In the Shadow of the Horse - Bell Mey - E-Book

In the Shadow of the Horse E-Book

Bell Mey

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Beschreibung

"Do la viva estas!" So ist das Leben! "Nimm es wie es kommt, mach das Beste daraus. Denke immer daran, dass das Leben rückwärts verstanden wird, aber vergesse nie, dass es vorwärts gelebt wird." Das ist der Leitfaden dem Jule folgt. Dem Gefühlschaos zwischen Tino und Cornelius ausgeliefert, versucht sie es zu verstehen und ihre Lektion daraus zu lernen. Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein können. Einer der Chef des Gestüts „Sauter Höhe“ in dem Jule arbeitet – der andere ein Arbeitskollege. Emotionen pur. Ein Dorn im Auge einer Frau, die sich skrupellos das nehmen will, was ihr ihrer Meinung nach zusteht

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2016

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In the Shadow of the Horse

Deutsche Erstausgabe Januar 2016

© Bell Mey

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Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Umschlaggestaltung: Sabrina Dahlenburg

Lektorat: Rohlmann & Engels

Korrektorat: Wort plus,

Satz Ebook: Sophie Candice

Satz Print: Sophie Candice

Erschienen im A.P.P.-Verlag

Peter Neuhäußer

Gemeindegässle 05

89150 Laichingen

978-3-946484-11-0 - mobi

978-3-946484-12-7 - epub

978-3-946484-13-4 - Print

Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert.

Kurzbeschreibung

›Do la viva estas! – So ist das Leben! Nimm es wie es kommt, mach das Beste daraus. Denke immer daran, dass das Leben rückwärts verstanden wird, aber vergesse nie, dass es vorwärts gelebt wird!‹ Das ist der Leitfaden dem Jule folgt. Dem Gefühlschaos zwischen Tino und Cornelius ausgeliefert, versucht sie es zu verstehen und ihre Lektion daraus zu lernen.

Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein können. Einer der Chef des Gestüts ›Sauter Höhe‹, in dem Jule arbeitet, der andere ein Arbeitskollege.

Emotionen pur sind aufgrund dieser Konstellation vorherbestimmt und ein Dorn im Auge einer Frau, die sich skrupellos das nehmen will, was ihr ihrer Meinung nach zusteht.

Aufreibende Romanze der etwas anderen Art.

Prolog

Dunkelheit kann etwas Beruhigendes sein, man muss sich keine Gedanken machen, ob man gesehen wird. Man spürt mehr, als man sieht. Die übrigen Sinne werden aufs Äußerste geschärft. Der Geruchssinn vermittelt einem das Bouquet der Umgebung, und die Ohren übernehmen die Aufgabe der Augen, indem sie zum wichtigsten Sinnesorgan werden. Der eigene Körper verhilft einem, den Eindruck der Seele zu erklären. Der Wunsch ist die Zukunft und die Zukunft ist die Freiheit!

Ich möchte frei sein. Frei sein, um in der Zukunft weitere meiner Wünsche umzusetzen. Um mir selbst Fragen stellen zu können, um zu wissen, dass ich lebe.

Wenn man im Leben an einem Punkt angekommen ist, an dem man über sein Leben nachdenkt, an dem man der Meinung ist, dass man einen anderen Weg hätte einschlagen sollen, um sich nicht in der aktuellen Situation zu befinden, dann weiß man, dass etwas schiefgelaufen ist.

Oder nicht? Sollte dieser Weg mein mir vorgeschriebener sein? Sollte er darin bestehen, dass hier mein Leben endet?

Nein! Niemals! Ich werde kämpfen, für mich, für meine Freunde, für meine Mutter und für das Mädchen, das ihr Leben geben musste, weil ihre Gegenwart, nach Ansicht eines anderen Menschen, die Existenz dessen in den Schatten schob.

Kapitel 1

Ich war behütet aufgewachsen. Meine Mutter war die beste auf der ganzen Welt.

Abgesehen von den Zeitpunkten, zu denen sie es nicht war. Das hielt sich aber in Grenzen. Vornehmlich war das in der Zeit meiner Pubertät der Fall. Schwere Zeit, sagt mir mein inneres Ich. Ich weiß aber nicht mehr, für wen sie schwerer gewesen ist, für mich oder für meine Mutter. Sie wollte Veränderungen, ich wollte mein bisheriges Leben nicht aufgeben. Na ja, das dachte ich zumindest in dem Moment, aber jetzt weiß ich, dass ich besser auf meine Mutter gehört hätte. Veränderungen, wie das Verlassen des sicheren Heimes, sind nichts Schlimmes, auch wenn sie manchmal erst negativ wirken. Das wissen wir jetzt, sage ich mir selbst grinsend.

Ich war verwöhnt, aber gut erzogen. Ich hatte gute Umgangsformen, Etikette und Benehmen und war dazu noch intelligent und ansehnlich. Oder wie wir in der Schule immer gesagt haben: tageslichttauglich. Eine Kombination, die man selten findet.

Da waren sie, meine imaginären Freunde, mein Humor und mein inneres Ich. Ab und zu kam noch mein Gewissen dazu. Sie halfen mir, mein Leben zu bewältigen.

In der Schule war ich sehr gut, ich war anerkannt und mit Freunden konnte ich mich treffen, ohne dass man über mich ablästerte, wenn ich ihnen den Rücken kehrte. Jedenfalls merkte ich es nicht, wenn es anders war. Mein liebevoller Charakter machte es mir unmöglich, schlecht über andere zu denken. Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu! Meine Devise war noch nicht sehr ausgereift. Meistens ging es immer nach: Das füg auch keinem anderen zu! Und ich tat immer Gutes, weil ich selbst Gutes erfahren wollte.

Also, mein Leben war perfekt!

Angefangen hat alles, als ich das erste Mal von zu Hause wegzog. Meine Freundin Conny und ich sollten die Welt kennenlernen. Sie stand uns auf einmal offen.

»Hast du heute die fremden Leute bei uns auf dem Hof gesehen?«, fragte Conny mich.

»Die haben sich nur über Pferde unterhalten«, meinte ich und schüttelte mir das Heu von der Jacke.

»Ich denke, dass sie welche kaufen wollen.«

»Sie haben für morgen Abend eine Versammlung einberufen. Du weißt auch nicht, um was es sich handeln könnte, oder?«

Conny schüttelte den Kopf und war genau wie ich bemüht, sich das feine, getrocknete Heu von der Kleidung zu zupfen.

»Warten wir ab, aber auf jeden Fall gibt es was zu essen.« Ich sah es positiv.

Die Arbeit mit den Pferden hatte schon immer meinen größten Traum dargestellt. Ich hatte ihn mir erfüllt, obwohl meine Mutter und meine Großmutter dagegen gewesen waren. Sie wollten, dass ich etwas aus meinem Leben machte, dass ich einen Erfolg versprechenden Beruf ergriff, so etwas wie Ärztin oder Rechtsanwältin, wo man Menschen im ganzen Land helfen konnte.

Meine Oma ist nicht weiter von zu Hause weggekommen, als sie mit dem Fahrrad fahren konnte. Sie hat zeitig meinen Opa geheiratet und als Hausfrau und Mutter ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht, um Heim und Kinder zu hüten. Deshalb sollte ich für sie die Welt sehen, das tun, was sie gerne gemacht hätte. Sie hatten jedoch nicht mit meinem Sturkopf gerechnet. Jedes Mal, wenn sie über meine Berufswahl lamentierten, habe ich eingeworfen, von wem ich das wohl alles geerbt habe. Dann schauten sich meine Mutter und meine Oma an und ließen das Thema fallen. Mein Opa und mein Vater waren Landwirte und sehr mit der Natur verbunden gewesen. Leider haben sie uns schon früh verlassen. Meinen Opa konnte ich nicht kennenlernen, er starb, als ich noch in Arbeit war, und mein Vater bekam während der Arbeit einen Herzinfarkt, da war ich fünf Jahre alt.

»Könntest du mich von dem Heu auf dem Rücken befreien?« Conny verrenkte sich fast den Arm und den Hals, um sich selbst das Heu abzumachen.

Ich musste lächeln. »Du hast aber auch wieder die guten Sachen aus deinem Kleiderschrank geholt. Du läufst im Stall besser rum als ich auf Disco!« Und damit klopfte ich ihr die restlichen Halme von der Jacke. Ich wusste ja eigentlich, warum sie sich so aufbrezelte. Sie war immer sehr darauf bedacht, hübsch, reizvoll und sexy auszusehen. Sie war wie immer auf Männerfang, und seit die fremden männlichen Objekte hier umherliefen, war sie ganz aus dem Höschen, äh … Häuschen. Wörter wie keusch und gottesfürchtig waren in ihrem Vokabular nicht vorhanden. Und ihre Devise lautete: »Was ich mir heute kann besorgen, das suche ich mir nicht morgen.«

»Du solltest doch nur die Pferde damit füttern und dich nicht darin wälzen.«

»Wieso siehst du nicht so schlimm aus?« Conny war ein wenig zickig.

»Nun bekomm dich mal wieder ein! Meine Jacke sieht vielleicht nicht so gut aus wie deine, aber dafür ist sie heuabweisend.«

»Lass uns Feierabend machen.« Der leicht knurrende Satz von Conny war schon wieder ein wenig gutmütiger.

Der nächste Tag lief wie immer ab, nur dass diese Leute um uns rumsprangen und im Weg standen, uns Fragen zu den Pferden und auch zu uns selbst stellten. Was wir so in unserer Freizeit machten und ob uns unser Job gefiel. Conny ging das tierisch auf die Nerven, bis sie schließlich einen von ihnen fragte, ob er auch noch ihren Menstruationszyklus wissen wolle. Er lachte, Gott sei Dank, und nahm es ihr nicht krumm. Zum Arbeitsende dachten wir immer noch, dass es um den Verkauf einiger Tiere ging. Es kamen immer mal wieder Leute zu uns, die Pferde kaufen wollten. Also machten wir uns keine Gedanken darum. Wie naiv, denke ich im Nachhinein.

Abends zur Versammlung warf sich Conny in Schale und versuchte, auch mir einen freizügigen Dress aufzuzwingen. Ich ließ es jedoch nicht zu, sodass sie fast daran verzweifelte.

»Du wirst nie einen Kerl abkriegen, so wie du immer rumläufst.« Ich hegte den Verdacht, dass die Pferde für sie nur als Alibi dienten, um einen Mann an Land zu ziehen. Männer, die Pferde besaßen, waren meist gut betucht. Wie sagt doch ein altes Pferdesprichwort? Männer mit Geld nehmen sich eine junge Frau, oder beschäftigen sich mit Pferden, um das große Vermögen in ein kleineres Vermögen umzuwandeln.

Das Klischee, an dem Conny festhielt, lautete: Mein Mann, mein Auto, meine Pferde!

»Wir sind hier immer noch auf einem Gestüt«, sagte ich pikiert, »und nicht auf Männerfang.«

Wir gingen in den Saal des Gestütes. Hier wurde niemals viel verändert. Die Neuerungen, die hinzugefügt werden mussten, wurden mit sehr viel Feingefühl und in perfekter Harmonie in diesen Raum eingearbeitet. Das Gestüt war ein altes Herrengut und stand unter Denkmalschutz. Es sah fast aus wie eine Burg, durch die vielen Türme, Erker und Stallungen. Wunderschön gelegen, zwischen den Bergen und dem Tal.

Unser Gestüt beherbergte Mutterstuten, Hengste und Stuten, die einjährig oder zweijährig waren, und drei Deckhengste. Alles Englische Vollblüter für die Rennbahn. Diese Pferderasse wird speziell für den Galopprennsport gezüchtet, oder für die Veredlung in der Warmblutzucht, da Vollblüter rassetypische Merkmale haben, wie die Schnelligkeit und Wendigkeit oder ihr zartes, edles Aussehen.

Es waren schon alle im Gutssaal versammelt, der gerade für solche Anlässe genutzt wurde. Die Wände waren noch original verputzt, und die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen, aber man spürte die Wärme und die Geister der Familien, in deren Besitz sich das Land früher befunden hatte.

Allzu viele Angestellte waren wir nicht, mit dem Direktor, Berta, unserem Hausmeister und dem Gestütsleiter kamen wir auf zehn Personen.

Mit den fremden Leuten waren nun achtzehn Personen anwesend. Ich ließ meinen Blick die Reihe hinabwandern. In der Mitte saß der Direktor und links neben ihm unser Meister. Danach kam ein älterer Herr mit Brille und Schnauzer, dessen Anzug auch schon mal bessere Tage gesehen hatte. Mit einer Melone auf dem Kopf erinnerte er mich an die Serie »Dick und Doof«. Als ich das Conny mitteilen wollte, bemerkte ich, dass sie die ganze Zeit nur einen Mann anstarrte. Ich folgte ihrem Blick und musterte das Opfer ihrer Begierde. Nach dreimaligem Anstubsen konnte sie sich endlich von ihm abwenden. Connys Blick war verklärt, geradezu dümmlich, und ihr Gesicht beschrieb allzu deutlich ihre Wünsche und Sehnsüchte diesem Mann gegenüber.

Sie würde bestimmt gleich anfangen zu sabbern, dachte ich kopfschüttelnd und voller Mitleid. Tja, man kann sich auf verschiedene Arten blamieren. Das war Connys Art.

Ich wollte sie nicht weiter in ihren romantischen Gedanken behindern, deshalb fuhr ich mit meiner Begutachtung der restlichen Männer fort. Ich kam aber nicht sehr weit, weil Berta, unsere betriebseigene Köchin, Getränke reichte. Jeder redete und lachte mit seinem Nachbarn, außer Conny und mir. Meine Freundin starrte derart hypnotisch ihr Opfer an, dass man schon dachte, sie versuche, sein Gehirn durch ihre bloßen Gedanken zu manipulieren. Ich hingegen dachte darüber nach, was eigentlich der Grund des lustigen Beisammenseins war. Als schließlich die Rede des Direktors anfing, stellten sich mir die Haare zu Berge.

Was faselte er da andauernd: Neustrukturierung? Umgestaltung? Und was meinte er mit der Aufgabe des Gestüts? Der Verkauf des Gutes? Conny und ich schauten uns die ganze Zeit an.

»Frau bekommt es also doch noch hin, den Blick auf das Wesentliche zu richten«, bemerkte ich spitz zu ihr. Die Aufgabe des Gutes, des Gestütes  lenkte ihre Gedanken wieder in die reale Welt. Das war Conny dann doch wichtiger, als ihr nächstes Opfer abzuschleppen.

Wir ahnten Böses! Diese Männer waren da, um uns aufzukaufen, oder lagen wir da falsch? Waren das Interessenten für das Gestüt? Wir behielten die Hoffnung, dass wir alle übernommen werden würden und sich nichts ändern müsste, außer der Name des Chefs.

Da lagen wir so was von falsch. Die fremden Männer wollten nicht das Gestüt, sie wollten uns! Diese Erkenntnis schlug bei uns ein wie eine Bombe.

Der alte Gestütsdirektor hatte sich darum gesorgt, dass wir auch weiterhin gut unterkamen und nicht auf der Straße landeten. Wie lieb von ihm. Mein inneres Ich ging mit meiner Ironie durch und verschmolz zu einer Liebesarie. Der Direktor hätte schon eher mit uns darüber sprechen müssen und uns nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Ich wollte böse auf ihn sein, aber da ich die Hintergründe nicht kannte und auch nichts Derartiges bemerkt hatte, war ich nur entsetzt und beobachtete die anderen, die wild durcheinanderredeten.

Warum hatte keiner von uns etwas gewusst? Jeder fragte jeden, der gerade in seiner Nähe war. Aber von allen kam nur eine Antwort: Man hatte keine Ahnung, wie es um das Gestüt stand.

Die fremden Herren waren anschließend an der Reihe, sich vorzustellen. Es waren Reiterhofbetreiber, Gestütsbesitzer oder Gestütsleiter und Turnierstallbetreiber dabei. Einer besaß auch einen Landwirtschaftsbetrieb mit angegliedertem Mutterkuhstall und Melkanlage. Sie alle suchten gutes Personal und das taten sie wohl auf Anraten unseres Chefs bei uns. Wir wurden leise und hingen unseren Gedanken und Fragen nach. Was sollte werden? Wohin würde es uns verschlagen?

»Ich möchte, dass wir zusammenbleiben«,kam es flüsternd von rechts. Conny schaute mich fragend an und wartete auf eine Antwort.

»Meinst du, dass sie uns zusammen übernehmen?«

Conny nickte. »Wir sind die beiden Jüngsten. Die anderen sind alle doppelt so alt wie wir.« Ich überlegte. Stimmt, Conny war achtundzwanzig, genau wie ich, die anderen waren älter, so alt, dass manche bald in Rente gingen, wie Ebs zum Beispiel.

Aus der Perspektive hatte ich es noch gar nicht betrachtet. Jetzt ärgerte ich mich, dass ich mich nicht ein wenig aufgebrezelt hatte. Als ob das was nützen würde, witzelte mein inneres Ich. Ich musste unbedingt an meinem Selbstvertrauen arbeiten, dachte ich.

Nachdem sich alle acht Männer vorgestellt hatten, mit Namen und Betrieb, sollten wir uns dazu äußern, was uns für die Zukunft vorschwebte: Gestüt, Reiterhof, Turnierstall oder eine Stelle in der Landwirtschaft. Conny strahlte, weil sie endlich den Namen des Mannes erfahren hatte, den sie die ganze Zeit über angehimmelt hatte. Sein Name lautete Cornelius Schaut. Ich musterte ihn jetzt auch ein wenig genauer. Er sah wirklich attraktiv aus. Unerreichbar für mich. Und wieder ärgerte ich mich, dass ich in Reithosen zur Veranstaltung gekommen war. Sie waren sauber, frisch gewaschen, aber trotzdem fühlte ich mich nicht mehr wohl darin. Man hätte mir Brad Pitt an meine Seite setzen können, man würde mich trotzdem übersehen. Oder erst recht!? Mein Selbstbewusstsein sank gerade auf einen neuen Tiefstand und hatte offenbar nicht vor, dieses Loch in nächster Zeit wieder zu verlassen. Die älteren Angestellten tuschelten sehr leise miteinander. Sie hatten nur einen Gedanken, der mir bisher noch gar nicht gekommen war: Sie wollten so dicht wie möglich bei ihren Familien bleiben.

Ich eigentlich auch. Bloß keine Veränderungen, kam es panisch von meinem inneren Ich. Aber Conny wollte die große, weite Welt kennenlernen. Und ich sollte mit.

Als unsere Köchin die Versammelten dazu aufforderte, endlich in den Speisesaal zu kommen, brodelten die Gespräche wieder auf. Der Direktor meinte, dass wir doch auch beim Essen über die Situation sprechen und uns morgen noch mal treffen könnten, damit löste er die Versammlung auf. Der Weg in den Speisesaal war nicht lang, dennoch merkte ich, dass Conny sich des Öfteren umdrehte und nach dem Besitzer des am weitesten entfernten Gestüts Ausschau hielt.

Cornelius Schaut!

Bei ihm handelte es sich um den Besitzer des Gestüts Schauter Höhe. Ein Vollblutgestüt wie unseres, nur größer. Und noch mal mit Betonung: weit entfernt, setzte mein inneres Ich schnippisch hinzu.

»Ist er nicht attraktiv?«, flüsterte Conny mir zu. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, um ihn mir noch mal anzusehen. »Schhhhh!«, machte Conny da plötzlich.

»Was?«, fragte ich genervt.

»Nicht so direkt umdrehen, dann weiß er ja gleich, dass wir ihn anhimmeln.«

»Wieso wir?«, fragte ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Dass Conny ihn anhimmelte, würde er sowieso bald merken. »Wenn wir noch langsamer laufen, dann fällt er beim nächsten Schritt über uns, oder aber du bleibst einfach stehen! Den Körperkontakt hättest du dann schon mal.« Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen.

Conny wurde rot. Ich grinste immer noch. Ich hatte ihr gegenüber einen Vorteil, ich war nicht verliebt. Kann mich also noch immer gut benehmen, dachte sich mein inneres Ich.

Conny war oft verliebt und auch genauso schnell wieder entliebt. Sie lebte davon, zehrte davon und schöpfte Kraft daraus. Irgendwie fand ich es toll, wie sie sich immer in den Himmel bewegte und dabei nicht abstürzte. Oder doch? Nur bekam ich es nicht mit, weil sie sich immer ganz schnell mit einem anderen Mann tröstete. Gott, war ich heute wieder böse. Mein Gewissen regte sich und sorgt für schlechte Laune bei meinem inneren Ich.

Cornelius Schaut war wirklich ein Mann, der Eindruck hinterließ, er hatte das »gewisse Etwas«, das Frauen dazu bringt, rot zu werden und ihre Stimme zu verlieren. Oder wie bei Conny, ihre Schlagfertigkeit. Er besaß nicht nur das Aussehen, sondern auch den Charme und den Humor, um Frauen reihenweise von sich zu faszinieren und einzunehmen. Das hatte sogar ich bemerkt. Er trug Jeans und ein weißes Hemd, welches weit geöffnet war und den Ansatz seiner Brust erahnen ließ. Seine Haltung war lässig, aber trotzdem willensstark und konsequent. Die Haare waren schwarz,  ein wenig länger, sodass seine Locken zur Geltung kamen. Bei seiner Begutachtung kam ein warmes Gefühl auf, das meine Seele dahinschmelzen ließ. Trotzdem würde ich mich nicht auf die gleiche Ebene begeben wie Conny. Ich wusste, ich würde abstürzen. Ich war sensibel, feinfühlig und hoffnungslos romantisch. Meine Gefühle unter Kontrolle zu halten, musste ich noch lernen. Wenn ich einen Mann sah oder kennenlernte, der in mir romantische Gefühle auslöste, verkroch ich mich, aus Angst, dass ich von meiner Wolke abstürzen könnte, weil meine Gefühle nicht erwidert wurden. Also ließ ich es bei meinen Vorstellungen und wartete ab, ob er den ersten Schritt machen würde. Und wenn er es nicht tat, war es ein schöner Traum, der die Hoffnung, die Möglichkeit und die positive Perspektive offenließ.

Im gestütseigenen Speisesaal, ein Gewölbekeller mit viel Stuck und vielen Bögen, hatte Conny es unter Einsatz ihrer Ellenbogen geschafft, neben Cornelius einen Platz zu finden. Ich meinerseits saß neben Conny und unserem Dienstältesten Ebs. Seine Größe und sein Stottern machten es ihm nicht leicht, mit Frauen in Kontakt zu kommen, oder sie sogar näher kennenzulernen, bei uns auf dem Gestüt war das anders. Er machte es durch sein nettes, hilfsbereites und immer zuvorkommendes Verhalten wett. Tauschte mal eine Schicht mit uns oder half nach seiner Arbeit noch mit. Trotzdem war es für mich nicht angenehm, zwischen ihm und Conny zu sitzen. Meine Freundin hatte nur Ohren für Cornelius, und Ebs versuchte ich gar nicht erst, in ein Gespräch zu verwickeln, weil er in Gegenwart von Frauen noch mehr stotterte, sodass man immer versucht war, seine Sätze zu beenden, was ich persönlich sehr unhöflich fand. Deshalb verlief der Abend für mich sehr ruhig, nachdenklich und langweilig. Was mich dazu veranlasste, schon zeitig zu gehen. Denken und mich langweilen konnte ich auch im Bett.

Der Morgen begann wie immer. Ich hatte die Veranstaltung am Vorabend total vergessen, stand auf, ging ins Bad und bemerkte erst jetzt, dass wir Besuch hatten. Die Angestellten mussten sich ein Badezimmer mit vier Personen teilen. Zwar hatte jeder sein eigenes Zimmer, aber Bad und Küche waren für uns alle. Wir wohnten wie in einer großen Wohngemeinschaft zusammen. Insgesamt waren es zehn Zimmer. Vier waren belegt und dementsprechend blieben sechs Zimmer noch frei. Da wir nur Mädels waren, kein Problem. Als ich jedoch ins Bad kam, war er da!

Cornelius Schaut!

Er wusch sich das Gesicht, seine Zahnbürste lag auf dem Waschbecken und ein Handtuch hatte er sich sportlich um den Hals gehängt. Ich wurde zur Salzsäule und starrte ihn an. Er war halb nackt, hatte sich nur ein zweites Handtuch um die Lenden gewickelt und sah mich mit einem Lachen um die Mundwinkel an.

»Einen wunderschönen Guten Morgen! Jule, so heißt du doch, nicht wahr?«, fragte er mit einem umwerfenden Lächeln.

Wie konnte ein Mann nur so attraktiv sein? Sein Oberkörper glänzte noch vom Duschen, der Bauch – welcher Bauch? Da waren nur Muskeln, überall Muskeln, und seine schwarzen Haare fielen ihm lockig ins Gesicht. Mir hatte es die Sprachen verschlagen, sogar mein inneres Ich war baff.

Die Sekunden vergingen.

»Guten Morgen!«, sagte er noch mal mit Nachdruck. »Kannst du reden?« Seine Stimme war weich und verschmitzt. Süß, er hatte Grübchen. Ich stand kurz vor einer Ohnmacht.

»Ja, ja«, stotterte ich. Mein Gott, war das peinlich.

»Die anderen Männer von den weiter entfernten Höfen haben heute auch hier übernachtet, nur zwei wohnen nicht so weit weg und sind nach Hause gefahren, zu ihren Frauen.«Seine Stimme war tief, voller Erotik und sein Gesicht hatte stets einen amüsierten Ausdruck. Als wenn ich wüsste, was erotisch ist, lachte mein inneres Ich. Aber hier war ich mir ganz sicher, die Stimme war erotisch.

Kurz kam mir der Gedanke, einfach wegzurennen. Aber dafür fehlte mir die Kraft. So also musste sich ein Infarkt anfühlen: Das Herz setzte aus und die Beine gaben nach.

»Und du kannst wirklich reden?«, war noch ein Versuch von ihm, aus mir ein Wort rauszubekommen.

»Und Sie haben keine Frau?«

Es kam mir einfach so über die Lippen. Sowie ich es ausgesprochen hatte, lief ich auch schon rot an. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Und da war er auch schon, der Fehler! Ich hatte nicht nachgedacht! Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz. Wieso konnte mich dieser Mann nur so aus der Fassung bringen?

»Man spricht also! Und gleich so auf den Punkt!« Cornelius lachte verführerisch.

»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht indiskret werden«, sagte ich leise und ein wenig verlegen und schaute auf meine Badelatschen.

»Ist schon gut, ich bin nicht verheiratet, und ich habe auch keine Freundin, falls das deine nächste Frage sein sollte.«Er grinste immer noch. »Ich würde mich noch gerne rasieren. Wenn du nichts dagegen hast …«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ist das jetzt ein Ja oder ein Nein?«

»Nein!«,sagte ich.

»Also darf ich mich nicht rasieren?« Er schaute mich durch den Spiegel an. Seine Augen waren braun, ein tiefes dunkles Braun.

»Doch, natürlich«,korrigierte ich schnell.Ich ging zum zweiten Waschbecken und schaute mich im Spiegel an. Jetzt erst sah ich, wie ich die Nacht verbracht hatte. Ich hätte in einem Märchenfilm die Hexe Babajaga spielen können, ohne eine Visagistin zu brauchen. Schnell glitten meine Hände durch meine Haare, um sie notdürftig zu bändigen.

Cornelius beobachtete mich durch den Spiegel und musste laut lachen. »Ich habe dich doch schon vorher gesehen«, meinte er, während er den Blick nicht von mir ließ. »Und ich bin nicht weggerannt.«

»Das würde ich nicht machen! Lachen, wenn Sie sich rasieren! Sonst muss ich noch Erste Hilfe leisten und darin bin ich schlecht«, mahnte ich ihn ernst.

»Und schlagfertig ist sie auch!« Sein rechter Mundwinkel zog sich zu einem schiefen Grinsen nach oben. Ich musste mein Gesicht wegdrehen, ich konnte seinem Blick nicht standhalten.

Er nahm mir die Anspannung mit seinen freundlichen Gesten und seinem Lachen. Seit wann lachten Männer denn so viel? Dieser Mann war eindeutig anders als die, die ich bisher kannte.

Nachdem ich mich so weit hergerichtet hatte, überlegte ich, ob ich noch auf Toilette gehen sollte, verkniff es mir aber und ging stattdessen festen Schrittes an ihm vorbei, wünschte ihm noch einen schönen Tag und schaffte es sogar, ihn dabei anzulächeln. So, das hätten wir geschafft. Mein Ich ging wieder erhobenen Hauptes, sprich- und auch wortwörtlich.

Ich schaute auf die Uhr. Hatte ich wirklich zwanzig Minuten im Bad verbracht? Trotzdem waren die anderen noch nicht auf den Beinen. Sindy, der Lehrling, hatte heute Spätdienst und Frieda hatte frei. Nur Conny, Ebs und ich mussten früh raus zum Füttern. Ich überlegte, ob ich sie wecken sollte. Conny hatte noch fünfundvierzig Minuten, bis sie im Stall sein musste. Wer weiß, wie lange sie gestern noch wach war? Ich konnte ja auch schon alleine anfangen, die Pferde zu füttern. Also ließ ich sie schlafen.

Der Weg zur Küche führte mich zwei Etagen tiefer. Ich legte ihn jeden Morgen zurück, um mir einen Tee zu holen, bevor ich füttern ging. Berta war wie immer gut gelaunt und trällerte vor sich hin.

»Morgen, Berta.«Mein fröhliches Lachen, als sie sich erschrocken umdrehte, erwiderte sie strahlend.

»Morgen, Kleines, du warst ja schon zeitig im Bett gestern.«

»Du weißt doch, ich brauche meinen Schönheitsschlaf.« Ich grinste und holte mir eine Tasse aus dem Schrank. »Wie lange ging denn die Party noch?«

Berta überlegte kurz und ließ dabei den Blick nicht von ihren Kartoffeln, bis sie schließlich meinte: »Ich musste die Letzten um ein Uhr nachts rausschmeißen. Die wollten einfach nicht gehen. Der Meister, Conny, Ebs und zwei der Männer, die auf Besuch hier schlafen, haben sich noch lange unterhalten.« Da hatten wir es schon wieder, Conny war wie immer die Letzte gewesen. Die Idee, sie schlafen zu lassen, war also gut gewesen, bestätigte mir mein Gewissen.

Auf dem Weg zum ersten Stall gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Was sollte ich machen, wohin sollte ich mich wenden? Blieb ich in der Nähe oder ging ich weg? Ich schob die Gedanken beiseite, jetzt galt es erst mal, sich den Pferden zuzuwenden.

Der Geruch von Heu, Stroh und Pferd umhüllte mich. Ich liebte es, früh die Tiere zu füttern. Die Pferde wieherten leise, wenn ich in die Boxen ging, um ihnen ihr Kraftfutter zu geben und ihnen aufmunternd den Hals zu tätscheln. Die Wärme und die Güte, die von diesen majestätischen Tieren ausgeht, war der Grund, warum ich diesen Beruf ergreifen wollte.

Ich liebte sie! Ich brauchte sie!

Als ich im dritten Stall angekommen war, bemerkte ich, dass im Stall Nummer sechs die Lichter angingen. Ebs war also auch schon da. Er füttert stets Stall sechs bis zehn. Insgesamt hatten wir zehn Ställe und einen großen Laufstall für die Einjährigen und Zweijährigen. Jeder Stall umfasste sechs bis acht Boxen.

Im dritten Stall war das Licht der letzten Boxen ausgefallen. Das passierte ab und an mal, ich machte mir darüber keine Gedanken und es blieb ja auch noch ein wenig Restlicht von den Boxen davor. Als ich die letzte Box öffnete, bemerkte ich jedoch, dass etwas nicht stimmte. Die Stute stand in der Ecke und sah mich an, bewegte sich aber nicht. Warum stand sie nur so da? Da alle vier Beine fest auf dem Boden standen, konnte es eigentlich keine Beinverletzung sein, sonst würde sie eins schonen. Für eine Kolik, die vom dreißig bis vierzig Meter langen Darm aus geht und mit viel Schmerzen verbunden ist, stand sie zu ruhig. Meine Gedanken überschlugen sich. Sie zeigte keine Reaktion auf das Futter oder meine Stimme.

Ich schaute auf den Boden der Box. In der letzten Ecke, die ich mit meinen Augen zu untersuchen versuchte, sah ich etwas. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Warum ging das verdammte Licht auch nicht?! Es sah fast aus, als wäre … Ich ließ sofort alles fallen und stürzte auf den dunklen Fleck zu. Es war ihr Fohlen! Die Erkenntnis traf mich wie ein Tritt. Ich kniete mich hin und streichelte das Fell des kleinen Jungtiers, doch es verströmte keine Wärme mehr. Es war kalt und steif, ich nahm an, dass es schon drei oder vier Stunden tot war.

Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Jetzt wusste ich auch, warum Feen so still stand. Sie trauerte um ihr Fohlen. Ich ging zu ihr und sie schaute mich mit glasigen Augen an. Ich streichelte sie und tröstete sie mit Worten. Den Schmerz über ihr totes Fohlen konnte ich deutlich spüren, aber ich konnte ihr nicht besser helfen, als ihr die Zeit zu geben, sich zu verabschieden. Ich strich ihr sanft über den Kopf und die Nüstern.

»Alles wird gut, Feen, du wirst sehen. Wer weiß, warum es passiert ist?« Meine Tränen liefen jetzt so intensiv, dass ich sie mit dem Handrücken fortwischen musste, sonst hätte ich nichts mehr gesehen.

Als ich die Box schließlich verließ, schaute ich auf ihr Schild. Dort konnte ich verschwommen lesen, dass sie erst in drei Monaten hätte fohlen sollen. Jetzt war erst November. Die Fragen türmten sich in meinem Kopf: Was war passiert? Warum hatte sie ihr Fohlen verloren?

Ich konnte hier im Moment nichts mehr tun. Ich ließ Feen mit ihrem toten Fohlen allein, sie sollte Abschied nehmen. Jetzt gleich jemanden zu holen, war nicht nötig, also ging ich weiter zu Stall vier, um die anderen Pferde zu kontrollieren und zu füttern. Um sicherzugehen, dass nicht noch etwas geschehen war. Danach würde ich meinem Meister Bescheid geben.

Noch immer liefen mir die Tränen über die Wangen. Dadurch bemerkte ich nicht, dass mir jemand folgte. Die Hand, die sich auf meine Schulter legte, ließ mich heftig zusammenschrecken, und ich drehte mich schnell um. Da sah ich in die braunen, fragenden Augen von Cornelius.

»Habe ich Sie so sehr beeindruckt, dass Sie Tränen vergießen müssen?«Sein Lächeln wärmte mir die Seele und brachte mich dazu, den Gedanken an das tote Fohlen auf ein gesundes Maß zu reduzieren.

»Nein«, sagte ich leise, »es ist nicht wegen dir. Es ist wegen des Fohlens.« Ich merkte nicht einmal, dass ich ihn duzte. Er schaute mich an, als ob er nicht meiner Sprache mächtig wäre.

»Fohlen?«, wiederholte er, ohne auf mein Du einzugehen.

»Fohlen. … Die kleinen Kinder der Pferde«,erklärte ich ernst.

»Natürlich, das weiß ich schon.« Seine Stimme war angespannt. »Ich meine, was ist mit dem Fohlen?« Erst da bemerkte ich, wie kindisch ich reagiert hatte. Warum benahm ich mich so peinlich? Ich bekam es nicht mal mit, wenn ich mich blamierte, oder zu spät.

»Es ist tot«,fuhr ich mit fester Stimme fort. Er sah mich an und fragte, wo es sei. Ich erklärte es ihm und sagte ihm auch gleich, dass ich erst mal nach den anderen Pferden schauen ginge und wo ich zu finden sei, wenn er noch Fragen habe. Er bedankte sich und verschwand in Richtung Stall drei.

Als ich im letzten Stall ankam, tauchte Conny schlaftrunken auf. »Danke, dass du mich hast ausschlafen lassen.« Ich lächelte sie an: »Wie war es denn gestern Nacht noch?« Und mit einem Zwinkern kam dann noch die Spitze hinterher: »Mit Cornelius?« Das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Sie lief rot an und ihre Augen strahlten, als sie sagte: »Ich habe mich mit ihm über uns unterhalten, weil wir doch gerne mit auf sein Gestüt wollten.«

»Aha, wir also?« Ich schaute sie bei diesen Worten nicht an und ging mit der Futterschaufel zur nächsten Box.

Conny wurde nervös und meinte: »Das haben wir doch beide gestern besprochen, dass wir zusammen weggehen.« Um des lieben Friedens willen sagte ich erst mal nichts dazu. Ich fütterte weiter und Conny plapperte ausgelassen über die Welt, die uns offen stand, verlor aber jedes Mal den Faden und kam immer wieder auf Cornelius zu sprechen, wenn sie ein neues Thema anschnitt. Dennoch wechselte sie stets das Thema. Ich glaube, sie wollte nicht, dass ich dachte, sie sei verliebt. Na, der Zug war abgefahren! Sie war über beide Ohren verschossen. Das erkannte doch sogar ein Blinder mit Krückstock!

Mein inneres Ich regte sich: »Aber du hast ihn noch nicht halb nackt gesehen, liebe Conny.« Verschmitzt über meine Gedanken lächelnd, drehte ich mich zu Conny um, die weiter in den höchsten Tönen von Cornelius redete.

Und da sah ich sie wieder, diese faszinierenden braunen Augen. Mein Hüsteln und das Verdrehen der Augen, sogar das Winken mit dem Kopf, alle Gesten, die ich in Connys Richtung machte, gingen in ihren schwärmenden Worten unter.

»Meine Damen, ich habe gerade mit dem Direktor gesprochen, und er möchte, dass sich alle anwesenden Gestütsarbeiter bei ihm im Büro versammeln.«

Conny lief knallrot an. »Wie lange steht er schon da?«, zischte sie zu mir.

Ich zuckte die Schultern, keine Ahnung. »Ich denke, er hat nichts mitbekommen«, log ich und machte ihr so Mut, damit sie aus ihrer Roter-Kopf-Phase rauskam.

Nachdem Ebs, Conny und ich alle Pferde gefüttert hatten, gingen wir gesammelt zum Direktor.Ich weihte Conny und Ebs ein, worum es gehen könnte. Sie waren beide traurig, aber sie wussten genau wie ich, dass so etwas passieren konnte.

Do la vivo estas.

So ist das Leben. Es gibt und es nimmt.

Der eigene Eingang zum Büro des Direktors lag am Ende des Hofes, sodass das Büro einen guten Blick auf die Koppeln bot. Es war wie die anderen Räume mit Stuck und Rundbögen ausgestattet, Barock eingerichtet, mit einem großen, verschnörkelten Schreibtisch am Fenster. Der Direktor hatte zusätzliche Stühle kommen lassen, weil für gewöhnlich nur einer auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtischs stand. Die dazugestellten Stühle sahen dadurch fehl am Platz aus, genauso wie ich mich fühlte: fehl am Platz.

Ebs hatte sich auf den Stuhl neben mir gesetzt und versuchte, sehr gerade zu sitzen, weil er im Sitzen kleiner war als ich. Irgendwie sah er ja niedlich aus. Wie ein Hobbit! Ich wusste schon, wieso mir derartige Gedanken kamen. Ich wollte einfach nicht an die ernsten Seiten meines jetzigen Daseins denken. Ich wusste ja sowieso nicht, was werden würde. Also ließ ich es darauf ankommen und mich treiben. Ohne eigenen Willen.

Neben mir saß Conny und daneben Cornelius. Wie sie das immer wieder hinbekam! Er musste doch langsam mal merken, dass Conny ihn vergötterte, falls sie es nicht schon durch ihre Schwärmerei im Stall verraten hatte. Doch er ging überhaupt nicht darauf ein. Vielleicht versuchte er, für sich den goldenen Mittelweg zu finden, um ihr nicht wehzutun.

Der Direktor begann seine Rede mit dem Abort von Feen. Er sagte ruhig und langsam: »Es ist traurig, aber wir wissen ja noch nicht, woran es gelegen hat, der Tierarzt, Dr. Bergtes, wird das Fohlen ins Pferdeklinikum zur Obduktion bringen und dann wissen wir mehr.«

Als Nächstes widmete er sich Ebs. »Eberhard, haben Sie sich schon entschieden, was Sie gerne machen würden? Wollen Sie die Gegend verlassen und irgendwo anders arbeiten gehen, oder möchten Sie bleiben und sich hier um Arbeit bemühen? Wenn Sie das Letztere vorzögen, würde ich mich als Direktor mit darum kümmern, dass Sie eine neue Arbeit finden, wo Sie noch ihre letzten acht Jahre bis zur Rente verbringen können. Das würde dann aber keine Stelle im Umgang mit Pferden sein«, meinte der Direktor. Wie vorauszusehen gewesen war, wollte Ebs bleiben. Der Direktor versprach ihm Hilfe bei der Suche und verabschiedete ihn, sodass nur noch Conny, Cornelius und ich übrig blieben.

»Wie sieht es bei Ihnen aus, Conny?«, fragte der Direktor.

»Ich würde gerne mit Jule zum Gestüt Schauter Höhe gehen. Wir haben gestern schon alles mit Herrn Schaut besprochen und sind übereingekommen, dass das für uns ein neuer Lebensabschnitt werden kann.«

Okay, dachte ich. Schön, dass wir schon alles besprochen haben, Conny. Mein inneres Ich wusste nicht, ob es böse oder erleichtert sein sollte, weil man ihm die Entscheidung abgenommen hatte. Ich durchbohrte mit Blicken Connys linke Gesichtshälfte, doch es brachte nichts. Conny würdigte mich keines Blickes.

»Und, Jule, bist du auch damit einverstanden?«Cornelius’ Stimme brachte mich von meinen Gedanken zurück zum Thema. Conny hatte zwar gelogen, als sie meinte, dass wir darüber gesprochen haben, da ich ja gestern schon im Bett gewesen war, aber ich konnte ihr nicht böse sein. Ich musste eine Entscheidung fällen, und da mir das schwerfiel, war ich froh, es abgenommen bekommen zu haben. Aber ich konnte mich ja noch ein wenig zieren.

»Habe ich einen anderen Ausweg?« Ich verdrehte gespielt genervt die Augen.

Aha! Jetzt drehte man also doch noch sein Gesicht in meine Richtung und schaute mich strahlend an. Conny war außer sich vor Freude und umarmte mich inbrünstig.

»Ich hätte da aber noch ein paar Fragen bezüglich Bezahlung, Unterbringung und Arbeitszeiten.«

Cornelius lachte und meinte: »Jule ist also der logisch und realistisch denkende Part in eurer Beziehung.«

Conny wurde wieder rot und meinte: »Ich habe zur Zeit keinen Freund, also auch keine Beziehung.« Ich verdrehte bei diesen Worten die Augen. Bevor Conny sich noch mehr blamierte, mischte ich mich ein und fragte Cornelius: »Wie stellen Sie sich das vor?«

»Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen, es ist alles organisiert. Ihr begleitet die aufgekauften Tiere. Der Pferde-LKW kommt am Mittwoch und nimmt fünf der wertvollen Pferde mit, Feen inbegriffen. Eure Sachen werden parallel dazu von einem Transporter abgeholt.«

Die Abschiedsfeier vom Gut war nicht sehr fröhlich. Unsere früheren Partys waren ausgelassener gewesen und wir hatten gern getanzt, dieses Mal jedoch nicht. Sogar der Direktor schaute betreten drein. Er kam mir vor, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Ich hatte immer noch nicht begriffen, warum wir das Gut schlossen.

Nach der tränenreichen Verabschiedung am Dienstagabend konnten Conny und ich nicht schlafen. Wir übernachteten in einem Zimmer und unterhielten uns über das neue Gestüt, über Cornelius und was wir Neues kennenlernen würden. Ich hatte Conny von der Begegnung mit Cornelius im Bad nichts erzählt, weil sie immer noch wie verrückt nach ihm war. Ich dachte, es hätte ihr nur wehgetan, auch weil ich es vor ihr verheimlicht hatte. Sie wäre dann nur auf falsche Gedanken gekommen.

Ihr anfängliches Verliebtsein hatte sich nach der Erkenntnis, dass wir tatsächlich zu ihm auf das Gestüt gehen würden, in eine verbohrte, hemmungslose Liebe gewandelt. Ihre Aussage, dass sie alles daransetzen würde, dass er sie endlich beachten und schließlich auch lieben würde, machte mir Angst. So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich hoffte, dass Cornelius ihr widerstehen konnte. Er war schließlich auch nur ein Mann. So viel zu meiner Meinung von Männern. Insgeheim wünschte ich mir, dass dort noch ein gut aussehender Mann arbeiten würde, mit dem Conny sich trösten könnte, damit sie den Gedanken an ihren Cornelius aufgab. Mein inneres Ich hatte sich leider auch schon in seine Augen, seinen Wahnsinnskörper und seinen Humor verliebt.

Kapitel 2

Das Gestüt von Cornelius lag, so weit das Auge reicht, auf flachem Land. Das war für mich ungewohnt und ich tat mich schwer, in die Ferne zu schauen, weil ich immer nach den Bergen suchte. Mein Blick wurde durch nichts behindert. Wiesen, Felder und Wäldchen, die sich um das Gestüt herum befanden, waren so weitläufig, dass man die Entfernung zu ihnen kaum schätzen konnte. Trotzdem gefiel mir der Name des Gestüts, »Schauter Höhe«, auf was der Name jedoch anspielte, verstand ich nicht im Geringsten. Warum Schauter Höhe? Das Wort »Höhe« irritierte mich. Ich musste unbedingt Cornelius fragen.

Es gab noch drei weitere Angestellte auf dem Gestüt. Was mich verwunderte, aber auch freute, war die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der zwei Männer, die gar nicht so schlecht anzuschauen waren. Meine Gedanken gingen in Richtung Conny und ihrer unbändigen Liebe zu Cornelius, die hoffentlich noch auf einen der beiden anderen überspringen würde.

Die bisher einzige Frau des Gestüts war mir dagegen unheimlich. Veronika hatte eine Art und Weise an sich, die mir Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Sie konnte auf einmal hinter dir stehen, ohne dass du es auch nur bemerkst. Sie sah auch stets von oben auf einen herab. Egal, aus welcher Richtung sie kam, ich erschrak mich regelmäßig. Sie sagte mir in ihrer sehr kurzen, knappen Art, was ich zu tun hatte: ich war so damit beschäftigt, ihren Anweisungen zu folgen und sie zu verstehen, dass ich dem sofort nachkam, um schnell aus ihrem Gesichtsfeld entschwinden zu können. Veronika sah sehr elegant aus, immer sauber und korrekt gekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und geschminkt. Wenn ich sie nicht arbeiten gesehen hätte, hätte ich es nicht geglaubt. Wie machte sie das nur? Sie war immer sauber und gestylt. Vielleicht spielte sie das Arbeiten nur vor, dachte sich mein inneres Ich ironisch. Woah, dann war sie gut. Und leider hatte sie auch eine höhere Position auf dem Gestüt als ich, sodass wir immer konzentriert darauf achteten, wo sie gerade war und uns Nachrichten schrieben, sobald einer sie auf dem Hof gesehen hatte, wie bei einer Blitzer-App. Hach ja, eine App, die dir sagt, wenn eine bestimmte Person in deine Nähe kommt. Na, das wäre doch mal eine glorreiche Erfindung! Leider gelang es uns trotz provisorischer Veronika-Blitzer-App nicht immer, rechtzeitig zu verschwinden. Aber abgesehen davon war das neue Leben auf dem Gestüt schön.

»Veronika ist in die Stadt gefahren.« Torsten versuchte gerade, mit einem Strohwisch die Pferdekuddeln aus der Tränke zu entfernen.

»Wir können also ein wenig stressfreier unsere Arbeit machen.«

»Willst du auch einen Latte macchiato? Ich brauche erst mal eine Pause«, stöhnte Torsten. Ich schaute ihm bei seiner Aktion, bei der er zugleich versuchte, sich nicht zu beschmutzen, schon eine Weile lächelnd zu.

»Wenn du dir die Hände vorher wäschst, dann ja, und sagst du Tino und Conny auch Bescheid? Oder soll ich sie fragen?«

Torsten verdrehte die Augen. »Die sind doch beim Hafer umlagern, die müssen wir jetzt nicht stören.«

Ich musste lachen.»Ich gehe sie holen!« Zwar war ich erst seit drei Monaten hier, doch hatte ich schon gemerkt, wenn es um Hafer ging, war Torsten weg. Das war einfach nicht sein Ding.

Als wir uns alle in der betriebseigenen Küche, die zugleich den Aufenthaltsraum darstellte, trafen, hatte Torsten die vier Latte macchiato schon zubereitet, und wir konnten endlich mal in Ruhe über Veronika reden – oder lästern? Nun, wir tauschten Erfahrungen aus. Torsten und Tino debattierten: »Ich denke, dass sie was mit Cornelius hat.«

»Das kannst du aber nicht beweisen, das ist reine Spekulation.«

»Na aber doch, ich habe sie zusammen gesehen.«

»Du meinst den Streit? Vergiss es, das hat nichts zu sagen.«

Ich schaute zu Conny und bemerkte ihr verkniffenes Gesicht. Ich musste unbedingt das Thema wechseln.

»Ich würde gerne die Gegend und die Stadt besser kennenlernen. Vielleicht könnt ihr uns mal ein paar Tipps geben. Oder gibt es hier in der Nähe einen Reiterhof? Ich würde gerne mal wieder ausreiten«, fragte ich die Jungs.Torsten überlegte und schaute dann Tino an. Der schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.

»Den Hof in der Nähe würde ich euch nicht empfehlen, meine kleine Schwester war dort mal eine Zeit lang reiten. Das sind dort ganz hochnäsige Tussen, das Mobbing war ganz schlimm. Sie hat es jetzt aufgegeben, weil man es ihr ausgeredet hat. Sie sei talentlos und so. Könnte nicht mit Pferden umgehen. Meine Eltern haben sich bei der ehemaligen Chefin beschwert, hat aber nichts genützt.«

»Wir können ja trotzdem mal vorbeischauen und uns ein eigenes Bild machen.« Ich gab nicht gleich auf und schaute mit einem Ich-will-unbedingt-dorthin-Blick zu Conny. Die jedoch schien mit den Gedanken immer noch woanders zu sein. Ich hoffte, nicht bei Veronika und Cornelius.

»Weggehen werden wir dieses Wochenende, da ist Party im Pub mit DJ.Das müssen wir unbedingt machen, das wird super«, meinte Tino.

»Du willst doch nur deine Ex eifersüchtig machen mit den Mädels«,spielte Torsten den Allwissenden und zwinkerte Tino zu. Beide Jungs hatten nach eigenen Aussagen kein Interesse an einer festen Beziehung, wollten sich lieber mal austoben und die Frauen nur für eine Nacht an sich binden.

Wie es so auf dem Dorf ist, wurde man schon im Kindergarten einem Mädchen aus dem Nachbardorf versprochen. Beide hatten schon mit sechzehn eine feste Freundin. Die Beziehung ging aber bei Tino nach drei Jahren zu Ende, danach fuhr er die Casanova-Schiene. Torsten hatte seine Freundin vor einem halben Jahr an einen anderen Mann verloren. Conny und ich waren ein Jahr jünger als die Jungs. Conny hatte schon mehrere Jungs oder besser gesagt gestandene Männer in ihrem Leben gehabt. Ich dagegen hatte nur einen einzigen festen Freund gehabt, und der war nicht gerade dazu geeignet gewesen, eine Beziehung als wohltuend und geborgen zu empfinden. Er war kein schrecklicher Partner gewesen, aber er hatte mir auch nie das vermittelt, was ich für eine glückliche Beziehung brauchte. Ich war halt eine hoffnungslose Romantikerin. Ich sollte wohl aufhören, mir immer die Liebesfilme mit meiner Mutter anzuschauen. Im Grunde wartete ich auf die eine wahre Liebe.

»Also, die Sache steht, wir gehen dieses Wochenende auf Disco.« Torsten war begeistert.

»Habt ihr nicht Wochenenddienst?«, fragte Conny, während sie ihren Latte schlürfte und immer wieder hineinpustete.

»Wir machen durch! Das haben wir schon öfters gemacht. Können uns ja dann in der Mittagspause mal ’ne Stunde hinknallen.« Tino nickte Torsten zu. Die Sache war also beschlossen.

Auf Schauters Höhe brauchten wir stets ein Auto, um einkaufen zu fahren, und waren mindestens eine Stunde unterwegs.

»Wenn Veronika in die Stadt gefahren ist, kann sie frühestens in eineinhalb Stunden wieder da sein«,überlegte ich laut. »Also los, Jungs und Mädels, wir müssen was tun, bevor Veronika wieder da ist.«

»Hast du Cornelius gesehen?«, fragte mich Conny mit einem schmachtenden Blick.

»Schon seit drei Tagen nicht«, gestand ich ihr.

»Wo kann er nur abgeblieben sein?« Conny machte sich Gedanken, daher versuchte ich, sie zu beruhigen.

»Er wird außerhalb was zu tun haben. Vielleicht ist er ja für die Vorbereitung der Jährlingsauktion in Baden-Baden unterwegs.«

Ich war eigentlich ganz froh, dass er nicht da war, er machte mich nervös. Nervös war noch untertrieben: Er machte mich zu einem Wrack. Er brauchte nur auftauchen, und mein Herz schlug, als ob ich gerade den Hundertmeterlauf meines Lebens in Bestzeit bestritten hätte. Man ist total glücklich über den Sieg, aber der Körper gehorcht einem nicht mehr. Normal war das nicht.

Die Erkenntnis, dass ich etwas für Cornelius empfand, war mir unangenehm. Wenn ich Conny sah, wie sie sich benahm und sprach, konnte ich nur hoffen, dass es bei mir nicht mal genauso aussehen würde.

Aber ich hatte mich unter Kontrolle!

Stimmt. Solange er nicht in deiner Nähe ist, versuchte mein inneres Ich, mir eins reinzuwürgen.

Die Fahrt zum Pub fiel aufgrund des Zeitmangels recht chaotisch aus. Die Jungs hatten sich einen richtigen Plan erarbeitet. Conny hatte ihn jedoch durch die immer gleiche Geschichte durchkreuzt: Was ziehe ich an, was für Schuhe trage ich und wie viel Schminke verträgt mein Gesicht.

Eigentlich brauchte sie sich doch gar keine Gedanken machen, sie sah immer gut aus. Aber das wollte sie nicht hören. Sie wollte nicht gut aussehen, sie wollte besser aussehen. Ich trug Jeans, Turnschuhe und eine Bluse, die mein Dekolleté ein wenig hervorhob. Die Haare trug ich offen und ein wenig gelockt. Genau so, wie Conny es mit ihren Haaren nicht hinbekommen und deshalb den Zeitplan der Jungs durcheinandergebracht hatte. Ich musste bei dem Gedanken daran immer noch grinsen. Conny sah nach der Locken-Attacke auf ihre Haare aus, als ob sie nach einem Flugzeugabsturz erst vor drei Wochen wiedergefunden worden wäre. Sie hatte ihre Haare noch mal gewaschen und trug sie jetzt glatt und offen.

Gegen 21.00 Uhr wollte Torsten im Pub sein. Wir waren kurz nach 22.00 Uhr da. Also so gut wie pünktlich. Jedenfalls in Connys Augen.

Das Pub war sehr voll, aber die Lichtverhältnisse waren gut, sodass ich mir die Gegebenheiten anschauen konnte. Es gab verschiedene Nischen, die wenig erhellt waren. Bestimmt für Verliebte, die ein wenig aus dem Rampenlicht wollen, schmunzelte mein inneres Ich. Auch ein in der Mitte des Saales befindlicher Tresen, der von allen Seiten erreichbar schien, war gut besucht, und ich dachte, an Getränke ranzukommen wäre so gut wie unmöglich. Da hatte ich mich wohl geirrt. Wie von Zauberhand bekamen Conny und ich jeder einen Drink.

Gut organisiert, dachte ich. Mal sehen, was die Jungs noch so alles auf Lager hatten, um uns willig zu machen. Ich blickte skeptisch in die Runde. Keine fünf Minuten später hatten wir Sitzplätze in einer der Nischen ergattert. Mein inneres Ich kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Torsten war sehr aufmerksam und ging jeden einzelnen der männlichen Partygäste mit uns durch und erklärte: »Der da drüben am Pfeiler ist Peter, er fängt hier immer Schlägereien an, um Frauen zu imponieren. Meistens, oder eigentlich immer, geht das aber schief.«

Tino musste lachen. Ich drehte mich zu ihm um und fragte neugierig: »Warum lachst du?«

Jetzt musste auch Torsten lachen. Beide schauten sich an und Torsten erzählte: Das eine Mal hatte Peter eine Rempelei angefangen wegen eines neuen Mädchens, was hier mit ihrer Freundin aufgetaucht war. Hat den Typen, der sich mit dem Mädchen unterhalten hatte, einen Rempler gegeben und der lag dann am Boden. Tino ist dann hin, hat Peter zur Seite genommen, hat dem anderen Typen aufgeholfen und ist mit dem Mädchen raus.«

»Also wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte«, meinte ich lachend zu Tino. Der grinste nur und nickte zu Torsten.

Torsten war in seinem Element. »Die ältere Frau dort drüben kommt immer mit ihrem Sohn. Sie steht aber nur irgendwo in einer Ecke und schaut, wo er sich aufhält und was er macht.«

Mein Interesse war geweckt. »So alt sieht sie doch gar nicht aus«, meinte ich zu Torsten.

»Ist sie auch nicht. War wohl mit vierzehn schwanger«, warf Tino abwertend ein.

»Und was ist mit den gestylten Frauen oder Mädchen auf der Tanzfläche?« Torsten und Tino lenkten ab, und stellten Jürgen, den ältesten Junggesellen hier im Pub, vor, indem sie auf ihn zeigten. Das war mir aber nicht so wichtig und ich ging noch mal auf die Mädchen ein. Ich hatte bei beiden keine Chance, etwas über Frauen rauszubekommen. Im Gegenteil, sie sprachen nur noch über Männer, wer er war, was er machte, mit wem er liiert war und ob er gerade dabei war, fremdzugehen. Bei den Frauen waren sie nicht so gut informiert – oder sie wollten es uns nicht sagen. Hätte ja auch ein falsches Bild auf beide werfen können. Ich grinste innerlich.