Gute Nacht, Peggy Sue - Tess Gerritsen - E-Book

Gute Nacht, Peggy Sue E-Book

Tess Gerritsen

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Beschreibung

Todesursache nicht feststellbar

Die Leiche einer Unbekannten bereitet Gerichtsmedizinerin M .J. Nowak Kopfzerbrechen.

Woran starb die Frau? Bei ihren Nachforschungen stößt M. J. auf dubiose Geschäfte in einem Pharmakonzern - und auf den charmanten und äußerst nervösen Manager Adam Quantrell, dessen Stieftochter zusammen mit den Unterlagen über eine neuartige, hochgefährliche Droge verschwand ...

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TESS GERRITSEN

Gute Nacht,Peggy-Sue

Roman

Deutsch von Christine Frauendorf-Mössel

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »Peggy Sue Got Murdered« bei HarperCollins Publishers, New York

Copyright © der Originalausgabe 1994 by Tess Gerritsen Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1998 by Verlagsgruppe Randomhouse GmbH, München Published by arrangement with HarperCollins Publishers, Inc. Umschlaggestaltung: www.buerosued.de nach einer Originalvorlage von Design Team Umschlagmotiv: akg-images/Electra; Detail aus Caravaggio: Judith und Holofernes, 1598 Redaktion: Alexander Groß BH · Herstellung: Heidrun Nawrot Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

eISBN 978-3-641-16046-3

www.blanvalet.de

1

Eine Stunde vor Beginn ihrer Schicht, eine Stunde bevor sie Anwesenheit demonstrieren mußte, wurde die erste Leiche durch die Tür geschoben.

Bis zu diesem Augenblick war M. J. Novaks Tag gar nicht so schlecht gewesen. Ihr Wagen war beim ersten Versuch angesprungen. Auf der Telegraph Street hatte wenig Verkehr geherrscht, und sie hatte die grüne Welle erwischt. Schließlich war es ihr gelungen, um fünf vor sieben unbemerkt und mit der Absicht in ihr Büro zu schleichen, sich die folgende Stunde ohne Gewissensbisse mit einem Marmeladen-Doughnut und der letzten Ausgabe des Klatschmagazins Star an ihrem Schreibtisch zu vergnügen. Das Titelblatt des Star zierten ihre Lieblings-Royals, Andy und Fergie. Ja, der Tag hatte weiß Gott nicht übel angefangen.

Bis die Bahre mit dem schwarzen Leichensack an ihrer Tür vorbeirollte. Gütiger Himmel, muß das sein, dachte sie. In circa dreißig Sekunden würde Ratchet an ihre Tür klopfen und sie um einen Gefallen bitten. Nichts Gutes ahnend, horchte M. J. auf die Fahrgeräusche der Bahre im Korridor, hörte, wie die Flügeltür zum Obduktionssaal auf und zu klappte, vernahm das ferne Brummen von Männerstimmen. Und dann kam es, wie es kommen mußte: Ratchets quietschende Reebok-Sohlen näherten sich über den Linoleumbelag im Gang.

Im nächsten Moment tauchte der Mann in ihrem Türrahmen auf. »Morgen, M. J.«, sagte er.

Sie seufzte. »Schönen guten Morgen, Ratchet.«

»Ist es zu fassen? Gerade haben sie noch eine reingerollt.«

»Was du nicht sagst! Die haben vielleicht Nerven.«

»Ist schon zehn nach sieben«, fuhr er fort, und seine Stimme bekam etwas Flehentliches. »Wenn du mir nur diesen einen Gefallen …«

»Aber ich bin gar nicht da.« Sie leckte einen Klecks Himbeergelee von ihrem Finger. »Nicht vor acht Uhr. Im Moment bin ich so was wie eine Fata Morgana.«

»Ich hab jetzt keine Zeit für solche Scherze. Beth sitzt schon mit den Kindern auf unseren Koffern und wartet, daß es losgeht. Und mir werfen sie wieder eine von diesen namenlosen Frauenleichen vor die Füße. Hab ein Herz!«

»Ist das dritte Mal in diesem Monat.«

»Aber ich habe Familie. Sie erwarten, daß ich gelegentlich ein bißchen Zeit für sie habe. Du bist allein und ungebunden.«

»Richtig. Ich habe mich scheiden lassen. Aber was habe ich davon, wenn ich jetzt immer den Ausputzer spielen muß?«

Ratchet schlurfte in ihr Büro und lehnte sein dickes Hinterteil gegen ihren Schreibtisch. »Nur noch dieses eine Mal! Beth und ich haben Probleme. Und ich möchte, daß der Urlaub ein Erfolg wird. Ich zeig mich irgendwann erkenntlich. Versprochen.«

M. J. klappte seufzend die Zeitschrift zu. Die Seelenqualen von Andy und Fergie mußte sie vorerst auf Eis legen. »Okay«, sagte sie schließlich, wobei es ihr mehr am Herzen lag, ihre Karteikarten vom Gewicht von Ratchets Hintern zu befreien, als ihm einen Gefallen zu tun. »Was liegt an?«

Ratchet war bereits dabei, seinen weißen Arztmantel abzulegen und Freizeitkleidung zu präsentieren. »Unbekannte Frauenleiche. Keine Anzeichen von äußerer Gewalteinwirkung. Wieder ein Fall für das ganze Spektrum von Laboranalysen. Beamis und Shradick sind bei ihr drinnen.«

»Die beiden haben sie eingeliefert?«

»Yeah. Damit hast du schon mal einen anständigen Polizeibericht, auf den du dich verlassen kannst.«

M. J. stand auf und klopfte Puderzucker von der weißen Hose ihrer Arztkleidung. »Du bist mir was schuldig«, sagte sie auf dem Weg in den Korridor.

»Ich weiß, ich weiß.« Ratchet blieb auf der Schwelle zu seinem Büro stehen und griff nach seinem Jackett … das Bilderbuch-Outfit des erfolgreichen Fliegenfischers.

»Laß noch ein paar Forellen für den Rest der Menschheit übrig.«

Er grinste und grüßte militärisch. »Auf in die Wildnis von Maine!« erklärte er und lief in Richtung Aufzug. »Bis nächste Woche!«

Schicksalsergeben stieß M. J. die Tür zum Obduktionssaal auf und trat ein.

Die Leiche lag im schwarzen Leichensack auf dem Obduktionstisch. Lieutenant Lou Beamis und Sergeant Vince Shradick, Veteranen im Kampf gegen das Hauen und Stechen auf den Straßen der Stadt, erwarteten sie bereits. Beamis sah in Anzug und Krawatte noch schmucker aus als sonst. Der farbige Polizeibeamte zog es stets vor, Leichen im eleganten Cardin-Outfit zu beehren. Sein Partner, Vince Shradick, war hingegen ein Dauerkandidat für Slim-Fast-Diäten. Shradick starrte fasziniert auf den Inhalt eines großen Reagenzglases im Regal.

»Was zum Teufel ist das?« fragte er und deutete auf das Glas. Der gute alte Vince scheute sich nie, sich eine Blöße zu geben.

»Der mittlere Teil eines rechten Lungenlappens«, antwortete M. J.

»Hätte auf ein Gehirn getippt.«

Beamis lachte. »Deshalb ist sie auch der Doc, und du bist der dämliche Cop.« Er rückte seine Krawatte zurecht und sah sie an. »Ist nicht Ratchet für die Leiche zuständig?«

M. J. zog ein Paar Gummihandschuhe an. »Ich fürchte, Sie müssen schon mit mir vorlieb nehmen.«

»Dachte, Ihre Schicht fängt erst um acht Uhr an.«

»Erzählen Sie mir lieber, was Sie wissen.« Sie trat an den Obduktionstisch und starrte auf den Leichensack. Sie zögerte wie immer, den Reißverschluß zu öffnen und zu entblößen, was sich unter der Plastikhülle verbarg. Wie viele dieser Leichensäcke habe ich schon aufgemacht? fragte sie sich. Hundert, zweihundert? Jeder einzelne enthielt seine ganz spezielle Horrorgeschichte. Den Reißverschluß aufzuziehen war immer der schwierigste Teil. Erst wenn die Leiche unverhüllt vor ihr lag und sie den Schock des ersten Anblicks überwunden hatte, konnte sie sich mit der Leidenschaftslosigkeit der Wissenschaftlerin an die Arbeit machen. Jener erste Blick jedoch, die erste Reaktion … das war stets eine rein emotionale Angelegenheit, etwas, das sie nicht unter Kontrolle hatte.

»Also gut, Jungs«, meinte sie. »Was haben wir hier?«

Shradick trat vor und klappte sein Notizbuch auf. Es war nicht wegzudenken von ihm, dieses Notizbuch. Sie hatte ihn nie ohne erlebt. »Weiß, weiblich, keine Ausweispapiere, zwischen zwanzig und dreißig. Die Leiche wurde gegen vier Uhr heute morgen in South Lexington gefunden. Keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung, keine Zeugen, gar nichts …«

»South Lexington«, wiederholte M. J., und Bilder der Gegend tauchten unwillkürlich vor ihrem geistigen Auge auf. Sie kannte den Stadtteil besser, als ihr lieb war … kannte die Straßen, die dunklen Gassen, die Spielplätze hinter Stacheldrahtzäunen. Und über alldem thronten sieben Hochhäuser, so trostlos und drohend, wie zwanzig Stockwerk hohe Grabsteine aus Beton nur sein konnten. »In den Projects?« fragte sie.

»Wo sonst?«

»Wer hat sie gefunden?«

»Die städtische Müllabfuhr«, sagte Beamis. »In einem Durchgang zwischen zwei Häusern der Projects. Sie lehnte an einem Müllcontainer.«

»So als habe man sie dort hingesetzt? Oder als sei sie dort gestorben?«

Beamis sah Shradick an. »Du bist zuerst am Tatort gewesen. Was meinst du, Vince?«

»Sah mir so aus, als sei sie dort abgekratzt. Lag einfach da. Hat sich wohl vor dem Müllcontainer zusammengekauert und den Löffel abgegeben.«

Es war Zeit. Sie wappnete sich für den ersten Blick. M. J. griff nach dem Reißverschluß und zog ihn auf. Beamis und Shradick machten beide einen Schritt zurück. Das war eine instinktive Reaktion, die sie gewaltsam unterdrücken mußte. Der Reißverschluß öffnete sich, die Plastikhülle fiel auseinander, und die Leiche lag vor ihr.

Ihr Zustand war nicht weiter schlimm. Zumindest schien sie rein äußerlich unversehrt zu sein. Verglichen mit anderen Leichen, die sie in ihrem Leben schon gesehen hatte, war diese in geradezu blendender Verfassung. Die Frau hatte gebleichtes, blondes Haar und war um die dreißig, vielleicht sogar jünger. Ihr Gesicht wirkte wie blanker Marmor, bleich und kalt. Sie trug einen langärmligen, roten Pullover aus einem Polyestergemisch, einen kurzen, schwarzen Rock mit Ledergürtel, eine schwarze Strumpfhose und nagelneue Nikes. Ihr einziger Schmuck bestand aus einem billigen Kaufhaus-Freundschaftsring und einer Timex-Uhr … die noch tickte. Die Totenstarre hatte längst eingesetzt. Ihr Körper verharrte in einer Art fötalen Haltung. Beide Fäuste waren fest geschlossen, als habe sie vor ihrem Tod an Krämpfen gelitten.

M. J. machte ein paar Fotos, dann griff sie nach einem Kassettenrecorder und begann zu diktieren. »Opfer weiblich, weiß und blond. Fundort ein schmaler Durchgang zwischen zwei Häusern in South Lexington gegen vier Uhr morgens …« Beamis und Shradick, die die Prozedur bereits kannten, entledigten sich ihrer Jacketts und griffen sich OP-Kleidung aus einem grünen Leinensack… Größe M für Beamis, und XXL für Shradick. Als nächstes kamen die Handschuhe. Die beiden waren altgediente Polizisten und seit vier Monaten Partner. Ein seltsames Paar, dachte M. J. Fast wie Abbott und Costello. Soweit allerdings schien die Partnerschaft zu funktionieren.

Sie legte den Kassettenrecorder beiseite. »Okay, Jungs«, meinte sie. »Vorhang auf zum zweiten Akt.«

Jetzt mußten sie die Leiche entkleiden. Sie arbeiteten zu dritt. Die Totenstarre machte ihre Aufgabe schwierig. M. J. mußte den Rock aufschneiden. Die Oberbekleidung wurde beiseite gelegt. Der Slip und die restliche Unterwäsche sollten später auf Spuren von Sexualverkehr untersucht werden. Als die Leiche schließlich nackt vor ihnen lag, griff M. J. erneut nach der Kamera und machte weitere Fotos für die Akten.

Es war Zeit für den handgreiflichen Teil des Jobs, jenen Part, den man bei Quincy nie miterleben durfte. Gelegentlich beantwortete der erste Blick schon sämtliche Fragen. Todeszeit, Todesursache, Tathergang und Tatwerkzeug … das waren die Lücken, die gefüllt werden mußten. Mit einer Schlußfolgerung, die für Selbstmord oder natürlichen Tod sprach, machte man Beamis und Shradick glücklich. Das Urteil Mord bewirkte das Gegenteil.

Diesmal war M. J. leider nicht in der Lage, schnelle Antworten zu liefern.

Sie konnte die Todeszeit ungefähr abschätzen. Die Totenstarre und die wenig ausgeprägten Leichenflecken legten nahe, daß der Tod vor weniger als acht Stunden eingetreten war. Nach der Moritz-Formel wies die Körpertemperatur auf den Eintritt des Todes gegen Mitternacht hin. Aber die Todesursache?

»Nichts Definitives, Jungs«, seufzte sie. »Tut mir leid.«

Beamis und Shradick wirkten enttäuscht, aber kaum überrascht.

»Wir müssen die Tests der Körperflüssigkeiten abwarten«, erklärte sie.

»Wie lange?«

»Ich nehme die Proben und schicke sie noch heute ins Labor. Aber die sind mit ihrer Arbeit sowieso schon ein paar Wochen im Hintertreffen.«

»Könnten Sie ein paar Analysen nicht selbst durchführen?« fragte Beamis.

»Die Gas- und Dünnschichtchromatographie kann ich machen. Aber die Ergebnisse sind zu ungenau. Die Identifizierung möglicher Arzneimittel oder Drogenwirkstoffe muß das staatliche Labor vornehmen.«

»Wir wollen ja nur wissen, ob’s ’ne Möglichkeit ist«, sagte Shradick.

»Mord ist immer eine Möglichkeit.« Sie führte ihre äußerlichen Untersuchungen fort und begann mit dem Kopfbereich. Am Schädel waren keine Spuren von äußerlicher Gewaltanwendung feststellbar. Das Knochengerüst schien unversehrt zu sein. Die Schädeldecke war intakt. Das blonde Haar war strähnig und schmutzig. Die Frau hatte es offenbar seit Tagen nicht gewaschen. Bis auf die Veränderungen, die nach Eintritt des Todes stattgefunden hatten, waren auch am Torso keine auffälligen Spuren zu entdecken. Der linke Arm allerdings erregte ihre Aufmerksamkeit. Er wies eine lange Spur von Narben auf, die sich bis zum Handgelenk hinunterschlängelte.

»Narben von Injektionsnadeln«, erklärte M. J. »Und ein frischer Einstich.«

»Wieder ein Junkie«, seufzte Beamis. »Da haben wir die Todesursache. Überdosis.«

»Wir könnten einen Schnelltest an ihrer Nadel vornehmen«, schlug M. J. vor. »Wo ist ihr Besteck?«

Shradick schüttelte den Kopf. »Nichts dergleichen gefunden.«

»Sie muß eine Spritze gehabt haben.«

»Ich hab danach gesucht«, sagte Shradick. »Da war nichts.«

»Haben Sie denn sonst was in der Nähe der Leiche entdecken können?«

»Nichts«, antwortete Shradick. »Keine Tasche, keine Ausweispapiere, absolut nichts.«

»Wer war zuerst am Tatort?«

»Der Streifenpolizist. Dann ich.«

»Wir haben also einen Junkie mit frischem Einstich, aber keine Nadel.«

»Vielleicht hat sie sich den Schuß woanders gesetzt«, sagte Beamis. »Hat sich dann im Durchgang verkrochen und ist dort gestorben.«

»Möglich.«

Shradick starrte auf die Hand der Toten. »Was ist das?« fragte er.

»Was ist was?«

»Sie hat was in der Hand.«

M. J. beugte sich vor. Tatsächlich! Unter ihren zur Faust geballten Fingern der rechten Hand lugte die Ecke eines pinkfarbenen Stücks Pappe hervor. Zu zweit gelang es ihnen schließlich, ihre Faust zu öffnen. Heraus fiel ein Streichholzheftchen, ein glänzendes, pinkfarbenes Exemplar mit Goldaufdruck: »L’Etoile, gehobene Nouvelle Cuisine. 221 Hilton Avenue.«

»Liegt nicht gerade in ihrem Einzugsbereich«, bemerkte Beamis.

»Soll meines Wissens ein tolles Restaurant sein«, erklärte Shradick. »Eines, das ich mir jedenfalls nicht leisten könnte.«

M. J. klappte das Streichholzheftchen auf. Drinnen waren unverbrauchte Streichhölzer. Und eine Telefonnummer. Sie war mit Füller auf die Innenseite gekritzelt.

»Ist das eine Nummer von hier?« fragte sie.

»Die ersten beiden Zahlen deuten auf einen Anschluß in Surrey Heights hin«, sagte Beamis. »Ist auch nicht gerade ihre Gegend.«

»Tja«, murmelte M. J. »Dann rufen wir die Nummer doch einfach mal an und schauen, was passiert.« Beamis und Shradick warteten, während sie zum Telefon ging und die Nummer eintippte. Das Rufzeichen ertönte viermal. Dann schaltete sich ein Anrufbeantworter ein. Die Männerstimme auf dem Band klang angenehm sonor.

»Ich bin im Augenblick nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer.«

Das war alles. Keine hübsche Musik, keine witzigen Bemerkungen, nur der karge Spruch und dann der Piepton.

»Hier spricht Dr. Novak vom Gerichtsmedizinischen Institut Albion. Bitte rufen Sie mich unter der Nummer 879640 zurück. Es handelt sich um …« Sie hielt inne. Schließlich konnte sie kaum sagen, es handle sich um die Leiche einer Frau, die er vermutlich kannte. Statt dessen fuhr sie fort: »Bitte rufen Sie mich einfach an. Es ist wichtig.« Dann legte sie auf und sah die beiden Polizisten an. »Warten wir ab, was passiert.«

In den folgenden zwei Stunden passierte nicht viel. Beamis und Shradick wurden zu einem anderen Fall abberufen, und M. J. beendete ihre Untersuchung der Toten. Sie fand keine äußeren Verletzungen, die den Tod des Opfers näher erklärt hätten. Mit einer Spritze nahm sie Proben der Körperflüssigkeiten für die Laboranalyse: Blut aus der Schlüsselbeinschlagader, Augenflüssigkeit, Urin durch den Unterbauch. Die einzelnen Proben wurden auf Reagenzgläser verteilt. Einige wollte sie zur Analyse ins staatliche Labor schicken, während sie mit den anderen selbst eine vorläufige Testserie zu starten gedachte. Sie beschloß, mit einer Autopsie zu warten, solange nicht feststand, daß sie unumgänglich war. War der toxikologische Befund der Körperflüssigkeiten positiv, hatte sie die Antwort, die sie brauchte. Vorerst verschwand die Leiche in einem Kühlfach und wurde unter »Unbekannt, weiblich« und der Nummer 373-4-3-A registriert.

Um elf Uhr, während M. J. an ihrem Schreibtisch saß, klingelte das Telefon. Sie griff nach dem Hörer und meldete sich: »Dr. Novak. Stellvertretende Leiterin der Gerichtsmedizin.«

»Sie haben eine Nachricht für mich hinterlassen«, sagte ein Mann. Sie erkannte die Stimme vom Anrufbeantworter sofort. Das tiefe Timbre konnte die Besorgnis in seiner Stimme nicht übertünchen. »Worum geht es?« fragte er.

M. J. griff automatisch nach Stift und Papier. »Mit wem spreche ich?«

»Das sollten Sie doch wissen. Schließlich haben Sie mich angerufen.«

»Ich hatte nur Ihre Telefonnummer. Keinen Namen …«

»Und wie sind Sie an meine Nummer gekommen?«

»Sie stand in einem Streichholzheftchen. Die Polizei hat heute morgen eine Frau ins Leichenschauhaus gebracht, und sie …«

»Ich komme sofort«, fiel er ihr ins Wort.

»Mister, ich habe Ihren Namen nicht …«

Sie hörte das Klicken, als am anderen Ende der Hörer aufgelegt wurde. Dann ertönte das Leerzeichen. Blödmann, dachte sie. Was, wenn er nicht auftauchte? Was, wenn er nicht zurückrief?

Sie wählte die Nummer des Morddezernats und hinterließ für Beamis und Shradick folgende Nachricht: »Macht, daß ihr ins Leichenschauhaus kommt.« Dann wartete sie.

Gegen Mittag meldete sich die Rezeption über das Haustelefon: »Hier ist ein Mr. Quantrell für sie«, sagte die Sekretärin. »Er sagt, Sie erwarten ihn. Soll ich ihn runterschicken?«

»Ich komme rauf«, sagte M. J. »Bin schon unterwegs.«

Sie war erfahren genug, einen ahnungslosen Bürger nicht direkt von der Straße ins Leichenschauhaus zu zitieren. Er sollte die Chance haben, sich zumindest seelisch auf den Schock einzustellen. Sie zog einen weißen Arztmantel über ihre OP-Kleidung. Auf dem Revers waren Kaffeeflecken, aber das war nicht zu ändern.

Als sie mit dem Lift aus dem Kellergeschoß ins Parterre gefahren war, hatte sie ihr Haar in Ordnung gebracht und das Namensschild am Revers poliert. So trat sie auf den Flur hinaus. Durch die Glastür am Ende des Korridors konnte sie die in unaufdringlichem Grau gehaltene Empfangshalle sehen. Vor der Sitzecke für Besucher ging ein elegant gekleideter Mann auf und ab. Rein äußerlich war er kaum der Typ, der mit einer namenlosen Toten aus South Lexington verkehrt hätte. Sein Kamelhaarjackett saß tadellos über seinen breiten Schultern. Über dem Arm trug er einen braunen Trenchcoat, und er zerrte an seiner Krawatte, als drückte sie ihm die Luft ab.

M. J. stieß die Glastür auf und betrat die Halle. »Mr. Quantrell?«

Der Mann wirbelte herum und sah sie an. Er hatte weizenblondes, sorgfältig frisiertes Haar. Seine Augen waren weder ganz blau noch eindeutig grau, changierten eher wie die Färbung des Himmels im Frühling. Er war alt genug … Anfang vierzig vielleicht …, um die Charakterfalten um die faszinierenden Augen und ein paar graue Haare an den Schläfen mit Würde zu tragen. Unter anderen Umständen hätte sie es genossen, die Bekanntschaft dieses Mannes zu machen. Jetzt allerdings wirkte sein Gesicht vor innerer Anspannung wie versteinert.

»Ich bin Dr. Novak«, sagte sie und streckte die Hand aus. Er griff so automatisch und schnell danach, als wolle er die Formalitäten rasch hinter sich bringen.

»Adam Quantrell«, erwiderte er. »Sie haben auf meinen Anrufbeantworter gesprochen.«

»Gehen wir in mein Büro. Dort können wir warten, bis die Polizei…«

»Sie haben etwas von einer Frau gesagt«, schnitt er ihr barsch das Wort ab. »Daß die Polizei eine Frau ins Leichenschauhaus gebracht hat.« Nein, er war nicht unhöflich, entschied M. J. Er hatte einfach nur Angst.

»Ist vermutlich besser, wir warten auf Lieutenant Beamis«, sagte sie. »Er kann die Sachlage erklären.«

»Warum erklären Sie mir nicht, worum es geht?«

»Ich bin nur die Gerichtsmedizinerin, Mr. Quantrell. Ich kann keine Informationen weitergeben.«

Der Blick, der sie traf, war vernichtend. Plötzlich wünschte sie sich größer zu sein, um unter diesem Blick nicht völlig zu versinken. »Dieser Lieutenant Beamis«, sagte er. »Er ist von der Mordkommission, oder?«

»Ja.«

»Dann geht es um Mord.«

»Spekulationen dieser Art stehen mir nicht zu.«

»Wer ist die Tote?«

»Wir konnten sie noch nicht identifizieren.«

»Dann wissen Sie es also noch nicht.«

»Richtig.«

Er überlegte. »Lassen Sie mich die Leiche sehen.« Das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Er schien zu allem entschlossen zu sein.

M. J. starrte auf die Tür und fragte sich, wann Beamis endlich aufzukreuzen gedachte. Ihr Blick schweifte wieder zu ihrem Gegenüber. Sie merkte, daß er sich nur mühsam beherrschte. Er hat panische Angst, panische Angst, daß die Leiche in meinem Kühlfach jemand ist, den er kennt und liebt.

»Deshalb haben Sie mich doch angerufen, oder?« sagte er. »Sie wollen wissen, ob ich sie identifizieren kann?«

Sie nickte. »Das Leichenschauhaus ist im Keller, Mr. Quantrell. Kommen Sie mit.«

Er ging schweigend neben ihr her. Sein sonnengebräunter Teint wirkte grau im Schein der Neonbeleuchtung. Während der Fahrt ins Kellergeschoß blieb er stumm. Sie hob einmal den Kopf und sah, daß er starr geradeaus schaute, als habe er Angst, etwas zu sehen, das ihn den letzten Rest an Beherrschung kosten könnte.

Als sie aus dem Lift traten, blieb er stehen. Sein Blick schweifte über den bröckelnden Putz an den Wänden, das brüchige, abgetretene Linoleum. Über ihnen flackerten die Neonröhren. Das Gebäude war alt, und hier im Kellergeschoß konnte man den Verfall an der abblätternden Farbe, den rissigen Mauern ablesen, konnte ihn mit jedem Atemzug einatmen. In einer Situation, wo die ganze Stadt dem Verfall anheimgefallen war, wo jedes öffentliche Amt, vom Sozialdienst bis zur Müllabfuhr, um den ständig schwindenden Anteil am Steueraufkommen kämpfte, war das Amt der Gerichtsmedizin immer das letzte in der Kette. Tote Bürger wählten nicht.

Falls Adam Quantrell überhaupt bewußt Notiz von dieser Umgebung nahm, erwähnte er es mit keinem Wort.

»Diesen Gang entlang«, forderte M. J. ihn auf.

Wortlos folgte er ihr zur Leichenhalle.

An der Tür blieb sie stehen. »Die Leiche ist hier drin«, sagte sie. »Sind Sie … glauben Sie, daß Sie dem gewachsen sind?«

Er nickte.

Sie führte ihn hinein. Der Raum war grell erleuchtet. Die Helligkeit schmerzte beinahe in den Augen. Kühlfächer bedeckten die rückwärtige Wand. Einige waren mit Namen und Nummern gekennzeichnet. Um diese Jahreszeit war die Tendenz bei der Auslastung der Kühlfächer steigend. Das frühlingshafte Tauwetter und wärmere Temperaturen lockten Pistolen- und Messerhelden wieder auf die Straßen. Die letzte Ernte an Opfern bevölkerte nun die Kühlfächer. Sie hatten drei weibliche Unbekannte auf Lager, und M. J. griff nach der Schublade mit der Nummer 373-4-3-A. Sie hielt inne und sah Adam an. »Wird kein angenehmer Anblick sein.«

Er schluckte. »Machen Sie schon!«

M. J. zog an der entsprechenden Schublade. Sie glitt geräuschlos auf. Eisige, kondensierte Luft schlug ihnen entgegen. Die Leiche unter dem Leichentuch war fast konturlos. M. J. sah zu Adam auf, um sich zu vergewissern, daß er bereit war. Es waren die Männer, die normalerweise in Ohnmacht fielen. Und je größer und kräftiger sie waren, desto schwieriger war es, sie vom Linoleum zu kratzen. Bis jetzt hielt sich der Bursche recht gut. Grimmig und schweigsam, aber aufrecht. Langsam hob sie das Tuch hoch. Das alabasterweiße Gesicht der Unbekannten starrte sie an.

M. J.s Blick schweifte zu Adam Quantrell.

Er war noch eine Nuance blasser geworden, blieb jedoch ungerührt, hielt den Blick unverwandt auf die Leiche gerichtet. Ganze zehn Sekunden starrte er auf die Unbekannte, als versuche er, aus ihren frostig erstarrten Zügen etwas Lebendiges zu rekonstruieren, etwas, das ihm vertraut war.

Schließlich atmete er hörbar aus. Erst jetzt merkte M. J., daß der Mann die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Er sah sie über die Schublade hinweg an. Mit vollkommen ruhiger Stimme sagte er: »Ich habe diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen.«

Dann wandte er sich ab und verließ den Raum.

2

M. J. schob das Fach wieder zu und folgte Adam in den Korridor. »Warten Sie, Mr. Quantrell!«

»Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wer sie ist.«

»Aber Sie dachten, daß Sie sie kennen. Stimmt’s?«

»Keine Ahnung, was ich gedacht habe.« Er ging auf den Lift zu. Seine langen Beine verschafften ihm einen guten Vorsprung.

»Warum hatte sie Ihre Telefonnummer?«

»Weiß ich nicht.«

»Ist das eine Geschäftsnummer? Eine, die öffentlich bekannt sein könnte?«

»Nein. Das ist meine Privatnummer.«

»Wie ist sie dann da rangekommen?«

»Hab ich doch schon gesagt. Keine Ahnung.« Er hatte den Lift erreicht und drückte auf den »Aufwärts«-Knopf. »Sie ist eine Fremde.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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