein Plymouth oder so was. Die Stoßstange berührte fast ihre Beine, als der Wagen hielt, und die zwei Cops blickten durch die Windschutzscheibe zu ihnen heraus; ihre Gesichter verschwammen hinter dem Glas, in dem sich die umstehenden Bäume spiegelten.

Sean hatte das seltsame Gefühl, als würde ein jäher Ruck durch den Vormittag gehen, die sanfte Beschaulichkeit von einer Sekunde zur anderen aus dem Gleichgewicht bringen.

Der Fahrer stieg aus. Er sah aus wie ein Polizist – blonder Bürstenschnitt, rotes Gesicht, weißes Hemd, schwarz-goldene Nylonkrawatte, und sein Bauch hing wie ein Stapel Pfannkuchen über seine Gürtelschnalle. Der andere wirkte krank. Er war dürr, sah müde aus und blieb sitzen; er blickte in den Außenspiegel und fuhr sich mit einer Hand durch die fettigen dunklen Haare, während die drei Jungen zögernd an die Fahrertür traten.

Der Dicke bedeutete ihnen mit gekrümmtem Finger, näher zu kommen. »Ich würde euch gern mal eine Frage stellen, okay?« Sein riesiger Kopf füllte Seans Blickfeld aus, als er sich über seinen großen Bauch zu ihnen beugte. [25] »Findet ihr es in Ordnung, euch hier mitten auf der Straße zu prügeln?«

Seans Blick fiel auf das goldene Abzeichen, das der Mann rechts am Gürtel trug.

»Ich höre.« Der Cop legte eine Hand hinters Ohr.

»Nein, Sir.«

»Nein, Sir.«

»Nein, Sir.«

»Ihr seid mir ein schöner Haufen Taugenichtse.« Er deutete mit seinem Riesendaumen zu dem Mann auf dem Beifahrersitz. »Ich und mein Partner haben allmählich die Nase voll von Straßenlümmeln, wegen denen sich anständige Leute nicht mehr aus dem Haus wagen.«

Sean und Jimmy schwiegen.

»Es tut uns leid«, sagte Dave Boyle. Er sah aus, als würde er jede Sekunde in Tränen ausbrechen.

»Wohnt ihr hier in der Straße?«, fragte der Cop. Er ließ den Blick über die Häuser auf der rechten Straßenseite schweifen, als würde er jeden einzelnen Bewohner persönlich kennen und sie alle drei verhaften, wenn sie ihn anlogen.

»Ja«, sagte Jimmy und warf einen Blick über die Schulter zu Seans Haus hinüber.

»Ja, Sir«, sagte Sean.

Dave blieb stumm.

Der Cop sah zu ihm herunter. »Hä? Hast du was gesagt, Junge?«

»Was?« Dave sah zu Jimmy.

»Sieh gefälligst mich an. Hier spielt die Musik.« Der massige Cop atmete schwer durch die Nase. »Wohnst du hier, Junge?«

[26] »Äh… nein.«

»Nein?« Der Cop beugte sich zu Dave. »Wo wohnst du, mein Sohn?«

»Rester Street.« Dave sah immer noch Jimmy an.

»Asozialer Abschaum hier im Point?« Die kirschroten Lippen des Polizisten verzogen sich, als hätte er einen Lutscher im Mund. »Das bringt ja das ganze Viertel in Verruf.«

»Sir?«

»Ist deine Mutter zu Hause?«

»Ja, Sir.« Eine Träne rann über Daves Wange. Sean und Jimmy wandten den Blick ab.

»Tja, dann werden wir mal ein Wörtchen mit ihr reden und ihr Bescheid stoßen, was ihr Rotzbengel so treibt.«

»Ich…«, stammelte Dave, »ich hab doch gar nichts…«

»Steig ein!« Als der Cop die hintere Tür öffnete, stieg Sean der Geruch von Äpfeln in die Nase, ein schwerer, durchdringender Oktoberduft.

Dave sah Jimmy an.

»Steig ein«, sagte der Cop. »Oder muss ich dir erst Handschellen anlegen?«

»Ich…«

»Was?« Auf einmal klang der Cop stocksauer. Er schlug mit der Hand gegen die offene Tür. »Steig endlich ein, verdammt noch mal.«

Heulend kroch Dave auf den Rücksitz.

Der Cop richtete seinen feisten Zeigefinger auf Jimmy und Sean. »Ihr geht jetzt zu euren Müttern und beichtet ihnen, was ihr ausgefressen habt. Und ich will euch Strolche nicht noch mal auf meinen Straßen sehen.«

Jimmy und Sean traten zurück, während der Cop sich [27] hinter das Steuer schwang und losfuhr. Sie blickten dem Wagen hinterher, bis er die Ecke erreichte und nach rechts abbog, während Dave, dessen von Schatten verdunkelter Kopf immer kleiner wurde, zu ihnen zurücksah. Und dann war außer ihnen niemand mehr auf der Straße, und mit dem Zuknallen der Autotür schien plötzlich jedes andere Geräusch erstickt worden zu sein. Jimmy und Sean verharrten dort, wo eben noch der Wagen gestanden hatte, sahen auf ihre Füße, die Straße hinauf und hinab, überallhin; nur einander blickten sie nicht an.

Wieder beschlich Sean dieses seltsame Gefühl, dass etwas aus der Balance geraten war, diesmal gepaart mit dem Geschmack schmutziger Pennys in seinem Mund. Sein Magen fühlte sich an, als wäre er mit einem Löffel ausgekratzt worden.

Dann platzte Jimmy damit heraus:

»Du hast angefangen.«

»Er hat angefangen.«

»Nein, du. Jetzt ist er gearscht. Seine Mutter hat sie nicht alle. Wer weiß, was sie mit ihm anstellt, wenn ihn die beiden Cops nach Hause bringen.«

»Ich habe nicht angefangen.«

Jimmy stieß ihn gegen die Brust, doch diesmal schubste Sean ihn zurück, und dann rollten sie auch schon über den Boden und schlugen mit den Fäusten aufeinander ein.

»Hey!«

Sean ließ von Jimmy ab, und beide rappelten sich auf, sicher, dass die beiden Cops zurück waren. Doch stattdessen kam Mr.Devine die Stufen des Hauses herab.

»Was, zum Teufel, treibt ihr da?«

[28] »Nichts.«

»Nichts?« Stirnrunzelnd trat Seans Vater auf den Gehsteig. »Kommt gefälligst von der Straße herunter.«

Sie gingen zu ihm.

»Wart ihr nicht zu dritt?« Seans Vater sah die Straße hinunter. »Wo ist Dave?«

»Was?«

»Dave.« Seans Vater musterte Sean und Jimmy. »War Dave nicht eben noch bei euch?«

»Wir haben uns gezankt.«

»Was?«

»Wir haben uns gezankt. Auf der Straße, und dann waren plötzlich die Cops da.«

»Wann war das?«

»Vor ungefähr fünf Minuten.«

»Okay. Und dann sind die Cops aufgetaucht.«

»Ja. Und sie haben Dave mitgenommen.«

Abermals ließ Seans Vater den Blick über die Straße schweifen. »Sie haben ihn mitgenommen?«

»Sie wollten ihn nach Hause bringen. Ich habe gelogen, ich würde hier wohnen. Aber Dave hat gesagt, dass er in den Flats wohnt, und sie…«

»Ich verstehe kein Wort. Sean, wie haben die Cops ausgesehen?«

»Hmm?«

»Trugen sie Uniformen?«

»Nein. Nein, sie…«

»Woher wusstet ihr dann, dass es Polizisten waren?«

»Wussten wir nicht. Aber sie…«

»Was?«

[29] »Der eine hatte ein Abzeichen«, sagte Jimmy. »An seinem Gürtel.«

»Was für ein Abzeichen?«

»Ein goldenes.«

»Okay. Und was stand darauf?«

»Darauf?«

»Die Worte. Habt ihr irgendwas darauf lesen können?«

»Nein. Ich weiß nicht.«

»Billy?«

Sie sahen zu Seans Mutter hinüber, die mit besorgter, fragender Miene auf der Veranda stand.

»Schatz, rufst du bitte mal auf dem Polizeirevier an und fragst nach, ob irgendwelche Detectives einen Jungen von der Straße aufgelesen haben, weil er sich mit zwei anderen gestritten hat?«

»Einen Jungen?«

»Dave Boyle.«

»O Gott. Seine Mutter.«

»Nichts überstürzen, okay? Lass uns erst mal sehen, was die Polizei sagt. In Ordnung?«

Seans Mutter verschwand wieder im Haus. Sean sah seinen Vater an. Er schien nicht zu wissen, was er mit seinen Händen anstellen sollte. Er steckte sie in die Taschen, nahm sie wieder heraus, wischte sie an seiner Hose ab. »Verdammt noch mal«, sagte er fast flüsternd, während er zum Ende der Straße blickte, als würde Dave dort an der Ecke schweben, eine flirrende Fata Morgana, die sich nur Zentimeter außerhalb von Seans Blickfeld befand.

»Es war braun«, sagte Jimmy.

»Was?«

[30] »Das Auto. Es war dunkelbraun. Es könnte ein Plymouth gewesen sein.«

»Sonst noch was?«

Sean versuchte sich an den Wagen zu erinnern, doch es gelang ihm nicht. Er hatte vor Mrs.Ryans orangefarbenem Pinto gestanden und den unteren Teil ihrer Hecke verdeckt, doch an den Wagen selbst konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern.

»Es hat nach Äpfeln gerochen«, sagte er.

»Was?«

»Nach Äpfeln. Das Auto hat nach Äpfeln gerochen.«

»Nach Äpfeln«, wiederholte sein Vater.

***

Eine Stunde später, in Seans Küche, wurden Sean und Jimmy von zwei anderen Cops befragt, und anschließend erschien ein dritter Mann, der anhand ihrer Angaben Phantombilder von den beiden Männern zeichnete, die in dem braunen Wagen gesessen hatten. Auf den Skizzen sah der große blonde Cop irgendwie gemeiner, sein Kopf sogar noch größer aus, doch davon abgesehen war er perfekt getroffen. Der andere Mann, der in den Außenspiegel geblickt hatte, war wenig mehr als ein konturloses Etwas, eigentlich nur ein Schemen mit schwarzem Haar, weil Sean und Jimmy ihn kaum beachtet hatten.

Dann tauchte Jimmys Vater auf, wartete in einer Ecke der Küche; er wirkte wütend, nervös, seine Augen waren wässrig, und er schwankte leicht, als ob sich die Wand hinter ihm bewegen würde. Er sprach weder mit Seans Vater, [31] noch sprach jemand mit ihm. Ohne seine sonstige Eigenart, sich blitzschnell von hier nach dort zu bewegen, kam er Sean kleiner vor, irgendwie weniger präsent, so als würde er mit der Tapete verschmelzen, sobald Sean den Blick abwandte.

Nachdem die Detectives noch vier- oder fünfmal nachgehakt hatten, verließen alle das Haus – die Cops, der Mann, der die Skizzen angefertigt hatte, Jimmy und sein Vater. Seans Mutter zog sich ins Schlafzimmer zurück, und ein paar Minuten später vernahm Sean gedämpftes Schluchzen hinter der verschlossenen Tür.

Draußen auf der Veranda erklärte ihm sein Vater, dass er nichts falsch gemacht hatte, lobte ihn dafür, dass er und Jimmy so klug gewesen waren, nicht in das Auto zu steigen. Er tätschelte Seans Knie und versicherte ihm, dass bald alles wieder in bester Ordnung sein würde. Heute Abend ist Dave wieder zu Hause. Du wirst schon sehen.

Dann verstummte sein Vater, trank schweigend sein Bier, doch obwohl er neben Sean sitzen blieb, spürte Sean, dass er mit seinen Gedanken woanders war, vielleicht im Schlafzimmer bei seiner Mutter oder im Keller bei seinen Vogelhäuschen.

Sean sah die Straße entlang, ließ den Blick über die chromblitzenden Autos schweifen. Er sagte sich, dass dies – all dies – Teil eines großen Plans war, auch wenn er nicht recht verstand, was es damit auf sich hatte. Aber eines Tages würde er alles verstehen. Das Adrenalin, das durch seine Adern strömte, seit Dave von den Männern mitgenommen worden war und er sich mit Jimmy auf der Straße geprügelt hatte, quoll ihm aus den Poren wie Schmutzwasser.

Sein Blick fiel auf die Stelle, wo er, Jimmy und Dave Boyle [32] sich neben dem Bel Air in die Haare gekriegt hatten, und er wartete, dass sich die Hohlräume, die das abfließende Adrenalin hinterlassen hatte, von neuem füllten. Er wartete darauf, dass sich der Plan wieder zu einem sinnvollen Ganzen fügte. Er wartete, sah auf die Straße, spürte ihr dunkles Dräuen und wartete weiter, bis sein Vater schließlich aufstand und sie wieder ins Haus gingen.

***

Jimmy trottete hinter seinem Alten in die Flats zurück. Der Alte schwankte ein wenig, rauchte seine Zigaretten, bis nur noch winzige Stummel übrig waren, und redete leise mit sich selbst. Möglich, dass ihm sein Vater eine Tracht Prügel verpassen würde, sobald sie zu Hause waren, vielleicht auch nicht, auf den paar Metern ließ sich das schwer sagen. Nachdem er arbeitslos geworden war, hatte ihm sein Vater untersagt, weiter zu den Devines zu gehen, und da Jimmy sich dem Verbot widersetzt hatte, ging er davon aus, dass er dafür noch die Quittung bekommen würde. Aber wahrscheinlich nicht heute. Sein Vater war müde, matt gesetzt vom Alkohol, was bedeutete, dass er sich zu Hause wohl wie üblich an den Küchentisch setzen und weitertrinken würde, bis er mit dem Kopf auf den Armen einschlief.

Jimmy hielt trotzdem ein paar Schritte Abstand zu ihm, nur für den Fall, warf den Ball hoch in die Luft und fing ihn mit dem Baseballhandschuh auf, den er aus Seans Zimmer gestohlen hatte, während die Cops sich von den Devines verabschiedet hatten. An ihn und seinen Vater hatte niemand ein weiteres Wort verschwendet, als sie durch den [33] Flur zur Tür gegangen waren. Durch Seans offene Zimmertür hatte er den Handschuh mit dem darin liegenden Ball erblickt, ihn sich kurzerhand gegriffen, und dann waren er und sein Vater auch schon draußen auf der Straße gewesen. Warum er den Handschuh gestohlen hatte, wusste er nicht genau. Sicher nicht, weil er auf den ebenso überraschten wie anerkennenden Blick seines Vaters scharf gewesen wäre. Drauf geschissen, und auf den Alten gleich dazu.

Es hatte etwas damit zu tun, dass Sean sich herausgenommen hatte, Dave Boyle zu schlagen, mit seinem feigen Rückzieher bei dem geplanten Autoklau und noch ein paar anderen Kleinigkeiten; seit einem Jahr waren sie Freunde, und doch wurde Jimmy nie das Gefühl los, dass es sich bei Seans kleinen Geschenken – Baseballkarten, einem halben Schokoriegel, was auch immer – irgendwie um Almosen handelte.

Als Jimmy den Baseballhandschuh vom Boden geklaubt hatte, war er total aufgekratzt, in echter Hochstimmung gewesen. Ein wenig später, beim Überqueren der Buckingham Avenue, hatte jenes vertraute Gefühl der Scham, jenes Schuldbewusstsein Besitz von ihm ergriffen, das stets über ihn kam, wenn er etwas gestohlen hatte, ein Zorn auf jenen Gott, jene Welt, die ihn solche Dinge tun ließ. Doch noch ein wenig später – sie gingen gerade den Crescent in die Flats hinunter, verspürte er einen Anflug von Stolz, als sein Blick erst auf die schäbigen dreistöckigen Häuser und dann auf den Handschuh in seiner Hand fiel.

Einerseits hatte er ein schlechtes Gewissen. Weil Sean den Handschuh vermissen würde. Andererseits lachte er sich ins Fäustchen. Weil Sean den Handschuh vermissen würde.

[34] Während er seinen Vater beobachtete, der vor ihm herstolperte – der alte Sack sah aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen und sich in ein jämmerliches Häufchen Elend verwandeln –, empfand er plötzlich blanken Hass auf Sean.

Er hasste Sean. Es war dumm von ihm gewesen zu glauben, dass sie Freunde sein konnten, und er wusste, dass er diesen Handschuh sein Leben lang behalten, ihn wie seinen Augapfel hüten, ihn niemandem zeigen und das verdammte Ding niemals benutzen würde. Lieber sterben als das.

Die Flats breiteten sich vor ihm aus, während er und der Alte im tiefen Schatten der Hochbahn weitermarschierten und sich der Stelle näherten, wo der Crescent endete und die Güterzüge an dem alten, heruntergekommenen Drive-in-Kino und dem dahintergelegenen Penitentiary Channel vorbeidonnerten, und in jenem Moment wurde ihm klar, dass sie Dave Boyle nie wiedersehen würden. Wo Jimmy wohnte, in der Rester Street, wurden dauernd Sachen gestohlen. Er war vier gewesen, als sie ihm sein Dreirad geklemmt hatten, acht, als sein Fahrrad verschwunden war. Seinem Alten hatten sie einmal den Wagen geklaut. Und seine Mutter hängte die Wäsche mittlerweile nur noch drinnen zum Trocknen auf, nachdem x-mal Klamotten von der Wäscheleine im Garten gemopst worden waren. Wurde einem etwas gestohlen, war das etwas völlig anderes, als wenn man etwas einfach verlegt hatte. Man spürte es tief in der Brust, wenn etwas auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Und genau dieses Gefühl hatte er nun, was Dave anging. Vielleicht empfand Sean ja in diesem Augenblick dasselbe, während er über der Stelle stand, wo sein [35] Baseballhandschuh gelegen hatte, in der sicheren Gewissheit, dass er nie wieder auftauchen würde.

Es war jammerschade. Jimmy hatte Dave gemocht, auch wenn er nicht genau wusste, warum. Vielleicht lag es bloß daran, dass er immer dabei gewesen war, auch wenn man ihn meistens gar nicht bemerkte.

[36] 2

Vier Tage

Wie sich herausstellen sollte, hatte Jimmy falschgelegen.

Vier Tage nach seinem Verschwinden kehrte Dave Boyle ins Viertel zurück. Er saß auf dem Vordersitz eines Streifenwagens. Die beiden Cops, die ihn nach Hause brachten, ließen ihn mit der Sirene spielen und den Schaft der Schrotflinte anfassen, die im Fußraum unter dem Armaturenbrett befestigt war. Sie schenkten ihm ein Ehrenabzeichen, und als sie ihn in der Rester Street bei seiner Mutter ablieferten, warteten bereits Zeitungs- und Fernsehreporter, um den großen Augenblick für die Nachwelt festzuhalten. Einer der Polizisten, ein Officer namens Eugene Kubiaki, hob Dave aus dem Streifenwagen und schwang ihn hoch über den Gehsteig, ehe er ihn vor seiner bebenden, gleichzeitig lachenden und weinenden Mutter absetzte.

Die halbe Nachbarschaft hatte sich in der Rester Street versammelt – Eltern, Kinder, der Postbote, die beiden kugelrunden Pork-Chop-Brüder, denen der Sandwichladen an der Ecke Rester und Sydney Street gehörte, und sogar Miss Powell, Daves und Jimmys Lehrerin in der fünften Klasse auf der Looey & Dooey. Jimmy stand bei seiner Mutter, die seinen Hinterkopf an ihren Bauch presste, eine feuchte Handfläche an seine Stirn gelegt, als wolle sie sich davon überzeugen, dass er sich nicht dieselbe Krankheit wie Dave [37] eingefangen hatte, während Jimmy einen Anflug von Eifersucht verspürte, als Officer Kubiaki den heimgekehrten Dave durch die Luft schwang, die beiden wie alte Freunde lachten und die hübsche Miss Powell ihnen begeistert applaudierte.

Ich wäre auch fast in den Wagen gestiegen, hätte Jimmy am liebsten laut gerufen. Vor allem wollte er, dass Miss Powell davon erfuhr. Sie war so schön und adrett, und wenn sie lachte, konnte man sehen, dass einer ihrer oberen Schneidezähne leicht schief stand, was sie in Jimmys Augen nur noch schöner aussehen ließ. Jedenfalls wollte er Miss Powell unbedingt sagen, dass er um ein Haar ebenfalls in das Auto gestiegen wäre, und sehen, ob sie ihn ebenso anstrahlen würde wie Dave. Er wollte ihr sagen, dass er unentwegt an sie denken musste, dass er in seinen Gedanken älter war, Auto fahren konnte und zusammen mit ihr Ausflüge machte, bei denen sie ihn dauernd anlächelte, sie zusammen picknickten und alles, was er sagte, sie zum Lachen brachte, sie dabei jenen schiefen Zahn entblößte und ihm sanft über die Wange strich.

Trotzdem fühlte sich Miss Powell irgendwie unwohl, das merkte Jimmy ganz genau. Nachdem sie ein paar Worte zu Dave gesagt und ihn auf die Wange geküsst hatte – und das gleich zweimal –, drängten andere Leute vor. Miss Powell trat beiseite; während sie auf dem rissigen Gehsteig stand und zu den schiefen dreistöckigen Häusern aufsah, der welligen Dachpappe, unter der das Holz zum Vorschein kam, erschien sie Jimmy gleichzeitig jünger und verbissener, fast nonnenhaft, so wie sie ihr Haar betastete, als wolle sie ihre Haube richten, und die Stupsnase verzog, das vernichtende Urteil bereits halb auf den Lippen.

[38] Jimmy wollte zu ihr gehen, doch seine Mutter hielt ihn immer noch fest, ignorierte seine Befreiungsversuche, und dann war Miss Powell auch schon unterwegs zur Straßenecke, und Jimmy beobachtete, wie sie verzweifelt nach jemandem winkte. Ein schwer nach Hippie aussehender Typ in einem hippiemäßigen gelben Cabrio, dessen Türen aufgepinselte, von der Sonne gebleichte lila Blumen schmückten, fuhr heran, Miss Powell stieg ein, und dann – nein, dachte Jimmy – fuhren sie auch schon davon.

Schließlich gelang es ihm, sich aus dem Griff seiner Mutter zu lösen. Er stand in der Straßenmitte, starrte die Leute an, die sich um Dave drängelten, und wünschte, er wäre selbst in jenes Auto gestiegen, und sei es nur, um jene Bewunderung zu erfahren, die Dave nun zuteilwurde, um die Blicke all jener zu genießen, die seinen Freund wie ein Wundertier beglotzten.

Im Nu herrschte Partystimmung in der Rester Street. Alle rannten von Kamera zu Kamera, hofften darauf, ins Fernsehen zu kommen oder ihr Gesicht am nächsten Morgen in der Zeitung wiederzufinden – ja, ich kenne Dave, er ist mein bester Freund, wir sind zusammen aufgewachsen, prima Kerl, Gott sei Dank ist ihm nichts weiter passiert.

Jemand drehte einen Hydranten auf, und das Wasser ergoss sich wie ein Seufzer der Erleichterung auf die Straße. Kinder warfen ihre Schuhe in den Rinnstein, krempelten die Hosenbeine hoch und hüpften im spritzenden Nass herum. Der Eismann fuhr mit seinem Wagen vor, und Dave konnte sich aussuchen, was er wollte, alles umsonst, und sogar Mr.Pakinaw, der übellaunige alte Witwer, der sonst mit seinem Luftgewehr auf Eichhörnchen schoss (und [39] gelegentlich auch auf Kinder, wenn ihre Eltern nicht hinsahen) und sich ständig lautstark über die lärmenden Nachbarn beschwerte, öffnete die Fenster, stellte seine Lautsprecher ans Fliegengitter, und dann sang Dean Martin auch schon »Memories Are Made of This«, »Volare« und lauter anderen Mist, bei dem Jimmy normalerweise das kalte Kotzen kam, aber heute passte es wie die Faust aufs Auge. Die Musik wehte die Straße hinunter wie bunte Kreppgirlanden, vermischte sich mit dem lauten Rauschen des Wassers aus dem Hydranten. Ein paar von den Typen, die im Hinterraum des Sandwichladens zockten, trugen einen Klapptisch und einen kleinen Grill nach draußen, und kurz darauf karrte jemand ein paar Kühltaschen mit Schlitz und Narragansett heran. Der fettige Duft von Hotdogs und italienischer Wurst hing in der Luft; der beißende Geruch der Holzkohle und das Zischen der Bierdosen ließen Jimmy an das Fenway-Park-Stadion denken, an Sommersonntage und jene klammheimliche Freude, die man empfand, wenn die Erwachsenen aus sich herausgingen und sich selbst wieder ein wenig wie Kinder benahmen, wenn alle lachten, jünger und entspannter aussahen und sich gemeinsam amüsierten.

Und das, genau das war es, was Jimmy so an seinem Viertel gefiel, selbst wenn abgrundtiefer Hass in ihm loderte, weil ihn sein Alter gerade verdroschen hatte oder ihm etwas gestohlen worden war, an dem er besonders hing. Es war die Art, wie die Leute hier ein Jahr der Mühen und Klagen, eingeschlagene Zähne, Jobsorgen und alte Zerwürfnisse urplötzlich abschüttelten und einfach losließen, als hätten sie nie schwere Zeiten durchgemacht. Am St.Pat’s oder am Buckingham Day, manchmal auch am 4.Juli oder wenn die [40] Sox im September eine Serie von Siegen starteten, konnte es durchaus passieren, dass das gesamte Viertel spontan in einen kollektiven Freudentaumel verfiel – oder eben, wenn ein verloren geglaubter Sohn nach Hause zurückkehrte, so wie jetzt.

Ganz anders als oben im Point. Klar, auch im Point fanden Straßenfeste statt, doch waren dafür stets die notwendigen Genehmigungen eingeholt, und alle hatten ein Auge darauf, dass kein Auto beschädigt oder Rasenflächen in Mitleidenschaft gezogen wurden – he, Vorsicht, den Zaun habe ich gerade frisch gestrichen.

In den Flats hatten die meisten Leute keinen Rasen, und die Zäune waren windschief. Wenn man feiern wollte, feierte man, weil man es sich verdammt noch mal verdient hatte. Und heute war auch niemand in der Nähe, der einem den Spaß verderben konnte. Keine Chefs, keine Inspektoren vom Sozialamt oder Schläger, die Geld eintreiben wollten. Und was die Cops anging – tja, die waren schon da, feierten aber einfach mit. Officer Kubiaki fischte sich gerade eine Wurst vom Grill, während sein Partner eine Dose Bier für später einsteckte. Die Reporter waren wieder fort, und die untergehende Sonne tauchte die Straße in mildes Feierabendlicht, doch keine der Frauen bereitete das Essen vor, und niemand ging nach Hause.

Nur Dave war nicht mehr da, wie Jimmy nun bemerkte, als er aus dem Hydrantenregen trat, seine Hosenaufschläge auswrang, sein T-Shirt wieder anzog und sich in der Schlange vor dem Hotdogstand anstellte. Daves Party war in vollem Gang, doch Dave selbst anscheinend nach Hause gegangen, so wie seine Mutter auch, und als Jimmy zum zweiten Stock [41] hinaufsah, stellte er fest, dass die Jalousien heruntergelassen waren.

Aus irgendeinem Grund musste er beim Anblick der geschlossenen Jalousien an Miss Powell denken, daran, wie sie in diesen Hippiewagen gestiegen war, und ein schmierig-trauriges Gefühl ergriff Besitz von ihm, während er sich daran erinnerte, wie er den Schwung ihres Unterschenkels und ihren Knöchel angeglotzt hatte, ehe die Autotür hinter ihr zugeschlagen war. Wohin war sie unterwegs? Fuhr sie gerade über einen Highway, wehte der Wind durch ihr Haar, wie die Musik die Rester Street hinuntergeweht war? Senkte sich die Dämmerung allmählich über die Hippiekarre, während sie und der Typ nach… Ja, wohin fuhren sie überhaupt? Jimmy hätte es gern gewusst, aber eigentlich wollte er es lieber doch nicht wissen. Zur Not konnte er sie morgen in der Schule fragen – es sei denn, sie bekamen zur Feier von Daves Rückkehr einen Tag schulfrei –, aber das würde er sich ohnehin nicht trauen.

Jimmy nahm sein Hotdog in Empfang und hockte sich gegenüber von Daves Haus auf die Bordsteinkante. Als er es halb gegessen hatte, wurde eine der Jalousien hochgezogen, und Dave trat ans Fenster. Jimmy hob die Hand mit seinem halbgegessenen Hotdog, doch Dave reagierte nicht, selbst als er noch einmal winkte, starrte lediglich zu ihm herab. Obwohl Jimmy seine Augen nicht erkennen konnte, spürte er die Ausdruckslosigkeit, den Vorwurf, der in seinem Blick lag.

Jimmys Mutter setzte sich neben ihn auf den Bordstein, und Dave verschwand vom Fenster. Jimmys Mutter war eine kleine, schmale Frau mit extrem hellem Haar. Obwohl [42] sie so dünn war, bewegte sie sich, als würden Ziegelstapel auf ihren Schultern lasten; dazu seufzte sie häufig, und zwar auf eine Art und Weise, dass Jimmy nie so recht wusste, ob sie sich dessen überhaupt bewusst war. Auf Fotos, die vor seiner Geburt entstanden waren, sah sie lange nicht so dünn und viel jünger, wie ein Teenager, aus (und genau das war sie ja damals auch gewesen, wenn man mal nachrechnete). Auf den Bildern war ihr Gesicht runder; sie hatte keine Falten und ein wunderschönes strahlendes Lächeln, das nur ein kleines bisschen ängstlich wirkte, vielleicht auch bloß neugierig, das ließ sich nur schwer sagen. Sein Vater hatte ihm tausendmal erzählt, dass Jimmy sie fast umgebracht hatte, als er aus ihr herausgekommen war, dass sie geblutet und geblutet hatte, so lange, dass die Ärzte befürchtet hatten, es würde nicht wieder aufhören. Es hatte sie ausgezehrt, pflegte sein Vater zu sagen. Und natürlich hatte sie kein weiteres Kind bekommen wollen – kein Wunder nach einer solchen Erfahrung.

Sie legte ihre Hand auf Jimmys Knie. »Na, wie geht’s, G.I. Joe?« Seine Mutter hatte alle möglichen Spitznamen für ihn, erfand sie oft einfach aus dem Stegreif, wobei Jimmy meist nicht wusste, was die Namen überhaupt bedeuteten.

Er zuckte mit den Schultern. »Alles okay.«

»Du hast ja gar nicht mit Dave gesprochen.«

»Du hast mich doch die ganze Zeit festgehalten, Ma.«

Seine Mutter nahm die Hand von seinem Knie und rieb sich die Arme in der kühler werdenden Abendluft. »Später, meinte ich. Er war doch noch länger auf der Straße.«

»Ich sehe ihn ja morgen in der Schule.«

Seine Mutter fingerte ihre Kents aus der Hosentasche, [43] zündete sich eine an und blies hektisch den Rauch aus. »Ich glaube nicht, dass er morgen zur Schule gehen wird.«

Jimmy nahm den letzten Happen von seinem Hotdog. »Dann eben ein paar Tage später. Aber er kommt doch wieder, stimmt’s?«

Seine Mutter nickte, während sie abermals Rauch über die Lippen blies. Sie stützte ihren Ellbogen mit der anderen Hand ab, rauchte und blickte zu den Fenstern hinauf. »Wie war’s heute in der Schule?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort nicht wirklich zu interessieren schien.

Jimmy zuckte mit den Schultern. »Okay.«

»Ich habe deine Lehrerin kennengelernt. Sie ist sehr nett.«

Jimmy schwieg.

»Sehr, sehr nett«, wiederholte seine Mutter.

Jimmy schwieg weiter. Ohnehin wusste er meist nicht, was er zu seinen Eltern sagen sollte. Seine Mutter war völlig kaputt. Ihr Blick verlor sich immer wieder an Orten, die Jimmy nicht sehen konnte, während sie ihre Zigaretten rauchte, und alle naselang musste er Dinge mehrmals sagen, weil sie ihm nicht zuhörte. Sein Vater war meistens mies drauf, und selbst wenn er mal nicht mies drauf war und man durchaus Spaß mit ihm haben konnte, war Jimmy nur allzu klar, dass er sich von einer Sekunde auf die andere wieder in einen missgelaunten Säufer zurückverwandeln konnte, der einen urplötzlich wegen etwas verprügelte, über das er eine halbe Stunde zuvor wahrscheinlich noch gelacht hätte. Und auch wenn er es gern verdrängte, hatte er sowohl Eigenschaften seiner Mutter als auch seines Vaters geerbt – ihre Schwermut und seine aus heiterem Himmel kommenden Wutanfälle.

[44] Wenn Jimmy sich nicht gerade fragte, wie es wäre, mit Miss Powell zusammen zu sein, fragte er sich, wie es wohl wäre, ihr Sohn zu sein.

Seine Mutter musterte ihn mit forschendem Blick, die Zigarette neben ihrem Ohr.

»Was ist denn?«, fragte er und lächelte sie verlegen an.

Sie erwiderte sein Lächeln. »Hast ein Lächeln wie ein Weltmeister, Cassius Clay.«

»Echt?«

»Und was für eins. Aus dir wird mal ein Herzensbrecher.«

»Äh, wenn du meinst«, sagte Jimmy, und sie mussten beide lachen.

»Du könntest ein bisschen gesprächiger sein«, sagte seine Mutter.

Du aber auch, hätte Jimmy um ein Haar geantwortet.

»Aber das macht nichts. Frauen stehen auf schweigsame Typen.«

Über die Schulter seiner Mutter erblickte Jimmy seinen Vater, der gerade aus dem Haus stolperte; seine Kleidung war zerknittert, sein Gesicht aufgedunsen vom Schlaf, vom Alkohol oder beidem. Er ließ den Blick über die Straße schweifen, als könne er sich ums Verrecken nicht vorstellen, wieso hier ein Fest stattfand.

Jimmys Mutter wandte sich um, und als sie ihn wieder ansah, war sie völlig am Ende, ihr Lächeln so erloschen, als wüsste sie gar nicht, wie man eins zustande brachte. »He, Jim.«

Er liebte es, wenn seine Mutter ihn »Jim« nannte. Er fühlte sich dann immer, als würden sie zusammen einen Geheimplan aushecken.

[45] »Ja?«

»Ich bin gottfroh, dass du nicht in den Wagen gestiegen bist.« Sie küsste ihn auf die Stirn, und Jimmy sah, dass ihre Augen feucht schimmerten. Dann stand sie auf und gesellte sich zu einer Gruppe anderer Frauen, ohne sich noch einmal zu ihrem Mann umzudrehen.

Als Jimmy aufblickte, sah er, dass Dave wieder hinter dem Fenster stand und zu ihm heruntersah; das Zimmer war jetzt von gedämpftem gelben Licht erhellt. Diesmal machte sich Jimmy nicht die Mühe zu winken. Nun, da Polizei und Reporter fort und alle derart mit Feiern beschäftigt waren, dass sich niemand mehr erinnern konnte, warum überhaupt gefeiert wurde, begriff Jimmy, wie Dave sich dort oben in der Wohnung fühlen musste, allein bis auf seine verrückte Mutter, umgeben von braunen Wänden und trübem gelben Licht, während unten auf der Straße die Post abging.

Und da war er wieder gottfroh, dass er nicht in das Auto gestiegen war.

Einen Schaden fürs Leben. Das hatte sein Vater am Abend zuvor zu seiner Mutter gesagt: »Selbst wenn sie ihn lebend finden, hat der Junge einen Schaden fürs Leben. Davon wird er sich nie wieder erholen.«

Dave hob eine Hand. Er hielt sie in Schulterhöhe und verharrte so eine kleine Ewigkeit, und als Jimmy ihm winkte, spürte er, wie sich eine ungekannte Traurigkeit in kleinen Wellen bis in sein tiefstes Inneres ausbreitete. Er wusste nicht, ob diese Traurigkeit etwas mit seinem Vater, seiner Mutter, Miss Powell, ihrem Viertel oder mit Dave zu tun hatte, der unablässig weiter die Hand hochhielt, doch was [46] auch immer sie ausgelöst hatte – eins von alldem oder alles zusammen –, sie würde für immer in ihm bleiben. Jimmy war elf Jahre alt, aber er fühlte sich viel älter. Steinalt. So alt wie seine Eltern, so alt wie die Straße, in der er lebte.

Einen Schaden fürs Leben, dachte Jimmy und nahm seine Hand herunter. Er sah, wie Dave ihm zunickte und dann die Jalousie herabließ, um sich wieder in die totenstille Wohnung mit den braunen Wänden und den tickenden Uhren zurückzuziehen, und Jimmy spürte, wie sich die Traurigkeit weiter in ihm ausdehnte, sich in seinem Innern einnistete wie in einem Kokon, doch er versuchte nicht einmal, gegen sie anzukämpfen, da er wusste, dass es ohnehin zwecklos war.

Er stand auf, einen Moment lang unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte. Er verspürte jenen nervösen, bohrenden Drang, entweder etwas zu Klump zu schlagen oder etwas Verrücktes zu unternehmen. Doch als plötzlich sein Magen knurrte, merkte er, dass er immer noch Hunger hatte – weshalb er wieder zum Hotdogstand zurückging, darauf hoffend, dass noch ein paar übrig waren.

***

In den folgenden Tagen wurde Dave Boyle zu einer kleinen Berühmtheit, und das nicht nur im Viertel, sondern im ganzen Staat Massachusetts. Am nächsten Morgen erschien der Record American mit der Schlagzeile VERMISSTER JUNGE GEFUNDEN. Das Foto über dem Knick zeigte Dave auf der Treppe vor seinem Haus, während seine Mutter ihre dünnen Arme um seine Brust gelegt hatte; die beiden wurden [47] eingerahmt von einer Gruppe Grimassen schneidender Jungs, die links und rechts von ihnen in die Kamera lachten, und alle schienen bester Laune, abgesehen von Daves Mutter, die eine Miene zog, als hätte sie im strömenden Regen den Bus verpasst.

Dieselben Jungs, die zusammen mit ihm auf der Titelseite gewesen waren, fingen eine Woche später an, ihn in der Schule »Stricher« zu nennen. Wenn Dave sie ansah, spiegelte sich in ihren Gesichtern eine Feindseligkeit, die sie sich wahrscheinlich ebenso wenig erklären konnten wie er selbst. Daves Mutter sagte, dass sie wohl von ihren Eltern aufgehetzt worden wären – beachte sie einfach nicht, Davey, dann verlieren sie über kurz oder lang die Lust daran, und nächstes Jahr sind sie wieder deine Freunde.

Dave nickte dann und fragte sich, ob er irgendetwas an sich hatte – irgendein Mal in seinem Gesicht, das er selbst nicht sehen konnte –, weshalb ihm alle weh tun wollten. So wie die Männer in dem Wagen. Warum hatten sie sich ausgerechnet ihn herausgepickt? Woher hatten sie gewusst, dass er in ihr Auto steigen würde, Jimmy und Sean aber nicht? Genauso erschien es ihm nämlich im Nachhinein. Jene Männer (obwohl er wusste, wie sie hießen, zumindest die Namen kannte, mit denen sie sich angesprochen hatten, brachte er es nicht über sich, sie auch nur in Gedanken so zu nennen) hatten gewusst, dass Sean und Jimmy sich nicht kampflos in ihr Schicksal ergeben hätten. Sean wäre wahrscheinlich schreiend nach Hause gelaufen, und Jimmy hätten sie erst einmal k.o. schlagen müssen, um ihn in ihr Auto zerren zu können. Der große Wolf hatte es mit einem Seitenblick auf seinen Beifahrer selbst zugegeben: »Hast du’s [48] mitbekommen? Wie mich der Kleine in dem weißen T-Shirt angeguckt hat? Der hatte überhaupt keine Angst. Ich sage dir, der legt eines Tages noch jemanden um, ohne deshalb auch nur eine Nacht schlecht zu schlafen.«

Sein Partner, der fiese Wolf, hatte gegrinst. »Ich steh drauf, wenn sie sich ein bisschen wehren.«

Worauf der große Wolf den Kopf geschüttelt hatte. »Der kleine Dreckskerl würde dir den Daumen abbeißen – so richtig sauber vom Knochen abtrennen.«

Es half, ihnen blöde Namen zu geben: der große Wolf und der fiese Wolf. Es half Dave, sie sich als Tiere vorzustellen, als Wölfe in Menschengestalt, und in seiner Vorstellung wurde er ebenfalls zu einer Romanfigur: der Junge, der von Wölfen entführt worden war. Der Junge, der ihnen entkommen war und sich durch den feuchten Wald bis zu einer Esso-Tankstelle durchgeschlagen hatte. Der Junge, der cool und clever geblieben war und auf seine Chance zur Flucht gewartet hatte. In der Schule war er jedoch nur der Junge, der verschleppt worden war, und alle malten sich in grellsten Farben aus, was wohl während jener vier Tage mit ihm geschehen war. Eines Morgens stellte sich ein Siebtklässler namens Junior McCaffery auf der Schultoilette neben Dave ans Pissoir und sagte: »Na, musstest du ihnen einen blasen?« Worauf seine Kumpels aus der Siebten laut losgelacht und Knutschgeräusche von sich gegeben hatten.

Mit zitternden Fingern zog Dave seinen Reißverschluss hoch. Sein Gesicht war knallrot, als er Junior McCaffery ansah. Er versuchte so finster dreinzublicken wie nur eben möglich, doch im selben Augenblick verpasste ihm Junior eine schallende Ohrfeige.

[49] Das Klatschen hallte durch die Toilette. Einer der Siebtklässler keuchte wie ein kleines Mädchen.

»Willst du irgendwas sagen, Hinterlader?«, zischte Junior. »Hä? Soll ich dir noch eine kleben, du schwule Sau?«

»Er weint«, sagte jemand.

»Aber wie!«, kreischte Junior McCaffery, und nun liefen Dave die Tränen erst so richtig über die Wangen. Er spürte, wie sich das taube Gefühl in seinem Gesicht in ein Brennen verwandelte, doch war es nicht der Schmerz, der ihm weh tat. Schmerzen hatten ihm noch nie besonders viel ausgemacht, er hatte nicht einmal geweint, als er sich bei einem Sturz mit dem Rad am Pedal den Knöchel aufgeschlitzt hatte, und immerhin war die Wunde mit sieben Stichen genäht worden. Was ihn zum Weinen brachte, war die Bandbreite der Emotionen, die ihm auf der Schultoilette entgegenschlug – Hass, Ekel, Zorn, Verachtung, und alles gegen ihn gerichtet. Er verstand nicht, warum. Er hatte niemandem etwas getan. Aber sie hassten ihn trotzdem, und deshalb fühlte er sich plötzlich wie der einsamste Mensch auf der ganzen Welt. Er fühlte sich schuldig, winzig, wie ein Ausgestoßener, und er weinte, weil er sich nicht so fühlen wollte.

Sie lachten über seine Tränen. Junior tanzte um ihn herum und äffte Daves Leidensmiene nach. Als Dave sich schließlich wieder unter Kontrolle hatte, nur noch ein bisschen schniefte, schlug Junior noch einmal mit der flachen Hand zu, genauso hart wie beim ersten Mal.

»Sieh mich an«, sagte Junior, während Dave spürte, wie ihm noch mehr Tränen über die Wangen liefen. »Sieh mich an.«

Dave sah zu Junior auf, in der vagen Hoffnung, einen [50] Hauch von Erbarmen, Menschlichkeit oder auch nur Mitleid – das hätte ihm schon gereicht – in seinen Augen zu erkennen, aber alles, was er sah, war ein höhnisches Funkeln.

»Ja«, sagte Junior. »Du hast es ihnen besorgt.«

Er tat so, als wolle er noch einmal zuschlagen, und Dave zuckte zurück, doch da hatte Junior sich bereits abgewandt, und alle lachten, als sie sich wieder nach draußen begaben.

Mr.Peters, ein Freund seiner Mutter, der gelegentlich bei ihnen übernachtete, hatte einmal zu Dave gesagt: »Anspucken oder ohrfeigen – das sind die zwei Dinge, die du niemandem je durchgehen lassen darfst. Beides ist schlimmer als ein Faustschlag, und wenn dich jemand auf diese Weise demütigen will, dann bringst du ihn um, wenn du kannst.«

Dave hockte sich auf den Fliesenboden und wünschte, er hätte das Zeug dazu – den Willen, einen anderen Menschen zu töten. Dann hätte er wahrscheinlich bei Junior McCaffery angefangen und anschließend den großen und den fiesen Wolf kaltgemacht, immer vorausgesetzt, dass sie ihm jemals wieder über den Weg liefen. Die Wahrheit aber war, dass er so etwas nie fertiggebracht hätte. Er hatte keine Ahnung, warum Menschen grausam zu anderen Menschen waren. Er verstand es nicht. Er verstand es einfach nicht.