Ingenium - Adaja Kingsley - E-Book

Ingenium E-Book

Adaja Kingsley

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Beschreibung

Planet Sangora – 3000 sangoranische Jahre nach Besiedlung durch die Völkerwanderung der Erdlinge im Zuge des Krieges gegen die synthetischen Säuberungseinheiten Al-Sahi lebt auf dem abgeschotteten Planeten Sangora unter restriktiver Herrschaft nach den alten Traditionen ihres Volkes. Um dennoch in den Weltraum reisen zu können, tritt sie unter falscher Identität in die kaiserliche Garde ein. Ausgerechnet Divad Cutter, ein verrufener Pilot, verleitet sie zum Besuch eines mystischen Ortes der Fylgia, eines alten Kults, der einst verboten wurde. Zusätzlich spielt er ihr Informationen zu, die ihr die Schreckensherrschaft des Kaisers und die Unterdrückung ihres Volkes vor Augen führen. Als sie durch den Besuch der Kultstätte die Fähigkeiten der einst mächtigen Fylgia zu entwickeln scheint, steht sie vor der Wahl: Vertraut sie sich dem verschlagenen Divad Cutter an, dessen geheimnisvolles Wissen sie ebenso zu verführen droht wie sein Charme, oder offenbart sie sich ihrem Vorgesetzten Al-Ganda, einem Sangoraner, der den strengen Traditionen folgt? Beides könnte für sie vor dem Kriegsgericht enden, denn sie ahnt, nicht nur sie hat ein gefährliches Geheimnis …

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Adaja Kingsley

 

Ingenium

Hüter der Fylgia

 

 

Sci Fantasy

Inhalt

1 Der erste Kontakt

2 Zufälle gibt es nicht

3 Rache

4 Eine neue Welt

5 Solidarität

6 Entglitten

7 Erwachen

8 Erkenntnisse

9 Eine Frage der Loyalität

10 Wendepunkt

11 Böses für Gutes

12 Fenag

12 Toter Fisch

14 Leiten, nicht lenken

15 Teamwork

Impressum

 

 

 

 

Das Buch

Fern ab vom Puls des Lebens fristet Al-Sahi ihr Dasein auf ihrem Heimatplaneten Sangora. Als angehende DiAl – dem Verbindungsglied zwischen dem kaiserlichen Hof und dem Volk – ist ihre Karriere vorherbestimmt. Um sich zuvor ihren Traum zu erfüllen, den Weltraum zu bereisen, heuert sie unter falschem Namen bei der kaiserlichen Garde an. Kaiser Toron ist, wie alle anderen Herrscher zuvor, ein Fremder, der das sangoranische Volk jedoch vor Angriffen der äußeren Welt schützt, denn der Planet birgt etwas, das ihn seit Jahrtausenden zum Ziel aller machthungrigen Gestalten werden lässt: Galvacit.

In der Garde trifft Al-Sahi auf den Frauenhelden Divad Cutter, der ihr völlig zuwider ist. Doch ausgerechnet er ist es, der sie mit auf eine Reise nimmt, in der Al-Sahi an einen mystischen Ort der Fylgia gerät, einem alten Kult, der einst verboten wurde und nun unter dem Gardvord im weit entfernten Relationsbündnis seine Renaissance erlebt. Zunächst glaubt sie, unter dem Einfluss einer fremdartigen Droge der Fylgia zu stehen, die Divad aus dem alten Tempel entwendet, doch dann entdeckt sie auf verstörende Weise ihr Ingenium, wie es die Fylgia besitzen. Al-Sahi muss unbedingt mit dem Gardvord sprechen, doch zuvor soll sie Divad Cutter bei einem geheimen Auftrag beistehen, wobei sie zwischen die Fronten des sangoranischen Widerstands und der Erfüllung ihrer Pflicht gerät. Sie muss sich entscheiden, ob sie an den alten Werten und Traditionen ihrer Sippe festhält oder sich auf die Seite der Dissidenten stellt.

 

Die Autorin

Ingenium ist der erste Teil der »Hüter der Fylgia«-Serie, die eine Geschichte in einer fernen Zukunft erzählt und dabei dennoch Bezug nimmt auf die nordische Mythologie. Gut und Böse spielen miteinander um die Herrschaft, vermischen sich, verwischen die Grenzen der Moral.

Alva Furisto schreibt seit vielen Jahren an dieser Geschichte und ihren vielen einzelnen Nebenschauplätzen und Handlungssträngen. Misstrauen gegen Fremde, Hass und Liebe, ebenso wie Ehrgefühl und Moral, das ist die Welt der Fylgia.

Wer Alva kennenlernt, bemerkt schnell, woher die Eigenarten der Figuren in ihrem Herzensprojekt stammen. Lebhaft, voller Tatendrang und Neugierde, aber auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit, wo es angebracht ist, bewältigt sie den Spagat zwischen Fantasy, Zukunftsvisionen und Wirklichkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur wer das Licht der Sterne sah,

spürt ihre Finsternis.

 

Al-Sahi

 

 1 Der erste Kontakt

 

 

Planet Sangora

(3000 sangoranische Jahre nach Besiedlung durch die Völkerwanderung der Erdlinge im Zuge des Krieges gegen die synthetischen Säuberungseinheiten, 2500 Jahre nach dem Verbot der Nutzung von künstlicher Intelligenz in Alltag und Raumfahrt)

 

Region Outdack – außerhalb des Relationsbündnisses – unweit der Krümmung des Raums ins Unbekannte, genannt: die große Barriere

 

Es wird einst gewesen sein …

 

Die sangoranische Kälte umfuhr Al-Sahi, als befinde sie sich in der Fremde. Womöglich wurde dieses Gefühl durch die Gardeuniform verursacht, auf der zu allem Übel auch noch ein fremder Name prangte: Da-Sab.

Sehnsuchtsvoll blickte sie in die Gesichter der anderen Anwärter. Die meisten waren ihr fremd, da sie enge Kontakte vermied. Mit ihrer echten Identität wäre sie nicht nur ein gefundenes Fressen für ihre Kameraden und die Politik im Fürstentum Beley, sondern die Wahrheit würde sie den Kopf kosten.

Al-Sahi ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie vernahm das leise Knirschen ihrer Lederhandschuhe trotz des Regens, der auch auf den Stoff ihrer Schirmmütze prasselte. Genervt lauschte sie der Stimme des Generals Da-Karip, der die Anwärter zwecks ihrer Ehrung zum Abschluss der Grundausbildung seit einer gefühlten Ewigkeit mit seiner Ansprache quälte. Er war ein gertenschlanker Mann, gepflegt, trainiert und die rechte Hand des Oberbefehlshabers der kaiserlichen Garde. Generalfeldmarschall Ka-Aastard stand reglos neben dem General, seine Miene, streng und kalt, unterstrichen wurde sein Auftreten von seinem hageren Aussehen, den wässrig blauen Augen und dem weiß schimmernden Vollbart.

Erbarmungslos.

Al-Sahi schüttelte den Gedanken ab. So sollte sie nicht über Ka-Aastard denken. Er war ein wichtiger Mann. Über ihm stand nur Kaiser Toron und ihm diente sie nun.

Für Al-Sahi begann die Reise jedoch erst. Sie hob leicht den Blick und starrte auf die finsteren Wolken. Dahinter lag ihr Ziel: Sie wollte den Weltraum sehen, wissen, wie es sich anfühlte, ihren Heimatplaneten zu verlassen. An manchen Tagen schien Sangoras Kraft sie festzuhalten, gar zu umklammern und an sich zu drücken. Als junges Mädchen allein in der Wüste oder in den Bergen, hatte sie manchmal das Gefühl ergriffen, sie höre ihre Heimat atmen und flüstern, wie sehr sie verbunden waren. Ein wilder Ritt, der Flug in einem Gleiter oder ein Sprung aus atemberaubender Höhe, waren ihr schnell nicht mehr genug gewesen, um diese Eindrücke abzuschütteln. Sie wollte ungebunden sein. Etwas trieb sie hinaus in die Welt. Al-Sahi wollte die Sterne sehen und prüfen, ob sie sich dort draußen frei fühlen konnte.

Ihr entwich ein leiser Seufzer, als sie an ihre Herkunft dachte. Sie entstammte nicht nur der sangoranischen Sippe der Al, sondern war eine Anwärterin auf den Titel des DiAl. Die Aufgabe des DiAl war es, das Bindeglied zwischen der sangoranischen Bevölkerung und dem herrschenden Regenten des Palastes zu sein. Der Volksmund bezeichnete sie als sangoranische Prinzessin. Ihr Platz war hier und nicht in den Sternen. Doch wenigstens einmal wollte sie hinaus, bevor sie in ihren Käfig aus Pflichten würde zurückkehren müssen.

Neben der Tribüne kam Bewegung in ein paar der Gardisten. Durch den Regen hindurch versuchte sie, zu erkennen, was vor sich ging. Zwischen einem Dutzend an Reihen von Personen vor ihr blitzte der Blick eines jungen Mannes in Pilotenuniform. Auf dem dunklen Leder schimmerten die zahlreichen Abzeichen sogar im Regen noch golden. Als suche er jemanden, sah er durch die Gassen. Die jungen Frauen tuschelten, der kleine Gardist neben ihr ließ ein leises Zischen vernehmen.

Sie sah den Mann auf die Tribüne treten, von dort aus musterte er die Gardisten weiter. Der Fähnrich in der schwarzen Pilotenuniform war zweifelsfrei kein Sangoraner. Seine große Statur und die dunklen Augen passten zu keiner der sangoranischen Bevölkerungsriegen.

»Das ist Cutter. Er stammt von Reziew«, wisperte eine Gardistin hinter Al-Sahi und bestätigte ihre Vermutung.

Al-Sahi betrachtete den Fähnrich, dessen Ruf als Schürzenjäger bereits bis ins Ausbildungscamp vorgedrungen war.

Sein Anblick erinnerte sie daran, dass es dort draußen so viel zu entdecken gab. Doch diesen Planeten konnte ein Sangoraner derzeit nur auf einem Weg verlassen: als Pilot der kaiserlichen Garde. Das Galvacit auf Sangora war zu seinem Fluch geworden, lange bevor Al-Sahi geboren worden war. Selbst ernannte Tyrannen, Kaiser, Herrscher aus allen Ecken der Galaxien trieb es hierher. Gigantisch war das Vorkommen des Erzes, das der Schlüssel zu allem war, was zählte: Energie. Die Garde des derzeitigen Kaisers Toron kontrollierte den Handel und schirmte sie vor Bedrohungen ab. Al-Sahi war nun ein Teil davon. In ihren Augen war Kaiser Toron gerecht und dem sangoranischen Volk wohlgesonnen. Nicht nur ihre persönlichen Ziele hatten sie in seinen Dienst getrieben, auch ihre Überzeugung. Seine Herrschaft war ein kleineres Übel, als den Gestalten aus fremden Welten ausgeliefert zu sein. Und ohne die Garde saßen die Sangoraner schutzlos auf einem weit durchs Universum blinkenden Klumpen des begehrtesten Stoffes aller bekannten Zivilisationen. Sangoraner waren, bis auf wenige Adlige, Bergbauleute und keine Krieger oder Weltraumfahrer.

Al-Sahi salutierte mit den anderen, als die Rede endlich ihr Ende fand und folgte ihrer aus elf weiteren Rekruten bestehenden Einheit künftiger Piloten in Richtung einer Baracke. Während die anderen munter plauderten und Kontakte knüpften, starrte Al-Sahi in Richtung des kaiserlichen Palastes, der protzig wie ein Berg zu sehen war. Seine Kuppeln glänzten trotz des Regens metallisch. Er wurde einst vom sangoranischen Volk erbaut und schien unzerstörbar wie seine Kultur. Eine Festung voller Prunk, unter ihr ein weitreichendes Tunnelsystem, umgeben von farbenfrohen Gärten und bestückt mit Schätzen, die ein sangoranischer Herrscher nach dem anderen seinen Vorgängern abgejagt oder angehäuft hatte.

Als Al-Sahi bemerkte, dass sie den Anschluss verlor, hastete sie los in die Unterkunft und erreichte ihr Lager. Die anderen saßen bereits auf ihren Pritschen oder kramten in ihren Sachen, um die durchnässte schwarze Gardeuniform gegen legere Kleidung auszutauschen.

»Hast du diesen Typ gesehen? Da könnte ich schwach werden«, schwärmte ihre Bettnachbarin einer anderen Rekrutin zu.

Al-Sahi ahnte, dass es nicht um General Da-Karip ging, da sich niemand wagte, so über ihn zu sprechen. Sie kannte allerdings die Gerüchte über Cutter, den Gigolo der kaiserlichen Garde, aus dem Ausbildungscamp sehr gut. Solche Kerle waren ihr zuwider.

»Der ist heiß. Einer der wenigen Gardisten, die nicht von hier stammen. Er kommt von Reziew und rollt immer das R so drollig, wenn er Relationsuniversal spricht.«

»Du bist ihm schon begegnet?« Schmachtend rückte die Frau näher an ihre Kollegin. »Erzähl.«

»Er wird seinem Ruf in jederlei Hinsicht gerecht und …« Die Soldatin räusperte sich, als sie zu bemerken schien, dass um sie herum die Gespräche abgeebbt waren und alle zu ihr starrten. »Jedenfalls hat er schon einiges da draußen gesehen.«

Die beiden redeten also zweifelsfrei von dem schnittigen Offizier mit den schwarzen Haaren und den stechend dunklen Augen, der Al-Sahis Informationen nach die Ausbildung der Piloten mit überwachte und vorhin auf der Tribüne aufgetaucht war. Ein sehnsüchtiger Blick durch den Raum bestätigte ihre Vermutung, keinen aus ihrer Grundausbildungseinheit hier anzutreffen. Palastwachen, Bodenüberwachung und Technik waren deren angestrebte Posten. Piloten waren rar gesät, der Job war nicht besonders begehrt, da er als gefährlich galt. Abgesehen davon gab es auf Sangora kaum andere Spezies anzutreffen. Der Kontakt zu einem Santar oder gar anderem Getier galt als verpönt. Den Bewohnern fehlte allerdings schlichtweg die Erfahrung mit den Aliens. Da war so ein humanoider Reziewer wie ein Magnet. Exotisch und dennoch nicht zu fremdartig, denn wie auch die Sangoraner stammten die Reziewer zweifelsfrei von den ersten Siedlern der Erde ab.

»Ah, die Ladys checken also schon die Herren ab? Habe ich überhaupt Chancen gegen so einen außerplanetarischen Kerl?«

Am Fußende von Al-Sahis Bett stemmte ein Typ in schlammfarbenem Shirt die Hände in die Hüften und grinste. Seine breiten Wangenknochen und trainierten Oberarme waren für einen sangoranischen Mann durchaus vorteilhaft, doch sein dunkelblondes Haar und der quadratisch wirkende Kopf, zusammen mit der geringen Körpergröße, erinnerten an die vielen sangoranischen Männer, die einem gedrungenen Bergbauvolk, den Il entstammten, was ihnen den Spitznamen Zwerge eingebracht hatte.

Al-Sahi war sicher, dass er es war, der vorhin neben ihr gestanden und gezischt hatte.

»Ach, lass mal.« Die beiden Mädels kicherten, sprangen auf und eilten hinaus.

»Die rennen alle zum Trog. Ich bekomme bei dem Stress keinen Bissen runter.«

In Gedanken an die bevorstehende Prüfung am nächsten Tag kramte Al-Sahi in ihrem Seesack.

»Und du? Bist du taub und stumm?«

Erschrocken sah sie auf. Mit einem Lächeln klopfte sie sich auf die Brust, stand auf und deutete eine Verbeugung an. »Man nennt mich die stumme Biene. Da-Sab.«

»Mich nennen die Damen meist ›Verpiss dich!‹. Wahlweise kannst du auch Il-Galvan zu mir sagen.«

Al-Sahi trat vor Il-Galvan und reichte ihm traditionell flach die Hand zum Gruß, wie es der aus der ranghöheren Sippe anzubieten hatte: die Handfläche nach oben zeigend. Er legte seine darauf und nickte.

Sie überragte den Il um fast zwei Köpfe und bemerkte sein Schlucken, als er zu ihr aufsah.

»Ist mir eine Freude, Da-Sab. Groß gewachsen und fast schokobraune Haut. Wären deine Haare nicht blond, könnest du glatt dem Al-Hochadel aus Beley entstammen.«

»Ich habe erst versucht, im Palast als Prinzessin anzuheuern, aber sie wollten mich nicht, weil meine Augen nicht blau sind. Daher bin ich hier gestrandet.« Was auch immer die Alten sich in Beley so abschätzig über die Zwerge erzählten: Dieser hier hatte einen wachen Blick. Hoffentlich bohrte er bezüglich ihrer Herkunft nicht weiter nach. Sie hatte gehofft, durch ihre künstlich veränderte Haar- und Augenfarbe weniger aufzufallen. Glücklicherweise war das Fragen nach privaten Dingen von einer Person unter dem Stand einer anderen eine Unart in den Gepflogenheiten der Sangoraner. Und unhöflich wirkte Il-Galvan nicht.

Der kleine Mann lächelte schief. »Glück für mich. Darf ich dir ein Bier spendieren? Ich bin zwar nicht hungrig, doch das Schauspiel um die Gunst dieses Fähnrichs Cutter möchte ich keinesfalls verpassen.«

»Mir ist gar nicht nach diesem Theater.« Sie stieß den Atem aus bei dem Gedanken an Lärm, Gerüche und Balzgehabe. Dazu war sie nicht hier.

Verspielt neigte ihr Kamerad den Kopf. »Ach, komm schon. Uraufführung. Ich lade dich ein.«

»Warum, Il-Galvan? Führst du etwas im Schilde?« Sie musterte ihn eingehend. Wenn sie sich auf jemanden konzentrierte, trog sie ihr Eindruck selten. Il-Galvan schien grundehrlich und ohne Hintergedanken nach guter Gesellschaft zu suchen.

Er zwinkerte. »Allerdings. Ich war auf der Suche nach einer Lady, die nicht vorhat, diesen Typen anzuschmachten, weil ich mich neben so jemandem nur noch kleiner fühle.«

»Ich bin hier, um Pilotin zu werden, nicht, um einen heiratsfähigen Mann zu finden. Aber von Lady ist da keine Spur. Sorry.«

»Das klingt gut. Ich bin nämlich hier, um die Mäuler meiner drei Kinder stopfen zu können und nicht, um im Gestrüpp zu vögeln.«

Al-Sahi nickte erfreut. »Vielleicht darf ich irgendwann ein Bild von ihnen sehen?«

»Klar. Das zeige ich dir bei einem Bier. Komm schon.« Er nickte in Richtung Ausgang.

Sie folgte Il-Galvan über den Platz. Die Dämmerung hatte eingesetzt, der Regen war versiegt. Die zahlreichen Türme des Palastes in der Ferne schienen dank ihrer Beleuchtung zu glühen, die runden Kuppeln darüber zu schweben.

»Wer morgen erfolgreich durch die Tests kommt, wohnt mit der Führungsriege im Palastflügel der Gardeelite.« Il-Galvans Worte klangen wie von fern.

»Das wusste ich nicht.« Mit einem Schlucken wand sie den Blick vom Palast ab. Das war noch ein Grund, sich an diesem Abend nicht gehen zu lassen. Sie musste morgen hellwach sein.

Aus den Räumlichkeiten der Messe dröhnten laute Klänge. Bereits im Eingang trafen sie auf lachende und angeheiterte Anwärter. Klar. Für viele war die Zeit des Lernens erst einmal vorüber. Wer nicht Pilot wurde, der tummelte sich jetzt in ruhigen Einheiten mit kleinen Wirkungsfeldern.

Al-Sahi riss sich zusammen. Seit ihrer Kindheit beschlich sie der Verdacht, dass ihre Sinne empfindlicher reagierten als die der anderen Personen. Geräusche störten sie schnell, Gerüche schienen manchmal wie Fährten, der Duft von Personen einprägsam und aufschlussreich wie eine Visitenkarte. Immerzu hatte sie versucht, diese Wahrnehmungen zu unterdrücken, doch sie waren allgegenwärtig, und an Orten wie diesem wurden ihre Sinne zu einer Belastung.

Eine ihrer ehemaligen Kolleginnen aus der Grundausbildung winkte ihr zu, als sie eintraten. Sie saß mit einem Mann an einem der Tische.

Il-Galvan nickte. »Geh rüber, ich bringe Getränke.«

Al-Sahi zwinkerte ihrem neuen Kollegen fröhlich zu. Il-Galvan schien tatsächlich ein angenehmer Zeitgenosse zu sein.

»Sano, Da-Ley«, grüßte sie ihre Bekannte.

»Sano. Ich habe es geschafft. Morgen gehts auf den Außenposten am Rand der Wüste. Braungebrannte Typen, Pools und lockere Schichten.« Sie nickte in Richtung ihres Begleiters. »Das ist Da-Reid. Er arbeitet für die Palastadministration.«

Al-Sahi nickte dem Fremden zu. Er war groß, hatte blaue Augen und dunkles Haar. Beinah wie ein Al. Nur die Haut war zu blass. »Schön, dich kennenzulernen, Da-Sab. Wenn du mal etwas benötigst. Ich habe viele gute Kontakte.« Er zwinkerte.

»Das hört sich vielversprechend an. Danke.« Der Typ nervte sie jetzt schon. Sie benötigte niemanden, der an illegale Substanzen kam. Auf nichts anderes hatte er angespielt. Al-Sahi setzte sich. »Du wirst versetzt in die Wüste und freust dich?«

»So lange da keine Dagynen auftauchen, wird es sicher lustig. Aber dann …«, sagte Da-Ley.

Il-Galvan stellte eine Trage mit vier Gläsern vor ihnen ab. Er nickte Da-Reid zu, als schien er ihn bereits zu kennen.

»Die sind vermutlich ausgestorben. Seit drei Jahren hat keiner mehr angegriffen.« Da-Ley winkte ab.

»Dabei sind es so anmutige und freie Wesen. Eine Schande, dass wir sie ausgerottet haben, nur um unser selbst willen.« Al-Sahi sah zu ihrem Begleiter und zurück zu Da-Ley. »Darf ich vorstellen: Il-Galvan. Er ist in meiner Einheit.«

»Das zeigt sich morgen, ob wir in einer Einheit landen. Da erst trennen sie das Blech vom Gold.«

Al-Sahis Kollegin streckte ihm die Hand entgegen und Il-Galvan legte seine darauf.

»Da-Ley«, stellte sie sich vor. »Ab morgen kaiserliche Sandgarde.« Sie kicherte.

»Die Dagynen sind für den Tod etlicher Sangoraner verantwortlich und griffen Jahrtausende lang meine Sippe in den Bergwerken an. Ich weine ihnen keine Träne nach.« Il-Galvan musterte Al-Sahi ernst.

Sie atmete tief ein. Ihre Meinung stand fest, wenn sie auch auf eine weitere Begegnung mit einer dieser Kreaturen gern verzichten konnte. Irgendeine Art der Koexistenz sollte für so ein beeindruckendes und altes Wesen auf seinem Heimatplaneten trotz Zivilisation möglich sein. Das war der falsche Zeitpunkt für philosophische Fragen. Doch wenigstens lenkten diese Dinge sie vom Geräuschpegel und anderen Sinneseindrücken ab.

»Auf das, was tief verborgen alles lenkt«, sprach Il-Galvan den Trinkspruch der Sangoraner aus.

»Auf lebendigen Stein«, gab Al-Sahi zum Besten, wie es sich gehörte.

Die anderen stimmten mit ein. Sie prosteten sich zu und tranken.

»Verflucht, da ist er«, stieß Da-Ley aus. Sie starrte an Al-Sahi vorüber in Richtung Eingang.

»Sag nicht, du auch?« Genervt verdrehte Al-Sahi die Augen, nicht gewillt, sich umzudrehen und diesem Kerl, wie attraktiv er auch sein mochte, nur einen Blick zu schenken. Ihr genügte es, ihn während der Ansprache aus der Entfernung auf dem Hof gesehen zu haben. So außergewöhnlich war er nun auch nicht. Zumindest nicht für sie, die unter Al aufgewachsen war.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie das Schauspiel gezwungenermaßen. Cutter bahnte sich süffisant grinsend unter schmachtenden Blicken seinen Weg bis zur Theke.

»Ein Spinner ist das«, murrte Da-Reid missmutig.

»Aber ein gutaussehender und einflussreicher Spinner.« Da-Ley beobachtete – wie vermutlich alle Gardistinnen in dieser Sekunde – schmachtend sein Hinterteil.

»Was findet ihr nur alle an diesem spitzgedackelten Dudel? Da müsste schon einer einen Dagynen mit bloßen Händen erlegen, um mich zu beeindrucken.« Al-Sahi stand auf, um dem Schauspiel nicht weiter zusehen zu müssen, und wandte sich ihren Kollegen zu. »Möchte jemand noch etwas? Ich besorge etwas zum Knabbern.«

»Wenn du denkst, du hast mehr drauf als er, könntest du ihn ja im Armdrücken besiegen«, spottete Da-Ley, dann starrte sie Al-Sahi erschrocken an.

»Du solltest mich nach unserer gemeinsamen Zeit in der Ausbildung aber besser kennen. Als könnte ich diesen Hampel nicht im Armdrücken besiegen.« Sie schüttelte den Kopf. Etlichen Typen hatte sie bereits das Fürchten in diesem unter den Gardisten beliebten Wettkampf gelehrt.

»Forderst du mich etwa heraus?«, raunte eine Stimme hinter ihr.

Die r in den Worten vibrierten wie das Schnurren einer Katze, die Stimme klang männlich soft.

Da Ley starrte an Al-Sahi vorbei, den Mund offenstehend, während Il-Galvan nervös blinzelte und Da-Reid sich eindeutig ein Grinsen verkniff. »Autsch«, zischte er.

Al-Sahi drehte sich langsam um. Cutters Blick war eiskalt. Keine Spur des Charmes, den sein Ruf ihm zuschrieb. Mit pechschwarzen Iriden starrte er Al-Sahi strafend an. Er war in Zivil, so wie es für diese Örtlichkeit zu dieser Zeit üblich war. Hier waren sie ebenbürtig. Nicht Offizier und Gardist. Nur Mann und Frau.

Al-Sahi schüttelte sich innerlich bei dieser Formulierung. Er war ein Schönling, der den Gerüchten nach jedem Rock hinterherjagte. Sie wollte nicht zu seinem Freiwild gehören. Das war ihr schlichtweg zuwider.

»Was ist nun?«, murrte Cutter leise.

»Ist ein Dagyne aufgetaucht, den Sie erlegen wollen?«, witzelte sie.

Er neigte den Kopf. »Armdrücken.« Was er sagte, klang wie ein Befehl.

»Ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen.« Al-Sahis Mund wurde trocken, als sie realisierte: Alle Anwesenden starrten sie beide an. Die Situation war verfahren. Ab morgen würden sie vermutlich dienstlich aufeinandertreffen. Ihn zu beleidigen, könnte ihn ebenso unerträglich werden lassen, wie ihm Honig ums Maul zu schmieren.

Cutter verschränkte die Arme. »Ein Nein lasse ich nicht gelten.«

»Los! Ich nehme Wetten an!«, grölte es aus einer der Ecken. Die Menge begann zu toben und durcheinanderzurufen.

Al-Sahi starrte Cutter reserviert an, ebenfalls die Arme verschränkt.

Augenblicklich setzte er ein charmantes Lächeln auf, mit dem er sicherlich oft Erfolg in der Damenwelt verzeichnete. »Lassen wir ihnen den Spaß. Morgen versprengt es sie in alle Winde. Gemeinsame Geschichten und Erinnerungen sind auf ihren trostlosen und langweiligen Außenposten Gold wert.«

Il-Galvan deutete zum Tisch. »Nehmt Platz. Das wird ein Spaß.« Der Il rieb sich die knubbligen Hände.

Mit einem warnenden Blick in Richtung Il-Galvan schüttelte Al-Sahi den Kopf.

»Na, nun bloß nicht zicken. Wer austeilt …«

»Wer behauptet, ich würde kneifen?«, fiel sie Cutter ins Wort. Seine Arroganz hatte sie überzeugt. Er konnte einen Dämpfer vertragen.

»Ich setze hundert Sangos auf dich.« Il-Galvan drängte sich vor die umstehenden Personen und bestätigte, was man über das Talent der Il in Sachen Geschäftstüchtigkeit erzählte. Binnen Sekunden war er der Buchmacher und managte durch das Geplärr hindurch die Einsätze.

Al-Sahi konzentrierte sich, um den Aufruhr besser zu ertragen. Die Zeit schien langsamer voranzuschreiten. Sie betrachtete Cutter, dessen Augen sie kampfeslustig anfunkelten und erkannte, auf was für eine Dummheit sie sich eingelassen hatte. Seufzend sank Al-Sahi auf den Stuhl und trank erst ihr Glas, dann die ihrer beiden Freunde aus.

»Müssen Sie sich etwa Mut antrinken?«, stichelte Cutter von gegenüber.

»Allerdings. Ich stecke in der Zwickmühle.« Sie beschloss, ihn direkt auf das Dilemma hinzuweisen, das er herbeiführte.

»Häh?« Er zuckte die Schultern, als sei er das naivste Unschuldslamm höchstselbst.

»Kann ich Sie wirklich vorführen, ohne dadurch im Dienst Schaden zu erleiden?« Ihre Stimme klang dünner, als ihr lieb war.

Cutter stemmte den Ellbogen auf den Tisch und wackelte mit den Fingern. »Finden wir es heraus.«

Die Menge tobte.

Al-Sahi sah in die Gesichter. Die Damen erzürnt vor Eifersucht, da ihnen die Aufmerksamkeit von Cutter entging, die Herren in amüsierter Erwartung, ob der lackierte Dackel sich bei einer Frau einen Dämpfer abholen würde.

Sie atmete tief durch, stützte den Ellbogen auf den Tisch und schloss die Augen. Der Alkohol entfaltete bereits eine leicht entspannende Wirkung, die sie willkommen hieß. Sie konnte den Lärm in den Hintergrund schieben. Womöglich war es töricht, was sie tun würde. Oder aber es verschaffte ihr Ansehen. Immerhin bestand die geringe Möglichkeit, dass Cutter gewann. Sie öffnete die Augen und sah in sein Antlitz. Nein. Er konnte das nicht gewinnen. Sie war eine Al und er nicht mal Sangoraner. Allerdings spielte sie mit gezinkten Karten. Alle hielten sie für eine Da. Die waren für gewöhnlich ein bisschen schwächlicher und galten noch dazu als einfältig. Doch die Sippen Sangoras vermischten sich in den letzten Jahrzehnten, wenn auch spärlich. Cutter absichtlich gewinnen zu lassen, zog sie nicht einmal in Erwägung – dem stand der Stolz ihres Volkes entgegen.

Der Alkohol stieg gemeinsam mit der Anspannung prickelnd in ihr auf. Entschlossen atmete sie durch.

»Da-Sab!«, brüllten die Kerle, »Cutter«, die Damen.

Cutters Hand legte sich warm um Al-Sahis. Ihre Finger fügten sich umeinander, als seien sie zwei passende Puzzleteile, die sich soeben gefunden hatten, und erzeugten ein befremdliches Gefühl von Verbundenheit und Vertrauen.

Al-Sahi schluckte und blinzelte. Sie hatte mit unzählig vielen Rekruten auf diese Weise Körperkontakt gehabt. Nie hatte sie diesen Effekt verspürt. Das Bier schien ihr heute die Sinne gehörig zu vernebeln. Cutter zu berühren war, als würde fremdartige Energie freigesetzt. Sein Herzschlag pochte so laut, als lausche sie mit dem Ohr an seiner Brust. Der Geruch seiner Haut, der irritierenderweise an eine duftende Blumenwiese erinnerte, brannte sich wie ein Mal in ihre Erinnerungen. Cutters Atem streifte über ihre Wange, als er schnaubte, so nah waren sie sich. Im Geist war er ihr noch näher, kurz fühlte sich dieses Phänomen an, als berührten sie sich auf einer anderen, unbekannten Ebene. Al-Sahi versuchte erschrocken die Hand aus seiner zu lösen, doch er hielt sie eisern fest.

»Jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher.« Cutter blickte sie streng an.

Al-Sahi nickte entschlossen. Wenn sie nicht all ihre Sinne trogen, durchlebte er in diesem Augenblick ähnlich bizarre Erfahrungen wie sie. »Dann soll es so sein.«

Il-Galvan legte seine Hand auf die der Widersacher.

»Drei, zwei, eins …« Der Bergmann ließ los und der Wettkampf startete.

Die Zeit schien sich erneut zu verlangsamen. Cutters Druck standzuhalten, war keine Kunst. Entweder war Al-Sahi ihm tatsächlich haushoch überlegen oder er bluffte. Sie sah erneut in seine Augen, spürte sein Herz schlagen, als sei es ihres, glaubte, ihren Anblick als Spiegelbild in seinen Iriden zu erkennen. Dieser Mann war eine Schlange. Er verbarg etwas hinter der Fassade des Weiberhelden. Ein Geheimnis. Zu gern wollte sie es aus ihm herausquetschen.

»Du brichst mir gleich die Finger«, presste er leise hervor. »Warum lässt du mich leiden, wenn du es beenden kannst?«

Al-Sahis Hand zitterte, als sie das Gefühl hatte, langsam aus einer anderen Ebene in die Realität zu gleiten.

Schweißperlen standen auf Cutters Stirn.

Die Verbindung zu ihm hatte eine unbekannte Neugierde in ihr geweckt. Der Impuls, die Hand wegzuziehen, war ebenso verlockend wie der Gedanke, erneut tief in seine Augen zu sehen und sich darauf zu konzentrieren, was sie glaubte, in ihm aufspüren zu können. Ein Machtgefühl durchströmte sie bei dem Gedanken, ohne sein Wissen oder seine Zustimmung in sein Innerstes eindringen zu können. Ihre ethischen Grundsätze bewahrten sie vor dem Missbrauch ihrer soeben neu entdeckten Fähigkeiten. Die Auswirkungen, die er auf sie hatte, konnten nur an seiner Abstammung liegen. Allerdings war das noch mehr verwirrend, denn er war kein Al, ja nicht mal ein Sangoraner.

»Bringen wir es zu Ende.« Sie nickte. Wie in Zeitlupe drückte sie seine Hand nieder auf den Tisch.

Die Menge jubelte.

Cutter hielt ihre Hand trotz der Niederlage eisern fest, starrte sie an, Misstrauen sprach aus seiner Mimik.

Offensichtlich spürte er sehr genau, was in ihr vorging. Was, wenn er in ihr lesen konnte, so wie sie glaubte, sie könne es bei ihm, wenn sie es darauf anlegte? Ihre Identität war eine Lüge und durfte nicht auffliegen. Al-Sahi riss ihre Finger aus seiner Umklammerung. »Die Aktion war kindisch und dumm. Sorry.«

Sie sprang auf. Aufgebracht bahnte sie sich den Weg durch die Menge. Kurz vor dem Ausgang schnappte Il-Galvan sie an der Hand, Al-Sahi wirbelte zu ihm herum.

»Hiergeblieben« Er lachte ausgelassen. »Das war grandios. Meine Kinder verdanken dir ihr Geschenk zum Fest der Lichter.«

»Bitte, Il-Galvan. Das Bier und der Erfolg steigen mir zu Kopf – ich benötige dringend frische Luft.«

»Oh, hey. Dann mal bis gleich.«

Al-Sahi verließ die Messe. Die Nacht war kühl, die Monde Sano und Gorid strahlten rot am Himmel und ließen den Weg wie Lava glühen. Al-Sahi rieb sich die Hand, mit der sie die von Cutter gehalten hatte. Womöglich bildete sie sich nur ein, dass sie etwas gespürt hatte, und der Alkohol benebelte ihre Sinne, immerhin hatte sie die Biere ihrer Kollegen in Rekordzeit getrunken.

Ihr kam die sangoranische Legende in den Sinn, die besagte, dass zu jedem Wesen auf diesem Planeten sein Gegenstück geboren wurde. Angeblich erkannte man diesen von sich fehlenden Teil sofort. Doch Cutter war nun mal ein Alien, somit kam das nicht ansatzweise in Betracht, insofern sie diesen mystischen Märchen überhaupt Beachtung schenken wollte. Sie hatte ihres Wissens noch nie etwas oder jemanden berührt, was nicht von Sangora stammte. Der Ursprung ihrer eigenartigen Reaktion musste damit in Zusammenhang stehen.

Al-Sahi starrte zum Palast, bis sie die Baracke erreichte und sich davor auf die Bank setzte. Voller Ehrfurcht hob sie den Blick. Nur noch ein paar Wochen und sie würde endlich zu den Sternen reisen, um Sangora als Ganzes zu betrachten.

Allmählich entspannte sie sich und lehnte sich an die Wand. Morgen hieß es früh antreten für die Qualifikationen zur Pilotenausbildung. Sie sollte längst schlafen, doch keiner ihrer Kollegen schien zurück zu sein. Missmutig stand sie auf, streckte sich und gähnte.

»Hey, ich hatte gehofft, du kommst zurück.« Il-Galvan ließ sich sichtlich angeheitert auf die Bank plumpsen und entlocke dem Holz ein leichtes Ächzen.

»Ach was.« Mit einem Kichern setzte sie sich neben ihn.

»Das wäre wirklich gut gewesen.« Er lachte leise.

»Hat Cutter seine Wunden geleckt?« Sie war gespannt, was ihr Kollege berichten würde.

»Nein. Schlimmer. Er hat noch einige Personen herausgefordert und alle besiegt. Am Ende tuschelten die Leute, du hättest mit ihm ein abgekartetes Spiel abgezogen, um die Quoten hochzutreiben.«

Al-Sahi schüttelte den Kopf. »Unglaublich.«

Il-Galvan musterte sie ernst. »Hast du?«, raunte er.

»Erinnerst du dich? Du hast mich überredet, überhaupt mitzukommen. Ich kenne den Typen doch nicht einmal.« Empört sprang sie auf.

Il-Galvan schluckte hörbar. »Wenn das so ist, solltest du dich künftig von ihm fernhalten.« Er stand auf und trat neben sie. »Am besten von diesen Veranstaltungen überhaupt. Und von der Garde«, flüsterte er.

Al-Sahi neigte den Kopf. »Drohst du mir?« Seine Worte waren bizarr. Sicher war dieses sonderliche Verhalten seinem angeheiterten Zustand zuzuschreiben.

»Ich gebe dir einen Rat, um dich vor einer gefährlichen Dummheit zu bewahren.« Er gab einen grunzenden Laut von sich.

Die Lippen aufeinandergepresst sah sie Il-Galvan ratlos an.

»Bist du tatsächlich so grün hinter den Ohren?« Er schüttelte den Kopf.

»Auf was willst du denn nur hinaus?«

Stimmen drangen aus der Dunkelheit.

Il-Galvan salutierte flapsig. »Das ist weder der richtige Zeitpunkt noch ein Ort, um das zu besprechen. Gute Nacht.«

Al-Sahi sah ihm verstört hinterher, als er in die Baracke ging. Erneut rieb sie sich die Hand, mit der sie die von Cutter gehalten hatte, um das Kribbeln darin zu vertreiben, und fragte sich, ob sie womöglich allergisch auf seine Spezies war.

 2 Zufälle gibt es nicht

 

 

Der nächste Morgen verlief weniger spektakulär als erwartet und nach einem Test in einem Flugsimulator war Al-Sahi für eine weitere Woche Intensivtraining auserkoren. Die Auserwählten bekamen ein Einzelzimmer am Rand der Palastmauer als Quartier zugewiesen, jedoch noch immer außerhalb der historischen Anlage. Die Rekruten waren ernst und wortkarg. Jeder schien in den anderen Konkurrenten zu sehen, so verbrachte sie den ersten Tag schweigend und allein mit computergesteuerten Sequenzen im Simulator und einsamer Nahrungsaufnahme, da sich die Zeiten der Piloten untereinander und von denen der anderen unterschieden.

Nach dem Abendessen schlenderte Al-Sahi über den sandigen Weg zurück zur Mauer.

»Bei dem, was tief verborgen alles lenkt. Wenn einer in diese Pilotenuniform passt, dann du.« Il-Galvan lehnte an der Mauer und schnalzte mit der Zunge.

Erfreut stoppte sie auf seiner Höhe. »Hey, du hast es auch geschafft. Glückwunsch.«

Il-Galvan musterte sie weiter unverhohlen und zog eine seiner buschigen Augenbrauen in die Höhe. »Hat dieser Cutter dich so schon gesehen?«

Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Nein. Es gibt viele gutaussehende neue Pilotinnen, die scharf auf ihn sind. Er hat sicher alle Hände voll zu tun.«

»Mh.« Il-Galvan lachte schmutzig und gestikulierte, als trüge er zwei Äpfel vor seiner Brust. »Da hab ich Glück.«

»Weil du keine Titten hast?« Al-Sahi prustete los.

»Nein. Weil ich dich dann für mich allein hab.« Er zwinkerte.

Il-Galvan gelang es, Komplimente zu verteilen und anzügliche Bemerkungen zu machen, ohne dabei aufdringlich zu sein. Oder es lag einfach daran, dass zwischen ihnen keinerlei sexuelle Anziehungskraft zu herrschen schien. Jedenfalls war Il-Galvans Gesellschaft so entspannend für Al-Sahi wie das Treffen mit einem Bruder.

»Wie war dein Training?« Sie nickte in Richtung Mauer und ging los. Er folgte ihr.

»Ich fühle mich wie erschlagen. Das ist schon eine Hausnummer.«

»Das ist es wohl.« Al-Sahi ersparte es Il-Galvan, ihm zu berichten, dass sie mehr gelangweilt als angestrengt war. »Nach Lektion sieben war ich ziemlich fertig«, versuchte sie ihm beizupflichten.

»Hast du sieben gesagt?« Er blinzelte sie an.

»Warum starrst du so? War ich zu langsam?« Erschrocken musterte sie ihn in der Angst, vielleicht alles zu sehr auf die leichte Schulter genommen zu haben.

»Ich habe kurz vor Dienstende mit Lektion drei begonnen und werde morgen alles wiederholen müssen. Bist du so ’ne Art Superhirn?«

»Mh.« Sie klimperte mit den Wimpern.

»Das ist ja noch heißer. Wow. Erinnerst du dich an mich, wenn du demnächst den Oberbossen dienst?«

Sie neigte den Kopf, versuchte, ihn mit einem Blick zu strafen. »Als könnte ich den Mann vergessen, der die Meute angestachelt hat, Wetten auf mich abzuschließen, als ich den Schürzenjäger der Garde versehentlich herausgefordert habe.«

»Die meisten haben auf Cutter gewettet. Da sind wir beim Thema: Kommst du mit in die Bar?« Er rieb sich die knubbligen Hände.

»Schon wieder? Ich wollte …«

Hastig trat er vor sie und musterte sie neugierig. »Du gehst doch nicht etwa diesem Wichtigtuer aus dem Weg?«

»Nein. Aber in ein paar Tagen beginnen die langen Nächte und ich wollte noch ein wenig …«

»Ausreden lasse ich nicht gelten. Zieh dich um und dann los. In fünf Minuten treffen wir uns hier.« Er gab den Weg frei.

»Die Pilotenuniform steht auch dir hervorragend«, kommentierte Al-Sahi.

»Schwarz macht schlank und streckt. Das ist ’ne gute Sache für einen Zwerg wie mich, meinst du?«

Verstimmt kniff sie die Augen zusammen. »Das habe ich nicht gesagt und auch nicht gemeint.«

»Hey, bleib locker. Das ist mein loses Mundwerk.« Il-Galvan lachte leise. »Bis gleich, Bienchen.« Summend ging er davon.

 

Zu gern hätte Al-Sahi sich hinter ihrem Begleiter versteckt, als sie die Messe betraten, doch Il-Galvans gedrungene Statur machte das unmöglich. Heute waren wenige Besucher anwesend, die meisten davon Piloten, die sich nicht einmal die Mühe gemacht hatten, sich umzuziehen.

»Ich habe davon gehört, dass viele Piloten angeberische Einzelgänger sind, aber ich wollte es nicht glauben.« Il-Galvan zuckte die Schultern.

»Einzelgänger kann ich ganz gut.« Al-Sahi setzte sich mit einem Grinsen neben Il-Galvan an die Theke. »Warum kommen sie hierher, wenn sie allein sein wollen?«

»Du interpretierst das falsch. Gesehen werden wollen sie durchaus. Denkst du, wir bekommen eine Strafe dafür, dass wir uns als einzige umgezogen haben?«

»Darüber muss ich bei einem Drink nachdenken.« Sie griff das Bier, das der Barkeeper vor ihr abgestellt hatte, und prostete ihrem Kameraden zu. »Das scheint hier ziemlich trostlos zu werden. Haben die in der Wüste mehr Freude?«

»Sie haben da tatsächlich Pools in den Stationen. Und die Obrigkeit ist weit entfernt. Der Rest allerdings würde mich vermutlich anöden. Steine und Sand bewachen? Wovor?«

»Hier mit der steifen Elite abzuhängen, ist nicht öde?« Al-Sahi verspürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen, ähnlich, wie sie es bei der Berührung von Cutters Hand erlebt hatte.

»Die Unterhaltung ist gerade im Anmarsch.

---ENDE DER LESEPROBE---