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Die Reihe „Praxis Psychotherapie“ beleuchtet die in Österreich anerkannten psychotherapeutischen Methoden und zeigt kompakt und verständlich fundiertes Basiswissen, neueste Entwicklungen und die Anwendung in der Praxis auf. Dieser Band rückt die Integrative Therapie in den Fokus, welche als ganzheitliches, forschungsgegründetes bio-psycho-sozioökologisches Verfahren Mitte der 1960er Jahre von Hilarion Gottfried Petzold, Ilse Orth, Johanna Sieper und Hildegund Heinl begründet wurde. Das wissenschaftlich evaluierte Integrationskonzept verbindet psychoanalytische, verhaltenstherapeutische, psychodramatische, gestalt- und systemtheoretische Ansätze und zeichnet die Integrative Therapie aus. Anhand des Tree of Science erläutert die Autorin die Grundlagen und Konzepte der Integrativen Therapie und veranschaulicht diese anhand von Fallbeispielen. Zentrales Kernstück dieses humanistischen Psychotherapieverfahrens ist die phänomenologische Leibarbeit, bei der neben Gesprächen die nonverbale Kommunikation und Zwischenleiblichkeit im Mittelpunkt steht. Ein weiteres Kennzeichen der Integrativen Therapie ist ihr reichhaltiges Repertoire an Interventionstechniken und Methoden, die ebenfalls veranschaulicht werden.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2024
Claudia Höfner, Gerd Mantl, Robert Stefan
Integrative Therapie
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1. Auflage 2024
Copyright © 2024 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Lektorat: Katharina Schindl, Wien
Satz: Wandl Multimedia-Agentur, Groß Weikersdorf Umschlagbild: © Brendan Hunter/unsplash.com
Druck und Bindung: Facultas, Wien
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-1986-7 (Print)
ISBN 978-3-99111-014-9 (E-Pub)
Inhalt
Einleitung und Überblick
1Geschichte der Integrativen Therapie
1.1Gesellschaftlicher Hintergrund
1.2Hilarion G. Petzold, Johanna Sieper und Ilse Orth
1.3Psychotherapeutische Quellen
1.4Entwicklung
2Die Integrative Therapie der Gegenwart
2.1Zum Schulenstreit in der Psychotherapie
2.2Orientierung auf evidenzbasierte Wirkfaktoren
2.3Theoretische Integration: Der Tree of Science
3Grundbegriffe und Systematik der Integrativen Therapie
3.1Phänomenologie
3.2Hermeneutik
3.3Das Menschenbild des integrativen Ansatzes
3.3.1Die anthropologische Grundformel
3.3.2Leiblichkeit
3.3.3Der informierte Leib und Embodiment
3.3.4Anthropologie des schöpferischen Menschen
3.4Ko-respondenz und Alterität
3.5Entwicklungstheorie und Persönlichkeitsmodell
3.5.1Das Selbst
3.5.2Das Ich
3.5.3Die Identität
4Gesundheits- und Krankheitslehre
4.1Salutogenese
4.1.1Multiple Zugehörigkeit
4.1.2Salutogene Stimulierung
4.2Pathogenese
4.2.1Multiple Entfremdung
4.2.2Pathogene Stimulierung
4.2.3Pathogenesemodelle
4.3Risikofaktoren
4.3.1Genetische und somatische Einflüsse und Dispositionen
4.3.2Entwicklungsschädigungen in den ersten Lebensjahren und in der Lebensspanne
4.3.3Adversive psychosoziale Einflüsse und Milieufaktoren
4.3.4Negativkarriere im Lebenslauf
4.3.5Verinnerlichte Negativkonzepte
4.3.6Auslösende aktuale Belastungsfaktoren
4.3.7Diverse Negativeinflüsse und ungeklärte Faktoren
4.4Protektivfaktoren
4.4.1Entwicklungsförderung in den ersten Lebensjahren sowie in der Lebensspanne
4.4.2Konstruktive psychosoziale Einflüsse und Milieufaktoren
4.4.3Positivkarrieren im Lebenslauf
4.4.4Verinnerlichte Positivkonzepte
4.4.5Wirksame aktuale Unterstützungsfaktoren
4.5Zusammenfassung
5Integrative Psychotherapeutische Diagnostik
5.1Prozessuale Diagnostik
5.2Methodischer Aufbau der Integrativen Psychotherapeutischen Diagnostik
5.2.1Initialphase
5.2.2Modul 1: Psychosoziale Anamnese
5.2.3Modul 2: Klassifikation
5.2.4Modul 3: Ätiologische Diagnostik
5.2.5Modul 4: Persönlichkeitsdiagnostik
5.2.6Modul 5: Behandlungsplanung
6Praxis der Integrativen Therapie
6.1Die Phasen des therapeutischen Prozesses
6.2Ziele und therapeutische Interventionen
6.2.1Modalitäten
6.2.2Stile
6.2.3Formen bzw. Setting
6.3Vier Wege der Heilung und Förderung
6.4Heil- und Wirkfaktoren
6.5Ebenen der Tiefung
6.6Geschlecht und Diversität
6.7Leibarbeit
6.8Der Umgang mit Krisen
6.9Störungsspezifisches Arbeiten
7Anhang
7.1Literaturempfehlungen (Auswahl)
7.2Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten
7.3Fachspezifikum für Psychotherapie nach dem österreichischen Psychotherapiegesetz
7.4Institute in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern
8Literatur
Die Autorin und die Autoren
Einleitung und Überblick
Die Integrative Therapie, um die es in diesem Buch gehen wird, ist ein seit 2005 in Österreich akkreditiertes Psychotherapieverfahren. Von Hilarion G. Petzold und Johanna Sieper in den 1960er-Jahren erstmals begrifflich genannt, ab den 1970er-Jahren mit Ilse Orth und Hildegund Heinl weiterentwickelt, ist das Verfahren heute zu einem theoretisch und praktisch weit ausgreifenden Programm angewachsen. Integrative Therapie ist ein nach vielen Seiten offener Ansatz mit forschungsbegründeten, wissenschaftlich evaluierten Modellen, welche systematisch miteinander verbunden wurden und entlang der empirischen Psychotherapieforschung unter Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften beständig weiterentwickelt wird. Therapiepraktisch schöpft sie aus dem tiefenpsychologischen Denken sowie aus bewährten gestalttherapeutischen, psychodramatischen, systemischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen.
Die Integrative Therapie kann als Teil der internationalen Tendenz zu Methodenintegration und Pluralität in der Psychotherapie betrachtet werden, im deutschsprachigen Raum kommt ihr diesbezüglich eine Vorreiterrolle zu. Sie ist eine therapeutische Herangehensweise, die verschiedene Theorien und Techniken unterschiedlicher psychotherapeutischen Schulen integriert, um den individuellen Bedürfnissen von Patient:innen gerecht zu werden. Menschen sind komplexe Wesen, sie stehen im Fluss der Zeit und der jeweiligen soziokulturellen Gegebenheiten. Psychische Probleme können sehr unterschiedliche Ursachen und Ausdrucksformen haben. Der integrative Ansatz in der Psychotherapie orientiert sich an der Vielfältigkeit menschlicher Erfahrung und der Auffassung, dass keine einzelne Therapieschule für alle Menschen und Probleme geeignet sein kann.
Es lässt sich beobachten, dass die allermeisten Therapeut:innen im Laufe ihrer Berufskarriere ihre erlernte Therapiemethode überschreiten und im Rahmen von Weiterbildungen weitere Techniken und Theorien in ihr Repertoire aufnehmen. Für integrative Therapeut:innen besteht der Vorteil, dass die Integration unterschiedlicher Modelle und Techniken bereits ab dem ersten Tag der fachspezifischen Ausbildung auf Basis langjähriger Entwicklungs- und Qualitätssicherungsarbeit vermittelt wird. Nur wenn ein Psychotherapieverfahren wissenschaftstheoretisch genau beschrieben und empirisch abgesichert ist, kann es als in sich konsistente, standardisierte Praxis methodisch kontrolliert durchgeführt und in weiterer Folge wissenschaftlich evaluiert werden. Letzteres zeichnet die Integrative Therapie in besonderem Maße aus.
Die immer bedeutender werdende Frage nach der Evidenzbasierung von Psychotherapie und damit auch der Integrativen Therapie lässt sich aus unserer Sicht folgendermaßen beantworten: Dank umfangreicher, internationaler Forschung liegt uns gesichertes Wissen bezüglich der Wirkfaktoren der Psychotherapie vor. Empirisch zeigt sich, dass es weder das Festhalten an schulenspezifischen Techniken noch die Ausbildung in einer bestimmten Orientierung, sondern vielmehr die Person der Therapeut:in ist, welche vor dem Hintergrund der evidenzbasierten Wirkfaktoren auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmte Behandlungen durchführt. Genau darauf konzentrieren sich integrative Therapeut:innen, und zwar mit einer großen Vielfalt von Methoden und Techniken, die wir Ihnen hier nun kompakt vorstellen dürfen.
In Kapitel 1–3 führt Robert Stefan in die Entwicklung und Geschichte der Integrativen Therapie ein und skizziert wesentliche Grundlagen und theoretische Ankerpunkte des Verfahrens. Es ist eine Besonderheit des Integrativen Ansatzes, dass nicht lediglich das Psychische Gegenstand der Therapie ist, sondern der Mensch in seiner leiblichen Ganzheit und seiner verkörperten sozioökologischen Einbettung in den Blick genommen wird. Dieses ressourcen- und potenzialorientierte biopsychosozialökologische Menschenbild hat großen Einfluss auf Theorie und Praxis der Behandlung in unserem Verfahren.
In Kapitel 4 erläutert Claudia Höfner die Gesundheits- und Krankheitslehre der Integrativen Therapie. Gesundheit und Krankheit werden als Pole eines Kontinuums betrachtet. Die Position, die ein Mensch auf diesem Kontinuum einnimmt, unterliegt vielfältigen Faktoren im Entstehungsprozess. Daher werden im Rahmen einer Therapie nicht nur Schädigungen, Defizite und Belastungen bearbeitet, sondern auch Ressourcen, Kompensations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Praktische Beispiele für den therapeutischen Umgang finden sich in Kapitel 6. In Kapitel 5 erklärt Claudia Höfner die besondere Form der Integrativen Psychotherapeutischen Diagnostik (IPD), die auf fünf Modulen beruht. Angefangen mit der Kontaktaufnahme zwischen Therapeut:in und Patient:in entwickelt sich im Verlauf der Therapie ein intersubjektiver Behandlungsweg. Dieser Prozess schließt im Sinne einer Theragnostik – also der Verschränkung von Therapie und Diagnostik – die Befunderhebung, die Anamnese, die Diagnose und die Therapie ein.
In Kapitel 6 beschreibt Gerd Mantl die Umsetzung von realexplikativen Theorien in der therapeutischen Praxis sowie den konkreten Umgang mit den Patient:innen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem dyadischen Setting, begleitet von Beispielen aus der Praxis, um einen idealtypischen Verlauf und vielfältige Interventionen zu illustrieren. Ziele und Interventionen in der Integrativen Therapie werden erläutert und damit wird verdeutlicht, dass die Auswahl von Methoden, Techniken und Medien flexibel und zielgerichtet sowie abhängig von den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen erfolgen sollte. Es werden auch die verschiedenen Modalitäten, therapeutischen Stile, Settings und Tiefungsebenen der Integrativen Therapie beleuchtet. Es wird außerdem diskutiert, welche Wege der Heilung und damit verbundene Heil- und Wirkfaktoren in diesem psychotherapeutischen Verfahren bekannt sind. Die Bedeutung der Leibarbeit innerhalb der Integrativen Therapie wird hervorgehoben, wobei die Integrative und Differentielle Relaxationstherapie (IDR) als konkretes Beispiel dient. Des Weiteren wird der Umgang mit Krisen in der Integrativen Therapie skizziert und es folgt eine kurze Erwähnung des störungsspezifischen Arbeitens in der Integrativen Therapie und der Verweis auf ausgewählte Literaturquellen für spezifische Störungen nach ICD-11.
Claudia Höfner
Gerd Mantl
Robert Stefan
Wien, Jänner 2024
1 Geschichte der Integrativen Therapie
In diesem Kapitel wollen wir die Geschichte und Entwicklung der Integrativen Therapie in groben Pinselstrichen nachvollziehen. Dazu wird der gesellschaftliche und politische Hintergrund der Gründungszeit beleuchtet und es werden einige wesentliche biografische Aspekte der Protagonist:innen des Verfahrens dargestellt. Die Integrative Therapie schöpft als methodenverbindender, schulenübergeifender Ansatz aus zahlreichen psychotherapeutischen, philosophischen und wissenschaftlichen Quellen, die wir in diesem Abschnitt in ihrer Bedeutung für die Entwicklung ausführen. Der nunmehr bereits seit bald 60 Jahren bestehende Ansatz einer Integrativen Therapie kann rückblickend in drei Epochen oder Wellen eingeteilt werden, deren spezifische Schwerpunktsetzungen wir hier ebenfalls erläutern wollen.
1.1 Gesellschaftlicher Hintergrund
Der Begriff der Integrativen Therapie wurde von Hilarion G. Petzold und Johanna Sieper erstmals im Jahr 1965 genannt. Ilse Orth, eine weitere Mitbegründerin der Integrativen Therapie, studierte zur gleichen Zeit in Paris und arbeitete ab 1974 an der Entwicklung des psychotherapeutischen Verfahrens mit. Über die Gründungszeit der Integrativen Therapie sagt Hilarion G. Petzold Folgendes:
Die Integrative Therapie entstand Mitte der 1960er Jahre in Paris im Kontext der soziokulturellen Bewegungen, die durch den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag 1963 wesentlich angestoßen worden war. Dieser zentrale europapolitische Hintergrund ist genauso wichtig wie die sogenannte 1968er-Bewegung. (Petzold, 2018r, S. 2)1
Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, auch als Élysée-Vertrag bekannt, markiert einen bedeutenden Wendepunkt in den Beziehungen der Staaten Europas. Der Vertrag hatte das Ziel, die jahrhundertelange Rivalität zwischen den beiden Nationen zu überwinden und eine dauerhafte Grundlage für Kooperation, Versöhnung und gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Der Élysée-Vertrag bewirkte eine enge Abstimmung der politischen Positionen mit dem Ziel der europäischen Integration und förderte auch den kulturellen Austausch und das Verständnis zwischen den beiden Ländern. Die Intensivierung der Zusammenarbeit im Bildungsbereich und der Austausch von Student:innen trug zum Aufbruch in ein neues kulturelles Zeitalter und auch zur Entstehung der Integrativen Therapie maßgeblich bei.
Die 1968er-Bewegung war ein weltweites Phänomen, durch das eine Vielzahl politischer, sozialer und kultureller Veränderungen angestoßen wurde. Die Bewegung strebte eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft an, um mehr Beteiligung und Mitsprache der Bürger:innen zu gewährleisten. Sie spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Forderung nach Gleichstellung der Geschlechter. Ferner setzte sie sich für eine Neubewertung der Erziehung und der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ein, indem sie autoritäre Strukturen und hierarchische Machtverhältnisse kritisierte. Sie trug zu grundlegenden sozialen und kulturellen Veränderungen bei, indem sie traditionelle Normen und Werte hinterfragte und Raum für neue kulturelle Ausdrucksformen schuf. All dies führte dann auch zu einer Liberalisierung und Veränderung der politischen Institutionen, so entstand etwa die Partei der Grünen in der Folge der 1968er-Bewegung.
Im Paris jener Zeit des Aufbruchs und des Umbruchs begannen intensive Debatten zwischen der Psychoanalyse, dem Existenzialismus, dem Marxismus und der Phänomenologie, welche das Verhältnis von Philosophie, Psychologie und Psychotherapie neu definierten (Petzold, 2018r). Es entstand ein fruchtbares Milieu, aus dem bis heute sehr wirkmächtig gebliebene Ideen und Theorien hervorgingen, welche für die als Studierende nach Paris gekommenen Gründungsfiguren der Integrativen Therapie eine wichtige Quelle der Inspiration waren. An der Stelle lässt sich schon ein wesentliches Charakteristikum der Integrativen Therapie erkennen, nämlich ihre interdisziplinäre Orientierung unter besonderer Berücksichtigung der Philosophie sowie der Geistes- und Kulturwissenschaften.
Studien und Weiterbildungen in psychoanalytischen, klinisch-psychologischen oder körpertherapeutischen Ansätzen führten sehr früh zur Ausarbeitung methodenverbindender Modelle. Aus der Diskussion mit Vertreter:innen unterschiedlicher Richtungen wie Gestalttherapie, Psychodrama, Verhaltenstherapie oder systemische Therapie wurde die Entwicklung methodenintegrativer Modelle kontinuierlich vertieft (Petzold, 1988n, 2003a, 2018r).
1.2 Hilarion G. Petzold, Johanna Sieper und Ilse Orth
Hilarion G. Petzold (2011j) genoss im Umfeld der Friedensbewegung der 1950er- und 1960er-Jahre eine künstlerisch orientierte, intensive humanistische und naturverbundene Erziehung. Später betrieb er umfangreiche naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Studien. Als Pionier der Methodenintegration konzipierte er den integrativen Ansatz mit seinen Kolleginnen Johanna Sieper und Ilse Orth als entwicklungsorientierte Therapie. Er schuf damit wichtige Beiträge für die Psychotherapie im Allgemeinen und für die Geronto-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie so- wie die Suchttherapie. Er gilt als Vorreiter des neuen Integrationsparadigmas in Europa, insbesondere im deutschsprachigen Raum (Petzold, 1996h). Petzold gründete gemeinsam mit Johanna Sieper 1972 das Fritz Perls Institut (FPI) für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung und 1982 die Europäische Akademie für biopsychosoziale Gesundheit (EAG) in Hückeswagen, Deutschland. Neben zahlreichen Lehrtätigkeiten in Institutionen in ganz Europa war er von 1979 bis 2004 Professor und Ordinarius für Psychologie, klinische Bewegungstherapie und Psychomotorik an der Freien Universität Amsterdam und von 1980 bis 1989 Gastprofessor und Supervisor am Lehrstuhl des äußerst einflussreichen Klaus Grawe zur Zeit von dessen Forschungs- und Publikationstätigkeit zu einer schulenübergreifenden Psychotherapie (Petzold, 2011i).
Johanna Sieper (1940–2020) studierte von 1958 bis 1962 in Düsseldorf Kunst, Grafik und Design (Petzold, 2011j). Sie ging wie Petzold in den 1960er-Jahren nach Paris, um Kunstgeschichte, Religionsgeschichte und mit ihm Philosophie, orthodoxe Theologie und Psychologie zu studieren. Sieper war seit den Anfängen der Integrativen Therapie 1965 an der Entwicklung des Verfahrens beteiligt und hat an sehr grundlegenden Texten, vor allem zur Kulturtheorie, mitgewirkt. Die Open-Access-Zeitschrift POLYLOGE: Materialien aus der Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit, Naturtherapien und Kreativitätsförderung wurde von Sieper seit dem Jahr 2000 als Gründungsschriftleiterin bis zu ihrem Tod 2020 betreut.
Ilse Orths Arbeit umfasst seit jungen Jahren vor allem die Bereiche Rhetorik, Drama, Theaterarbeit und Frauenliteratur. Vor diesem Hintergrund hat sie entscheidend an der Entwicklung intermedialer Arbeit wie kreativem Gestalten mit Ton, Arbeit mit Naturmaterialien, Verbindung von Bewegung, Tanz, Schreiben und Sprache mitgewirkt (Petzold, 2011i). Sie ist neben Johanna Sieper die wesentliche Mitgestalterin und Mitautorin der Schriften der Integrativen Therapie und eine der Ersten überhaupt, die systematisch kreative Medien in die psychotherapeutische Arbeit einfließen ließ (Petzold & Orth, 1993a; 1994a).
1.3 Psychotherapeutische Quellen
Die Integrative Therapie ist ein schulenübergreifendes, methodenplurales Verfahren. Sie schöpft aus vielen Quellen, von denen nachfolgend die wichtigsten genannt werden. Im Paris der 1960er-Jahre waren psychoanalytische Ansätze und Ideen omnipräsent, auch Petzold, Sieper und Orth haben sich in Theorie und Praxis mit dieser äußerst wirkmächtigen Strömung auseinandergesetzt (Petzold, 2018r). Der Begriff der Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud ab 1897 verwendet; Freud gilt bis heute als einer der meistzitierten und kontroversesten Autoren der Welt. Seine Schriften und Theorien zur Psychoanalyse haben über die Grenzen der medizinischen und psychologischen Wissenschaften hinaus enormen Einfluss auf die Kulturwissenschaften und die westliche Kultur im Allgemeinen erlangt. Für die Integrative Therapie sind allerdings weniger die Ansätze Freuds als die seines Schülers und Mitarbeiters Sándor Ferenczi von Bedeutung. Ferenczis Modifikation der Freud’schen Psychoanalyse gilt heute als Grundlage moderner Psychotherapie, insbesondere mit Blick auf eine aktive Behandlungstechnik und die Gestaltung der psychotherapeutischen Beziehung. Der Ferenczi-Schüler Vladimir N. Iljine entwickelte die kreativen Ansätze zu einem therapeutischen Theater weiter, welches ebenfalls eine Quelle der Integrativen Therapie darstellt (Schuch, 2000).
Wie bereits ausgeführt, gründeten Petzold und Sieper 1972 das Fritz Perls Institut (FPI) für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung. Fritz und seine Frau Laura Perls gelten unter anderen als Begründer:innen der Gestalttherapie, welche insbesondere in den Anfangsjahren eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Integrativen Therapie spielte (Petzold, 1996h). Die Gestalttherapie entwickelte sich in Opposition zur Psychoanalyse als erlebnisorientierte, experimentelle und am Erleben im Hier und Jetzt orientierte Psychotherapie. Damit hat die Rolle des Körpers und der Sinnlichkeit eine deutlichere Akzentuierung in der Psychotherapie gefunden, als es in psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall war. Petzold und Kolleginnen leisteten Pionierarbeit in der Verbreitung der Gestalttherapie in Deutschland, distanzierten sich jedoch mit der Zeit in wesentlichen Punkten von dieser. Insbesondere eine einseitige Hier-und-Jetzt-Orientierung, die Polarisierung von Denken und Sinnlichkeit, wie sie laut Petzold (2003a) in der Gestalttherapie vorzufinden sei, wird von der Integrativen Therapie erweitert.
Es darf an der Stelle nicht übersehen werden, dass viele der psychotherapeutischen Innovationen, welche der Gestalttherapie zugeschrieben werden, ihren Ursprung in der historisch etwas früher entstandenen Psychodrama-Psychotherapie des österreichischen Arztes Jakob L. Moreno haben. Theoretischer Kernpunkt der Schule nach Moreno ist die Rollentheorie, deren zentraler Satz lautet: Alle Menschen sind Rollenspieler:innen (Vater, Wieser & Ruhs, 2011). Von spielenden Kindern im Park und dem seinerzeit beliebten Stegreiftheater fasziniert, entwickelte Moreno die wesentlichen Elemente des Psychodramas: spontane Improvisation, szenische Darstellung, Rollenspiel oder Rollentausch.
Das Psychodrama stellt einerseits eine wesentliche Quelle der Integrativen Therapie dar und wurde andererseits von Petzold und Kolleginnen in den 1970er-Jahren weiterentwickelt (Petzold, 2003a). Die Psychodrama-Therapie richtet ihr Augenmerk nicht nur auf das Innere des Menschen, sondern vor allem auf die Stellung des Menschen in seinem sozialen Netzwerk und auf die Rollen, die er darin verwirklicht. Der Mensch ist soziales Atom seiner Lebenswelt mit dem Fokus auf Raum, Zeit, Kosmos und Realität. Gegenstand der Diagnose und Therapie sind daher immer auch die sozialen Beziehungen; Gesundheit bzw. Krankheit korrelieren mit der Beziehungsfähigkeit und Beziehungskompetenz des Menschen. Gesundheit bedeutet nach psychodramatischer Sicht das Vorhandensein von Spontaneität und Kreativität im Sinne einer lebenspraktischen Bewältigungskompetenz. Ziel des Psychodramas ist daher die Aktivierung und Erweiterung von Spontaneität und Kreativität als schöpferische Selbstverwirklichung (Vater, Wieser & Ruhs, 2011). Alle diese Aspekte sind seit den Anfängen bis heute ganz wesentliche Elemente der Integrativen Therapie.
Auch verhaltenstherapeutische bzw. lerntheoretische Aspekte wurden sehr früh in die Entwicklung der Integrativen Therapie einbezogen: Tagebücher, Alltagstrainings, In-vivo-Expositionen etc. (Petzold, 2003a). Es wurden einige Ansätze des Selbstmanagements der Verhaltenstherapie nach Frederick Kanfer übernommen, wie beispielsweise verhaltensorientiert zu denken, lösungsorientiert zu denken, positiv zu denken, in kleinen Schritten zu denken, flexibel zu denken. Auch der verhaltenstherapeutische Therapie-Alltag-Transfer wurde teilweise integriert. Durch die Verbindung von Verhaltenstherapie und Psychodrama entwickelten Petzold und Kolleginnen das Behaviordrama, ein verhaltenstherapeutisches Rollenspiel (Egger,
2015; Petzold, 2003a).
An dieser Stelle ist es abschließend wichtig zu betonen, dass Integrative Therapie keine bloße Addition der genannten Quellen darstellt. Vielmehr wurden ganz bestimmte, zueinander passende oder sich ergänzende Aspekte und Elemente jener Quellen in einem mittlerweile Jahrzehnte anhaltenden Entwicklungs- und Integrationsprozess verbunden, also konnektiviert (Schuch, 2000). Das heißt, integrative Therapeut:innen wenden nicht hier ein Stückchen Psychodrama und dort ein bisschen Verhaltenstherapie an. Die Integrative Therapie ist kein pragmatischer Eklektizismus, sondern ein Ansatz, der therapiepraktisch aus den erwähnten Quellen schöpft und durch intensive wissenschaftliche Forschung und Theorieentwicklung zu einem konsistenten, eigenständigen Verfahren herangewachsen ist (Petzold, 2018r).
1.4 Entwicklung
In Bezug auf die Entwicklung und Geschichte der Integrativen Therapie wird von drei Wellen gesprochen (Sieper, Orth & Petzold, 2020). Die erste Welle entstand mit der erstmaligen Nennung der Begriffe „Integrative Therapie“ und „Humantherapie“ (Petzold, 1965). Bereits in den 1960er-Jahren begann die Entwicklung eines therapeutischen Verfahrens, das einseitig verkürzendes Denken in Schulen, wie es bis dahin üblich war, zu einer psychotherapeutischen Kultur der Vielfalt überwinden wollte. Die erste Welle von 1965 bis 1982 begann als Experimentieren mit einer Vielfalt von Interventionen und Praxeologien im Bereich der Kinder- und Familientherapie in sozialen Brennpunkten und Armenvierteln der Pariser Vorstädte, den berüchtigten banlieues. Zu jener Zeit spielten die Errungenschaften der aktiven und elastischen Psychoanalyse Sándor Ferenczis sowie in weiterer Folge die Gestalttherapie und das Psychodrama eine bedeutende Rolle in der Entstehung des integrativen Ansatzes. Wesentliche und bis heute bedeutsame Begriffe und Konzepte wurden in dieser ersten Welle eingeführt. In die erste Welle der Entwicklung fällt auch die Gründung des Fritz Perls Instituts (FPI) 1972. Im Jahr 1975 folgte die Erstausgabe der Fachzeitschrift Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration. Zu jener Zeit entstand in Europa und Deutschland großes Interesse für innovative psychotherapeutische Ansätze. Wesentliche Leitfiguren aus der ganzen Welt waren am FPI zugegen und haben dort methodenplurale Forschung und Lehre vorangetrieben (Sieper, Orth & Petzold, 2020).
Auf diese erste folgte eine zweite Welle (1982–2000) der zunehmenden theoretischen Konsolidierung und breit angelegten Forschungs-, Publikations- und Qualitätssicherungsarbeit. Kreativitätstheoretische Ansätze wurden vor allem durch Ilse Orth weiterentwickelt, die psychosomatische Orientierung sowie die Leib- und Bewegungstherapie bereits seit den 1970er-Jahren durch die Fachärztin für Orthopädie Hildegund Heinl (Petzold, 2018r). Die Europäische Akademie für biopsychosoziale Gesundheit (EAG) wurde 1982 als Weiterentwicklung des FPI gegründet. Richtungsweisende Haupt- und Standardwerke wurden in diesem Zeitraum veröffentlicht. Besonders hervorzuheben ist das von Petzold initiierte Forschungsprojekt zu vergleichender Psychotherapieforschung, welches mit dem Titel Wege zum Menschen (1984) publiziert wurde. Die Arbeit mit kreativen Medien wurde insbesondere von Ilse Orth ab den 1980er-Jahren entscheidend vertieft. Zentrale Begriffe und Konzepte wurden in dieser Welle ausformuliert, wie jenes der fünf Säulen der Identität, der vier Wege der Heilung und Förderung oder der vierzehn Wirkfaktoren, welche mittlerweile um drei weitere ergänzt wurden (Sieper, Orth & Petzold, 2020). In diese Phase fällt auch Petzolds Gastprofessur bei dem Psychotherapieforscher Klaus Grawe, welche wechselseitige Synergien erzeugte. Es erschienen das bis heute bedeutsame Werk Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (Petzold, 1988n) und in den Jahren 1991–1993 das dreibändige Opus Magnum Integrative Therapie, welches neu aufgelegt und überarbeitet als Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden einer schulenübergreifenden Psychotherapie (2003a) das Standardwerk des integrativen Ansatzes ist.
Mit dem Jahr 2000 begann die dritte Welle der Entwicklung. Der seit den 1970er-Jahren entwickelte Tree of Science erhielt ein Update (Petzold, 2003a und noch einmal mit Sieper, Orth & Petzold, 2020), die integrative Grundregel wurde verabschiedet. Es verstärkte sich die Hinwendung zu ökologischen und ökopsychosomatischen Fragen, die Integrative Willenstherapie (Petzold & Sieper, 2008a) wurde ausformuliert. Mit dem Jahr 2000 wurde die Open-Access-Internetzeitschrift POLYLOGE gegründet, die nunmehr das wesentliche Publikationsmedium des integrativen Ansatzes darstellt. Mit Blick auf Fragen zu Gender-Diversität und Inklusion leisten Theoretiker:innen der Integrativen Therapie gegenwärtig weitreichende Beiträge für Psychotherapie, Supervision, Beratung und Coaching (Abdul-Hussain, 2011; Gahleitner & Ossola, 2007; Häusle-Paulmichl, 2018; Petzold & Orth, 2011; Schigl, 2018; Schigl et al., 2020).
Für die Integrative Therapie sind politische, ökonomische, ökologische und soziokulturelle Aspekte nicht lediglich Erscheinungen am Rande des Verfahrens, sondern vielmehr ein wesentliches Substrat seiner Entstehung und Entwicklung. So wurde bereits 1968 formuliert:
Therapie und Gesellschaft, Gesellschaft und Therapie sind nicht voneinander abzutrennen. Hinter der therapeutischen Praxis der Behandlung eines Patienten muß eine Metapraxis der über das Einzelschicksal hinausgehenden Kulturarbeit, Gesellschaftstherapie und des politischen Handelns stehen. (Petzold, 1994c, S. 143)
Diese regulative Idee findet sich bis heute in allen wesentlichen Aspekten der integrativen Theorie und Praxis. Damit kommen wir zu einer charakteristischen Schwerpunktsetzung der integrativen Position hinsichtlich der Beziehung zwischen Menschen und Welt oder Natur und Kultur: Nicht die Beherrschung, Unterwerfung und Zähmung der wilden Natur durch den Menschen im Sinne des biblischen „Macht euch die Erde untertan“ gilt als erstrebenswertes Ziel von Kulturarbeit; auch nicht ein romantisierendes „Zurück zum Naturzustand“. Kritische Kulturarbeit in der Integrativen Therapie bedeutet hingegen engagierte Verantwortung und kultivierten Altruismus, das heißt ein Einstehen für Lebendiges im Sinne eines aufgeklärten Humanismus (Petzold, Sieper & Mathias-Wiedemann, 2022). Dabei geht es aber nicht lediglich um Naturschutz oder Klimaaktivismus, sondern auch um den therapierelevanten Umstand, dass ökologische Bedrohungen durch Artensterben und Klimawandel den Menschen nicht unberührt lassen. Der dadurch entstehende Stress führt ökopsychosomatisch zu Daueranspannung bei gleichzeitiger Handlungsstarre aufgrund der gefühlten Ohnmacht gegen furchteinflößende Zukunftshorizonte:
Weil der Einzelne erlebt, er könne da nichts machen – gegen die Konzerne, gegen gewissenlose Politik, die Macht des Kapitals etc. – kommen auch vermehrt Verdrängung und Dissoziation zum Tragen. […] Besonders beunruhigende Zeitgeisteinflüsse belasten Menschen, werfen Sinnfragen auf, schüren subtile Ängste, stellen das adrenerge System und die glucorticoide Steuerung hoch. Das bleibt nicht ohne Folgen […]. Solche Symptome haben vielfältige vom Zeitgeist bedingte Ursachen, wie etwa Sinnverlust, Sinnlosigkeitsgefühle. (Petzold, 2016l, S. 8–9)
Die Frage der Ökologie steht seit den Anfängen des integrativen Ansatzes und insbesondere gegenwärtig, in der dritten Welle, im Fokus:
Wir wollen unseren alten, naturdestruktiven Lebensstil überschreiten und überwinden. Wir wollen und können das, weil unser neues Ziel ist „in tiefem Einvernehmen mit unserer ökologischen Mitwelt“ zu leben, sie zu erleben, zu verstehen, zu schützen, zu bewahren, um uns an ihr zu erfreuen und sie ökologie- und naturverträglich, d. h. nachhaltig nutzen zu können. Deshalb werden wir unseren persönlichen Lebensstil neu ausrichten mit einem gesellschaftspolitischem Engagement, das auf einem neuen, wissenschaftlich gesicherten und ethisch fundierten Naturverstehen gründet und das Naturbewahrung gegenüber ökonomischem Profitstreben priorisiert (Geld kann man weder atmen noch essen). In einer neuen Ökologiebewusstheit und Naturverbundenheit haben wir dann die Chance, gemeinsam Kraft, körperliche und seelische Gesundheit, Zufriedenheit, Sinnerleben und Lebensglück als eine neue ökologische Lebensqualität zu Gewinnen. (Petzold, Sieper & Mathias-Wiedmann, 2022, S. 8)
1 Ausdrucksstarke und kreative Schriftformatierungen wie fett und kursiv sind ein häufig eingesetztes Stilmittel von Petzold und Kolleg:innen und sind in direkten Zitaten hier und nachfolgend aus dem Original übertragen.
2 Die Integrative Therapie der Gegenwart
Seit dem Entstehen von Sigmund Freuds Psychoanalyse 1897 hat sich eine unüberschaubare Anzahl an psychotherapeutischen Methoden oder Schulen entwickelt. Am Beginn der 2000er-Jahre waren in Österreich bereits über 20 psychotherapeutische Verfahren anerkannt, 2005 kam noch eines hinzu, nämlich die Integrative Therapie. Man könnte an dieser Stelle die provokante Frage stellen, warum es noch ein weiteres Verfahren im Gesundheitssystem gebraucht habe. Oder anders gefragt: Ist die Integrative Therapie bloß eine weitere Schule im ohnehin schon recht unübersichtlichen Feld der psychotherapeutischen Landschaft?
Um diese Frage zu beantworten, werfen wir in diesem Kapitel zunächst einen Blick auf die unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätze. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Psychotherapieforschung soll daran anschließend erläutert werden, wie sich die Integrative Therapie als evidenzbasierte Praxis im psychotherapeutischen Feld positioniert und was der Begriff der Integration in Theorie und Praxis bedeutet.
2.1 Zum Schulenstreit in der Psychotherapie
Der Begriff des Schulenstreites in der Psychotherapie bezieht sich auf Debatten über die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen innerhalb des Feldes der Psychotherapie. Diese Schulen haben beispielsweise sehr unterschiedliche Auffassungen davon, wie psychische Störungen entstehen, was es bedeutet, gesund zu sein, welche Behandlungstechniken und Settings am effektivsten sind und wie die Behandlung durchgeführt werden sollte. Jene Unterschiede resultieren einerseits aus verschiedenen Menschenbildern, das heißt aus den Vorstellungen davon, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Daran schließen sich allerlei Fragestellungen, etwa die ethische Frage, wie das gute Leben gelingen kann und wie man Menschen dazu verhilft, ein solches zu erreichen.
Andererseits wirken im Hintergrund divergente wissenschaftstheoretische Modelle und Paradigmen (Kriz, 2012). Die Wissenschaftstheorie, auch als Philosophie der Wissenschaft bezeichnet, beschäftigt sich mit den grundlegenden Prinzipien und Hintergründen der Methoden, Strukturen und Praktiken wissenschaftlicher Forschung. Es wird danach gefragt, wie Wissenschaft funktioniert, welche Kriterien sie erfüllen muss, um als wissenschaftlich zu gelten, und wie wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen, überprüft und weiterentwickelt werden. Von den Antworten auf diese Fragen hängt sehr viel ab, denn Psychotherapie ist eine theoriegeleitete, forschungsgegründete Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage (Riess, 2018).
