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Der Autor Klaus Herber vermutet im thüringischen Jonastal mehr als nur gewöhnliche Schatzkammern und unterirdische Produktionsanlagen des Dritten Reiches. Er geht davon aus, dass hier in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges ein Hochtechnologiezentrum installiert werden sollte, von dem aus mit modernsten und bis dahin unbekannten Träger- und Kampfmitteln der letzte und alles entscheidende Rundumschlag der deutschen Streitkräfte gegen die Alliierten geplant war. Anlagen zur Entwicklung von atomaren Waffen und Trägersystemen befanden sich in unmittelbarer Nähe. Über fünfzig Jahre nach Kriegsende schweigen sich die damaligen Verbündeten noch immer aus. Was haben Amerikaner und Russen 1945 vorgefunden? Warum sind die Kriegstagebücher der Siegermächte immer noch geheim? Das Buch lässt fiktive Zeitzeugen sprechen, fasst das vorhandene Wissen zusammen und eröffnet dem Leser Raum für eigene Spekulationen.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Klaus Herber
Inferno Jonastal
Hitlers letzte Zuflucht in Thüringen
Ein fiktiver Report
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
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Alle Rechte vorbehalten.
Layout / Satz: Dr.Reinhard Escher
Titelgestaltung: Grafik-Design Lothar Freund, Erfurt
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
3. Auflage 2011
ISBN: 978-3-955607-02-9
Am Ende eines Krieges steht das Elend;
an seinem Anfang aber die Ignoranz.
Victor Hugo
Das Jonastal bei Arnstadt schließt eine romantische Landschaft ein. Manche Stellen erinnern an die Kulissen einer Wagneroper. Nach dem Verlassen der Straße taucht der Besucher in die Stille des Tales ein, wird Teil desselben, ist nach wenigen Schritten plötzlich allein.
Am schönsten ist das Tal im Sommer, wenn die Muschelkalkklippen voller Sonnenwärme sind, wenn die Zapfen der Kiefern in der Tageshitze knackend aufspringen und der Duft des Baumharzes alle anderen Gerüche des Waldes überlagert. Dann ist kaum glaubhaft, dass dieses Tal noch vor wenigen Jahrzehnten voll Unrast, Leid und Schicksalen war, hervorgerufen von einer Generation Männer und Frauen, die heute wieder fast vergangen ist. Nur Schutthalden und Fundamentüberreste erinnern an diese Zeit.
Erreicht man das Plateau, ergießt sich der Blick in die Weite, erfasst Hecken, Felder, Wälder und Wiesen. Eine friedvolle Landschaft. Scheinbar friedvoll.
In meiner Fantasie sehe ich, wie sich irgendwo in der Landschaft vor mir die Erde öffnet, ein feuerbeschweifter Körper zum Himmel aufsteigt, um sich dort zu verlieren. Irgendwo auf der anderen Seite unseres Erdballs wird er niedergehen, um Tod und Verderben zu bringen. Tod und Verderben den Eltern und Geschwistern der Söhne, die vor diesem Tal stehen.
Den Flug der Raketen hätten amerikanische und deutsche Soldaten gleichermaßen verfolgen können. Mit welchen Gedanken?
Und wenn die Nachricht von Tod und Zerstörung die alliierten Soldaten Stunden später erreicht hätte, wären dann die Waffen niedergelegt, der Friede in letzter Minute geschlossen worden? Offene Geschichte, wir wissen es nicht.
Wir wissen nur eines: Das Verderben der Menschen hat hier seinen Anfang genommen, um schon bald darauf Unglück über die Welt zu bringen. Viele haben dabei geholfen. Viele mussten dabei helfen. Viele Schicksale haben sich dabei erfüllt.
Der Ursprung des Truppenübungsplatzes Ohrdruf geht in das Jahr 1906 zurück. Hier probte die Infanterie des kaiserlichen Deutschlands und bereitete sich auf den Ersten Weltkrieg vor. Nach Ausbruch desselben und anfänglichen Erfolgen geriet man bald in Verlegenheit, die eingebrachten Massen von feindlichen Ausländern unterzubringen. Die Einrichtung von Gefangenensammelstellen, wie 1870/71 gehandhabt, genügte offensichtlich nicht mehr.
In kurzer Zeit entstanden auf Flächen, die der Heeresverwaltung gehörten oder angepachtet waren, Kriegsgefangenenlager. So auch in Ohrdruf, wo nicht nur der Truppenübungsplatz, sondern auch ein aus massiven Gebäuden errichtetes Lager vorhanden war. Nach dessen anfänglicher notdürftiger Erweiterung durch Zelte und hölzerne Baracken errichtete man bald am Hang gegenüber dem Truppenlager ein neues Lager in zwei Abschnitten, ausgerichtet auf die Unterbringung von je 10000 Mann. Der erste Abschnitt bestand aus sieben Einzelblocks zu je zehn Mannschaftsbaracken für jeweils 120 Personen sowie Küche, Waschraum, Latrinen und Desinfektion. Das zweite Lager bestand aus zehn Holzbaracken zu je 1 000 Mann. Zu jeder Baracke gehörten Latrinen und Waschstellen. Gemeinsam für das ganze Lager waren eine große Küche, Kantine und Vorratsräume. Darüber hinaus verfügte es über eine zentrale Wasserversorgung durch eigene Leitung, eine moderne biologische Kläranlage, eine eigene Zufahrtsstraße.
Die Versorgung geschah aus der Umgebung bzw. per Bahn bis Ohrdruf und auf den Platz per Achse. Außerdem verfügte das Lager über eine Poststelle, Räume für kirchliche Zwecke der verschiedenen Konfessionen, Theater- und Lichtspielsaal, Werkstätten, Lazarette, Appell- und Versammlungsplätze und schließlich einen eigenen Friedhof.
Auch eine Druckerei zur Herausgabe einer Lagerzeitung war vorhanden.
Dem Lager vorgesetzt war der Kommandant des Truppenübungsplatzes, der, einschließlich der Wachbataillone, der Inspektion der Kriegsgefangenenlager desXI. Armeekorps in Kassel unterstellt war.
Nach dem Untergang des kaiserlichen Deutschlands trainierten die Soldaten des 100000-Mann-Heeres auf dem Platz. Mit dem Ende der Weimarer Republik und der Einführung der Wehrpflicht übten die Soldaten der Deutschen Wehrmacht. Neben infanteristischen und artilleristischen Manövern rollten nun auch Panzer aus der Erfurter Garnison über das Plateau. In den Jahren 1935/36 begannen sich das Oberkommando der Wehrmacht und die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft Berlin für den Raum Ohrdruf, Crawinkel, Arnstadt zu interessieren. Im Rahmen von erstellten Studien wurde die kriegswirtschaftliche Bedeutung des Raumes für das Industriezentrum Erfurt sowie für die eventuell notwendig werdende Einrichtung von Sondermaßnahmen untersucht. Es muss angenommen werden, dass diese Maßnahmen der Vorbereitung der Verlagerung kriegswichtiger Industrien „in den Berg“ dienten.
Solche Studien waren zur damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches und beschränkten sich nicht nur auf den Raum Arnstadt, sondern umfassten den gesamten deutschen Raum, später auch den der eroberten Gebiete.
Begonnen wurden diese Maßnahmen mit der Einrichtung von Nachrichtenverbindungen in den betreffenden Territorien. Bei Arnstadt erfolgte demgemäß schon 1936 der Bau des unterirdischen Bunkeramtes „Olga“. Nach dessen Fertigstellung und Einrichtung im Jahre 1938 begannen die Bauarbeiten am Eulenberg am Stadtrand von Arnstadt, die aber kurz vor Weihnachten 1939 wegen Grundwasserproblemen eingestellt werden mussten.
Begründet wurden die Arbeiten gegenüber der Bevölkerung als notwendig für den Ausbau des Truppenübungsplatzes. Ob das so geglaubt wurde sei dahin gestellt, ist doch auch einem militärischen Laien klar, dass zur Aufrechterhaltung eines Übungsbetriebes weder mehrere hundert Fernschreibplätze noch Verbindung zum internationalen Kabel notwendig sein dürften. In der Bevölkerung entstand zu dieser Zeit das Gerücht vom Bau einer „Reichspost“.
Auszug aus Chefsache Tagebuchnummer 340/45 vom 9. März 1945, ausgefertigt durch den General der Infantrie Burgdorf, militärischer Chefadjutant des Führers:
„Auf Befehl des Führers hat Reichsführer SS im Raum Oberhof den Ausbau einer neuen Unterkunft FHQu übernommen. Mit der Durchführung ist SS-Gruppenführer Kammler beauftragt worden.
Auf Grund der gemäß Führerentscheid vorzubereitenden und teilweise durchzuführenden Verlegung des FHQu und anderer Dienststellen in diesen Raum ist eine Neuregelung der örtlichen Leitung und Lenkung von baulichen und unterkunftsmäßigen Fragen erforderlich. Im Einvernehmen von SS-Gruppenführer Kammler wird für alle auftretenden Bau- und Unterkunftsfragen sowie für Sonderzugabstellungen als dessen Vertreter der dem Chefadjutanten der Wehrmacht beim Führer unterstehende Oberst Streve, Kommandant Führerhauptquartier, bestimmt …“
Das Tal verbindet die Orte Arnstadt und Crawinkel in südwestlicher Richtung. Die verhältnismäßig gut ausgebaute Straße ist sehr kurvenreich und besitzt eine Länge von zirka zehn Kilometern.
Die Bezeichnung Jonastal entstammt der Vorzeit. Ob es sich bei der Namensgebung um eine biblische Quelle oder eine Bezeichnung aus der Mythologie (Johannis) handelt, ist heute nicht mehr feststellbar.
Die Lage am Südrand des Thüringer Beckens ist von der Geologie des Trias geprägt. Muschelkalkgrundgestein herrscht vor, dementsprechend ist die Talstruktur zerklüftet, die Plateaus und Hänge neigen zur schnellen Wasserabführung und damit, besonders die südlichen Lagen, zur Austrocknung. Dementsprechend gestaltet sich die Talflora: Trockenrasen, fälschlich angelegte minderwertige Kiefernbestände, bebuschte Klippen und Steilhänge wechseln mit kahlem Geröll.
Das Klima steht stark im Einflussbereich des Thüringer Waldes, der die aus der Hauptrichtung Südwest bis West anströmenden feuchten Luftmassen anstaut und zur Überströmung zwingt. Die auf dem Gebirge abgeregneten Luftmassen fallen trocken nach dem Becken zu ein und lassen das Tal im Regenschatten. Die Regenmengen fließen, besonders bei kurzen und heftigen Regengüssen, zu einem Großteil oberflächlich ab und versickern rasch in die Tiefe, wobei sie sich im Netz der Spalten und Klüfte des Kalks verlieren. Erst in den tieferen Buntsandsteinschichten stauen sich die Wasser wieder an und treten, oft kilometerweit entfernt, als Karstquellen wieder zu Tage.
Ist der Talbeginn gleich hinter Arnstadt von Steilhängen geprägt, läuft das Talende allmählich zwischen den Wiesen der Ohrdrufer Muschelkalkplatte aus, in deren Anschluss sich unmittelbar das Gebirge des Thüringer Waldes erhebt.
Aus der strategischen Sicht des von uns betrachteten Zeitraums ist die Tallage nicht unumstritten: Das Tal ist eng und im Prinzip von allen Seiten aus infanteristisch erreichbar. Die das Tal abschließenden Plateaus gestatten eine Bereitstellung und Entfaltung auch größerer motorisierter Verbände, die durch Luftlandetruppen gefahrlos verstärkt werden könnten. Auch eine Eroberung durch Luftlandetruppen allein wäre denkbar.
Die unmittelbare Nähe der Autobahn, gut ausgebaute Straßen und ein dichtes Schienennetz lassen die schnelle Heranführung von Panzerverbänden zu. Dies könnte von Norden und Osten her durch die Thüringer Ebene geschehen, aus Richtung Westen durch die Eisenacher Pforte. Auch der Sperrriegel des Thüringer Waldes würde kleinen und leicht motorisierten Schützenverbänden keinen Widerstand bieten.
Diese angeführten Faktoren und die vorhandenen zahlreichen Städte und Siedlungen im Umkreis des betrachteten Gebietes würden eine groß angelegte Rundumverteidigung sehr aufwändig und schwierig gestalten. Somit kann der Standort Jonastal als militärische Anlage bzw. Auffangstellung zur Einleitung und Umsetzung groß angelegter Planungen zu einer entscheidenden Wende der schon den Kern Deutschlands erreichten Kriegshandlungen im Frühjahr 1945 nur schwer verstanden werden. Es sei denn, die Planer der Talanlagen haben nicht in konventionellen Dimensionen gedacht und waren ihrer Zeit im Denken voraus …
Auch das Fehlen einer strategischen Gesamtkonzeption für den Fall einer Niederlage Deutschlands wäre denkbar, aber kaum glaubhaft. Oder aber, die Planer verfügten über Wissen und Waffen, Potenziale und Quellen noch nie erreichter Dimensionen, geplant und gesammelt über Jahre, verwirklicht in kurzer Zeit, eine Konzentration von Hirnen und Material an einem kleinen Punkt – dem Jonastal bei Arnstadt.
Schon seit meiner Kindheit fesselt mich dieses Tal. Zahlreiche Wanderungen und Spaziergänge haben es mir erschlossen. Neben der Romantik der Landschaft sind es die Geheimnisse und Mythen, die mit dem Tal verbunden sind und mich faszinieren.
Überhaupt hat dieses Tal schon immer etwas Unwirkliches, Unheimliches. In früheren Jahrhunderten mieden es die Leute, weil hier angeblich Dämonen und Gespenster ihr Unwesen trieben. Damals war die Landschaft noch von kahlen Berghängen geprägt, und die bizarren Felsen werden unseren unverbildeten Vorfahren schrecklich erschienen sein.
Nach der Aufforstung der Berghänge zu Beginn unseres Jahrhunderts wurden solche Eindrücke gemildert. Die einzigartige Kalklandschaft verlockte Wanderer und Naturfreunde; das Tal mit seinen Schluchten und Höhlen wurde Ausflugsziel.
Auch für den aufgeklärten Menschen barg die Landschaft noch Mythen: ein Ritter, der bei der Verfolgung einer Jungfrau vom Felsen stürzt, Höhlen, in denen fleißige Zwerge wirken, angebliche Geheimgänge, die, von den nahe gelegenen Kirchen und Burgen ausgehend, hier enden sollen.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hielt uns Kinder die Mär vom Besuch des Tals ab, hier würden Wesen mit unter die Füße geschnallten Spiralfedern den neugierigen Wanderer erschrecken.
Trotzdem barg das Tal immer noch Geheimnisse: Nach dem Kriegsende munkelte man von groß angelegten Bauarbeiten an den Felshängen. Besucher wollten Stolleneingänge überdimensionaler Ausmaße passiert haben und erzählten Wunderdinge von vorgefundenen Einrichtungen und Räumen. Und als die Russen hier schließlich die Tradition des nahe gelegenen Truppenübungsplatzes fortsetzten und einzelne Teile des Tals absperrten, erzählte man von geheimen Raketenstellungen in verborgenen Schächten – was sich nach der politischen Wende auch als Wahrheit herausstellte.
Mutmaßungen und Wahrheitssuche hörten auch nicht auf, nachdem die Bundeswehr den Platz übernommen hatte. Die Geheimnisse blieben.
I
Im Wagon ist es eisig kalt. Die vier Russen haben sich in der Ecke zusammengedrückt. Daneben zwei offenbar polnische Juden. Älter schon. Alle anderen scheinen gleichfalls Juden zu sein, die Nationalitäten sind nicht erkennbar, da kaum jemand spricht. Nur schweigsames Hocken.
Ab und zu springt einer auf, um die steif gewordenen Glieder zu erwärmen. Vollkommen sinnlos und noch dazu eine Energieverschwendung. Ansonsten Apathie, Schweigen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, kriecht in sich hinein, blickt nach innen. Was sollte man sich auch unterhalten? Vielleicht wie es geht, wie der gestrige Abend war, ob man gut gespeist hat? Oder sollte man sich von der Familie erzählen, Bilder zeigen, Lob über das Aussehen der einen oder anderen Frau hören, über die artigen Kinder? Alles Unsinn und Zeitverschwendung. Niemand hat Interesse füreinander. Jeder hockt vor sich hin, die Gedanken beim Essen, Trinken, Überleben. Sind wir noch Menschen?
Elf Tage geht das schon so. Wir sind auf Transport. Wohin weiß niemand. Woher interessiert niemanden. Nur das Rattern der Räder, Rangiererei auf unbekannten Bahnhöfen, das letzte Essen – klebriges Brot und eine undefinierbare Suppe – schon zwei Tage zurück. Fahrt scheinbar ohne Ziel.
Aber das ist unwahrscheinlich. Die Deutschen fahren nie ohne Ziel. Und noch dazu Häftlingstransporte. Und zu dieser Zeit. Wir schreiben Dezember 1944, und was man so gehört hat, ist für die Übersieger alles andere als ermutigend.
Unsere Lumpen wärmen nicht. Als sie mich einfingen, war ich gerade zum Einkaufen angezogen. Das Geld und den Beutel habe ich noch bei mir. Ehe ich in unserer Vorortstraße zum Lebensmittelhändler gelangte, war ich mitten in einer Razzia. Meine Festnahme erfolgte geradezu spielerisch: Die Polizisten bildeten einen Ring um die Passanten und kontrollierten die Ausweispapiere. Wer sich ausweisen konnte, durfte den Ring verlassen. Zweifelsfälle wurden ohne Diskussion in einen zweiten Ring weitergeschleust und erneut kontrolliert. Am Ende mündete diese Acht aus Polizisten im Laderaum eines Lastwagens, auf dem alle unbefriedigt verlaufenden Fälle landeten.
All das ging blitzschnell, nur begleitet von den bekannten deutschen Kommandos „los, los“ und „schnell, schnell“.
Von meiner Großmutter hatte ich mich nur kurz verabschiedet. Wer nimmt schon zum Einholen Ausweispapiere mit? Was sie wohl denken wird? Als ich den von SS geleiteten Polizisten meine Lage erklären wollte, sagte, dass ich Student sei, erntete ich lediglich einen Tritt in den Hintern. Und hatte dabei noch Glück. Auf dem Weg zum Bahnhof verhielt ich mich still und gehorsam. Alles andere wäre sinnlos gewesen.
„So lange man noch lebt, so lange ist noch Hoffnung“ war ein Spruch meiner Großmutter. Und noch lebe ich. Ich gedenke, diesen Zustand unter allen Umständen aufrecht zu erhalten – egal, was da kommt.
Vorläufig kommt nichts. Wir halten schon wieder. Aus der Russenecke kommt die Nachricht, dass wir auf einem deutschen Bahnhof sind. Natürlich könnte es auch ein österreichischer sein. Wir sind also nach Westen gefahren, ins Reich. Was wir ausgerechnet dort sollen, weiß kein Mensch. Vielleicht brauchen sie eine neue Regierung oder neue Männer, wo doch die deutschen zur Zeit kein Familienleben haben? Nutzlose Gedanken, es geht weiter.
Von meiner Großmutter habe ich die Innenbeschau gelernt. Ich kann mich zurückziehen in eine andere Welt, in mich selbst. Und ich habe gelernt, Leute zu beobachten. Ich bin neugierig auf Leute, sehe sie an, komme gern ins Gespräch und frage sie aus. Ich denke, ich habe das Zeug zum Menschenforscher – wenn es so etwas überhaupt gibt.
Ausfragen wird hier nichts. Schon wegen der Sprache. Nur beobachten und denken. Und so sitze ich inmitten des Gestanks der Anderen, sage nichts, frage nichts. Ewig können wir ja nicht mehr fahren.
Der zwölfte Tag. Der Zug hält, irgendwo werden Türen aufgerissen, wird geschrien. Ich höre das mir schon bekannte „los, los!“ und „schnell, schnell!“ Ein bisschen Deutsch habe ich schon gelernt. Auch unsere Tür wird aufgerissen, ein Schwall kalter Luft lässt mich noch mehr frieren, wir steigen aus.
„Wir steigen aus“ ist nicht der richtige Ausdruck: Wir werden aus dem Wagon gestoßen, fallen und stolpern auf die Rampe. Um uns her Hektik, Schreien, Stoßen. Einige bleiben im Wagon, können nicht aufstehen oder leben nicht mehr. Ich komme nicht zum Umhersehen, lande in einer sich formierenden Kolonne. Wieder in der Mitte. Die scharfe Luft macht mich zittern. Den Kopf zwischen den Schultern, stehen wir und warten auf das Kommende. Ist es Morgen, ist es Abend? Ich weiß es nicht.
Der Bahnhof ist klein. Im trüben, winterscharfen Dunst sind Häuser zu erkennen, hinter den Gleisen, entfernt, Wälder. Die Häuser haben dunkle Fassaden, sehen feindlich und finster aus. Die Kolonnen haben sich formiert, unsere Fünferreihen werden gezählt, die SS-Posten ziehen sich um die Kolonne, wir marschieren los. Eigentlich bedeutet Marschieren etwas Forsches, Junges, Elitäres. Das trifft auf uns nicht zu. Wir stolpern, schlurfen in unserer Müdigkeit und unserem unsagbaren Hungergefühl. Und frieren. Kaum einer mit ausreichender Winterbekleidung. Marschierer aus ganz Europa, zusammen in einer Kolonne in einer unbekannten Welt.
Es geht um den Ort herum, wir überqueren Bahngleise, eine Straße, tauchen in einen Wald ein. Nach kurzem Weg ein hoher Stacheldrahtzaun, ein sich öffnendes Lagertor, ein Platz. Um den Platz Baracken, etwas entfernt Zelte und Bunker. Und Musik! Man empfängt uns tatsächlich mit Musik! Auf einem Podium sitzen Figuren in ordentlicher Häftlingskleidung und spielen. Später werde ich erfahren, dass solche Widersinnigkeiten zum Konzept gehören und den Eindruck von gehobenem Alltag erwecken sollen. Heute aber spielt man zu unserer Begrüßung. Wir sind also willkommen. Nur wofür, kann ich bis jetzt nicht feststellen.
Erneutes Antreten, erneutes Zählen. Das scheint hier eine Manie zu sein. Die Deutschen sind Zahlenmenschen. Und sie haben Disziplin! Zivilisten melden das Zählergebnis einem SS-Offizier, der vergleicht, hakt auf einer Liste kolonnenweise ab. Im anbrechenden Morgen sehe ich, dass wir hunderte sind.
Das Stehen fällt immer schwerer, Einzelne kippen um, werden aus der Kolonne herausgezogen. Dann das Kommando zur Essenausgabe. Wir stellen uns vor einer Küchenbaracke an und erhalten in Blechnäpfen Kaffee, zwei Scheiben Brot, darauf je einen Klacks Margarine und Marmelade. Jeder isst da, wo er gerade geht und steht. Die meisten setzen sich trotz der Kälte auf die Erde, lehnen sich an die Barackenwände an, schlingen, genießen. Das erste Essen seit Tagen. Nach dem Essen werden wir zur Latrine geführt, dann wieder Antreten auf dem Platz. Es ist hell geworden. Ich sehe mich in meiner Kolonne um. Neben und vor mir die Russen aus dem Wagon. Alte Reisebekannte.
Kommandos, ein Ruck geht trotz der Müdigkeit durch die Formation, es geht los. Anfänglich marschieren wir am Ortsrand entlang, dann auf einer Landstraße. Links und rechts der Straße Hügelland, das die weitere Aussicht versperrt. Nach einigen Kilometern Kiefernwald links und rechts der Straße felsige Hänge, steil nach beiden Seiten ansteigend.
Auf der Straße herrscht reger Verkehr, Baufahrzeuge überholen und kommen uns entgegen. Die Füße werden immer schwerer, aber die uns bewachenden SS-Leute dulden keine Verzögerung. Es geht immer weiter.
Wir verlassen die Straße, biegen in einen Waldweg ein, ein kleines Tal tut sich auf. Auf seiner Höhe ein Barackenlager, eingezäunt und bewacht. Wir marschieren durch das sich öffnende Tor, werden gezählt. Karrees werden eingeteilt, eine Gruppenbildung ist schon erkennbar. Die Lagerordnung wird verlesen, nach jedem Absatz übersetzen bereitstehende Dolmetscher polnisch, ungarisch, italienisch, griechisch und russisch. Die Juden sehe ich nicht. Einweisung: Grüßen der SS mit angelegten Händen und gezogener Kopfbedeckung. Vorgesetzte: Blockältester, Stubenältester, Kapo, Lagerältester. Strafregister. Arbeit in drei Schichten, Wecken um drei Uhr für die Tagschicht morgens, morgendlicher Zählappell, Frühstück, nach fünfzehn Minuten Abmarsch zur Baustelle, Arbeit bis halb fünf, Rückmarsch, Zählappell, Abendessen, Nachtruhe um zweiundzwanzig Uhr. Nur zur Arbeit und nur mit besonderer Genehmigung durch Meister und Wachhabenden darf das Lager verlassen werden. Schon das Sichnähern an den Lagerzaun wird als Fluchtabsicht gewertet und bestraft. Die uns bewachende SS darf nicht angesprochen werden. Auf Flucht steht die Todesstrafe. Auch der Arbeitsbereich darf nicht ohne Genehmigung verlassen werden, Fluchtstangen markieren ihn. Abmelden zur Notdurft oder bei besonderen Problemen beim Meister. Vergünstigungen: Wertmarken für gute Arbeit, Angehörige dürfen Pakete schicken, jeder Häftling darf einmal im Monat einen Brief von fünfzehn Zeilen („mir geht es gut, ich bin gesund“) und eine Postkarte an seine Lieben daheim schreiben, von der gleichen Adresse kann man zweimal im Monat Post empfangen. Bettelbriefe verboten.
Es folgt die nicht endenwollende Erfassung der Personalien. An einzelnen Tischen einer leergeräumten Baracke sitzen Häftlinge und SS-Chargen, füllen unsere Fragebogen aus. Erst jetzt sind wir endgültig in Deutschland angekommen.
Unser Blockältester ist ein reichsdeutscher Polizeihäftling. Aber das erfahre ich erst später, nachdem ich meine Studien aufnehmen konnte. Vorläufig lernen wir erst ihn und unseren deutschen Meister, Herrn Bock, kennen. „Herr Bock“ oder „Meister“ ist seine Ansprache. Er wird unserem zwanzig Mann starken Arbeitskommando vorstehen, ist der Chef. Beim Verlesen unserer Namen erkenne ich, dass das Kommando aus Ungarn, Russen, Polen und zwei Reichsdeutschen besteht. Ich bin, wie die neunzehn anderen auch, ab sofort in der Zimmerei beschäftigt. Ob gut oder schlecht, warum und wieso weiß ich nicht, erst einmal abwarten. Der biblische Josef war auch Zimmermann.
Die SS-Wachen umgeben uns schweigend, bilden ab jetzt unsere ständige Begleitung, lassen uns nicht aus den Augen. Eine trübe Sonne steht schon hoch am Himmel, und wir stehen immer noch. Die lange Fahrt, das Marschieren, das Stehen haben uns apathisch gemacht. Kaum, das wir noch den Sinn des Gehörten verstehen. Wir sind eine kraftlose, total ermüdete Menschenmasse, kurz vor dem Zusammenbruch.
Ein Pfeifsignal, wir empfangen barackenweise je einen Aluminiumnapf mit zwei Henkeln und einen Löffel und werden danach zum Desinfizieren eingeteilt. Gruppenweise ziehen wir uns nackt aus, werden mit einer stinkenden Brühe abgesprüht, die Haare werden geschnitten, danach bekommen wir unsere zwar warmen, aber nassen Sachen wieder und dürfen endlich in die zugeteilten Baracken. Wir werden gruppenweise auf vierstöckigen Pritschen mit dünner Strohauflage verteilt, jeder erhält einen Tischplatz und sein Schrankfach zugewiesen, je zwei Mann bekommen eine Decke. Nach kurzen Rangeleien sind nur noch Schlafgeräusche zu hören, wir sind erschöpft und apathisch. Der Schlaf ist so tief, dass wir die Winterkälte und die Enge vergessen.
Es ist schon dunkel, als man uns erneut weckt. Essenausgabe. Eine Gruppe Häftlinge bringt Kübel mit einer dünnen Suppe und Brot.
Die Zeit bis zur Nachtruhe dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Es wird in Zukunft stufenweise erfolgen: von Pritsche zu Pritsche, Gang zu Gang, innerhalb der Baracke, zwischen den Baracken. Meine drei Bettennachbarn sind Grieche, Russe und Italiener. Sie tragen Häftlingskleidung. Alle drei kommen aus Konzentrationslagern und sind erstaunt, dass ich direkt von einer Razzia hierher komme. Ich werde als Jüngster gleich unter die Fittiche genommen. Ich sehe überwiegend Häftlingskleidung in der Baracke, daneben Uniformreste an Kriegsgefangenen und Zivilkleidung, zu deren Trägern auch ich gehöre. Es herrscht ein babylonisches Sprachengewirr, Landsleute finden sich. Immer wieder werden mir unbekannte Namen wie Buchenwald, Sachsenhausen, Stutthof, Plaszow, Dachau, Auschwitz, genannt. Zum großen Teil handelt es sich um schon mehrjährige Lagerhäftlinge. Ich muss meine Neugier zügeln, denn sie sind nicht gerade mitteilsam. Bei den „Zivilisten“ in der Baracke handelt es sich entweder um Polizeihäftlinge oder um Kriegsgefangene, zum großen Teil Russen. Einzelne Häftlinge tragen ihre Herkunft offen zur Schau: ein großes OST, weiß auf blauem Grund, aufgenäht auf der linken Brustseite, verrät den Ostarbeiter, ein knallgelbes P in einem purpurvioletten, auf der Spitze stehenden Karo den Polen, das auf den Rücken gemalte KG steht für den Kriegsgefangenen. Der Rest der Nationen muss ohne Kennzeichnung erraten werden.
Zunächst versuchen sich die Nationalitäten zu finden und kapseln sich voneinander ab. Mit der Zeit werde ich erfahren, dass Nationalismus und Arroganz auch vor Menschen in Lagern nicht halt machen. Ganz oben in der Häftlingshierarchie rangieren die Deutschen. Das ist einzusehen, da man ja auch als deutscher Häftling irgendwo einen Anteil am bevorstehenden Endsieg hat. Für die Deutschen sind die Franzosen Hallodries, Faulenzer, Hurer, Schwätzer, Drückeberger und anderes mehr. Ihre Art, selbst dem Lagerleben Humor und Witz abzupressen, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, stößt die ernsten Deutschen ab. Sie haben schließlich ihren Pflichten nachzukommen.
