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Intimität und Sexualität: Zwei Räume, ein Herz. Marie und Jonas empfinden sexuelles Ungleichgewicht: Er klammert an Sexualität als Beweis der Liebe, sie sehnt sich nach intimer Zärtlichkeit ohne Erwartungsdruck. Wie können beide ihre Bedürfnisse befriedigen und dabei in Liebe wachsen? Paarberater Andreas Zerweck ist Architekt der Emotionen. Er hilft Paaren, geeignete Räume für geistige, emotionale und körperliche Intimität zu errichten. Denn Intimität ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen, Achtsamkeit und gegenseitigem Mut. Anhand konkreter Beispiele aus seiner langjährigen Beratungstätigkeit zeigt Andreas häufige Ursachen von Beziehungsproblemen auf: Unterschiedliche Erwartungshaltungen, totgelaufene Routinen, fehlende Geborgenheit oder permanente emotionale Verletzungen - all diese Faktoren sind nur ein Teil der alltäglichen Herausforderungen fester Beziehungen. Andreas' Übungen und Reflexionsfragen sind sowohl für klassische als auch für polyamore und offene Paarbeziehungen von unschätzbarem Wert. Sie helfen herauszufinden, was möglich ist, und stärken das Fundament einer tiefen, innigen Liebesbeziehung. Manchmal zeigt sich Liebe nicht im Feuer, sondern in der leisen Bereitschaft, sich wieder füreinander zu öffnen. Ein Buch vom Verlag edition riedenburg, Salzburg.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für alle Menschen, die mir in Liebe begegnet sind.
Und für jene, denen ich noch begegnen darf.
Vorwort
Paare und ihre Geschichten: Beispiele aus dem Leben
Kapitel 1: Wenn sich Beziehung nicht mehr nach Beziehung anfühlt
Symptome einer entfremdeten Beziehung
Die stille Sehnsucht nach Nähe
Warum wir oft zu spät merken, dass Intimität fehlt
Was wir von Lisa und Martin lernen können
Reflexionsfragen
Kapitel 2: Die drei Ebenen der Intimität
Übung „Ankommen im Wir“
Geistige Intimität: Sich im Denken begegnen
Emotionale Intimität: Die stille Kraft der Nähe
Übung „Stille Nähe“
Körperliche Intimität: Nähe, die mehr ist als Berührung
Was wir von Michael und Klara lernen können Reflexionsfragen
Kapitel 3: Intimität als Nervenzentrum einer Beziehung
Wenn das Nervensystem im Alarmzustand ist
Warum bestimmte Schutzmuster Nähe verhindern
Selbstregulation als Grundlage für Intimität
Der Ritualraum als sicherer Ort der Begegnung
Intimität im entspannten Miteinander
Was Ingrid und Wolfram geholfen hat – und was auch euch helfen kann
Reflexionsfragen
Kapitel 4: Das Intimitätsritual – Nähe gestalten in der Tiefe
Intimität gestalten: Ein Ritual
Warum ein Ritual die Intimität stärkt
Wie also entsteht Sicherheit?
Rituale bewusst gestalten
Das Ritual zur Intimität
Was Marlen und Klaus geholfen hat – und was auch euch helfen kann
Reflexionsfragen
Kapitel 5: Intimität und Sexualität – Zwei Räume, ein Herz
Körperliche Intimität als Forschungsraum
Zwei Räume gestalten
Zyklische Intimität: Nähe im Rhythmus des weiblichen Körpers
Was Marie und Jonas entdeckt haben – und was auch euch helfen kann
Einladungsfragen
Kapitel 6: Zehn Gebote für lebendige Intimität – Eine Einladung zum gelebten Wir
Kapitel 7: Wenn Intimität nachlässt – Spiegel eurer Sehnsucht
Verletzungsberge und das Schweigen dazwischen
Trauma, Trigger, Selbstverantwortung
Das Spannungsfeld von Sicherheit und Abenteuer
Wenn deine Lösung mein Problem ist
Wenn der Raum für Nähe fehlt
Die häufigsten Irrtümer über Nähe
Nähe beginnt mit Sprache
Was hilft: Rückverbindung durch kleine Schritte
Was Petra und Markus wieder verbunden hat – und was auch euch helfen kann
Reflexionsfragen
Kapitel 8: Mich selbst spüren – Intimität beginnt in mir
Intimität entsteht dort, wo ich mich mir selbst zuwende
Krisen und der Anker in mir
Phasen der Distanzierung
Reflexionsfragen
Kapitel 9: Intimität in offenen und vielfältigen Beziehungen
Intimität ohne Exklusivität: Eine Frage der bewussten Wahl
Achtsamkeit, Sprache und Berührung im beziehungsvielfältigen Kontext
Nähe in komplexen Beziehungssystemen
Intimität in Vielfalt
Was Ella und Tom geholfen hat – und was auch euch Orientierung geben kann
Reflexionsfragen
Kapitel 10: Intimität als immer neue Entscheidung
„Intimität ist das, was trägt, wenn alles andere ins Wanken gerät.“
Intimität ist nicht dasselbe wie Nähe. Sie entsteht auch nicht automatisch in langen Beziehungen. Und sie hat nur wenig mit Romantik zu tun. Intimität ist das, was geschieht, wenn zwei Menschen bereit sind, sich wirklich zu zeigen – in ihrer Verletzlichkeit, in ihrem Begehren, in ihrer Wahrheit.
Ich begleite Paare auf diesem Weg. Und ich weiß: Intimität beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern im Alltag. Sie beginnt im Zuhören. Im Aushalten. Im neugierigen Fragen. Und im Mut, auch dann dazubleiben, wenn es unbequem wird.
Dieses Buch ist aus Jahren der Paarberatung entstanden. Und aus meinem eigenen Forschen: nicht nur als Paarberater und Konfliktmoderator, sondern auch als Tänzer. Ich tanze die freien Tänze wie 5 Rhythmen, Contact Improvisation und Tango. Und ich habe tiefe Erfahrungen im tantrischen Raum gesammelt. All diese Wege haben mir gezeigt: Intimität braucht Präsenz, nicht Absicht. Mut, nicht Technik. Und vor allem braucht Intimität einen geschützten Raum, in dem sich zwei Menschen wirklich begegnen können – jenseits von Funktion, Erwartung und Ziel.
Gerade im Tanz – also dort, wo Körper miteinander kommunizieren und Worte hinfällig sind – habe ich erlebt, wie intime Nähe entsteht, ohne sexualisiert zu werden. Wie tief und berührend Verbundenheit sein kann, wenn niemand etwas will, sondern einfach nur da ist. Diese intensive Erfahrung prägt seit langer Zeit meine Arbeit. Und nun auch dieses Buch.
Du findest hier keine Ideale, sondern Impulse. Keine Norm, sondern Orientierung. Dieses Buch schickt Dich auf eine Reise in Deine eigene Intimität, nämlich zu Dir selbst. Du darfst Dich, mit Deinem Gegenüber, neu finden. Immer wieder.
Ich glaube daran, dass unsere Beziehungen der fruchtbarste Boden für persönliche individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen sind. Wenn wir lernen, uns wahrhaftig, authentisch und respektvoll zu begegnen, entsteht etwas, das weit über uns hinauswirkt.
Mit Liebewachsen habe ich eine Praxis aufgebaut, die Paare darin begleitet, ihre Beziehung bewusst und aktiv zu gestalten. Dieses Buch ist Teil dieser Bewegung – für mehr Tiefe, mehr Nähe, mehr Wir.
Ich wünsche Dir berührende, ehrliche und lebendige Momente beim Lesen. Und noch mehr davon im echten Leben.
Andreas, Paarberater und Gründer von Liebewachsen
LISA UND MARTIN
Nach außen stabil, aber innerlich entfremdet:
Sie funktionieren im Alltag, doch Intimität und
Leidenschaft sind verschwunden. (Seite →)
KLARA UND MICHAEL
Sprachlosigkeit und Vorwürfe: Sie haben den
Glauben an Intimität verloren und verharren
in Kritik und Rückzug. (Seite →)
INGRID UND WOLFRAM
Dauer-Alarmzustand: Viele kleine Verletzungen
haben Nähe unmöglich gemacht, es bleiben
nur Streit und Schweigen. (Seite →)
MARLEN UND KLAUS
Überfordert vom Elternsein: Sie lieben
sich, finden aber ohne Ritual keinen Raum
mehr für Zweisamkeit. (Seite →)
MARIE UND JONAS
Sexuelles Ungleichgewicht: Er klammert an
Sexualität als Beweis der Liebe, sie sehnt sich nach
Zärtlichkeit ohne Erwartungsdruck. (Seite →)
PETRA UND MARKUS
Nach 25 Jahren routiniert, aber leer:
Verlässlichkeit ist da, doch echte Nähe und
emotionale Tiefe fehlen. (Seite →)
MIRIAM UND PHILIPP
Er redet und kritisiert unaufhörlich, während
er in Wahrheit nach Geborgenheit sucht
und sich „verloren“ fühlt. (Seite →)
ANNE-KATHRIN
Als Single erkennt sie in der Selbstreflexion, dass
Intimität nicht erst im Außen entsteht, sondern in der
lebendigen Verbindung zu sich selbst. (Seite →)
ELLA UND TOM
Offenheit in der Krise: Sie lebt eine zweite Beziehung,
beide suchen nach Wegen, Intimität in einem
offenen System bewusst zu gestalten. (Seite →)
„Und manchmal beginnt Nähe dort, wo wir den Mut finden, unsere Leere nicht länger zu verstecken.“
Lisa und Martin waren ein Paar, das über eine Empfehlung zu mir kam. Beide gut ausgebildet, beide attraktiv, zwei heranwachsende Kinder und ein Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hatten. Lisa arbeitete in Teilzeit als Lehrerin, Martin war Ingenieur in der Automobilbranche. Sie hatten sich nach dem Studium zufällig in einem Fitnessstudio kennengelernt, beide waren damals gerade aus anderen Städten zurückgekehrt und begannen, sich ein neues Leben aufzubauen.
Heute, viele Jahre später, sind die Kinder acht und zehn, der Alltag läuft rund. Natürlich gibt es mal Reibung, ein Konflikt hier und da, aber im Großen und Ganzen führen sie ein zufriedenes Leben. Keine finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen, klare Rollenverteilung. Martin ist ein präsenter Vater, Lisa pflegt neben der Familie aktiv ihre sozialen Kontakte.
Ich war neugierig, was sie in die Paarberatung brachte, denn auf den ersten Blick wirkten sie gelassen, zugewandt und auf Augenhöhe. Sie sahen einander an, unterbrachen sich nicht, hörten zu, selbst bei schwierigen Themen. Ihre Kommunikation war ruhig und respektvoll. Erst nach einer Weile, als Vertrauen im Raum gewachsen war, sagte Lisa schließlich: „Wir leben wie Geschwister. Es läuft alles gut. Der Alltag funktioniert, die Kinder sind zufrieden, unser Zuhause ist schön. Aber ich spüre unsere Beziehung nicht mehr. Wir könnten genauso gut eine Wohngemeinschaft sein.“
Lisa sagte das ruhig. Ohne Vorwurf sah sie Martin an, wohl in der Hoffnung auf eine Reaktion. Martin schüttelte den Kopf und antwortete leise: „Ich weiß gar nicht, was wir falsch machen. Unsere Beziehung sieht von außen so gut aus und fühlt sich innen doch so leer an.“ Dann fiel Lisa ihm ins Wort: „Die Leidenschaft ist weg.“
Lisa sah mich mit großen Augen an, als wollte sie sagen: Die Sexualität ist weg. Aber das war gar nicht der Punkt. Lisa und Martin konnten einfach ihre Beziehung nicht mehr spüren.
Die beiden sind kein Einzelfall. Viele Paare, die zu mir in die Beratung kommen, beschreiben ähnliche Entwicklungen. Was passiert in diesen Beziehungen? Was unterscheidet eine nach außen hin stabile, gut funktionierende Partnerschaft von einer lebendigen, intimen Beziehung?
Wir wissen heute, dass Paare zu Beginn ihrer Beziehung meist unbewusst einen inneren „Beziehungsvertrag“ schließen: Durch ihr Verhalten, ihre Worte, ihr Schweigen und das, was sie tun und lassen, stimmen sie einer Form des Miteinanders zu. Sie entwickeln außerdem gewisse Regeln: Wer zahlt im Restaurant? Wie wird gestritten? Wie steht man zur Herkunftsfamilie, zu Kindern, zu Freundschaften, zur Arbeitsteilung?
Manche dieser Regeln sind beiderseits willkommen, andere werden stillschweigend hingenommen – und zwar in der leisen Hoffnung, sie würden sich irgendwann verändern. Alles, worauf sich beide einlassen, wird letztlich Teil dieses stillen Vertrags, der besagt: „In dieser Beziehung machen wir das so.“
Lisa und Martin haben diesen Beziehungsvertrag unbewusst in der Kennenlernphase ihrer frühen Dreißiger geschlossen. Beruhend auf ihren Werten, Lebensumständen und Prägungen. Diese wiederum sind aus ihrem Wesen, ihrer Art, ihrem Charakter wie auch aus ihrem sozialen Umfeld entstanden. Sogar aus der Beziehungserfahrung ihrer Eltern. Und aus der Art, wie Lisa und Martin als Kinder ihre Eltern wahrgenommen haben.
Die erste Beziehung, die wir erleben, ist meist die zwischen Mutter und Vater. Sie speichert sich tief in unserem System ab: durch feine Signale, Rollenvorbilder, emotionale Verfügbarkeit oder Abwesenheit. Das Basismuster „So geht Beziehung“ lernen wir also durch unsere Eltern. Und so tragen auch Lisa und Martin je ein eigenes Beziehungsmuster mit in die Ehe.
Kurz nach der Hochzeit wird Lisa schwanger. Martin beginnt einen neuen Job. Sie renovieren das Haus und richten zwei Kinderzimmer ein. Ihre Lebenssituation verändert sich grundlegend, und mit ihr auch die bisherigen Rollen: Lisa wird Mutter, Martin wird Hauptverdiener. Beide versuchen, sich liebevoll in ihren neuen Aufgaben zurechtzufinden. Doch eines bleibt unangetastet: der Beziehungsvertrag. Obwohl sich Lisas und Martins Lebensrealität inzwischen grundlegend verändert hat, bleibt das, worauf sie sich einst geeinigt hatten, also unverändert bestehen.
Mit der Zeit entsteht dadurch eine Schieflage: Die neuen Herausforderungen wie Kind, Job und Haus erfordern viel Aufmerksamkeit, Kraft und Anpassung. Doch die Beziehung als solche und in ihr der Beziehungsvertrag bekommen keinen neuen Platz. Irgendwann passen deshalb die ursprünglich unausgesprochene Abmachung und die neue, veränderte Realität nicht mehr zusammen. Missverständnisse, Unsicherheiten, Überforderung und Erschöpfung schleichen sich ein. Der Vertrag wird brüchig. Vorläufig unbemerkt.
Was folgt, ist oft subtil: Die Bedürfnisse der Partner haben sich geändert, die Verhaltensweisen jedoch nicht. Das führt zu Konflikten und letztlich immer bittereren Enttäuschungen nach dem Motto „Das muss er doch wissen!“ oder „Das muss sie doch merken!“. Aber nein, die Partner wissen wechselseitig absolut nicht, wie sich die neuen Rollen für den jeweils anderen anfühlen. Und schon gar nicht, wie sich die daraus entstandenen Bedürfnisse anfühlen.
Die häufiger werdenden Konflikte führen zu Diskussion, abermaligen Missverständnissen und noch herberen Enttäuschungen. Es kommt zu Streit. Dieser ist im Alltag jedoch nicht willkommen, also werden bestimmte Themen zu Tabus. Gespräche, die früher offen möglich waren, führen nun zu Rückzug. Um Konflikte zu vermeiden, schweigt man lieber, was wiederum Distanz erzeugt.
Und jetzt passiert etwas, das von entscheidender Bedeutung ist: Die Kommunikation wird flacher und die Nähe bricht ein. Nähe und Verbundenheit, die früher erlebt wurden, entleeren sich. Irgendwann fühlt es sich so an, als lebe man nur noch nebeneinander vorbei. Der Tagesrhythmus im Außen klappt zwar überraschend gut, im Innen wird die Beziehung jedoch kühl und leidenschaftslos.
In dieser Phase suchen viele Paare Hilfe. Ich höre dann häufig Sätze wie: „Die Beziehung an sich funktioniert, aber wir fühlen uns nicht mehr verbunden.“ Oft sind es nicht die großen Dramen, die zur Entfremdung geführt haben, sondern die vielen kleinen, unausgesprochenen Enttäuschungen, die sich still summieren. Wenn Nähe und Verbundenheit fehlen, entstehen in einer Beziehung Lücken, Konflikte und Diskussionen. Das nicht erfüllte Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit wiederum führt zu Sehnsucht. Manchmal manifestiert sich diese Sehnsucht in Affären oder Seitensprüngen. Nicht deshalb, weil der fremde Mann oder die fremde Frau „perfekt“ sind, sondern weil dort Interesse und Zugewandtheit gespürt werden. Selten geht es nur um Sex. Viel öfter geht es um das Gefühl, endlich wieder wahrgenommen zu werden: Da ist jemand, der mich sieht und hört, der mich versteht und will. Das habe ich schon so lange nicht mehr gespürt!
