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Meine Gedanken, Alltagsbeobachtungen, oft der einfachsten Art, im Hier und Jetzt. Festgehalten aus dem Wunsch heraus, sie festzuhalten. Es mag hin und wieder den Anschein erwecken, als wollte ich belehren. Nein, ich versuche hier, mich selbst zu erziehen, Lehren aus Gedanken zu ziehen. Sie zu Papier zu bringen ist der Versuch, durch ein Objektiv auf eine weite Landschaft zu blicken und ihre markantesten Erhebungen festzuhalten – für das Album meiner Seele. Diesen Blick mit Lesern zu teilen, ist der Versuch, mit ihnen gemeisam einen Blick auf diese Landschaft zu werfen und unsere Seelen zum Schwingen zu bringen.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Teil 1 – Die Aussaat
Teil 2 – Die Reife
Teil 3 – Die Ernte
Nachwort
Impressum
Vorwort
denken.
gedenken.
danken.
was bleibt?
Weisheiten vergangener Jahrhunderte. Meine Gedanken dazu aus dem Hier und Jetzt.
Es mag hin und wieder den Anschein erwecken, als wollte ich belehren. Nein, ich versuche hier, mich selbst zu erziehen, Lehren aus Gedanken zu ziehen. Sie zu Papier zu bringen ist der Versuch, durch ein Objektiv auf eine weite Landschaft zu blicken und ihre markantesten Erhebungen festzuhalten – für das Album meiner Seele.
Teil 1 – Die Aussaat
Büchereien, Bibliotheken und Buchhandlungen bieten uns Zugang zu Gedanken aus allen Jahrhunderten, seit Literatur verfasst wird. Geschichten, Gedanken aus fernsten Zeiten stehen uns zur Verfügung. Es liegt nur an uns, uns mit diesen Ideen und Erzählungen zu befassen und so über das Alltägliche, das Kurzlebige hinauszulesen.
Ist es dabei nicht ein Trost zu erfahren, dass Generationen vor uns noch weit schwerere Schicksale zu ertragen hatten, dass sie sich aber auch schon mit den gleichen Problemen herumgeschlagen haben? Zeigt uns nicht dies, dass wir zu einer Spezies gehören, der das Los des Irdischen schon immer beschieden war und die es doch auch stets mit Mut, Willen und auch Glauben an die Zukunft gemeistert hat? Wie vielgestalt waren doch die Wege, die vorbildliche Menschen gegangen sind, wie stand ihnen das Glück doch zur Seite und um wie viel reicher an Erfahrung gingen sie aus mancher Not hervor.
Diese Geschichten sind nicht nur Unterhaltung. Sie sind Lehre – Ansporn zum Ringen mit den Widrigkeiten des eigenen Lebens. Und dann die klugen Gedanken weiser Männer und Frauen. Diese Weisheiten lehrt uns keine Schul- und keine Werkbank, keine Universität. Wissen wir nicht mehr weiter, so genügen die Worte eines Menschen und wir sehen ein Licht am Horizont. Eine unerschöpfliche Zahl an Begleiterinnen und Begleitern wartet auf alle, die sich im Geiste mit ihnen unterhalten wollen.
Du hast deine Träume verwirklicht, sie wurden dir erfüllt. Manche sagen, du hättest einen hohen Preis dafür bezahlt. Ja, kann es denn anders sein? Könnte der Preis denn zu hoch sein, wenn du zurückblickst auf das, was dir alles ward, wenn du betrachtest, was dir ist? Auch wenn es von außen nicht so aussieht, so hat das Leben es doch gut mit dir gemeint. Manche Schöne ist dir begegnet. Solange sie bei dir lag, warst du selig, verließ sie dich, so leertest du den Becher des Abschieds bis zur Neige. Gutes hast du reichlich erfahren: beschenkt, bewirtet und beglückt. So viele Menschen gaben dir, wohl nur um dir eine Freude zu machen. Wer das sagen kann, hat Grund sich beschenkt zu nennen. In vielen Ländern der Welt warst du zu Gast bei guten Menschen. Wer das erlebt hat, weiß, was es heißt, bewirtet zu werden.
Und dann hat dir die Eine Kinder geschenkt. Sie und das Leben. Zusammen haben sie dich beglückt. Natürlich hast auch du beschenkt, bewirtet und hoffentlich auch beglückt. Hast Gutes getan. Was du gelernt, hast du weitergegeben. Und so ist dein Leben bis heute wohlverbracht. Dieses Bewusstsein schenkt dir Ruhe, schenkt dir Dankbarkeit. Dieses Bewusstsein wünschst du den Deinen, ja allen Menschen. Das Schönste sei es im Alter, schreibt Hermann Hesse, im Buch der Erinnerungen zu lesen.
Noch schreibst du an diesem Buch, doch blätterst du in den Seiten, die du bisher geschrieben, so hältst du da ein Werk in Händen, das den Leser durch alle Jahreszeiten der Gefühle, durch Täler und über Höhen und immer wieder zum Wasser führt, wo er sich in der Sonne deiner Heiterkeit, umspült von der Brandung deines oft derben Humors und erfrischt von der angenehmen Kühle deiner Gedanken ausruht und denkt: „Gut, so kann´s also gehen. Lässt sich anscheinend aushalten, das Leben, wenn man nur recht will … und muss.“
Ich erinnere mich der Zeiten, da alles still zu stehen schien. Äußerlich war alles geregelt: Ich hatte ein Dach über dem Kopf, zu essen und irgendeine Art von Beschäftigung – mag sie auch noch so stumpfsinnig gewesen sein. Hinter mir lag meist eine tiefe Krise, die ich überwunden und mich aufgerappelt hatte. Die Zukunft war ungewiss, manchmal schien es sie gar nicht zu geben, das heißt, sie verhieß nichts.
Und so lebte ich allein mit mir und meinen Gedanken. Unerheblich, ob sie froh oder traurig waren. Ich entsinne mich an einen in einer besonders ausweglos erscheinenden Lage. „Endstation“ hieß er. Mit dreißig Jahren „Endstation.“ Ich akzeptierte ihn. Es ließ sich mit ihm leben. Hinnehmen, was geschah, was geschehen war. Vorbei all die großen Ziele. Ich war einer von vielen, die ihre Träume begraben hatten. „Endstation“. Still wurde es um mich und in mir. Gedämpft alle Stimmen, alle Eindrücke.
Das dauerte dann immer so lange, bis es mich wieder mit aller Macht rief, das Leben, und keinen Aufschub, ja nicht einmal einen anderen Weg duldete. Und die großen Pläne und Träume kehrten zurück – bis heute.
Ich erinnere mich gut, wie ich einem Freund erklärt habe, dass es das Erbärmlichste sei, Vater zu sein, getrennt von seinen Kindern zu leben und lediglich Unterhalt für sie zu zahlen. Dieses Schreckgespenst hat mich eingeholt.
Ich wollte mir damals nicht vorstellen, nicht mit unseren Kindern unter einem Dach zu leben. Heute muss ich es hinnehmen. Doch dieser Schrecken wandelte seine Züge im Laufe der Jahre. Er steht mir inzwischen wie ein Bruder gegenüber und lächelt mich an, nickt mir zu: „Es ist besser so, nicht wahr?“ Und ich schlage meine Augen nieder: „Ja, ich glaube ja.“
Das Schreckgespenst holte mich ein. Doch es ist keines mehr. Es ist ein neuer Weg für unsere Kinder und für mich. Wir müssen ihn gehen, wir können in gehen und manchmal dürfen wir ihn gehen.
Am Theater war es, nach besonderen Vorstellungen, als Zuschauer im Parkett oder als Schauspieler auf der Bühne, dass ich mich nach großen Gefühlen ins Alleinsein zurückzog.
Einmal hatte ich eine Inszenierung einer jungen französischen Truppe besucht, so gut wie kein Wort verstanden, war aber so tief berührt, dass ich mich nach dem Applaus auf mein Motorrad setzte und mit Vollgas auf die Autobahn fuhr. Nur das Brüllen des Motors und das Pfeifen des Fahrtwindes und sein Zerren an mir. Und dabei fühlte ich eine innere Stille. Befriedigt. Dankbar. Erfüllt.
Ein andermal als Hauptdarsteller nach einer Premiere: Die bislang größte Aufgabe meiner noch jungen Karriere als Schauspieler war geschafft. Es hatte großen Applaus gegeben. Der Vorhang war gefallen. Kolleginnen und Kollegen begaben sich in die Garderoben. Ich zog mich auf die leere Hinterbühne zurück. Die Zuschauer hatten den Saal bis auf den letzten Platz verlassen. Das große Haus war leer. Es gab nichts mehr, was mir in diesem Moment noch zu tun blieb. Ich hatte erreicht, wovon ich als junger Mann geträumt hatte. Es gab keinen neuen Traum. Hören wollte ich nur die Stille der Bühne.
Den Weg der Einkehr habe ich gewählt, als das Leben mich auf mich selbst zurückwarf. Mehrere gaben mir den Rat, mich nach einer neuen Partnerin umzutun. Doch da war nicht der Wunsch nach Zweisamkeit und nicht die Sorge, was aus mir allein werden sollte. Vielmehr fiel mir eine Last von den Schultern. Mir schien, als sei ich sehr wohl in der Lage, mich um mich selbst zu kümmern, nicht aber in der Lage andere glücklich zu machen.
Einst hatte ich es mit aller Kraft versucht und erhielt als Antwort, dass ich es nicht geschafft hatte. Heute ist mir klar, dass es Aufgabe jeder und jedes einzelnen ist, zunächst sich selbst glücklich zu machen. Dann sind glückliche Momente zu zweit überhaupt erst möglich.
Ich suche die Einkehr. Und die schönsten Momente sind jene, wenn das Tagwerk vollbracht ist und jeder neue Augenblick mir gehört.
Ich möchte so viele, die mir begegnen, bitten: „Bleib doch stehen, setz dich zu mir und erzähl mir was!“ Doch das, was sie zu erzählen haben, berichten sie schon beim Abwenden. Dabei begegnen ihnen auf ihren vielen Wegen, die sie täglich zurücklegen, doch sicher zahllose Eindrücke: Gesichter, Geräusche, Gerüche. Und unter all den Eindrücken, die sie aufschnappen, muss doch wenigstens einer sein, über den man sich ausführlicher unterhalten, gemeinsam nachdenken und lachen könnte. Doch dazu fehlt die Muße. Neue Eindrücke warten und wollen aufgesogen und fortgespült werden.
Muße heißt zum Beispiel mit Liebe zu backen, jedes Küchenwerkzeug mit Bedacht zu handhaben und sich für einen Hefezopf Zeit zu nehmen, dessen Teig man gehen lassen muss. Und wenn dieser Zopf dann kaum abgekühlt ist, die erste Scheibe so vorsichtig mit Butter zu bestreichen, dass sie nicht auseinanderbricht. Muße bedeutet weiter, für den nächsten Tag die Liebsten einzuladen und mit ihnen im Gespräch nur so viel vom Zopf zu essen, dass sie auch noch etwas mit nach Hause nehmen können.
So währt der Genuss mehr als nur einen Augenblick und zieht andere Genüsse nach sich, obwohl man doch eigentlich kaum etwas getan hat, außer sich Zeit zu nehmen.
Als beide Kinder noch klein waren, mieteten meine Frau und ich zwei Stockwerke in einem Reihenhaus mit Garten. Obwohl noch zwei Paare unter und über uns wohnten, gehörte der Garten zu unserer Wohnung.
Schon als Jugendlicher hatte ich mich um die Grünanlage einer Villa gekümmert. Nun mähte ich unter anderem einen kleinen Rasen und eine Wiese von etwa gleicher Größe. Der erste Schnitt im Frühjahr war für den alten Elektrorasenmäher immer eine Herausforderung, weil ich das Gras vorher länger als im Verlauf des restlichen Jahres hatte stehen lassen. War es dann endlich mit mehreren Aussetzern geschafft, lag vor mir eine hellgrüne Fläche mit einzelnen weißlichen Sprenkeln darin, die an einen Tenniscourt erinnerte. Es roch wunderbar nach geschnittenem Gras. Wir hatten weiße Gartenstühle aus Plastik. In einen setzte ich mich an den Rand meines Gartens. Ich steckte mir eine Zigarette an. Die Kinder würden bald herauskommen und hier spielen.
Diese Gartenarbeit verbinde ich mit Familienleben, Wochenende und Sommer. Was ich tat, musste getan werden, aber die Freude nach getaner Arbeit überwog die Pflicht. Und zu wissen, für wen ich es tat, erübrigte jedes Warum.
Ich bezeichne mich nicht als Sammler, doch in meiner kleinen Küche gibt es einige Tassen, mit deren jeder ich etwas verbinde. Da ist zunächst eine aus München, der Stadt, in der mein Bruder mit seiner Familie lebt. Dann gibt es eine kleine mit einem Fischmotiv, eine große mit blau-russischer Verzierung und eine Mokka-Tasse aus nahezu durchsichtigem Porzellan – Souvenirs meiner Ex-Frau von Reisen an die deutsche See und nach St. Petersburg. Des Weiteren zwei Tassen aus Riga. Eine habe ich selbst in Lettland gekauft, als ich dort einen wunderbaren Freund besuchte, die andere hat ebendieser Freund mir als Gastgeschenk mitgebracht, als er mich in Deutschland besuchte. Letztere, die größte von allen, verwende ich nur an freien Tagen, wenn ich mir besonders viel Zeit für einen großen Kaffee gönne. Ja, und dann ist da noch die grobschlächtigste von allen, eigentlich nur ein Gebrauchsgegenstand. Doch ich verbinde mit ihr die Erinnerung an einen Lehrauftrag bei der Max-Planck-Stiftung für Internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit. Immer wenn ich mich als Lehrer, manchmal auch als Privatperson in Toleranz oder Gewissenhaftigkeit gefordert sehe, trinke ich aus ihr. Aberglaube mag man es abschätzig nennen – ich nenne es Respekt vor einem hehren Anspruch.
Und so wähle ich bewusst für jeden Anlass die passende Tasse. Nein, ich bin kein Sammler, aber ich bin im Gespräch mit den Dingen, die ich täglich in die Hand nehme. Ich brauche sie. Und bin ihnen allen dankbar. Ich habe mich für sie entschieden oder sie wurden mir geschenkt. Sie bedeuten mir etwas und können in einem bestimmten Augenblick „ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen, das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen.“
„Warum schaust du beim Spazierengehen immer auf den Boden?“, fragt mich meine Mutter. „Ich denke. Das ist angeboren, wie das Hinken“, lautet meine Antwort. Ja, bei allem, was ich mit ganzem Herzen tue, bin ich in Gedanken. Umso intensiver, je mehr Freude mir eine Sache macht. Regt mich etwas nicht an, so beginne ich, mich darüber hinweg zu denken. Oft verliere ich mich dann in Tagträumen … oder stehe nur knapp an der Schwelle zum Schlaf. Aus diesem Grund werde ich durch Routine nicht produktiver, nicht effektiver, letztendlich ist sie nur das Sprungbrett, von dem ich mich ins Unbekannte werfe.
Zu jedem Jetzt und Hier gehören wache Sinne, ein wacher Geist und ein Blick in Gedanken über die Realität hinaus. Häuser, Räume und Wände fördern das nicht immer. Es ist der Himmel, der Wald, das Grün, die mir ein Zuhause sind. Hier fühle ich mich geborgen. Von ihnen umgeben lebe ich wahrhaft. Ihnen gehöre ich an.
Wir erwachen, um nach einem kurzen Moment der Besinnung ans Tagwerk zu gehen. Wir schaffen und suchen dem, was wir tun, einen Sinn zu geben, etwas, das über den Broterwerb hinaus geht. Mal gelingt uns das, mal nicht. Mal kehren wir zufrieden nach Hause, mal fühlen wir uns nur müde. Mal haben wir unsere Talente zur Entfaltung gebracht, mal ruhten sie.
Es kommt die Zeit der Heimkehr. Vorbei die Forderungen anderer. Es kommt die Zeit, da alles getan ist, die Zeit der Ruhe, des Rückblicks auf den Tag. Wir sind einen Schritt weitergekommen, mag er auch noch so unscheinbar sein. Einen Schritt weiter auf den kommenden Tag und seine Aufgaben zu. Unser Körper ruht. Unser Geist ruht. Wir genießen, was wir heute und an vorausgegangenen Tagen erarbeitet haben. Wir haben überlebt und sind doch dem Tod nähergekommen. Wir waren Mensch unter Menschen und sind doch unserem eigenen Stern gefolgt. Der Schlaf wird uns wache Augenblicke dieses Genusses rauben und wir werden morgen erwachen und wieder vor Aufgaben stehen, die es zu meistern gilt. So sieht unser Weg aus.
Es gibt Alternativen zu dieser Lebensart, das ja, doch wir wissen, dass wir für sie nicht leben wollen, nicht dazu berufen sind. Unser Ja zu jedem neuen Tag ist ein Ja zum Leben.
Vor allem in unseren Beziehungen sind es die täglichen kleinen Enttäuschungen, die an unserem Glück nagen. Wieder steht oder liegt etwas herum, das ohne Aufwand hätte weggeräumt werden können. Wieder isst du Aufgewärmtes, und machst danach den Abwasch – egal wie spät du nach Hause gekommen bist. Ja, es ist enttäuschend – und es zieht einen Rattenschwanz an Fragen nach sich: Wer bist du eigentlich in ihren Augen? Denkt sie noch an dich? Wann hat sie dir zuletzt etwas zuliebe getan? Liebt sie dich überhaupt noch?
Und im Gegensatz dazu: Was hat sie für dich nicht alles getan, als du schwerkrank warst, im Krankenhaus lagst? Um alles hat sie sich zu Hause gekümmert: die Kinder versorgt, die Küche gemacht, eingekauft, geputzt. Und sie fand Zeit, dich zu besuchen. Es gab keine Fragen. Es war klar: Du bist ihr Mann, der krank ist. Sie denkt an dich. Sie tut all das auch dir zuliebe. Sie liebt dich.
Aus diesem Grund: Macht jeden Tag zu etwas Großem! Findet täglich etwas, das die Kleinigkeiten übersteigt, das den Alltag übersteigt! Und nehmt euch stets einen Augenblick Zeit, eurer Partnerin von diesem Etwas zu berichten! Und tut es dann mit Gefühl, mit Lust!
All die unwichtigen Kleinigkeiten werden verblassen, ihr werdet nicht mehr darüber reden, denn sie sind nichtig – oder in einem Nebensatz abgetan. Versucht es einmal! Seht ihr das Große im Alltag, dann wird das Kleine eure Beziehung nicht zerfressen. Es wäre doch so schade drum.
Die Zeit heilt alle Wunden. Es ist tatsächlich so. Narben bleiben, das ja, und ein alter Mann mag innerlich wie äußerlich aussehen wie ein Krieger. Doch er kann lachen und sich des Lebens freuen. Er fürchtet sich nicht vor neuen Schlägen, denn er ist an all den vorausgegangenen gewachsen.
Sicher, er hat Kummer erlitten, sich am Ende seiner Kräfte gefühlt. Doch irgendwann kehrten sie zurück. Still und leise, aber stetig. Und dann fühlte er sich wieder in ihrem Vollbesitz. Mit ihnen war sogar noch etwas Neues hinzugekommen: das Wissen um seine unerschöpfliche innere Kraftquelle. Die, die ihn immer wieder aufrichten wird, bis er sich eines Tages für immer niederlegen wird.
Und wer weiß, vielleicht ist es dann auch sie, die ihn ins Jenseits trägt und ihn dort nach Hause bringt.
Immer wieder entfliehe ich der sogenannten Wirklichkeit. Mit zunehmendem Alter, besonders an manchen Orten, kehre ich dabei in die Vergangenheit zurück. Und dabei empfinde ich meist Dankbarkeit dem Leben gegenüber, das es bei allem Schmerz, bei Krankheit und Liebeskummer doch überall auch gut mit mir gemeint hat.
Das liegt wohl daran, dass ich, wann immer möglich, dem Ruf meines Herzens gefolgt bin, ohne Rücksicht auf Wohlstand oder Sicherheit. In den entscheidenden Momenten hatte ich stets das Gefühl, nicht anders als nur so handeln zu können. Und handelte ich dann, so fühlte ich Wohlstand und Sicherheit. Natürlich gab es Verzweiflung und Kampf, doch da ich aus Überzeugung einen Weg gewählt hatte, fand ich auch die Kraft ihn weiterzugehen.
Was mir daneben wohl in die Wiege gelegt worden war, ist die Lust am wahrhaftigen Augenblick. In der Jugend waren es rauschhafte Zustände der Seele, in denen es kein Halten gab, in denen alles erlaubt war. Heute ist es ein Innehalten, ein Wissen darum, dass in diesem Moment alles am rechten Platz ist – sowohl in meinem Herzen und Geist, als auch im Leben meiner Kinder, meiner Familie und sogar meiner Freundinnen und Freunde.
Ein Wissen darum, dass niemand mich braucht und ich doch bei allen bin. Dass ich frei in meiner Welt der Gedanken ruhe. Verantwortung, Sorge, Enttäuschung – alles ist dahin.
Es führt kein Weg zur Wahrheit, zu der einen Wahrheit. Die Wahrheit ist im Fluss und nimmt jeden Tag eine neue Wendung. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern! Wer den Mut aufbringt, dies auf einen Verweis zu erwidern, dass man vor einem Jahr oder meinetwegen einer Woche genau das Gegenteil behauptet habe, gilt als unglaubwürdig. Aber dabei sind wir doch um ein Jahr, um eine Woche älter und hoffentlich auch reifer und verständiger geworden, haben neue Erfahrungen gemacht, die uns verändert haben. Nur die Ängstlichen halten sich an diese eine Wahrheit: Stets auf dem eingeschlagenen Weg bleiben, um nur ja nicht zu Fall zu kommen! Und dies verlangen sie von allen, weil die Abweichler eben diesen Weg in Frage stellen – und dem sind die Immergleichen nicht gewachsen.
Wie man sein Leben doch wegwerfen kann! Natürlich werden sie nicht selten für ihre Treue belohnt. Da winkt ein Spezialistentum, eine Hingabe an das eine Fach und damit materieller Gewinn. Ich bin mir treu geblieben. Ja, hast du dich denn überhaupt kennengelernt? Ist da wirklich nur das, was du schon kennst, in dir? Gibt es da nichts wirklich Neues außer einem neuen Wagen? Gibt es nichts wirklich Schönes außer einem neuen Kleid?
Je länger du wartest, in desto weitere Ferne rückt die Wahrheit, die dich dir näherbringen könnte. Und dann musst du der bitteren Wahrheit ins Auge sehen, dass du dein wahres Leben versäumt hast.
Wie viel Schuld schieben wir doch anderen in die Schuhe! Wo bleibt unser Anteil? Warum sehen wir nicht nur auf unseren Teil und lassen die anderen den ihren selbst tragen?
Viele machen sich zum Opfer. Sie wurden verlassen, enttäuscht, getäuscht… Die Liste ist beliebig lang. Warum sind sie nicht als erste gegangen, als absehbar war, dass es zu Ende ist? Warum haben sie all ihre Hoffnungen auf einen Menschen gesetzt, der sie gar nicht erfüllen konnte? Warum haben sie geglaubt, statt nachzufragen? Als Opfer brauchen sie Täter. Und es fällt schwer, den Tätern zu verzeihen, denn man kommt über die Verletzung nicht hinweg. Man räumt ihnen die Macht ein, ein Leben zu zerstören. Bitterkeit, Hass, Wut… Die Liste ist beliebig lang. Unzählige Reaktionen auf doch nur das Eine: zurückgewiesene Liebe.
Da hilft nur annehmen, was geblieben ist, verschmerzen, was fehlt und dankbar sein für jedes kleine Glück, das daherkommt. Es wird nie mehr so, wie es einmal war. Wir werden nie mehr die, die wir einmal waren. Doch welches Lebewesen ist geschaffen, um zu bleiben? Ein Baum, ein Hase – alle machen Wandlungen durch, die sie sich nicht ausgesucht haben. Der Baum wird in seiner Blüte gefällt, der Hase wird bei einer Jagd erlegt. Nur der Mensch bleibt von allem verschont? Das ist eine Illusion, die uns vorgegaukelt wird! Eine Lüge.
Wir treffen so viele Entscheidungen. Täglich. Manchmal von einem Augenblick auf den anderen. Wovon lassen wir uns dabei leiten? Von der Vernunft, der Lust oder Unlust, einem Ratschlag? Die einen sind eher zögerlich, die anderen eher spontan. Manches muss erwogen, anderes schnell entschieden werden. Haben wir einen Fehler begangen, so liegt es nahe damit zu hadern, dass wir uns dies oder das nicht reiflich genug überlegt haben. Haben wir Glück, so preisen wir unsere innere Stimme.
Vertrauen wir auf die Ratio oder das Gefühl? Am Ende werden wir sowohl Fehler machen, als auch Glück haben. Keinem ist nur das eine beschieden. Doch wer seiner Intuition folgt, der quält sich nicht mit dem Wenn und Aber. Er lässt sich selbst entscheiden.
Da ist etwas, das einem die Entscheidung abnimmt. Sie, aber nicht ihre Folgen. Sollten sie schwerwiegend sein, so bleibt der Trost: Ich konnte nicht anders und ich würde es wieder so tun. Somit kennt die Intuition keine Reue. Hätte ich nicht, dann wäre ich. – Das gibt es nicht. – Ich habe, darum bin ich nicht.
Meine Schülerinnen und Schüler fragen mich regelmäßig in einer Übung: „Wie alt möchtest du werden?“ Meine Antworten wandelten sich im Laufe der Jahre. Zunächst sagte ich: „Ich will auf der Hochzeit meiner Tochter tanzen.“ Heute erwidere ich: „Ich möchte mit meinen Enkelkindern spielen.“ Das sind keine Ziele, es sind Träume, Hoffnungen.
Habe ich wahre Ziele? Eigentlich nur das eine: Ich möchte wachen Geistes durch diese Welt wandern und dadurch erkennen, was das Ziel meines Lebens ist. Ich werde wohl das zweite nicht erreichen, weil es im Jenseits liegt. Doch dieses Wandern und seine Wandlungen brauchen eine Richtung, sonst verliere ich mich, anstatt mich zu verwandeln. Und diese Richtung ist das Ziel. Ich habe es stets vor Augen, mal zum Greifen nah, mal nur in der Ferne zu erahnen. Ich laufe ihm nach wie das Pferd der Karotte an der Stange.
Ja, ich werde mein Ziel im Diesseits nicht erreichen, doch ich erahne es im Jenseits. Es ist eine Frage des Glaubens. In ihn will ich mich versenken, denn er bringt mich in Verbindung mit den guten Mächten, von denen ich wunderbar geborgen bin, wie Dietrich Bonhöffer schreibt.
Mit diesem Ziel wird wenig greifbar, vieles wohl unerreichbar. Es erfordert eine Abkehr vom Haben, eine Hinwendung zum Sein. Und das bringt eine Entfremdung von Vielen mit sich. Vielleicht sogar von der Familie, den eigenen Kindern, den meisten Freundinnen und Freunden.
Einsamkeit. Nun, sie mag kommen! Mit den Menschen habe ich so gut wie alles erlebt. Den nächsten Schritt gehe ich, wenn es sein muss, allein.
