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Martha Anna Friedemann folgte dem Ruf von Dr. Johannes Lepsius als Lehrerin und Waisenmutter nach Urmia in den Nordwesten Persiens zu gehen. In Persien gelang es ihr, das Waisenhaus auf- und auszubauen, eine kleine Schule im Judenviertel von Urmia zu errichten, eine Kirche zu bauen und mehr als 100 Kindern vorwiegend syrischer Christen ein Heim und eine Erziehung zu geben. Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 beendete ihre Tätigkeit. Russische Truppen übernahmen die Kontrolle in diesem Teil Persiens. Alle Deutschen mussten den Norden Persiens verlassen. Frauen und Kinder konnten über Russland und Schweden zurück nach Deutschland reisen. Die Männer wurden in Russland interniert. Mit dieseM Büchlein soll an Martha Anna Friedemann und ihre selbstlose Tätigkeit erinnert werden.
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2017
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MarthaAnna Friedemann
In Persien –
Martha Anna Friedemann
In Persien
Als Lehrerin und Waisenmutter
Herausgegeben und bearbeitet von
Wolfgang von Keitz
Berlin 2017
Dieser Text ist erstmals erschienen in: M. Anna Friedemann:Mutter Annen Buch
Impressum
© Copyright by Wolfgang von Keitz
Umschlag: Waisenhaus in Urmia
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH,
Berlin
ISBN
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
In Persien
Auf 14 Jahre Missionstätigkeit in Persien blicke ich zurück. Es war die schwerste Zeit meines Lebens, aber auch die schönste. Es ist ja meistens so, dass man an die schwerste Aufgabe, sei es in Schule, Beruf oder in irgendeiner anderen Tätigkeit, an die man, ohne zu unterliegen, seine ganze Kraft und Liebe gesetzt hat, später aus der Rückschau-Perspektive mit der größten Befriedigung zurückdenkt. Oft hatte ich gewünscht, hier auf dem Felde meiner Tätigkeit zu sterben, hatte mir schon ein Ruheplätzchen neben unserer selbst erbauten kleinen Kirche ausgesucht – unter hohen Platanen – so still, so sonnig, so recht zum Ausruhen und Träumen geschaffen! Aber Gott hatte es anders beschlossen. Statt Ausruhen – Kampf, statt Ernte – Vernichtung, statt Träumen – raue Wirklichkeit!
Im Geiste sehe ich ein hübsches orientalisches Haus, eine ehemalige Gouverneursvilla, die die Deutsche Orient-Mission{1} preiswert erworben, inmitten prächtiger Gärten; Maulbeerplantage, Tabakfelder, Melonen, Gurkenfelder, Quitten und Aprikosenbäume mit Früchten, so groß und süß, wie man sie bei uns nicht kennt, Rosenhecken der das Öl liefernden Zentifolien{2} – der ganze Platz umgeben von riesig hohen, schlanken Platanen und belebt von einer Schar dunkeläugiger, lachender Kindergesichter. Und jetzt? Ich habe Fotografien gesehen, welche dort gewesene Reisende geschickt haben, und könnte weinen, wenn ich an die jetzt verödete Stätte meiner einst so blühenden Station denke. Trümmer! Nichts als Trümmer! Und der einzige Brief, den ich nach meiner Flucht von einem der lieben Waisenmädchen erhielt, lautete: „Ich werde Dir nicht, liebe Mutter Anna, von der Zerstörung unserer Anstalt schreiben, Dein Herz könnte brechen!“
So ist nichts von unserem ganzen Werke geblieben? Nichts? Wie traurig wäre es, wenn wir nicht über Trümmer hinausschauen könnten. Sie sind uns eine gewaltige Predigt. Missionsarbeit soll eben einen anderen Bau haben, der nicht von Menschenhänden gemacht ist, den kein Kurde zerstören kann. Missionsarbeit ist Seelenarbeit. Unsichtbar ist sie auf einen Felsen gegründet, der jedem Winde, jedem Platzregen standhält. Die ganz im Stillen am besten gedeiht. Und haben wir nicht in den Herzen der unendlich vielen Kinder, die ein- und ausgegangen, ein Ackerfeld gehabt, das uns die Hoffnung eines jeden Sämannes teilen lässt: „Saat, wenn auch nicht alle, geht auf!“ Nur in Stille warten!
Das deutsche Waisenhaus in Urmia
Über Missionsarbeit zu sprechen, ist mir immer schwer geworden. „Erzählen Sie, bitte, erzählen Sie!“ heißt es oft. Ja, was denn? Die Hauptsache lässt sich am wenigsten berühren. Man bleibt an der Oberfläche; was unter ihr arbeitet, will erlebt sein. Der Zuhörende verlangt meistens auch nach den zugehörigen Nebendingen, die im fremden Lande ja auch vielseitig und interessant sind, wie Menschen, Klima, Sitten und Sprachen. Die Gelegenheit, dies alles kennen zu lernen, fällt einem wie ein Gottesgeschenk in den Schoß. Blick und Herz weiten sich da draußen, und ein echter Missionar muss sagen können: „In mein Herz, so winzig klein, geht die ganze Welt hinein!“
Ich hatte wenig oder Garnichts erwartet, als ich hinausging, dachte nur an Persien als an ein Stein-reiches, Wasser-armes, Sonnen-durchglühtes Land, bewohnt von wilden Völkern, in armseligen Hütten, mit notdürftigen Nahrungsmitteln, ermangelnd alles dessen, was unser Leben daheim angenehm macht. Lass alles hinter dir und mache dich darauf gefasst zu entbehren! So sagte ich mir. Desto überraschter war ich schon beim ersten Ritt von der Grenze über die Berge in das Land hinein, als sich mir die eigenartige Schönheit der dortigen Natur offenbarte. Kein Baum, kein Strauch, und doch steht man staunend still und kann sich nicht satt sehen an den Wundern ringsum. An der ewig wechselnden Farbenpracht, den zarten und dunklen Tinten, in die Berge und Ebenen getaucht sind, an dem wolkenlosen, blauen Himmelsdom, an der lautlosen Stille, die einen nach Europens „nimmer rastendem Lärm“ so wohltuend umfängt. So still ist’s, dass man kaum zu atmen, geschweige denn laut zu sprechen wagt! Man vergisst die Gefährlichkeit der Wege, die Müdigkeit nach tagelangen Ritten, begrüßt doch oben auf der Spitze des Topi Dagh angelangt, den Block auf den einzig schönen Urmiasee und reitet langsam, in Gedanken verloren, hinab in die Urmia-Ebene, die Stadt Urmia zu, vor deren Toren unser deutsches Waisenhaus, Dilguscha, gelegen ist. Gelegen war! Die Urmia-Ebene ist überaus fruchtbar. Wie eine Oase in der Wüste. Hier gibt es Wasserbäche, einen breiten Strom, Weinberge, Getreide und Obst die Fülle. Als ich in das Tor unserer Anstalt einritt, war ich wiederum überrascht über die eigenartige Schönheit des Hauses. Echt orientalischer Bau mit Balkonen ringsum, Holzschnitzereien, bunten Glasscheiben, flachem Dache! Statt ärmlicher Hütte fast ein kleiner Palast! Dass beim Bewohnen desselben sich später unendliche Schwierigkeiten einstellten, lernte ich erst allmählich kennen. Und meine Kinder, denen ich nun Mutter sein sollte?
Da standen sie aufgereiht – 106 an der Zahl – kleine syrische Waisenmädchen. Die Deutsche Orient-Mission hatte vier Stationen; zwei auf türkischem Gebiet: Urfa und Diarbakir, und zwei in der persischen Provinz Aserbaidschan: Khoi und Urmia, die beiden erstgenannten für armenische, die persische für armenische und syrische Kinder. Beides christliche Völker. Meine Leser denken sicher bei Erwähnung von Missionsarbeit an Heiden. Diese gab es hier nicht. Und doch hatten wir eine große Mission zu erfüllen: die christlichen Kinder vor den mohammedanischen Henker zu retten und sie in ihrem Glauben zu erziehen.
Keine leichte Arbeit! Es ist so viel – ich selbst habe viel berichtet – über dieselbe geschrieben worden, über die Nöte, die Gefahren, unsere Erfolge und Nichterfolge – dass ich mich nicht wiederholen möchte, sondern meine Leser nur in großen Umrissen mit dieser mir so lieben Arbeit vertraut machen möchte.
Syrische Waisenmädchen
Der persische und türkische Orient mit seinen religiösen und kulturellen Gegensätzen Mohammedanismus und Christentum ist für uns Abendländer ein Rätsel, ein ungelöstes noch. Ein altes Christentum, von mohammedanischer politischer Macht und physischer Gewalt niedergetreten und durch Jahrhunderte hindurch niedergehalten, ringt schwer um Leben und Duldung. Der noch mit staatlichen Machtmitteln ausgerüstete Mohammedanismus vernichtet planmäßig und absichtlich die kleinen christlichen Völker, die mit innewohnenden aufstrebenden Kräften am Leben der Kulturwelt teilnehmen wollen.
Der türkische Staat unter einem Sultan Abdul Hamid, dem „roten Sultan“ schlug die christlichen Armenier und Syrer zu Hunderttausenden tot und schuf ein Heer von Witwen und Waisen. Die jungtürkische Regierung der Zeit des Weltkrieges brachte es in einem verblendeten Nationalismus auf mehr als eine Million christlicher Menschenleben (Griechen, Syrer, Armenier) die durch die Deportationen der Jahre 1915/16 in den Tod geschickt wurden.{3}
Aus solchen Vernichtungswellen rühren die Waisenkinder und ihre Not her, denen ich in Persien dienen konnte. In den Jahren 1895/96 waren die ersten Massaker, die zur Gründung der Stationen der Deutschen Orient-Mission in Persien und der Türkei führten. An diesen Waisen gab der Herr mir Arbeit und Aufgabe, den Kindern eine Mutter zu sein, eine Helferin und Hüterin ihrer bedrohten Glaubensgüter. Allen fehlte ja der Vater, vielen auch die Mutter.
Welch ein weites Feld der Tätigkeit breitet sich vor meinen Augen aus, wenn ich zurückdenke! Neben der Missionsarbeit die Schule, die Hausarbeit, Landwirtschaft, Arbeit an Mohammedanern und Juden – unbegrenzt – wenn man nur genügend Kräfte hätte! Und wie verlockend, auf unbebautem Boden Leben zu schaffen!
Der Vogel fliegt!
Wenn er nur nicht flügellahm wird!
