17,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €
»Brillant geschrieben, atemberaubend spannend und unglaublich gut recherchiert.« The Sunday Times Als Jurij Gagarin 1961 als erster Mensch ins All flog, hatte er nicht nur die Schwerkraft, sondern auch den Eisernen Vorhang überwunden, der auf der Erde den Kommunismus vom Kapitalismus trennte. Die USA befanden sich nach diesem Coup in wilder Panik, die Sowjetunion triumphierte. Basierend auf neuen Quellen erzählt dieses packende Buch vom aberwitzigen »Race to Space« der Supermächte: von den unmenschlichen Vorbereitungen der Kosmonauten, Bomben im Cockpit, dilettantischer Technik sowie von Hunden und Schimpansen in Raketen . "Stephen Walker hat es geschafft, die unglaubliche Reise meines Vaters nacherlebbar zu machen!" – Jelena Gagarina, Tochter von Jurij Gagarin "Fesselnd, faszinierend und unglaublich gut recherchiert. Ich habe jede Seite verschlungen." - Laura Shepard-Churchley, Tochter von Alan Shepard
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 804
Veröffentlichungsjahr: 2022
Stephen Walker
Ins All
Die faszinierende Geschichte vom ersten Flug in den Weltraum
Aus dem Englischen von Hans-Peter Remmler und Sigrid Schmid
Hoffmann und Campe
Für meine Tochter Kitty, das Glück und das Licht meines Lebens
Der Wettlauf der Supermächte um den ersten bemannten Raumflug war geprägt von enormer Dramatik, haarsträubenden Wendungen und legendären Persönlichkeiten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs; das geht so weit, dass einem die Geschichte fast wie Fiktion vorkommt. Sie ist aber keine Fiktion. Sie ist ein Stück Zeitgeschichte. Beim Schreiben dieses Buchs habe ich im Rahmen meiner Möglichkeiten versucht, jedes Zeugnis aus den verschiedensten der in den Endnoten zitierten schriftlichen, visuellen und mündlichen Quellen zu sichten und zu prüfen, um die Geschichte so akkurat zu berichten wie irgend möglich. Sogar zu jeder Dialogzeile gibt es eine eigene Quelle. Dabei geschehen unweigerlich Fehler, für die ich die volle Verantwortung übernehme. Ich hoffe jedoch, dass Leser, die meinem Pfad folgen, genau wie ich feststellen werden, wie es so oft geschieht, dass es mitunter nichts Phantastischeres gibt als die Realität selbst – und gewiss nichts Phantastischeres als diese Geschichte des ersten Sprungs der Menschheit über den Planeten Erde hinaus.
Gelegentlich verwende ich den Begriff »Russisch« oder »Russen«, wenn es um die Sowjetunion oder ihre Bewohner geht, was damals im Westen durchaus gang und gäbe war. Das soll lediglich der Vermittlung einer bestimmten Gefühlslage oder Stimmung dienen. Ich habe auch weitestgehend darauf verzichtet, das im Russischen übliche Patronym anzugeben, mit Ausnahme einiger Fälle, in denen es der Betonung dient (etwa bei Juri Alexejewitsch Gagarin). Ein großer Teil dieser Geschichte spielt sich in Russland bzw. der Sowjetunion ab, für deutschsprachige Leser sollte die sparsame Verwendung des Vaternamens trotzdem angemessener wirken.
08:52 Uhr, 12. April 1961
Die Menschheit bleibt nicht ewig auf der Erde. Aber bei der Jagd nach dem Licht und dem Raum beginnt sie langsam, die Grenzen der Atmosphäre zu überwinden und dann den gesamten zirkumsolaren Raum zu erobern.[1]
Konstantin Ziolkowski, russischer Wissenschaftler und Visionär, 1911
Herrschaft über den Weltraum bedeutet Herrschaft über die Welt.[2]
Senator Lyndon B. Johnson, 1958
12. April 1961
Forschungs- und Testgelände Nr. 5 (NIIP-5) Kosmodrom Tjuratam, Sowjetrepublik Kasachstan
Die Dämmerung bricht rasch herein in der kasachischen Steppe, aber von Horizont zu Horizont gibt es kaum jemanden, der davon Kenntnis nehmen könnte. Der Wechsel brennend heißer Sommer und langer, frostiger Winter hat diese Gegend zu einer der am dünnsten besiedelten Regionen des Planeten gemacht, zu einem Land der Leere und der Stille. Wildpferde, Kamele, giftige Spinnen und gefährliche Skorpione haben die Landschaft für sich allein.
Oder fast für sich allein.
Durchschnitten wird diese Halbwüste mit ihren Beifußgewächsen und Steppenläufern von der Eisenbahnlinie Moskau – Taschkent, eine Strecke von fast 3000 Kilometern. Zwei Tagesreisen entfernt von der Hauptstadt des Sowjetreichs legt der Zug einen kurzen Stopp in einem Ort namens Tjuratam ein. Der Legende nach soll hier im 17. Jahrhundert der Leichnam eines der Nachkommen Dschingis Khans entdeckt worden sein, wie er im lehmfarbenen Wasser des Flusses Syrdarja trieb, nachdem er in einer Schlacht den Tod gefunden hatte. Vor 1955 gab es hier kaum jemanden außer dem Stationsvorsteher und seiner Familie und einer Handvoll kasachischer Nomaden, die dem Rhythmus der Jahreszeiten folgend durch die Steppe wanderten und für die dies ein heiliger Ort war. 1961 jedoch, gerade einmal sechs Jahre später, hat sich alles verändert. Ein Gebiet, rund vier Mal größer als der Großraum London, wurde vom sowjetischen Verteidigungsministerium für das tollkühnste, teuerste – und geheimste – Projekt der UdSSR in Beschlag genommen. Wo vorher nichts war, wuchs in kürzester Zeit eine neue Siedlung mit Namen Leninsk aus dem Boden, ein neues Zuhause für Ingenieure, Soldaten und Bauarbeiter mit ihren Familien, die Straßen gesäumt von neuen Wohnblocks, Verwaltungsgebäuden, Schulen und einer Kaserne. Dreißig Kilometer weiter nördlich liegen neue Komplexe von Montage- und Testbauten, ein rasch wachsendes Straßen- und Schienennetz, Strommasten, Überwachungsstationen, Kontrollbunker und jetzt auch vier gigantische Raketenstartrampen. Die Nomaden sind schon längst vertrieben worden. Hier draußen in der unwirtlichen Steppe, den Blicken neugieriger Spione so weit wie möglich entzogen, starten die Russen ihre Raketen.
Eine dieser Raketen steht jetzt glitzernd und zischend auf der Rampe, dahinter geht am Horizont die Sonne auf. Sie trägt den Codenamen R-7 und ist die größte Rakete der Welt, eine der geheimsten Geheimwaffen der UdSSR. Ein CIA-Spionageflugzeug, das im Mai des Vorjahres die Startrampe fotografieren sollte, wurde abgeschossen; der Pilot, Francis Gary Powers, überlebte, wurde wegen Spionage vor Gericht gestellt und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Die R-7 ragt gut 38 Meter[3] aus der Steppe hervor und hat fast dreimal mehr Leistung als Amerikas größte Rakete. Sie kann einen thermonuklearen Sprengkopf mit der Zerstörungskraft von 200 Hiroshima-Bomben[4] über 9000 Kilometer weit befördern – vom Standort bis nach New York, beispielsweise.
Die R-7, von der hier die Rede ist, peilt allerdings nicht New York an. Und sie trägt auch keinen atomaren Sprengkopf. Sie ist für einen anderen Zweck umgebaut worden. Um 09:07 Uhr Moskauer Zeit werden ihre fünf riesigen Triebwerke gezündet – vier äußere für die erste und ein Zentraltriebwerk als zweite Stufe, und wenn alles klappt, hebt die Rakete ab in Richtung Weltraum. Statt einer Atombombe trägt sie eine kugelförmige Kapsel, in der ein Mann sitzt oder eher liegt. Der Mann muss ziemlich klein sein, höchstens 1,65 Meter, und auch möglichst leicht, da seine Raumkapsel ungefähr das Gewicht der Fünf-Megatonnen-Atombombe hat, deren Platz sie einnimmt. Er wird ein über einjähriges Training hinter sich haben, um für diese Mission gerüstet zu sein. Und er wird Mut brauchen. Kein Mensch war je zuvor im Weltall. Niemand weiß genau, was passieren wird, wenn er dort ankommt – wenn er denn dort ankommt. Werden ihm die Augäpfel platzen? Wird sein Blutkreislauf den Dienst versagen? Wird er die mörderischen Beschleunigungskräfte überleben – die ausreichen, um das Blut aus seinem Gehirn zu drücken? Wird der Hitzeschild seiner Metallkugel die Hitze von 1500 Grad Celsius beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen? Wird seine Rakete explodieren wie einige ihrer Vorgänger bei früheren Testflügen? Und wenn er es bis nach da oben schafft, in einer Weise abgekoppelt von seinem irdischen Dasein wie kein menschliches Wesen je zuvor, wird er vielleicht wahnsinnig werden?
Während Juri Alexejewitsch Gagarin – gerade 27 Jahre alt geworden, verheiratet, Vater einer knapp zweijährigen Tochter und eines einen Monat alten Babys, studierter Gießereitechniker, ehemaliger Kampfpilot und loyaler Kommunist – in seinem orangefarbenen Raumanzug ins gleißende Sonnenlicht hinaustritt und sich zu dem Aufzug begibt, der ihn an die Spitze der Rakete bringen soll, weiß niemand außerhalb eines streng begrenzten Zirkels etwas von seinem Vorhaben. Noch nicht einmal seine Frau, daheim in der Nähe von Moskau, weiß davon, dass ihr Mann für diese Aufgabe auserkoren wurde oder dass heute der große Tag ist.
Und der Rest der Welt weiß von nichts.
Trotz gewisser Andeutungen in den sowjetischen Medien ist die formelle Existenz des Raumfahrtprogramms ein Staatsgeheimnis. Das Training, das Gagarin und weitere 19 Kosmonauten absolviert haben, ist ein Geheimnis. Der Verantwortliche für das Programm ist ein Geheimnis und wird auf seinen Reisen innerhalb der UdSSR von einem Bodyguard des KGB beschützt, für den Fall, dass CIA-Agenten versuchen sollten, ihn zu entführen oder zu töten; der US-Geheimdienst hat jahrelang erfolglos versucht, seinen Namen ausfindig zu machen. Die zahlreichen Kamerateams, die jetzt die Startvorbereitungen filmen, wurden allesamt auf strikte Geheimhaltung eingeschworen: Sollte einer aus diesen Teams ein Sterbenswörtchen nach außen dringen lassen, wird er in diesem unerbittlichen Überwachungsstaat die entsprechenden Konsequenzen zu tragen haben. Im Kalten Krieg steht für die UdSSR zu viel auf dem Spiel, als dass sie einfach die Karten auf den Tisch legen könnte. Seit zwei Jahren bereiten die Amerikaner in aller Öffentlichkeit ihren eigenen ersten bemannten Raumflug vor. Die neueste Information besagt, der Versuch solle in weniger als drei Wochen stattfinden. Ohne irgendetwas öffentlich verlauten zu lassen, nutzen die Sowjets die Zeit, die bis dahin verbleibt, für ihren Start.
In Amerika ist es noch der 11. April abends. Millionen werden ihrem jugendlichen neuen Präsidenten, John F. Kennedy, und seiner glamourösen Gattin Jackie am Fernseher lauschen, wenn sie erzählen, was die Erziehung ihrer kleinen Kinder, Caroline und John, im Weißen Haus so alles an Herausforderungen mit sich bringt. Im West Village in New York steht ein noch völlig unbekannter 19-Jähriger namens Bob Dylan vor seinem Debüt als Profimusiker im Gerde’s Folk City Club, im Vorprogramm von John Lee Hooker. Der Aufmacher in den Abendnachrichten ist der erste Tag des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Der ehemalige SS-Offizier steht wegen seiner Rolle bei der Ermordung von sechs Millionen Juden vor Gericht, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Derweil wird viele Tausend Meilen weiter östlich Gagarin in seinem Sitz angeschnallt, der letzte Gurtverschluss rastet ein, die Luke der Kapsel wird geschlossen. Alleine in seiner kleinen Kugel wartet er und pfeift ein Liebeslied vor sich hin. Die Techniker und Controller sitzen in ihrem unterirdischen Bunker, keine 100 Meter von der Rakete entfernt, warten und können ihn über die Kopfhörer pfeifen hören. In den nächsten paar Minuten wird er entweder der erste Mensch in der Geschichte der Menschheit werden, der die Erde verlassen hat und vom Weltall aus auf ihre majestätische Schönheit herabblickt, oder er wird eines plötzlichen und schrecklichen Todes sterben. Wenn er Erfolg hat, wird er in der Stunde des Sonnenuntergangs der berühmteste Mensch auf dem Planeten sein, ein Sieger im erbitterten Kampf der Ideologien gegen die USA und ihre Verbündeten. Wenn er scheitert, wird kaum jemand wissen, dass es ihn jemals gegeben hat.
Dezember 1960 bis Januar 1961
Der Tag wird kommen, an dem wir zu den Sternen fliegen,
Wer sollte uns daran hindern, solche Träume zu träumen,
Wo Lenin selbst uns das Träumen gelehrt hat?[5]
Nikolai Kriwantschikow, sowjetischer Dichter, veröffentlicht wenige Stunden nach dem Start des Sputnik, des ersten Satelliten der Welt, im Oktober 1957
Den Teufel werde ich tun und unter einem Roten Mond schlafen.
[…] Bald werden sie aus dem Weltraum Bomben auf uns werfen, wie Kinder von Brücken Steine auf die Autos darunter werfen.[6]
Senator Lyndon B. Johnson, ebenfalls nach dem Start des Sputnik durch die Sowjets
24. Dezember 1960
60 Kilometer westlich von Tura in Sibirien, UdSSR
Nichts als die Taiga, so weit das Auge reicht, dichte, dunkle sibirische Fichten-, Birken- und Tannenwälder, die sich bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckten. Der Helikopter flog tief, das dumpfe Geräusch der Rotorblätter war das Einzige, was die einsame Stille dieser urzeitlichen Landschaft durchbrach, die ansonsten menschenleer und in tiefen Schnee gehüllt war. Der Schnee war überall. Er blendete die Sicht, bedeckte die Baumwipfel und machte es, wenn das denn überhaupt möglich war, für Arvid Wladimirowitsch Pallo[7] noch schwieriger, das zu finden, wonach er suchte. Das zur Neige gehende Tageslicht ließ die Sache auch nicht einfacher werden. In dieser Region Sibiriens und zu dieser Jahreszeit waren die Tage kaum vier Stunden lang. Der Flug dauerte jetzt fast 30 Minuten, und in zwei Stunden würde sich der Wald unter ihnen wieder in eine lange subarktische Nacht hüllen. Und dann könnte es für Pallo und sein Team bereits zu spät sein.
Irgendwo da draußen, an einem der entlegensten Orte auf dem Planeten, lag im Schnee eine leere Aluminiumkugel, knapp über zwei Meter im Durchmesser und mit einem Gewicht von zweieinhalb Tonnen. Und irgendwo ganz in der Nähe, so hoffte Pallo, befand sich eine versiegelte Metallkiste mit zwei Hunden darin. Er hoffte außerdem, dass die Hunde noch lebten, obwohl sie dafür die letzten zwei Tage in der extremen Kälte des sibirischen Winters hätten überstehen müssen, bei Temperaturen, die auf minus 40 °C fallen konnten, ganz zu schweigen von dem zutiefst traumatischen Geschehen, das sie zufällig überhaupt erst an diesen gottverlassenen Winkel der Erde verschlagen hatte.
Pallos Abenteuer hatte zwei Tage zuvor begonnen, am 22. Dezember, als eine R-7 die Kugel von der geheimen Raketenbasis im sowjetischen Kasachstan ins Weltall katapultiert hatte. In der Kugel befand sich die Metallbox mit den beiden Hunden. Die Geheimhaltung, die diese Mission umgab, ging so weit, dass man bis heute die Namen der Tiere nicht sicher weiß. Je nach Quelle waren es entweder Kometa und Schutka, oder Schulka und Schemtschuschina, oder, wie Pallo selbst schrieb, Schulka und Alfa. Wir wollen uns an Pallo halten und bleiben daher bei diesen Namen. Beide waren Mischlinge, Straßenhunde, die man in Moskau aufgelesen hatte. Der Zweck der Mission war es, die beiden Tiere in die Erdumlaufbahn und sicher wieder zurück auf die Erde zu bringen. Die Kugel hatte immerhin einen Namen: Für die Öffentlichkeit war es ein Karabl-Sputnik, ein »Raumschiff-Satellit« oder einfach Raumfahrzeug, die Konstrukteure des Geräts nannten es dagegen Wostok 1 – Wostok bedeutet Osten, und dieser Name war Geheimsache. Die Wostok 1 war ein Prototyp, im Prinzip die erste Version des Raumschifftyps, der, so hoffte man, eines Tages – eines nicht mehr fernen Tages – einen sowjetischen Genossen in den Weltraum befördern sollte, bevor den Amerikanern dasselbe gelingen würde. Schulka und Alfa sollten helfen, den Weg zu bereiten.
Das Schicksal ihrer Vorgänger war allerdings wenig ermutigend gewesen. Als sich Pallo am 24. Dezember in der eisigen Wildnis Sibiriens mit seinem Helikopter auf die Suche nach den beiden Hunden begab, hatte es seit Mai bereits fünf Wostok-Missionen gegeben, und bis auf eine waren alle fehlgeschlagen. Zwei Hunde waren beim zweiten Wostok-Flug zu Tode gekommen, als ihre Rakete 28,5 Sekunden nach dem Start explodierte. Beim vierten Flug hatten weitere zwei Hunde den Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht überlebt. Das einzige Erfolgserlebnis hatte es im August gegeben, als zwei weitere Hunde, Belka und Strelka, zusammen mit 40 Mäusen, zwei Ratten, zahlreichen Fruchtfliegen und einem Kaninchen erstaunliche 18 Erdumrundungen hinter sich brachten und lebend wieder auf der Erde landeten. Dieser Flug, der dritte Wostok-Start, war ein sensationeller Erfolg gewesen. Erstmals war es gelungen, Lebewesen in eine Erdumlaufbahn und sicher wieder zurückzubringen. Die Amerikaner hatten noch nichts Vergleichbares zuwege gebracht, und natürlich feierten die sowjetischen Medien diese Tatsache gebührend. Doch abseits vom Glanz des medialen Erfolgs blieb die unausgesprochene Wahrheit, dass die Tiere nur durch Glück am Leben geblieben waren. Während der vierten Erdumrundung konnte man über eine eingebaute Fernsehkamera sehen, wie Belka sich übergab und offensichtlich leidend und verzweifelt an ihrem Gurtzeug zerrte, mit dem sie festgeschnallt war. Vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre war das Hauptorientierungssystem des Raumfahrzeugs ausgefallen, und man musste auf das Reservesystem zurückgreifen. Ohne dieses System wären Belka und Strelka zu einem langsamen und einsamen Tod verurteilt gewesen, hilflos gestrandet im Weltall.
Und nun, als anderswo in der Welt gerade das erste Weihnachtsfest des neuen Jahrzehnts begangen wurde, war auch dieser letzte, fünfte Wostok-Flug mit Schulka und Alfa aus dem Ruder gelaufen.
Exakt 425 Sekunden nach dem Start schaltete die dritte Antriebsstufe der R-7-Trägerrakete der Wostok-Mission zu früh ab. Die Folge war, dass das Raumfahrzeug die Erdumlaufbahn nicht erreichte. Stattdessen trennte sich die Kapsel automatisch von der Rakete, bevor sie in einem ballistischen Bogen über mehrere Zeitzonen der Sowjetunion hinwegrauschte. Doch als die Wostok mit den beiden in ihrer kleinen Box festgeschnallten Hunden mit mehreren Tausend Stundenkilometern Geschwindigkeit wieder zurück in die Atmosphäre stürzte, ging noch mehr schief. Zunächst einmal zündete die an Bord befindliche Bombe nicht.
Diese Bombe gehörte zur Ausstattung jedes Wostok-Hundeflugs und war der extremen Paranoia eines Regimes geschuldet, das auf keinen Fall seine technologischen Geheimnisse preisgeben wollte, schon gar nicht gegenüber den Amerikanern. Bekannt unter dem Codenamen A.P. O. für Avarynij Podriw Objekta – zu Deutsch »Notfallzerstörung des Objekts« – hatte sie die Funktion, genau dies zu tun, nämlich das Objekt, sprich: die Wostok zu zerstören für den Fall, dass sie abseits des geplanten Kurses, möglicherweise in einem fremden und vielleicht sogar kapitalistischen Land zu landen drohte. Für die sowjetische Führung galt das bereits als Notfall, auch wenn die Hunde an Bord da möglicherweise anderer Ansicht gewesen wären. Und genau dies war nur drei Wochen zuvor bei der vierten Wostok-Mission tatsächlich passiert, als ein Problem mit dem Bremstriebwerk anzeigte, dass die Kapsel außerhalb der Grenzen der UdSSR niedergehen würde. In diesem Fall hatte ein Sensor an der Bombe festgestellt, dass die Kapsel an einer falschen Stelle die Rückkehr zur Erde antrat. Die beiden Hunde an Bord, Ptscholka und Muschka – Kleine Biene und Kleine Fliege – wurden zusammen mit sämtlichen Spuren ihres Raumschiffs in die Luft gesprengt. Die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS ließ in einer kurzen Mitteilung verlauten, das Fahrzeug wäre aufgrund einer »nicht berechneten Flugbahn«[8] beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht. Von Bomben war nicht die Rede.
Und jetzt, als Schulka und Alfa nach dem Ausfall der dritten Triebwerksstufe zunächst in Richtung eines unbekannten Orts auf dem Planeten rasten, löste die Notfall-Objektzerstörung nicht aus – die Gründe sind bis heute nicht ganz klar. Es gab allerdings eine Reserve-Zeitschaltung, die die Sprengung nach sechzig Stunden aktivieren sollte, wobei allerdings auch hier die Details im Dunkeln blieben.[9] Wahrscheinlich ist, dass der Countdown zur Detonation einsetzte, sobald die Kapsel in intaktem Zustand auf der Erde gelandet war – wenn sie denn intakt gelandet war.
Die Krümmung der ballistischen Kurve wird immer steiler, je näher das Objekt in den letzten Flugminuten dem Erdboden kommt, daher stürzte die Wostok auf den Fluss Podkamennaja Tunguska zu, der in einem der unzugänglichsten Gebiete Sibiriens liegt. Das Ganze hatte etwas von einer Ironie des Schicksals: Das letzte Mal war anno 1908 ein Objekt aus dem All in dieser Gegend niedergegangen, ein Meteoriteneinschlag hatte damals mit der Zerstörungskraft einer Atombombe geschätzte 80 Millionen Bäume umgelegt. Derweil durchlebten die Hunde in ihrer versiegelten Box einen entsetzlichen Horror, als ihre kleine Kapsel auf ihrem Sturzflug durch die immer dichter werdende Atmosphäre gewaltig durchgeschüttelt wurde. Aber das war erst der Anfang ihres Albtraums.
In einer Höhe von sieben Kilometern hätte die Luke der Wostok eigentlich abgesprengt werden sollen, zweieinhalb Sekunden später wäre planmäßig der Behälter mit den Hunden ausgeworfen worden und am eigenen Fallschirm sicher in Richtung Erdboden geschwebt. Es war ein ähnliches System wie jenes, das eines Tages einen menschlichen Kosmonauten sicher zur Erde zurückbringen sollte; nur dass hier das System versagte. Die Luke und die Hunde wurden gleichzeitig abgesprengt, was zur Folge hatte, dass der Hundebehälter heftig gegen die Öffnung krachte, die Luke beschädigte und am Ende nicht mehr aus dem Fluggerät herauskam. Nun saßen die Hunde in der zur Erde stürzenden Kugel fest. Letztere war zwar auch mit Bremsfallschirmen ausgestattet, die den Aufprall dämpfen sollten, allerdings war das Gerät nicht dafür gebaut, mit den Hunden an Bord zu landen. Das Mindeste, was Schulka und Alfa bevorstand, war eine äußerst harte Landung, irgendwo in Sibirien und im tiefsten Winter. Und mit einer tickenden Zeitbombe an Bord.
An der Abschussbasis in Kasachstan und in einem geheimen Rechenzentrum vor den Toren Moskaus konnte sich zunächst einmal niemand erklären, was geschehen war. Über Stunden kamen keinerlei Signale von der Wostok. Funkdaten von der dritten Triebwerksstufe machten klar, dass diese versagt hatte, aber von der Kapsel selbst oder ihren beiden Passagieren war nichts zu hören. Dann, später an jenem Abend, fingen Radarstationen mit großer Reichweite in Moskau, Krasnodar und Taschkent erste schwache Funksignale von der Kapsel auf, von irgendeinem Ort tief in Sibirien. Das ließ darauf schließen, dass die Kapsel zumindest halbwegs erfolgreich gelandet war, wenngleich unklar blieb, in welchem Zustand. Ebenso wenig kannte man die exakten Koordinaten des Landeorts. Sofort wurden sechs Suchflugzeuge losgeschickt, die die Kapsel finden und die Hunde retten sollten, wenn sie denn noch am Leben waren – eine besonders schwierige Operation angesichts der Abgelegenheit der Region und der extremen Wetterverhältnisse. Dabei war das keineswegs eine Mission des Mitleids. Bevor man einen Menschen in den Weltraum schicken konnte, war es unerlässlich, derlei Unfälle präzise zu analysieren und die Fehler, die dazu geführt hatten, zu beheben. Und das hieß, man musste die Wostok in der kurzen Zeit, bevor der Selbstzerstörungsmechanismus auslöste, unbedingt finden.
Arvid Pallo und sein Bergungsteam hatten an der Luftwaffenbasis in Tura gewartet, einer sechzig Kilometer östlich des vermuteten Landeorts gelegenen einsamen Siedlung, als die Nachricht eintraf, dass eines der Suchflugzeuge die Kapsel gesichtet hatte. Er nahm sich einen Helikopter und machte sich auf in Richtung Zielort. Mit an Bord waren ein KGB-Offizier und Anatoly Komarow, ein leitender Ingenieur vom Institut in Leningrad, an dem die an Bord befindliche Bombe entwickelt worden war. Die Anwesenheit des KGB war keine Überraschung. Hier gab es Geheimnisse – nicht zuletzt die Bombe selbst, von der kompletten Mission ganz zu schweigen –, die auf keinen Fall in die falschen Hände geraten durften.
Pallo war der ideale Mann für diese Aufgabe. Der große, schlanke 48-Jährige hatte vor dem Krieg eine technische Ausbildung in einer Sprengstofffabrik absolviert – eine wertvolle Erfahrung angesichts dessen, was ihn am Fundort erwarten könnte –, bevor er bei der Entwicklung des ersten in der UdSSR gebauten raketengetriebenen Flugzeugs mitgearbeitet hatte, einer hochmodernen Konstruktion mit einem Triebwerk, das ebenso neu war wie extrem unzuverlässig. Pallos eigenes Gesicht war sichtbarer Beweis dieser Unzuverlässigkeit: Im Jahr 1942 war das Raketentriebwerk des Flugzeugs noch vor dem Start explodiert. Pallo war zum Ort des Geschehens gerannt, um den im Cockpit gefangenen Piloten zu retten, und zog sich Verätzungen durch die im Raketentreibstoff enthaltene Salpetersäure zu. Die Narbe zeichnete ihn für den Rest seines Lebens. Aber der Pilot hatte überlebt.
Pallos Helikopter näherte sich dem Ort, an dem die Kapsel lag, und es wurde immer klarer, dass der Hubschrauber zumindest nicht in unmittelbarer Nähe landen konnte. Die Bäume standen dort zu dicht. Über ihnen kreiste noch immer das Suchflugzeug, das die Wostok gefunden hatte, und hielt Sichtkontakt zum Zielobjekt. Pallo befahl, den Helikopter auf einem offenen Gelände in etwa 800 Meter Entfernung zu landen. Zusammen mit Komarow sprang er heraus, und im nächsten Moment standen sie bis zur Hüfte im Schnee. Es ist nicht überliefert, ob sich der KGB-Hauptmann den beiden anschloss oder nicht.
Bewaffnet mit Werkzeug und Funkgerät machten sich die zwei – oder drei – Männer auf in Richtung Wald. Schon nach 60 Metern waren sie vom richtigen Weg abgekommen. Der Schnee verwischte sämtliche sichtbaren Orientierungspunkte. Die Kälte verschlug ihnen regelrecht den Atem. Über ihnen funkte der Pilot des Suchflugzeugs, es würde schon bald dunkel, und er müsse demnächst zur Basis zurückfliegen. Pallo unterbrach ihn. Er ordnete an, der Pilot solle das Flugzeug in gerader Linie auf die Wostok zusteuern, um ihnen die Richtung zu weisen.
Sie stapften weiter durch den Schnee, und am Ende fanden sie die Kapsel tatsächlich. Die ramponierte Kugel lag auf einer kleinen Waldlichtung. Die Fallschirme hingen schlaff an Bäumen in der Nähe. Ein dicker Strang verbrannter Kabel baumelte seitlich aus der offenen Luke. Die Außenhülle war durch die enorme Hitze beim heftigen Rücksturz zur Erde versengt. Pallo hatte erwartet, irgendwo in der Nähe den Hundebehälter mit dessen eigenem Fallschirm zu finden, aber davon war keine Spur zu sehen. Dann spähte er durch die Luke der Wostok und erkannte, dass sich der Behälter noch im Fluggerät befand, was bedeutete, dass auch die Hunde noch darin sein mussten. Inzwischen waren über 50 der 60 Stunden vergangen, die bis zum Auslösen der Bombe vorgesehen waren. Wenn sie die Bombe nicht jetzt sofort im Dunkeln entschärften, würden Schulka und Alfa in Kürze in die Luft gejagt werden; wenn sie denn überhaupt noch am Leben waren, versteht sich.
In diesem Moment nimmt die Geschichte nach Pallos eigenen Erinnerungen eine wahrhaft surreale Wendung, da er spontan beschloss, die Bombe selbst zu entschärfen – eine einigermaßen erstaunliche Entscheidung, wenn man seine Vorgeschichte in Sachen Explosionen bedenkt. Er sagte Komarow, er solle hinter einem Baum in Deckung gehen, während er sich an der Bombe zu schaffen machte. Komarow weigerte sich mit dem Argument, das sei schließlich seine und nicht Pallos Bombe. Die beiden Männer standen tatsächlich neben einer ramponierten Raumkapsel inmitten der eisigen Wildnis Sibiriens und stritten sich. Am Ende ließen sie das Los entscheiden und zogen Streichhölzer. Komarow gewann. Pallo versteckte sich hinter dem Baum. Wir können nur vermuten, dass auch der KGB-Offizier in Deckung ging – wenn er überhaupt dabei war.
Komarow ging zur Kapsel und begann, mit diversen Kabeln zu hantieren, während Pallo das Geschehen hinter dem Baum stehend beobachtete. Als die Arbeit erledigt war, war es schon fast Nacht. Die Kapsel war nun gesichert, und Pallo beugte sich ein weiteres Mal hinein. Er versuchte, die Hunde durch die Bullaugen des Behälters zu erspähen, aber das Fensterglas war dick mit Eis bedeckt. Er klopfte mehrmals an die Wände der Kiste. Keine Antwort. Dann kam ein Funkspruch vom Helikopterpiloten, man müsse den Ort verlassen, bevor es zu dunkel würde. Es gab keine Alternative: Sie mussten die Kapsel zurücklassen und am nächsten Morgen wiederkommen. Für Schulka und Alfa bedeutete das eine weitere eisige Nacht in der sibirischen Kälte – die dritte Nacht. Inzwischen sprach allerdings praktisch alles dafür, dass sie tot waren.
Am nächsten Morgen flog Pallo zurück. Neben mehreren Leuten seines Bergungsteams hatte er auch den Tierarzt Armen Gjurdschian mit dabei. Ein weiteres Mal landete der Hubschrauber auf der Lichtung, ein weiteres Mal stapfte das Team durch den Schnee zur Raumkapsel. Diesmal griff Pallo sogleich in die Kapsel und hievte den versiegelten Behälter heraus. Dabei vernahm er ein schwächliches Bellen aus dem Inneren des Behälters. In aller Eile lösten die Männer die Verschlüsse und nahmen den Deckel ab. Und da lagen die zwei Hunde, noch immer festgeschnallt auf ihren Liegen, verängstigt und fast erfroren nach diesem drei Tage währenden Martyrium, aber, es war kaum zu glauben, beide waren am Leben.
Gjurdschian wickelte die zwei vorsichtig in seinen dicken Schaffellmantel und trug sie zum wartenden Hubschrauber. Eine halbe Stunde später waren sie zurück auf der Luftwaffenbasis in Tura; tags darauf waren sie wieder in Moskau, daheim in ihren Hundehütten am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, wo man sie ausgebildet hatte. Sie waren in Sicherheit – dennoch drang kein Wort über ihr Martyrium oder auch nur die Existenz ihrer Mission zur Presse durch, und dabei sollte es noch mehrere Jahrzehnte bleiben. Derweil war für Pallo die Arbeit erst zur Hälfte erledigt. Um den Wettlauf um den ersten Menschen im All für die Sowjetunion und gegen die Amerikaner zu gewinnen, genügte es nicht, die Hunde heil nach Moskau zurückzubringen. Jetzt musste auch die Raumkapsel geborgen und zurücktransportiert werden.
Pallo sollte fast drei Wochen brauchen für seinen heroischen Treck über mehr als 3000 Kilometer im eisigen russischen Winter. Am 11. Januar, zwanzig Tage, nachdem sie das erste Mal die halbe UdSSR überquert hatte, war die Wostok wieder zurück in ihrem abgeschlossenen militärischen Komplex mit Namen OKB-1 bei der Stadt Koroljow (ehemals Kaliningrad) vor den Toren Moskaus, wo die Sowjets ihre Raketen entwarfen und die Wostoks konstruierten.
Gerade noch rechtzeitig. Nur sechs Tage zuvor, am 5. Januar, hatte Konstantin Buschujew, stellvertretender Chefkonstrukteur des OKB-1, den neuesten Zeitplan für den ersten bemannten sowjetischen Raumflug aufgestellt.
Inzwischen waren bei zu vielen »behundeten« Wostok-Missionen zu viele Dinge schiefgegangen. Und das war noch längst nicht alles, was aus dem Ruder gelaufen war. Keine drei Monate zuvor, am 24. Oktober, hatte sich auf der Raketenbasis in Kasachstan eine Katastrophe zugetragen. Eine vollgetankte Rakete des Typs R-16 war während der letzten Vorbereitungen für einen Testflug auf der Startrampe explodiert. Die Explosion war in der Nacht passiert. Das anschließende Inferno kostete mindestens 74 Menschen das Leben. Manche davon sprangen von den Gerüsten der Rampe in den Tod, manche verbrannten, manche erstickten in den dicken, giftigen Rauchwolken.[10] Auch mehrere hochrangige Raketentechniker waren zu Tode gekommen, darunter der Oberbefehlshaber der strategischen Raketenstreitkräfte der UdSSR, Marschall Mitrofan Nedelin, der seine Teams die Nacht hindurch von einem Deckstuhl aus angetrieben hatte, damit der enge Zeitplan bis zum Start der Rakete eingehalten würde. Was von seiner Leiche übrig war, konnte nur anhand seiner Medaille, einer Auszeichnung als Held der Sowjetunion, identifiziert werden, zusammen mit den halb geschmolzenen Schlüsseln für seinen Bürosafe.
Dies war bis auf den heutigen Tag der weltweit schlimmste Unfall in der Geschichte der Raumfahrt. Und er wurde absolut geheim gehalten. Von Nedelin wurde in den Sowjetmedien berichtet, er wäre bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Obwohl die Rakete, die hier explodiert war, nicht vom gleichen Typ war wie die R-7, mit der die Wostoks ins All befördert wurden, blieb die Katastrophe nicht ohne Folgen für das bemannte Raumfahrtprogramm der Sowjets. Mehrere bedeutende Konstruktionseinheiten hatten zu beiden Raketenprogrammen beigetragen. Nedelin persönlich hatte wichtige Besprechungen zum Themenkomplex Wostok geleitet. Das Ergebnis war eine weitere Verzögerung, die aus Buschujews Fahrplan ersichtlich wurde.
Es wurden nun für den Februar zwei weitere Testflüge geplant, jeweils mit einem einzelnen Hund an Bord. Erstmals sollte bei diesen Flügen eine nachgerüstete Version der Wostok zum Einsatz kommen – diese als Wostok 3 bekannte Version sollte eines Tages auch einen Menschen ins All bringen. Bei jedem Flug teilte sich ein Hund die Kabine der Kapsel mit einer lebensgroßen Menschenpuppe, gekleidet in einen Original-Raumanzug, wie ihn auch der echte menschliche Kosmonaut tragen sollte. Beide Flüge in jenem Februar sollten dem exakt gleichen Ablauf folgen wie derjenige, der anschließend den Kosmonauten auf die Reise schickte: eine einzige Erdumrundung, anschließend Rückkehr zu einem Ort in der UdSSR. Angesichts der Serie zuvor gescheiterter Wostok-Missionen galt es als zu riskant, mehr als eine einzige Erdumrundung zu planen. Wenn aber diese beiden Flüge erfolgreich verliefen, könnte die Mission mit einem menschlichen Kosmonauten als Nächstes folgen. Man peilte ein geheimes, wenn auch unverbindliches Datum für den März an.
Derweil stand auf der anderen Seite des Globus, in den USA, auch das Programm der NASA für den ersten Raumflug mit einem menschlichen Astronauten kurz vor der Vollendung. Das Programm wurde gegen Ende 1958 ins Leben gerufen und hieß »Project Mercury«, benannt nach Merkur, dem römischen Götterboten, dessen Helm und Sandalen bekanntlich mit Flügeln ausgestattet waren. Zweifellos eine passende Bezeichnung, wenn man einmal davon absieht, dass Merkur unter anderem die Aufgabe hatte, die Toten in die Unterwelt zu geleiten. Auch die Amerikaner waren von Unfällen, Explosionen und Verzögerungen nicht verschont geblieben, allerdings hielten sie diese, anders als die Sowjets, nicht geheim. Jetzt hoffte man bei der NASA, einen eigenen Testflug mit einem Tier starten zu können – hier war es kein Hund, sondern ein Schimpanse. Als vorläufiger Termin wurde Ende Januar festgelegt.
Um den Jahreswechsel waren sechs trainierte Schimpansen bereits von New Mexico nach Cape Canaveral geflogen worden, dem Weltraumbahnhof der Amerikaner in Florida. Einer der Affen sollte später für den Flug auserkoren werden. Im Erfolgsfall galt es als wahrscheinlich, dass ein Mensch als Nächstes an der Reihe war. In ihren öffentlichen Verlautbarungen hatte sich die NASA stets abgeneigt gezeigt, sich auf bestimmte Termine festzulegen – zu oft hatte man entsprechende Vorhaben verschieben müssen. Aber die Geschichte machte die Runde durch Amerikas Presse, und so konnten auch KGB-Agenten und sowjetische Raketentechniker lesen, dass dieser erste Weltraumflug mit einem amerikanischen Astronauten durchaus schon im März anstehen könnte.[11]
Nun ging es in diesem größten aller Menschheitsabenteuer unweigerlich um Alles oder Nichts. Keine 60 Jahre war es her, dass die Gebrüder Wright mit ihrem aus Draht und Segeltuch gebastelten Doppeldecker ein paar Meter vom Boden abgehoben hatten. Und jetzt sollte ein Mensch den ersten Schritt in Richtung der Sterne wagen. Er würde den Planeten hinter sich lassen, mit dem von Anbeginn an alles Leben fest verbunden gewesen war. Er würde sich in die lebensfeindlichste und gefährlichste jemals entdeckte Region vorwagen. Die Risiken waren von enormem Ausmaß. Es wäre ein Schritt in eine lange und furchterregende Liste von Unbekannten. Welche Supermacht auch immer in diesem kältesten aller kalten Kriege die Nase vorn hatte, sie würde sich einen gewaltigen technologischen, politischen und ideologischen Sieg über den Konkurrenten auf die Fahne schreiben können.
Und so wie die Dinge lagen in jener ersten Woche des Jahres 1961, unmittelbar vor dem Einzug eines neuen, jugendlichen und dynamischen Präsidenten ins Weiße Haus, hofften beide Supermächte auf den März als Monat der Entscheidung, und es ist gut möglich, dass beide genau den gleichen Tag anpeilten.
19. Januar 1961
Washington, DC
Am Abend, bevor Präsident John Fitzgerald Kennedy seinen Amtseid ablegen sollte, tobte die Mutter aller Schneestürme über die Hauptstadt der Nation hinweg. Innerhalb weniger Stunden hatte sich eine 20 Zentimeter dicke Schneedecke über die Stadt gelegt, Chaos auf den Straßen ausgelöst und die schlimmsten Verkehrsstaus seit Menschengedenken heraufbeschworen. Tausende von Autos, deren Insassen bei der Zeremonie der Amtseinführung einen Blick auf ihren neuen Präsidenten und seine Frau Jackie erhaschen, diesen zujubeln und ihnen Glück wünschen wollten, waren einfach stehen gelassen worden, wo auch immer sie den Dienst versagt hatten oder stecken geblieben waren, oder vielleicht waren ihre Fahrer auch einfach mit ihrer Geduld am Ende gewesen. Am frühen Abend standen allein auf der Pennsylvania Avenue 1400 gestrandete Fahrzeuge – genau dort, wo am nächsten Tag die Parade stattfinden sollte. Der National Airport wurde geschlossen, und die Autobahnmeisterei der Stadt musste die komplette Flotte von 200 Schneeräumfahrzeugen in Marsch setzen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Und selbst das reichte nicht. Die Temperaturen fielen immer weiter, und auch das Pionierkorps der Army und Pfadfindergruppen wurden herangezogen, um das Chaos rechtzeitig aus der Welt zu schaffen, damit die Ereignisse des folgenden Tages planmäßig vonstattengehen konnten. Sie arbeiteten fieberhaft die ganze Nacht hindurch, selbst Flammenwerfer kamen zum Einsatz, um den Schnee zu schmelzen. Es war, wie die New York Daily News schrieb, ein »Albtraum«.[12] Aber es gab keine Alternative. Der Amtsantritt des 43 Jahre jungen Präsidenten stand für die Mittagszeit des nächsten Tages auf dem Programm und konnte nicht warten – die Show musste weitergehen.
Während sich die Stadtverwaltung mit allem, was sie aufbieten konnte, durch die Nacht kämpfte, stürzten sich der gewählte Präsident und seine Jackie in eine atemberaubende Serie von Veranstaltungen im Vorfeld des Amtsantritts, die jede und jeden an ihre bzw. seine Grenzen gebracht hätten, was viele aus Kennedys Helferstab zweifellos unterschrieben hätten; allein, das prominente Paar schien das Ganze sogar zu genießen, und wenn überhaupt, machte der viele Schnee die Sache nur noch ausgelassener. Früher am Tag hatte sich »Jack« Kennedy mit dem aus dem Amt scheidenden Präsidenten Dwight D. Eisenhower im Weißen Haus getroffen. Die beiden unterhielten sich eine Stunde lang privat, und Eisenhower hatte ihm gezeigt, wie man einen Helikopter auf den Rasen hinter dem Weißen Haus kommen ließ. Der Gegensatz zwischen den beiden Männern hätte kaum größer sein können: Hier der alte Weltkriegsgeneral, der große Veteran des D-Day, geboren gegen Ende der Viktorianischen Ära, neben ihm der viel jüngere Mann, gut aussehend, schlank und mit seinem unwiderstehlichen Kameralächeln; er gab ein Bild ab, das nur so strotzte vor Gesundheit und Energie und das inzwischen allen Amerikanern vertraut war – auch wenn es ein Bild war, hinter dem sich eine kaum veröffentlichte Geschichte von Krankheiten, Operationen und schwersten Rückenproblemen verbarg.
Als die ersten Flocken fielen, hatte sich das junge Präsidentenpaar von seinem Haus in Georgetown aus in eine Nacht voller Partys aufgemacht. Jack prächtig herausgeputzt mit Frack und weißer Fliege, Jackie von blendender Schönheit in einem bodenlangen Ballkleid aus weißer Seide, während ein Bodyguard des Secret Service einen Schirm über das Haupt der kommenden First Lady hielt; zwei Gestalten, eingefangen in einem wahren Blitzlichtgewitter, die mit ihrem elektrisierendem Glanz für Millionen von Amerikanern das neue Jahrzehnt und die Zukunft überhaupt repräsentierten. Als das Paar an der Constitution Hall eintraf, um dem Konzert des National Symphony Orchestra aus Anlass des Amtsantritts beizuwohnen, steckte die Hälfte des Orchesters irgendwo im Schnee fest. Das Präsidentenpaar schien sich daran nicht weiter zu stören – man plauderte entspannt mit den anderen Gästen, bis die Musiker endlich den Weg in die Konzerthalle gefunden hatten. Als das geschafft war, ging es mit inzwischen einer Stunde Verspätung weiter zu einer Gala von Frank Sinatra im National Guard Armory, wo nicht nur Sinatra selbst auftrat, sondern auch Ella Fitzgerald, Nat King Cole, Gene Kelly und eine Reihe weiterer Stars – die Presse sprach von der rauschendsten Party in der Geschichte der Inauguration. Die Gala sollte die Hälfte des Defizits von drei Millionen Dollar wieder einspielen, das die Demokratische Partei im Präsidentschaftswahlkampf angehäuft hatte. Manche Gäste hatten 10000 Dollar für ihre Eintrittskarte bezahlt und wurden nun vom Wetter daran gehindert, die Veranstaltung zu besuchen. Ein für die Berichterstattung über das Weiße Haus zuständiger Korrespondent, Hugh Sidey vom TimeMagazine, beschrieb die Auftritte als »nicht enden wollend«, und Jackie Kennedy hätte diesem Eindruck insgeheim vermutlich nicht widersprochen, jedenfalls machte sie sich gegen halb zwei in der Nacht auf den Heimweg, um noch ein paar Stunden Schlaf abzubekommen; ihr Gatte blieb dagegen bis zum Schluss, immer dieses umwerfende Lächeln auf den Lippen, bevor er sich in den schlimmsten Schneesturm in der Geschichte der Hauptstadt stürzte und sich zu noch einer weiteren Party aufmachte, die sein Vater Joe Kennedy in einem schicken neuen Restaurant in Downtown schmiss. Gegen 03:30 Uhr war er endlich wieder daheim, um vier Uhr, als sich die Flammenwerfer noch durch den Schnee in den Bäumen an der Pennsylvania Avenue fraßen und Leute vom Secret Service Gullydeckel verschlossen, damit sich kein Attentäter dort verstecken konnte, hatte er sich schlafen gelegt. Seinen Amtseid, die Antrittsrede, die Parade und weitere fünf festliche Bälle anlässlich des Amtsantritts am nächsten Tag hatte er noch vor sich.
Keine 200 Meilen südlich der Hauptstadt saßen am gleichen Abend, an dem die Kennedys ihr Haus verließen und den ersten Schneeflocken trotzten, sieben Männer in einem Schulungsraum des NASA-Forschungszentrums in Langley, Virginia. Das Zentrum gehörte zu einem Testgelände für Luft- und Raumfahrt, das sich über mehrere Hundert Hektar Land am südöstlichen Rand der Virginia-Halbinsel unweit von Newport News erstreckte. Seit seiner Einrichtung im Jahr 1917 als Außenposten des NACA (National Advisory Committee for Aeronautics, dem Vorläufer der NASA) war das Gelände zu einem Labyrinth aus Hangars, Werkstätten, Windkanälen, Ingenieurbüros und Laboratorien angewachsen. Hier wurden einige der fortschrittlichsten Fluggeräte, die Menschen jemals ersonnen hatten, auf alle nur denkbaren Arten von Bedingungen getestet, mitunter auch absichtlich bis zur Zerstörung der jeweiligen Testobjekte. Langley war das angestammte Testgelände der Luftfahrt. In dieser Ansammlung von Gebäuden war die Speerspitze amerikanischer Innovation im Luftfahrtbereich zu Hause.
Und es ging nicht nur um Innovationen im Luftfahrtbereich. Als die neue US-Raumfahrtbehörde NASA1958 an die Stelle des NACA trat, übernahm sie eine ganze Reihe der Einrichtungen in Langley. In einer davon, Gebäude 60,[13] einem unauffälligen zweistöckigen Backsteinbau, flankiert von einem säuberlich gemähten Rasen, warteten an diesem Abend nun die sieben Männer, gerade als der Schneefall einsetzte.
Wie sie da an ihren Metalltischen saßen, hätte man sie fast für eine Schulklasse halten könnten, wären es keine gestandenen Männer in ihren Dreißigern gewesen. Die meisten davon trugen Shirts aus Ban-Lon, und alle waren in blendender körperlicher Verfassung. Für die amerikanische Öffentlichkeit waren ihre Gesichter bereits Berühmtheiten, schließlich zierten sie regelmäßig die Seiten einer der meistgelesenen Wochenzeitschriften des Landes, des Magazins Life, mit dem sie außerdem einen äußerst lukrativen Exklusivvertrag abgeschlossen hatten.[14] Die Leser wussten inzwischen alles über sie – oder glaubten zumindest, alles zu wissen, denn die dunkleren Seiten der Biographien hatte man geflissentlich übertüncht: Hobbys, Familie, Lebensgeschichte, bisherige Karriere als Testpiloten für das Militär, ihre Ängste und Träume, die Autos, die sie fuhren, und die Modemarken, die ihre perfekt gestylten Gattinnen bevorzugten. Von dem Augenblick an, an dem die sieben Männer bei einer brechend vollen Pressekonferenz im NASA-Hauptquartier in Washington am 9. April 1959 die Bühne der Weltöffentlichkeit betreten hatten, waren sie zu Prominenten geworden, und das aus einem schlichten Grund: Das waren die Männer, die als erste amerikanische Astronauten auserkoren worden waren. Man taufte sie die »Mercury Seven« nach dem Projekt Mercury, dem US-Programm für die bemannte Weltraumfahrt. Sie alle waren Freiwillige, jeder Einzelne nach einem schonungslosen medizinischen und psychologischen Testprogramm Anfang 1959 ausgewählt aus Hunderten ähnlich qualifizierter militärischer Testpiloten. Für die Presse, wenn auch vielleicht nicht in der Realität, waren dies die sieben mutigsten und besten Piloten des Landes. Jeder von ihnen war bereit und willens, für sein Land zu fliegen und, wenn es sein musste, zu sterben, irgendwo da oben im unerforschten Territorium namens Weltall. Sie waren Amerikas Gladiatoren im Kampf um die Sache der Freiheit. Kein Wunder, dass fast jeder Amerikaner den zukünftigen Helden zu Füßen lag.
Die erwähnte Pressekonferenz lag nun zwei Monate zurück, und trotz eines intensiven und anspruchsvollen Trainingsprogramms während der ganzen Zeit war keiner der sieben auch nur in die Nähe des Weltraums gekommen. Die vorläufigen Termine wurden immer wieder nach hinten verschoben. Das jüngste Gerede vom März als möglicher Termin hing von dem für Ende Januar geplanten Testflug mit dem Schimpansen ab, der innerhalb der nächsten knapp zwei Wochen über die Bühne gehen sollte. Nur wenn dieser Test erfolgreich war, konnte einer der sieben, die da in ihrem Klassenzimmer saßen, darauf hoffen, als Nächster an der Reihe zu sein. Allen war klar, dass die Sowjets ebenfalls planten, einen Menschen ins Weltall zu befördern – und zwar bald –, auch wenn es keinerlei offizielle Bestätigung des Sowjetstaats für diesen Plan gab, oder auch nur für irgendwelche sowjetischen Astronauten, die sich genau wie sie mitten im Training befanden, oder irgendwelche wie auch immer geartete konkrete Angaben zu dem Thema. Trotzdem wussten alle Bescheid. Und für den Fall, dass jemand einer Gedächtnisstütze bedurfte: Die sowjetische Presse ließ von Zeit zu Zeit immer wieder einmal mit Freuden deutliche Hinweise fallen, vor allem nach glänzenden Erfolgen wie der Erdumrundung von Belka und Strelka im August des Vorjahres. »Kosmonauten machen sich reisefertig« lautete eine stolze russische Überschrift hinterher, und die überaus beliebte Illustrierte Ogonjok, sozusagen die sowjetische Version von Life, konnte ihre Begeisterung nicht mehr zurückhalten: »Weltall, mach dich bereit, der Sowjetmensch kommt«.[15] Im Unterschied zu Life verzichteten die Berichterstatter von Ogonjok allerdings auf jeden Hinweis, wer denn dieser Sowjetmensch sein würde oder was für ein Auto er fuhr, oder ob er überhaupt existierte. Diesbezüglich herrschte Schweigen im Walde allenthalben.
Und doch konnte es gar nicht anders sein: Auch der Ausflug eines bemannten sowjetischen Raumschiffs ins All stand unmittelbar bevor. Fünf Monate waren seit der Reise von Belka und Strelka vergangen. Derweil warteten die Amerikaner noch immer darauf, dass ihr Schimpanse abhob. Und Belka und Strelka hatten die Erde geschlagene 18 Mal umrundet. Das bedeutete zwingend, dass der bemannte Raumflug der Sowjets ebenfalls rund um den Erdball führen würde; der Raumflug der Amerikaner dagegen würde, zumindest vorerst, nur kurz sein und sich unterhalb des Orbits abspielen. Einen Menschen in den Orbit zu katapultieren erforderte riesige Raketen mit enormem Schub, die die Sowjets bereits hatten, die Amerikaner aber erst entwickelten. Wie und warum dieses alarmierende Ungleichgewicht entstehen konnte, war eine Frage, die für lange Zeit zahlreiche amerikanische Leitartikel und Kongressanhörungen beschäftigte. In der Praxis bedeutete es schlicht und einfach, dass die ersten amerikanischen Astronauten, genau wie der erste amerikanische Schimpanse, lediglich in der Lage sein würden, eine einfachere ballistische Flugbahn zu absolvieren; mehr als ein Kurzbesuch im All, knapp außerhalb der Erdatmosphäre, bevor die Schwerkraft die Kapsel nach wenigen Minuten wieder zurück in Richtung Erdoberfläche zog, war nicht drin. Die Flugbahn wäre eher bogenförmig wie bei einem Artilleriegeschoss, nur dass eben ein Schimpanse – oder ein Mensch – in diesem Geschoss saß. Doch selbst wenn dieses kurze suborbitale Auf und Ab technologisch weniger Eindruck machte als eine Umrundung der ganzen Erdkugel mit einer Geschwindigkeit von fast 29000 Stundenkilometern, war es doch wichtiger als alles andere. Schließlich war für die Öffentlichkeit und die Medien in Amerika das Weltall immer noch das Weltall, ob ein Mensch nun ein paar Minuten oder ein paar Stunden dort verbrachte, und das Einzige, worauf es ankam, war, es als Erster zu schaffen – und das Ganze nach Möglichkeit auch noch zu überleben.
Die sieben US-Astronauten in spe standen noch vor einer weiteren und vielleicht sogar dringlicheren Frage: Welcher von ihnen würde der Auserwählte sein? Wie fast das ganze Land waren sie frustriert ob all der Verzögerungen und Verschiebungen in diesem Raumfahrtprogramm, aber sie verstanden auch, dass es für eine Mission dieses Ausmaßes und dieser Ambition keine lehrbuchmäßige Vorlage geben konnte; das Lehrbuch wurde gerade erst geschrieben und immer wieder umgeschrieben, während die Dinge ihren Lauf nahmen. Als Testpiloten wussten sie, dass viele dieser Verzögerungen unvermeidlich waren, nicht zuletzt aufgrund der sehr praktischen Überlegung, dass schließlich sie es waren, die den Kopf hinhalten mussten, wenn da oben irgendetwas schiefging. Schließlich wollte keiner von ihnen sterben; das konnte aber keinen Einzigen von ihnen von der Hoffnung abhalten, er selbst würde es sein, der seinen Kopf würde hinhalten dürfen.
Bislang war keinem von ihnen gesagt worden, wem diese Ehre zuteilwerden würde, aber der eindeutige Favorit der Presse war John Glenn, ein ehemaliger Marinepilot, der 59 Einsätze im Zweiten Weltkrieg geflogen war, drei Flugzeuge der Kommunisten im Koreakrieg abgeschossen hatte, fünf Mal das Distinguished Flying Cross für herausragenden Mut verliehen bekommen hatte. Außerdem hatte er 1957 den Weltrekord für den schnellsten Düsenflug quer über den Kontinent der Vereinigten Staaten aufgestellt, und er war mehrmals als Kandidat in der überaus beliebten CBS-Fernsehshow Name That Tune aufgetreten – in seiner schicken Uniform, ein breites Lächeln im Gesicht und die Brust voller Medaillen. Die Leute liebten Glenns Spitznamen »Ol’ Magnet Ass«, den er sich eingehandelt hatte, weil er bei seinen Kriegseinsätzen so oft in feindliches Feuer geraten war. Alles in allem war das doch eine eindrucksvolle Vita, und mit seinem breiten, grinsenden Gesicht voller Sommersprossen, seinem überzeugten und regelmäßigen Besuch der presbyterianischen Kirche, seinen ebenso regelmäßigen Auftritten bei der Sonntagsschule und seinen mit Überzeugung hochgehaltenen familiären Werten schien Glenn nicht nur nach Aussehen und Klang der geradezu geborene amerikanische Astronaut zu sein, sondern der erste geborene amerikanische Astronaut. Er selbst sah das mit Sicherheit genauso. »Ich glaube, dass einer, der sich das nicht wünscht«, nämlich der Erste zu sein, »einfach nicht in dieses Programm gehört«, erklärte er einmal.[16]
Als aussichtsreichster Rivale in dem Rennen galt Alan Shepard, ein 37-jähriger ehemaliger Navy-Pilot, zwar ohne Kampfeinsätze – ein potenzieller Schwachpunkt gegenüber Glenn –, der jedoch Testflüge mit einigen der schwierigsten und anspruchsvollsten Maschinen an der Navy-Schule für Testpiloten in Patuxent River (Maryland) vorzuweisen hatte: schnelle, schwierige Flugzeuge mit Namen wie Banshee, Demon oder Panther, in denen, so hieß es, man stets fürchten musste, in Panik zu geraten. Zu Shepards zahlreichen Spezialitäten gehörte das Landen auf einem Flugzeugträger in rauer See bei Nacht, was der gefährlichsten Flugübung überhaupt gleichkommt, und er hatte sich auch beigebracht, wie man eine Maschine aus 40000 Fuß Höhe ohne Triebwerk zur Landung bringt. Er war ein brillanter Pilot, der einmal nur zum Spaß einen Looping unter der Chesapeake Bay Bridge hindurch gedreht hatte – der Spaß hätte ihn um ein Haar seine Karriere gekostet. Ein anderes Mal drehte er in höchster Geschwindigkeit Fassrollen in einer dieser vertrackten Banshees, als plötzlich beide Flügeltanks abrupt abbrachen. Shepard brachte die Maschine trotz allem sicher zurück nach Patuxent. Sein Können als Pilot war legendär, ebenso seine unerschütterliche Ruhe, wenn eines seiner Flugzeuge auf einmal Zicken machte. »Der konnte einfach alles fliegen«, meinte ein Kollege.[17]
Shepard machte kein Geheimnis aus seinen Ambitionen als Astronaut: »Ich will der Erste sein, weil ich der Erste sein will«,[18] erzählte er einem Reporter, und er war zweifellos intelligent, vielleicht der intelligenteste von allen sieben Kandidaten, mit unbestreitbaren Führungsqualitäten, zudem mit einem enormen Talent zur technischen Analyse. Und Shephard hatte nicht bloß die heißesten Kisten des Landes in haarsträubenden Geschwindigkeiten, und manchmal auch kopfüber, geflogen, zu seinen Passionen zählten auch Wasserski, Golf und superschnelle Autos – und Frauen, behaupten zumindest manche. Er hatte verwegene blaue Augen und ein verschlagenes, breites Grinsen, das viele Frauen einfach unwiderstehlich fanden; dabei war sein Gesicht laut einem Porträt im Magazin Life durchaus nicht hübsch, aber trotz des spitz zulaufenden Haaransatzes immer noch jungenhaft und voller Charakter. Doch er konnte mitunter auch das Misstrauen der Leute erregen. Er war unterhaltsam und witzig, die Nettigkeit in Person, er konnte aber auch von einer Minute auf die andere kurz angebunden und unnahbar wirken – ein »cooler Typ«, hieß es im Life.[19] Einer seiner Spitznamen war der »Eiskalte Commander«. »Ich war noch nie mein eigenes Lieblingsthema«, erzählte er im gleichen Porträt und machte damit zugleich klar, dass er keine allzu bohrenden Fragen über seine Persönlichkeit hören wollte. Einige wenige, wie der spätere Apollo-Astronaut Gene Cernan, schafften es, »seine Abschottung zu durchbrechen« und »dadurch erkannte ich, was für ein unglaublicher Mensch er wirklich war«.[20] John Glenn schaffte das nicht. Shepard und Glenn waren jedenfalls keine dicken Freunde.
Sie waren die beiden Favoriten, aber noch immer gab es keinen Hinweis darauf, welcher von beiden – wenn überhaupt einer der beiden – der Glückliche wäre, der als Erster fliegen sollte. Nur ein Dummkopf hätte die anderen Kandidaten schon abgehakt. Da war Leroy »Gordo« Cooper, hager, gut aussehend, ein heimatverbundener Farmersohn aus Oklahoma und mit 32 Jahren der jüngste aller sieben Kandidaten. Als Buck-Rogers-Fan gestand er einmal, einer der Gründe für seinen Wunsch, Astronaut zu werden, wäre sein Interesse an UFOs. Dann war da Donald »Deke« Slayton, ein weiterer Farmersohn aus Wisconsin, ein ruhiger Mann mit gegerbtem Teint, ebenfalls ein herausragender Testpilot und nebenbei begeisterter Jäger; und Slaytons bester Freund und Jagdgenosse Virgil »Gus« Grissom, der kleinste der Gruppe, Veteran mit hundert Kampfeinsätzen in Korea; auch er konnte die Auszeichnung des Distinguished Flying Cross vorweisen, und er war ein berühmt-berüchtigter Schweiger. Dann war da noch Walter »Wally« Schirra, der Spaßvogel der Truppe, der mit Vorliebe Streiche spielte, ein Fan schneller Autos wie Alan Shepard, und einer der wenigen hartnäckigen Raucher unter den Mercury Seven. Schließlich gab es noch Malcolm Scott Carpenter, ein ehemaliger Navy-Pilot, dessen Aufnahme in diese Elitegruppe von Testpiloten für alle anderen ein Rätsel war; schließlich hatte er den größten Teil seiner Karriere damit verbracht, lahme und langweilige Propellermaschinen auf Patrouillenflügen zu steuern. Aber das war noch nicht das Schlimmste; noch übler war Carpenters Hobby, er spielte nämlich Gitarre, saß am liebsten daheim auf dem Sofa mit seiner geliebten Gattin Rene, als wäre er irgendein Beatnik – keine Spur von einem verwegenen, heißblütigen Piloten.
Alle sieben Männer brodelten nur so vor Konkurrenzdenken. Deshalb hatten sie es ja überhaupt erst in diesen Raum geschafft; das war es, was sie zur Flugschule gebracht hatte, zur Navy oder zu den Marines oder in die Air Force, allen sieben – mit Ausnahme von Carpenter – ging es darum, die heißesten Jets der Welt zu fliegen und mitunter auch das eigene Leben im Kampfeinsatz zu riskieren; das war es, was sie zwei Jahre zuvor veranlasst hatte, sich für diese neue und noch nie erprobte Karriere als Astronaut zu bewerben – sie wollten im wahrsten Sinn des Wortes nach den Sternen greifen und in fremdartigen, aufregenden neuen Maschinen fliegen, die kein bisschen so aussahen wie die Flugzeuge, die sie bisher gesteuert hatten. Und mit diesen Maschinen wollten sie in Regionen fliegen, die für die Flugzeuge für immer unerreichbar bleiben würden. Und aus genau diesen Gründen wollte jeder Einzelne von ihnen, vielleicht mehr als alles andere im Leben, die Russen und die anderen sechs besiegen, um für immer in die Geschichte einzugehen als Der Erste.
Vor Weihnachten waren die Astronauten aufgefordert worden, in einer Geheimabstimmung einen aus ihren Reihen zu benennen, der diese Position einnehmen sollte. Das Ergebnis der Abstimmung war aber nicht bekannt gegeben worden. Von Mitte Januar an, als der Flug des Schimpansen unmittelbar bevorstand, begann die Frage dringlich zu werden. Dann, am Tag vor Kennedys Amtseinführung als Präsident, war den Astronauten gesagt worden, sie sollten alle anderen Termine streichen und um 17 Uhr in jenem Schulungsraum erscheinen. Ihr Boss, Robert Gilruth, wollte sie sehen.
Seit November 1958 hatte Gilruth die Leitung der Space Task Group in Langley inne, der Organisation, die die NASA für die Durchführung von Project Mercury eingerichtet hatte. Er war eine erstklassige Besetzung: Als einer der herausragenden Luftfahrttechniker des Landes hatte er mit so ziemlich allem gearbeitet, von den britischen Spitfires während des Kriegs bis zu den hochmodernen, pilotenlosen Raketenflugzeugen der 1950er-Jahre. Er war ein echter Neuerer, mit Mitte vierzig noch immer relativ jung und angetrieben durch seine neue verantwortungsvolle Aufgabe, einen Astronauten ins Weltall zu bringen; und hinter einer täuschend ruhigen Fassade konnte er ausgesprochen entschlossen und tough sein. Fünfzehn Minuten lang warteten die Astronauten in ihrem Schulungsraum auf Gilruth, draußen wurde der Schneefall immer dichter. Normalerweise hätten sie die Zeit damit verbracht, sich zu unterhalten oder sich gegenseitig ein wenig auf den Arm zu nehmen. Jetzt fiel kaum ein Wort. Die Anspannung war, wie hinterher alle Beteiligten bestätigten, mit Händen zu greifen. Ausgerechnet Grissom, der »kleine Bär von einem Mann«, wie ihn Life beschrieb, der kaum je einmal ein Wort herausbrachte, riss einen Witz.[21] »Wenn wir noch eine Minute länger warten müssen«, sagte er, »muss ich wohl noch eine Rede halten.«[22] Bevor es dazu kam, betrat Gilruth den Raum.
Er schloss die Tür hinter sich und verlor keine Zeit. Er sagte den Astronauten, dies wäre »die schwerste Entscheidung, die ich jemals treffen musste«. Dann verkündete er, Alan Shepard würde den ersten Flug machen. Gus Grissom wäre als Nächster dran, und John Glenn war die Nummer drei. Glenn wäre auch der Reserve-Astronaut für beide, also Shepard und Grissom. Die anderen vier – Deke Slayton, Gordon Cooper, Scott Carpenter und Wally Schirra – würden für spätere Flüge eingeteilt. Gilruth nannte keine Gründe für seine Entscheidungen, jetzt nicht und auch später nie, jedenfalls nicht gegenüber Shepard selbst; allerdings ließ er später durchblicken, dass Shepards scharfer Verstand ein wichtiger Faktor gewesen war. Bevor er den Raum verließ, sagte Gilruth, diese Entscheidung dürfte noch nicht öffentlich gemacht werden. Der Andrang der Presse auf Shepard würde sonst zu heftig werden. Vorerst sollten die Astronauten die Nachricht für sich behalten. Gilruth dankte allen, wünschte ihnen Glück – und verließ den Raum.
Dort herrschte verblüffte Stille. Shepard erinnerte sich später, auf den Boden gestarrt zu haben, um seine Euphorie zu verbergen, während Gilruth das Ergebnis verkündet hatte. Er blickte erst auf, als Gilruth wieder draußen war. Sechs Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Dann trat Glenn nach vorne und reichte ihm die Hand. Die anderen taten es ihm gleich, einer nach dem anderen. Kurz darauf waren alle gegangen, und Shepard befand sich allein im Raum.
Er blieb nicht sehr lange. Als ihm die ganze Tragweite dessen klar wurde, was ihm gerade widerfahren war, wusste er, dass er es seiner Familie sagen musste, ganz gleich, was Gilruth davon hielt. Er trat hinaus in die abendliche Dunkelheit und den Schneefall und fuhr zu seinem Haus in Virginia Beach. Er öffnete die Haustür, und seine Frau Louise fiel ihm um den Hals. Sie hatte das Grinsen erkannt, das sich über sein Gesicht zog, und sie wusste Bescheid. »Du hast es gepackt!«, sagte sie.[23] Die Ängste, die sie mit dieser Feststellung verbunden haben mag, behielt sie standhaft für sich. Sie war schon viel zu lange die Frau eines Testpiloten, als dass sie nun diese Ängste vor ihrem Mann ausbreiten würde. »Lady«, sagte Shepard, »du darfst darüber mit niemandem sprechen, aber du umarmst gerade den Mann, der als erster Mensch ins Weltall fliegen wird.« Louise ließ ihn los und blickte verschmitzt im Zimmer umher. »Wer hat den Russen hier reingelassen?«, sagte sie. Das sollte natürlich ein Witz sein; dabei kam sie dem Kern der Sache näher, als sie oder ihr Mann sich je hätten ausmalen können.
18. Januar 1961
Militäreinheit 26266, 41 Kilometer nordöstlich von Moskau
Tief in einem Birkenwald im Distrikt Schtschelkowski nordöstlich von Moskau, weit weg von der Haupteinfallstraße in die Metropole und verborgen vor neugierigen Blicken, stand ein kleines, altmodisches zweistöckiges Gebäude, halb im Schnee versunken. Hier lag noch mehr Schnee als 8000 Kilometer weiter westlich in Washington. Er türmte sich auf dem steil abfallenden Dach des Hauses, auf dem überhängenden Vordach über der Haustür, auf den Ästen der Birken, alles verstärkte die gewichtige Stille des Waldes nur noch mehr.
Von der merkwürdigen Lage abgesehen hatte das eigentliche Gebäude nichts Besonderes an sich. Vielleicht sollte gerade diese Anonymität auch zur Tarnung des wahren Zwecks beitragen. Denn in diesem unauffälligen Bau mitten im Wald befand sich in Wirklichkeit eine der geheimsten Einrichtungen der ganzen UdSSR. Der Codename lautete »Militäreinheit 26266«, bekannt aber auch unter den Initialen TsPK, für Tsentr Podgotowki Kosmonawtow: das Trainingszentrum der Kosmonauten. Und es war genau hier, genau an jenem Mittwoch, zwei Tage vor der Amtseinführung des Präsidenten Kennedy in Washington und am Tag vor der Auswahl Alan Shepards als erstem amerikanischem Astronauten, wo jene sechs Männer darum konkurrierten, der erste Kosmonaut der Sowjetunion und vielleicht auch der erste Mensch im All überhaupt zu werden.
Genau wie die Mercury Seven in Langley, Virginia, saßen auch diese sechs in einem Klassenzimmer. Aber das war es dann auch fast schon mit den Gemeinsamkeiten. Sie alle waren offensichtlich jünger als die Amerikaner, alle in ihren Zwanzigern, keiner hatte die dreißig überschritten. Alle trugen sie Militäruniformen, keine lockeren Ban-Lon-Shirts. Und sie alle waren kleiner als die Amerikaner – Gus Grissom war die Ausnahme –, klein genug, um in die kugelförmige Wostok-Raumkapsel zu passen, die an die Stelle des Atomsprengkopfs an der Spitze der R-7-Rakete trat, die sie, wie alle hofften, eines gar nicht mehr fernen Tages ins All schießen sollte.
Und anders als die Mercury Seven warteten diese sechs Männer auch nicht darauf, dass jemand hereinkam. Sie saßen in einer Prüfung. Später am Nachmittag würden sie nacheinander von einem für ihre Ausbildung zuständigen Komitee eingehend befragt werden. Dasselbe Komitee hatte bereits tags zuvor ihre in einem primitiven Simulator der Wostok-Kapsel erbrachte Leistung beurteilt. Dieser Simulator, der einzige in der ganzen UdSSR, befand sich nicht in dem Haus im Wald, sondern in einem feudalen Gebäude aus vorrevolutionären Zeiten in Schukowski, 45 Kilometer südöstlich von Moskau mit dem Namenskürzel LII: Ansonsten nannte es sich das Michail-Gromow-Institut für Flugforschung. Bis zu 50 Minuten lang hatte jeder der sechs Männer im zweiten Stockwerk des ehemaligen Tuberkulose-Sanatoriums, das einst unter der Oberaufsicht des Volkskommissariats für Arbeit gestanden hatte, unter der aufmerksamen Beobachtung durch die Prüfer diverse Prozeduren im nachgebauten Cockpit der Wostok geübt.
Das Haus im Birkenwald, in dem die Männer nun ihre Prüfungen ablegten, war das erste Gebäude dessen, was im Lauf der Zeit zu einem riesigen, schwer bewachten Komplex anwachsen sollte, abgeschirmt von der Außenwelt und nur einer einzigen Aufgabe verpflichtet: dem Training der Kosmonauten der UdSSR. 1968 würde es in Swjosdny Gorodok – Sternenstädtchen – umbenannt werden, aber das lag noch weit in der Zukunft. Bis dahin war die Region selbst bekannt als Grünes Dorf, vielleicht ein Hinweis auf die vielen Hektar Wald, die den Ort schützend umgaben. Als das neue Trainingszentrum für Kosmonauten am 11. Januar 1960 gegründet wurde, auf Anordnung des Kommandeurs der sowjetischen Luftstreitkräfte, Hauptmarschall Konstantin Werschinin, wurde das Grüne Dorf als bester Standort für den Bau ausgewählt. Es bot zahlreiche Vorteile: abgeschirmt durch den umgebenden Wald, aber dennoch nicht weit von Moskau. Auch die Luftwaffenbasis Tschkalowski, der größte Militärflugplatz der Sowjetunion, lag nur wenige Kilometer entfernt. Und es befand sich nicht allzu weit vom OKB-1, der geheimen Konstruktions- und Fertigungsstätte in Koroljow (Kaliningrad) unweit Moskaus, wohin Arvid Pallos ramponierte Wostok erst in der Vorwoche zurückgebracht worden war, bevor die sechs Kandidaten in ihren Prüfungen saßen – und wo auch die Wostok-Kapseln der nächsten Generation gebaut wurden, die Menschen ins All befördern sollten.
Die sechs Männer hatten seit März 1960 zehn Monate lang trainiert, auch wenn das Gebäude mit dem Schulungsraum erst seit Juni in Betrieb war. Sie hatten noch weitere namenlose Trainingseinrichtungen in Moskau genutzt und taten dies auch weiterhin. In den folgenden Jahren sollten viele von ihnen in speziell dafür errichtete Wohnblöcke in der Sternenstadt ziehen, aber im Januar 1961 wohnten sie unweit der Luftwaffenbasis Tschkalowski in schlichten Zweizimmerwohnungen mit Frau und Kindern, wenn sie Familie hatten. Für die Junggesellen gab es noch schlichtere Quartiere – kein Vergleich mit Alan Shepards komfortablem Eigenheim in den waldigen Vorstädten von Virginia Beach oder mit überhaupt irgendetwas, was amerikanische Astronauten und ihre Familien bereitwillig hingenommen hätten, aber für sowjetische Verhältnisse wohnten sie durchaus privilegiert. Derweil wusste kein Mensch in Tschkalowski außerhalb ihres geschlossenen Zirkels, warum diese sechs Männer dort waren oder worauf sie sich vorbereiteten. Selbst ihre Eltern, ihre Freunde, die ehemaligen Kollegen in der Luftwaffe wussten von nichts. Sogar den Ehefrauen wurde nahegelegt, nicht zu viele Fragen zu stellen. Anders als die Mercury Seven, die in ganz Amerika, wenn nicht weltweit Prominentenstatus besaßen, lebten diese sechs sozusagen im Schatten.
Und noch einen wichtigen Unterschied gab es zu den Mercury Seven. Die sechs waren nicht die einzigen Kosmonauten, die sich in Ausbildung befanden. Es gab noch 14 weitere. In einem Auswahlprozess, der noch strenger war als bei den amerikanischen Astronauten, waren 20 Männer aus einer Gruppe von ursprünglich 3500
