Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper - Robert C. Marley - E-Book
Beschreibung

London, East End, 1888: Ein unheimlicher Killer verübt im Stadtteil Whitechapel eine bis dahin beispiellose Mordserie, der ausschließlich Prostituierte zum Opfer fallen. Er nennt sich selbst »Jack the Ripper«. Scotland Yards Chief Inspector Donald Swanson und sein Team werden auf den Fall angesetzt. Doch alle Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, scheitern. Sogar Oscar Wilde und Lewis Carroll geraten in den Dunstkreis der Ermittlungen. Wer ist der perfide Killer? Und warum ordnet der Commissioner von Scotland Yard die Vernichtung von Beweismaterial an? Ist am Ende etwas dran an den Gerüchten, das britische Königshaus selbst habe seine Finger im Spiel?

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Seitenzahl:418

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Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper

Ein Kriminalroman aus dem Jahre 1888

Inhalt

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Prolog

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Vierter Teil

Fünfter Teil

Zur Baker Street Bibliothek

Impressum

Für Rosie und Stewart Evans Und für Nevill Swanson

Vorwort

von Stewart P. Evans

Seien wir ehrlich: Zunächst einmal müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir die wahre Identität des unbekannten „Whitechapel-Mörders“ von 1888 niemals kennen werden, der der Welt unter dem treffenderen Spitznamen „Jack the Ripper“ bekannt geworden ist. Und dieser Name war, meiner Meinung nach, zweifellos eher die Erfindung eines „geschäftstüchtigen Journalisten“ als die des Mörders selbst.

Theorien zu seiner Identität kamen bereits 1888 auf und vermehren sich bis heute – einige realistisch, aber die Mehrzahl weit hergeholt oder phantastisch. Nicht allzu viel an dem Fall ist mit absoluter Sicherheit bekannt – nicht einmal die exakte Zahl seiner tatsächlichen Opfer. Phantasie und Mythos haben sich mit den Jahren darüber gelegt, und es gibt nicht viele, die in der Lage sind, erfolgreich Fakt von Fiktion zu trennen. Dies führte dazu, dass Jack the Ripper und die kurzlebige Serie ungelöster Morde ein attraktives Thema für den Romanautor geworden sind. Sogar der große, fiktive Detektiv Sherlock Holmes ist schon mehr als einmal gegen den unbekannten Killer angetreten.

Und ein gut geschriebener Roman mit einer wohldurchdachten Lösung, wie im vorliegenden Fall, kann bei Weitem vergnüglicher sein als die ungeschminkten, aber zwangsläufig enttäuschenden Tatsachenberichte. Mein alter Freund, der verstorbene Colin Wilson, bemerkte einmal, dass es für ihn kein sonderlich beruhigender Gedanke sei zu sterben, ohne die Identität des Rippers zu kennen. Traurigerweise haben wir nie eine Lösung zu diesem fortdauernden Kriminalmysterium gefunden.

Chief Inspector Donald Swanson (der Rang, den er zur Zeit der Morde innehatte, ehe er kurz vor seiner Pensionierung 1903 zum Superintendent befördert wurde) leitete die Ermittlungen. Wenn es irgendjemanden gab, der über die Fakten des Falles Bescheid wusste, dann war er es. Und so ist es nur folgerichtig, dass er der Hauptprotagonist dieses auf Fakten basierenden Romans ist.

Robert stellt uns in seinem neuesten Roman ein Aufgebot der über die Jahre vorgeschlagenen „Verdächtigen“ ebenso vor wie die Briefe, von denen man behauptete, sie stammten vom Mörder. Der Irrenarzt Dr. Forbes Winslow hat einen bedeutenden Auftritt, und all jene, die mit der Ripper-Kunde vertraut sind, werden viele der Charaktere im Buch wiedererkennen. Sogar die Königliche Verschwörungstheorie wird behandelt.

„Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“ ist ein Vergnügen für jeden Jack-the-Ripper-Kenner, der ein unterhaltsames Schauspiel zu schätzen weiß, das auf geschickte Weise Fakt und Fiktion zu einer amüsanten, vielleicht sogar befriedigenden Lösung des Rätsels verwebt und in dem die meisten der tatsächlichen Akteure im Ripper-Drama eine Rolle spielen.

„Wenn der Unsinn Gewicht besäße, dann würde der Unsinn, der über diese Morde gesprochen und geschrieben worden ist, ein Panzerschiff zum Sinken bringen.“

Sir Robert Anderson, zur Zeit der Ripper-Morde Leiter der Kriminalabteilung von Scotland Yard in seinen Erinnerungen 1910

Vorbemerkung

Wer war Jack the Ripper?

Diese Frage beschäftigt die Welt seit mehr als 120 Jahren.

Meine völlig neue Antwort darauf, wer hinter den Whitechapel-Morden steckte, und vor allem, was ihn dazu antrieb, finden Sie in diesem Roman. Er ist das Ergebnis 25-jähriger Recherchearbeit. Und auch wenn ich mir aus verschiedenen Gründen einige Freiheiten mit den darin vorkommenden Personen herausgenommen habe, basiert diese Geschichte auf Tatsachen. Sämtliche Schlüsse, die zur Identität Jack the Rippers führen, sind durch Fakten belegt.

Es sei noch hinzugefügt, dass Band zwei der Abenteuer um Inspector Swanson fünf Jahre vor den Ermittlungen im Fall des berühmten blauen Hope-Diamanten spielt.

R.C.M.

ERSTER TEIL

Martha Tabram

Montag. Zeitungen voll von der letzten Tragödie. Eine von ihnen deutete an, dass der Mörder ein Mann sei, der einen blauen Mantel trage. Verhaftete drei Blau-Mantel-Träger auf Verdacht. Punch, 22. Sept. 1888, Ein Kriminalbeamten-Tagebuch à la mode

Kapitel 1

Dienstag, 7. August 1888. George Yard, Spitalfields

Mr John Saunders Reeves krempelte die abgewetzten Ärmel seines fadenscheinigen blauen Hemdes herunter und stand vom Küchentisch auf. Er ließ den Teller stehen, wischte sich die Reste der Sülze, die er zum Frühstück gehabt hatte, mit einem ihm sauber erscheinenden Zipfel der Schürze seiner Frau von Mund und Händen und ging in den kalten Wohn- und Schlafraum hinüber. Die fleckige Arbeitsjacke hing über dem Bettpfosten, und er warf sie sich über, ehe er Laurie einen Kuss auf die Stirne drückte und die Wohnung verließ.

Es war vier Uhr fünfzig. Die ersten Vorboten des neuen Tages fielen als bläulich-graue Schimmer durch die schmutzigen Scheiben herein, reichten aber noch nicht aus, das Treppenhaus hinlänglich zu erleuchten.

Der Markt öffnete seine Tore erst in einer guten Stunde, doch Reeves, der hoffte, sich eines Tages ein kleines Häuschen in Devonshire leisten zu können, liebte die frühen Morgenstunden. Nicht zuletzt deshalb hatte er einen einfachen Reinigungsjob der Gemeinde St. Jude’s angenommen. Kaum mehr als ein Zubrot, aber den Boden der kleinen Kirche aufzuwischen, die Bänke sauber zu halten und neue Kerzen in die Wandhalter zu stecken, war weiß Gott keine sehr zeitaufwendige Arbeit. Sie ließ sich leicht in einer Dreiviertelstunde erledigen und brachte ihm am Monatsende immerhin einen Shilling zusätzlich ein. Reeves konnte von Glück sagen, dass er überhaupt einen Penny dafür bekam, denn normalerweise wurden solche Aufgaben ehrenamtlich übernommen. Allein der Güte des Vikars und dessen Gattin war es zu verdanken, dass ihm und Laurie dieser Segen zuteilgeworden war.

„Verflucht!“ Er rutschte auf dem feuchten Stein der Treppe aus, als er auf dem breiten Treppenabsatz des ersten Stockwerks in eine Pfütze trat. Haltlos ruderte Reeves mit den Armen, streckte reflexartig die Hände nach dem maroden Holzgeländer aus und hielt sich keinen Augenblick zu früh daran fest. Eine Sekunde später und einen Schritt weiter, und er hätte die Stufen verfehlt und sich den Hals gebrochen.

Er zog sich hoch, wandte sich um. Urin, war sein erster Gedanke, als er die Silhouette der schlafenden Gestalt in der Ecke bemerkte. Diese verdammten Penner urinierten, wo sie standen und saßen. „Raus hier, Mann!“, schrie er. „Steh auf und hau ab!“

Keine Reaktion folgte. Nichts.

„Wach auf, hab ich gesagt!“ Reeves packte den Schläfer am Kragen und versuchte ihn wachzurütteln – ein penetranter Eisengeruch ließ ihn jedoch zurückfahren.

Blut!

Die Gestalt sackte leblos in sich zusammen. Ihr Kopf fiel haltlos zur Seite. Das, was er für einen dösenden Pennbruder gehalten hatte, war, wie er nun deutlich sah, die Leiche einer vielleicht dreißigjährigen Frau.

Sie schien nur so in Blut zu schwimmen. Ihr Körper war größtenteils im Schatten verborgen, aber das durch das Fenster einfallende Licht spiegelte sich deutlich im matten Glanz ihrer weit geöffneten Augen.

Erinnerungen an die Frau, die man im April keine hundert Meter von hier halb tot in Wentworth Street gefunden hatte, stiegen in Reeves hoch. Er würde unverzüglich Hilfe herbeiholen müssen. Aber wohin sollte er laufen? Die rückwärtige Seite des Vikariats grenzte an den George Yard und lag nur einen Steinwurf weit entfernt – wesentlich näher als die Polizeistation.

Er sprang die Stufen hinunter und rannte los.

Lautes Rufen und das heftige Krachen des Türklopfers rissen Reverend Samuel Augustus Barnett, Vikar von St. Jude’s, fast augenblicklich aus seinem seligen Schlummer. Er schlug die Bettdecke beiseite, tastete nach den Zündhölzern und der Kerze und schlüpfte in seine Pantoffeln.

„Was ist denn, Samuel?“ Mrs Barnett blinzelte aus halb geschlossenen Augen gegen das Licht des aufflammenden Streichholzes. „Was hat das Klopfen zu bedeuten?“

„Nichts, Hetty. Schlaf weiter, Liebes. Ich werde gehen und nachschauen.“ Der Vikar trug das brennende Wachslicht vor sich her auf den Flur. Das Pochen des Türklopfers dröhnte derweil wie Donnerhall durch das kleine Pfarrhaus.

Als Barnett den Riegel zurückschob und die Tür aufschwang, da fiel ihm Reeves beinahe in die Arme. „John, großer Gott, kommen Sie herein. Weshalb machen Sie denn solch einen Heidenlärm?“

„Reverend ...“ Er war dermaßen außer Atem, dass er kaum ein Wort herausbrachte. Mit beiden Armen stützte er sich, keuchend und nach Luft schnappend, am Türpfosten ab.

„Was ist los, John? Stimmt etwas nicht mit der Kirche?“ Barnett ergriff ihn an den Schultern. „Ein Feuer?“

„Eine Leiche ... Reverend!“ Reeves erstickte fast an seinem eigenen Speichel. „Drüben in George Yard Buildings! Und es ist schon wieder eine Frau!“

Chief Inspector Donald Sutherland Swanson stand im Treppenhaus von Nummer 37 George Yard Buildings und blickte auf die tote Frau hinunter. Sie lag in einer riesigen verschmierten Blutlache, die sich fast über den gesamten Boden ausgebreitet hatte. Eine alte braune Packdecke war über den Leichnam gebreitet, ließ nur den Kopf und die Füße frei und hatte einiges von dem Blut aufgesogen.

Swanson zog seine Taschenuhr hervor. Es war kurz nach sieben am Morgen. Vor einer Stunde hatte man ihn aus dem Bett geholt. Erst gestern hatte er Superintendent Arnold gegenüber erwähnt, dass ihn die Schreibtischarbeit zu langweilen begann, und prompt schickte man ihn nach Whitechapel. Die Sonne ging allmählich auf. „Wann hat man sie gefunden?“, fragte er.

„Der Mieter aus der oberen Etage fand die Leiche gegen Viertel vor fünf“, sagte Detective Inspector Edmund Raid, der zuständige Beamte vor Ort. „Hielt sie zunächst für einen betrunkenen Obdachlosen, bis er das ganze Blut sah.“

„Was tat er dann?“

„Rannte rüber zur Kirche und weckte den Vikar“, sagte Raid.

„Warum dorthin? Weshalb suchte er keinen Polizisten?“

„Schien ihm wohl das Naheliegendste zu sein.“ Raid breitete die Arme aus. „Weckte den Vikar und rannte dann los, einen Constable zu suchen.“

Swanson nickte. „Wo ist der Mann jetzt?“

„In seiner Wohnung. Hat ihn ziemlich mitgenommen.“

„Wer hat die Leiche abgedeckt?“

„Das war Dr. Killeen, der Polizeiarzt. Wir holten ihn aus seiner Praxis in Brick Lane.“

Swanson schüttelte den Kopf. Er fragte sich, warum zum Teufel solche Dinge immer wieder geschahen? Dabei gab es strikte Vorschriften, was das Verhalten von Ärzten am Tatort betraf. Und eine davon besagte, den Schauplatz des Verbrechens bei der Untersuchung des Leichnams so wenig wie möglich zu verändern. War es in diesem Fall lediglich mangelnder Erfahrung geschuldet oder steckte womöglich etwas anderes dahinter? „Er hat vermutlich wertvolle Spuren verwischt. Dachte er, der Frau sei kalt?“

Raid zuckte die Achseln. „Ich habe gleich nach ihm schicken lassen, als ich hörte, Sie würden kommen. Ich weiß auch nicht, wo er bleibt.“

„Schon gut. Ich werde mich später mit ihm unterhalten. Dieser Reverend Barnett – haben Sie schon mit ihm gesprochen?“

„Nein, Sir. Das wollte ich machen, sobald wir hier fertig sind.“

Detective Constable Peter Phelps erschien auf der oberen Treppe, stopfte seinen Notizblock in die Manteltasche und breitete mit einem enttäuschten Seufzer die Arme aus. „Nichts, Sir. Keiner der anderen Mieter hat irgendwas gehört, geschweige denn gesehen.“

Der junge Constable war Swanson seit gut einem Jahr unterstellt, und ihm oblag es, Phelps im Auge zu behalten, während er allmählich seine ersten Erfahrungen sammelte. Phelps würde schon zurechtkommen, da war er sich sicher. Lange hatte er keinen Constable mehr unter sich gehabt, dem er mehr zutraute. Er besaß eine gute Beobachtungsgabe. Und er hatte Biss. Was man von der Jugend heutzutage sonst kaum noch behaupten konnte.

Swanson legte Raid eine Hand auf die Schulter. „Bleiben Sie bei Phelps und geben Sie Acht, dass niemand die Leiche anrührt. Ich werde inzwischen den Reverend aufsuchen. Kennen Sie ihn?“

„Jeder hier kennt ihn“, sagte Raid. „Er und seine Gattin kümmern sich seit Jahren um die Armen hier im Viertel. Er gibt ihnen Arbeit und ihrem Leben einen Sinn.“

„Wie finde ich zu ihm?“

„Die Kirche liegt gleich nebenan. Sie können sie gar nicht verfehlen.“

Swanson bedankte sich und war eben im Begriff zu gehen, als Dr. Killeen schnaufend die Stufen heraufgeschritten kam – ein hochgewachsener junger Mann, der frisch von der Universität zu kommen schien –, seine Tasche abstellte und sich zur Begrüßung grinsend mit zwei Fingern an den Zylinder tippte.

Raid stellte Swanson und Phelps vor und ging dann nach unten, um die Absperrung zu kontrollieren.

Swanson fragte ohne Umschweife: „Was können Sie uns über die Frau sagen, Dr. Killeen?“

„Nun, sie ist tot, nicht wahr?“ Killeen grinste zerknirscht, als er merkte, dass sein kleiner, unangemessener Scherz an Swanson abprallte. Er räusperte sich unbehaglich und sagte: „Die Frau wurde erstochen. Ihre Leiche weist eine beachtliche Anzahl Stichwunden auf; ganze neununddreißig, um genau zu sein. Fünf davon in der linken Lunge, zwei in der rechten. Ihr Mörder hatte es offensichtlich in der Hauptsache auf ihre Brüste und ihren Unterleib abgesehen. Zum Tod führte vermutlich ein einzelner Stich ins Herz.“

Swanson sah Phelps, der mit offenem Mund dastand, auffordernd an. „Das wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, Block und Bleistift zu zücken, Constable.“

„Bitte entschuldigen Sie, Sir“, sagte Phelps und kramte in seinen Taschen. Als er beides endlich gefunden hatte, begann er eilfertig, sich Notizen zu machen.

Swanson nickte dem Arzt zu. „Bitte fahren Sie fort.“

„Nun, der Mörder muss die Frau überrascht haben. Abwehrspuren gibt es nämlich keine. Und etwas ist seltsam ...“

Swanson und Phelps blickten ihn abwartend an. Der Polizeiarzt schien es irgendwie zu genießen, dass er mehr wusste als sie.

„Er benutzte zwei verschiedene Waffen, um sie zu töten“, sagte er schließlich.

„Das ist mal was anderes, was, Sir?“, meinte Phelps und sah von seinem Block auf. „Macht nicht jeder.“

„Zwei Waffen, Doktor?“, fragte Swanson. „Was genau heißt das?“

„Soweit ich es hier vor Ort feststellen konnte, verwendete er für die meisten Stiche ein sehr scharfes, spitzes Messer mit dünner Klinge. Einer der Stiche dagegen wurde mit einer sehr breiten, an beiden Seiten geschliffenen Klinge ausgeführt. Ich bin geneigt zu glauben, dass es sich dabei um ein Bajonett gehandelt haben dürfte.“

„Ein Bajonett? Denken Sie, es könnte ein Soldat gewesen sein?“

„Ich würde es beinahe annehmen.“

„Ich frage mich“, sagte Swanson, „welchen Grund er wohl hatte, zwei verschiedene Waffen zu benutzen. Was meinen Sie, Phelps?“

Der Constable dachte eine Weile nach. „Weil er sie dabeihatte, vielleicht? Die meisten Mörder benutzen die Waffen, die sie gerade zur Hand haben, Sir.“

Das entsprach auch Swansons Erfahrung. Und er versuchte sich vorzustellen, was das wohl für ein Mensch sein mochte, der an einem ganz gewöhnlichen Abend diese zwei Waffen mit sich geführt hatte. Eine Antwort auf diese Frage würde er vermutlich erst bekommen, wenn er mehr über das Opfer in Erfahrung gebracht hatte. Wer war sie? Was hatte sie getan, um diesen Tod zu verdienen? Was hatte sie falsch gemacht? Und was hatte ihren Mörder dazu veranlasst, fast vierzig Mal auf sie einzustechen?

„Können Sie schon sagen, wann die Frau starb?“

Killeen blies die Wangen auf. „Sie muss seit ungefähr zwei, drei Stunden tot gewesen sein, als ich sie um halb sechs untersuchte. Aber nageln Sie mich nicht drauf fest, Chief Inspector. Ganz genau lässt sich das nie sagen.“

„Haben Sie die Frau eventuell schon einmal gesehen?“

„Ich? Nein, natürlich nicht. Wie kommen Sie darauf?“

„Ich dachte nur, weil Ihre Praxis ja um die Ecke liegt“, sagte Swanson. „Wenn sie in der Gegend lebte, hat sie sicherlich auch Ärzte aufgesucht.“

„Die meisten gehen gleich ins London Hospital“, sagte Killeen. „Dort behandelt man sie kostenlos.“

„Verstehe. Sie sind auch noch nicht sehr lange hier in Whitechapel, habe ich recht?“

„Noch nicht ganz zwei Jahre.“ Er sah Swanson verunsichert an. „Warum fragen Sie?“

„Pure Neugier, nichts weiter. Sie stammen aus Irland?“

„Ganz recht, ja. Mein Akzent verrät mich, fürchte ich.“ Dr. Killeen warf einen Blick auf seine Taschenuhr. „Kann ich nun gehen, oder benötigen Sie mich noch? Ich vernachlässige bereits meine Praxis.“

„Eines noch, Doktor“, sagte Swanson. „Sagen Sie, haben Sie gedient?“

Killeen straffte sich. „Selbstverständlich.“

„Besitzen Sie ein Bajonett?“

„Ich, äh. Du liebe Güte, nein. Natürlich nicht.“

Swanson lächelte. Das Entsetzen im Gesicht des jungen, unerfahrenen Arztes schien echt zu sein, und er entschied sich dazu, den Vorfall mit der Packdecke nicht anzusprechen. Jeder machte schließlich Fehler – besonders am Anfang der Karriere. Er selbst wusste das nur allzu gut. „Danke, Dr. Killeen. Constable Phelps hier wird noch Ihre Personalien aufnehmen. Dann sind Sie entlassen.“ Und Swanson schickte sich zum Gehen.

Phelps warf ihm einen hilflosen Blick zu. „Und was werden Sie tun, Sir?“

„Ich gehe nach nebenan und unterhalte mich mit Reverend Barnett“, sagte Swanson. „Wenn jemand die Leutchen hier kennt, ist es sicherlich der Kirchenmann.“

Die Kirche St. Jude’s und die ihr angeschlossene Toynbee Hall, jene Wohltätigkeitseinrichtung, die Reverend Samuel Augustus Barnett gemeinsam mit seiner Gattin Henrietta während ihrer Zeit in Whitechapel aufgebaut hatten, grenzte praktisch an die schmale Gasse, in der die tote Frau gefunden worden war. Durch ein hüfthohes, eisernes Törchen gelangte Swanson direkt auf den rückwärtigen Teil des Grundstücks, wo er nach kurzer Suche auf einen jungen Mann mit stechenden blauen Augen traf, der ihn zu Reverend Barnett in die Kirche führte.

Der Reverend war gerade damit beschäftigt, die Blumen auf dem Altar zu gießen, als sie näher traten.

„Entschuldigen Sie die Störung, Reverend“, sagte der junge Mann und räusperte sich. „Es ist Besuch für Sie angekommen.“

„Besuch, wie schön.“ Hocherfreut wandte sich der Geistliche um, doch sein Gesicht wurde traurig und ernst, als er Swanson erblickte. „Oh, Polizei.“

„Chief Inspector Swanson von Scotland Yard“, sagte er einigermaßen verblüfft. „Sie sehen mir den Polizisten an?“

„Nun, nichts für ungut“, meinte Barnett mit einem milden Lächeln. Er strich sich über seinen langen, dünnen Kinnbart und sagte: „Ihrem respektablen Äußeren nach zu urteilen hätten Sie natürlich auch einer der neuen Studenten sein können, die uns in ihrer wenigen Freizeit unterstützen – Ihr Alter jedoch ...“ Die Worte wehten in der zugigen Kirche davon.

„Verstehe“, sagte Swanson. „Ich würde mich gern einen Augenblick mit Ihnen unterhalten, wenn es Ihre Zeit erlaubt.“

„Ja. Ja, selbstverständlich.“ Barnett stellte die Gießkanne beiseite, klatschte in die Hände und wandte sich an den jungen Mann mit den blauen Augen, der immer noch neben Swanson stand: „Thomas, bitte seien Sie doch so gut und laufen Sie rasch ins Pfarrhaus hinüber. Hetty soll uns einen Tee machen.“

Das Pfarrhaus war klein und gemütlich. Eine saubere Oase sittsamer Behaglichkeit inmitten der Armut und des Schmutzes Ostlondons. Mrs Barnett, die ihr Haar streng zurückgekämmt und zu einem Knoten gebunden trug, servierte ihnen den Tee und etwas Gebäck, ehe sie die beiden Männer allein ließ und die Tür hinter sich schloss.

Barnetts Arbeitszimmer wurde von einem riesigen Schreibtisch beherrscht, auf dem ein Wust von Papieren lag. An der Wand dahinter hing ein großes, schlichtes Bronzekreuz, und ringsum auf dem Boden stapelten sich Bücher und christliche Pamphlete.

„Nun schießen Sie los, Chief Inspector“, meinte der Reverend in die entstandene Stille hinein und nippte an seinem Tee. „Wie kann ich Scotland Yard behilflich sein?“

„Dieser Mr Reeves, der die Leiche der Frau heute früh in George Yard Buildings gefunden hat“, sagte Swanson. „Was halten Sie persönlich von ihm?“

„Tadelloser Bursche. Arbeit in den Docks und auf dem Blumenmarkt, um seine Familie durchzubringen. Ein paar Mal in der Woche kümmert er sich überdies noch vor der Arbeit für ein paar Pennies um unsere Kirche. Reeves genießt mein volles Vertrauen, Chief Inspector. Er hat sogar einen eigenen Schlüssel für die Kirche.“

„Auch William Palmer war ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinde“, sagte Swanson schmunzelnd. „Und obwohl er als Arzt das Vertrauen all seiner Patienten genoss, tötete er nicht weniger als neun von ihnen.“

„Der Giftmörder von Rugeley“, sagte Barnett und nickte. „Ja, ja. Man kann den Leuten eben nur vor den Kopf gucken, nicht wahr?“

„Es kommt gar nicht so selten vor, dass sich die Person, die das Verbrechen meldet, am Ende als Täter herausstellt. Was meinen Sie, Reverend, wäre Reeves dazu in der Lage, einen Mord zu begehen?“

Eine Weile blickte Barnett schweigend zur Decke. Dann sagte er: „Beinahe jeder wäre dazu in der Lage, Chief Inspector. Meiner Ansicht nach kommt es allein auf die Beweggründe an.“

„Sie halten es demnach für denkbar?“

„Dass Reeves der Mörder ist? Nein.“ Barnett schüttelte energisch den Kopf und schlug die Beine übereinander. „Nein, das glaube ich kaum.“

„Was macht Sie da so sicher?“

„Ganz einfach: Er hat noch Träume und Ambitionen. Reeves hat sich, im Gegensatz zu so vielen anderen hier in diesem Viertel, nicht mit seinem Los abgefunden. Statt Trübsal zu blasen und die Verzweiflung in billigem Alkohol zu ertränken, will er etwas erreichen im Leben. Soviel man sich auf der Straße erzählt, war das armselige Opfer eine leichte Dame, nicht wahr? Eine Gefallene. Oder eine Bordsteinschwalbe, wie sie hier bei uns sagen. Jemand, der etwas erreichen möchte, würde natürlich keinesfalls von ihrem Tod profitieren. Besäße er diese kriminelle Energie, wäre ein Geschäftsmann von bescheidenem Wohlstand das Opfer eines Mannes von Reeves’ Schlag. Raubmord würde ihn voranbringen, wenn er denn verdorben genug wäre. Aber keinesfalls der Tod einer Frau, die weniger zum Leben hat als er selbst.“ Barnett faltete die Hände und stützte sein Kinn darauf. „Verstehen Sie, was ich meine?“

Swanson verstand sehr wohl. Reverend Barnetts Worte leuchteten ihm ein. Denn für jeden Mord gab es ein Motiv. Und in Reeves’ Fall schien es vollkommen zu fehlen.

„Da wir gerade davon reden, Reverend“, sagte Swanson. „Was ist Ihre Ansicht? Weshalb könnte jemand die Frau ermordet haben?“

„Schwer zu sagen. Wer tötet einen Menschen, der nichts weiter besitzt als das, was er am Leib trägt?“ Er zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, Chief Inspector. Es scheint auf den ersten Blick sehr wenig sinnvoll zu sein. Entweder war es jemand, der sie aus dem Weg haben wollte, oder aber ...“

„Oder aber?“

„Oder aber er tat es aus reinem Vergnügen.“

Swanson, der sich nicht vorstellen konnte, dass jemand allein um des Tötens willen mordete, meinte: „Wer sollte eine mittellose Frau aus dem Weg haben wollen?“

„Wenn Sie eine Weile in Whitechapel gelebt haben, so wie ich, halten Sie am Ende alles für möglich.“ Barnett zog die Augenbrauen hoch. „Dies ist ein Dschungel, Chief Inspector. Die Spielregeln des West End gelten hier nicht. Im Alkoholrausch schlagen sich Männer und Frauen auf offener Straße die Schädel mit Ingwerbierflaschen ein, oder sie kratzen sich gegenseitig die Augen aus. Denken Sie nur an die arme Frau, der sie im April in der Osbourne Street wegen ein paar Pennies den Garaus gemacht haben. Keine hundert Schritte von hier.“

„Das war die Nichols Gang“, sagte Swanson, der sich an den Fall erinnerte, weil Phelps die sterbende Frau im Krankenhaus befragt hatte. Eine Gruppe Jugendlicher hatte sie überfallen und ihr einen Gegenstand in die Vagina gerammt. Sie hatte sich noch selbst bis ins London Hospital geschleppt, wo sie schließlich gestorben war.

Barnett nickte. „Das ist unser tägliches Brot. Selbst in den Armenhäusern – so geht das Gerücht – wird unheilbar Kranken heimlich ein Gift ins Essen gemischt. Das erlöst sie von ihren Leiden und erspart beträchtliche Kosten. Vielleicht war es jetzt wieder die Nichols Gang. Oder bloß ein Freier, der kein Geld hatte, um die arme Frau zu bezahlen.“

„Das könnte ein Grund sein“, sagte Swanson. „Doch dann hätte es sicherlich gereicht, sie zusammenzuschlagen. Deswegen hätte er sie nicht gleich abschlachten müssen.“

„Es kommt selbstverständlich noch eine ganz andere Möglichkeit in Betracht“, sagte Barnett.

Swanson war gespannt. „Und die wäre?“

Barnett schenkte ihnen beiden noch etwas Tee ein und meinte dann nachdenklich: „Tja, möglicherweise sah die Frau etwas, das nicht für ihre Augen bestimmt war. Und sie musste aus dem Weg geräumt werden.“

Im selben Moment klopfte es an der Tür. Es war Mrs Barnett, die ihr freundliches, rundes Gesicht ins Zimmer streckte.

„Samuel, Lieber“, sagte sie, „Thomas lässt fragen, ob er die alten Illustrierten haben kann, die die Studenten dagelassen haben. Du weißt, wie es ihn immer freut, wenn er sie mit nach Hause nehmen darf.“

„Ja. Ja, sicher“, sagte Barnett und lächelte. „Er hat die letzten Wochen sehr viel gearbeitet, Hetty. Gib sie ihm ruhig.“

Mrs Barnett knickste dankbar und entschwand.

Reverend Barnett, der Swansons fragenden Blick offenbar bemerkt hatte, sagte: „Thomas ist übrigens der junge Mann, der Sie vorhin zu mir geführt hat, Chief Inspector. Er ist eine der vielen guten Seelen, die mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit unsere Arbeit für die Armen der Gegend erst ermöglichen. Thomas ist Kunststudent. Fertigt Collagen an oder so etwas. Sein voller Name ist Cutbush. Thomas Cutbush. Sein Onkel ist ein Kollege von Ihnen. Vielleicht kennen Sie ihn sogar?“

„Ich habe etwas gefunden, Sir!“, sagte Constable Phelps, als Swanson wenig später ins Treppenhaus von George Yard Buildings zurückkehrte.

„Zeigen Sie mal. Was haben Sie denn da?“

„Eine Brieftasche, Sir.“ Er hielt ihm das lederne Etwas mit spitzen Fingern hin. „Lag draußen im Dreck.“

Swanson nahm die Brieftasche an sich und betrachtete sie. Sie war aus kostbarem Leder gefertigt und auf der Vorderseite befanden sich die goldgeprägten Initialen S.F.W. „Gut gemacht, Phelps“, sagte er.

„Sie denken, es könnte etwas hiermit zu tun haben?“ Und er nickte in Richtung der Leiche.

„Sieht ziemlich teuer aus, finden Sie nicht? Nicht gerade das, was man in einem Armenviertel an jeder Ecke findet. Wo genau hat sie gelegen?“

„Draußen vor dem Haus im Rinnstein. Gleich rechts, wenn man rauskommt. Der Wind hatte glücklicherweise eine alte Zeitungsseite darübergeweht. Sonst wäre die Brieftasche wohl futsch gewesen, bei all den langen Fingern“, fügte er hinzu.

Also auf dem Weg zur Hauptstraße, dachte Swanson. War der Mörder nach der Tat womöglich in Richtung Whitechapel Road geflüchtet, und die Brieftasche war ihm dabei unbemerkt aus der Tasche gefallen? Swanson öffnete sie und ging den Inhalt durch. Einige Münzen waren darin und fünf Pfund in Banknoten. Nichts, was direkt auf den Besitzer schließen ließ.

Dann erst entdeckte er die Visitenkarte.

Frederick Greenland, Esqu. 49 Gordon Square London WC1

Er hielt Phelps, der mit großen Augen dabeistand, die Karte hin und fragte: „Nun, was machen Sie daraus?“

„Weiß nicht, Sir. Könnte der Name des Mörders sein.“

„Das wohl nicht“, sagte Swanson und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Er passt nicht zu den Initialen. Aber falls tatsächlich der Killer diese Brieftasche verloren hat, ist er möglicherweise mit ihm bekannt. Das wiederum bedeutet, Sie haben gerade die erste richtige Spur in diesem Fall gefunden.“ Lachend klopfte er dem jungen Constable auf die Schulter. „Kommen Sie, Phelps. Wir wollen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Hier können wir erst mal nichts weiter tun.“

Sie verabschiedeten sich von Inspector Raid und nahmen einen Hansom zu Scotland Yard.

Auf dem Weg hinauf in die zweite Etage bahnten Swanson und Phelps sich ihren Weg durch das Chaos und die Unordnung auf den Treppen und engen Gängen. Wohin man auch trat, lagen Aktenstapel und Sättel herum oder lehnten Gewehre und übermüdete Constables an den Wänden. Sie brauchten dringend mehr Platz. Auch, wenn die Enge des Yard eine gewisse Gemütlichkeit verströmte, war der Platzmangel überall zu spüren. Erst letzte Woche war Constable Dew die Gästetoilette zwischen Teeküche und Besenkammer als neues Büro zugewiesen worden. Wenn die Gerüchte stimmten, die Swanson zu Ohren gekommen waren, war der Umzug in das neue, großzügigere Gebäude am Embankment bereits beschlossene Sache.

Swanson ließ sich in den Bürostuhl hinter seinem Schreibtisch sinken, zog eine der Schubladen auf, nahm einen Stoß Formulare heraus und schrieb seine Anweisungen. Abberline würde nach Whitechapel fahren müssen, um Zeugen zu finden. Und Charles Stedman, der der neuen Abteilung für Spurensicherung unter dem Dach vorstand, sollte sich die Leiche ansehen. Auch wenn Swanson der Wissenschaft noch immer skeptisch gegenüberstand, hatte ihn Charly mit seinen Säuren, Messschiebern und Lupen doch schon so manches Mal überrascht. Und Swanson wollte nichts unversucht lassen. Ein Polizist musste mit der Zeit gehen. Flexibel und neugierig bleiben. Verknöcherte Bürokraten gab es im Yard schon genug. Und fehlender Weitblick war wie ein Loch im Wasserbalg des Wüstennomaden – er führte unweigerlich ins Verderben.

Er rief die Sergeants Penwood und Wilson zu sich, gab ihnen den Auftrag, seine Anweisungen an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten und je eine Kopie an die Büros von Superintendent Arnold und Commissioner Warren zu schicken.

Dann warf Swanson sich seinen Mantel über. Und bereits eine Dreiviertelstunde später stiegen Phelps und er aus der Droschke, die vor dem Haus Nummer 49 Gordon Square gehalten hatte.

„Sieht nach Geld aus, Sir“, sagte Phelps, als sie vor der Eingangstür standen und den Klingeldraht zogen. „Meinen Sie wirklich, wir sind hier richtig?“

„Das wird sich herausstellen“, sagte Swanson. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Mord keine gesellschaftlichen Konventionen kannte. Nach einer scheinbaren Ewigkeit wurde ihnen die Tür von einem steifbeinigen Butler geöffnet. Swanson zeigte ihm seinen Ausweis, und sie wurden hinauf in ein Zimmer im ersten Stock geführt.

Mr Frederick Greenland war ein schlanker Mann Ende dreißig mit wirren blonden Haaren und hellen, blauen Augen. Bei ihrem Eintreten saß er in einem Sessel am Kamin und las in der Times.

„Polizei, Sir“, sagte der Butler mit einem Gesichtsausdruck, als sammle er den Kot eines ungezogenen Hundes auf.

„Polizei?“ Greenland ließ die Zeitung auf den Boden flattern und stand auf. „Ich verstehe nicht, was ich für Sie tun könnte, Gentlemen.“

Swanson stellte sich und Constable Phelps vor und sagte: „Bitte entschuldigen Sie unser unangemeldetes Erscheinen. Es geht um einen Mordfall, Mr Greenland. Womöglich können Sie uns ein, zwei Fragen beantworten.“

„Ich wüsste wirklich nicht ...“

Swanson trat auf Greenland zu. „Dies hier haben wir am Tatort eines Verbrechens gefunden.“ Er reichte ihm die Karte, die sie in der Brieftasche in George Yard Buildings gefunden hatten. „Ist das Ihre, Sir?“

Greenland nahm sie entgegen und zuckte erschrocken zusammen, als Phelps unvermittelt seinen Notizblock aufklappte.

„Nun?“ Swanson hielt abwartend den Kopf schief.

„Das ist meine, ganz recht“, sagte Greenland. „Und Sie haben diese Karte an einem Mordschauplatz gefunden?“

„Wir fanden eine Brieftasche“, sagte Swanson. „Und wir gehen davon aus, dass der Mörder sie auf der Flucht verloren hat. Ihre Karte steckte darin.“

Die Tür ging auf, und ein älterer weißhaariger Mann betrat den Raum. „Was ist denn hier los, Frederick?“, fragte er. „Morton sagt, wir haben die Polizei im Haus?“

„Das ist mein Onkel“, erklärte Greenland mit einem unglücklichen Lächeln. „Mr Henry Justice.“

„Hast du was mit der Sache zu tun?“

„Selbstverständlich nicht, Onkel.“

„Dann ist ja gut.“ Justice versenkte die Hände in den Taschen seines Hausmantels und fragte: „Worum geht es denn, Gentlemen?“

Und Swanson erzählte ihnen in knappen Worten von dem Mord in Whitechapel und der Brieftasche, die sie gefunden hatten.

„Haben Sie die Brieftasche mitgebracht?“, fragte Justice.

Swanson nickte und zeigte sie ihm. „Erkennen Sie sie wieder?“

Justice lachte. „Selbstverständlich. Diese Brieftasche würde ich aus Tausenden herausfinden.“

Phelps war erstaunt. „Tatsächlich?“, fragte er.

„Ich erkenne die Initialen wieder“, sagte Justice. „Sieh sie dir mal an, Frederick. Sie gehört Dr. Winslow.“

Greenlands Augen begannen zu leuchten. „Du hast recht. Sie gehört diesem Arzt, den wir gestern im Pub kennengelernt haben.“

Swansons Gesicht wurde ernst. „Wer ist dieser Dr. Winslow?“

„Ein Irrenarzt“, sagte Frederick. „Warten Sie, ich muss irgendwo seine Karte haben.“ Er fand sie auf dem Kaminsims und reichte sie Swanson. „Komischer Kerl, wenn Sie mich fragen. Aber ganz unterhaltsam.“

Swanson fragte: „Was können Sie uns über den Mann sagen?“

„Nun, nicht sehr viel, fürchte ich“, sagte Greenland. „Wir trafen ihn gestern im Sam’s zum ersten Mal. Das ist ein kleines Pub in der Portsmouth Street, das einem Freund gehört. Es ist nie sehr gut besucht, daher kamen wir auch gleich mit Dr. Winslow ins Gespräch.“

„Hat er Ihnen von sich erzählt?“, fragte Phelps und sah von seinem Block auf.

„Er tat praktisch nichts anderes, Gentlemen“, erwiderte Justice, und Greenland nickte. „Er war wohl gerade von einem mehrstündigen Vortrag über Epilepsie gekommen, den er im White’s Club gehalten hatte. Nach allem, was er so erzählt hat, muss er sehr bekannt sein auf seinem Gebiet. Sogar für die Polizei hat er bereits gearbeitet.“

Greenland lachte. „Er hielt uns einen langen Vortrag über das menschliche Gehirn. Ich weiß noch, dass er es ein komplexes, interessantes und manchmal gefährliches Ding nannte.“

„Er zitierte Jekyll und Hyde“, fügte Justice hinzu. „Und er behauptete, es sei tatsächlich möglich, dass sich zwei verschiedene Persönlichkeiten in ein und demselben Menschen verbergen könnten. Offenbar forscht er in dieser Richtung.“

„Hat er Ihnen gesagt, was genau er damit meinte?“, fragte Swanson.

„Er hielt uns einen ellenlangen Vortrag darüber“, sagte Greenland. „Doch was diese Forschungen betraf, ging er nicht ins Detail. Allerdings meinte er, man müsse viel Zeit mit dem Experimentieren zubringen, um zum Ziel zu gelangen. Und man dürfe sich auch nicht scheuen, manchmal etwas ganz und gar Schockierendes zu tun. Allerdings kann ich nicht sagen, wie viel davon zu halten ist, denn er betrank sich schrecklich. Irgendwann hielt ich es für besser, einen Wagen zu rufen. Aber er wollte partout nicht fahren. Sam versuchte, ihn zu überreden, aber Winslow wurde richtiggehend bösartig. Sagte, von einem gewöhnlichen Wirt würde er sich gar nichts sagen lassen. Immer wieder sprach er von einem lustigen kleinen Experiment, das er durchführen müsse.“ Er zuckte die Achseln. „Wie schon gesagt, betrunken eben. Der Kutscher war kaum dazu zu überreden, ihn mitzunehmen. Aber als er dann im Wagen saß, war Winslow wieder ganz friedlich.“

„Mein lieber Schwan!“, Phelps pfiff durch die Zähne. „Was kann er nur mit dem ‚lustigen Experiment‘ gemeint haben?“

„Kam er Ihnen in diesem Zustand gefährlich vor?“, fragte Swanson.

„Er war voll wie eine Haubitze. Aber gefährlich?“ Greenland schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Dazu sah er mir nicht kräftig genug aus.“

Das mochte Greenlands Meinung sein, doch Swanson wusste, dass es keine Bärenkräfte erforderte, um einen Menschen zu töten. Nach allem, was er über den Mann gehört hatte, schien Dr. Forbes Winslow ebenso geistesgestört zu sein wie jene Epileptiker, über die er seinen Vortrag gehalten hatte. Und der Alkohol hatte es ans Licht gebracht. Es sagte: „Sie würden sich wundern, wie harmlos die meisten Mörder wirken, die in der Irrenanstalt von Broadmoor einsitzen, Mr Greenland. Sie sind kaum vom Pflegepersonal zu unterscheiden.“

„Da fällt mir ein“, sagte Greenland und rieb sich die Stirn, „Winslow erwähnte, er sei dort aufgewachsen.“

„In Broadmoor?“, fragte Swanson.

„In einer Anstalt für unheilbar Geisteskranke. In welcher, weiß ich nicht mehr.“

„Du lieber Himmel, da haben Sie es, Sir!“, rief Phelps. „Man hat nur leider versäumt, ihn zu heilen. Wahrscheinlich hat man ihn wegen guter Führung entlassen.“

Greenland lachte. „Ich sagte, er wuchs dort auf. Ich habe nicht gemeint, er habe dort eingesessen. Soviel ich verstand, war Winslow der Sohn des Anstaltsleiters, nichts weiter. Ein Mensch, der unter Schimpansen aufwächst, bleibt immer noch ein Mensch.“

„Und umgekehrt“, stellte Swanson fest und brachte die Kontroverse damit zu Ende.

Im Yard erwarteten sie Neuigkeiten.

Die Leiche war bereits identifiziert worden. Inspector Abberline hatte seine langjährigen Kontakte in Whitechapel spielen lassen und herausgefunden, wer die letzten Stunden mit Martha Tabram, so der Name der Toten, in jener Nacht verbracht hatte. Es war eine fünfzigjährige Prostituierte namens Mary Ann Connolly. Sie wartete gemeinsam mit Abberline in Swansons Büro.

„Erzähl schon, Polly“, sagte Abberline. „Kann dein Schaden nicht sein.“

„Gibt’s ’ne Belohnung?“

„Wie ich hörte, waren Sie eine Freundin von Mrs Tabram“, sagte Swanson. „Sie können helfen, ihren Mörder zu finden. Ist das nicht Belohnung genug?“

Sie nickte. „Wir waren zusammen unterwegs und haben zwei Soldaten aufgerissen. Ich erzähl Ihnen alles, was ich weiß, aber Martha hätte sicher auch gewollt, dass ich ein paar Pfund dafür kriege, wenn ich’s Ihnen erzähle.“

„Phelps“, sagte Swanson.

„Ja, Sir?“

„Wie viel haben Sie?“

„Ich, Sir? Zehn Shilling, wenn es hochkommt.“

„Geben Sie ihr das Geld.“

„Und Sie, Sir?“

„Tut mir leid.“ Swanson klopfte seine Taschen ab. Handbewegungen, die er schon mit seiner schottischen Muttermilch eingesogen hatte. „Ich geb Ihnen die Tage im Pub einen aus, Phelps. Erinnern Sie mich daran.“

Und knurrend klimperte der Constable das Geld auf den Tisch. Polly griff danach und stopfte sich die Münzen in ihr Dekolleté.

„Wir haben so um zehn zwei Soldaten im Two Brewers getroffen und mit ihnen getrunken. Na, und ein bisschen rumgemacht“, sagte sie. „Um Viertel vor zwölf hab ich meinen mit in die Angel Alley genommen. War’n Corporal. Unersättlich, kann ich Ihnen sagen. Martha ging mit dem anderen in den George Yard. Als ich fertig war, war Martha nicht mehr zu sehen. Ich dachte, er hätte sie vielleicht für die ganze Nacht bezahlt.“

„Wie sahen die Soldaten aus?“, fragte Swanson.

„Na, wie sie eben so aussehen. Uniform und so.“

„Irgendwas Besonderes?“, fragte Abberline. „Versuch dich zu erinnern, Polly.“

„Hatten so weiße Bänder an den Mützen“, sagte sie und zwirbelte eine Locke ihres Haares.

„Könnten die Coldstream Guards sein“, sagte Swanson. „Würden Sie die Männer wiedererkennen?“

„Klar würde ich das.“ Sie grinste anzüglich „Meiner war Linksträger, wenn Sie verstehen.“

„Er trug also einen Säbel?“, fragte Phelps, der die Nase tief im Notizbuch hatte.

„War wohl eher ein Taschenmesser“, sagte sie.

Swanson, der genug gehört hatte, meinte: „Nehmen Sie sie mit zum Tower of London, Abberline. Und lassen Sie die Coldstream Guards aufmarschieren. Die ganze verdammte Bande. Mal sehen, ob die beiden Männer darunter sind.“

Und Inspector Abberline führte die Frau hinaus.

Sie waren eben gegangen, als es an der Tür klopfte. Es war Wilson, der ihnen mitteilte, Sergeant Stedman habe etwas für sie.

In den finsteren Ecken der Dachkammer raschelten die Fledermäuse. Ein Käuzchen schrie, und die Tauben gurrten. Es waren nicht gerade ideale Arbeitsbedingungen.

Sergeant Charles Stedman blickte vom Autopsiebericht auf.

„Sie wissen, dass ich seit Langem für eine eigene Abteilung plädiere. Eine Abteilung, in der wir sämtliche Spuren auf wissenschaftliche Weise überprüfen können. Ich träume von dem Tag, an dem es möglich sein wird, tierisches Blut von menschlichem zu unterscheiden.“ Er rieb sich die übernächtigten Augen. „Tag und Nacht arbeite ich mit Collins daran. Aber wir brauchen mehr Leute.“

„Charly“, sagte Swanson, hob die Hand und hielt Stedman seinen Zeigefinger unter die Nase. „Ich weiß von Ihren Ambitionen. Und ich weiß, Sie sind nicht glücklich mit dieser kleinen Kammer unter dem Dach, die man Ihnen zugebilligt hat. Ihr Arbeitseifer in allen Ehren, aber unsere Mittel sind nun mal begrenzt. Verlassen Sie sich drauf – wenn wir tatsächlich umziehen, mache ich mich für Sie stark. Also, was können Sie aus dem wenigen, das wir im Tabram-Fall haben, machen?“

„Wenn wir einen Verdächtigen haben, dessen Kleider mit Blut besudelt sind, ist es bislang noch unmöglich zu beweisen, dass es von einem Mordopfer stammt. Wenn er behauptet, er habe ein Huhn geschlachtet, ist die Sache, soweit es das Gericht angeht, erledigt.“

Swanson fand, dass Stedman sehr weit ausholte, aber das war er gewohnt. „Kommen Sie auf den Punkt, Charly“, sagte er.

Stedman setzte eine Schutzbrille auf, tauchte eine Pipette in ein Glas mit Säure und träufelte sie auf das von dunkelrotem Blut besudelte Stückchen Stoff von der Kleidung des Opfers.

Sprudelnd und zischend löste sich das Gewebe auf, und die Säure fraß ein Loch hinein. Beißender Qualm stieg auf und brannte ihnen in den Augen.

„Noch funktioniert es nicht“, gab Stedman zu. „Aber warten Sie es ab, Donald. Bereits in wenigen Jahren werden wir so weit sein.“ Er warf den dampfenden und zischenden Stoff in ein Glas Wasser und winkte ihn weiter. „Das hier ist es, worauf meine größte Hoffnung ruht“, sagte er und deutete auf einen Fotoapparat, auf den Stedman eine winzige Linse in einer Messinghalterung montiert hatte.

„Was ist das?“, fragte Phelps.

„Eine Iriskamera“, sagte Stedman.

Swanson betrachtete sie mit gekräuselter Stirn. „Und was kann sie?“

„Bislang noch nichts“, gab der Forensiker zu. „Aber ich arbeite daran, sie zu verfeinern. Ihnen ist sicher bekannt, wie Fotografien gemacht werden, nicht wahr?“

Allgemeines Nicken.

„Auf der lichtempfindlichen Fotoplatte prägt sich das Bild ein, das die Kamera einfängt“, sagte Stedman.

„Kommen Sie auf den Punkt, Charles“, wiederholte Swanson, der nicht vorhatte, eine Ausbildung zum Fotografen zu absolvieren, und wusste, dass Stedman jeden Tag aufs Neue dagegen ankämpfte, im Yard überflüssig zu erscheinen.

„Nun, so, wie es aussieht, hat unser Auge dieselben Eigenschaften. Im Augenblick unseres Todes brennt sich das Bild, das wir zuletzt gesehen haben, in unsere Iris ein.“

„Ist das so?“, fragte Swanson.

„Keine Ahnung“, sagte Stedman. „Aber in der Theorie klingt es gut, habe ich recht? Wenn es so ist, können wir es uns zunutze machen. Mithilfe dieser Kamera fotografieren wir die Augen des Opfers. Sollte etwas Wahres dran sein an dem Gerücht, haben wir ein Bild des Mörders.“

Swanson hätte gern geglaubt, was er da hörte, doch es kam ihm reichlich absurd vor. „Und Sie meinen, das könnte funktionieren?“

„Wenn Sie in einem dunklen Raum auf eine Kerze schauen“, sagte Stedman, „und dann die Augen schließen, sehen Sie noch einige Sekunden lang ein Abbild der Flamme – das wollen Sie doch nicht leugnen?“

„Schon. Aber es verblasst nach einiger Zeit.“

„Weil Sie weiterleben“, sagte Stedman. „Unsere Theorie geht davon aus, dass das Bild bei Eintritt des Todes erstarrt und dauerhaft bleibt.“

„Ich bin gespannt, wie es sich entwickelt“, sagte Swanson. „Zurzeit könnte ich etwas handfestere Beweise gebrauchen. Was können Sie mir über die Tote im George Yard erzählen?“

„Ich habe mir die Wunden der Leiche angesehen und ein paar Tests durchgeführt“, sagte Stedman. „Achtunddreißig Mal fand ich nichts. Aber die Wunde im Bauch war interessant.“

„Inwiefern?“

„An den Wundrändern konnte ich einen Abrieb von Kupferacetat nachweisen.“

Phelps, der alles, was Stedman erzählte, in seinen Block übertrug, brach seinen Bleistift ab, hüstelte, blinzelte und sah Hilfe suchend zu Swanson.

Der fragte: „Und was genau bedeutet das?“

„Grünspan, Donald.“ Stedman breitete die Arme aus. „Was immer die große Wunde im Bauch von Martha Tabram verursachte, es war Grünspan darauf. Es muss sich um eine sehr ungewöhnliche Stichwaffe aus einer Kupferlegierung handeln. Eine Stahlklinge kann diese Verletzung nicht verursacht haben.“

Den Kutscher zu finden, der Dr. Forbes Winslow nach Chelsea gefahren hatte, war nicht einfach gewesen. Doch schließlich hatten sie ihn mithilfe des Amtes für Transportwesen auf einem Droschkenstand in der Fleet Street ausfindig gemacht.

„Sie sind sich sicher, dass Sie den Mann letzte Nacht vom Sam’s abgeholt und nach Hause gefahren haben. Ist das korrekt, Mr Garrett?“

Brian Garrett zerknautschte seine Mütze mit den Händen und nickte. „Klar bin ich das. So einen vergisst man nicht so leicht.“

„Können Sie mir sagen, was sich abgespielt hat?“

„Sicher, Sir. Zwei Gentlemen halfen mir, ihn vor dem Pub in der Portsmouth Street einzuladen. War ziemlich hin, der Mann. Konnte kaum noch stehen. Normalerweise fahr ich Betrunkene ja nich. Aber es war meine letzte Fahrt in der Nacht, und sie gaben mir ein ganzes Pfund dafür, ihn nach Hammersmith Road zu bringen. Hat man nicht oft, so spendable Leute. Für den Preis hätte ich den Kerl sogar ins Bett gebracht und ihm ’nen Eimer hingestellt.“

„Verstehe“, sagte Swanson und schmunzelte. „Was hatten Sie für einen Eindruck von ihm?“

„Na, besoffen war er, wie ich schon sagte. Aber auf der Fahrt war alles in bester Ordnung. Er randalierte nicht oder so. Erst als wir ankamen und ich runterstieg, um den Wagenschlag aufzumachen, merkte ich, mit dem Burschen stimmt was nicht.“

„Inwiefern?“ Swanson war hellhörig geworden.

„Hockte da wie ein Vogel auf der Sitzbank und zischte mich an“, sagte Garrett. „Sah aus, als würde er jeden Moment losfliegen. Ich hab’s richtig ein bisschen mit der Angst gekriegt. Hab ihm dann den Arm hingehalten, um ihn zu stützen. Aber der Kerl schrie mich an, ich solle meine Finger wegnehmen. Drohte mir damit, mir die Zähne rauszuschlagen.“

„Was taten Sie?“

„Sagte ihm, er solle mal halblang machen, Sir.“

„Und wie reagierte er?“

„Sprang aus dem Wagen und packte mich am Bein. Der war vollkommen irre“, sagte Garrett. „Hab noch versucht, auf ihn einzureden, dass ich den Leuten versprochen hätte, ihn heimzubringen und so weiter. Hab ihn gebeten, mich loszulassen. Hab doch nur meine Fahrt gemacht und wollte, dass man zufrieden ist mit mir. Richtig angefleht hab ich den. Da hat er dann endlich mein Hosenbein losgelassen und ist aufgestanden. Hat mich gefragt, ob ich schweigen kann. Und dann hat er mich ’nen Scheißkerl genannt.“

„Schweigen?“, fragte Swanson. „Worüber?“

„Weiß ich nicht, Sir. Als ich Ja sagte, meinte er nur, dann solle ich endlich das Maul halten und verschwinden, er hätte zu tun. Und als ich ihm dann sagte, ich hätte versprochen zu warten, bis er im Haus sei, da packte er mich am Kragen. ‚Nu gehen Sie schon rein‘, sag ich noch zu ihm. Ich wär den ganzen Tag unterwegs gewesen, sag ich. Da schreit er mich an. ‚Ihr ahnungslosen Idioten unterer Klassen‘, hat er geschrien und ausgespuckt. ‚Nutzloses Pack seid ihr.‘ Dann dreht er sich um und rennt die Straße runter. Zuerst hab ich noch überlegt, ob ich dem Wahnsinnigen nachlaufen sollte. Aber er war weg wie ein Blitz. Bin dann zurück auf den Bock gestiegen und nach Hause gefahren.“

„Ich danke Ihnen, Mr Garrett“, sagte Swanson und entfernte sich.

Inspector Abberline schlug den Mantelkragen hoch. Es war eine ungewöhnlich kühle Spätsommernacht, und er konnte seinen eigenen Atem vor sich in der Luft aufsteigen sehen, als er zur selben Zeit auf Chief Inspector Swansons Geheiß in Chelsea aus dem Wagen stieg. Von den Sergeants Godley und Pearce flankiert überquerte er die Straße.

„Da wären wir“, sagte er fröstelnd. „Nummer 22.“

Das Haus lag in völliger Dunkelheit. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. In keinem der hohen Fenster brannte Licht.

„Verdammt finster“, bemerkte Pearce und stolperte über den Rinnstein. Es knackte hässlich, als er mit dem Fuß umknickte, aber er biss die Zähne zusammen. „Sieht aus, als wär niemand da.“

Abberline brummte eine Antwort, die niemand verstand. Dann ging er die breite Treppe zur Haustür hinauf. Pearce humpelte, auf Sergeant Godleys hilfsbereiten Arm gestützt, hinterher. „Ausgeflogen“, sagte Abberline. Er zog zum wiederholten Male die Türglocke.

„Und wenn Winslow getürmt ist?“, presste Pearce mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor. Der Sergeant lehnte am Treppengeländer und rieb das geschwollene Gelenk seines rechten Fußes.

„Wenn das sein Haus ist, wird er irgendwann zurückkehren.“ Frederick Abberline beugte sich vor und versuchte einen Blick durch das Fenster neben dem Treppenaufgang zu werfen, aber eine nackte altgriechische Schönheit ohne Arme, die sich drinnen lasziv auf der Fensterbank räkelte, versperrte ihm die Sicht. Angesichts der Armstümpfe sagte er letztlich: „Wir sind auf der richtigen Spur, das fühle ich. Mit etwas Glück sitzt er heute Nacht noch hinter Gittern, Gentlemen.“

„Was ist mit den Nachbarn, Fred?“, fragte Godley. „Und seiner Familie?“

„Werden bereits alle überprüft“, antwortete der Inspector. „Swanson hat Penwood und Wilson darauf angesetzt.“

Sergeant Pearce sah von seinem verletzten Fuß auf. „Möglicherweise hält er sich irgendwo dort versteckt“, stöhnte er.

„Wahrscheinlich. Wir können nichts ausschließen“, gab Abberline zur Antwort. „Was machen Sie da eigentlich?“

„Ich fürchte“, jammerte Pearce, dessen Fuß inzwischen das Leder seines viel zu engen Schuhs zu sprengen drohte, „ich fürchte, ich habe mir etwas gebrochen.“

„Wir können wirklich nichts ausschließen“, wiederholte der Inspector gelassen. „George, hilf ihm in den Wagen. Wir fahren zum Yard zurück.“

Es war zehn Uhr. Die beschlagenen Gaslampen rund um den Gordon Square waren bereits vor einer halben Stunde entzündet worden. Nur hier und dort konnte man noch ein Dienstmädchen sehen, das mit den letzten eiligen Briefen aus einem der Nachbarhäuser gelaufen kam, den Weg abkürzte, indem es quer durch die Grünanlage marschierte, und zum Postkasten an der Ecke ging.

Henry Justice döste auf der Couch im Wohnzimmer, und sein Neffe Frederick hatte es sich mit Stevensons Buch über Jekyll und Hyde in einem Sessel bequem gemacht. Eben war er bei der Szene angelangt, in der der Doktor sich in Mr Hyde verwandelte, als es klopfte und ein vollkommen verstörter Morton ins Zimmer trat. Er schloss hinter sich die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, so als wolle er sie verbarrikadieren.

„Da ist jemand unten auf der Treppe, Sirs.“ Seine Stimme war ein Flüstern. „Und er verlangt, Sie beide zu sprechen.“

Frederick sah den unglücklichen Morton verwirrt an. „Ja, wer ist denn da unten?“

„Sein Name ist Winslow, Sir. Er sagt, er sei Arzt. Aber er sieht schmutzig und grauenerregend aus.“

Onkel Henry erhob sich ächzend. „Was meinen Sie damit, er sieht grauenerregend aus? Ist er verletzt?“

Morton, der ganz aufgeregt mit den Fingern herumspielte, bekam keine Gelegenheit, die Frage zu beantworten. Das Poltern ungeschickter Schritte wurde laut. Und im nächsten Moment schon flog die Salontür auf.

„Winslow!“ Frederick klappte das Buch zu und stand auf. „Du lieber Himmel, wie sehen Sie denn aus?“

Der Arzt aus Chelsea stand gebückt unter der Wohnzimmertür; ein Bild schlimmster Verwahrlosung. Seine Kleider waren verdreckt und teilweise zerrissen. Winslows Hände waren, ebenso wie die eine Hälfte seines Gesichtes, blutverkrustet und mit langen Kratzern übersät, so als habe er die Nachtstunden mit dem erfolglosen Versuch totgeschlagen, ein Rudel Löwen zu zähmen. Außerdem umgab ihn der saure Geruch von billigem Schnaps.

„Setzen Sie sich hierher“, sagte Onkel Henry. Eilig rückte er einen Sessel vor den Kamin. Dann bat er Morton, ihm behilflich zu sein.

Der Butler zögerte entsetzt. Die Aussicht, an diesen Ausbund an Schmutz Hand anlegen zu müssen, schien ihm wenig zu behagen.

„Wären Sie so freundlich, unserem Gast einen starken Grog zu machen, Morton?“, sagte Frederick. „Den kann er jetzt gebrauchen. Er schlottert ja vor Kälte.“

„Mit Verlaub, Sir ...“ Die Mundwinkel heruntergezogen und eine Augenbraue skeptisch gewölbt, betrachtete er Forbes Winslow. „Glauben Sie nicht, ein starker Tee wäre angemessener?“

„Oh, natürlich. Wie gedankenlos von mir.“

Morton verbeugte sich. Die Finger abgespreizt ließ er sie mit dem Doktor allein, um sich die Hände zu waschen.

„Erzählen Sie, Winslow.“ Onkel Henry nahm sich einen Stuhl und setzte sich. „Was ist passiert? Hat man Sie etwa überfallen?“

Forbes Winslow hob schwerfällig den Kopf. Er schaute sie eine Weile wie ein Schlafwandler an, der des Wandelns überdrüssig geworden ist, und blinzelte traurig vor sich hin. Dann sagte er: „Ich befinde mich in einer fürchterlichen Lage.“

Frederick wunderte das nicht. Er fragte sich nur, ob es nicht vielleicht das „lustige kleine Experiment“ gewesen war, das Winslow in diese Situation gebracht hatte.

Morton war lautlos ins Zimmer getreten. Er räusperte sich diskret. Das Geschirr stellte er auf dem kleinen Beistelltischchen neben dem Sessel des Arztes ab, entzündete das Wachslicht unter der Kanne und schenkte ihm ein.

Winslow bedankte sich umständlich und griff die Tasse mit beiden Händen. „Sie können sich kein Bild von meinem Elend machen“, jammerte er. „Die Polizei ist hinter mir her. Sie bewachen mein Haus. Ich konnte nirgends hin. Da fragte ich in dem Pub in Holborn nach Ihrer Adresse.“

„Hier war die Polizei auch schon, um nach Ihnen zu fragen“, sagte Frederick. „Was ist passiert? Beruhigen Sie sich, und erzählen Sie der Reihe nach.“

Der Arzt seufzte tief. Müde senkte er den Blick und rieb einen Zipfel des schmutzigen Stoffes, der einmal sein Jackett gewesen war, zwischen den Fingern. „Ich kam in der Hoffnung zu Ihnen, Sie könnten eventuell etwas Licht in die Sache bringen. Denn ehrlich gesagt erinnere ich mich, abgesehen von unserem Gespräch im Pub, an so gut wie nichts mehr.“

„Was den gestrigen Abend anbelangt“, sagte Frederick, „so werde ich ihn wohl nicht so schnell vergessen wie Sie.“