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Das Schreckgespenst Inflation ist zurück. Nach fast zwei Jahrzehnten stabiler Preise hat sich der Trend gedreht: Gespeist von einer beispiellosen Liquiditätsflutung der Notenbanken und einem Post-Corona-Boom, steigen die Preise rasant. Was bedeutet das für Verbraucher, Anleger, Angestellte und Rentner? Stehen wir vor inflationären Zeiten? Ist gar unser Geld in Gefahr? Wie kann man sich vor den negativen Folgen der Geldentwertung schützen? Dieses Buch beantwortet die wichtigsten Fragen zu einem Thema, das alle betrifft.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover & Impressum
Einleitung
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Literatur
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Buches, im Frühjahr 2022, vergeht kaum noch ein Tag, an dem die Inflation kein Thema für Push-Nachrichten, Newsletter, Investmentwebseiten, Fernsehnachrichten, Twitterer, Youtuber und Influencer ist. Der Bläserchor der Panikmacher wird durch immer neue Schreckensnachrichten aus dem In- und Ausland inspiriert: »Inflation in Deutschland jetzt über 5 Prozent«, »Geldentwertung in Europa erreicht 4 Prozent«, »Inflationsrate in den USA springt auf 7 Prozent«. Und nicht nur das: Da die Notenbanken verschiedenste Preisindizes für Verbraucher, Erzeuger, Einzelhandel, Großhandel, Einfuhrpreise, Ausfuhrpreise etc. berechnen, findet sich täglich ein Preisindex, der gerade wieder gestiegen ist. Und schließlich legen auch noch die Zentralbanken selbst neue Notenblätter auf die Pulte des zum Tusch aufspielenden Panikorchesters, indem sie eigene Prognosen ihrer Werte veröffentlichen, nach denen die Inflationsrate im vergangenen Monat voraussichtlich über 5 Prozent lag.
Weiter befeuert wurden die Inflationssorgen durch den Angriff des russischen Präsidenten Putin auf die Ukraine: Die Energiepreise gingen durch die Decke, die Notierungen für Rohstoffe und Lebensmittel wie Weizen erreichten neue Höchststände. Die Benzinpreise in Deutschland überschritten erstmals die 2-Euro-Marke.
Buchautoren haben den Vorteil, dass sie sich der Aufgeregtheit der modernen Zwitscher-Gesellschaft entziehen können und müssen. Beim Blick ins Archiv lautet die erste Feststellung, dass die relevante ökonomische Forschung im Anschluss an die 1970er-Jahre stattfand, einer Dekade von Inflation und Stagflation. Die historische Perspektive lehrt, die aktuellen Risiken einzuschätzen. Sie lehrt auch Gelassenheit, selbst wenn es unschön ist, zu realisieren, dass der Wert der eigenen Lebensversicherung in den letzten zwölf Monaten um 5 Prozent geschmolzen und der Policeninhaber dem hilflos ausgeliefert ist.
Für dieses Buch wurden 33 Fragen zum Thema Inflation gesammelt – und entsprechende Antworten gegeben. Sie helfen, das Phänomen Geldentwertung zu verstehen, bieten handfeste Informationen, erzählen auch mal lustige Anekdoten, bleiben aber immer auf dem Boden der Tatsachen. Inflation macht Angst, gerade in Deutschland, aber es gibt keinen Grund, davor Angst zu haben. Eine eigene Frage befasst sich damit, wie sich Anleger gegen die Folgen der Geldentwertung absichern können.
Wer dies befolgt, der muss keine Angst vor dem haben, was die Propheten des wirtschaftlichen Weltuntergangs als Menetekel an die Wand malen: eine neue Währungsreform. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Gelassenheit des Finanzmarkts, der bei solchen Schuldenschnitten gerne von einem »Haircut« spricht, einem Haarschnitt. Das hat etwas Verharmlosendes, aber auch erfrischend Normales. Hey, es ist nur Geld, und es wächst wieder nach. Jedenfalls wenn der Anleger sein Geld richtig verteilt hat.
Der große Preis: Wird wirklich immer alles teurer?
Der Seufzer ist bekannt: »Alles wird immer teurer!« Zum Beispiel die Brötchen, die Butter, der Joghurt, die Eiskugel, das Benzin – alles war früher billiger, so scheint es. Je älter der Leidtragende der Teuerung ist, desto größer fallen die genannten Unterschiede aus. Eiskugel und Brötchen kosteten früher 10 Pfennig, eine Tankfüllung war für 50 D-Mark zu haben. Du meine Güte, und heute ist das nicht einmal eins zu eins in Euro zu rechnen! Dabei war 1 Euro mal 2 DM. So gerechnet, kosten die Kugel Eis dann schon 3 und das Brötchen 1 DM!
Stimmt das? Ja, zumindest als Gefühl. Das Phänomen heißt Verlustaversion. Menschen gewichten Verluste tendenziell höher als Gewinne. Die Verlustaversion ist ein Bestandteil der Prospect Theory, der Neuen Erwartungstheorie, die 1979 von dem israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman (geb. 1934) und seinem israelischen Kollegen Amos Tversky (1937–1996) aufgestellt wurde. Dafür erhielten die beiden Forscher (Tversky posthum) 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Der deutsch-schweizerische Statistiker Hans Wolfgang Brachinger (1951–2011) von der Schweizer Universität Freiburg wendete das Konzept von Kahnemann und Tversky auf die Inflationswahrnehmung an: Er ging davon aus, dass der Verbraucher einen gebotenen Preis zunächst als Gewinn oder Verlust einordnet. Ein Menü für 45 Euro kostet also psychologisch gesehen nicht einfach objektiv 45 Euro, sondern der Preis wird gewertet und als relativ preiswert oder teuer wahrgenommen, abhängig vom Bezugspunkt, so das Beispiel von Brachinger. Wer einen Menüpreis von 60 Euro erwartet hat, empfindet den Preis von 45 Euro als Gewinn. Wer dagegen 30 Euro erwartet hat, nimmt subjektiv einen beträchtlichen Verlust wahr.
Konsumenten bewerten Preisänderungen asymmetrisch. Brachinger nahm mit Kahnemann und Tversky an, dass Verbraucher auf Preiserhöhungen (Verlust) empfindlicher reagieren als auf Preissenkungen (Gewinn). Die Faustregel lautet: Verluste werden rund doppelt so stark gespürt wie Gewinne.
Gleichzeitig schätzt der Verbraucher die Inflation umso höher ein, je öfter er Preiserhöhungen erfahren hat. Die Butter, die er zuletzt noch für 1,49 Euro kaufen konnte, kostet nun also schon über 2 Euro, empört er sich. Und das Nudelpaket ist nicht mehr für 39, sondern nur noch für 55 Cent zu haben.
Preissenkungen bei selten gekauften Gütern haben dagegen laut Brachinger kaum Einfluss auf die Inflationswahrnehmung. Dass der neue Fernseher einen größeren und schärferen Bildschirm hat und obendrein 100 Euro billiger ist, nimmt der Käufer als eine Art Selbstverständlichkeit bestenfalls zur Kenntnis. Interessant ist auch: Bei Gütern ohne expliziten Kaufvorgang, etwa bei monatlichen Abbuchungen vom Konto, haben Preiserhöhungen wenig Wirkung auf die Inflationswahrnehmung. Die Widerstandslosigkeit des nicht empfundenen Zahlens freut natürlich viele, vom Stromlieferanten bis zum Versicherer, der alljährlich geräuschlos die Prämie erhöhen kann.
Und: Erhöhungen bei kleinen Preisen fallen eher auf als bei großen. Wenn die Gebühr für das Opernparkhaus nun 50 Cent mehr kostet, ist das für den Verbraucher gewichtiger, als wenn die Opernkarte 10 Euro teurer geworden ist.
Das Gefühl, dass alles immer teurer wird, hat seine wissenschaftliche Bestätigung erfahren – und so stimmt der Seufzer auch in der anderen Richtung: »Früher war alles billiger!«
Was ist Inflation?
Inflation ist, wenn alles immer teurer wird. Doch halt, so einfach machen es sich die Volkswirte natürlich nicht. Sie definieren Inflation als dauerhaften Anstieg des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus. Gemeint ist die Zusammenfassung aller Preise in einer Volkswirtschaft.
Es reicht also nicht, wenn die Butter teurer geworden ist. Selbst wenn ganze Produktgruppen wie Milch, Gemüse und Obst teurer werden, werden vielleicht andere Produkte wie Fernseher, Handys oder Dienstleistungen billiger. Dann bleibt das allgemeine Preisniveau in der Volkswirtschaft per Saldo gleich.
Wichtig ist außerdem: Eine Inflation ist eine dauerhafte Geldentwertung. Wenn das Preisniveau also nur kurzfristig steigt, handelt es sich um einen Preissprung, aber noch nicht um eine Inflation.
Auch die sogenannte Vermögenspreisinflation ist keine echte Inflation: Dabei handelt es sich um einen allgemeinen Anstieg der Preise bei finanziellen Vermögenswerten wie Aktien, Immobilien oder Gold; die Preise von Gütern oder Dienstleistungen bleiben aber konstant. Vermutlich zählt das deshalb nicht als Inflation, da allgemein davon ausgegangen wird, dass sich diese aufgeblasenen Preise beim nächsten Crash wieder normalisieren.
Wie so häufig, stammt auch das Wort Inflation aus dem Lateinischen: Das Verb flare bedeutet »blasen«, das Substantiv inflatio wiederum »Aufblähen«. Geradezu inflationär sind die Unterarten der Inflation: Es gibt zunächst einmal auch das Gegenteil einer Inflation, das ist die Deflation, ein Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Der Weg dorthin wird als Disinflation bezeichnet, ein spürbarer Rückgang der Inflationsrate. Das ist aber keineswegs gut, wie wir noch lernen werden, daher versuchen die Notenbanken eine Reflation, also eine Anhebung des allgemeinen Preisniveaus. Dies ist jedoch ein Spiel mit dem Feuer: Wer zu viel Geld in Umlauf bringt, bereitet damit oft den Boden für eine später deutlich zu hoch ausfallende Inflation.
Die normale Inflation ist schleichend. In der Summe nimmt die Kaufkraft einer Währung kontinuierlich ab. Sobald sich die Geldentwertung beschleunigt, verwendet man zu ihrer Beschreibung die Pferdesportsprache: Sie wechselt zunächst in eine trabende Inflation. Wenn sie dann nicht mehr aufgehalten werden kann, beschleunigt sie sich zu einer galoppierenden Inflation, auch Hyperinflation genannt. Je nach Inflationssensibilität ist dies ab einer monatlichen (!) Inflationsrate von mehr als 50 Prozent der Fall, legte 1956 der amerikanische Ökonom Phillip D. Cagan (1927–2012) fest. Dies entspricht einer jährlichen Rate von umgerechnet rund 13 000 Prozent. Dann ist die Inflationsspirale außer Kontrolle geraten. Und das geschieht gar nicht selten: Allein im 20. Jahrhundert machte der amerikanische Ökonom Steve Hanke von der Johns Hopkins University 56 Episoden von Hyperinflation aus – von Argentinien bis Jugoslawien, von Belarus bis Venezuela.
Wie wird Inflation offiziell gemessen?
In den 1970er-Jahren, als die Inflationsraten immer neue Gipfel erklommen, hatte der damalige US-Notenbankpräsident Arthur F. Burns (1904–1987) eine besonders originelle Idee zur Inflationsbekämpfung. Er ließ Produkte mit extrem hohen Preissteigerungen einfach aus dem offiziellen Index nehmen. Mit dieser Maßnahme wurde gleich nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 begonnen, als sich die Ölpreise in den USA nach dem Embargo des Ölkartells OPEC, der Organisation erdölexportierender Länder, vervierfachten. Dies habe ja nichts mehr mit der Geldpolitik zu tun, argumentierte Burns, also sollten Öl und energiebezogene Produkte (wie etwa Heizöl und Strom) aus dem Verbraucherpreisindex gestrichen werden. Und schon fielen mehr als 11 Prozent daraus unter den Tisch.
Nur wenig später kletterten auf einmal die Lebensmittelpreise steil nach oben, was Burns auf ungewöhnliche Wetterbedingungen rund um das Meeresströmungsphänomen El Niño zurückführte. Wieder, so der Notenbankpräsident, sei die Geldpolitik nicht verantwortlich für steigende Preise bei Düngemitteln und Viehfutter, die ihrerseits die Preise für Fleisch und Geflügel befeuerten. Schon fielen die Lebensmittel mit einem Anteil von 25 Prozent aus dem Index. Und als die Preise für Damenschmuck so sehr anzogen, dass sie inflationsrelevant wurden, sprach Burns von einer »Goldmanie«. Auch die Preise für Mobilheime und Gebrauchtwagen wurden eliminiert, gefolgt von denen für Kinderspielzeug. Was immer zu teuer wurde, flog aus dem Index.
Die Methode Burns hatte einen einfachen Grund: Die Inflationsrate ist für Notenbanken der Erfolgsausweis. Grob gesagt gilt: Je niedriger sie ist, desto erfolgreicher war die Arbeit der Notenbanker. Bei zu hoher Inflationsrate müssen sie sich hingegen kritischen Fragen stellen.
Wie aber sieht das Fieberthermometer aus, mit dem die Notenbanken die Preistemperatur der Wirtschaft messen? Vorweg sei gesagt: Die »richtige« Inflationsrate gibt es nicht. Das fängt schon mit der Frage an, welche Preise als Grundlage für die wirtschaftspolitische Messzahl genommen werden. Erzeugerpreise, also die Preise, welche die Erzeuger für ihre Produkte verlangen, oder Verbraucherpreise? Oder die Großhandelsverkaufspreise, die Preise der von den Großhändlern an Wiederverkäufer, Verarbeiter oder andere Großabnehmer im Inland verkauften Waren.
