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In Deutschland leiden über 120 000 Menschen an Multipler Sklerose. Bei vielen ist die Diagnose MS mit einem weiteren Krankheitsbild verbunden: Inkontinenz. Denn bei rund 80 Prozent der Betroffenen tritt im Laufe Ihrer Krankheit zusätzlich eine Blasen- und/oder Darmstörung auf. Die Autorin, selbst MS-Betroffene, beantwortet in diesem Ratgeber erstmals ausführlich alle wichtigen Fragen rund um das Thema Multiple Sklerose und Inkontinenz. Zusätzlich bieten praktische Checklisten konkrete Orientierungs- und Handlungshilfe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2010
Doris Friedrich (*1958) erkrankte im Alter von 27 Jahren an Multipler Sklerose. Sie arbeitete mehrere Jahre in einer MS-Schwerpunktpraxis und inzwischen in einer urologischen Netzwerk Organisation. Sie hat sich intensiv mit der Krankheit und den Therapiemöglichkeiten auseinandergesetzt. Nach ihrem ersten Buch »Multiple Sklerose – Das Leben meistern« ist dies nun ihr zweiter Patientenratgeber.
Doris Friedrich
Inkontinenz Multiple Sklerose
Ein Ratgeber bei Blasen- und Darmstörungen
Vorwort
Danksagung
Geleitwort
Multiple Sklerose – Blase und Darm
Was ist Multiple Sklerose?
Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose
Darmstörungen bei Multipler Sklerose
Das Harnwegsystem
Wie funktioniert das Harnwegsystem?
Wie funktioniert die Blase?
Welche Funktionen haben die Nerven und das Gehirn bei der Harnentleerung?
Blasenfunktionsstörungen
Was bedeutet Inkontinenz?
Welche unterschiedlichen Inkontinenz-Formen gibt es?
Was sind die Ursachen der Inkontinenz bei Frauen?
Was sind die Ursachen der Inkontinenz bei Männern?
Darmstörungen
Wie funktioniert unser Darm?
Welche unterschiedliche Formen der Darmstörungen gibt es?
Wie erfolgen Anamnese und Diagnostik der Stuhlinkontinenz?
Wie werden Darmstörungen behandelt?
Beim Arzt
Wie läuft ein Arzt-Patienten-Gespräch ab?
Welche Untersuchungsmethoden gibt es zur Diagnosestellung?
Therapie
Inkontinenz – was tun? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei den verschiedenen Inkontinenzformen?
Medikamentöse Therapien – Medikamente schaffen Abhilfe
Physikalische Therapien
Unterstützende Maßnahmen
Operative Maßnahmen
Beckenbodentraining
Katheterismus
Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)
Komplikationen
Welche Komplikationen können bei Blasenfunktionsstörungen auftreten?
Leben mit Inkontinenz
Tipps und Tricks für den Alltag
Sexuelle Funktionsstörungen – Tabuthema Sexualität
Können Selbsthilfegruppen helfen?
Wissen in Kürze
Häufig gestellte Fragen und Antworten
Service
Adressen und Links
Abkürzungen
Glossar
Stichwortverzeichnis
Multiple Sklerose (MS) und Urologie – wie gehört das zusammen? Bei ca. 10 Prozent der MS-Patienten sind Blasenfunktionsstörungen das Erstsymptom dieser Erkrankung. Mehr als 80 Prozent aller Betroffenen leiden im Verlauf ihrer Krankheit unter neurogenen Blasenfunktionsstörungen und wissen, wie quälend und behindernd diese sein können. So kann es zu plötzlichem oder häufigem Harndrang kommen oder Betroffene müssen wiederholt die Toilette aufsuchen. Auch unwillkürlicher Harnabgang, Probleme beim Wasserlassen, obwohl die Blase voll ist, und Harnweginfektionen zählen zu den häufigen Beschwerden. Welche Symptome auftreten, hängt davon ab, welcher Teil des Nervensystems betroffen ist, was bei MS auch von Schub zu Schub unterschiedlich sein kann.
Oft empfinden MS-Betroffene nicht die motorische Behinderung durch eine Lähmung oder Spastik als besonders belastend, sondern die Blasenfunktionsstörung beeinträchtigt die sozialen und beruflichen Aktivitäten weitaus stärker. Unkontrollierbarer, häufiger Harndrang fesselt an die Wohnung und führt zu Partnerschaftskonflikten. Viele Menschen schämen sich und ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Eine wesentliche Einschränkung der Lebensqualität bis hin zu sozialer Isolation ist nicht selten die Folge.
Störungen der Blase treten aber nicht nur bei MS oder anderen neurologischen Erkrankungen auf, sondern sie sind vielseitig und können jeden von uns treffen. Allein in Deutschland leiden zwischen 5 bis 8 Millionen Menschen an Inkontinenz. Bezieht man die Dunkelziffer mit ein, sind in Deutschland schätzungsweise 10 Millionen Menschen inkontinent. Diese Zahlen sind alarmierend. Daher möchte ich in diesem Buch auf ein Problem eingehen, das zwar weit verbreitet ist, aber leider nach wie vor als gesellschaftliches Tabuthema gilt: »Blasen- und Darmstörungen – Inkontinenz«. Es wird selten in der Öffentlichkeit darüber gesprochen und nur wenige Erkrankte reden mit ihrem Arzt darüber. Viele stehen der Situation hilflos gegenüber.
Die Therapieformen der Inkontinenz sind vielfältig und erstrecken sich bis hin zum operativen Bereich. Zum Beispiel zählen zu den effizienten und erfolgreichen Behandlungsmöglichkeiten das Beckenbodentraining, die -entspannung sowie richtiges Blasentraining. Auch Medikamente oder neue Therapieverfahren kommen zum Einsatz.
Basis für eine wirksame Therapie ist zunächst das ausführliche, offene Gespräch zwischen Arzt und Patient – gerade über Themen, die in der Regel tabuisiert werden. Da bei Blasen- und Darmstörungen eine sehr persönliche und intime Körperpartie betroffen ist, trauen sich viele nicht, zum Arzt zu gehen. Aber nur wenn die richtigen Fragen gestellt werden, besteht die Möglichkeit, die Beschwerden durch geeignete Therapiemaßnahmen langfristig zu verbessern oder sogar zu beseitigen. Viele Betroffene versuchen sich selbst durch eine Verringerung der Trinkmenge zu therapieren und riskieren damit weitere folgenreiche Komplikationen, insbesondere an Nieren und Harnblase. Daher ist es auch wichtig, frühzeitig und regelmäßig, und ggf. auch vorsorglich, zu Kontrolluntersuchungen (z. B. zur Restharnmessung) zum Urologen zu gehen. Nur so lassen sich mögliche schw wiegende Folgeerkrankungen vermeiden bzw. frühzeitig behandeln.
Ich möchte an alle an Inkontinenz betroffenen Frauen und Männer appellieren, ihre Scham zu überwinden und sich ihrem Arzt anzuvertrauen. Denn ihre Probleme haben eine Ursache, die sich feststellen und behandeln lässt.
Auch wenn ich selbst nicht unmittelbar davon betroffen bin, war es mir doch wichtig, mich einmal mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen und mit Ursachen, Formen sowie Diagnostik, Therapiemöglichkeiten und Hilfsmittelversorgung zu beschäftigen. Dieser Patientenratgeber liefert Ihnen nicht nur wichtige Basisinformationen zum Krankheitsgeschehen, sondern einen Gesamtüberblick über das komplexe Thema; beginnend beim Aufbau unseres Harnwegsystems, bis hin zu allen Formen von Blasen- und Darmstörungen. Darüber hinaus enthält er viele praktische Ratschläge sowie Tipps und Tricks für den Alltag und Antworten auf die häufigsten Fragen.
Das Buch ist kein »Do-it-yourself-Ratgeber« und will auch keiner sein. »Ohne den Arzt und das Vertrauen in sein Wissen, seine Erfahrungen und Fähigkeiten geht es nicht!« Der Patient soll sich jedoch auch selbst über seine Krankheit informieren. Und dazu möchte ich beitragen. Die Lektüre soll aber auch Angehörigen, Betreuern und Pflegepersonal gleichermaßen Hilfestellung bieten. Und vor allem möchte ich eines: Die Sprachlosigkeit aufheben – Inkontinenz sollte kein Tabuthema sein!
Meine Erfahrungen auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose konnte ich zunächst in einer großen neurologisch-psychiatrischen Gemeinschaftspraxis, die auch DMSG-zertifizierte MS-Schwerpunktpraxis ist, sammeln. Aufgrund dieser Kenntnisse und meiner eigenen – inzwischen über zwanzigjährigen – Erkrankung an MS veröffentlichte ich bereits einen allgemeinen Patientenratgeber zu diesem Thema (Multiple Sklerose – Das Leben meistern, erschienen im TRIAS-Verlag). Zwischenzeitlich arbeite ich als Assistentin der Geschäftsführung in einer urologischen Gemeinschaftspraxis, die einer großen urologischen Netzwerk Organisation angehört. Mein neu gesammeltes Wissen habe ich in diesem Buch festgehalten, um es ebenfalls an Betroffene und Interessierte weiterzugeben.
Alles in der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und einen festen Entschluss an.
(Johann Wolfgang v. Goethe)
Mein besonderer Dank gilt Dr. med. Alwin Weber und Dr. med. Ingo Drehmer, die es mir durch den Einblick in ihre urologische Praxistätigkeit und deren Arbeit auf dem Gebiet des ärztlichen Networking überhaupt erst ermöglicht haben, dieses Buch zu schreiben.
Des Weiteren bedanke ich mich bei Dr. med. Joachim Weiß, Urologe mit Schwerpunkt Neurourologie und Konsiliararzt der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) Urologie und deren Direktor, Prof. Dr. med. Maurice-Stephan Michel, die sich freundlicherweise bereit erklärten, mein Buch von medizinischer Seite fachlich zu redigieren und somit wesentlich zum Gelingen dieses Werkes beitrugen.
Ganz besonders danke ich aber auch Dr. med. Gerhard Bittenbring, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, den ich als Patientin kennen- und schätzen gelernt habe, sowie Dr. med. Erika Ober, Gynäkologin, für ihre Geleitworte zu meinem Buch.
Nicht vergessen und danken möchte ich aber auch Carmen Alt und Julia-Shirin Mackert vom TRIAS-Verlag, die mich vom Manuskript bis zum fertigen Buch hervorragend betreuten.
Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können, fang damit an.
(Johann Wolfgang v. Goethe)
Erbach, im Oktober 2009
Doris Friedrich
Multiple Sklerose – die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Als langjähriger Facharzt für Neurologie und Psychiatrie bin ich mit all diesen Facetten vertraut. Mit den vielen unterschiedlichen Symptomen und Verläufen. Und natürlich auch mit den unzähligen Schicksalen der einzelnen Patienten.
So habe ich auch Doris Friedrich vor ca. 25 Jahren kennen gelernt. Als sie mit Sehstörungen in meine Praxis kam und ich sie nach eingehender Untersuchung mit der Diagnose MS konfrontieren musste. Und sie aufgrund der schwerwiegenden Erkrankung zunächst das Vertrauen verlor und mit ihrem Schicksal haderte. In bewundernswerter Weise hat sie inzwischen ihr Leben gemeistert – aber auch von Tief- und Rückschlägen blieb sie nicht verschont.
Schon bei ihrem ersten Buch »Multiple Sklerose – Das Leben meistern« bewunderte ich die Autorin, welch Fachwissen sie sich mit der Zeit angeeignet hatte. Aber ich staunte auch über ihren Mut, dies alles in einem Buch festzuhalten und zu veröffentlichen, um damit anderen Betroffenen zu helfen, ebenfalls ihr Leben mit MS positiv zu gestalten.
Es freut mich, dass Doris Friedrich sich jetzt an ein weiteres MS-spezifisches Problem gewagt und das Tabuthema »Blasen- und Darmstörungen – Inkontinenz« aufgegriffen hat. Mit Akribie hat sie sich als »Nichtmedizinerin« in die Materie eingearbeitet, recherchiert und eindrucksvoll diesen umfassenden und komplexen Themenbereich in verständliche Form aufbereitet und niedergeschrieben.
Ich hoffe – nein, ich bin davon überzeugt –, dass das Buch viele Leserinnen und Leser finden wird und vielen Betroffenen ein Leitfaden für mehr Lebensqualität bietet.
Doris Friedrich zolle ich meine Anerkennung und wünsche ihr weiterhin viele gute Ideen und Erfolge bei ihrer Autorentätigkeit und vor allem auch für die Zukunft eine stabile Gesundheit bei ihrer inzwischen neu gewonnenen positiven Lebenseinstellung.
Erbach, im September 2009
Dr. med. Gerhard Bittenbring
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
Wozu ein Buch über Blasen- und Darmstörungen bei Multipler Sklerose? Sind diese Menschen nicht schon geplagt genug durch Spastiken, Lähmungen, Sprachstörungen und mehr, so dass ein wenig Urinverlust, oder auch Inkontinenz genannt, eines gesamten Buches bedarf? Die Antwort ist ein klares Ja. Denn es geht bei diesem Thema um weit mehr als nur um Unannehmlichkeiten im Alltag. Noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts sind Menschen mit chronischen Nervenkrankheiten sehr häufig an Nierenversagen gestorben, bis man herausgefunden hat, dass die Ursache in nervlichen Fehlfunktionen bei der Steuerung des unteren Harntraktes liegt. So kann ein leichtgradiger Urinverlust durchaus nur die Spitze des Eisberges sein, wenn er beispielsweise Ausdruck einer lähmungsbedingten Überlaufblase ist, die wiederum zum Rückstau des Urins in die Nieren führen kann.
An der urologischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) besteht traditionell eine eigene Sektion Neurourologie, die sich ganz speziell mit den urologischen Komplikationen neurologischer Krankheitsbilder beschäftigt. Diese wurde von Prof. Dr. med. K.-P. Jünemann begründet, der seit vielen Jahren auch in der Deutschen Kontinenzgesellschaft als Vorsitzender aktiv ist. Hier werden sämtliche modernen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden angewendet, wenn der Patient sie benötigt und der betreuende Arzt, sei es der Hausarzt, Gynäkologe oder Urologe, es für erforderlich hält.
Doris Friedrich schafft es in bewundernswerter Weise, Betroffene, Angehörige und interessierte Laien in eine komplexe medizinische Materie einzuführen, sie schreibt in einer gut verständlichen Sprache und schafft so ein Bewusstsein für deren Wichtigkeit, ohne sich dabei in die medizinische Terminologie zu verlaufen. Es ergeben sich nahezu wie von alleine klare Anleitungen, wie man als Betroffener mit der Thematik umzugehen hat, wann und inwieweit entsprechende Ärzte/Spezialisten hinzugezogen werden müssen und was man eben auch selbst machen kann. Wie bei allen anderen Beeinträchtigungen des Krankheitsbildes MS ist auch hier von entscheidender Bedeutung das Bewusstsein für und die Mitarbeit des Patienten an der Krankheit.
Wir möchten an dieser Stelle allen Betroffenen Mut machen. MS ist nicht heilbar, aber durch entsprechendes Management können nicht nur Komplikationen vermieden, sondern es kann auch die Lebensqualität in erheblichem Maß gesteigert werden.
Mannheim, im Sommer 2009
Prof. Dr. med. M.-S. Michel Direktor der urologischen Universitätsklinik Universitätsmedizin Mannheim
Dr. med. Joachim Weiß Sektion Neurourologie Universitätsmedizin Mannheim
Patienten mit komplexen Krankheitsbildern erfordern qualifizierte und strukturierte Betreuung. Die Erkrankung im Fachgebiet der »Neurourologie«, wie die Encephalomyelitis disseminata (ED) – besser bekannt als Multiple Sklerose (MS) –, ist nur ein Beispiel von vielen und zeigt, dass sich die Beschwerdebilder der Betroffenen nicht an Fachgebietsgrenzen halten.
Als Begründer und ärztlicher Geschäftsführer der überregionalen Ärztepartnerschaft UNO – Urologische Netzwerk Organisation® der Urologen Dr. med. Weber & Kollegen in Michelstadt/Odenwald darf ich Doris Friedrich zu ihrem Werk beglückwünschen, das einmal mehr zeigt, wo die Bedürfnisse der medizinisch interessier ten, selbstverantwortlichen Patienten angesiedelt sind – nämlich bei verständlicher Information und nachvollziehbaren Ratschlägen für den Alltag, eben der so genannten medizinischen Versorgungsrealität.
Die überregionale Berufsausübungsgemeinschaft von sieben urologischen Praxen mit zehn Kollegen und fünf Belegkrankenhäusern ist auch gerade aus diesen Gründen mit den angrenzenden Fachgebieten vernetzt. Informations- und Wissensfluss verbessern für alle Beteiligten im System (Arzt und Patient) das Erleben und Betreuen von Krankheitszuständen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen.
Doris Friedrich ist in unserem Netzwerk als Beraterin fest eingebunden, da sie aufgrund ihrer Qualifikation und ihrer eigenen MS-Erkrankung ihr Know-how nicht nur aus medizinischer praxisbezogener Sicht einbringt, sondern auch aus Patientensicht.
Daher möchten wir künftig ihren neuen Ratgeber in unsere digitale (Internet)Kampagne integrieren, die wir – die UNO – zusammen mit der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) Urologie als Patientenakademie titulieren und bereitstellen werden: »Mit Patienten für Patienten«.
Dieser umfassende und aktuelle Patientenratgeber schließt eine Lücke. Wir sind stolz, Doris Friedrich als Mitarbeiterin in unserem Team zu haben.
Michelstadt, im September 2009
Dr. med. Alwin Weber
Facharzt für Urologie
Multiple Sklerose und Blasen- und Darmstörungen – das klingt auf den ersten Blick nach einem Tabuthema. Dieses Buch hilft Betroffenen, aber auch Angehörigen, Freunden und Ärzten, sich über dieses Tabu hinwegsetzen zu können und sich dem Thema möglichst offen und vorurteilsfrei zu nähern, so wie es auch die Autorin Doris Friedrich tut. Als Gynäkologin und Mitbegründerin des Beckenbodenzentrums Südhessen, aber auch als Politikerin und besonders als langjährige Wegbegleiterin der Autorin möchte ich Doris Friedrichs beispielhaftes Engagement würdigen und den Betroffenen Mut machen, sich zu informieren, um ihr Schicksal besser annehmen zu können.
Doris Friedrich leidet selbst an MS und geht ihr Schicksal in bewundernswerter Art und Weise aktiv an. Darüber hinaus ermutigt sie andere Betroffene, ihre Krankheit anzunehmen und mit ihr zu leben. Als Ärztin und Politikerin weiß ich nur allzu gut um die Schwere dieser Krankheit und die Probleme, die MS auch im Alltagsleben mit sich bringt. Umso höher ist deshalb das Wirken Doris Friedrichs einzuschätzen. Aus Sicht einer selbst Betroffenen schildert sie die Erkrankung und liefert Anregungen für die Bewältigung des schwierigen Alltags, bietet damit also Hilfe zur Selbsthilfe an.
Hilfe zur Selbsthilfe ist auch in der Politik ein Leitbild für verantwortungsvolles Handeln. Hier treffen sich Medizin und Politik. Beide, Arzt und Politiker, sind dem Wohl des Patienten bzw. des Bürgers verpflichtet, haben sich dabei aber jeder Form der Bevormundung zu enthalten. In einem offenen Dialog sollen individuelle und praktikable Lösungen ge funden werden. Dabei kann dieses Buch mit viel Sachverstand und Erfahrung unterstützend wirken. Dennoch – das Letztentscheidungsrecht liegt stets beim Menschen. Das ist in der Politik nicht anders als in der Medizin.
Ich bin sicher, dass Doris Friedrichs Buch für diesen Dialog einen wichtigen Beitrag leisten kann. Vorurteilsfrei, bar jeden Tabus, klärt es auf, verschafft dem Leser einen Überblick über Ursachen, Wirkung und Therapiemöglichkeiten von Inkontinenz, Darmproblemen und vielen weiteren Themen, die im Alltag der Betroffenen eine große Rolle spielen. Das gewonnene Wissen versetzt die Erkrankten in die Lage, zusammen mit ihrem Arzt zur jeweils besten Lösung zu gelangen. Die Ratschläge von Doris Friedrich erleichtern das Alltagsleben der Betroffenen und geben so Lebensqualität zurück.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass sie auf den folgenden Seiten Information und Inspiration finden. Den an MS Erkrankten wünsche ich die Kraft und Zuversicht, ihr Schicksal zu meistern. Daher danke ich Doris Friedrich für ihre offenen Worte und ihr beispielhaftes Engagement.
Berlin/Michelstadt, im Sommer 2009
Dr. med. Erika Ober, MdB
Fachärztin für Gynäkologie
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des Zentralen Nervensystems (ZNS). In Gehirn und Rückenmark entstehen zahlreiche (multiple) Entzündungsherde und letztlich Narben (Sklerosen), die die Leitfähigkeit der Nervenbahnen beeinträchtigen. Die Erkrankung beginnt häufig zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr, wird jedoch gelegentlich auch bei Kindern unter 10 Jahren sowie jenseits des 50. Lebensjahres diagnostiziert. Sie betrifft Frauen häufiger als Männer. Die Lebenserwartung ist heute in der Regel nicht mehr eingeschränkt und durch eine früh einsetzende und konsequente immunmodulierende Therapie (Beta-Interferone, Glatirameracetat, Immunsuppression etc.) gut behandelbar.
Die Entzündung schädigt zunächst die fetthaltige Hülle, die die Nerven umgibt. Das kann bis zum Absterben einzelner Nervenfasern führen. Die Schädigungsstellen heißen »Entmarkungsherde« (Plaques) und können an verschiedenen Orten im Gehirn und Rückenmark auftreten. Aufgrund dieser Herde kann der Nerv seine Impulse nicht richtig weiterleiten und so Muskeln nicht mehr richtig steuern oder Sinnessignale übermitteln. Je nachdem, welcher Nerv geschädigt ist, fallen unterschiedliche Körperfunktionen aus. Daher können die Krankheitszeichen bei jedem Patienten unterschiedlich sein, und es heißt auch ziemlich treffend, Multiple Sklerose sei die Krankheit mit den 1000 Gesichtern.
Das autonome Nervensystem regelt im Organismus komplizierte Körperfunktionen, die sich weitgehend einer willkürlichen Steuerung entziehen. Wichtige Organe, die durch das autonome oder vegetative Nervensystem gesteuert werden, sind Herz, Lunge, Verdauungstrakt, Blase und Sexualorgane, Leber und Nebennieren, aber auch die Weit- oder Engstellung der Gefäße oder der Pupillen, und körperliche Phänomene wie Schmerzen, Schlaf oder Müdigkeit. Eine zentrale Rolle in der Steuerung dieser Funktionen haben hierbei Schaltstellen des so genannten sympathischen und parasympathischen (zentralen und peripheren) Nervensystems, die die vegetativen Funktionen entweder verstärken oder bremsen.
Es gibt keine festen Regeln dafür, welche Symptome ein Patient im Verlauf eines Schubes bzw. seiner Erkrankung bekommt. Jedoch sind Störungen des autonomen Systems bei der MS außerordentlich häufig. Mögliche Folgen sind Sehstörungen, Empfindungsstörungen, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Sprachstörungen, Gangunsicherheiten, Kraftminderung, Koordinationsstörungen, Zittern, Spastik, schnelle Ermüdbarkeit (Fatigue), Schwindel, Schmerzsyndrome (wie Trigeminusneuralgie), Lähmungen, Störungen der Blasenfunktion, der Stuhlentleerung, der Sexualität, der Temperaturempfindung oder der Merk- und Konzentrationsfähigkeit (kognitive Einschränkungen).
Bei über 80 Prozent der Patienten beginnt die MS schubweise (schubförmiger Verlauf) mit mehr oder weniger ausgeprägten neurologischen Störungen. Die Schübe entwickeln sich innerhalb von wenigen Tagen oder ein bis zwei Wochen. Nach einigen Tagen bis Wochen bilden sich die Symptome wieder zurück – entweder vollständig oder teilweise. Im letzteren Fall hinterlässt der Schub einen dauerhaften Schaden. Der Abstand zwischen zwei Schüben ist sehr unterschiedlich und nicht vorhersagbar. Schübe treten aber zu Beginn der Erkrankung vermehrt auf.
Bei ca. 40 Prozent der Patienten mit schubweisem Verlauf kommt es nach rund zehn Jahren zu einer schleichenden Zunahme der Krankheitssymptome (sekundär progredienter Verlauf).
Nur knapp 20 Prozent der Patienten hat keine Schübe (primär progredienter Verlauf). Bei ihnen verläuft die Erkrankung von Anfang an langsam fortschreitend.
Von einem Schub sprechen Neurologen, wenn sie bei einem Patienten neurologische Ausfälle feststellen, die mindestens 24 Stunden anhalten, mit mindestens 30 Tagen zeitlichem Abstand zu vorausgegangenen Schüben auftreten, und nicht durch Änderungen der Körpertemperatur oder im Rahmen von Infektionen erklärbar sind.
Am Anfang der Diagnostik stehen das Gespräch mit dem Patienten und eine genaue körperliche Untersuchung.
Der Arzt fragt, ob in der Vergangenheit Symptome aufgetreten sind, die für MS sprechen könnten. Die Art der Symptome, ihr Beginn und Verlauf tragen dazu bei, die Diagnose zu stellen. Um andere Ursachen für die neurologischen Ausfälle auszuschließen, fragt der Arzt auch nach Vorerkrankungen, z. B. einer Gehirnhautentzündung oder einer Maserninfektion.
Bei der neurologischen Untersuchung prüft der Arzt verschiedene Funktionen, die das Gehirn oder das Rückenmark steuern. Dazu gehören u. a. Seh- und Tastfunktionen, Bewegung, Koordination, Blasenfunktion, Reflexe und Gedächtnisfähigkeit.
Zu den wichtigsten technischen Verfahren zählen, neben weiteren Untersuchungen, vor allem die Kernspintomografie und die Nervenwasseruntersuchung.
Die MRT liefert mittels Magnetfeldern detaillierte Bilder von Gehirn und Rückenmark. Darauf kann der Arzt die Stellen erkennen, welche die Krankheit geschädigt hat. Die kontrastmittelverstärkende Substanz Gadolinium macht die Krankheitsherde noch besser sichtbar. So kann der Arzt die Größe, die Anzahl und die Verteilung der MS-Plaques beurteilen. Häufig genügt es, eine MRT des Gehirns anzufertigen. Eine Untersuchung des Rückenmarks erfolgt in der Regel nur, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass die Krankheit auch hier Nerven geschädigt hat. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den im Kernspin sichtbaren MS-Herden und den Symptomen, die der Patient verspürt, ist jedoch nicht bewiesen.
Gehirn und Rückenmark sind von einer Flüssigkeit umgeben, die Liquor genannt wird. Ein wenig davon entnimmt der Arzt zur Diagnostik aus dem Wirbelkanal. Diese wird auf Veränderungen untersucht, wie sie bei MS häufig sind. Zum Beispiel ist es wichtig festzustellen, welche Entzündungszellen in welcher Anzahl im Liquor auftreten. Außerdem wird die Konzentration verschiedener Entzündungseiweiße bestimmt. Auch wird festgestellt, ob evtl. ein Zusammenhang mit bestimmten Krankheitserregern besteht, wie beispielsweise Masern- und Röteln-Viren, die das Nervensystem angreifen.
MS ist die zweithäufigste neurologische Erkrankung, die leider bis heute nicht heilbar ist. Weltweit leiden rund eine Million Menschen daran. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland rund 120 000 Betroffene leben. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs ist eine große Belastung. Niemand weiß genau, warum und wodurch MS ausgelöst wird; es gibt also keine Antwort auf diese Frage. MS ist jedoch nicht ansteckend, verläuft nicht tödlich und führt nicht zwangsläufig zu einem »Leben im Rollstuhl« – wie oft gedacht wird.
Zur ursächlichen Behandlung der MS steht gegenwärtig noch kein Wirkstoff zur Verfügung. Oberstes Ziel aller therapeutischen Maßnahmen stellen deshalb Bemühungen dar, die Selbstständigkeit der Patienten zu erhalten und eine angemessene Lebensqualität zu sichern.
Um das Rätsel MS zu lösen, wird weltweit und intensiv geforscht. Auch wenn Ärzte und Wissenschaftler bereits viel darüber wissen, was bei einer MS passiert, ist die letzte Ursache für die Erkrankung immer noch weitgehend unbekannt. Zudem verläuft die Krankheit von Patient zu Patient unterschiedlich. Eines aber ist sicher: Die Krankheit ist inzwischen in den meisten Fällen gut therapierbar.
Es ist nicht angenehm, ständig zur Toilette zu müssen. Und noch unangenehmer ist es, seinen Urin nicht halten zu können. Ungewollter Harnverlust oder Inkontinenz ist ein Problem, das viel komplexer ist als nur das der belächelten »Sextanerblase«.
Bei der neurogenen Blasenfunktionsstörung spricht man auch von der ungehemmten neuropathischen Blase. Die Ursachen sind Krankheitsbilder, bei denen die Impulsüberleitung vom Gehirn über das Rückenmark zur Blase gestört ist, also neurologische Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems wie MS). Der Verdauungstrakt wird über dieselben Nervenbahnen gesteuert. Somit kann auch die Stuhlausscheidung betroffen sein. Neurogene Blasenstörungen sind leider nur schwer zu behandeln. Die Verwendung eines Inkontinenzschutzes bzw. -hilfsmittels gewährleistet jedoch, dass das tägliche Leben nicht unnötig beeinträchtigt wird.
Kontrolliertes Wasserlassen setzt voraus, dass die Nervenbahnen im Rückenmark, die das Gehirn und das Entleerungsreflexzentrum verbinden, unversehrt sind. Das Entleerungssignal des Gehirns sorgt dafür, dass der Schließmuskel erschlafft, der Befehl »Warten« wiederum, dass der Schließmuskel geschlossen (angespannt) bleibt. Bei MS-Betroffenen können die hierfür erforderlichen Nervenbahnen gestört oder unterbrochen sein. Dadurch wird die Weiterleitung von Nervenimpulsen behindert und eine kontrollierte und koordinierte Blasenentleerung ist nicht mehr möglich.
Blasenfunktionsstörungen bei MS:
sind sehr häufig!treten bei 10 Prozent im Rahmen des ersten Schubes auf.treten bei 50 bis 80 Prozent im weiteren Krankheitsverlauf auf.führen schnell und oft zu sozialer Isolation.können zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.gefährden medizinisch (bakterielle Infektionen, Blasenentzündungen, Nierenerkrankungen) durch hohen Restharn oder Reflux (Rückfluss)!sind jedoch nach Typisierung gut behandelbar!Die Folge sind verschiedene Probleme und Symptome unterschiedlicher Ausprägung, die auch kombiniert vorliegen können. Die Betroffenen beklagen vor allem Anzeichen einer Reizblase wie häufigen und imperativen (überfallartigen, plötzlich auftretenden, zwingenden) Harndrang. Sie müssen dauernd auf die Toilette und haben eine vollständige Blasenentleerung. Oder sie leiden unter Inkontinenz (Unvermögen, den Urin zurückzuhalten) und Einnässen und spüren wenig von ihrer Blasenentleerungsstörung. Es kann auch zu einer verzögerten Blasenentleerung wie Starthemmung, Entleerung kleiner Urinmengen, Nachträufeln und Restharnbildung sowie nächtlichem Wasserlassen kommen.
Die Blase ist beim MS-Patienten neben den Augen das erste Organ, an dem sich die Erkrankung äußert. Neurogene Blasenfunktionsstörungen sind in zwei Prozent der Fälle alleiniges Erstsymptom und bei ca. 10 Prozent wesentlicher Teil der Erstsymptomatik. Nach einer Erkrankungsdauer von zehn Jahren haben mehr als zwei Drittel der MS-Betroffenen begleitend Blasenfunktionsstörungen. Diese zählen zu den am stärksten behindernden MS-Symptomen.
Aber nicht alle Blasenfunktionsstörungen sind ursächlich und/oder ausschließlich auf die MS zurückzuführen. Daher sollten auch andere Ursachen in Betracht gezogen werden, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Für die Diagnose sind oft neurologische und urologische Spezialuntersuchungen erforderlich. Auch gibt es bundesweit urologische Zentren mit dem Schwerpunkt »Neurourologie«.
Neurogene Blasenfunktionsstörungen haben vielfältige Ursachen, je nachdem wo die Störung im Nervensystem sitzt. Wenn man bedenkt, dass die Blasenfunktion auf drei Stufen im zentralen Nervensystem reguliert wird, die miteinander in Verbindung stehen (dem Frontallappen, dem Miktionszentrum in der Brücke des Hirnstamms und dem Miktionszentrum im Sakralmark), ist dies nicht verwunderlich. Blasenfunktionsstörungen bei MS gehen meist auf eine Rückenmarksbeteiligung (spinale Läsionen) zurück. Sie sind daher oft auch mit Sexualfunktionsstörungen und Pyramidenbahnsymptomen wie Schwäche und Spastizität verbunden. Dabei besteht eine enge Beziehung zwischen dem Schweregrad der Blasenfunktionsstörung und dem Ausmaß der spastischen Paraparese (inkomplette Lähmung der Beine).
HINWEIS
Wichtig ist, dass ein Harnweginfekt als häufigste Ursache einer Blasenfunktionsstörung ausgeschlossen ist!
Ursache der neurogenen Blasenfunktionsstörungen ist nicht eine Schwäche des Schließmuskels (wie häufig im Alter), sondern eine Eigentätigkeit (Reflex) des Blasenmuskels, die zu nicht unterdrückbarem Urinverlust führt. Diese Fehlsteuerung wird auch »spastische Blasenlähmung« genannt. Der Blasenmuskel kann entweder zu aktiv oder zu schwach sein. Dasselbe gilt für den Blasenschließmuskel.
Zerebrale Läsionen und Rückenmarkläsionen oberhalb des sakralen Miktionszentrums finden sich bei MS, Apoplex, Morbus Parkinson oder Polyneuropathie. Sie führen zu mangelnder zentraler Unterdrückung des Miktionsreflexes. Die Folge sind eine spastische Blase mit imperativem Harndrang, Pollakisurie (erhöhte Miktionsfrequenz), Nykturie (vermehrtes Wasserlassen in der Nacht) und Dranginkontinenz. In diesen Fällen liegt oft auch eine inkomplette Blasenentleerung mit zunehmender Restharnbildung bis zu einem chronischen Harnverhalt vor, ggf. mit Überlaufinkontinenz.
Steuerung der Harnentleerung. Sie erfolgt über Druckrezeptoren in der Blasenwand, die über ein spinales und zentrales Miktionszentrum gesteuert werden.
Es gibt drei Formen neurogener Blasenfunktionsstörungen. Welche Art vorliegt, hängt davon ab, welche Nerven und damit welche Blasenmuskeln betroffen sind. So ist eine unkontrollierte Blasenentleerung ebenso möglich wie eine unkoordinierte. Auch eine schlaffe Blase, die sich kaum oder nicht mehr entleeren lässt, kann auftreten. Aufgrund der unterschiedlichen Läsionsarten in den kortikalen, subkortikalen und spinalen Miktionszentren sowie der Unterbrechung der verschiedenen Regelkreise kann es zu den nachfolgend näher dargestellten neurogenen Blasenfunktionsstörungen kommen.
Für den Patienten ergeben sich allerdings aus allen drei Störungen zwei Hauptprobleme: Zum einen der unwillkürliche Harnabgang und zum anderen ein erhöhtes Risiko von Harnweginfektionen. Beim Auftreten von rezidivierenden Harnweginfekten sollten andere Ursachen (z. B. Nierensteine, Blasensteine, unzureichende ruhiggestellte Blase) ausgeschlossen werden.
Formen der neurogenen Blasenfunktionsstörungen.
Bei dieser Blasenfunktionsstörung (auch Dranginkontinenz, neurogene Detrusor-Hyperaktivität oder spastische Blase) geht das Gefühl dafür verloren, wann die Blase voll ist. Ursache sind Leitungsstörungen des Gehirns oder eine Schädigung des Rückenmarks, die durch Erkrankungen oder Verletzungen hervorgerufen werden. Es kommt zum Verlust der Kontrolle über die Blasen- und Schließmuskelfunktion sowie den Harndrang. Die Folge: Eine plötzliche Blasenentleerung.
Die »hyperaktive« Blase ist die häufigste Blasenfunktionsstörung. Ein unwillkürlicher Urinverlust tritt auf, wenn der Druck, der in der Blase vorliegt, den Druck des Harnröhrenverschlusses übersteigt. Dabei kommt es oft schon bei geringem Füllvolumen (100 bis 200 ml) der Blase zu spontanen, unwillkürlichen Kontraktionen der Blasenwand. Die Symptome sind häufiges Wasserlassen tagsüber und nachts, schnell auftretender Harndrang, unwillkürlicher Urinverlust bei nicht sofortigem Gang zur Toilette.
Die Detrusor-Hyperreflexie kann bei MS phasenweise verstärkt mit deutlich erhöhter Miktionsfrequenz auftreten – mitunter stündlich, auch mehrmals nachts! –, sich aber spontan wieder weitgehend normalisieren – ähnlich anderen MS-Symptomen.
Die spastische Blase kann außerordentlich lästig sein. Viele Patienten haben Hemmungen, öffentliche Veranstaltungen (wie Theater oder Konzerte) zu besuchen, bei denen ein Gang auf die Toilette störend wirken würde. Darüber hinaus ergeben sich für weibliche Betroffene naturgemäß besondere Handicaps. Einem Mann fällt es im äußersten Notfall leichter, unterwegs unbemerkt ein »stilles Eckchen« zu finden.
Aus Angst vor Urinverlust löst der Betroffene immer häufiger Wasser, was die Speicherkapazität der Blase künstlich reduziert. Als praktische Hilfe empfiehlt sich eine gute Inkontinenzeinlage. Sie mildert Angst vor Urinabgang.
Wer unter einem dieser Probleme leidet, trinkt oft aus Angst vor unwillkürlichem Harndrang zu wenig. Dies sollte unbedingt vermieden werden – denn eine ausgeglichene Flüssigkeitszufuhr ist wichtig für den Körper. Nierensteine oder chronische Nierenschädigungen können sonst die Folge sein. In leichten Fällen reicht es manchmal aus, die Trinkgewohnheiten anzupassen: Alkoholische und koffeinhaltige Getränke (Kaffee, schwarzer Tee, Cola) sollten gemieden werden, da sie zu vermehrter Harnausscheidung führen und so den Harndrang noch verstärken.
Die Detrusor-Hyperreflexie ist zwar lästig, medizinisch aber weitgehend unbedenklich! Denn die Blase entleert sich noch vollständig, es bleibt kein gefährdender Restharn zurück. Da die Dehnungsfühler der Blasenwand geschwindigkeitsabhängig reagieren, sind große Trinkportionen auf einmal zu vermeiden und die Trinkgewohnheiten zu ändern. Die tägliche notwendige Trinkmenge von etwa 1,5 bis 2 l sollte kontinuierlich über den ganzen Tag auf kleine Portionen verteilt werden, um das Blasenfassungsvermögen bis zur ersten Wahrnehmung des Harndrangs zu erhöhen.
Durch den so genannten »Blasendrill« kann die Blase auch zu einer regelmäßigen planmäßigen Entleerung erzogen werden, z. B. beginnend pünktlich alle drei Stunden. Später sollten die Intervalle verlängert werden. Die Einleitung der Miktion kann hierbei versuchsweise durch mechanische Reize, z. B. Beklopfen der Blasenregion, erfolgen.
Da auch ein erhöhter Spannungszustand der Beckenbodenmuskulatur zu einer Dämpfung des Blasenaustreibungsmuskels führt, kann auch gezielte Beckenbodengymnastik die gestörte Blasenentleerung positiv beeinflussen.
Im Vordergrund einer erfolgreichen Behandlung der Detrusor-Hyperreflexie steht heute die medikamentöse Therapie. Hierbei werden vornehmlich Medikamente eingesetzt, die dämpfend auf das parasympathische Nervensystem einwirken (so genannte Parasympathikolytika) und beabsichtigen, die Eigentätigkeit des Blasenmuskels weitgehend zu hemmen. Zu den gebräuchlichsten Wirkstoffen zählen Oxybutynin, Trospiumchlorid oder Tolterodin. Naturgemäß haben Medikamente dieser Art aber auch Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Neigung zu Darmträgheit, Erschwerung der Naheinstellung des Auges beim Lesen, Pulsbeschleunigung. Durch das jetzt größer werdende Füllungsvolumen der Blase kann es jedoch zu unvollständiger Blasenentleerung kommen und es bildet sich ein neues Problem – Restharn! Erhöhte Restharnmengen können aber medizinisch bedenklich sein. Daher muss unter einer Detrusor medikamentös dämpfenden Therapie in gewissen Abständen (anfangs wöchentlich, später monatlich) durch Ultraschalluntersuchungen der Restharn überprüft werden. Unter Umständen muss die Blase auch zeitweilig durch Selbstkatheterismus (ISK) entleert werden. Restharnmengen unter 100 ml gelten heute weitgehend noch als unbedenklich.
Das Führen eines Miktionsprotokolls (siehe → Seite 45) erlaubt es, die Abnahme der Miktionsfrequenz genauer zu betrachten. Hierzu wird z. B. auf einem 24-Stunden-Kalenderblatt jeweils für jeden Miktionsvorgang ein Strich gemacht. Über einen längeren Zeitraum ist dann ersichtlich, ob die Anzahl der Striche und somit die Miktionsfrequenz tatsächlich unter der medikamentösen Dämpfung abnimmt.
Falls diese medikamentöse Therapie nicht den gewünschten Effekt haben sollte, werden zeitweilig Inkontinenzhilfen notwendig, vor allem außerhalb der Wohnung. So benutzen viele Frauen Vorlagen oder gar Windeln. Männer legen ein Kondomurinal mit Auffangbeutel an. Auch für Frauen wurden inzwischen Auffangsysteme in Form von Silikon-Urinalen entwickelt, die wie ein Tampon in die Scheide eingeführt und durch ein Spezialhöschen fixiert werden. Vielfach schützen diese Systeme jedoch nicht immer zuverlässig vor Inkontinenz. Auch können Vorlagen und Windeln zu Hautreizungen oder Entzündungen führen, Kondomurinale zu örtlichen Druckschädigungen am Penisschaft.
Eine Dauerableitung, z. B. ein transurethraler Dauerkatheter, sollte bei dieser Form der Blasenfunktionsstörung vermieden werden.
Empfehlungen:
Trinkgewohnheiten ändern: 1,5 bis 2 l Flüssigkeit über den Tag verteilt trinkenBlasentraining (»Timed Voiding«): Regelmäßiger Toilettengang alle drei StundenEvtl. Einleiten des Miktionsvorganges durch leichtes Beklopfen der BlasenregionInkontinenzhilfen: Vorlagen oder KondomurinaleMedikamentös: Parasympathikolytika Wirkmechanismus: Hemmung der Detrusor-AktivitätTherapiekontrolle: Restharnmessung, MiktionsprotokollEine Fisteldrainage oberhalb der Schambeinfuge (suprapubischer Fistelkatheter, SFK) erfüllt oft nicht den gewünschten Zweck der Kontinenz. Da der Auslasswiderstand der Blase bei der reinen Detrusor-Hyperreflexie (bei der meist noch keine Beckenbodenspastik vorliegt), in der Regel nicht erhöht ist, bleiben viele Patienten, die mit einem SFK versorgt werden, nicht immer verlässlich »trocken«. Eine partielle Verlegung des sehr dünnen Zystofix-SFK's, eine »Verdrehung« des Katheters, eine momentan ungünstige Platzierung der inneren Katheteröffnung (z. B. in einer Schleimhautfalte der Blase) oder eine zusätzliche entzündliche Blasenreizung führen zu unerwünschtem Urinabgang über die Harnröhre.
Hinter dem griechisch-lateinischen Wort Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD) verbirgt sich eine gestörte Koordination zwischen der Blasenaustreibungsmuskulatur und dem muskulären Harnröhrenverschlussmechanismus (Sphinkter).
Äußert sich die Detrusor-Hyperreflexie vor allem zu Beginn der MS-Erkrankung als häufigste Blasenfunktionsstörung, wird mit zunehmender Krankheitsdauer und Schwere der Behinderung die zweite Form der Blasenfunktionsstörung, die Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, zunehmend häufiger und im Krankheitsverlauf zur häuf igsten Blasenfunktionsstörung bei MS. Sie entwickelt sich insbesondere als Folge von Entmarkungsherden im Rückenmark. Diese Rückenmarksherde führen sehr oft auch zu spastischen Lähmungen im Bereich der Beine und der Muskulatur des Beckenbodens. Eine zunehmende Füllung der Blase verstärkt diese Spastik. Spätestens jetzt sollte eine genaue urologische Abklärung erfolgen.
Zu Beginn der aktiven Austreibungsphase kommt es normalerweise zu einer unwillkürlichen Erschlaffung des Beckenbodens und damit sämtlicher muskulärer Verschlüsse der Harnröhre. Bei der DSD ist das Zusammenspiel zwischen Zusammenziehen der Blasenwand-Muskulatur und Öffnen des Harnröhren-Schließmuskels gestört. Die Blase wird nicht richtig entleert, da sich keine ausreichende Öffnung des Verschlussapparates zur Blasenentleerung findet. Dies führt dazu, dass die komplette Blasenentleerung auch bei normalem Detrusordruck nicht möglich ist. Die Patienten können nur noch ungenügend Wasserlassen oder der Wasserstrahl stoppt plötzlich, obwohl die Blase noch nicht vollständig entleert ist.
Die andauernde Überdehnung der Blase führt zum einen dazu, dass diese immer weniger auf den Füllungsdruck anspricht. Es kommt quasi zu einer Gewöhnung und die Störungen nehmen zu. Zum anderen stellt der Restharn ein großes Risiko für Harnweginfektionen dar. Was hat dies für Konsequenzen? Es kann sich ein regelrechter Harnverhalt entwickeln. Dies führt bei Patienten mit spastischer Beinlähmung und DSD zu den häufigsten MS-Komplikationen und ist medizinisch durch die Gefahr der Urosepsis (Blutvergiftung durch aufsteigenden Harnweginfekt) außerordentlich gefährdend. Hier entwickelt der MS-Betroffene ohne begleitenden Erkältungsinfekt der oberen Luftwege plötzlich Schüttelfrost und hohes Fieber. Dies wird oft als MS-Schub verkannt.
Weshalb sollte bei Harnverhalt sofort ein Arzt aufgesucht werden?
Falls es zu einem Harnverhalt kommt, d. h. die volle Blase sich überhaupt nicht mehr entleeren lässt, können schwerwiegende Komplikationen bis hin zum lebensgefährlichen Nierenversagen drohen, so dass umgehend ärztliche Hilfe erforderlich ist.
Durch eine einfache Untersuchung (Klopfschalluntersuchung des Unterbauches) kann schnell festgestellt werden, ob die Blase bis »unter den Nabel« prall gefüllt ist. Dann ist sofortiges ärztliches Handeln im Sinne einer fraktionierenden (portionsweisen) Entleerung der Blase durch Katheterismus notwendig. Nicht selten entleeren sich hierbei 1,5 – 2 l Urin aus der Blase. Gewöhnlich wird der Katheter durch die Harnröhre in die Blase eingeführt, bei Problemen durch einen Bauchschnitt direkt über dem Schambein.
Befindet sich die Blase durch extrem hohe Restharnmengen ständig in überdehntem Zustand, verliert sie einen Teil ihrer Elastizität und Kontraktionsfähigkeit und ist kaum noch in der Lage, sich vollständig zu entleeren. Dadurch besteht erst recht die Gefahr einer ständig erhöhten Restharnbildung.
Die Senkung des Restharns kann dadurch erreicht werden, dass in der Austreibungsphase des Urins die Blase durch den Handballen noch zusätzlich ausgedrückt wird. Bei stark übergewichtigen Patienten oder bei eingeschränkter Gebrauchsfähigkeit der Arme durch Lähmungen, Spastik oder Ataxie ist diese Methode nur begrenzt möglich. Andererseits können bei unsachgemäßem und zu hohem körperlichem Krafteinsatz Verletzungen an Blase und Harnröhre eintreten oder leicht Blaseninnendrucke erreicht werden, die den Urin nicht wie gewünscht he raustreiben, sondern regelrecht nierenwärts drücken. Es kommt zum gefährlichen Reflux, dem Zurückfließen des Urins aus der Harnblase durch die Harnleiter ins Nierenbecken.
Die eleganteste und sicherste Methode, einer Restharnbildung in der Blase zu begegnen – und gerade bei der DSD die Methode der ersten Wahl – ist der tägliche ISK. Hierzu gibt es von der Industrie spezielle Einmal-Sets. Selbstkatheterismus muss unter Anleitung eines Urologen oder einer urologischen Fachpflegekraft sorgfältig erlernt werden. Leider ist der ISK unter MS-Betroffenen aufgrund der oft eingeschränkten Gebrauchsfähigkeit der Arme und Hände weit weniger verbreitet als bei unfallbedingten Querschnittspatienten. In einigen Fällen kann aber der regelmäßige Katheterismus auch von angelernten Hilfspersonen zu Hause vorgenommen werden.
Gelingt das intermittierende Katheterisieren auf Dauer nicht, stellt sich die Indikation zur suprapubischen Fistelableitung (SFK). Dies gilt auch, wenn konstante Restharnmengen über 150 ml messbar sind und gleichzeitig mehrmals im Jahr fieberhafte Harnweginfektionen mit notwendiger antibiotischer Therapie auftreten.
