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Innovation ist ein Wettlauf gegen Mitbewerber und gegen die große überall lauernde Unbekannte, die Überflüssigwerdung. Der Druck im Nacken, auch zu denen an der Spitze zu gehören, die schlaflosen Nächte, wenn man merkt, dass das Innovationsbestreben wieder mal vertagt worden ist, weil es, oberflächlich betrachtet, nicht drängt. Die Angst, dass man eines Morgens aufwacht, der Markt gekippt ist und man von heute auf morgen von einem 10 Personen Start-up aus einer Garage in Wanne Eickel überholt worden ist.
Dieses Buch hilft, aus einer anderen Perspektive auf das Thema Innovation zu blicken - und zwar auf allen Hierachieebenen und aus Sicht verschiedener Bereiche, in denen Innovationen eine Rolle spielen. Es beleuchtet, woran Innovation immer noch und immer wieder scheitert, obwohl alle notwendigen Techniken und Budgets aufgefahren wurden.
Lena Lührmann zeigt, was auf Bauch- und Kopfebene, zwischenmenschlich und haptisch passiert, wenn Menschen an Innovation denken oder sich damit befassen. Sie möchte so das Bewusstsein bei Führungskräften und Entscheidern in Unternehmen dafür wecken, was ihre Mitarbeiter in Sachen Innovation leisten oder auch nicht. Nur wenn die Leser sich selbst und ihr Unternehmen in dieser Hinsicht verstehen, werden sie in der Lage sein, aus allen wirklich großartigen Techniken die für sie passende herauszufinden. Anhand vieler "Aha-Momente" werden sie die im Buch beschriebenen Problematiken aus der Praxis in ihrem eigenen Unternehmen identifizieren und angehen können.
Ziel soll sein:
- Innovationsfähigkeitslevel beurteilen,
- Innovationchancen erkennen,
- Innovation mitmachen,
- Innovation beurteilen,
- Innovation leben, ganz natürlich aus dem Selbstverständnis des Unternehmens heraus.
Jedes Kapitel umfasst drei Aspekte, um sich dem Thema zu nähern: Key Aussagen, Fakten und Lösungen, persönliche Erlebnisse der Autorin.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
Print ISBN: 978-3-527-51106-8
ePub ISBN: 978-3-527-84139-4
Umschlaggestaltung: Susan Bauer
Coverbild: jozefmicic - stock.adobe.com
Cover
Titelblatt
Impressum
Grußwort
Intro
Oder: Warum dieses Buch vielleicht etwas anders ist, als Sie dachten
Warum dieses Buch?
Was haben Sie von diesem Buch?
Anmerkungen
Fähigkeiten
Fähigkeiten sind so viel mehr als Zeilen im Lebenslauf
Soziale Fähigkeiten und der Perspektivwechsel
Das Wissen, das keiner ernst nimmt
Vorhandenes sichtbar machen
Die 360°-Skill-Sammlung
Das springt für Ihr Unternehmen dabei heraus
Welche Fähigkeiten braucht es sonst noch?
Die Lösung ist himmelschreiend simpel, wenn man die Maskerade ablegt
Aus dem Leben: Ferdi
Anmerkungen
Kosten
Investitionen und Emotionen
»Wissen wir jetzt noch nicht« als professioneller Parameter
Schätzwerte in schickem ROI-Gewand
Beiße niemals die Hand, die dich füttert
Jede Innovation muss was bringen, oder?
Zu wissen, wie man es macht, ist nicht schwer – schwer ist nur, es zu machen
Innovationsbudgets sinnvoll aufsetzen
Aus dem Leben: Robert und das Risiko
Anmerkungen
Führung
Noch einmal jammern, meckern, fluchen, dann gucken wir nach vorne
Als Führungskraft eines Innovationsteams ist man nicht mehr Chef, sondern Coach
Verwalten, Ermöglichen, Machen
Führen auf Distanz
Aus dem Leben: Hanno und Marion
Notiz
Digitalkultur
Ihre IT ist das Metaverse Ihres Unternehmens
Digitalisierung und die Bedeutung für Innovation
Homeoffice – ein Kopfschmerzthema?
Der Mensch im Fokus
Digitale Welten gestalten
Die Krux mit dem Lastenheft
Wissen, was der Markt hergibt
Wie Ihre IT und deren Nutzung Ihre Unternehmenskultur beeinflusst
Wie der Mensch, so die IT
Aus dem Leben: Schlimmer geht immer – ein Alptraum aus Einsen und Nullen
Anmerkungen
Kreativität & Inspiration
Kreativ-Wüste
Rosinen picken
Inspirationen als Lösungen verstehen
Aus dem Leben: Kreativ bis zum eigenen Gartenzaun
Loslassen
Anmerkungen
Struktur, Prozesse, Kultur und Methoden
»Was für ein Chaos – wir brauchen Struktur!«
Gut gemeint ist nicht gut gemacht – gelebte Praxis im Mittelstand
Von der Struktur zu den Prozessen
Kultur und ihre Wirkung auf Strukturen und Prozesse
Das Zusammenspiel aus Struktur, Prozess, Kultur ergibt eine wunderschöne Melodie – aus vergangenen Zeiten
Fast forward: Das digitale Zeitalter – Transformation – Disruption – Besorgnis – Marktanteilverlust – Panik!
Aus dem Leben: Strukturelle Steine im Weg
Anmerkungen
Menschen
Der Mensch – ein kleiner Reminder
Menschen formen ihre Umgebung
Der Mensch wirkt: Wie stark, wird manchmal erst viel später klar
Menschen wirken – immer – auf die Umwelt und in Unternehmen
Menschen sind der Kern eines Unternehmens
Individualität
Andersartigkeit der Menschen als Chance verstehen
New Work – nebenbei mit erledigt
Fachkräfte – mit fairen Waffen in den Kampf um Mitarbeiter ziehen
Aus dem Leben: Heino und Rio
Anmerkungen
Mindset
Innovation beginnt mit aufrichtigem Wollen
Was ist Mindset?
Mindset macht Sinn
Wo und wie nimmt das Mindset Einfluss im Unternehmen?
Udemy, Youtube, LinkedIn Learning, Business School und Co.
Die liebe Fehlerkultur und das Mindset
Unser Mindset muss sich dringend ändern – sonst werden wir global abgehängt
Behalten, was heute immer noch gut ist – und radikal ändern, was besser geht
Aus dem Leben: Ruba
Anmerkungen
Ein Ende ist ein Anfang
Literaturverzeichnis
Die Autorin
Danksagung
End User License Agreement
Cover
Titelseite
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Grußwort
Fangen Sie an zu lesen
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Die Autorin
Danksagung
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»Wenn man an einen Punkt gelangt, an dem keiner mehr weiß, wie es weitergeht – dann weiß man: Da ist vorn!« Es ist dieser eine Satz, den Lena Lührmann und ich uns in unserer langjährigen Zusammenarbeit immer wieder gegenseitig gesagt haben. Um uns Mut zu machen, wenn wir ratlos waren. Um uns Orientierung zu geben, wenn es zu viele Optionen gab. Und manchmal auch einfach nur als Erklärung dafür, warum es gerade nicht so schnell voranging, wie wir das vielleicht wollten.
Als ein typischer Vertreter der »Generation X« bin ich zwar analog aufgewachsen, hatte jedoch schon frühzeitig Kontakt zu den »neuen Technologien«. Zwar musste ich noch ein schnurgebundenes Festnetztelefon benutzen, doch über mein selbst zusammengelötetes »Datenklo« konnte ich schon 1985 zum ersten Mal über digitale Kommunikationstechnologien Kontakt zu Menschen aufnehmen, die tausende von Kilometern entfernt waren. Seitdem hat sich viel verändert. Aus den rund 300 bit/s Übertragungsgeschwindigkeit in 1985 sind 20 Milliarden bit/s über mein Mobiltelefon in 2020 geworden. Analoge Technologien wurden durch digitale ersetzt. Und beinah alles, was mich schon als Kind bei Raumschiff Enterprise (Star Trek) zum Staunen brachte, ist heute Wirklichkeit: Videotelefonie, mobile Telefonie, Universalübersetzer und Tablet PCs.
Heute leben wir in einer Welt, die mich immer noch zum Staunen zwingt. Exoskelette, die den Gelähmten helfen zu gehen, Werbespots, die von einem Computer erdacht wurden, und nicht zuletzt ein Computer, der mittels eines »God Moves« einen der besten Go-Spieler der Welt bezwingt (um kurze Zeit später von einem anderen Computer 100:0 besiegt zu werden). Technologie ist einfach der Hammer, und Technologie gepaart mit Kreativität ist schlichtweg unschlagbar!
Wenn Technologie dabei einen immer größeren Stellenwert einnimmt, heißt das, dass wir Kreativen in naher Zukunft überflüssig werden? Ist Innovation etwas, das irgendwie berechnet werden kann, die logische Folge einer Reihe von Datenverarbeitungsvorgängen? Sind Daten nicht nur das neue Öl, sondern Gold, Eisen, Sauerstoff und kinetische Energie gleichermaßen?
Ich glaube nicht. Trotz allem Fortschritt, trotz Design Thinking, Lean Startup und New Work liegt die Floprate bei Konsumgütern unangenehm konstant bei rund 85%. Trotz aller Inkubatoren, Acceleratoren und Company Builder, trotz allen Mentorings und Venture Capitals schaffen es nur die wenigsten Start-ups, mehr als drei Jahre zu überdauern – von Erfolg ganz zu schweigen. Allein das Copycat-Modell scheint zu funktionieren: Ob Schuhhändler, Essens-Lieferdienst, Shopping-Marktplatz oder Lebensmittel-Blitz-Lieferdienst – Kreativität scheint ausgedient zu haben. Stattdessen gilt »Kopieren und Vergrößern« als das neue Mantra. Wirklich erfolgreich ist erst die Kombination aus Daten und Gefühl, Kopf und Bauch, Technologie und Kreativität – eine Kombination, die ich in der Zusammenarbeit mit Frau Lührmann an ihr zu schätzen gelernt habe.
Was also soll ein neues Buch zum Thema Innovation? Wo es doch schon Nachschlagewerke mit über 500 Kreativitätstechniken gibt? Wissenschaftliche Anleitungen? Universitäre Kurse in Innovationsmanagement und Entrepreneurship?
Nun, es soll eine Lücke schließen und eine Brücke schlagen. Von der Ratio zum Bauchgefühl, von der Idee zum Test, von der Vision zur Wirklichkeit. Lena Lührmann legt mit diesem Buch einen Entwurf vor, der tatsächlich als Rohdiamant zu verstehen ist: Denn erst, wenn wir das Fundament und die Basis unseres innovativen Wirkens genau reflektieren und dann behutsam mit Sinn und Verstand schleifen, um seine innere Schönheit sichtbar zu machen, generieren wir echten Wert. Mehr-Wert!
In diesem Sinne: Lassen Sie sich inspirieren, so wie ich mich während unserer gemeinsamen Arbeit immer wieder habe inspirieren lassen!
Dirk Ploss, Innovation Professional,
im Herbst 2021
Auch wenn Innovation für jeden Menschen etwas anderes bedeutet, so denken viele dabei in erster Linie an Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren, künstliche Intelligenz, Automatisierungen und das Internet of Things (IoT). Diese Technologien werden spürbarer, weil sie nicht mehr nur in Testlaboren und der wissenschaftlichen Forschung existieren. Sie kommen immer mehr in der breiten Masse an: Fast jeder Fertighausanbieter stellt heute intelligente Haustechnik, Überwachung und Alltagshelfer zur Verfügung. Früher war Gartenarbeit ein entspannender, körperlicher Ausgleich zum Berufsalltag. Heute kauft man sich genauso selbstverständlich im Baumarkt den Rasenmähroboter wie früher den Spaten. Fast jedes Logistikunternehmen setzt auf Daten und Automatisierung statt Manpower, dabei sind Verkehrsüberwachung und Stauprognosen, chaotische oder auch dynamische Lagerhaltung nur die Spitze des Eisbergs.
Innovation begegnet einem überall – im Großen wie im Kleinen. Für viele bieten sich nie dagewesene Chancen, aber was ist mit denen, die dieser Innovationsdruck vor allem in Zugzwang bringt? Denen, die gar nicht oder nur vage wissen, wo sie anfangen sollen? Wer über Innovation spricht, darf die Disruption nicht vergessen. Disruption ist ein Prozess, bei dem eine Innovation ein bestehendes Geschäftsmodell ablöst oder sogar einen gesamten Markt regelrecht zerschlägt. Vor allem auf mittelständische Traditionsunternehmen kann dieses Phänomen des Digitalisierungszeitalters enormen Druck ausüben. Wir leben in einer Zeit, in der ein Zehn-Personen-Start-up aus einer Garage in Wanne-Eickel mit einer guten Idee und digitalen Ansätzen ein mehrere tausend Mitarbeiter umfassendes Traditionsunternehmen in arge Bedrängnis bringen kann. Laut einer Studie aus 2019 sehen sich 94% der Unternehmen von Disruption betroffen und versuchen ihre Prozesse und Unternehmensmodelle anzupassen, um mit den neuen Entwicklungen mitzukommen.1 Mehr als 60% der Unternehmen seien aber absolut nicht darauf vorbereitet, den Entwicklungen strategisch zu begegnen. Während 99% aller Unternehmen bisher verstanden hätten, dass sie sich in irgendeiner Form digitaler aufstellen müssen, und erste Schritte unternommen haben, hätten bisher nur 10% aller Unternehmen eine wirkliche Transformation hinter sich gebracht, die sie fit für die Zukunft macht.
Innovation können Sie als Chance, aber auch als Gefahr verstehen, je nachdem, auf welcher Seite Sie sich gerade befinden. Gestalten Sie aktiv mit, oder versuchen Sie der Entwicklung hinterherzurennen und bloß mit dem Kopf über Wasser zu bleiben?
Wenn Menschen über Innovationen sprechen, meinen sie oft unterschiedliche Dinge. Die 88-Jährige aus Alt Künkendorf in der Uckermark, die WhatsApp für sich entdeckt und per Videoanruf vom Biedermeiersofa an der Einschulung ihres Urenkels in North Carolina teilnehmen kann, nimmt sich selbst in einem sehr innovativen Kontext wahr.
Die Sachbearbeiterin eines Berufsverbandes, die auf einmal erlernt, dass sie pdf-Rechnungen nicht mehr ausdrucken, händisch kontieren und dann wieder einscannen muss, fühlt sich auch unglaublich innovativ. Sie nutzt eine Funktion, mit der sie das Gegenkonto digital aufschreiben kann, dadurch spart sie vier Arbeitsstunden pro Woche. Was für diese beiden Innovation bedeutet, ist für einen der größten Zukunftsvisionäre wie Elon Musik bei Neuralink2 ein alter Hut.
Diese unterschiedlichen Perspektiven zeigen: Innovation ist ein Spektrum. Es ist eine Perspektive und individuelle Notwendigkeit des Einzelnen, die ohne Kontext nicht bewertet werden kann. Irgendwo auf diesem Spektrum sind zwei Plätze: Der, an dem Sie JETZT GERADE stehen, und der, an dem Sie eigentlich stehen müssten, um für die Zukunft sicher aufgestellt zu sein.
Die wichtigste Frage ist also: Was ist Innovation für Sie und wieviel davon braucht Ihr Unternehmen? Welchen Platz auf diesem Spektrum sollten Unternehmen in Deutschland anstreben? Für das eine Unternehmen ist Innovation auf höchstem Niveau ein absolutes Muss, für das andere gelten Regeln der konservativen Tradition – beides hat seine Berechtigung und das Maß an Innovation vs. Tradition ist für jedes Unternehmen individuell. Ich halte es nicht nur aufgrund der Corona-Erfahrungen für zwingend notwendig, dass jedes Unternehmen innovativ sein kann, wenn es will oder dazu gezwungen wird – und zwar bestenfalls auch im Einklang mit Tradition, Herkunft und Historie. Unternehmer und Führungskräfte müssen befähigt werden, bewusste Entscheidungen zum Thema Innovation zu treffen. Diese müssen strategisch, bewusst und geplant getroffen werden, und zwar nicht erst dann, wenn es fünf vor zwölf ist. Das geht nur, wenn das Unternehmen insgesamt fähig zur Innovation ist. Ich habe erlebt, wie selbst die größten Unternehmen nach außen hin innovativ wirken und mit Innovations-Awards überhäuft werden. Innen drin sind die Strukturen aber so verkrustet, dass sie eine pragmatische und angemessene Implementierung von Innovation verhindern. Der Grund ist klar: Wollen und Können sind zwei verschiedene Sachen. Das Unternehmen war schlichtweg nicht fähig. Ich behaupte, dass schon einige, wenn nicht alle Traditionsunternehmen eine disruptive Idee hatten. Sie wurde nur nicht als solche erkannt, nicht verstanden, nicht genutzt und ist so an ihnen vorbei gezogen – und wurde im schlimmsten Fall einige Zeit später von einem Mitbewerber erfolgreich umgesetzt. Das Spektrum Innovation ist nicht immer groß und schillernd. Es beginnt im Kleinen vor der eigenen Unternehmens-Haustür und endet in der Disruption.
Es ist mir wichtig, nicht zu werten, auch wenn die eingangs genannten Beispiele von anderen Innovationstreibern sicherlich nicht mal als Innovation wahrgenommen werden würden. Sie sind schon ein großer Schritt auf der persönlichen Innovationsskala. Ich möchte damit herausstellen, dass Innovation nicht nur ein Wort oder eine Technologie ist. Innovation ist eine innere Einstellung aus einem Gemisch von Generationszugehörigkeit, Lebens- und Berufserfahrung, aus persönlicher Präferenz, Erwartungen und Haltung gegenüber Neuem und Veränderung sowie dem Grad an Bereitschaft, selbst Teil einer Veränderung zu sein.
Es ist nicht weit hergeholt, Innovation zu einer Sache Ihrer persönlichen Perspektive zu machen. Bedenken Sie all die unterschiedlichen Faktoren, die die Bedeutung und Wahrnehmung von Innovation beeinflussen. Aber natürlich möchte ich Ihnen meine persönliche Antwort auf die Frage nicht schuldig bleiben. Was für mich Innovation ist? Innovation ist Zukunftssicherung!
Jedes Unternehmen, das eine Dienstleistung oder ein Produkt anbietet, muss sich darüber Gedanken machen, welche Zukunftstechnologien und Entwicklungen sein Angebot ablösen könnten. Je früher Sie diese Überlegungen machen, desto besser können Sie darauf reagieren. Jeder Innovationsgedanke zählt – ob dieser nun nach rechts oder links vorne führt, spielt keine Rolle, Hauptsache, es geht vorwärts. Diejenigen, die für eine Innovation bereit sind, die diese nicht nur denken, sondern auch machen wollen und einfach loslegen, haben in jedem Fall mehr gewonnen als die, die blind für die Zukunft auf der Stelle treten. Stillstand macht dabei auch etwas mit den Unternehmensinhabern. Ihr Lebenswerk ist permanent in Gefahr. Das kann nicht nur auf der betriebswirtschaftlichen Ebene unangenehm sein, auch auf der emotionalen Ebene wird sich dieser Zustand einfach nur schlimm anfühlen!
Dies ist eine gute Stelle, um zu erklären, warum ich dieses Buch nicht in polierter Business-Sprache verfasst habe. Es ist ein erster notwendiger Schritt, meine Leser mit ihren eigenen Grenzen im Kopf zu konfrontieren. Es hat sich über Jahre eine Struktur in ihrer Wahrnehmung gebildet, die sie möglicherweise glauben lässt, dass Fachbücher besonders professionell klingen müssen. Eloquenz wird mit Kompetenz gleichgesetzt. Parkettsicherheit gilt als notwendig, um als fähig wahrgenommen zu werden. Die Sprache, in der wir uns im Business unterhalten, kann unbeabsichtigt eine Status-Maskerade werden. Wir beschäftigen uns dann mehr mit dem Verkaufen und Wirken und verschleiern den Blick auf den blanken Kern. Wir nutzen Wörter wie suboptimal, meinen aber ziemlich sicher, dass etwas bodenlos schlecht gelaufen ist. Wir sprechen lieber über Key-Performance-Indikatoren als über die Dinge, die wir bis Ende des Jahres gewuppt kriegen müssen. Ich sehe immer wieder Reportings auf 27 Seiten, die mehr aus aufgehübschter Rechtfertigung bestehen als aus brauchbaren, anwendbaren Lösungen. Die Frage, die mich auf der Suche nach dem logischen Kern der Lösung immer wieder beschäftigt, ist: Macht uns das jetzt besser oder ist das nur Kompetenz- und Rechtfertigungs-Geplänkel? Bringt es uns wirklich, wirklich vorwärts? Ich finde nein. Dieser ganze Business-Sprech lenkt eher vom Kern ab. Wir sollten Kompetenz wieder daran messen, was, wie, warum und wie schnell wir etwas schaffen, anstatt daran, wie schick und professionell wir und unser Reporting ausgesehen und geklungen haben. Wenn wir gnadenlos weglassen, was wir nicht aufrichtig brauchen, werfen wir monumentalen Ballast ab und nehmen ungeahnte Geschwindigkeit auf. Also verzichte ich darauf, einen Sachverhalt in drei polierten Sätzen professionell zu umschreiben, und bringe ihn lieber in seinem rohen Kern auf den Punkt. Falls Sie jetzt innere Widerstände und Spannungen spüren und überlegen, ob dieses Buch wirklich so eine gute Idee war: Gern geschehen! Im Laufe dieses Buches werden Sie bestimmt noch vor einigen gedanklichen Wänden Ihrer »Inside the Box-Denke« stehen. Jetzt ist die perfekte Gelegenheit, die erste Wand einzureißen und sich auf eine Veränderung einzulassen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
Dieses Buch bietet eine Sicht auf Innovationsbestreben in Unternehmen aus einer anderen und wenig bekannten Perspektive. Wenn wir uns ein Unternehmen als Gebäude vorstellen, so setzen viele Ratgeber zum Thema Zukunft und Innovation irgendwo in den oberen Stockwerken an – sie bauen von außen etwas an die Fassade dran, stülpen von oben etwas Schickes auf oder ändern einfach nur die Wandfarbe und meinen, damit würde Zukunftsarbeit dann schon gelingen. Dieses Buch nimmt Sie mit hinein in den Kern eines Unternehmens und allen voran zu den Menschen, die in diesem Unternehmen arbeiten. Ich spreche gerne von »Arbeiten am Fundament«, wenn wir die Chancen und Potenziale identifizieren, die sich ergeben, wenn man reflektiert und aufrichtig ganz genau hinschaut. Ich halte diese Betrachtungsweise für eine längst überfällige und dringend notwendige Perspektive, die ganz unten ansetzt, um ein stabiles Fundament für eine tragfähige Zukunft zu schaffen. Mit diesem Buch möchte ich Orientierung geben, denn aus meiner Sicht als Innovationstreiber ist erfolgreiches Zukunftsbestreben gar nicht so kompliziert, wie manche Sie glauben lassen möchten.
Massenhaft kommen Bücher zum Thema Innovation auf den Markt, Corona hat das noch befeuert. Der Hype Disruption führt zu wilden Aktionen, um besonders innovativ zu sein. Jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. Innovation ist ein Wettlauf gegen Mitbewerber und die überall lauernde große Unbekannte, die Überflüssigwerdung. Wir alle spüren den Druck im Nacken und wollen auch zu denen an der Spitze gehören. Wir haben schlaflose Nächte, denn das Innovationsbestreben ist wieder einmal vertagt worden. Das Alltagsgeschäft genießt absoluten Prioritätsstatus. Wir haben Angst, dass wir eines Morgens aufwachen und feststellen, dass der Markt gekippt ist. Dass wir von heute auf morgen von besagtem Zehn-Personen-Start-up aus einer Garage in Wanne-Eickel überholt wurden. Alles Gedanken, die noch vor 20 Jahren ketzerisch waren und von konservativen Unternehmenslenkern müde begähnt und arrogant belächelt wurden.
Ratgeber, Coaches, Unternehmensberatungen und Digitalisierungsmessen boomen. Sie wollen in diesen Zeiten Orientierung geben und Ihrem Unternehmen zeigen, wie Innovation geht. Dabei verlassen wir uns meist auf Techniken und Anwendungen. Welche Innovationstechnik oder -methode ist die richtige, welche Technologie löst mein Innovationsproblem? Methoden wie Scrum, Agile, Design Thinking u. v. m. sind eine tolle Sache und helfen manchen durchaus dabei, innovativer zu werden. Aber wir müssen aus 1001 Fachbegriffen auswählen: digitale Disruption, Bootstrapped, Prozessinnovation, Service Innovation, Start-up-DNA, KI, Automation, Bot, Kreativstrategien. Welcher zum Teufel bringt das Innovationsbestreben nach vorn? Ich schätze diese Techniken durchaus und es kommt vor, dass ich Teile davon in der Arbeit mit meinen Kunden einsetze. Aber warum gibt es überhaupt 555 Techniken zum Innovativ-Sein?3 Sie bauen auf der offenbar verbreiteten Schwäche auf, nicht ausreichend innovationsfähig zu sein. Die Techniken sind also unabdingbar, lösen aber das Grundproblem nicht: Warum sind wir überhaupt in die Position geraten, dass wir diese Techniken brauchen? Warum sind wir (Menschen, Abteilungen, Firmen) nicht von Natur aus innovativ genug und so unterschiedlich innovativ?
Es gibt sie nicht, DIE eine Technik. Bei allen Kunden erwartet mich ein anderes Level an Innovationswahrnehmung. Als Unternehmensberaterin knüpfe ich an diese an und baue darauf auf. Obwohl alle Kunden unterschiedlich sind, eint alle ein Zustand: NIEMAND kennt sein Innovationsfähigkeitslevel, weder im IST- noch SOLL-Zustand. Meistens ist ihnen noch nicht einmal bewusst, dass es dabei Unterschiede gibt. Das individuelle Innovationsfähigkeitslevel zu kennen, muss eine bewusste Wahrnehmung, eine Entscheidung, ein strategischer Punkt auf der Agenda eines jeden CEOs werden.
Dieses Buch ist keine reine Selbstverwirklichung meinerseits, sondern soll Ihnen helfen, aus einer anderen Perspektive auf Innovation zu schauen. Ich teile Erkenntnisse aus 15 Jahren »Ideenreichtum in Unternehmen umsetzen« aus allen Hierarchieebenen mit Ihnen und gebe Ihnen Einblicke, die in den oberen Etagen in Unternehmen viel zu selten ungefiltert ankommen. Im Laufe der Zeit sind mir mehrere Kronleuchter aufgegangen, woran es denn immer noch scheitert, obwohl wir alles Notwendige an Techniken und Budget auffahren.
Dieses Buch soll Sie dabei unterstützen, Ihre Intuition, Ihr Bauchgefühl zum Thema Innovation zu stärken. Dieses Buch ist bewusst erfahrungsbasiert und nicht theoretisch. Es gibt genug solcher Ratgeber, wovon ich Ihnen einige empfehlen kann. Dennoch kommen viele gute Ideen auch von Menschen, die nicht analytisch vorgehen. Sie haben einfach nur den richtigen Riecher und ein gutes Bauchgefühl bei der Sache. Kehren wir gemeinsam zurück zum Ursprung und lassen Sie uns eine gute Idee nicht nur an KPI messen. Beurteilen wir sie danach, ob sie genial ist und uns begeistert. Hätten Kopernikus und Gallileo Gallilei ihre Ideen anhand von KPI beurteilt, würden wir wahrscheinlich heute noch denken, dass wir auf einer Scheibe leben. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?
Dieses Buch wird Ihnen keine Kreativitäts- oder Transformationstechniken näherbringen, die können Sie an anderer Stelle in wirklich tollen Büchern nachlesen. Ich will auf das hinaus, was auf Bauch- und Kopfebene, zwischenmenschlich und haptisch passiert, wenn Sie sich mit Innovation befassen. Ich möchte in Ihnen Bewusstsein für das schaffen, was Ihre Mitarbeiter in Sachen Innovation leisten können oder schon leisten. Wenn Sie sich und Ihr Unternehmen in dieser Hinsicht verstehen, werden Sie das nötige Rüstzeug dafür haben, aus allen Techniken die passende herauszupicken und damit erfolgreich arbeiten zu können. Wenn Sie sie dann noch brauchen.
Dieses Buch wird Ihnen keine One-Fits-All-Lösung vorbeten, sondern soll Sie unterstützen, wieder selbstsicher zu entscheiden, was das eigene Unternehmen wirklich braucht, um seine Zukunftspotenziale zu heben. Ich gebe Lösungsvorschläge und lade auch zu unkonventionellen Perspektivwechseln ein, die Sie bitte wirklich als Einladung und eine von vielen Möglichkeiten verstehen.
Mein Motto lautet: »Wo keiner weiß, wie es geht – da ist vorne«, und um das konsequent zu leben, bedeutet das: Es gibt nicht den einen garantierten Weg zu erfolgreicher Innovation, von niemandem. Okay, von Doc Emmet Brown aus Zurück in die Zukunft vielleicht. Aber jeder, der nicht Doc Brown ist, sollte dem Thema Innovation mit einer Portion Demut gegenübertreten und es unterlassen zu behaupten, die eigene Lösung sei die richtige, die einzig wahre.
Ich habe gelernt, dass hinter einem Problem ein tieferer Kern und oft unsichtbare Zusammenhänge mit anderen Parametern bestehen, die das Thema komplexer machen, als es auf den ersten Blick aussieht. Eine zu oberflächliche Betrachtung führt unweigerlich zu Lösungen, die in meiner Wahrnehmung halbgar sind und nicht alle Schmerzpunkte adressieren. Die Diskussionen fanden wahlweise auf der Metaebene oder Mikroebene statt, und mich beschlich immer das Gefühl eines blinden Flecks. Etwas fehlte in der Problembetrachtung, da war ein großes schwarzes Loch. Es fehlte der tiefere Zusammenhang zwischen jedem einzelnen Punkt in der Problemstellung und auch der Lösung. Lateral, systemisch, holistisch sind kluge Worte, um diese Art des Denkens und Wahrnehmens zu beschreiben.
Dieses Buch kann Ihnen helfen, Innovationschancen und Innovationsverhinderungsfaktoren zu erkennen – auch wenn die Idee nicht im KPI-Reporting-fähigen Gewand daherkommt. Sie werden feststellen, dass Innovationen auf jedem Level einen großen Schritt nach vorne bedeuten können. Sie werden sich befähigt fühlen, am runden Tisch der Ideen mitzumachen. Unabhängig davon, ob es auf Unternehmens- oder Mitarbeiterebene geschieht, werden Sie mitentscheiden können. Sie werden sich ein natürliches Gefühl für innovative Maßnahmen und Denke zurückerobern und besser in der Lage sein, Innovationen zu erkennen, zu fördern und mögliche Probleme und Hindernisse frühzeitig zu bemerken und aus dem Weg zu räumen.
Der Mensch ist von Natur aus ein neugieriger Erfinder, der sich zugunsten von Effizienz und Zahlen in ein Gerüst gepresst hat. Kehren Sie ein Stück zum Ursprung zurück und leben Sie Innovation in Verbindung mit den Anforderungen der strukturellen Arbeitswelt. Beides geht zusammen, wenn man diese Vereinigung bei vollem unternehmerischen Bewusstsein eingeht.
Lassen Sie uns gemeinsam im Verlauf dieses Buches herausfinden, warum Menschen verlernt haben, innovativ zu sein. Ich werde Ihnen Impulse, Einblicke und Zusammenhänge liefern und Sie in meine eigene Art des Innovativ-Seins mitnehmen. Wir gehen weg von Methoden und Regelwerken und hin zu dem Kern dessen, was Potenziale, Chancen, Risiken und damit die Innovationsfähigkeit Ihres Unternehmens ausmacht.
Verlassen Sie sich im Zusammenhang mit Innovation wieder auf Ihr Bauchgefühl. Treten Sie ein Stück zurück und schalten Sie Ihr Gehirn und Ihren Bauch wieder zusammen, wenn es um Innovation geht. In diesem Buch erfahren Sie, worauf Sie dabei achten müssen. Und bis Sie gelernt haben, auf Ihr eigenes Bauchgefühl zu hören, leihe ich Ihnen meines.
1
Global Survey: Hyper Disruption and Digitization Leading Forces of Change Within Business [Internet]. [zitiert 28. Januar 2022]. Verfügbar unter:
https://www.teradata.de/Press-Releases/2019/Adapt-or-Perish-The-New-Reality-in-a-Hyper-Digitized-World
2
Neuralink ist ein Neurotechnologie-Unternehmen und entwickelt Technologie zur Vernetzung des menschlichen Gehirns mit Computern, dem sog. Brain-Computer-Interface.
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Burkhardt N, Ernst A, Rings J, Rings S, Schobloch A, Spicker M, u. a. Das große Handbuch Innovation: 555 Methoden und Instrumente für mehr Kreativität und Innovation im Unternehmen. Aerssen B van, Buchholz C, Herausgeber. München: Verlag Franz Vahlen; 2018. 897 S.
»Fähigkeiten« ist ein weit fassbarer Begriff und das ist gut so. Im folgenden Kapitel möchte ich einen eher unkonventionellen Blick auf alle diejenigen Fähigkeiten werfen, die ich im Zusammenhang mit Innovation und Zukunftssicherung als besonders wertvoll und hilfreich erlebe.
Fähigkeiten werden im Business-Sprech gerne in viele Themen verkompliziert: Cluster, Kompetenzen, Bildung, Fach- und Methodenkompetenzen, Talente, Skills, Blabla. In der Hoffnung irgendwo dazwischen das Nonplusultra zu finden und zu entwickeln, verlieren Unternehmen den Blick auf das Wesentliche. Ich wechsele hierfür gerne in meinen angeborenen Jargon, um die Fragestellung zu vereinfachen: Was muss man eigentlich in der Birne haben, um die Zukunft gestalten zu können? Am Ende ist dies die eigentliche Frage, die Unternehmen sich stellen und beantworten müssen. Lassen Sie uns weniger darauf schauen, wie das alles heißt und welche Kurse man den Mitarbeitenden für genau dieses Thema anbieten muss, sondern wie man das Grundfundament so vorbereitet, dass Mitarbeitende und Unternehmen vorhandene Fähigkeiten überhaupt erkennen, sich neue aneignen und in der Konsequenz diese auch benutzen können.
Innovation und Zukunftsarbeit brauchen meiner Meinung nach ein etwas anderes Wissens- und Fähigkeiten-Set, als man im klassischen Unternehmen bisher als hilfreich für den Aufstieg auf der Karriereleiter betrachtet hat. Die Job-Ausschreibungen von Traditionsunternehmen und Konzernen aus Industrie und Herstellung tragen oft immer noch den Namen des Hard Skills, der gelernt worden sein muss, anstatt das, was die Stelle wirklich ausmacht, welche menschlichen Skills mitgebracht werden müssen. Mit jedem weiteren Jahr, in dem ich Innovation in Unternehmen voranbringe und Menschen erlebe, die diese Skills von mir erlernen wollen, schärft sich mein Bewusstsein dafür, dass wir hier einen radikalen Perspektivwechsel brauchen, um Hard Skills sinnvoll zu ergänzen. Wenn wir an Innovation und Zukunftssicherung denken, brauchen wir mehr. Hard Skills beinhalten nur das, was Menschen über die klassischen Bildungswege beigebracht wird, und hier steuern wir auf eine notwendige Zäsur zu: Das Bildungssystem ist meiner Erfahrung nach der aktuellen Geschwindigkeit nicht mehr gewachsen und kann Menschen kaum mehr adäquat auf eine so schnelllebige Zukunft im Arbeitsleben vorbereiten. Die eigene Langsamkeit und die schockierende Unfähigkeit, eine Umbruchphase als Chance auf längst überfällige Weiterentwicklung angemessen zu nutzen, macht die deutsche Qualifizierungsschmiede aus Universitäten, Ausbildungsberufen und klassischen privaten Weiterbildungsinstituten gefühlt zu einem Containerschiff mit einem 1,6 Seemeilen großen Wendekreis.4 Wir brauchen mittlerweile mehr als die nächste Sicherheitsweiterbildung oder das erfolgreiche Studium der Wirtschaftswissenschaften. Viel mehr.
Deutsche Unternehmen dürfen es sich nicht mehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit gemütlich machen und annehmen, auch noch die nächsten 20 Jahre so weitermachen zu können. Die Wahrheit ist: Die internationale Konkurrenz ist teilweise besser bzw. zeitgemäßer ausgebildet und in ihrer digitalen Infrastruktur bereits innovativer aufgestellt als Deutschland. Unternehmen in Deutschland leben aktuell zu einem großen Teil vom Sicherheitsbedürfnis anderer, die mehr unseren Ruf als zuverlässige Geschäftspartner einkaufen als die innovative Qualität unserer Technologie. Befeuert durch ausländische Investoren auf Shoppingtour im deutschen Mittelstand wechselt innovatives Fachwissen schnell auf die Seite großer Geldgeber, die eine im 50-Mann-Unternehmen entwickelte Technologie schnell mit internationalem Marketing zu einer gewaltigen Innovationschance aufpusten und unter eigener Brand vermarkten.
Schlimmer noch: Der deutsche Mittelstand weiß das schon jetzt eigentlich ganz genau. Ich muss hier mal kurz Dampf ablassen: Die Leier, dass Asien auf dem Vormarsch ist und man zum Beispiel chinesische Zulieferer aus Prinzip lange nicht genutzt hat, das nun aber doch müsse und sich dabei aber nicht wohlfühlt, kann ich langsam nicht mehr hören. Diese Vermeidungshaltung kommt der Vogel-Strauß-Taktik (einfach den Kopf in den Sand stecken) gleich: Die Welle ist schon längst losgerollt. Einige asiatische Anbieter haben die deutsche Qualität bereits überholt5, was sich auch in der Wahrnehmung der Verbraucher deutlich zeigt.6 Im nächsten Schritt feilen sie gnadenlos an ihrem Image, um auch das lange als Minderqualitäten-Hersteller verschriene Image loszuwerden. Lange dauert es nicht mehr, da ist auch Made in Germany ein Teil deutscher Vergangenheit. Ich persönlich empfinde das bereits jetzt schon so und nehme Sie mit in eine persönliche Anekdote:
Ich habe meine Autos schon immer geliebt. Nicht Autos generell, sondern meine Autos, die ich über die Jahre hatte. Auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin, war ein Auto kein Statussymbol, sondern bedeutete Freiheit. Unabhängigkeit. Das Leben hatte 100 km/h auf der Landstraße und roch nach Benzin und Energydrink von der Tankstelle. Wo Bus und Bahn um 18 Uhr die letzte Fahrt des Tages antreten, entscheidet das Auto über den Grad an Lebenserfahrung, den man in jungen Jahren machen darf. Und diese Lebenserfahrung fand überall statt – außer auf dem heimischen Sofa.
Ich habe die Angewohnheit, meinen Autos auf durchaus beschmunzelbare, emotionale Weise bis an ihr Lebensende treu zu bleiben. Ich fuhr meinen 320d Touring bis 2021 und 330 000 km, um ihn gezwungenermaßen in deutschem Kosten-Nutzen-Sinne unheilbar krank in Exporteur-Hände zu geben. Mir ging es schwer ab, zu wissen, dass dieses Auto zu reparieren woanders noch lohnt, aber hier nicht. So viel zur Vorgeschichte und ich lasse meine Aufreger zum Thema Umwelt, den Sinn von e-Prämien usw. bewusst weg, sonst komme ich hier nie zum Punkt. Ein neues Auto musste her und eigentlich war ich sicher, dass es wieder ein zuverlässiger Begleiter der Bayerischen Motoren Werke werden sollte. Nun bin ich ein absoluter Technologie-Freak und liebe es, wenn Technologie selbst mitdenkt und man merkt, dass auch deren Entwickler mit Herz und Hirn bei der Sache waren. Wenn diese Empathie hatten und erahnt haben, was der Mensch, also Fahrer und Beifahrer, wohl benötigen würde.
Als ich nun Video um Video aktueller Modelle mit Blau-Weiß-Emblem auf der Motorhaube schaue, spült mir der Werbe-Algorithmus einen Koreaner in den Youtube Feed. Ich bleibe hängen: Als Langzeit-Besitzer mit hoher Loyalität klingen 7 Jahre Garantie erstmal wie ein Too-Good-To-Be-True-Beschiss-Lockvogelangebot. Es dauert eine Weile und drei weitere Videos, aber das Modell gefällt mir. Ganz kurz habe ich ein schlechtes Gewissen, es fühlt sich ein wenig wie Betrug an, mit dem Koreaner zu liebäugeln. Und dann sitze ich drin, drehe eine Runde. Die Technologie fühlt sich nicht mehr wie eine Maschine an, die ich bedienen muss, sondern irgendwie integrierter. Die Übergänge zwischen meinen Aktionen und denen der Technik verschwimmen zu einem harmonischen Miteinander, als emotionaler Bauch-Käufer bin ich sofort angefixt. Ich mache dennoch eine Probefahrt in Blau-Weiß, ich will wirklich treu bleiben. Aber es ist zu spät. Die Erkenntnis trifft mich hart: Die Technik ist besser. Die UX ist besser. Das Serviceangebot ist besser. Das Erlebnis ist besser. Der Status der Marke macht nicht mehr wett, was ich beim anderen bekomme: Für die Freude am Fahren hat der Pächter gewechselt. Meine Freude ist koreanisch. Ein eher zufälliges und unglücklich getimtes menschliches Datenchaos bei Blau-Weiß nervt nur minimal, aber ist das berühmte Zünglein an der Waage. Scheiße, ich hab mich entschieden – nein, eigentlich war es anders. Ich wollte das deutsche Qualitätsmodell. Unbedingt. Der Koreaner hat aus dem Hinterhalt zum Angriff auf einen vermeintlich sicheren Blau-Weiß-Kunden geblasen und die Schlacht gewonnen. Er hat den schweren Kampf um mich als Käuferin gewonnen, und das, obwohl ich eigentlich völlig auf das deutsche Traditionsprodukt festgelegt war.
Ich teile diese Erfahrung mit Ihnen, um zu verdeutlichen, was bereits jetzt millionenfach passiert. Das ist nur eines von vielen Beispielen und Situationen, die tagtäglich in vielen Kaufentscheidungen ablaufen – egal ob B2B oder B2C. Wenn man den Kopf in den Sand steckt, kann man die fehlende Markenloyalität der neuen Generationen von Endverbrauchern oder Einkäufern beklagen. Oder über die günstigen Preise für gleiche Qualität aus Asien schimpfen. Oder sich darauf berufen, dass die eigene Qualität doch viel länger halte als die aus Asien und man sich nicht auf die Herstellung von »Wegwerfqualität« herablassen möchte. Die Kunden, die das wertschätzen, würden dann schon bleiben. Gerne muss auch der deutschsprachige Support als letzte Existenzberechtigung herhalten, wenn schon nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Hardware aus China tatsächlich besser ist als die eigene. Moment, ich wollte mein Auto trotz 330 000 Kilometern behalten, es hat aber hier in Deutschland einfach keinen Sinn mehr gemacht. Ist es dann am Ende nicht egal, wie langlebig die Qualität ist, wenn andere Umstände doch dafür sorgen, dass man das geliebte Fahrzeug hierzulande nicht weiterfahren kann? Was der Hersteller nicht vergeigt, regeln dann die Reparaturkosten, der TÜV oder das deutsche Steuersystem, welches Understatement und Sparsamkeit in Unternehmen eher bestraft als honoriert. Das hier soll keine Wertung sein und ist keine absolute, objektive Faktenlage. Ich möchte Ihnen verdeutlichen, dass wir dringend eine neue Perspektive brauchen und beginnen müssen, uns selbst zu hinterfragen, auch wenn es weh tut.
Aber was löst denn jetzt unser Problem? Ich denke, dass allem, was man als Fähigkeit umschreiben kann, eine gewaltige Chance innewohnt. Fähigkeiten, die jedem Prozessdesign, jeder Strategie,
