In der Schwebe - Tess Gerritsen - E-Book

In der Schwebe E-Book

Tess Gerritsen

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8,99 €

Beschreibung

Die begabte Medizinwissenschaftlerin Emma Watson forscht auf einer Weltraumstation und entdeckt seltsame Zellen im All. Sie vermehren sich mit rasanter Geschwindigkeit, befallen Weltraumforscher und verursachen eine Krankheit, die zum qualvollen Tod führt. Der Versuch der NASA, Emmas Team zurückzuholen, mündet in einer Katastrophe - und die Killer-Mikroben bedrohen nun auch die Menschen auf der Erde. Doch Emma kreist den schier unbesiegbaren Gegner ein.

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TESS GERRITSEN

In der Schwebe

 

Roman

 

 

Deutsch von Andreas Jäger

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

CopyrightDie See
1
Der Start
23456
Die Station
78
Die Krankheit
9101112131415
Die Autopsie
161718
Die Chimäre
192021222324
Der Ursprung
252627
Die See
28
GlossarDanksagung

Den Männern und Frauen,durch die Raumfahrt zur Wirklichkeit wurde.

 

Die größten Errungenschaften der Menschheitsind aus Träumen hervorgegangen.

Die See

1

Galapagos-Graben 0, 3 Grad Süd / 90, 3 Grad West

 

Er glitt am Rand des Abgrunds entlang.

Unter ihm gähnte die schwarze Weite einer kalten Unterwasserwelt, zu der die Sonne nie durchgedrungen war und in der das flüchtige Funkeln von Leuchtorganismen die einzige Lichtquelle war. Dr. Stephen D. Ahearn lag ausgestreckt mit dem Gesicht nach unten in der eng anliegenden Mulde der Deep Flight IV, während sein Kopf in der transparenten, kegelförmigen Acrylnase des Bootes ruhte. Er hatte das berauschende Gefühl, ganz und gar losgelöst durch die Weiten des Alls zu fliegen. In den Lichtkegeln der an den Flügeln angebrachten Scheinwerfer sah er den sanften, unablässigen Regen aus organischen Abfällen, die langsam aus den lichtdurchfluteten Wasserschichten hoch über ihm herabsanken. Es handelte sich um abgestorbene Protozoen, Urtierchen, die durch Tausende Meter Wasser auf ihre endgültige Ruhestätte am Meeresboden zutrieben.

Während er durch den lautlosen Niederschlag aus toter Materie dahinglitt, steuerte er die Deep Flight IV am Rand des Unterwasser-Cañons entlang, den Abgrund immer backbords, unter sich den Grund des Plateaus. Obwohl die Sedimentschicht scheinbar unfruchtbar war, ließen sich doch überall Anzeichen von Leben entdecken. Umherstreifende Kreaturen, die sich jetzt sicher unter ihrer schützenden Sedimentdecke verbargen, hatten Abdrücke und Furchen im Meeresboden hinterlassen. Aber auch Zeugnisse menschlicher Zivilisation waren zu finden. Er sah eine verrostete Kette, die sich um einen verloren gegangenen Anker schlängelte, eine halb im Schlamm versunkene Limoflasche. Geisterhafte Überreste der fremden Welt dort oben.

Urplötzlich bot sich ihm ein verblüffender Anblick. Er hatte den Eindruck, auf einen Unterwasserhain aus verkohlten Baumstümpfen gestoßen zu sein. Was er sah, waren so genannte Schwarze Raucher, Röhren oder Schlote von sechs Metern Durchmesser, entstanden durch aufgelöste Minerale, die aus der Erdkruste hervorquollen. Mit den beiden Steuerknüppeln lenkte er die Deep Flight behutsam nach steuerbord, um den Schloten auszuweichen.

»Ich habe die hydrothermale Spalte gefunden«, sagte er. »Geschwindigkeit zwei Knoten, Schwarze Raucher backbords.«

»Wie fährt es sich?« Helens Stimme drang durch das Rauschen in seinem Kopfhörer.

»Prächtig. So einen Schlitten hätte ich auch gerne.«

Sie lachte. »Dann machen Sie sich darauf gefasst, einen ziemlich fetten Scheck auszustellen, Steve. Haben Sie das Knollenfeld schon entdeckt? Es müsste direkt vor Ihnen sein.«

Ahearn war einen Moment lang still, während er in die trüben Wassermassen hinausspähte. Dann sagte er: »Ich sehe sie.«

Die Manganknollen glichen über den Meeresboden verstreuten Kohleklumpen. Entstanden aus Mineralien, die sich um Steine oder Sandkörner herum abgelagert und dabei seltsame, geradezu bizarre Formen angenommen hatten, waren sie eine höchst begehrte Quelle von Titan und anderen Edelmetallen. Aber er schenkte den Knollen keinerlei Beachtung. Er war auf der Suche nach einem weitaus wertvolleren Schatz.

»Ich steuere jetzt in den Cañon hinein«, sagte er.

Mit den Steuerknüppeln lenkte er die Deep Flight über den Rand des Plateaus hinweg. Er erhöhte die Geschwindigkeit auf zweieinhalb Knoten, und die Flügel, die so konstruiert waren, dass sie den umgekehrten Effekt eines Flugzeugflügels hatten, zogen das U-Boot nach unten. Er begann den Abstieg in die Schlucht.

»Elfhundert Meter«, zählte er mit. »Elfhundertfünfzig …«

»Achten Sie auf den Sicherheitsabstand. Es ist eine enge Spalte. Überprüfen Sie regelmäßig die Wassertemperatur?«

»Sie steigt langsam an. Liegt jetzt bei vierzehn Grad.«

»Ist noch ein gutes Stück bis zur Spaltenöffnung. Noch zweitausend Meter, und es wird so richtig heiß.«

Ein Schatten schoss plötzlich direkt vor Ahearns Gesicht vorbei. Er zuckte zusammen und gab dabei dem Steuerknüppel unwillkürlich einen Ruck. Das Boot rollte nach steuerbord, es gab ein dumpfes metallisches Dröhnen, und der harte Aufprall an der Wand des Cañons ließ den gesamten Rumpf erzittern.

»Herr im Himmel!«

»Status?«, rief Helen. »Steve, wie ist Ihr Status?«

Er hyperventilierte, in Panik schlug sein Herz gegen die Mulde, in der er lag. Der Rumpf! Habe ich den Rumpf beschädigt? Durch das Rasseln seines eigenen Atems horchte er auf das Ächzen des nachgebenden Stahls, auf den tödlichen Schwall eindringenden Wassers. Er befand sich eintausendeinhundert Meter unter dem Meeresspiegel, und ein Druck von über einhundert Atmosphären umschloss das Boot von allen Seiten wie eine Faust. Ein Leck im Rumpf, und das Wasser würde hineinströmen und ihn zerquetschen.

»Steve, sagen Sie etwas!«

Sein Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Schließlich fand er die Sprache wieder. »Etwas hat mich erschreckt – bin mit der Wand des Cañons kollidiert …«

»Ist etwas beschädigt?«

Er warf einen Blick durch die Acrylscheibe. »Kann ich nicht sagen. Ich glaube, ich bin mit dem vorderen Sonarelement gegen die Felswand geknallt.«

»Sind Sie noch manövrierfähig?«

Er betätigte die Steuerknüppel und gab dem Boot einen kleinen Ruck Richtung backbord. »Ja. Ja.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich denke, ich bin okay. Irgendetwas ist direkt an meinem Sichtfenster vorbeigeschwommen. Hat mich aus dem Konzept gebracht.«

»Irgendetwas?«

»Es war gleich wieder weg! Da war nur dieser Strich – wie eine Schlange, die an einem vorbeizischt.«

»Sah es aus wie ein Aal mit dem Kopf eines Fischs?«

»Ja. Ja, genau so etwas habe ich gesehen.«

»Dann war es eine Aalquappe. Thermarces cerberus.«

Cerberus, dachte Ahearn und schauderte. Der dreiköpfige Hund, der die Pforten der Hölle bewachte.

»Sie werden von Hitze und Schwefel angelockt«, sagte Helen. »Sie werden noch mehr von denen sehen, wenn Sie sich der Spalte nähern.«

Na, wenn Sie das sagen. Ahearn wusste so gut wie nichts über Meeresbiologie. Die Lebewesen, die jetzt an seiner Acrylkuppel vorbeischwammen, waren für ihn lediglich Objekte der Neugierde, lebende Hinweisschilder, die ihm den Weg zu seinem Ziel wiesen. Er hatte jetzt beide Steuerhebel fest im Griff und manövrierte die Deep Flight IV tiefer in den Abgrund.

Zweitausend Meter. Dreitausend.

Und wenn er den Rumpf nun doch beschädigt hatte?

Viertausend Meter, und der ohnehin schon ungeheure Wasserdruck stieg linear an, je weiter er in die Tiefe vordrang. Das Wasser war jetzt noch schwärzer, gefärbt von den Schwefelwolken, die aus der Erdspalte drangen. Die Flügelscheinwerfer konnten die dichte Mineralsuspension kaum noch durchdringen. Durch aufgewirbelte Ablagerungen hindurch, die ihm die Sicht raubten, steuerte er das Boot aus dem schwefelgetönten Wasser heraus, bis er allmählich wieder mehr erkennen konnte. Er sank jetzt neben der hydrothermalen Spalte herab, außerhalb der Fontäne des vom Magma erhitzten Wassers, doch die Außentemperatur stieg weiter.

Fünfzig Grad Celsius.

Wieder zuckte eine blitzartige Bewegung quer über sein Gesichtsfeld. Diesmal gelang es ihm, die Steuerknüppel ruhig zu halten. Er sah weitere Aalquappen; gleich fetten, kopfüber aufgehängten Schlangen schwebten sie wie im luftlosen Raum dahin. Das Wasser, das aus dem Spalt im Meeresboden hervorbrach, war reich an erhitztem Schwefelwasserstoff, einer toxischen und lebensfeindlichen Chemikalie. Aber selbst in diesen schwarzen, giftigen Gewässern hatte Leben gedeihen können; es blühte hier in fantastischen, wunderschönen Formen. An der Wand der Schlucht hafteten fast zwei Meter lange Riftia-Würmer, deren federartiger scharlachroter Kopfschmuck in der Strömung wiegte. Er sah Ansammlungen von riesigen Muscheln mit weißen Schalen, aus denen samtig-rote Zungen hervorlugten. Und er sah Krabben von unwirklich blasser Färbung, die Geistern gleich in den Felsspalten umherhuschten.

Obwohl die Klimaanlage in Betrieb war, spürte er allmählich die Hitze.

Sechstausend Meter. Wassertemperatur zweiundachtzig Grad. Im Inneren der vom kochenden Magma erhitzten Wasserfontäne würde die Temperatur über zweihundertfünfzig Grad betragen. Dass sogar hier, in völliger Dunkelheit, in diesem giftigen und extrem aufgeheizten Wasser, noch Leben existieren konnte, war wie ein Wunder.

»Ich bin jetzt auf sechstausendsechzig«, sagte er. »Ich kann es nicht sehen.«

Durch das Rauschen und Knacken in seinem Kopfhörer drang schwach Helens Stimme. »Es gibt da einen Felsvorsprung in der Wand. Sie sollten ihn bei etwa sechstausendachtzig Metern erkennen können.«

»Ich suche danach.«

»Verlangsamen Sie Ihre Fahrt. Er wird gleich auftauchen.«

»Sechstausendsiebzig, ich suche immer noch. Das ist eine regelrechte Erbsensuppe hier unten. Vielleicht ist meine Position falsch.«

»… Sonarwerte … bricht über Ihnen zusammen!« Ihre aufgeregte Stimme ging in dem stärker werdenden Rauschen unter.

»Das habe ich nicht verstanden. Wiederholen Sie.«

»Die Wand des Cañons bricht zusammen! Die Trümmer fallen auf Sie herunter. Sehen Sie zu, dass Sie da wegkommen!«

Das laute Trommeln von Steinbrocken, die auf den Rumpf aufschlugen, ließ ihn in Panik die Steuerknüppel nach vorne stoßen. Im Halbdunkel sah er einen gewaltigen Schatten direkt vor seinen Augen herabstürzen und von einem Felsvorsprung abprallen. Erneut ergoss sich ein Schauer von Geröll in den Abgrund. Der Trommelwirbel wurde schneller. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall, und gleichzeitig traf ihn ein heftiger Ruck wie der Schlag einer riesigen Faust.

Sein Kopf wurde zur Seite geschleudert, und er prallte mit dem Unterkiefer gegen die Mulde. Er spürte, wie sich sein Körper zur Seite neigte, und er hörte ein fürchterliches metallisches Kreischen, als der Steuerbordflügel die Felswand streifte. Das U-Boot rollte weiter, während aufgewirbelte Ablagerungen die Kuppel in eine Wolke hüllten, die jegliche Orientierung unmöglich machte.

Er riss den Nothebel für Ballastabwurf um und mühte sich verzweifelt, das Boot nach oben zu steuern. Die Deep Flight IV machte einen Satz nach vorne, wieder ertönte das Kreischen von Metall auf Stein, und dann kam das Fahrzeug mit einem Ruck zum Stillstand. Er saß in dem nach steuerbord geneigten Boot fest. Wie wild bearbeitete er die Steuerknüppel, schaltete die Hilfspropeller auf volle Fahrt voraus.

Keine Reaktion.

Er hielt inne. Sein Herz pochte, während er sich bemühte, die in ihm aufsteigende Panik zu unterdrücken. Warum bewegte er sich nicht? Warum reagierte das Boot nicht? Er zwang sich, die beiden digitalen Anzeigenfelder zu überprüfen. Batterieladung im grünen Bereich. Klimaanlage funktioniert. Tiefenmessung bei sechstausendzweiundachtzig Meter.

Die Sedimentteilchen gaben allmählich die Sicht wieder frei, und im Schein seines Backbord-Strahlers konnte er einzelne Formen erkennen. Er spähte angestrengt durch die Acrylkuppel geradeaus und erblickte eine fremdartige Landschaft aus gezackten schwarzen Steinen und blutroten Riftia-Würmern. Dann reckte er den Hals zur Seite, um einen Blick auf seinen Steuerbordflügel zu werfen. Was er dort sah, drehte ihm fast den Magen um.

Der Flügel war zwischen zwei Felsbrocken eingeklemmt. Er konnte weder vor noch zurück. Ich bin lebendig begraben, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.

»… hören? Steve, können Sie mich hören?«

Er hörte seine eigene Stimme, schwach vor Angst: »Kann nicht von der Stelle – Steuerbordflügel eingeklemmt …«

»… Backbordflügelklappen. Mit einem Giermanöver könnten Sie sich vielleicht Stück für Stück befreien.«

»Das habe ich schon versucht. Ich habe alles versucht. Ich kann mich nicht rühren.«

Im Kopfhörer wurde es totenstill. Hatte er sie verloren? War die Verbindung gekappt worden? Er dachte an das Schiff dort oben, an das Deck, das sich sanft in der Dünung wiegte. Er dachte an den Sonnenschein. Es war ein wunderbar sonniger Tag gewesen dort an der Oberfläche. Vögel, die am Himmel vorüberzogen, das Meer tiefblau …

Jetzt war eine männliche Stimme zu hören. Sie gehörte Palmer Stevens, dem Mann, der die Expedition finanziert hatte. Er sprach ruhig und beherrscht, so wie immer. »Wir leiten die Rettungsmaßnahmen ein, Steve. Das andere U-Boot wird schon zu Wasser gelassen. Wir bringen Sie so schnell wie möglich nach oben.« Eine Pause, und dann: »Können Sie irgendetwas erkennen? Wie sieht Ihre Umgebung aus?«

»Ich – ich befinde mich auf einem Felsvorsprung direkt über der Spalte.«

»Welche Einzelheiten können Sie erkennen?«

»Was?«

»Sie sind auf sechstausendzweiundachtzig Meter. Genau die Tiefe, die uns interessiert. Was können Sie über den Vorsprung sagen, auf dem Sie festsitzen? Die Felsen?«

Ich werde sterben, und er stellt mir Fragen über die verdammten Felsen.

»Steve, schalten Sie den Stroboskopscheinwerfer ein. Sagen Sie uns, was Sie sehen.«

Er zwang sich, den Blick auf die Instrumententafel zu richten, und drückte den Stroboskopschalter.

Helle Lichtblitze durchzuckten das trübe Wasser. Er starrte die Landschaft an, die sich flackernd vor seiner Netzhaut aufbaute. Zuvor hatte er sich auf die Würmer konzentriert. Jetzt wandte er seine Aufmerksamkeit dem riesigen Trümmerfeld zu, das den Boden des Felsvorsprungs bedeckte. Die Steine glichen Magnesiumknollen, nur dass diese hier gezackte Ränder hatten, wie Glassplitter. Er drehte den Kopf nach rechts zu den frisch abgebrochenen Felsbrocken, die den Flügel des Bootes einklemmten – und mit einem Mal wurde ihm klar, was er da sah.

»Helen hat Recht«, flüsterte er.

»Ich habe Sie nicht verstanden.«

»Sie hatte Recht! Die Iridiumquelle – ich kann sie ganz deutlich sehen …«

»Sie werden schwächer. Ich rate Ihnen …« Gabriels Stimme wurde von Rauschen überlagert und verstummte schließlich.

»Ich habe nicht verstanden. Ich wiederhole, ich habe Sie nicht verstanden!«, rief Ahearn.

Keine Antwort.

Er hörte nur das Pochen seines Herzens, das Zischen seines eigenen Atems. Ruhig, ganz ruhig. Ich verbrauche meinen Sauerstoff zu schnell …

Auf der anderen Seite der Acrylkuppel tanzten die Lebewesen der Tiefe mit anmutigen Bewegungen durch das giftige Wasser. Während die Minuten sich zu Stunden dehnten, beobachtete er die Riftia-Würmer, die mit wiegenden Bewegungen ihrer roten Federbüsche das Wasser nach Nahrung durchkämmten. Er sah eine augenlose Krabbe, die langsam über die von Steinen übersäte Ebene kroch.

Das Licht wurde schwächer. Das Gebläse der Klimaanlage verstummte abrupt.

Die Batterie war leer.

Der Start

2

7. Juli Zwei Jahre später

 

Abbruch.

Inmitten des ohrenbetäubenden Donnerns der Feststoffraketen und des markerschütternden Bebens des Raumtransporters schoss Missionsspezialistin Emma Watson plötzlich der Befehl Abbruch so deutlich durch den Kopf, als hätte ihr jemand das Wort über ihren Kopfhörer zugerufen. Tatsächlich hatte keines der Crewmitglieder es laut ausgesprochen, doch in diesem Moment wusste sie, dass eine Entscheidung getroffen werden musste, und zwar schnell. Noch hatte sie das Urteil weder von Commander Bob Kittredge noch von der Pilotin Jill Hewitt gehört, die beide im Cockpit vor ihr saßen, doch das war auch nicht nötig. Sie arbeiteten schon so lange als Team zusammen, dass jeder die Gedanken der anderen lesen konnte. Die gelben Warnlichter, die jetzt auf dem Kontrollpult des Shuttle aufleuchteten, diktierten ihre nächsten Schritte.

Sekunden zuvor hatte die Endeavour Max Q erreicht, den Zeitpunkt der größten aerodynamischen Belastung während des Starts, wenn der Raumtransporter sich gegen den Widerstand der Atmosphäre stemmt und heftig zu zittern beginnt. Kittredge hatte den Schub vorübergehend auf siebzig Prozent gedrosselt, um die Vibrationen zu mildern. Jetzt zeigten die Warnlichter am Kontrollpult an, dass sie zwei ihrer drei Triebwerke verloren hatten. Auch wenn sie noch von einem Triebwerk und zwei Feststoffraketen angetrieben wurden, würden sie die Umlaufbahn nicht erreichen.

Sie mussten den Start abbrechen.

»Bodenkontrolle, hier Endeavour«, sagte Kittredge mit ruhiger, fester Stimme. Keine Spur von Besorgnis. »Können nicht durchstarten. Linkes und mittleres Haupttriebwerk bei Max Q ausgefallen. Wir hängen fest. Gehen auf Abbruch durch RTLS.«

»Roger, Endeavour. Bestätigen Ausfall von zwei Haupttriebwerken. Fahren Sie fort mit RTLS, sobald Feststoffraketen abgebrannt.«

Emma durchsuchte bereits den Stapel von Checklisten und fand die Karte mit den Anweisungen für »Abbruch durch RTLS« – durch Rückkehr zum Startplatz. Die Crew kannte jeden einzelnen Schritt auswendig, aber in der Aufregung und Hektik eines unvorhergesehenen Abbruchs konnte es vorkommen, dass ein entscheidender Handgriff vergessen wurde. Die Checkliste war ihr Sicherheitsnetz.

Mit rasendem Puls las Emma die entsprechenden Anweisungen durch, die deutlich mit blauer Farbe hervorgehoben waren. Es war durchaus möglich, einen RTLS-Abbruch mit Ausfall von zwei Triebwerken zu überleben – aber nur theoretisch. Dazu musste jetzt eine ganze Reihe von Beinahe-Wundern geschehen. Zuerst mussten sie Treibstoff ablassen und das verbliebene Haupttriebwerk abschalten, bevor sie sich von dem riesigen externen Treibstofftank abkoppeln konnten. Anschließend würde Kittredge den Raumtransporter herumwerfen, sodass sie mit den Köpfen nach oben im Cockpit saßen und die Nase des Shuttle in Richtung Startrampe zeigte. Er hatte genau eine Chance, sie zu einer sicheren Landung beim Kennedy Space Center zu führen. Ein einziger Fehler, und die Endeavour würde samt Besatzung ins Meer stürzen.

Ihr Leben lag jetzt in den Händen von Commander Kittredge.

Seine Stimme – er war in ständiger Verbindung mit der Kontrollstation – klang immer noch ruhig, ja sogar etwas gelangweilt, während sie sich allmählich der Zwei-Minuten-Marke näherten. Der nächste kritische Punkt. Auf der Anzeige blinkte das Pc<50-Signal. Die Feststoffraketen brannten planmäßig aus.

Emma spürte plötzlich den enormen Geschwindigkeitsabfall, als die Raketen den letzten Rest Treibstoff verbraucht hatten. Dann zwang sie ein heller Lichtblitz im Fenster, die Augen zusammenzukneifen: Die Feststoffraketen waren abgesprengt worden.

Das Tosen, das den Start begleitet hatte, verstummte mit einem Mal. Das heftige Beben hatte sich ebenfalls gelegt; sie glitten jetzt ruhig, fast friedlich dahin. In der plötzlich eingetretenen unheimlichen Stille bemerkte sie, wie ihr Puls sich beschleunigte und ihr Herz wie eine Faust gegen den Brustkorb hämmerte.

»Bodenkontrolle, hier Endeavour«, sagte Kittredge, der immer noch unnatürlich ruhig war. »Haben SRB abgetrennt.«

»Roger, wir können es sehen.«

»Leiten Abbruch ein.« Kittredge drückte den Abbruch-Knopf; der Drehschalter war bereits auf RTLS eingestellt.

Über ihren Kopfhörer hörte Emma Jill Hewitt rufen: »Emma, lass uns die Checkliste hören!«

»Ich hab sie hier.« Emma begann laut vorzulesen, und ihre eigene Stimme klang ebenso verblüffend ruhig wie die von Kittredge und Hewitt. Hätte jemand ihre Unterhaltung belauscht, er wäre nie darauf gekommen, dass sie einer Katastrophe ins Auge blickten. Sie funktionierten jetzt wie Maschinen, sie unterdrückten ihre Panik, und jeder einzelne Handgriff vollzog sich mechanisch, gesteuert von Routine und der Erinnerung an auswendig gelernte Abläufe. Ihre Bordcomputer würden den Kurs für den Rückflug automatisch einstellen. Noch befanden sie sich auf ihrer geplanten Flugbahn. Der Raumtransporter ließ weiterhin Treibstoff ab, während er auf eine Höhe von vierhunderttausend Fuß stieg.

Jetzt spürte sie die Schwindel erregende Schleuderbewegung – der Raumtransporter hatte das Wendemanöver begonnen und drehte sich um hundertachtzig Grad um seine Mittelachse. Der Horizont, der bisher auf dem Kopf gestanden hatte, richtete sich plötzlich auf, und sie nahmen Kurs auf das Kennedy Space Center, von dem sie inzwischen rund sechshundert Kilometer entfernt waren.

»Endeavour, hier Bodenkontrolle. Schalten Sie Triebwerke ab.«

»Roger«, erwiderte Kittredge. »Triebwerke abgeschaltet.«

Auf der Instrumentenkonsole blinkten plötzlich die roten Statusanzeigen für die drei Triebwerke auf. Zwanzig Sekunden nach dem Abschalten würde der externe Treibstofftank sich vom Shuttle lösen und ins Meer stürzen.

Wir verlieren rapide an Höhe, dachte Emma. Aber wir sind auf dem Weg nach Hause.

Sie zuckte zusammen. Ein Warnsignal ertönte, und auf der Konsole leuchteten weitere Anzeigen auf.

»Bodenkontrolle, wir haben Computer Nr. 3 verloren!«, rief Hewitt. »Wir haben einen Navigationsvektor verloren! Wiederhole, wir haben einen Navigationsvektor verloren!«

»Es könnte sich um eine Störung bei der Trägheitsmessung handeln«, sagte Andy Mercer, der zweite Missionsspezialist, der neben Emma saß. »Ihr stellt sie am besten ab.«

»Nein! Vielleicht ist ein Datenbus defekt!«, schaltete Emma sich ein. »Ich finde, wir sollten auf Reserve schalten.«

»Einverstanden«, sagte Kittredge knapp.

»Schalte auf Reserve«, sagte Hewitt. Sie stellte auf Computer Nr. 5 um.

Der Vektor war wieder da. Alle atmeten erleichtert auf.

Die Explosion der Sprengladungen markierte die Abtrennung des leeren Treibstofftanks. Sie konnten nicht sehen, wie er ins Meer hinabstürzte, doch sie wussten, dass sie gerade einen weiteren kritischen Punkt überstanden hatten. Der Raumtransporter befand sich jetzt im freien Flug, ein fetter, ungelenker Vogel, der auf sein Nest zuschwebte.

»Mist!«, stieß Hewitt hervor. »Wir haben eine APU verloren!«

Emma fuhr zusammen, als erneut ein Warnsignal ertönte. Eine Hilfsenergieeinheit war ausgefallen. Dann heulte ein weiterer Alarm auf, und in Panik fiel ihr Blick auf die Konsole. Dort blinkte jetzt eine ganze Schar von gelben Warnsignalen. Alle Daten waren von den Bildschirmen verschwunden; stattdessen waren nur mehr ominöse schwarz-weiße Streifen zu sehen. Ein katastrophaler Computerabsturz. Sie flogen jetzt ohne Navigationsdaten. Sie hatten keine Kontrolle über die Steuerklappen.

»Andy und ich kümmern uns um den APU-Ausfall!«, schrie Emma.

»Wieder auf Reserve gehen!«

Hewitt legte den Schalter um und fluchte. »Nichts zu machen, Leute. Keine Reaktion …«

»Versuch’s noch mal!«

»Er kommt immer noch nicht.«

»Das Schiff legt sich quer!«, rief Emma. Sie spürte, wie ihr Magen einen Ruck zur Seite machte.

Kittredge bearbeitete den Steuerknüppel, doch sie waren schon zu weit nach steuerbord gedriftet. Der Horizont stellte sich senkrecht und kippte dann ganz um. Wieder spürte Emma einen Ruck im Magen; diesmal legte sich das Shuttle nach links. Schon kam die nächste Umdrehung – der Horizont wirbelte in einer Schwindel erregenden Abfolge von Himmel, Meer und wieder Himmel.

Eine Todesspirale.

Sie hörte Hewitt stöhnen, hörte, wie Kittredge mit tonloser, resignierter Stimme sagte: »Ich habe das Schiff verloren.«

Der tödliche Wirbel wurde immer schneller, unaufhaltsam stürzten sie auf das abrupte, katastrophale Ende zu.

Und dann war es plötzlich still.

 

Über Funk kam eine amüsierte Stimme: »Tut mir Leid, Leute. Diesmal habt ihr es nicht geschafft.«

Emma riss sich den Kopfhörer herunter. »Das war nicht fair, Hazel!«

Jill Hewitt stimmte in den Protest ein: »Mensch, du hast uns absichtlich über die Klinge springen lassen. Wir hatten keine Chance, das Schiff zu retten.«

Emma kroch als Erste aus dem Shuttle-Flugsimulator. Die anderen Crewmitglieder trabten hinter ihr her in den fensterlosen Kontrollraum, wo ihre drei Instruktoren an einer Reihe von Pulten saßen.

Mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen schwang Hazel Barra, die Teamleiterin, ihren Stuhl herum und blickte Commander Kittredges erzürnter vierköpfiger Crew entgegen. Obwohl Hazel mit ihrem üppigen braunen Kraushaar aussah wie eine dralle Mutterfigur, war sie in Wahrheit eine gewiefte und unbarmherzige Spielerin, die ihre Crews durch die schwierigsten Flugsimulationen jagte und es sich als persönlichen Triumph anzurechnen schien, wenn es einer Mannschaft nicht gelang, den Flug lebend zu überstehen. Es war Hazel sehr wohl bewusst, dass jeder Start in einer Katastrophe enden konnte, und sie wollte, dass ihre Astronauten alle Überlebenstechniken perfekt beherrschten. Eines ihrer Teams zu verlieren, das war der Albtraum, von dem sie hoffte, er würde niemals Wirklichkeit werden.

»Diese Simulation war wirklich unter der Gürtellinie, Hazel«, beklagte Kittredge sich.

»Ihr überlebt ja auch ein ums andere Mal. Wir müssen einfach eure Überheblichkeit ein wenig zurechtstutzen.«

»Also wirklich«, meinte Andy. »Zwei Triebwerke beim Abheben ausgefallen? Ein defekter Datenbus? Eine APU, die den Geist aufgibt? Und dann legt ihr noch einen ausgefallenen Fünfer-Computer obendrauf? Wie viele Pannen und Funktionsstörungen sind das denn? Das ist einfach nicht realistisch.«

Patrick, einer der anderen Instruktoren, schwenkte grinsend in seinem Stuhl herum. »Ihr habt ja gar nicht gemerkt, was wir sonst noch alles gemacht haben.«

»Was gab es denn noch?«

»Ich habe einen Defekt in eurem Sauerstofftank-Sensor beigesteuert. Gebt’s zu, keiner von euch hat die Veränderung in der Druckanzeige bemerkt.«

Kittredge musste lachen. »Wann hätten wir denn dafür Zeit gehabt? Wir hatten uns schon mit einem Dutzend anderer Funktionsstörungen herumzuschlagen.«

Hazel hob ihren stämmigen Arm, um den Streithähnen Einhalt zu gebieten. »Okay, Leute. Vielleicht haben wir es übertrieben. Ehrlich gesagt, waren wir überrascht, wie weit ihr mit dem RTLS-Abbruch gekommen seid. Wir wollten nur etwas zusätzlichen Sand ins Getriebe streuen, um die Sache spannender zu machen.«

»Ihr hättet ja nicht gleich die ganze verfluchte Sandkiste reinkippen müssen«, schnaubte Hewitt.

»Die Wahrheit ist«, meinte Patrick, »dass ihr einfach ein bisschen zu überheblich seid.«

»Das heißt selbstsicher«, korrigierte Emma.

»Und das ist gut«, räumte Hazel ein. »Es ist gut, wenn man selbstsicher ist. Eure Teamarbeit in der integrierten Simulation letzte Woche war hervorragend. Sogar Gordon Obie hat gesagt, er sei beeindruckt gewesen.«

»Hat die Sphinx das tatsächlich gesagt?« Kittredge zog überrascht eine Augenbraue hoch. Gordon Obie war der Direktor der Flugeinsatzabteilung, ein Mann von so ausgeprägter Schweigsamkeit und Unnahbarkeit, dass niemand im JSC ihn wirklich kannte. Es kam vor, dass er während einer gesamten Einsatzbesprechung kein einziges Wort sagte, und doch bezweifelte niemand, dass er im Geiste jedes Detail registrierte. Die Astronauten betrachteten Obie mit einer Mischung aus ehrfürchtiger Scheu und einer gehörigen Portion Angst. Er war die letzte Instanz, wenn es um die Benennung der Teilnehmer an einer Mission ging, und sein Wort konnte über eine ganze Astronautenkarriere entscheiden. Dass er Kittredges Team gelobt hatte, war mithin wirklich eine gute Nachricht.

Im nächsten Atemzug stieß Hazel sie jedoch schon wieder von ihrem hohen Ross. »Allerdings«, sagte sie, »macht Obie sich Sorgen, dass ihr das Ganze zu leicht nehmen könntet. Dass ihr es immer noch wie ein Spiel betrachtet.«

»Was sollen wir denn seiner Meinung nach tun?«, fragte Hewitt. »Sollen wir uns etwa ständig Gedanken machen über die zehntausend Arten, wie wir verbrennen oder sonst wie zu Tode kommen könnten?«

»Eine Katastrophe ist kein reines Gedankenspiel.«

Hazels ruhig ausgesprochene Feststellung ließ sie für einen Moment verstummen. Seit der Challenger-Katastrophe war es jedem Mitglied des Astronautenkorps bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es wieder zu einem größeren Zwischenfall kam. Wenn man an der Spitze einer Rakete sitzt, die mit einer Schubkraft von rund dreitausend Tonnen in den Weltraum geschossen wird, kann man es sich eigentlich nicht leisten, die Risiken des Berufs auf die leichte Schulter zu nehmen. Und doch sprachen sie nur selten über den Tod im All. Indem man darüber redete, gestand man sich ein, dass es möglich war – dass man vielleicht beim nächsten Challenger-Flug selbst auf der Besatzungsliste stehen würde.

Hazel merkte, dass sie der Hochstimmung der Crew einen gehörigen Dämpfer aufgesetzt hatte. So sollte eine Trainingseinheit eigentlich nicht enden, und deshalb nahm sie jetzt einen Teil ihrer früheren Kritik zurück.

»Ich sage das doch nur, weil ihr schon so gut aufeinander eingespielt seid. Ich muss mich ganz schön anstrengen, um euch ins Stolpern zu bringen. Ihr habt noch drei Monate bis zum Start, und ihr seid jetzt schon glänzend in Form. Aber ich will euch noch besser in Form bringen.«

»Mit anderen Worten, Leute«, sagte Patrick von seinem Pult aus, »nicht so überheblich, bitte.«

Bob Kittredge senkte in gespielter Demut den Kopf. »Wir gehen jetzt nach Hause und streuen uns Asche aufs Haupt.«

»Zu viel Selbstsicherheit ist gefährlich«, sagte Hazel. Sie stand von ihrem Stuhl auf und trat auf Kittredge zu. Mit drei Shuttleflügen war Kittredge schon so etwas wie ein Veteran. Er war einen halben Kopf größer als sie und besaß das sichere und bestimmte Auftreten des Marinepiloten, der er einmal gewesen war. Doch Hazel ließ sich weder von Kittredge noch von irgendeinem anderen ihrer Astronauten einschüchtern. Ob sie nun Raketenwissenschaftler oder militärische Helden waren, in ihr lösten sie immer die gleiche mütterliche Sorge aus: den Wunsch, dass sie von ihren Missionen lebend zurückkamen.

»Du bist ein so guter Kommandant, Bob, dass du deine Crew dazu verleitet hast, das Ganze für ein Kinderspiel zu halten.«

»Nein, sie lassen es nur wie ein Kinderspiel aussehen. Weil sie nämlich gut sind.«

»Wir werden sehen. Die integrierte Simulation ist für Dienstag angesetzt, mit Hawley und Higuchi an Bord. Wir werden dann ein paar neue Tricks aus dem Hut zaubern.«

Kittredge lächelte spöttisch. »Also gut, du kannst versuchen, uns umzubringen. Aber bleib bitte fair.«

»Das Schicksal ist selten fair«, sagte Hazel ernst. »Erwartet also nicht, dass ich es bin.«

 

Emma und Bob Kittredge saßen an einem Tisch im Fly By Night Saloon und diskutierten bei einem Glas Bier die hinter ihnen liegenden Simulationen. Es war ein Ritual, das sie vor elf Monaten eingeführt hatten, zu Beginn ihrer Teambildung, als die vier zum ersten Mal als Besatzung des Shuttleflugs 162 zusammengekommen waren. Jeden Freitagabend trafen sie sich im Fly By Night, das ganz in der Nähe des Johnson Space Center an der NASA Road 1 lag, und besprachen den Fortgang ihres Trainings. Was sie richtig gemacht hatten, wo noch Verbesserungen nötig waren. Kittredge, der die Mitglieder seiner Crew persönlich ausgewählt hatte, hatte diese Treffen ins Leben gerufen. Obwohl sie ohnehin schon über sechzig Stunden in der Woche zusammenarbeiteten, schien er nicht besonders erpicht darauf, nach Hause zu gehen. Emma hatte geglaubt, es läge daran, dass Kittredge nach seiner kürzlich erfolgten Scheidung nun allein lebte und sich dagegen sträubte, in sein leeres Haus zurückzukehren. Doch nachdem sie ihn besser kennen gelernt hatte, war ihr klar geworden, dass diese Besprechungen ihm nur dazu dienten, das Adrenalinhoch, das der Job ihm verschaffte, noch länger aufrechtzuerhalten. Kittredge lebte, um zu fliegen. Er las furchtbar trockene Shuttle-Betriebsanleitungen als Unterhaltungslektüre und verbrachte jeden freien Moment im Cockpit einer der NASA-eigenen T-38-Maschinen. Es schien fast so, als würde er es bedauern, dass die Schwerkraft seine Füße an die Erde fesselte.

Er begriff nicht, weshalb die anderen Crewmitglieder am Ende des Tages nach Hause gehen wollten, und an diesem Abend wirkte er ein wenig betrübt, weil sie nur zu zweit an ihrem angestammten Tisch saßen. Jill Hewitt war beim Klavierabend ihres Neffen, und Andy Mercer feierte zu Hause seinen zehnten Hochzeitstag.

Nur Emma und Kittredge waren zur vereinbarten Zeit aufgetaucht, und jetzt, wo sie die Simulationen der letzten Woche gründlich durchgekaut hatten, war eine längere Pause entstanden. Es gab nichts mehr zu fachsimpeln, und schon schien ihnen der Gesprächsstoff auszugehen.

»Ich fliege morgen mit einer der T-38 rüber nach White Sands«, sagte er. »Möchtest du mitkommen?«

»Geht nicht. Ich habe einen Termin bei meinem Anwalt.«

»Ihr zieht es also durch, du und Jack?«

Sie seufzte. »Die Dinge nehmen einfach ihren Lauf. Jack hat seinen Anwalt und ich habe meinen. Diese Scheidung ist wie ein D-Zug, der sich selbstständig gemacht hat.«

»Das klingt, als wärst du dir nicht mehr ganz sicher.«

Mit einer entschlossenen Bewegung stellte sie ihr Bierglas auf den Tisch. »Ich bin mir sicher.«

»Warum trägst du dann immer noch seinen Ring?«

Sie blickte auf den goldenen Ehering. Plötzlich zerrte sie heftig daran, musste aber feststellen, dass er sich keinen Millimeter bewegte. Sieben Jahre hatte sie ihn getragen, und jetzt schien der Ring mit ihrem Finger verschmolzen zu sein und sich nicht von der Stelle rühren zu wollen. Sie fluchte und versuchte erneut, ihn sich vom Finger zu reißen, diesmal so fest, dass es eine Abschürfung gab, als er über den Knöchel glitt. Sie legte ihn auf den Tisch. »Bitte sehr. Jetzt bin ich frei.«

Kittredge lachte. »Ihr beide habt eure Scheidung schon länger hinausgezogen, als ich überhaupt verheiratet war. Worüber streitet ihr euch eigentlich noch?«

Sie sank in ihren Stuhl zurück, war plötzlich erschöpft. »Über alles. Ich gebe ja zu, ich war auch nicht vernünftig. Vor ein paar Wochen haben wir versucht, uns hinzusetzen und eine Liste unserer sämtlichen Besitztümer zu machen. Was ich behalten will, was er behalten will. Wir haben einander versprochen, uns wie zivilisierte Menschen zu benehmen. Zwei besonnene und reife Erwachsene. Wir hatten die Liste kaum zur Hälfte durch, da lagen wir uns auch schon in den Haaren. Der totale Krieg – Gefangene werden nicht gemacht.« Sie seufzte. Tatsächlich waren Jack und sie schon immer so gewesen. Beide gleich hartnäckig und von leidenschaftlicher Entschlossenheit erfüllt. Ob in der Liebe oder im Streit, immer flogen zwischen ihnen die Funken. »Es gab nur eine Sache, über die wir uns einig waren«, sagte sie. »Ich darf die Katze behalten.«

»Herzlichen Glückwunsch.«

Sie sah ihn an. »Hat es dir je Leid getan?«

»Meine Scheidung, meinst du? Niemals.« Obwohl seine Antwort völlig unmissverständlich war, hatte er den Blick gesenkt, als suchte er eine Wahrheit zu verbergen, die sie beide kannten: Er trauerte seiner gescheiterten Ehe immer noch nach. Selbst ein Mann, der furchtlos genug war, sich auf einer Ladung von einigen Kilotonnen hochexplosiven Treibstoffs festzuschnallen, konnte unter ganz gewöhnlicher Einsamkeit leiden.

»Weißt du, das Problem ist Folgendes. Ich bin endlich dahinter gekommen«, sagte er. »Die Zivilisten verstehen uns nicht, weil sie nicht den gleichen Traum haben. Die Einzigen, die mit einem Astronauten verheiratet bleiben, sind die Heiligen und die Märtyrer. Oder die, denen es völlig schnuppe ist, ob wir leben oder sterben.« Er lachte höhnisch. »Bonnie war jedenfalls keine Märtyrerin. Und den Traum hat sie schon gar nicht verstanden.«

Emma starrte ihren Ehering an, der vor ihr auf dem Tisch lag und glänzte. »Jack versteht ihn«, sagte sie leise. »Es war auch sein Traum. Das hat unsere Beziehung zerstört, weißt du. Dass ich fliegen darf und er nicht. Dass er ausgeschlossen ist.«

»Dann muss er endlich erwachsen werden und sich mit der Realität abfinden. Nicht jeder hat das Zeug dazu.«

»Weißt du, ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du von ihm nicht wie von irgendwelchem Ausschuss reden würdest.«

»Entschuldige mal, schließlich ist er selbst zurückgetreten.«

»Was hätte er denn anderes tun sollen? Er wusste, dass er nie mehr einen Flugeinsatz bekommen würde. Wenn sie dich nicht fliegen lassen, hat es keinen Sinn, dem Korps anzugehören.«

»Dass sie ihn aus dem Verkehr gezogen haben, geschah nur zu seinem Besten.«

»Es waren bloße medizinische Vermutungen. Wenn man einmal einen Nierenstein hat, bedeutet das noch nicht, dass man wieder welche bekommen wird.«

»Okay, Dr. Watson – Sie sind die Ärztin. Aber sag mir eins: Würdest du Jack in deiner Shuttle-Crew haben wollen? Obwohl du von seinem gesundheitlichen Problem weißt?«

Sie schwieg einen Moment. »Ja. Wenn ich als Ärztin sprechen soll – ja, auf jeden Fall. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass Jack im All irgendwelche Schwierigkeiten haben würde. Er hat so viel zu bieten, dass ich mir nicht vorstellen kann, weshalb die ihn nicht da oben haben wollen. Ich lasse mich vielleicht von ihm scheiden, aber ich respektiere ihn trotzdem.«

Kittredge lachte und trank dann sein Glas in einem Zug leer. »Du bist in der Angelegenheit nicht gerade objektiv, was?«

Sie versuchte ihren Standpunkt zu begründen, doch dann wurde ihr klar, dass sie eigentlich keine Argumente hatte. Kittredge hatte Recht. Wenn es um Jack McCallum ging, war sie noch nie objektiv gewesen.

Draußen in der feuchten Hitze der Houstoner Sommernacht blieb sie auf dem Parkplatz des Fly By Night stehen und blickte zum Himmel hinauf. Der Schein der Großstadtlichter ließ die Sterne verblassen, doch sie konnte immer noch einige vertraute Konstellationen ausmachen. Kassiopeia, Andromeda, die Plejaden. Jedes Mal, wenn sie diese Sternbilder betrachtete, fiel ihr ein, was Jack zu ihr gesagt hatte, als sie in einer Sommernacht nebeneinander im Gras gelegen und zu den Sternen hochgeschaut hatten. In der Nacht, als ihr zum ersten Mal klar geworden war, dass sie in ihn verliebt war. Der Himmel ist voller Frauen. Du gehörst auch dorthin.

Leise sagte sie: »Und du auch, Jack.«

3

10. Juli

 

Dr. Jack McCallum hörte das Heulen der Sirene des ersten Krankenwagens und sagte: »Jetzt gilt’s, Leute!« Während er hinaus in die Zufahrt der Notaufnahme trat, spürte er, wie sein Puls in eine Tachykardie verfiel und ein Adrenalinstoß seine Nerven in knisternde Hochspannungsleitungen verwandelte. Er hatte keine Ahnung, was da auf das Miles Memorial Hospital zukam, außer dass mehr als ein Patient auf dem Weg zu ihnen war. Sie hatten in der Notaufnahme über Funk die Meldung erhalten, dass bei einer Massenkarambolage mit fünfzehn Fahrzeugen auf der Interstate 45 zwei Personen auf der Stelle getötet und etwa zwanzig weitere verletzt worden waren. Obwohl die kritischsten Fälle ins Bayshore oder ins Texas Med eingeliefert wurden, waren alle kleineren Krankenhäuser der Umgegend, darunter auch das Miles Memorial, darauf vorbereitet, die restlichen aufzunehmen.

Jack ließ den Blick über die Zufahrtsrampe schweifen, um sich davon zu überzeugen, dass sein Team bereit war. Die andere Unfallärztin, Anna Slezak, stand direkt neben ihm, sie blickte wild entschlossen drein. Unterstützt wurden die beiden von vier Krankenschwestern, einem Laborassistenten und einem ängstlich wirkenden Assistenzarzt. Dieser hatte sein Medizinstudium erst vor einem Monat abgeschlossen; er war das unerfahrenste Mitglied des Notaufnahme-Teams und hatte ganz offensichtlich zwei linke Hände. Der ist wie für die Psychiatrie geschaffen, dachte Jack.

Die Sirene heulte ein letztes Mal auf und verstummte abrupt, als der Krankenwagen in die Zufahrt einbog und rückwärts an die Rampe heranfuhr. Jack riss die Hecktür auf und warf einen ersten Blick auf die Patientin – eine junge Frau, deren Kopf und Hals mit einer Halskrawatte ruhig gestellt waren, das Haar von Blut verfilzt. Als sie sie aus dem Rettungswagen zogen und er ihr Gesicht genauer erkennen konnte, durchfuhr Jack plötzlich ein fröstelndes Gefühl. Er kannte sie.

»Debbie«, sagte er.

Sie blickte zu ihm auf, ohne ihn dabei wirklich anzusehen; offensichtlich wusste sie nicht, wer er war.

»Ich bin’s, Jack McCallum«, sagte er.

»Oh, Jack.« Sie schloss die Augen und stöhnte. »Mein Kopf tut weh.«

Er tätschelte ihr beruhigend die Schulter. »Wir werden uns gut um dich kümmern, meine Liebe. Mach dir keine Sorgen.«

Sie schoben sie durch die Türen der Notaufnahme in den Traumaraum.

»Sie kennen sie?«, fragte Anna ihn.

»Sie ist die Frau von Bill Haning. Dem Astronauten.«

»Sie meinen, er ist einer von den Jungs da oben in der Raumstation?« Anna lachte. »Also, das wird wirklich ein Ferngespräch.«

»Es ist kein Problem, ihn zu erreichen, wenn es sein muss. Das JSC kann einen Anruf direkt durchstellen.«

»Möchten Sie, dass ich die Patientin übernehme?« Das war durchaus keine abwegige Frage. Normalerweise vermieden Ärzte es, Freunde und Verwandte zu behandeln; man kann nicht objektiv bleiben, wenn der Patient, der mit einem Herzstillstand vor einem auf dem Tisch liegt, jemand ist, den man kennt und mag. Obwohl er und Debbie sich eine Zeit lang öfter bei gesellschaftlichen Anlässen begegnet waren, betrachtete Jack sie jedoch lediglich als Bekannte und nicht als Freundin, weshalb es ihm auch nichts ausmachte, sie zu verarzten.

»Ich übernehme sie«, sagte er und folgte der fahrbaren Trage in den Traumaraum. Im Geiste nahm er schon die Schritte vorweg, die unternommen werden mussten. Ihre einzige sichtbare Verletzung waren die Abschürfungen am Kopf; da sie aber offensichtlich ein Schädeltrauma hatte, musste er zunächst Schädel- oder Halswirbelfrakturen ausschließen.

Während die Schwestern Blut für das Labor abnahmen und vorsichtig Debbies restliche Kleidung entfernten, machte der Rettungssanitäter Jack rasch mit der Vorgeschichte vertraut.

»Ihr Wagen war ungefähr der Fünfte in der Karambolage. Soweit wir das feststellen konnten, ist ihr einer hinten reingefahren, dann wurde ihr Wagen zur Seite geschleudert, und dann ist noch einer in sie reingerauscht, auf der Fahrerseite. Die Tür war eingedrückt.«

»War sie bei Bewusstsein, als Sie bei ihr ankamen?«

»Sie war ein paar Minuten bewusstlos. Ist aufgewacht, während wir den Zugang gelegt haben. Wir haben gleich ihr Rückgrat immobilisiert. Blutdruck und Herzrhythmus waren die ganze Zeit stabil. Sie hatte noch Glück.« Der Sanitäter schüttelte den Kopf. »Sie hätten mal den Typ hinter ihr sehen sollen.«

Jack trat an die Trage, um die Patientin zu untersuchen. Debbies Pupillen reagierten beide auf Lichteinstrahlung, die extraokularen Bewegungen waren normal. Sie konnte ihren Namen sagen und wusste, wo sie war, konnte aber nicht sagen, welcher Tag es war. Nur zweifach orientiert, dachte er. Grund genug, sie stationär aufzunehmen, wenn auch nur zur Beobachtung für eine Nacht.

»Debbie, ich schicke Sie zum Röntgen«, sagte er. »Wir wollen sichergehen, dass Sie sich nichts gebrochen haben.« Er wandte sich an die Krankenschwester. »Sofort CT von Schädel und C-Wirbel machen lassen. Und …« Er brach ab und horchte.

Eine weitere Krankenwagensirene näherte sich.

»Sehen Sie zu, dass die Aufnahmen gemacht werden«, befahl er. Dann trabte er zur Rampe zurück, wo sein Team sich schon wieder versammelte.

Ein weiteres, schwächeres Sirenengeräusch hatte sich zu dem Ersten gesellt. Jack und Anna sahen sich besorgt an. Waren da etwa zwei Ambulanzen auf dem Weg zu ihnen?

»Das wird wieder einer von diesen Tagen«, murmelte er.

»Ist der Traumaraum frei?«, fragte Anna.

»Die Patientin ist unterwegs zum Röntgen.« Er trat zu dem ersten Rettungswagen, der an die Rampe heranfuhr. Sobald der Wagen stand, riss er die Tür auf.

Diesmal war es ein übergewichtiger Mann mittleren Alters, dessen Haut blass und feucht war. Anzeichen von Schock war Jacks erste Einschätzung, doch er sah kein Blut, keine Spur einer Verletzung.

»Sein Wagen hatte nur einen leichten Blechschaden«, sagte der Rettungssanitäter, während sie den Mann in den Behandlungsraum rollten. »Bekam plötzlich Brustschmerzen, als wir ihn rauszogen. Rhythmus so weit stabil, ein wenig tachykard, aber keine Extrasystolen. Systolischer Druck bei neunzig. Wir haben vor Ort Morphium und Nitroglyzerin verabreicht, Sauerstoff ist auf sechs Liter eingestellt.« Alle waren hundertprozentig auf Draht. Während Anna Krankengeschichte und Befund aufnahm, schlossen die Krankenschwestern das EKG an. Die Maschine begann die Herzfrequenz anzuzeigen. Jack riss das Blatt aus dem Drucker; die ST-Hebungen in den V1- und V2-Anschlüssen fielen ihm sofort ins Auge.

»Früherer Myokardinfarkt«, sagte er zu Anna.

Sie nickte. »Ich hab mir gleich gedacht, dass er ein Kandidat für tPA ist.«

Eine Krankenschwester rief durch die Tür: »Der nächste Rettungswagen ist angekommen!«

Jack und die zwei Schwestern liefen hinaus.

Eine junge Frau lag schreiend und sich windend auf der Trage. Jack warf einen Blick auf ihr verkürztes rechtes Bein mit dem fast gänzlich zur Seite gedrehten Fuß und wusste, dass diese Patientin sofort in die Chirurgie gehörte. Rasch schnitt er ihre Kleider auf und legte eine eingestauchte Hüftfraktur frei, bei der sich der Oberschenkelknochen durch den Aufprall des Knies auf das Armaturenbrett tief in die Gelenkpfanne gebohrt hatte. Allein beim Anblick ihres grauenhaft verdrehten Beins wurde ihm fast übel.

»Morphium?«, fragte die Krankenschwester.

Er nickte. »Geben Sie ihr so viel, wie sie braucht. Sie hat ungeheure Schmerzen. Blutgruppenbestimmung und Kreuzprobe, sechs Einheiten. Und schaffen Sie so schnell wie möglich einen Orthopäden …«

»Dr. McCallum sofort in die Röntgenabteilung! Dr. McCallum sofort in die Röntgenabteilung!«

Jack blickte erschrocken auf. Debbie Haning. Er stürzte aus dem Zimmer.

Debbie lag auf dem Röntgentisch; die Schwester aus der Notaufnahme und der Röntgenassistent beugten sich über sie.

»Wir waren gerade mit den Wirbel- und Schädelaufnahmen fertig,« sagte der Assistent, »und jetzt kriegen wir sie nicht mehr wach. Sie reagiert nicht mal auf Schmerz.«

»Wie lange ist sie schon ohne Bewusstsein?«

»Ich weiß nicht. Sie hat schon zehn, fünfzehn Minuten auf dem Tisch gelegen, bevor wir gemerkt haben, dass sie nicht mehr mit uns redet.«

»Haben Sie schon die CT gemacht?«

»Der Computer ist abgestürzt. Das dauert ein paar Stunden, bis er wieder läuft.«

Jack leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in Debbies Augen und hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, sein Magen befände sich im freien Fall. Ihre linke Pupille war geweitet und ohne Reaktion.

»Zeigen Sie mir die Aufnahmen.«

»Der C-Wirbel hängt schon am Lichtkasten.«

Jack ging rasch in den Nebenraum und betrachtete die Röntgenaufnahmen, die an dem von hinten beleuchteten Schaukasten aufgehängt waren. Er sah keine Frakturen; die Halswirbelsäule war stabil. Er riss die Bilder herunter und ersetzte sie durch die Röntgenaufnahmen des Schädels. Auch hier sah er auf den ersten Blick nichts unmittelbar Auffälliges. Doch dann fiel sein Blick auf eine kaum wahrnehmbare Linie, die sich quer über das linke Schläfenbein zog. Sie war so fein, dass sie mit einer Nadel in den Röntgenfilm geritzt schien. Eine Fraktur.

War die linke mittlere Hirnhautarterie angerissen? Das würde zu Blutungen im Schädel führen. Durch das sich ansammelnde Blut und den wachsenden Druck würde das Gehirn zusammengequetscht werden. Das erklärte die rapide Verschlechterung ihres mentalen Zustands und die geweitete Pupille.

Das Blut musste sofort drainiert werden.

»Bringen Sie sie zurück in die Notaufnahme!«, sagte er.

Innerhalb von Sekunden hatten sie Debbie auf der fahrbaren Trage festgeschnallt und rollten sie im Laufschritt durch den Korridor. Als sie mit ihr in einen freien Behandlungsraum fuhren, rief er der Stationsschwester zu: »Piepsen Sie sofort die Neurochirurgie an! Sagen Sie, wir haben hier eine Epiduralblutung und bereiten eine Nottrepanation vor.«

Er wusste, dass Debbie eigentlich in den OP musste, aber ihr Zustand verschlechterte sich so rapide, dass sie keine Zeit verlieren durften. Der Behandlungsraum würde als OP herhalten müssen. Sie hoben sie auf den Tisch und verkabelten ihre Brust mit EKG-Schnüren. Ihre Atmung war jetzt unregelmäßig; es war Zeit, sie zu intubieren.

Er hatte eben die Packung mit dem Endotrachealtubus aufgerissen, als die Schwester sagte: »Sie atmet nicht mehr!«

Er schob das Laryngoskop in Debbies Rachen. Sekunden später war der Tubus an Ort und Stelle, und Sauerstoff wurde in ihre Lungen gepumpt.

Eine Schwester stöpselte den Elektrorasierer ein. Debbies blonde Haare fielen in seidigen Büscheln zu Boden, während ihre Kopfhaut Stück für Stück freigelegt wurde.

Die Stationsschwester schaute zur Tür herein. »Der Neurochirurg steckt im Stau! Er kann frühestens in einer Stunde hier sein.«

»Dann holen Sie einen anderen her!«

»Die sind alle im Texas Med! Die haben die ganzen Kopfverletzungen gekriegt.«

O Gott, jetzt sitzen wir in der Tinte, dachte Jack und schaute Debbie an. Mit jeder Minute, die verstrich, stieg der Druck in ihrem Schädel weiter an. Gehirnzellen starben ab. Wenn das hier meine Frau wäre, würde ich nicht mehr warten. Keine Sekunde.

Er schluckte vernehmlich. »Holen Sie mir den Hudson-Knochenbohrer! Ich werde selbst trepanieren.« Er sah die verblüfften Blicke der Krankenschwestern und fügte mit gespielter Gelassenheit hinzu: »Es ist, wie wenn man Löcher in eine Wand bohrt. Ich mache das nicht zum ersten Mal.«

Während die Schwestern die frisch geschorene Kopfhaut vorbereiteten, schlüpfte Jack in einen OP-Kittel und zog sich Gummihandschuhe über. Er zog die sterilen Abdecktücher zurecht und war erstaunt, dass seine Hände immer noch ganz ruhig waren, auch wenn sein Herz raste. Es stimmte, dass er schon einmal trepaniert hatte, jedoch erst ein einziges Mal, und das war vor Jahren gewesen – unter der Aufsicht eines Neurochirurgen.

Es bleibt keine Zeit mehr. Sie stirbt. Tu’s!

Er griff nach dem Skalpell und machte oberhalb des Schläfenbeins einen geraden Einschnitt. Blut sickerte heraus. Er tupfte es weg und kauterisierte die blutenden Gefäße. Mit einem Wundspreizer sicherte er Hautlappen und schnitt tiefer durch die Kopfschwarte, bis er die Schädelhaut erreichte. Er kratzte sie zur Seite und legte die Schädeloberfläche frei.

Dann nahm er den Bohrer zur Hand. Es war ein mechanischer Apparat, handbetrieben und von fast antikem Aussehen – ein Werkzeug, wie man es in Großvaters Schreinerwerkstatt hätte finden können. Zuerst benutzte er den Perforator, eine spatenförmige Bohrspitze, die sich gerade tief genug in den Knochen eingrub, dass ein kleines Loch entstand. Dann tauschte er ihn gegen die Rosette, einen kugelförmigen Einsatz mit aufgerauter Oberfläche. Er holte noch einmal Luft, setzte den Bohrer an und begann tiefer zu bohren. Auf das Gehirn zu. Die ersten Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er hatte keine CT-Aufnahmen, nach denen er sich hätte richten können; seine einzige Orientierungshilfe war sein medizinisches Urteil. Er wusste nicht einmal, ob er die richtige Stelle anbohrte.

Ein Schwall Blut schoss plötzlich aus dem Loch und spritzte auf die OP-Tücher.

Eine Schwester reichte ihm eine Schale. Er zog den Bohrer heraus und sah zu, wie ein stetiger roter Strom aus dem Schädel floss und sich in der Schale zu einer glänzenden Lache sammelte. Er hatte die richtige Stelle angezapft. Mit jedem abfließenden Tropfen ließ der Druck auf Debbie Hanings Gehirn nach.

Er atmete tief durch, und mit einem Mal fiel die Spannung von ihm ab; er fühlte sich erschöpft, und seine Muskeln schmerzten.

»Machen Sie das Knochenwachs fertig«, sagte er. Dann legte er den Bohrer weg und griff nach dem Absaugkatheter.

 

Eine weiße Maus hing mitten in der Luft. Es sah aus, als schwimme sie im klaren Wasser des Ozeans. Dr. Emma Watson schwebte auf sie zu, wobei die Bewegungen ihrer zierlichen Gliedmaßen anmutig waren wie die einer Unterwassertänzerin. Ihre aufgefächerten braunen Ringellöckchen umhüllten ihren Kopf wie ein verschwommener Heiligenschein. Sie griff nach der Maus und drehte sich langsam um die eigene Achse, bis sie in die Kamera blickte. In der anderen Hand hielt sie eine Spritze.

Die Aufnahmen waren über zwei Jahre alt, gefilmt an Bord des Shuttles Atlantis während der Mission STS 141, doch es war immer noch Gordon Obies bevorzugter PR-Film, weshalb er jetzt auch über alle Videobildschirme des Teague-Auditoriums der NASA lief. Wem würde es nicht Spaß machen, Emma Watson zu beobachten? Sie war grazil und gewandt, sprühte regelrecht vor Schwung und Energie, und in ihren Augen brannte ein neugieriges Feuer. Von der winzigen Narbe oberhalb ihrer Augenbraue bis zu dem etwas angeschlagenen Schneidezahn (ein Souvenir einer allzu wilden Schussfahrt, wie er gehört hatte) war ihr Gesicht ein Abbild ihres überschwänglichen Lebensstils. Aber was sie für Gordon in erster Linie anziehend machte, war ihre Intelligenz. Ihre Kompetenz. Er hatte Emmas Karriere bei der NASA mit Interesse verfolgt, und das hatte nichts mit der Tatsache zu tun, dass sie eine attraktive Frau war.

Als Direktor der Flugeinsatzabteilung hatte Gordon Obie einen beträchtlichen Einfluss auf die Auswahl der Crewmitglieder, und er war bemüht, eine sichere emotionale Distanz – manche hätten auch von Herzlosigkeit gesprochen – gegenüber seinen Astronauten zu wahren. Er war selbst Astronaut gewesen, zweimal auch Shuttle-Commander, und schon damals war er als »Sphinx« bekannt gewesen, als verschlossener, unnahbarer Mann, der nichts von Smalltalk hielt. Er hatte sich in seiner stillen Isolation und relativen Anonymität recht gut eingerichtet. Obwohl er jetzt mit einer ganzen Reihe von hohen NASA-Vertretern auf dem Podium saß, wussten die meisten Leute im Zuhörerraum nicht, wer Gordon Obie war. Er war nur zur Dekoration da. Genau wie der Film mit Emma Watson nur der Dekoration diente, ein hübsches Gesicht, mit dem das Interesse der Zuschauer wach gehalten werden sollte.

Das Video brach unvermittelt ab, und auf den Bildschirmen erschien stattdessen das NASA-Logo, auch scherzhaft als »Fleischklops« bezeichnet – ein mit Sternen gespickter blauer Kreis, verziert mit einer stilisierten elliptischen Umlaufbahn und durchkreuzt von einem gegabelten roten Strich. Der NASA-Verwaltungschef Leroy Connell und der Direktor des JSC Ken Blankenship traten an das Rednerpult, um sich den Fragen zu stellen. Ihre Mission bestand schlicht und einfach darin, um Geld zu betteln, und sie hatten es hier mit einer Versammlung von skeptischen Kongressabgeordneten und Senatoren zu tun, Mitgliedern der verschiedenen Unterausschüsse, die über das Budget der NASA zu entscheiden hatten. Die NASA litt jetzt schon im zweiten Jahr unter verheerenden Kürzungen, und seit einiger Zeit herrschte in den Räumen des Johnson Space Center eine ausgesprochen düstere Atmosphäre.

Gordon Obie blickte in die Reihen von elegant gekleideten Männern und Frauen, und er hatte das Gefühl, einer fremden Kultur gegenüberzustehen. Was war nur los mit diesen Politikern? Wie konnten sie bloß so kurzsichtig sein? Er begriff nicht, dass sie seine leidenschaftlichste Überzeugung nicht teilten: dass nämlich allein der Hunger nach Wissen den Menschen vom Tier unterscheidet. Jedes Kind stellt die universelle Frage: Warum? Von Geburt an ist der Mensch darauf programmiert, neugierig zu sein, zu forschen, wissenschaftliche Wahrheiten zu entdecken.

Doch diese gewählten Volksvertreter hatten die Neugier verloren, die den Menschen so einmalig macht. Die Frage, mit der sie nach Houston gekommen waren, lautete nicht Warum?, sondern Wozu soll das eigentlich gut sein?

Es war Cornells Idee gewesen, sie mit dem zu umgarnen, was er zynisch »die Tom-Hanks-Tour« nannte – eine Anspielung auf den Film Apollo 13, der immer noch mit die beste Werbung war, die die NASA je gehabt hatte. Cornell hatte ihnen bereits die jüngsten Forschungserfolge an Bord der International Space Station präsentiert. Er hatte sie ein paar echten Astronauten die Hand schütteln lassen. Träumte davon nicht jeder? Eine dieser Lichtgestalten, dieser Heldenfiguren zu berühren? Anschließend würden sie einen Rundgang durch das Johnson Space Center machen, beginnend mit Bau 30 und dem Flugkontrollraum. Es spielte gar keine Rolle, dass dieses Publikum ein Kontrollpult nicht von einem Nintendo-Computerspiel unterscheiden konnte. Die glitzernden technischen Apparaturen würden sie gewiss blenden und sie zu wahren Gläubigen machen.

Aber es funktioniert nicht, dachte Gordon verbittert. Diese Politiker fallen nicht darauf rein.

Die NASA hatte es mit mächtigen Gegenspielern zu tun, angefangen mit Senator Phil Parish, der in der ersten Reihe saß. Parish war sechsundsiebzig Jahre alt, ein kompromissloser Falke aus South Carolina, dessen oberste Priorität die Wahrung des Verteidigungsetats war – zur Hölle mit der NASA. Jetzt stemmte er seine zweieinhalb Zentner aus dem Sitz, um Cornell in dem gedehnten Tonfall des Südstaaten-Gentlemans anzureden.

»Ihre Behörde hat mit dieser Raumstation ihr Budget um Milliarden Dollar überzogen«, sagte er. »Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das amerikanische Volk bereit ist, seine Verteidigungsbereitschaft zu opfern, damit Sie sich da oben die Zeit mit Ihren schlauen Laborexperimenten vertreiben können. Das Ganze sollte doch ein internationales Projekt sein, oder? Nun, wenn ich es richtig sehe, bleiben wir auf dem größten Teil der Rechnung sitzen. Wie soll ich diese gewaltige Geldverschwendung gegenüber den braven Bürgern von South Carolina rechtfertigen?«

Der NASA-Verwaltungsdirektor reagierte mit einem telegenen Lächeln. Cornell war der geborene Politiker, sein Charme und sein Charisma machten ihn zum Liebling der Presse. Auch in Washington kam er gut an; hier verbrachte er den größten Teil seiner Zeit damit, im Kongress und im Weißen Haus Geld locker zu machen, Geld und noch mehr Geld, um das ewig löchrige Budget der Weltraumbehörde zu stopfen. Er war das öffentliche Gesicht der NASA, während Ken Blankenship, der die Verantwortung für die alltäglichen Abläufe im JSC hatte, das private, nur den Insidern vertraute Gesicht war. Sie bildeten das Yin und Yang der NASA-Führung – zwei so grundverschiedene Temperamente, dass man sich nur schwerlich vorstellen konnte, dass sie als Team funktionierten. In der NASA kursierte der Witz, dass Leroy Cornell ganz Stil ohne jeglichen Gehalt sei, während Blankenship für sein Gehalt recht wenig Stil zeige.

Cornell gab eine geschliffene Erwiderung auf Senator Parishs Frage. »Sie fragen, weshalb die anderen Länder keinen Beitrag leisten. Die Antwort, Senator Parish, ist, dass sie das bereits getan haben. Dies ist eine wahrhaft internationale Raumstation. Zugegeben, die Russen sind ausgesprochen knapp bei Kasse. Und es stimmt auch, dass wir für die Differenz aufgekommen sind. Aber sie engagieren sich mit ganzem Herzen für diese Station. Zurzeit haben sie einen Kosmonauten dort oben, und sie haben allen Grund, uns zu helfen, die ISS in Gang zu halten. Was die Frage betrifft, warum wir die Station brauchen – nun, schauen Sie doch nur einmal an, was dort im Augenblick an medizinischer und biologischer Forschung betrieben wird, an materialwissenschaftlichen und geophysikalischen Experimenten. Wir werden es beide noch erleben, dass die Früchte dieser Forschungsarbeit geerntet werden.«

Wieder stand jemand im Publikum auf, und Gordon spürte, wie sein Blutdruck stieg. Wenn es jemanden gab, den er noch mehr verachtete als Senator Parish, dann war es der Kongressabgeordnete Joe Bellingham aus Montana, dessen markiges Erscheinungsbild nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er auf dem Gebiet der Wissenschaft extrem unterbelichtet war. In seinem letzten Wahlkampf hatte er gefordert, die Schöpfungslehre zum Pflichtfach in Schulen zu machen. Schmeißt die Biologiebücher aus dem Fenster und schlagt lieber die Bibel auf. Er glaubt wahrscheinlich, Raketen würden von Engeln gezogen.

»Was ist denn mit der ganzen Technologie, die wir mit den Russen und Japanern teilen?«, fragte Bellingham. »Ich habe die Sorge, dass wir damit unser geheimes High-Tech-Wissen ohne Gegenleistung herausrücken. Das mit der internationalen Kooperation klingt wunderbar nobel und hochgesinnt, aber was soll diese Leute denn davon abhalten, eine Kehrtwendung zu machen und ihr Wissen gegen uns zu verwenden? Warum sollten wir den Russen vertrauen?«

Irrationale Befürchtungen. Verfolgungswahn. Unwissenheit und Aberglaube. Es gab zu viel davon im Land, und Gordon bekam schon Depressionen, wenn er Bellingham nur zuhörte. Er wandte sich angeekelt ab.

In diesem Moment sah er, wie Hank Millar mit düsterem Gesicht das Auditorium betrat. Millar war der Leiter des Astronautenbüros. Er blickte Gordon direkt in die Augen, und dieser wusste sofort, dass es irgendwo ein ernstes Problem gab.

Gordon verließ unauffällig das Podium, und die beiden Männer traten in die Eingangshalle hinaus. »Was gibt es denn?«

»Es ist ein Unfall passiert. Bill Hanings Frau. Wie wir hören, sieht es schlecht aus.«

»O Gott.«

»Bob Kittredge und Woody Ellis warten drüben im Medienzentrum. Wir müssen uns unterhalten.«

Gordon nickte. Er warf noch einen Blick durch die Tür in das Auditorium, wo der Kongressabgeordnete Bellingham sich immer noch darüber ausließ, wie gefährlich es sei, Technologie mit den Roten zu teilen. Mit grimmiger Miene folgte er Hank nach draußen, über den Hof und auf das nächste Gebäude zu.

Das Treffen fand in einem Hinterzimmer statt. Kittredge, der Shuttle-Commander des Flugs STS 162, war ganz rot vor Aufregung. Dagegen wirkte Woody Ellis, der für die ISS zuständige Flugdirektor, wesentlich ruhiger. Allerdings hatte Gordon Ellis noch nie erregt oder aufgebracht erlebt, nicht einmal in extrem angespannten Situationen.

»Wie schwer war denn der Unfall?«, fragte Gordon.

»Mrs. Hanings Wagen war in eine Massenkarambolage auf der 145 verwickelt«, sagte Hank. »Man hat sie mit dem Krankenwagen ins Miles Memorial gebracht. Jack McCallum hat sie in der Notaufnahme gesehen.«

Gordon nickte. Sie alle kannten Jack gut. Obwohl er nicht mehr zum Astronautenkorps gehörte, stand er immer noch auf der Liste der aktiven Flugärzte der NASA. Vor einem Jahr hatte er die meisten Aufgaben bei der NASA niedergelegt, seither arbeitete er als Unfallarzt im zivilen Bereich.

»Jack war derjenige, der unser Büro wegen Debbie angerufen hat«, sagte Hank.

»Hat er irgendetwas über ihren Zustand gesagt?«

»Schwere Kopfverletzungen. Sie liegt im Koma auf der Intensivstation.«

»Prognose?«

»Dazu konnte er nichts sagen.« In der nun eintretenden Stille dachten sie alle daran, was diese Tragödie für die NASA bedeutete. Hank seufzte. »Wir werden es Bill sagen müssen. Wir können ihm diese Nachricht nicht vorenthalten. Das Problem ist …« Er vollendete den Satz nicht, was auch nicht nötig war, denn sie wussten alle, was das Problem war.

Bill Haning kreiste zurzeit mit der ISS um die Erde. Er hatte erst einen Monat seines auf vier Monate angelegten Einsatzes hinter sich. Diese Nachricht würde ihn umhauen. Von allen Faktoren, die einen längeren Aufenthalt im All so schwierig machten, bereitete die emotionale Belastung der NASA die größten Sorgen. Ein depressiver Astronaut konnte einer Mission verheerenden Schaden zufügen. Vor Jahren war in der Mir eine ähnliche Situation eingetreten, als der Kosmonaut Volodya Dezhurov vom Tod seiner Mutter erfahren hatte. Tagelang hatte er sich in einer der Mir-Kapseln eingeschlossen und sich geweigert, mit der Bodenkontrolle in Moskau zu sprechen. Sein Zustand hatte die Arbeit der gesamten Mir-Besatzung beeinträchtigt.

»Die beiden haben eine sehr enge Beziehung«, sagte Hank. »Ich kann euch schon jetzt sagen, dass Bill das ganz schön zusetzen wird.«

»Schlagen Sie vor, wir sollen ihn ersetzen?«, fragte Gordon.

»Mit dem nächsten planmäßigen Shuttleflug. Es wird ihm schwer genug fallen, die nächsten zwei Wochen dort oben festzusitzen. Wir können nicht verlangen, dass er die ganzen vier Monate durchzieht.« Leise fügte Hank hinzu: »Sie haben schließlich zwei kleine Kinder.«

»Seine Vertretung für die ISS ist Emma Watson«, sagte Woody Ellis. »Wir könnten sie mit STS 160 raufschicken. In Vance’ Crew.«

Gordon achtete sorgfältig darauf, bei der Erwähnung von Emmas Namen keinerlei Zeichen eines besonderen Interesses zu zeigen. Oder irgendeines Gefühls. »Was halten Sie von Watson? Ist sie in der Lage, drei Monate früher als vorgesehen zu fliegen?«

»Sie ist Bills reguläre Ablösung. Bei den meisten Bordexperimenten ist sie schon jetzt auf dem erforderlichen Trainingsstand. Ich denke, es ist machbar.«

»Also, mir gefällt das überhaupt nicht«, warf Bob Kittredge ein.

Gordon stieß einen müden Seufzer aus und sah den Shuttle-Commander an. »Das hatte ich auch nicht erwartet.«

»Watson ist ein fester Bestandteil meiner Crew. Wir sind zu einem Team zusammengewachsen. Ich würde es nur äußerst ungern auflösen.«

»Ihr Team hat noch drei Monate bis zum Start. Sie haben genügend Zeit, Änderungen vorzunehmen.«

»Sie erschweren mir meine Arbeit sehr.«

»Wollen Sie etwa sagen, dass Sie in dieser Zeit kein neues Team bilden können?«

Kittredge presste die Lippen zusammen. »Ich sage lediglich, dass mein Team bereits eine funktionierende Einheit ist. Wir wären nicht sehr erfreut darüber, Watson zu verlieren.«

Gordon sah Hank an. »Was ist mit der Crew von STS 160? Mit Vance und seinem Team?«

»Von deren Seite gibt es keine Schwierigkeiten. Watson wäre einfach nur ein weiterer Passagier an Deck. Sie würden sie bei der ISS abliefern wie jede andere Nutzlast.«

Gordon dachte darüber nach. Noch sprachen sie nur über Möglichkeiten, nicht über Gewissheiten. Vielleicht wachte Debbie Haning wieder auf und erholte sich, und Bill konnte wie geplant in der ISS bleiben. Aber wie alle anderen bei der