Interprofessionelle Spiritual Care - Renata Aebi - E-Book

Interprofessionelle Spiritual Care E-Book

Renata Aebi

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Beschreibung

Das Fachbuch der interprofessionellen Spiritual Care führt in Grundlagen und -verständnis sowie Theorie und Praxis der Spiritual Care ein. Es arbeitet ihre individuellen, interprofessionellen sowie ihre auf Sorge und Caring bezogenen Aspekte heraus. Die Autoren definieren Spiritual Care, legen ihre historischen Wurzeln frei und skizzieren ein Profil ihrer Aufgaben. Konkret zeigen sie, wie interprofessionelle Spiritual Care-Arbeit umgesetzt werden kann an Beispielen der • Wahrnehmung spiritueller Bedürfnisse und Anliegen • Biografiearbeit und des Lesens im Buch des Lebens • Trauer- und Krisenbegleitung • Vorausplanung für und Entscheidungen am Lebensende • Bewältigung von Krisen und ausweglosen Situationen • Wahrnehmung und Vertiefung von spirituellen Ressourcen und Kraftreserven • Kunst des Abschiednehmens. Zehn «Fensterbeiträge» von zehn Berufen konkretisieren die interprofessionelle Arbeit und acht Fallgeschichten geben ein Gespür, welche spirituellen Erfahrungen Klienten machen und wie sie diese verarbeiten. Die Autoren erläutern, wie interdisziplinäre Spiritual Care gelingt und benennen Erfolgsfaktoren, wie • Präsenz, Beziehung und offener Prozess sowie systemische Wahrnehmung und Kreativität, Wissen und Anfängergeist • gemeinsame/s Spiritualitätsverständnis und Sprache • Klarheit über Aufgaben und Rollen • verbindliche Strukturen und Prozesse • Spiritualität als Teil des institutionellen und gesundheitspolitischen Betreuungsauftrages • Verfügbarkeit von Ressourcen. Dreizehn "Fensterbeiträge" aus dreizehn Berufsgruppen geben Einblick in die Praxis einzelner Fachpersonen. Das Buch schliesst mit einem Ausblick auf Perspektiven, wie interprofessionelle Spiritual Care zukünftig weiterentwickelt, gestaltet und umgesetzt werden kann.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Interprofessionelle Spiritual Care

Renata Aebi, Pascal Mösli

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Palliative Care:

Christoph Gerhard, Dinslaken; Markus Feuz, Zürich

Renata AebiPascal Mösli

Interprofessionelle Spiritual Care

Im Buch des Lebens lesen

Geleitwort von Traugott Roser

 

 

Mit Beiträgen von

 

Daniel Büche

Katharina Fedier Schwitter

Irene Hardegger

Elisabeth Kollbrunner-Hergert

Noemi Lehmann

Nico Meier

Sandra Roth

Ruprecht Schmidt

Sandra Sieber

Andrea Simeon

Nicole Solèr

Andrea Franziska Thali

Miriam Wüst

Stefanie Zimmermann

Renata Aebi. Theologin und Spitalseelsorgerin mit Zusatzausbildung in Spezialseelsorge und Spiritual Care. Spitalseelsorgerin am Kantonsspital Graubünden in Chur, Sargans

E-Mail: [email protected]

www.spiritualcare-interprofessionell.ch

 

Pascal Mösli. Theologe, Coach, Dozent und Publizist, Verantwortlicher für Palliative Care und Spezialseelsorge der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Bern

E-Mail: [email protected]

www.spiritualcare-interprofessionell.ch

 

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z.Hd.: Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

 

Lektorat: Jürgen Georg, Evelyne Roth, Martina Kasper

Herstellung: Daniel Berger

Umschlagabbildung: Andrea Franziska Thali, Bülach

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Illustration/Fotos (Innenteil): Andrea Franziska Thali, Bülach

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Printed in Czech Republic

 

1. Auflage 2020

© 2020 Hogrefe Verlag, Bern

 

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95857-6)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75857-2)

ISBN 978-3-456-85857-9

http://doi.org/10.1024/85857-000

Nutzungsbedingungen

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Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Audio­dateien.

Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhalt
Geleitwort von Traugott Roser
Vorwort: Aus der Praxis für die Praxis
1 Spiritualität entdecken: Gott kommt früher als der Missionar
Fensterbeitrag Freiwillige Begleiterin: „Tiefe Ergriffenheit“
2 Grundlagen: Verständnis von Spiritualität und Spiritual Care
2.1 Aspekte von Spiritualität
2.1.1 Der individuelle Aspekt von Spiritualität
2.1.2 Der interprofessionelle Aspekt von Spiritualität
2.1.3 Der Caring-Aspekt von Spiritualität
2.2 Der Schmerz der Bewegungslosigkeit und der Spiritual Care-Prozess
Fensterbeitrag Begegnungsmimin und Pantomimin: „Achtsam und mit wachen Sinnen“
Fensterbeitrag Aktivierungsfachfrau: „Unterwegs zu Sinnhaftigkeit und Hoffnung“
3 Praktische Umsetzung interprofessioneller Spiritual Care
3.1 Spirituelle Anliegen und Bedürfnisse wahrnehmen
3.1.1 Wahrnehmung und Dialog: Begleitung mit dem spirituellen Indikationen-Set
3.1.2 Das interprofessionelle Zusammenspiel
Fensterbeitrag Psychoonkologin: „Herausforderungen am Ende des Lebens“
3.2 Biografiearbeit
3.2.1 Die zerschnittenen Harfensaiten − Erzählen braucht Vertrauen
3.2.2 Der innere Mensch – Erzählen als Aufspüren der Lebendigkeit
3.2.3 Inspiration fürs Erzählen – der Fragenkatalog der Dignity Therapie
Fensterbeitrag Reinigungsfachkraft: „Anteilnahme an den Menschen“
Fensterbeitrag Pflegeexpertin: „Ehrliches Interesse“
3.3 Trauer- und Krisenbegleitung
3.3.1 Trauerarbeit
3.3.2 Die vier Traueraufgaben nach William Worden
3.3.3 Das Leben umarmen
Fensterbeitrag Kunsttherapeutin: „Emotionen begleiten“
Fensterbeitrag Pflegefachfrau Spitex: „Den Blickwinkel wechseln“
3.4 Vorausplanen für das Lebensende
3.4.1 Spirituelle Begleitung im Prozess der vorausschauenden Planung
Fensterbeitrag Hospizkoch: „Ich lebe noch“
3.5 Ausweglosigkeit
3.5.1 Spirituelle Begleitung in der Krise: To be good company
Fensterbeitrag Arzt und Palliativmediziner: „Jenseits des menschlichen Verstehens“
3.6 Ressourcen wahrnehmen und vertiefen
3.6.1 Was sind spirituelle Ressourcen?
3.6.2 Drei Aufgaben der ressourcenorientierten Begleitung
Fensterbeitrag Sozialpädagogin und Expertin für Unterstützte Kommunikation: „Schlüsselmomente“
Fensterbeitrag Soziokultureller Animator und Musikgeragoge: „Musik und Erinnerung“
4 Erfolgsfaktoren
4.1 Mikroebene
4.1.1 Die drei Schlüsselfaktoren: Präsenz, Beziehung und offener Prozess
4.1.2 Systemische Wahrnehmung und Kreativität
4.1.3 Wissen und Anfängergeist
4.2 Mesoebene
4.2.1 Erster Faktor: Gemeinsames Spiritualitätsverständnis, gemeinsame Sprache für Spiritualität
4.2.2 Zweiter Faktor: Klarheit über Aufgaben und Rollen
4.2.3 Dritter Faktor: Verbindliche Strukturen und Prozesse
4.3 Makroebene
4.3.1 Erstes Kriterium: Spiritualität ist Teil des institutionellen Betreuungsauftrages
4.3.2 Zweites Kriterium: Die Institution stellt Ressourcen zur Verfügung
4.3.3 Drittes Kriterium: Es besteht ein gesundheitspolitischer Auftrag für Spiritual Care
Fensterbeitrag Geschäftlsleiterin Stiftung Scalottas – Kompetenzzentrum für Menschen mit Behinderung: „Mitten im Leben“
5 Ausblick und Perspektiven
Zu den Illustrationen: Eine poetische Annäherung
Autorenverzeichnis
Sachwortverzeichnis
Anmerkung

Geleitwort von Traugott Roser

Miteinander

Spiritual Care ist gemeinsame Sorge für einen kranken Menschen. Gemeinsam heißt: im Miteinander mit dem an einer Krankheit leidenden, aber nicht durch sie definierten Menschen und im Miteinander aller Sorgenden – An- und Zugehörigen, freiwilligen und beruflich Begleitenden, Behandelnden und Betreuenden.

Renata Aebi und Pascal Mösli zeigen, wie dieses Miteinander aussehen und – wichtiger noch – gelingen kann. Wer dieses Buch liest, wird in den Narrationen aus der Praxis immer wieder feststellen, wer da alles zusammenarbeitet. Allen voran die Patientinnen und Bewohner selbst, die oft genug durch die Krankheit und ihre Symptomatik an aktiver Mitarbeit gehindert zu sein scheinen, bis durch das kluge und erfahrene professionelle Agieren der Berufsgruppen – von der Kunst- und Musiktherapie über die Sozialarbeit oder die Aktivierungstherapie bis hin zur Seelsorge – Kommunikationskanäle erschlossen werden, über die das Miteinander doch noch möglich wird. Es ist in jedem einzelnen der Fallberichte berührend, wie die geduldige und respektvolle Einbindung der Bewohnerinnen und Patienten in alle Prozesse deren Aktivität steigert und ihre Würde neu zur Geltung bringt, vielleicht zum ersten Mal im gesamten Krankheitsverlauf.

Das Miteinander bezieht sich natürlich auch auf das Vertrauen zwischen den Fachpersonen unterschiedlicher Berufsgruppen. Wer im Gesundheitswesen tätig ist, weiß, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Es setzt Vertrautheit mit den Fähigkeiten und Arbeitsweisen der Kollegin oder des Kollegen der jeweils anderen Berufsgruppe voraus, die in einem Team oft über Jahre wächst und entsteht, aber auch kultiviert werden muss. Es setzt voraus, dass Zeit ist, nicht nur um sich in Teambesprechungen oder Gesprächen auf dem Flur gemeinsam auszutauschen, sondern auch um gemeinsam beim Patienten zu sein. In einer der Narrationen wird das ganz praktisch beschrieben: wie die Pflegefachfrau zur einen Seite des Patientenbetts sitzt, die Seelsorgerin zur anderen. Diese gemeinsame Präsenz braucht viel Zeit, immer wieder, bei mehrfachen Besuchen. Aber nur so wird das Miteinander möglich. Diesen Zeitaufwand müssen nicht nur die beteiligten Personen möglich machen, sondern auch die Einrichtung, in der sie tätig sind – und das Gesundheitswesen, das für den Zeitaufwand Geld aufbringen muss.

Das Autorenteam unterscheidet daher drei Ebenen: die interpersonale Ebene zwischen Fachperson und Patientin (Mikroebene), die Ebene des interprofessionell zusammengesetzten Teams (Mesoebene) und die Ebene von Einrichtung und Gesundheitswesen (Makroebene). Wenn das Miteinander am Pflegebett gelingen soll, braucht es ein Ineinander aller Ebenen.

Teilnahme und Teilhabe am Leben

Das Ziel von Spiritual Care als gemeinsamer Sorge ist die Ermöglichung von Teilhabe und Teilnahme an einem als subjektiv sinnvoll erfahrenen Leben.

Herzstück des Buches sind die Erzählungen vom wahren Leben, das immer nur als das Leben einzelner Menschen existiert. In allen Narrationen wird erkennbar, wie sehr die Menschen, die in der Einrichtung für Langzeitpflege oder im Hospiz aufgrund kognitiver, hirnorganischer, progredienter oder chronischer Beeinträchtigungen betreut werden, vom Leben ausgeschlossen sind. Mitunter ist es für die Leserin oder den Leser kaum auszuhalten, wie die Patienten aus ihrem eigenen Leben geworfen scheinen – nicht mehr ihren Beruf ausüben oder nicht mehr in den Bergen und der Natur wandern können. Manche müssen erleben, dass sie sich aus ihrer Familie ausgeschlossen fühlen, der Kontakt zu den Kindern wegbricht und die Ehepartnerin sich scheiden lässt. Und auch, wie sie sich mitunter den auf professioneller Zuwendung beruhenden Kontaktangeboten entziehen.

Es gehört zum Herzstück von Spiritual Care, dass Spiritualität als Verbundenheit verstanden wird, wie Aebi und Mösli unter Bezug auf Anton Bucher beschreiben. In allen Fallberichten gelingt es, die tragenden, zentralen Beziehungen – aber auch deren Verlust im Laufe der Krankheit – herauszuarbeiten, immer gemeinsam mit den Patientinnen und oft auch im Gespräch mit Nahestehenden. Sie zeigen, dass Verbundenheit, auch dann, wenn sie erinnert und ihr Fehlen betrauert wird, eine spirituelle Ressource ist. Dazu gehört auch die Verbundenheit mit Glauben, mit Gott, gerade auch dann, wenn sie in einem Piktogramm als Frage gestellt wird: Wo bist du, Gott? (Herr Kaufmann in Kapitel 3.1).

Tief berührend ist aber, dass und wie die Patientinnen und Bewohner in manchen der Narrationen ihr Leben wiedergewinnen, mit Hilfe der Seelsorge und Fachpersonen aus anderen Berufen, wenn ein Lebensbuch geschrieben wird, dessen Seiten der Patient trotz völliger Lähmung dank der Hilfe eines IT-Spezialisten über Augensteuerung am Computer-Bildschirm selbst umblättern kann. Unbegrenzt scheint die Kreativität der Teams, wenn es darum geht, wie mit den Patientinnen und Patienten ein Lebensbuch verfasst werden kann, dessen Protagonisten sie selbst sind und das sie – im Falle ihres Sterbens – als Vermächtnis hinterlassen. Mithilfe des Lebensbuches wird es anderen und neuen Mitgliedern im Betreuungsteam möglich, das bisweilen abweisende und irritierende Verhalten der Bewohnerinnen und Patienten zu verstehen, für das die Medizin den unschönen Begriff „non-compliance“ verwendet. Mithilfe des Lebensbuches werden alle, auch wir Leserinnen und Leser zu Zeugen gelebten, echten Lebens, auch im Angesicht seiner Vergänglichkeit. Jeder Mensch hat Bedeutung – Bedeutung ist nicht umsonst ein Kernbegriff von Definitionen der Spiritualität.

Leben im umfassenden Sinn

Spiritual Care gilt der Teilhabe und Teilnahme am Leben in einem umfassenden Sinn – unter Einschluss des Lebens im Glauben und sogar des Lebens jenseits der Todesgrenze. Renata Aebi und Pascal Mösli beziehen die religiöse Dimension des Lebens in einer Weise in ihr Praxisbuch mit ein, die religiös Musikalischen und Unmusikalischen einleuchten kann. Man muss kein spiritueller Mensch sein, um aus diesem Buch Gewinn zu ziehen; aber auch tiefspirituelle und tiefgläubige Leser werden in diesem Buch viel über Spiritualität und ihre Bedeutung erfahren.

Theorie und Praxis

Zentrales Anliegen des Autorenteams ist es, den inzwischen beinahe unüberschaubaren Theoriediskurs über Spiritual Care in die Praxis zu übersetzen und Spiritual Care in die Praxis zu bringen. Aebi und Mösli nennen das einen „phänomenologischen Zugang“: Dabei werden die Praxisbeispiele ausführlich erzählt und reflektiert. Es ist sehr hilfreich, dass dabei auf ganz unterschiedliche Theorien aus Seelsorge, Psychotherapie, Spiritual Care und Palliativmedizin zurückgegriffen wird. Auf diese Weise wird das Handbuch auch zu einem Lese- und Lernbuch, bei dem man sich en passant über würdebasierte Therapieansätze nach Chochinov, humanistische Psychologie nach Rogers, Traueraufgaben nach Worden oder über Seelsorge-Indikationen, wie sie von Aebi und Mösli vertreten werden, informieren kann. Die Fensterbeiträge geben kurze, konzentrierte Einblicke in das Verständnis von Spiritual Care in anderen als seelsorglichen Berufen – und auch hier bleibt kaum eine Berufsgruppe ungenannt. Sie sorgen auch zugleich dafür, dass das Buch bei aller Theoriefähigkeit immer auf die Praxis ausgerichtet ist und davon erzählen will, wie ein bisweilen hehres Konzept konkret operationalisiert werden kann.

Es ist ein Schlüsselsatz für den Umgang mit dem Band, wenn der Arzt Daniel Büche formuliert: „Als Arzt möchte ich lernen, die spirituelle Dimension immer mitzudenken.“ Für diesen Lernprozess, der allen Berufsgruppen (auch der Seelsorge) möglich ist, stellt das Buch eine große Hilfe dar.

 

Prof. Dr. Traugott Roser

Münster, im August 2019

Vorwort: Aus der Praxis für die Praxis

Das vorliegende Praxishandbuch versteht Spiritualität als eine Dimension menschlichen Lebens, welche dieses trägt, inspiriert und integriert.1 Gegenwärtig gewinnt die spirituelle Dimension im Gesundheitswesen zunehmend an Aufmerksamkeit; dies entspricht dem erweiterten Gesundheitsverständnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2005, das explizit spirituelle Aspekte integriert. Die WHO beschreibt Gesundheit als „a dynamic state of complete physical, mental, spiritual and social well-being and not just the absence of disease or infirmity“ (einen dynamischen Zustand ganzheitlichen physischen, mentalen, spirituellen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Fehlen von Krankheit oder Gebrechen [Übers. d. A.]). (Üstün & Jakob, 2005, S. 802).

Dabei wird Spiritualität als wichtige Ressource in der Krankheitsbewältigung und insbesondere am Lebensende gesehen. In besonderem Maße gilt dies für die Palliativversorgung, zu deren Grundauftrag gemäß WHO-Definition von Palliative Care die Wahrnehmung und Begleitung spiritueller Bedürfnisse und Anliegen gehört (WHO, 2002). Dieses Handbuch ist zunächst auf unterschiedliche Felder und Versorgungskontexte der Palliative Care fokussiert. Seine Aussagen lassen sich aber genauso auf andere Settings der Gesundheitsversorgung beziehen.

Sein Entstehen verdankt dieses Handbuch der beglückenden Erfahrung des Autorenteams, dass die Kraft der Spiritualität umso mehr zum Tragen kommt, als es gelingt, sie im Miteinander der behandelnden und begleitenden Fachpersonen aus Gesundheits- und Sozialberufen und der Seelsorge wahrzunehmen – ihr gemeinsam Raum zu geben und sie in die Betreuung und Begleitung zu integrieren. Es geht darum, Lebens- und Krankheitserfahrungen von PatientInnen – vergleichbar einem persönlichen Lebensbuch – gemeinsam daraufhin zu „lesen“, wie sich die spirituelle Dimension darin zeigt. Und es geht darum, die für Patientinnen und Patienten bedeutsamen spirituellen Aspekte zu erschließen, ihnen Raum zu geben und sie in die Betreuung und Begleitung einzubeziehen.

Mit diesem Handbuch möchten wir dafür Anregungen und Impulse aus der Praxis geben. Wir beschreiben spirituelle Prozesse und Phänomene und entfalten ausgewählte Aspekte und theoretische Konzepte interprofessioneller Spiritual Care. Wir gehen jeweils von einer konkreten Situation aus der Praxis aus. Im Anschluss formulieren wir Impulse für die spirituelle Begleitung, die sich auf die geschilderten Erfahrungen beziehen. Dabei erheben wir keinen Anspruch auf eine umfassende Darstellung des Feldes der interprofessionellen Spiritual Care. Einem konsequent personenorientierten Ansatz folgend, haben wir uns von den spirituellen Erfahrungen in den Geschichten der porträtierten Menschen leiten lassen − beziehungsweise davon, wie die spirituelle Dimension aus unserer Sicht in der Begegnung mit ihnen zum Tragen gekommen ist. Die Praxisbeispiele sind einigen Aspekten von Spiritual Care zugeordnet, die wir als zentral erachten. Den beteiligten Patientinnen, Bewohnern und ihren Familien danken wir sehr, dass wir (mit veränderten Namen) von ihnen erzählen durften – ebenso bedanken wir uns bei den beteiligten Fachpersonen. Ein besonderer Dank geht schließlich an die Stiftung Scalottas in Scharans, die diese Publikation in vielerlei Hinsicht unterstützt hat.

Die Erfahrungsberichte entstammen der Berufspraxis der Autorin − mehrheitlich aus der Stiftung Scalottas, einer Langzeitpflegeinstitution für Menschen mit Handicap, mit chronisch fortschreitenden Erkrankungen, Hirnverletzungen und neurologischen Erkrankungen. Hier unternehmen es Fachpersonen unterschiedlicher Professionen seit einigen Jahren, Formen praktischer interprofessioneller Spiritual Care zu erproben und Erfahrungen damit zu sammeln. Hintergrund ist dabei eine in den Betreuungsalltag integrierte Kultur der Palliative Care, wie sie das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit und die Gesundheitsdirektorenkonferenz als Grundeinstellung für das Gesundheitswesen überhaupt empfiehlt (BAG, GDK & palliative ch, 2016, S. 37).

Im genannten Praxisfeld ist die interprofessionelle Zusammenarbeit in der spirituellen Begleitung zusätzlich der Notwendigkeit geschuldet beziehungsweise dadurch entstanden, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses infolge ihrer Erkrankung oder ihres Handicaps nur erschwert oder gar nicht verbal kommunizieren können. Gerade die Erfahrung, dass es, wenn wir zusammenarbeiten, trotzdem gelingen kann, spirituellen Aspekten Sprache und Raum zu geben, hat uns ermutigt, diese Ansätze an Gesundheitsfachpersonen und Seelsorgende weiterzugeben: als Sammlung von ausgewählten Erfahrungsberichten, die für die Praxis interprofessioneller Spiritual Care inspirieren mögen.

In den gezeigten Praxisbeispielen fließen die unterschiedlichen professionsspezifischen Fachkompetenzen zusammen, die wiederum ganz unterschiedliche Zugänge und Gestaltungsmöglichkeiten in der spirituellen Dimension schaffen. Dadurch eröffnet sich ein großer Reichtum an Facetten und Möglichkeiten spiritueller Begleitung.

Berührt von der Tiefe, Schönheit und Kraft, welche die spirituelle Dimension dadurch entfalten kann, lassen wir in den „Fensterbeiträgen“ Fachpersonen ganz unterschiedlicher Professionen, die in der Palliative Care tätig sind, auch selbst zu Worte kommen. Wir haben sie gebeten, zu beschreiben, welche Rolle Spiritualität in ihrem professionellen Handeln spielt, und wie sie darin der spirituellen Dimension Rechnung tragen beziehungsweise wie sie diese gestalten. Dabei ist eine vielfältige und spannende Palette von Sichtweisen, Zugängen und Erfahrungsberichten entstanden, wofür wir uns bei den Verfasserinnen und Verfassern herzlich bedanken.

Es freut uns schließlich sehr, dass wir unser Handbuch mit den wunderbaren „Schrift-Bildern“ der Zürcher Künstlerin Andrea Franziska Thali illustrieren durften. Ihre Bilder fügen sich als eine weitere „Stimme“ in die Thematik des Bandes ein und eröffnen nochmal einen neuen Zugang. Wir danken der Künstlerin herzlich für das Zur-Verfügung-Stellen ihrer Bilder und für ihren Kommentar zu ihnen.

Unser Buch verstehen wir als Beitrag zur Gestaltung des zumindest im schweizerischen Kontext noch relativ gestaltungsoffenen und wenig begangenen Praxisfeldes „Interprofessionelle Spiritual Care“. Wir sind überzeugt, dass eine Vertiefung dieser Praxis in der Gesundheitsversorgung maßgeblich zu Wohlbefinden und Lebensqualität von Patientinnen und Patienten beitragen kann.

 

Renata Aebi und Pascal Mösli

Sargans und Bern, im Oktober 2019

Literatur

Bundesamt für Gesundheit, Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren & palliative ch. (2016). Allgemeine Palliative Care. Empfehlungen und Instrumente für die Umsetzung. Bern: BAG.

palliative ch. (2018). Spiritual Care in Palliative Care. Leitlinien zur interprofessionellen Praxis. Verfügbar unter https://www.palliative.ch/fileadmin/user_upload/palliative/fachwelt/C_Fachgesellschaft/Fachgruppe_seelsorge/Broschuere_Leitlinien_Spiritual_Care_in_Palliative_Care_de_RZ_low.pdf

World Health Organization. (2002). WHO Definition of Palliative Care. Zugriff am 15. Oktober unter http://www.who.int/cancer/palliative/definition/en/

Üstün, B.T. & Jakob, R. (2005). Re-defining ‚Health‘. Bulletin of the World Health Organization,83, 802–804.

Fensterbeitrag Freiwillige Begleiterin: „Tiefe Ergriffenheit“

Elisabeth Kollbrunner-Hergert

Manchmal, wenn ich mit meinen Händen im Garten die warme Erde berühre, Blumen setzend oder jätend, wird es in mir drin ganz ruhig und friedlich. Ich bin bei mir, Hektik und Druck fallen ab. Diese Ruhe erfahre ich auch in einem schönen Konzert. Ganz ähnliche Momente erlebe ich ab und zu in der Palliativstation, am Bett eines schwer kranken Menschen sitzend: Dann nämlich, wenn ich von unserem Zusammensein oder unserem Gespräch tief berührt bin und spüre, wie dem gegenseitigen Verständnis eine Kraft entspringt, die uns in eine tiefere Bedeutsamkeit führt, in eine spirituelle Dimension.

Viele Menschen finden Spiritualität im Glauben an Gott. Sie werden dadurch getröstet, und der Glaube, dass Gott in seiner Weisheit für die Menschen das Richtige tut, kann widerstandsfähiger machen, eine schwere Krankheit und auch der Tod können leichter angenommen werden. Ich glaube eher an eine große Kraft in uns Menschen und erlebe Spiritualität dort, wo zwischen Menschen ein tiefes Verständnis entsteht, ein Augenblick des gemeinsamen Spürens einer anderen Dimension, eine Begegnung.

Kürzlich sprach ein Mann – altersmäßig könnte er mein Sohn sein – von seinen Schwierigkeiten, seine schwere Krankheit anzunehmen. Er glaube nicht an einen Gott und er sehe wenig Sinn und keine Gerechtigkeit in diesen großen Schmerzen, der Schwäche und der Übelkeit. Ein bestimmtes Wort führte ihn dann in seine Kindheit zurück und er begann zu erzählen. Viel Schweres hatte er erlebt und wenig Liebe erfahren. Er redete und redete, zwischendurch entstanden Pausen, in denen wir beide schwiegen. Dann schilderte er den Verlauf seiner Krankheit und was er in den vergangenen zwei Jahren erlebt habe. Je länger er sprach, desto öfter redete er über positive Erlebnisse: Über wohltuende Pflege, aufmerksames Zuhören, und darüber, wie er ernst genommen worden sei und einen sehr guten Freund gefunden habe.

Vielleicht sei ja dies der Sinn der Krankheit, meinte er dann: Er habe sich selber viel besser kennen gelernt und Wichtiges über sich herausgefunden. Der Freund sei inzwischen erlöst worden. Erst nach einer Weile der Stille merkte ich, dass der Mann eingeschlafen war. Ich spürte eine tiefe Ergriffenheit und blieb sitzen. Später erhob ich mich leise, dennoch erwachte er, lächelte, nahm meine Hand und drückte sie fest. Zwei Tage später verstarb er. Solche Begegnungen sind ein Geschenk. Sie wirken im Alltag lange nach und bereichern mein Leben.

Zuweilen verlasse ich ein Krankenzimmer unzufrieden und fühle mich hilflos. Die Unzufriedenheit gilt meistens mir selber: Habe ich zu viel gesprochen? Nahm ich den Wunsch des Menschen, allein sein zu wollen, zu spät wahr? Kam deshalb kein wirklicher Kontakt zustande? Hilflos macht mich die Schwere der Schicksalsschläge (und die Verzweiflung darüber), die manche Menschen erleben.

Sicher ergeht es auch den Pflegefachpersonen auf der Palliativstation manchmal ähnlich. Mit Bewunderung erlebe ich, mit welch großer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit sie ihre oft schwierige Arbeit verrichten, um den schwerkranken Menschen ein würdiges Dasein zu ermöglichen, und nicht selten auch ein würdiges Sterben. Für mich ist es ein Privileg, jede Woche für einige Stunden Teil dieses Teams sein zu dürfen. An anderen Tagen verbringe ich viel Zeit mit meinen Großkindern [Enkelkindern] und im Garten und erfahre so den Kreislauf von Leben und Tod sehr intensiv.

2 Grundlagen: Verständnis von Spiritualität und Spiritual Care

Spiritualität als Dimension von Gesundheit wird seit einigen Jahren in der Palliative Care immer deutlicher wahrgenommen. Gemäß der WHO-Definition von Palliative Care ist die Begleitung von Patientinnen und Patienten hinsichtlich spiritueller Probleme und Bedürfnisse wesentlich: „Palliative Care integrates the psychological and spiritual aspects of patient care.“ (Palliative Care integriert die psychologischen und spirituellen Aspekte der Sorge um den Patienten. [Übers. d. A.]) (http://www.who.int/cancer/palliative/definition/en/). Laut der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland besteht für jeden dieser Menschen ein Anspruch auf spirituelle Begleitung (https://www.charta-zur-betreuung-sterbender.de/die-charta.html). Auch das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit hält fest: „Die Palliative Care beugt Leiden und Komplikationen vor. Sie schließt medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung mit ein.“ (BAG & GDK, 2010, S. 8). Dabei zeigt sich ein spannendes Phänomen: Obwohl es vielerorts Konsens geworden ist, dass die spirituelle Dimension zur Gesundheit dazugehört und dass spirituelle Bedürfnisse im Gesundheitswesen berücksichtigt werden sollen, besteht kein Konsens darüber, was Spiritualität ist, beziehungsweise worin spirituelle Bedürfnisse genau bestehen.

2.1 Aspekte von Spiritualität

Wir werden im Folgenden unser Verständnis von Spiritualität und spirituellen Bedürfnissen erläutern und schlagen dabei vor, drei Aspekte von Spiritualität zu unterscheiden:

Der individuelle Aspekt der Spiritualität: Damit sind einerseits die Spiritualität der Patientinnen und Patienten, das Verständnis und die Geschichte ihrer Spiritualität, ihre persönlichen Anliegen und Sehnsüchte, ihre Ressourcen und Bedürfnisse im Blick. Andererseits geht es um die Spiritualität der Gesundheitsfachperson, welche diese in die Begleitung einbringt. Der interprofessionelle Aspekt der Spiritualität: Dabei geht es um das gemeinsame Verständnis von Spiritualität im Team, was wiederum Voraussetzung dafür ist, gemeinsam, in interprofessionell abgesprochener und damit geklärter Zusammenarbeit, den Patienten in seiner Spiritualität unterstützen zu können.Der Caring-Aspekt der Spiritualität: Hier steht die Spiritualität im Zentrum, die Patientinnen und Fachleute der Gesundheit und der Seelsorge in der konkreten Caring-Begegnung erleben und die über die jeweilige individuell erfahrene und verstandene Spiritualität der Beteiligten hinausgehen und sie transformieren kann.

2.1.1 Der individuelle Aspekt von Spiritualität

Von Traugott Roser stammt die klinische Kurzdefinition von Spiritualität: „Spiritualität ist genau − und ausschließlich – das, was der Patient dafür hält.“ (Roser & Gratz, 2014, S. 61). Es gibt nicht die Spiritualität, denn Spiritualität ist ein Phänomen, das sich einer begrifflichen, allgemeingültigen Definition entzieht, weil sie als persönliche Erfahrung nicht verallgemeinerbar ist.

„Spirituality is perceived as a subjective experience that exists both within and outside traditional religious systems. It relates to the way in which people understand and live their lives in view of their sense of ultimate meaning and value.“ (Spiritualität wird als eine subjektive Erfahrung wahrgenommen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller religiöser Systeme existiert. Es geht darum, wie Menschen ihr Leben im Hinblick auf ihren Sinn für die ultimative Bedeutung und den Wert verstehen und leben. [Übers. d. A.]) (Swinton, 2012, S. 102). Man könnte dieser Beschreibung des englischen Theologen John Swinton hinzufügen: Spiritualität existiert innerhalb wie außerhalb von philosophischen und psychologischen Traditionen.

Wir verstehen Spiritualität zudem als ein Lebensphänomen, das sich auf vielfältigste Weise in der alltäglichen Lebenserfahrung und in der alltäglichen Kommunikation zeigen kann. Der Schweizer Professor für Spiritual Care, Simon Peng-Keller (2019), meint dazu: „Für Spiritual Care im Kontext von Palliative Care bedeutsam ist, dass sich die „großen“ Sinnfragen und Sinnerfahrungen mit den „kleinen“ des Alltags verflechten. Spirituelle Bedürfnisse, Nöte und Ressourcen sind nicht von anderen Lebensbereichen isolierbar. Sie weben sich ein in den Teppich des Lebens und verbinden sich mit Alltagserfahrungen aller Art. Anders herum formuliert: Alltägliche Erfahrung und Kommunikation kann transparent werden auf existenzielle und spirituelle Tiefendimensionen.“ (S. 36)

Spiritualität hat also zu tun mit den persönlichen Erfahrungen, Fragen und Bedürfnissen jedes Menschen. Diese Erfahrungen, Fragen und Bedürfnisse sind nicht statisch, sie verändern sich – besonders in Zeiten existentieller Herausforderungen. Es ist eine wiederkehrende Erfahrung, dass sich die Spiritualität von Menschen in einer Krisensituation wandelt, sich manchmal vertieft und manchmal selbst von der Krise infiziert wird und in der bisherigen Form verloren geht.

Mit dem individuellen Aspekt von Spiritualität hängt unmittelbar zusammen, dass nur die Person selbst wissen kann, was sie braucht. Spirituelle Begleitung oder Unterstützung, Spiritual Care also, muss sich radikal an der Person selbst orientieren, an ihrem Erleben und ihrer Deutung, ihren Anliegen und ihren Perspektiven. Ob Spiritual Care hilfreich und sinnvoll ist, entscheidet alleine die Bewohnerin oder der Patient selbst.

2.1.2 Der interprofessionelle Aspekt von Spiritualität

Zusammenarbeit braucht ein gemeinsames Verständnis dessen, was man gemeinsam tut. Das gilt auch für die spirituelle Begleitung. Nur: Wie kann man zu einer gemeinsamen, allgemein gültigen Definition von Spiritualität kommen, wenn diese im Kern gerade ganz persönlich von jedem Menschen geprägt ist?

Ein Weg aus diesem Dilemma wurde in sogenannten Konsenskonferenzen gefunden. In diesen Konferenzen ging man von den ganz verschiedenen, persönlich geprägten Definitionen der Teilnehmenden aus und entwickelte daraus gemeinsam eine Definition, welche diese unterschiedlichen Definitionen umfasst. Eine solche Konsensusdefinition wurde 2008 auch in der Schweiz – im Rahmen der jährlichen Palliative Care-Konferenz in Bigorio – gemeinsam von Fachleuten der Gesundheit und Seelsorge entwickelt: „Spiritualität durchdringt alle Dimensionen menschlichen Lebens. Sie betrifft die Identität des Menschen, seine Werte, alles, was seinem Leben Sinn, Hoffnung, Vertrauen und Würde verleiht. Spiritualität wird erlebt in der Beziehung zu sich selber, zu anderen und zum Transzendenten (Gott, höhere Macht, Geheimnis,…). Zur Spiritualität gehören die Fragen, die angesichts von Krankheit und Endlichkeit des Lebens aufkommen, ebenso wie die individuellen und gemeinschaftlichen Antworten, die dem erkrankten Menschen als Ressource zur Verfügung stehen.“ (Odier, Neuenschwander, Pétremand & Fuchs, 2010, S. 1)

Wir verwenden in unserem Handbuch diese Konsensusdefinition als Grundlage für das interprofessionelle Verständnis von Spiritualität. Wir verstehen eine Konsensusdefinition dabei bildlich gesprochen wie ein Netz, das hoffentlich groß genug ist, um für möglichst viele persönliche Spiritualitätsverständnisse Platz zu bieten. Damit dient sie Fachleuten der Gesundheit und Seelsorge dazu, sich über das Feld der Erfahrungen, Anliegen und Ressourcen der Patienten zu verständigen, um die es bei Spiritual Care geht.

Während wir es als eine Stärke der Bigorio-Definition ansehen, dass sie die verschiedenen Dimensionen ohne Wertung oder Gewichtung nebeneinander stellt, möchten wir noch eine zweite Grundlage für das interprofessionelle Verständnis von Spiritualität hinzufügen. Es ist das in Québec in Kanada entwickelte Modell „Repères pour l’évaluation en soins spirituels“ (Bélanger, Beauregard, Bélanger & Bergeron, 2019). Dieses Modell ist gerade deshalb spannend und aus unserer Sicht weiterführend, weil es die verschiedenen spirituellen Themen als Elemente eines dynamischen Prozesses versteht.

Das kanadische Modell wurde in den letzten Jahren von Fachpersonen der Seelsorge in einem mehrstufigen Prozess entwickelt. Ausgangspunkt für das Modell sind die verschiedenen spirituellen Themen beziehungsweise Schlüsselmarker (repères), denen Fachpersonen der Seelsorge in der Begleitung von Patientinnen und Patienten begegnen. Das kanadische Team fand sechs solcher Themen: Glaube/Praktiken, Hoffnungen, Beziehungen, Werte/Aktivitäten, Sinn und Transzendenz.

Die Themen der Bigorio-Definition tauchen also wieder auf. Sie werden nun aber in eine dynamische Beziehung zueinander gebracht. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Sinnhaftigkeit des Lebens beziehungsweise einer konkreten Lebenssituation sehr unterschiedlich erlebt wird und dass die Sinnerfahrung keine losgelöste, abstrakte Erfahrung ist, sondern sich in verschiedenen Dimensionen unseres Lebens erschließt. Davon ausgehend ordnet das kanadische Team die Sinndimension als „transversales (übergeordnetes) Element“ den vier Dimensionen von Glaube/Praktiken, Hoffnungen, Beziehungen und Werte/Aktivitäten zu: „In fact, our clinical experience has led us to consider meaning as a series of questions and reflections which generally emerge in close connection with the four key markers.“ (Tatsächlich hat uns unsere klinische Erfahrung dazu veranlasst, Sinn als einen Zusammenhang von Fragen und Überlegungen zu betrachten, die in der Regel in enger Verbindung mit den vier Schlüsselmarkern entstehen. [Übers. d. A.]) (Bélanger et al., 2019, S. 102). Schließlich verorten sie die sechste Ebene der Erfahrung der Transzendenz als zentrale Dimension, um die herum sich die anderen Dimensionen gruppieren. In der Abbildung 2-1 wird das Modell in einer grafischen Darstellung präsentiert.

Abbildung 2-1: Das kanadische Spiritualitätsmodell „Repères pour l’évaluation en soins spirituels“. (Quelle: Bélanger et al., 2020, S. 57)

Der im Zentrum liegende Kreis der „Expérience de transcendence“ (Erfahrung der Transzendenz) soll noch weiter erläutert werden. Das Begriffspaar zeigt ein Zweifaches an:

„Erfahrung“ zielt einerseits auf die sehr unterschiedlichen und ganz konkreten Erfahrungen, die Patientinnen und Patienten machen. Es geht also nicht bloß um die kognitive Ebene, sondern um alle Ebenen, in denen Menschen in Kontakt zu sich selbst und anderen kommen, um die Ebenen aller Sinneswahrnehmungen und des Spürens. „Transzendenz“ meint andererseits, dass es sich um besondere Erfahrungen handelt, in denen eine Verbindung von sich selbst zu anderen/anderem erlebt wird, Erfahrungen, in denen Menschen über sich hinaus gehen und sich in dieser Verbindung verwurzelt und lebendig fühlen.

Das kanadische Team bezieht sich auf Louis Roy (2014) und dessen Werk „L’expérience de transcendance/phénoménologie et analyse critique“. Mit Erfahrung der Transzendenz meint Roy:

„[…] une appréhension de l’infini véhiculée par un sentiment, dans une circonstance particulière. Il s’agit d’une appréhension – c’est-à-dire d’une sorte de conscience (awareness), de connaissance intuitive qui capte l’attention d’une personne ou d’un groupe parce qu’elle est véhiculée par une sorte de sentiment spécial. Le sentiment colore notre réponse à quelque chose qui apparaît immense. Lorsque nous prenons contact avec une quantité ou une qualité infinie, nous pouvons avoir l’impression que cette dimension déborde notre vie „normale“, qu’elle ne saurait être contenue artificiellement dans les limites familières et qu’elle commande donc un respect profond.“ (… eine Ahnung des Unendlichen, das durch ein Gefühl, durch einen bestimmten Umstand vermittelt wird. Es ist eine Ahnung − das heißt eine Art Bewusstsein, ein intuitives Wissen, das die Aufmerksamkeit einer Person oder Gruppe erregt, weil es durch ein besonderes Gefühl vermittelt wird. Die Stimmung färbt unsere Reaktion auf etwas, was immens erscheint. Wenn wir mit einer unendlichen Größe oder Qualität in Kontakt kommen, haben wir vielleicht den Eindruck, dass diese Dimension über unser „normales“ Leben hinausgeht, dass sie nicht künstlich in vertrauten Grenzen gehalten werden kann und dass sie daher tiefen Respekt erfordert. [Übers. d. A.]) (S. 15)

Der Schweizer Soziologe Stefan Vanistandael, der weltweit mit Kindern zum Thema der spirituellen Resilienz arbeitet und forscht, fasst diese Überlegungen in einem Satz zusammen: „Spiritualität ist die Verbindung zwischen meinem Leben mit seinen Höhen und Tiefen und dem größeren Leben um mich herum.“ (Vanistandael, 2007). Das ist keine wissenschaftliche, sondern eher eine praktische Definition, die Fachleuten hilft, existentielle Erfahrungen und Bedürfnisse von Patientinnen und Bewohnern in den Blick zu bekommen und sie in ihren Verbindungen zwischen „dem eigenen Leben“ und „dem größeren Leben“ zu unterstützen und zu stärken.

Zugleich lässt sich mit dieser Definition eine Verbindung zu den Erfahrungen und zur Weisheit vieler religiöser und philosophischer Traditionen herstellen.

Spiritualität als Erfahrung der Transzendenz bringt uns über die üblichen Beschränkungen hinaus, sie kann in jedem Lebensbereich erfahren werden, sie ist nicht etwas anderes als unsere „normalen“ Lebenserfahrungen, sondern die Tiefe, Lebendigkeit, die wir darin erleben können. Sie ist darum nicht alltäglich, weil wir im Alltag oft zerstreut sind, voller Gedanken an Vergangenes und Zukünftiges, sie ist aber mitten im Alltäglichen zu finden. Sie hat etwas zu tun mit Präsenz und Hingabe an den gegenwärtigen Moment, an die Tätigkeit, die wir gerade ausführen, an das Geschehen, das uns gerade widerfährt.

2.1.3 Der Caring-Aspekt von Spiritualität

Während es in der individuellen Dimension von Spiritualität darum geht, wie der Einzelne Spiritualität, die Tiefendimension des Lebens, für sich persönlich erlebt und versteht, bei der interprofessionellen Dimension darum, wie das Betreuungsteam mit Blick auf das professionelle Handeln gemeinsam Spiritualität versteht, so geht es bei der Caring-Dimension von Spiritualität darum, welche Erfahrungen dieser Tiefendimension des Lebens Fachleute und Patienten in der Caring-Situation, also in der Begegnung selbst, machen.

Schon wenn die Fachperson das Zimmer betritt und ein erster Augenkontakt zwischen Patientin und Fachperson zustande kommt, ist diese Dimension mit im Spiel. Die Worte, die gewechselt werden, die Stille, die geteilt wird, die Präsenz, die gemeinsam gestaltet wird − die ganze gemeinsame Interaktion ist selbst ein Faktor des Spiritual Caring, das für den Patienten heilsam sein kann.

Die Caring-Dimension von Spiritualität macht deutlich, dass Spiritualität nicht etwas ist, das man geben oder nehmen kann, sondern etwas, was man als ganze Person erfährt, eine Dimension, in die man selbst auch involviert ist. Das gilt genauso für die Patientin wie auch für die Gesundheitsfachperson.

In der Begegnung zweier Menschen in der Caring-Situation ist das größere Leben, von dem Stefan Vanistandael spricht, in Gestalt des anderen Menschen präsent. Die Begegnung selbst ist Einladung und Herausforderung, sich dem größeren Leben zu öffnen. Weil es für beide gilt, transformiert sich die spirituelle Sorge um den anderen (Spiritual Care) in ein spirituelles Erleben durch und mit dem anderem.

Um die beschriebenen drei Aspekte zu veranschaulichen und zu vertiefen, erzählen wir im Folgenden von Herrn Merz und seiner Begleitung im interprofessionellen Miteinander.

Praxisbeispiel: Herr Merz – Bewegt sein

In Bewegung – so war der athletische junge Mann mit den Tätowierungen an Hals und Armen in seinem Element. Er hat viel trainiert, Fußball gespielt – früher, vor seinem Unfall, der alles verändert hat. Nun liegt er teilgelähmt auf einer Bodenmatte in seinem Zimmer in der Langzeitpflegeinstitution. Seine Kinaesthetics-Trainerin kauert neben ihm. Mit achtsamen Handgriffen bewegt sie behutsam Arme und Beine des Bewohners, der darüber unmittelbar in Tränen ausbricht. „Hat Ihnen das so gefehlt, dass ich Sie so bewege?“, fragt ihn seine Trainerin. Es kostet Herrn Merz große Anstrengung, ein klares „Ja“ zu formulieren.

Ein Blick zurück: Als junger Familienvater erleidet Herr Merz einen Arbeitsunfall und wird infolge einer Hirnverletzung vollständig und bleibend pflegeabhängig, er kann aufgrund von Lähmungen nicht mehr gehen oder frei sitzen. Auch hat er seine verbale Sprachfähigkeit anfangs vollständig verloren. Inzwischen gelingt bisweilen die Kommunikation mit einem Ja-/Nein-Sprachcode mit Hilfe der Finger, und gelegentlich äußert er ein klares „Ja“ oder sogar einzelne Wörter. Gleichwohl strahlt Herr Merz etwas Kraftvolles aus über seine körperliche Präsenz, über die Hardrock-Rhythmen seiner Lieblingsband, die er täglich hört. Ebenso zeigt sich seine Kraft in seinem Verhalten. In der Langzeitpflegeinstitution verhält er sich bisweilen stark herausfordernd: Er beißt, verteilt Fußtritte, provoziert die Pflegenden, indem er beispielsweise gefüllte Tassen absichtlich umwirft, häufig zeigt er sich unzugänglich und abweisend. Oft reagiert er nicht auf Ansprache, öffnet kaum seine Augen, er verhält sich nicht kooperativ bei den Pflegehandlungen der Mitarbeitenden, lehnt Therapie- und Begleitangebote häufig ab.

Seine kleinen Kinder besuchen ihn nur selten, da ihr Vater ihnen fremd geworden ist und sein Verhalten sie verunsichert.

Die Bezugspflegerin von Herrn Merz hat in dem guten Jahr, seit dieser in der Institution wohnt, ein Stück weit eine Vertrauensbeziehung zu ihm aufbauen können. Sie reagiert auf seine Provokationen, indem auch sie ihn gelegentlich provoziert oder herausfordert und ihm damit auch manchmal ein Lächeln entlockt.

Auch ich als Seelsorgerin habe, in Absprache mit der Pflege, vorsichtig, tastend, Sprache suchend, einen Kontakt zum Patienten aufgebaut. Ich spüre aber, wie zerbrechlich das gewachsene Vertrauen des jungen Mannes zu mir ist; ich habe das Gefühl, mich in der Begegnung mit ihm auf dünnem Eis zu bewegen.

Vielleicht ist es gerade diese Wahrnehmung, die mich dazu bewegt, auf die Kinaesthetics-Trainerin zuzugehen, die Herrn Merz auch als Musiktherapeutin begleitet.

Ich weiß von ihr, dass sie den jungen Mann immer wieder gut ansprechen, ja, ihn richtiggehend abholen kann, indem sie mit ihm Stücke aus seiner Musiksammlung hört, entsprechende Songtexte recherchiert und sie mit ihm liest. Sie bemüht sich sogar, als nicht so geübte Gitarristin einige der Lieder begleiten zu lernen und für ihn zu singen. Dabei kommt es zu sehr präsenten und emotionalen Momenten. Doch auch sie bestätigt, dass Herr Merz zunehmend ablehnend auf ihre Besuche bei ihm reagiert und kein Interesse zeigt. Somit ist auch die Musiktherapeutin unsicher im Umgang mit ihm. Sie spiegelt mir im interprofessionellen Austausch ihre Wahrnehmung, dass sich der Bewohner mehr und mehr dem Leben verschließe.

Gleichzeitig sprechen mich mehrere weitere Therapeutinnen und Betreuer auf die Situation von Herrn Merz an und äußern ihre persönliche Betroffenheit darüber.

„Krankheit wird nicht nur in Gestalt von somatischen und psychischen Beschwerden erlebt, sondern – zumindest bei schweren Erkrankungen – auch und vor allem in Gestalt dieser das ganze Leben eines Menschen in Beschlag nehmenden und sein ganzes Erleben kontaminierenden Präsenz.“ (Fischer, 2017, S. 44). Diese Präsenz, die Fischer beschreibt, kann bei einer schweren Erkrankung oder nach einem einschneidenden Unfall das ganze Fühlen und Denken prägen, sie kann, wie es bei Herrn Merz der Fall zu sein scheint, dazu führen, dass Lebensfreude, Lebendigkeit und das Erleben von Sinnhaftigkeit verloren gehen.

Mit Blick auf die sechs Dimensionen (Glaube/Praktiken, Hoffnungen, Beziehungen, Werte/Aktivitäten, Sinn und Transzendenz) des oben beschriebenen kanadischen Modells „Repères pour l’évaluation en soins spirituels“ scheinen bei Herrn Merz drei Dimensionen besonders betroffen zu sein:

die Dimension der Beziehung zu anderen, ihm nahestehenden Menschen, weil er seine Verletzung manchmal so zum Ausdruck zu bringen scheint, dass er sich gerade von diesen aggressiv abwendet, auch von seinen Kindern, die sich nicht dagegen wehren können;die Dimension der Werte/Aktivitäten, weil er seine Lebendigkeit besonders intensiv und auch alltäglich in der Kraft der Bewegung erlebt hatte. Von dieser Quelle wurde er, und das hat seine Erfahrung wohl noch schwieriger gemacht, von einem Moment auf den anderen abgeschnitten; die Dimension der Transzendenz, weil er sich immer mehr in sich zurückzuziehen und kaum noch Erfahrungen zu machen scheint, die ihn Verbundenheit erleben lassen.

Das Behandlungsteam erkennt die Verletzung, die sich hinter den aggressiven Äußerungen von Herrn Merz verbirgt, es nimmt seine zunehmende Abkapselung wahr, die sich wie ein Teufelskreis auswirkt und sucht Wege, um ihn in seiner Situation zu unterstützen.

So fragen meine Kollegin und ich uns, ob wir es wagen könnten, gemeinsam eine Begegnung mit dem Bewohner zu gestalten, wie wir das in einer anderen Begleitsituation schon einmal gemacht hatten. Gespräche von uns beiden mit der Bezugspflegerin und Wohngruppenverantwortlichen von Herrn Merz zeigen, dass sie unsere Einschätzungen teilt und ebenfalls Begleitbedarf für Herrn Merz in den existentiellen Herausforderungen des Umgangs mit seiner Lebenssituation sieht. Ich frage sie, ob sie uns darin unterstützen würde. Sie ist gerne dazu bereit.

Wir treffen uns alle im Klangatelier der Stiftung, in dem angenehm gedämpftes Licht herrscht, Musikinstrumente und große Grünpflanzen für eine entspannte und freundliche Atmosphäre sorgen. Die Pflegefachfrau setzt sich dicht neben den Rollstuhl des jungen Mannes und sorgt für eine gute Sitzposition und Lagerung. Sie hat sich versichert, dass er einverstanden ist, uns hier zu begegnen, und hat ihn hierher begleitet.

Im Vorfeld überlegten die Musiktherapeutin und ich uns, welches Thema wir in das Gespräch mit Herrn Merz mitnehmen könnten. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie mir von jener eingangs geschilderten Szene, in der so offensichtlich wurde, wie viel körperliche Bewegung dem Bewohner bedeutet. „Da knüpfen wir an“, beschließen wir. Und so eröffnet meine Kollegin unser Gespräch, indem sie Herrn Merz nochmals von diesem Schlüsselmoment erzählt. „Das wäre doch jetzt ein schönes Thema für uns“, nehme ich den Faden auf. „Bewegung war Ihnen offenbar immer wichtig – stimmen Sie uns zu?“ Mit Hilfe seiner Bezugspflegerin kann Herr Merz nach mehreren Versuchen über das Ausstrecken eines Fingers ein „Ja“ signalisieren. Unsere Kollegin führt den Faden weiter, indem sie aufnimmt, was sie aus dem Leben von Herrn Merz weiß: „Ich glaube, Sie haben Fußball gespielt, und sind auch ein großer Fan, nicht wahr? Und Sie haben auch sonst intensiv Sport betrieben.“ Über sorgfältige Nachfrage erfahren wir von Herrn Merz, dass er mehrmals die Woche trainiert hat, joggen und schwimmen ging.

Ich nehme diesen Faden auf: „Von daher kann ich gut verstehen, dass es Ihnen viel bedeutet, wenn Sie von Ihrer Trainerin bewegt werden. Bewegung hat ja mit Körpergefühl, mit ‚sich selber spüren‘ zu tun. Mit Präsenz und Kraft. Dass Sie sich über alle Veränderungen hindurch etwas Kraftvolles bewahrt haben, habe ich Ihnen schon mehrmals gesagt. Ich habe den Eindruck, Sie zeigen sehr wohl, dass Sie kraftvoll da sind.“ Schmunzelnd, mit einem Lachen gar, können die beiden Begleiterinnen dies bestätigen. Mit einem klaren Blick und einem schiefen Lächeln geht Herr Merz einen Moment in dieser Heiterkeit mit. „Wissen Sie“, sage ich, „Bewegung und Kraft haben ja zu tun miteinander: Es braucht immer eine Kraft, die Bewegung hervorruft.“ Meine Kollegin fährt fort: „Ja, oder genauer gesagt, mit Impulsen. Während wir hier sitzen, sind Sie ja auch ständig in Bewegung, so wie Sie es oft tun: Sie strecken und beugen ständig Ihr bewegliches Bein“, sagt sie und hält den pendelnden Fuß von Herrn Merz. „Und wenn ich Ihren Fuß mit-bewege, mit Ihren Bewegungen mitgehe, gebe ich einen Impuls. Und Sie reagieren wiederum darauf. So sind wir auch auf eine Art im Dialog miteinander.“

Die Reihe ist wieder an mir. „Ich habe den Eindruck, wenn Sie sich bewegen können, sind Sie ganz bei sich selber – ja Bewegung gehört zu Ihnen“, fahre ich fort. „Und Ihre Trainerin hat heute, mit Blick auf unser Treffen, in Ihrer CD-Sammlung gestöbert und nach einem Song gesucht, den wir miteinander hören könnten.“ Herr Merz reagiert mit Aufmerksamkeit und einem erfreuten Ausdruck, wir anderen mit einem Lachen, als die Kollegin das zu unserem Thema passende „Es lebe der Sport“ einlegt und fragt, ob wir es hören wollen. Wir lassen uns von der Energie des Stücks mitreißen, spüren förmlich die Kraft der Bewegung, die Herr Merz nicht mehr aus eigener Kraft initiieren kann. Wir spüren auch alle die starke Betroffenheit darüber – der junge Mann im Rollstuhl wird einen Moment lang von heftigem Weinen übermannt. Dieser Moment ist für uns alle schwer auszuhalten. Als Herr Merz sich wieder fasst und das Stück ausklingt, fasse ich die Situation zusammen: „Ja“, sage ich, „Ihre Tränen, die Emotionen, die gekommen sind, die zeigen doch, dass Sie auch in Ihrem Inneren bewegt sind. Dass Sie als Person bewegt, in Bewegung, lebendig sind.“ Der junge Mann im Rollstuhl schaut mich bestätigend und mit direktem Blick an.

„Nun nehme ich es doch noch hervor“, sage ich, indem ich es zur Hand nehme: das große, bunte Windrad, das ich mitgebracht habe, ohne zu wissen, ob es passt. „Aber es scheint mir zu passen. Denn: Das Windrad ist ja nur in Bewegung, wenn es vom Wind, von einer Kraft von außen, angetrieben wird.“ Ich versetze es in Bewegung, und während wir den bunten Farben folgen, sage ich, meine Worte suchend, zu Herrn Merz: „Wissen Sie, ich möchte Ihnen gerne so eine Kraft wünschen und zusprechen. So eine Kraft außerhalb von uns selber, auf die auch ich hoffe in allem, was das Leben bringt. Eine starke Lebenskraft, die mich innerlich in Bewegung hält, die mich lebendig hält, die mich mich selber spüren lässt, die mich mich selber sein und bleiben lässt.“

Herr Merz ist sichtlich berührt von diesem Gedanken und wird nochmals von Emotionen und Tränen überwältigt. Indem wir alle ein Stück weit mit diesen starken Gefühlen mitgehen, wird etwas von einem Kraftstrom spürbar, der uns alle trägt und mitnimmt.

Schließlich sage ich: „Wenn ich das recht wahrgenommen habe, hat mein Satz ‚bleiben, wer man ist‘, Sie sehr bewegt.“ Darauf reagiert Herr Merz nochmals mit Tränen. „Die Tränen“, interpretiere ich, „zeigen es: Sie sind innerlich bewegt, Sie sind da – Sie sind spürbar für uns. Für mich – ja, für uns – ist das immer sehr schön, wenn Sie spürbar da sind.“

Als die Tränen schließlich versiegen, wirkt Herr Merz sehr klar und präsent, in sich ruhend, und wir haben alle den Eindruck, dass es ein guter Moment ist, um uns zu verabschieden.

2.2 Der Schmerz der Bewegungslosigkeit und der Spiritual Care-Prozess

Die eingangs erläuterten drei Aspekte der Spiritualität lassen sich aufgrund dieser Erzählung nochmals konkret und anschaulich darstellen:

Die Tiefe des Lebens, wie wir zu Beginn die spirituelle Dimension genannt haben, kann sich unter dem individuellen Aspekt bei jedem Menschen ganz anders zeigen und jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang zu dieser Dimension. Welche Verbindung ihn trägt, inspiriert oder nährt, hat mit seiner persönlichen Geschichte zu tun, mit Schlüsselmomenten, die ihm einen Zugang zu dieser Dimension geöffnet haben, mit Menschen, die ihn inspiriert haben. Bei Herrn Merz hat diese Verbindung offenbar viel mit Bewegung, mit Körperlichkeit, mit Kraft zu tun.

Er hat viel trainiert, Fußball gespielt – früher, vor seinem Unfall, der alles verändert hat. Nun liegt er teilgelähmt auf einer Bodenmatte in seinem Zimmer in der Langzeitpflegeinstitution. […] Gleichwohl strahlt Herr Merz etwas Kraftvolles aus über seine körperliche Präsenz, über die Hardrock-Rhythmen seiner Lieblingsband, die er täglich hört. Ebenso zeigt sich seine Kraft in seinem Verhalten. In der Langzeitpflegeinstitution verhält er sich bisweilen stark herausfordernd: Er beißt, verteilt Fußtritte, provoziert die Pflegenden, indem er beispielsweise gefüllte Tassen absichtlich umwirft.

In Bewegung konnte er sich spüren, war er zugleich in Verbindung mit anderen Menschen. Die Bewegung hat seinen Alltag geprägt, hat seine Identität zu einem großen Teil ausgemacht. Durch den Unfall wurde sein „mit-der Welt-verbunden-sein“ zutiefst verletzt, ja, in seiner Wahrnehmung vielleicht sogar zerstört. Aus dem Gefühl dieser Verletzung heraus konnte er wohl kaum anders, als selbst verletzend mit seiner Umwelt in Verbindung zu kommen. Wenn wirklich seine Spiritualität im Fokus sein soll, ist es wichtig, sie auch da zu erkennen und anzuerkennen, wo sie sich für seine Umgebung als schwierig und destruktiv auswirkt, in seinen Fußtritten und in seinen Störmanövern. Gerade am Umgang mit sogenannten schwierigen Verhaltensweisen zeigt sich, ob nur ganz bestimmte Bilder und Formen von Spiritualität erlaubt sind, Formen, die vielleicht mehr mit Harmonie, Frieden und Stille zu tun haben als mit Irritation, Aggression und unbändiger Kraft.

Schließlich sage ich: „Wenn ich das recht wahrgenommen habe, hat mein Satz ‚bleiben, wer man ist‘, Sie sehr bewegt.“ Darauf reagiert Herr Merz nochmals mit Tränen. „Die Tränen“, interpretiere ich, „zeigen es: Sie sind innerlich bewegt, Sie sind da − Sie sind spürbar für uns. Für mich – ja, für uns – ist das immer sehr schön, wenn Sie spürbar da sind.“

Offensichtlich hat die Aussage „bleiben, wer man ist“ Herrn Merz auch in seiner Spiritualität berührt, eine Sehnsucht von ihm geweckt: Die Sehnsucht, wieder in Kontakt zu kommen mit der Dimension, die ihn früher seine Lebendigkeit, die Verbindung mit anderen spüren ließ. Die Zuwendung der Begleiterinnen, das Bewegen seiner Füße, das Anerkennen seiner Kraft auch in einer veränderten körperlichen Verfassung, ermöglichte es ihm, in einen bewussten Kontakt mit seiner Spiritualität zu kommen. Darauf reagierte er mit starken Emotionen. Darin zeigte sich die integrierende Seite von Spiritualität, die hier durch die Emotionen ihre Wirkung entfalten kann.

Unter dem interprofessionellen Aspektist für die spirituelle Begleitung das Gespräch unter den Fachleuten grundlegend. Dafür müssen sich die Fachleute zuerst auf die Situation des Gegenübers einlassen und ein Verständnis seiner Nöte suchen, das ihm entspricht: „[…] rather to help carers to recognize the uniqueness of the illness experience of patients.“ (… vor allem den Betreuern zu helfen, die Einzigartigkeit der Krankheitserfahrung der Patienten zu erkennen). So haben es die Expertinnen und Experten im Oxford Textbook of Spirituality in Healthcare formuliert. Und weiter: „You need to come close to understand me. Coming close and understanding is the essence of healthcare spirituality and good spiritual care.“ (Du musst näherkommen, um mich zu verstehen. Nähe und Verständnis ist die Essenz der Gesundheits-Spiritualität und guter spiritueller Betreuung. [Übers. d. A.]) (Swinton, 2012, S. 103).

Wenn Spiritualität „genau“ und ausschließlich das ist, was der Patient dafür hält, wie Traugott Roser festhält (Roser et al., 2014), dann muss es in der Begleitung darum gehen, an seinem Verständnis, seiner Suche, seinen Anliegen anzuknüpfen.

Die Begleitpersonen müssen die Spiritualität der Patientin oder des Bewohners nicht unbedingt verstehen (das ist gar nicht immer möglich), aber sie sollten diese wahrnehmen und anerkennen. Die Begleiterinnen von Herrn Merz müssen Fußball oder Rockmusik weder lieben noch wirklich verstehen, aber sie sollen realisieren, wie wichtig ihm Fußball und Rockmusik sind. Manchmal ist diese Anerkennung gar nicht so einfach, wenn man beispielswiese mit Rockmusik, besonders wenn sie laut und „dreckig“ ist, nichts anfangen kann oder sie einem sogar widerstrebt. Das ist genau einer der Gründe, warum der Austausch im Team so wichtig ist, weil sich vielleicht jemand findet, der die Rockmusik selbst schätzt und der von daher eine Brücke bauen kann, dass man die Rockmusik wirklich lieben kann.

Ich weiß von ihr [der Kinaesthetics-Trainerin], dass sie den jungen Mann immer wieder gut ansprechen, ja, ihn richtiggehend abholen kann, indem sie mit ihm Stücke aus seiner Musiksammlung hört, entsprechende Songtexte recherchiert und mit ihm liest. Sie bemüht sich sogar, als nicht so geübte Gitarristin einige der Lieder begleiten zu lernen und für ihn zu singen.

Im Fokus steht also die individuelle Spiritualität von Herrn Merz und damit verbunden das Anliegen, dass er seine Verbindung erleben, stärken oder auch weiter entwickeln kann, und zwar genau in dem Maß, wie er das selbst will.

Die Pflegefachfrau setzt sich dicht neben den Rollstuhl des jungen Mannes und sorgt für eine gute Sitzposition und Lagerung. Sie hat sich versichert, dass er einverstanden ist, uns hier zu begegnen, und hat ihn hierher begleitet.