In meinem Kopf - Christian Sined - E-Book

In meinem Kopf E-Book

Christian Sined

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Beschreibung

Alle Geschichten haben einen Ursprung. Sie begegnen uns im Leben und in der Fantasie. Beim Aufschreiben entsteht Wort für Wort etwas Besonderes. Denn keine Geschichte gleicht der anderen, jede ist einzigartig. Sie erzählen von unseren Gedanken und Erlebnissen, von Sehnsüchten und Träumen, von Trauer und Freude, von Ängsten und Hoffnung, von Liebe und Leid. Und manchmal sind sie einfach nur skurril und lustig. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie entstehen im Kopf. 31 Kurzgeschichten. Aus dem Leben. Aus dem Kopf.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Luftballon

2027

Hilflos

Holger

Liebe

Letzte Chance

Sieben

Die Frau an den Gleisen

Das Schaf

Gute Nacht

Oma Erna

Sünde

«Bitte lächeln»

Die Begegnung

Neulich in der Obstabteilung

Irgendwann

Das Fest der Toten

Der schönste Tag

Abschied

Monster

Der Pfad zum Paradies

Was wirklich zählt

Mr. Buttons

Maschine

Scham

Der beste Mensch der Welt

Genug

Perfekt

Die Möwe Rüdiger

Fischbrötchen

Das Boot

PROLOG

Er setzt sich an den Schreibtisch und blickt auf den Bildschirm. Sein Kopf ist voller Gedanken. Also schreibt er sie auf. Um den Kopf wieder leer zu bekommen, zu verarbeiten, zu erinnern, zu vergessen. Er realisiert, dass es ihm hilft. Und so schreibt er weiter, tippt Buchstaben, Worte und ganze Sätze. Wenn er sich seine Texte durchliest, dann fällt ihm auf, dass diese keinem Schema folgen. Sie sind davon abhängig, was ihn gerade bewegt, was in ihm vorgeht. Viele Geschichten haben ihn zum Nachdenken gebracht, das Aufschreiben fiel ihm nicht immer leicht, war oft anstrengend. Ab und zu gelingt es ihm, den Kopf auszuschalten, dann war er gut drauf. Die Sorglosigkeit spiegelt sich in den Geschichten solcher Tage wider. Er folgt keinem Muster, denn das Leben tut es auch nicht. Es gibt Höhen und es gibt Tiefen. Wie eine Achterbahn. In seinem Kopf.

LUFTBALLON

Wie sonderbar es doch ist, eine Szene erneut vor dem geistigen Auge ablaufen zu sehen. Als wäre sie real, würde in diesem Augenblick stattfinden. Ich sitze auf der Terrasse und blicke in den Garten. Es ist ein herrlicher Abend im Spätsommer, die Vögel singen, die letzten Sonnenstrahlen des Tages streicheln meine Haut. Mit dem Duft des frisch gemähten Grases in der Nase schlürfe ich an dem Eistee, den mir meine Mutter erst gerade frisch zubereitet hat. Es ist schön hier. Doch ich hänge in meinen Gedanken fest. Mein Kopf führt mich zurück in die letzte Woche, wo ich, an der gleichen Stelle sitzend, Jonas und Tobi beim Spielen zugesehen habe. Sie sind schon ein lustiges Duo, die beiden. Wie sie dort Steine und Äste hin- und herschleppten, auf ihre ganz eigene Art, aber mit einem System, welches ich bis heute nicht verstanden habe. Aber es hat funktioniert. Sie bauten ihre eigene Spielfläche, ihre eigene Fantasie zusammen. Im Nachhinein könnte es sich um eine Burg gehandelt haben. Waren sie Ritter in ihrer Geschichte? Oder Piraten, die nach erfolgreicher Kaperfahrt in ihren Unterschlupf zurückkehrten? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen. Welch malerischer Ort die Fantasie doch ist, Zufluchtsort vor der oft so grausamen Realität. Ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto mehr verliere ich davon, von meiner Fähigkeit, mir Dinge im Kopf auszumalen, sie lebendig werden zu lassen. Konnte ich deshalb nicht erkennen, was Jonas und Tobi dort vor meinen Augen veranstalteten? Die Lösung dieses Rätsels wird mir wohl auf ewig verwehrt bleiben. Es ist ja auch nicht meine Welt gewesen, sondern die von Jonas und seinem besten Freund.

Gestritten haben sich die beiden nie, was im Nachhinein wirklich die größte Leistung von allen war. Seit der Diagnose seiner geistigen Behinderung hatte Jonas eigentlich keinen wirklichen Freund gehabt. Beim Fußballtraining zum Beispiel merkten die anderen Kinder schnell, dass Jonas anders war als sie. «Der ist ja komisch» oder «was stimmt denn mit dir nicht» waren die Aussagen, die er zu hören bekam.

Von außen wirkt Jonas ganz normal. Ich hasse dieses Wort: «Normal». Was ist denn schon normal? Aber wie soll ich es sonst beschreiben. Jedenfalls spürt man es, wenn man mit Jonas redet, sich mit ihm unterhält. Er lebt in seiner eigenen Realität, die er sich so gestaltet, wie es sich für ihn gut anfühlt. Dass seine Welt mit unserer Realität kollidiert, lässt sich leider nicht vermeiden. Er wird dann schnell wütend, wenn ihm etwas nicht passt, die Dinge nicht so verlaufen, wie sie seiner Meinung nach ablaufen müssten. Es ist nicht immer einfach mit ihm, nein, das ist es nicht. Ich muss gestehen, dass ich mich als großer Bruder oft für ihn geschämt habe, und das tut mir leid. Er kann ja nichts dafür. Andererseits gab es Momente, die mir einfach peinlich waren. Was denken anderen Menschen nur von ihm und was bedeutet das für mich? Wie dumm ich doch immer war. Mit den Jahren habe ich es erkannt.

«Scheiß drauf, was andere sagen! Die können mich mal! Idioten sind es, nichts weiter. Dumme Menschen, die sich über andere lustig machen.»

Und doch war es schwierig. Da war auch die Angst meiner Eltern, dass Jonas isoliert ist, sich mit niemandem austauschen kann, eben keine Freunde hat. Jonas ist anders, das stimmt, und mit dieser Andersartigkeit kommen normale Menschen schlecht zurecht.

Doch dann kam wie aus dem Nichts Tobi, ein Junge in Jonas Alter, der von dem gleichen Schicksal geplagt wurde. Sie haben sich das erste Mal im Kindergarten gesehen und ohne Worte verstanden. Ich kann es schlecht beschreiben, es ist wie bei zwei Magneten, die sich von ganz allein anziehen, wenn man sie nur nah genug zusammen bringt. Etwas, das einfach zusammen gehört und was man nie trennen sollte. Denn beide sind sie Außenseiter in einer Welt, die sich schon lange einem Ideal verschrieben hat, wie Menschen zu sein, wie sie sich zu verhalten haben. Anpassung ist das Stichwort, sonst akzeptiert dich unsere Gesellschaft nicht. Und wenn ich Jonas und Tobi zusammen sehe, dann beneide ich sie sogar ein wenig. Sie nehmen die Werte und Normen unserer Gesellschaft und sagen sich: «Zum Teufel damit, wir machen jetzt unser Ding.»

Was andere über sie denken, daran wird kein Gedanke verschwendet. Wenn ich ehrlich bin, würde ich vieles dafür geben, ebenfalls diesen Gedanken verinnerlichen zu können, aber mein verkopftes, rationales Ich lässt es einfach nicht zu. Doch umso mehr freue ich mich für Jonas. Dass er endlich einen Menschen gefunden hat, der ihn wirklich in seiner Gänze zu verstehen scheint, ihn so nimmt, wie er ist.

Und so denke ich zurück an die letzte Woche und sehe Jonas und Tobi wieder beim Spielen zu. Ich sehe zwei Kinder, die einfach Spaß haben, und geht es darum nicht im Leben? Jeden Moment zu genießen, es vollends auszukosten. Ich lächle. Doch im nächsten Moment legt sich die Traurigkeit über mein Gesicht. Die Träne kann ich mir nicht verkneifen. Zu sehr schmerzt es, diese Szene innerlich erneut zu erleben. Denn das war das letzte Mal, dass sie zusammen waren. Das letzte Mal, dass ich Tobi lebendig gesehen habe.

***

«Tobi war krank.»

Ich stehe im Türrahmen zwischen Wohnzimmer und Küche und höre, wie meine Mutter nach den richtigen Worten ringt. Ich spüre die Kälte der glatten, weißen Fliesen durch den dünnen Stoff meiner Socken auf den Unterseiten meiner Füße. Ich schaudere am ganzen Körper, fühle mich unwohl. Mein Bruder sitzt nur auf dem alten Küchenstuhl und wartet. Die Auflage ist schon ganz durchgesessen, das einst so strahlende Blau wirkt blass und farblos. Jonas unterbricht meine Mutter nicht. Und dies ist etwas, das sie quält. Sie kann nicht auf ihn reagieren, nicht erst seine Worte abwarten. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Rolle und ich kann es ihr nicht verübeln. Wie erzählt man seinem kleinen Sohn, dass sein bester Freund heute nicht zum Spielen vorbeikommen wird? Und auch nicht morgen, nicht übermorgen, nie mehr.

Nichts unterbricht diese Stille, die eine gefühlte Ewigkeit andauert, die einfach verharrt, hier zwischen uns drei Menschen. Ich kann es kaum aushalten und ich sehe meiner Mutter an, dass es ihr ähnlich geht.

Dann endlich meldet sich Jonas zu Wort: «Dann muss er einfach etwas von der Medizin nehmen. Die du mir auch immer gibst, Mama, wenn es mir nicht so gut geht.» Er lächelt, ist mit sich und seiner Idee zufrieden. «Und wenn er wieder gesund ist, dann kann er ja wieder zum Spielen kommen.»

Unsere Mutter sagt nichts, ich sehe wie sie schluckt, sich versucht zu räuspern, aber der Kloß sitzt zu fest im Hals. Dann beginnt sie zu weinen. Ich sehe diese Szene noch heute so klar vor mir. Die Tränen meiner Mutter, der starre Ausdruck in ihrem Gesicht, mein Bruder auf dem Küchenstuhl, ein zufriedenes Grinsen auf den Lippen. Einen stärkeren Kontrast gibt es wohl nicht. Und ich stehe nur da im Türrahmen und sehe zu. Wie ein Zuschauer bei einem Bühnenstück, dessen Ausgang ich schon kenne, der mir schon vor dem letzten Akt bekannt war. Hoffnungslos, ich kann nicht eingreifen.

***

Einige Tage später hat es mein Bruder dann verstanden, Tobi wird ihn nie wieder besuchen. Zu unserer Überraschung wurde er nicht wütend, er saß einfach nur ruhig da, als meine Eltern die Worte aussprachen: «Tobi ist gestorben.»

Er hat keine Miene verzogen, blickte zunächst meine Mutter und dann meinen Vater an. Und dann stellte er nur eine Frage: «Und wo ist er jetzt?»

Selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens versuchen wir uns an irgendetwas zu klammern, das uns Trost spendet. Wir geben uns Mühe, unseren Schmerz zu lindern, diejenigen, die uns alles bedeuten, zu schützen. Ewas, das uns Halt gibt. Ich bin ehrlich, ich habe nie wirklich an den einen Gott geglaubt, dass dort oben jemand ist, der über uns wacht. Ich konnte es mir mein Leben lang nicht wirklich vorstellen, zu viel Ungerechtigkeit, zu viel Elend habe ich gesehen. Doch in diesem Moment fand ich die Worte meiner Mutter richtig, irgendwie waren sie angemessen, gaben auch mir ein kurzes Gefühl von Wärme.

«Tobi ist jetzt beim lieben Gott im Himmel. Dort geht es ihm gut und er hat keine Schmerzen mehr. Dort ist er glücklich.»

Mein Bruder blieb noch kurz sitzen, dann ist er einfach aufgestanden und ging ruhig die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Das war's. Keine weiteren Fragen, keine Tränen, kein Gebrüll oder Geschrei darüber, dass ihm der beste Freund genommen wurde. Wir haben ihn erstmal in Ruhe gelassen, immer wieder kurz nach ihm gesehen, aber er saß nur an seinem Schreibtisch und hat gemalt. Er wirkte konzentriert, aber nicht durcheinander oder gar verwirrt. Er war einfach nur ein Junge, der Bilder malte. Ganz normal.

Und jetzt sitze ich hier mit meinem Eistee auf der Terrasse und denke nach. Über das Leben. Ich weiß, das muss sonderbar klingen, denn viel Lebenserfahrung habe ich ja auch nicht. Im Gegensatz zu Jonas war ich verwirrt und konnte nicht verstehen, warum all das passieren musste. Doch irgendwann wurde ich müde vom Nachdenken, der Kopf tat mir weh, meine Schläfen pulsierten. Also blickte ich einfach nur starr in den Garten, mein Kopf so voll und leer zugleich. Ich wusste nicht einmal mehr, wie lange ich hier schon saß. Es dämmerte bereits und ich reckte mich.

Ich wollte gerade aufstehen, als ich meinen Bruder um die Ecke kommen sah. In seiner Hand hatte er einen Umschlag und etwas Rotes, was ich zunächst nicht erkennen konnte. Er strahlte mich an, als er mich sah, und ging auf mich zu.

«Kannst du mir helfen?», fragte er mich.

Ich sammelte mich kurz. «Äh, klar, wobei denn?»

«Kannst du diesen Luftballon für mich aufblasen? Ich schaffe es nicht.» Er reichte mir das rote Plastikteil in seiner Hand. Langsam griff ich danach.

«Ja, natürlich, aber wofür brauchst du ihn denn?»

Mein Bruder sah mich begeistert an: «Für Tobi!»

«Für Tobi?» Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Innerlich stöhnte ich auf. Anscheinend hatte mein Bruder es doch nicht verstanden.

«Ja genau. Er ist doch im Himmel und ich möchte ihm etwas schicken.»

«Ihm etwas schicken?»

«Diese Bilder hier im Umschlag. Die habe ich für ihn gemalt. Er ist doch mein bester Freund. Und mit dem Luftballon können wir die in den Himmel schicken. Dann weiß er, dass ich an ihn denke und ihn nicht vergesse. Darüber freut er sich sicherlich.»

Ich weiß noch, dass ich meinen Bruder in diesem Moment nur angestarrt habe, denn ich bekam zunächst keine Worte heraus. Ich sah diesen kleinen Jungen mit seinem Umschlag in der Hand, fein säuberlich zusammengeklebt, außen prangten die Worte «Tobi» in großen Druckbuchstaben, mit bunter Farbe gemalt. Eine Träne kullerte meine Wange hinab.

Betreten blickte Jonas zu mir auf. «Oder ist das eine schlechte Idee?»

Ich wischte mir die Träne aus dem Gesicht, lächelte meinen Bruder an und sagte: «Nein, das ist eine tolle Idee. Tobi wird sich bestimmt darüber freuen.»

2027

Es geschah in der Nacht zum 24.11.2027. Vorangegangen war ein grauer, trister Herbsttag, es hatte vereinzelt immer wieder geregnet, der Wind kam aus nordöstlicher Richtung und klatschte die Tropfen gegen die Fensterscheiben. Jedenfalls hat es sich in meiner Erinnerung so abgespielt. Die Erde drehte sich wie gewohnt, es gab kein weltumspannendes Ereignis, nichts, was erinnerungswürdig war. Ich kann Ihnen gar nicht mehr sagen, was an jenem Abend in den Nachrichten lief. Vermutlich nur weitere Berichte über die Wirtschaftskrise in Europa oder den wiederaufkeimenden Konflikt in China, das tägliche Hamsterrad drehte sich einfach weiter. Und so legten wir Menschen uns schlafen und erwachten am nächsten Tag, wie wir es immer taten. Es war nicht so, als hätte es einen Aufschrei gegeben, als hätte sofort ein einhelliger Konsens darüber geherrscht, doch in dieser Nacht war etwas passiert. Mit den Tagen spürte ein jeder von uns, dass etwas fehlte, dass etwas abhandengekommen war, über dessen Ausmaße wir uns nicht einmal ansatzweise bewusst waren. Denn in dieser Nacht hörten wir auf zu träumen.

«Wie war es damals, als ihr geträumt habt? Was ist das eigentlich… träumen?»

Die Kinder in meinem Viertel stellten mir immer wieder diese Fragen und ich versuchte, mich nach all den Jahren krampfhaft daran zu erinnern. Wie beschreibt man etwas so Einzigartiges wie einen Traum? Dieses Gefühl, wenn alles so real ist, sich so echt anfühlt, aber letztlich doch nur eine Projektion unseres Denkens, unserer Gefühlswelt darstellt. Einige von uns waren anfangs der Meinung, auf Träume könne doch ohnehin verzichtet werden. Wir hätten schließlich in der Realität zu leben, sollten keinen Hirngespinsten hinterher laufen. Wie falsch diese Menschen doch lagen, diese armen, unwissenden Kreaturen. Vor dieser Zeit hatte ich einmal irgendwo gehört, man träume jede Nacht, viele Menschen würden sich schlicht nicht daran erinnern. Träume sind dazu da, um das Erlebte zu verarbeiten, zumindest war es einmal so. Wenn wir nunmehr ins Bett gehen und in den Schlaf fallen, dann ist da nichts mehr, rein gar nichts. Einfach nur diese trübe Leere, ein Schleier, der in uns umher wabert. Natürlich wurde nach Alternativen geforscht, künstliche Träume waren das Modewort meiner Zeit. Doch sie gaukelten uns nur etwas vor und das wussten wir. Sie waren ein kläglicher Ersatz und so manch einer verlor sich in ihnen, in der perfekten Traumwelt, kehrte nie mehr daraus zurück.

Die Folgen kamen schleichend, aber sie kamen. Ich habe die Welt nie als ausgeglichenen Ort betrachtet, wie es einem so viele optimistische Gestalten vor dieser Nacht einzureden versuchten. Diese Erde war schon lange zuvor zu einer sich hektisch drehenden Kugel verkommen, geprägt von Konflikten und Krisen, ja auch kriegerischen Auseinandersetzungen, in welchen die Parteien schon bald nicht mehr wussten, warum sie überhaupt kämpften. Doch ohne die Träume wurde alles noch viel schlimmer. Wenn niemand mehr im Schlaf Frieden findet, sich keinerlei Erlebnisse verarbeiten lassen, führt dies nur zu noch mehr Anspannung, zu Ungeduld, zu Verwirrung und Hass auf andere Menschen. Heute habe ich das Gefühl, dass es Kultur und Kreativität nie gegeben, der monotone Trott der Menschheit seine Perfektion erreicht hat. Die Zahl der Krisen und Kriege stieg mit der Zeit rasant an, unausgeglichene Staatsmänner sind eine gefährliche, tickende Zeitbombe. Die Zahl der Krankheiten nahm konsequent zu, allen voran jene, die den Geist betrafen. Wenn der Kopf keine Pausen mehr bekommt, wenn es keinen «Reset» mehr in der Nacht gibt, wird das tägliche Leben langsam zur Qual. Viele wurden einfach verrückt und vielleicht gehöre ich mittlerweile auch zu diesen Menschen.

Ich habe in den Jahren viele gute Freunde verloren. Die meisten von ihnen konnten einfach nicht mehr, hielten es nicht mehr aus. Manche drehten durch, waren nicht mehr wiederzuerkennen, völlig anders. Sie wirkten wie leere Hüllen, denen die gesamte Menschlichkeit ausgesaugt wurde. Wiederum andere ließen es gar nicht so weit kommen, sie verabschiedeten sich rechtzeitig genug von ihren Qualen. Ich frage mich oft, ob nicht auch ich diesen Weg hätte wählen sollen? Den einfachen Weg, das ist mir klar, aber wohl auch der einzig vernünftige. Denn wenn ich nun auf mein Leben zurückblicke, dann frage ich mich: «War es das wert?»

Ich muss gestehen, dass ich mich jeden Abend davor fürchte einzuschlafen. Ich sitze Stunde um Stunde auf meinem Sofa, lasse mich vom Fernseher paralysieren, nur um das Unvermeidbare weiter hinauszuzögern. Doch ich werde diese Welt bald verlassen und es kommt einer Erlösung gleich. Ich sehne mich nach diesem tiefen, endlichen Schlaf ohne Erwachen. Denn wenn dies der Preis für den Frieden ist, dann nehme ich ihn dankend an.

HILFLOS

Er sitzt am Schreibtisch, es ist etwa 4:00 Uhr in der Früh. Er kann nicht schlafen, konnte es schon die ganze Nacht lang nicht. Sein Kopf lässt es nicht zu, will ihn einfach nicht in Ruhe lassen mit all den Sorgen, den Ängsten, den Gedanken. Und deshalb sitzt er dort und baut an seinem Modell. Er ist noch nicht fertig, nur etwas über die Hälfte hat er geschafft. Auf dieses stumpfe Zusammensetzen von Einzelteilen zu einem großen Ganzen kann er sich konzentrieren. Es ist so einfach. Man baut einfach nach Anleitung, Stück für Stück, ohne Probleme. Es ist wie eine Befreiung, weil es nach Plan verläuft. Und falls mal etwas nicht passt, dann ist es sein Fehler, sein eigener, niemand sonst ist dafür verantwortlich.

Er lässt sich mit dem Rücken nach hinten fallen, berührt das bequeme Polster des Schreibtischstuhls. Etwas in seiner Muskulatur knackt laut. Er streckt die Arme nach oben. Stundenlang hat er nun vornübergebeugt dagesessen, sein Körper ist ganz steif geworden. Er entspannt die Augen, blickt auf die weiße Wand vor ihm, so leer, so rein, gänzlich unbefleckt. Neben ihm liegt die Tüte Fruchtgummis. Ein XXL-Vorratspack, eher eine Familienpackung. Etwas, das man an einem Abend mit Freunden herausholt, um es zu teilen. Von dem Plastik grinsen diverse Früchte mit Gesichtern in seine Richtung. Glückliche Früchte, wie sie der Zeichner für dieses Produkt entworfen hat. Die Tüte selbst ist leer. Vor zwei Stunden war sie es noch nicht. Da war sie noch ungeöffnet, befand sich in einer Schublade neben diversen anderen Lebensmitteln. Ihm ist etwas schlecht, er spürt seinen Magen rumoren, als würde ihn dieser beschimpfen: «Was hast du mir angetan?»

Aber es ist ihm egal, er hat diesen Zucker gebraucht, der nun durch seinen Körper strömt, ihn ganz hibbelig macht, ihm das Gefühl gibt, etwas zu spüren, auch wenn es sich letztlich scheiße anfühlt.

Nach einer Weile richtet er sich auf. Er spürt, wie sich seine Umgebung leicht dreht, er braucht etwas, um seinen Kreislauf unter Kontrolle zu bringen. Jetzt ist da auch diese Müdigkeit, die sich wie ein Schleier um ihn legt. Doch er geht nicht ins Bett. Er wird nicht schlafen können, das weiß er. Warum es noch einmal versuchen, wenn es ohnehin klar ist, warum sich dagegen sträuben? Schließlich entscheidet er sich für eine Dusche. Er schaudert kurz, als sich das eiskalte Wasser auf seine Haut legt und langsam hinabgleitet. Es ist noch zu früh am Morgen, das Wasser noch nicht warm. Es kümmert ihn nicht, es ist sogar besser so. Auf diese Weise kehrt etwas Leben in ihn zurück, er nimmt diese Energie dankbar in sich auf. Nachdem er sich frische Klamotten angezogen hat, bringt er den Müll raus. Es begann schon zu müffeln, gestern hatte er es vergessen, hatte einfach nicht daran gedacht, weil es manchmal halt wichtigere Dinge gibt. Was ist da schon der Müll? Die Luft draußen ist drückend, als er die wenigen Meter bis zu den Abfallcontainern entlang schlendert. Es wird heute wieder warm werden. Vielleicht gibt es auch ein Gewitter, das würde zumindest die Luft reinigen. Vereinzelt zwitschern Vögel, ansonsten ist es still. Kein Verkehrslärm ist zu vernehmen. Die Welt schläft noch, zumindest dieser Teil der Welt, den er seine Heimat, sein Zuhause nennt. Doch weiß er auch, dass diese Stille nicht mehr lange anhalten wird.

Wieder in der Wohnung angekommen, blickt er sich um. Er sucht flehend nach einer Beschäftigung, irgendetwas Sinnvollem, womit er sich ablenken kann. Von den Gedanken. Er findet die Post der letzten Woche und macht sich daran, diese durchzusehen. Einiges davon ist Werbung. «Rubbeln sie sich zum Glück» steht auf einem fragwürdigen Prospekt, welches Gewinne in Millionenhöhe verspricht. Er wirft es wie so vieles in den Papierkorb. Er meldet sich beim Online-Banking an und bezahlt zwei Rechnungen, einige Dokumente muss er lediglich abheften, in einen von verschiedenen Ordnern, die das statistische Leben enthalten und im Laufe der Jahre immer mehr werden. Versicherungen, Verträge, was man halt so braucht.

Es ist nun etwa halb sechs. Kurz denkt er daran, sich Frühstück zu machen, verwirft diesen Gedanken aber wieder. Er fühlt sich noch immer voll von den Süßigkeiten. Dennoch hat er Hunger, könnte einfach weiter essen, doch das würde jetzt nur der Beschäftigung dienen und keinem anderen Zweck. Stattdessen entschließt er sich, an dem Auftrag von seiner Firma zu arbeiten, die Zeit zu nutzen. Er ist nicht motiviert, seine Konzentration ist auch nicht die beste, das weiß er, aber er tut es dennoch.

Er arbeitet still vor sich hin, begleitet vom monotonen Klackern der Tastatur. Und so vergeht die Zeit, erst Minuten, dann eine Stunde, dann eine weitere. Er versinkt in der Arbeit, ist jetzt im Fluss, seine Gedanken schweifen nicht mehr so oft ab. Er kann sie nicht ganz abstellen, aber es ist nicht mehr so schlimm, sie reißen ihn nicht mehr so häufig heraus. Doch es ist anstrengend. Er fühlt sich kraftlos, ist erschöpft. Als er gegen 9:00 Uhr seinen Blick zum ersten Mal wieder vom Bildschirm abwendet, pulsiert das Licht in seinen Augen. Sie können nicht mehr, sind von der schlaflosen Nacht müde und trocken, schreien ihn an, er möge sie endlich einmal schließen. Er tut ihnen den Gefallen, aber nur kurz.

Der Klingelton seines Handys reißt ihn aus den Gedanken. Es ist ihre Nummer. Sofort nimmt er ab.

«Hallo», sagt er und erschrickt vor seiner Stimme. Sie hört sich so sachlich, so emotionslos an. Kraftlos, müde.

«Hey», entgegnet die ferne Stimme am Ende der anderen Leitung. Roboterhaft, mechanisch, dumpf. Es entsteht eine Pause, Stille. Erst nach einigen Sekunden spricht sie weiter. «Du hattest gestern angerufen.» Es ist keine Frage, vielmehr eine Feststellung, sie klingt wie ein Vorwurf.

«Ja, das habe ich.» Er überlegt kurz, möchte die richtigen Worte finden, nichts falsch machen. «Wie geht es dir denn?» Etwas anderes fällt ihm nicht ein.

«Es geht so», entgegnet sie. «Das weißt du doch. Es ist gerade echt scheiße.»

«Ok, das tut mir leid.» Trotz allem ist es so schön, ihre Stimme zu hören, auch wenn gerade alles echt scheiße ist. «Hat der Arzt noch etwas gesagt?»

Er hört sie etwas lauter atmen, kein Schnauben, doch die Frage scheint ihr nicht zu gefallen.

«Nicht mehr als sonst. Er meint auch, dass gerade einfach alles zu viel geworden ist. Dass ich mal zur Ruhe kommen müsse. Ihr alle stellt euch das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht.» Er unterbricht sie nicht, lässt sie weiterreden. «Jeden Tag immer der gleiche Mist, und ich stehe alleine da, niemand, der mich unterstützt, mir hilft.»

«Ich hätte dir schon viel früher geholfen, wenn du mit mir geredet hättest. Ich hätte dir doch geholfen, ich bin doch immer für dich da.» Er spricht seine Gedanken nicht aus, behält sie in diesem Moment für sich.

Er wartet kurz, dann sagt er: «Wir sind für dich da, ich bin für dich da. Das bin ich immer. Ich helfe dir, sag mir, was ich tun soll. Was brauchst du von mir?»

Wieder entsteht eine Pause, kürzer als zu Beginn, aber sie ist da. Nur ein Augenblick, doch so intensiv, die Atmosphäre beinahe fühlbar, als würde sie dort zwischen ihnen beiden hocken und zuschauen, gespannt auf den nächsten Zug.

«Ich glaube nicht, dass du was tun kannst. Was könnte mir denn jetzt noch helfen? Ich fühle mich so verloren, das kannst du nicht verstehen.»

«Doch, das kann ich!» Diesmal spricht er es aus, möchte es ihr sagen. Sie antwortet nicht, er hört sie nur leise atmen. «Vielleicht nicht auf die Art, wie es bei dir ist, aber auch ich kenne das. Glaub mir.»

«Ok.» Mehr sagt sie nicht, nur ein schlichtes «ok». Er wünschte, sie würden mehr darüber reden, dass sie sich ihm mehr anvertrauen würde, nach all der Zeit, all den Jahren.

Sie räuspert sich: «Ich muss jetzt Schluss machen, hier geht es gleich weiter.» Ihre Stimme klingt etwas sanfter, oder bildet er es sich nur ein?

«Ja, das ist in Ordnung. Melde dich immer bei mir, wenn etwas ist.» Dann ergänzt er, ohne zu zögern: «Ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Ich liebe dich!»

Es ist ihre Antwort, die ihn mit einer Träne zurücklässt, die ihn unfassbar traurig macht, denn er hatte damit gerechnet, es auch von ihr zu hören, trotz der ganzen Scheiße. Diese drei Worte. Dass er ihr noch immer etwas bedeutet.

Doch sie sagt nur: «Ok, bis dann.» Danach legt sie auf.

HOLGER

Ich hasse Holger. Obwohl… eigentlich ist das nicht die Wahrheit. Grundsätzlich mag ich ihn. Sogar sehr. Aber immer wieder bringt er mich auf die Palme, beschwert sich unentwegt und macht mir das Leben nicht leicht. Das war eigentlich schon immer so. Ich habe ihn nun einmal auf diese Weise kennengelernt, es ist sein Charakter, daran lässt sich wohl nichts ändern. Dennoch habe ich insgeheim die verzweifelte Hoffnung, dass er mal sensibler wird, mich ernst nimmt, auf meine Bedürfnisse eingeht. Doch letztlich denke ich, dass dies alles nur ein Traum bleiben wird. Holger bleibt Holger, damit muss ich mich wohl abfinden. Hätte ich mir auch denken können. Denn Holger ist mein Toaster.

Ich hätte nie gedacht, dass ein alltäglich genutztes Küchengerät einmal einen solch großen Einfluss auf mein Leben haben wird, aber hier stehe ich nun an diesem verregneten Samstagmorgen im April und höre mir einen mal wieder völlig bescheuerten Monolog von Holger über einen der neuesten Testberichte zu diversen Brotsorten an.

«Also, wenn du mich fragst, dann stimmt das doch alles vorne und hinten nicht. Platz eins ist doch völlig fehlplatziert. Hier steht, und jetzt halt dich fest, dass die Brotscheiben perfekt zugeschnitten sind und damit eine optimale Bräunung beim Toasten erhalten. Pah, dass ich nicht lache. Das letzte Mal, als du die Dinger in mich rein geschoben hast, wäre ich fast daran erstickt. So eine Verarsche. Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?»

«Hmm, ja», entgegne ich Holger schmatzend, während ich noch dabei bin, meine Haferflocken zu zerkauen. Holgers Stimmung hatte mir am heutigen Morgen den Appetit auf Toastbrot gründlich verdorben.

Eigentlich habe ich diesen seit guten fünf Jahren nicht mehr. Seit diesem einen besonderen Tag, der mich und Holger zusammengebracht hat. Dabei hat mich die Lust nach duftend warmem, krossem Weißbrot doch erst in diesen verdammten Elektronikmarkt geführt. Denn vor Holger hatte ich tatsächlich jahrelang keinen Toaster mehr besessen.

«Dies ist ein wirklich intelligentes Produkt, es reguliert die Wärme ganz von selbst und bietet Ihnen das perfekte Toasterlebnis, völlig stress- und sorgenfrei.»

Mit genau jenen Worten hatte mir der Verkäufer das Gerät beschrieben, welches sich nach dem Einstecken zu Hause dann als besserwisserischer