Irgendwann war gestern! - Rita Dobrostein - E-Book

Irgendwann war gestern! E-Book

Rita Dobrostein

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Beschreibung

Kennst du das Gefühl fremdgesteuert zu sein und den Dingen die dir wichtig sind zu wenig Platz im Leben zu geben? Rita hat nie gewagt für sich einzustehen und ist lieber mit dem Strom geschwommen. Ohne es zu merken lebte sie scheinbar glücklich ein perfekt angepasstes Leben, welches sie unzufrieden machte. Nachdem sie und ihre Familie den Entschluss gefasst haben das Experiment Vanlife zu wagen, kam ihnen ein Hindernis nach dem anderen in den Weg. Selbst als ihr Umfeld sie für verrückt erklärt hat und sogar ihre Eltern sich gegen sie stellten, haben sie ihr ganzes Hab und Gut aufgelöst und sind einfach los. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht was sie tatsächlich erwartet. Rita verrät dir in ihrem Buch wie sie es geschafft hat sich trotz ihrer Ängste nie wieder abhalten zu lassen und wie du es auch schaffst endlich mit Vollgas durchs Leben zu fahren. Ob mit oder ohne Van!

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Rita Dobrostein wurde 1990 im kalten Sibirien geboren. Seit ihrem vierten Lebensjahr wuchs sie in Deutschland auf und folgte viele Jahre einem klassischen Lebensentwurf mit Ausbildung, Ehe und Kindern.

Nachdem die Unzufriedenheit sich immer deutlicher bemerkbar machte, ging die damals unsichere Rita dem auf den Grund und warf dabei für ein Jahr ihr nettes Leben über den Haufen. Gemeinsam mit ihrer Familie startete sie das Projekt:“ Bluebox on tour.“

14 Länder und 26000km später kam sie mit diesem Buch und der Entscheidung, nichts mehr auf irgendwann zu verschieben, zurück. Nicht nur mit ihren veröffentlichten Filmaufnahmen motiviert und begeistert die Videografin Menschen, sondern auch mit ihrer Entschlossenheit, weiter unaufhaltsam ihre Träume zu leben.

Für Marc und Jessi,

die nie vergessen sollen

wie besonders wertvoll sie sind.

INHALT

Bevor du liest

TEIL EINS

Es gibt kein Zurück mehr

Ich will nie so sein wie meine Eltern

Das perfekte Leben

Das echte Leben

Die neue Rita

Jetzt oder Nie

Herausforderung angenommen

Endspurt

Die Welt ist böse

TEIL ZWEI

Bluebox on tour

Lektion 1

„Lass los, was du nicht kontrollieren kannst“

Lektion 2

„Samen tragen irgendwann Früchte, doch nicht alle sind süß“

Lektion 3

„Mit offenen Augen sieht man besser“

Lektion 4

„Lorbeeren sind für alle da“

Lektion 5

„Ein Schritt zurück hilft nach vorne“

Lektion 6

„Wer bist du, wenn du niemand sein musst“

Lektion 7

„Nimm deine Kinder mit, wenn du dich entwickelst“

Zwischen Ende und Anfang

Bonus

Und zum Schluss

BEVOR DU LIEST

Wie ist das Leben so? Joaah..Läuft!

Egal wie sehr uns das Leben stinkt, es ist doch irgendwie gemütlich stimmt´s? Statt mal Klarschiff zu machen, überdecken wir einfach den unangenehmen Duft mit ein bisschen mehr Parfüm. Wir reden uns die Situationen die uns nerven schön. Schließlich machen das alle anderen auch. Irgendwie geht das schon. Muss ja!

Vielleicht spürst du aber auch diese tiefe Unzufriedenheit. Dich überkommt zwischen den schönen Momenten das Gefühl auf der Stelle zu treten. „Ich sollte doch glücklich sein, mein Leben ist genauso wie ich es immer wollte“, kennst du diese Gedanken?

Mich haben sie lange beschäftigt, bis ich mich schließlich auf die Suche nach Antworten gemacht habe. Ein Leben das dahinläuft wollte ich nicht mehr akzeptieren. Mit der Entscheidung für diese Reise, habe ich einen für mich ganz großen Schritt gewagt. Wenn man sich als Familie dazu entscheidet, das gesamte bisherige Leben aufzugeben und in ein knapp 12 Quadratmeter großes Fahrzeug zu ziehen um zu reisen, muss das schon was heißen. Viele träumen von einer Weltreise und warten geduldig bis zur Rente. Wir wollten was anderes versuchen. So einfach wie das hier klingt, war es natürlich nicht.

Mittels ehrlicher Geschichten erzähle ich dir, wie ich mich aus meinem festgefahrenen Leben befreit habe und welche Folgen das für mich hat.

Gemeinsam stellen wir uns unter anderem den Fragen:

Warum bin ich nicht glücklich? - Ich habe doch alles?

Wie mache ich endlich, was ich wirklich will?

Wie schaffe ich es, mich nicht mehr aufhalten zu lassen?

Außerdem lade ich dich ein, in einige unserer Reiseabenteuer einzutauchen. Ich erzähle dir von emotionalen, heiklen, aber auch überraschenden Erlebnissen auf unserer Tour und was diese mit uns gemacht haben. Sieben dieser mitgebrachten Lektionen, teile ich mit dir im zweiten Teil dieses Buches.

Nimm dir eine Tasse Tee und mach es dir gemütlich. Du hältst hier nicht nur ein Buch mit netten Reisegeschichten in der Hand, sondern auch mit Gedanken die dein Leben verändern.

KAPITEL 1

_____________________

Es gibt kein Zurück mehr

Alles weg!

"Kleidung, Küche, Büro.., und vergiss den Drehstuhl nicht.", rufe ich Andi zu, während er schon drei andere Kisten mit irgendwelchem Kram aus der Wohnung trägt. Ich packe die restlichen Kleider der Mädels in den letzten Karton. Es ist still in der Wohnung. So still, dass es fast schon unheimlich ist. Als wäre das ganze Leben mit in die Kisten gepackt worden. Alles Lachen; alles Weinen ist mit uns gegangen und übrig bleibt eine leere Hülle, die wir einst Zuhause genannt haben. "Wooomp" das dumpfe Geräusch des anhaltenden Aufzuges holt mich schlagartig aus meiner Gedankenwelt zurück. Wie ein aufgescheuchtes Huhn schaue ich auf die noch übrig gebliebene Wohnzimmeruhr. Durch die vorhanglosen Fenster scheint sehr klar der Mond, der sich auf dem Glas der Uhr spiegelt. „Bist du fertig?“, höre ich Andi sagen, während er beim Türe öffnen um Luft ringt. „Diese tausend Treppen machen mich noch wahnsinnig.“

„Nur noch die letzte Kiste und dann fehlen noch die zwei Matratzen.“ Ich versuche ihn zu beruhigen und schiebe ihm die letzte Kiste zu, die ich bereits mit Klebeband umwickelt und mit Großbuchstaben beschriftet habe.

K-I-N-D-E-R-K-L-E-I-D-U-N-G

Hätte mir jemand vor ein paar Jahren erzählt, dass wir unser Zuhause verkaufen, ich meine Arbeit kündige, die Kinder vom Kindergarten abmelde und wir uns von fast unserem gesamten Hab und Gut trennen werden, um auf eine große Reise mit einem selbstumgebauten Camper zu gehen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Doch jetzt ist es soweit und wir haben all das gemacht. Als hätte ich eine viel zu enge Jacke an und mit jeder Kiste, die auf dem Sperrmüll landet öffnet sich einer dieser erdrückenden Knöpfe und ich fühle diese lang ersehnte Erleichterung, die durch meinen ganzen Körper strömt.

No Risk

"Ticktack, Ticktack" über unseren Köpfen. Erschöpft sitzen wir nun auf unseren letzten, gestapelten Matratzen und starren auf die erleuchtete Stadt.

Der Ausblick aus der vierten Etage ist etwas, das wir sehr an dieser Wohnung geliebt haben. „Weißt du noch wie chaotisch es war als wir hier eingezogen sind?“, sage ich.

Wir hatten damals gerade erfahren, dass wir Zwillinge erwarten und waren sofort der Meinung, dass unsere Zweizimmerwohnung zu eng für zwei Kinder ist.

Die letzten vier Jahre spielen sich vor meinem inneren Auge ab. Obwohl sich die neue, große Wohnung in einem katastrophalen Zustand befand, war ich überglücklich als wir sie gekauft haben.

Wie in einem Filmtrailer sehe ich plötzlich viele Momente unseres gemeinsamen Lebens hier in dieser Wohnung. Wie wir ohne Küche und zwei Frühchen eingezogen sind. Wie im ganzen Wohnzimmer noch Kabel aus der Steckdose hingen. Wie wir nächtelang mit tiefen Augenringen und schreienden Babys den langen Flur auf und ab gelaufen sind. Ich sehe ihre ersten Schritte und den senffarbenen Brei verteilt über dem neuen Vinylboden. Ich sehe uns und wie wir tatsächlich dachten, dass wir hier unser gemeinsames Familienglück aufbauen werden. Und mit jedem dieser Gedanken höre ich jetzt mein Herz schneller und lauter schlagen. Als säße es in meinem Kopf und würde gegen den Schädel hämmern.

„Scheiße Andi, machen wir das Richtige? Das ist doch verrückt!“ Ich drehe mich zu ihm und jage uns aus diesen eingefrorenen Erinnerungen. Er zuckt zusammen und erkennt sofort die leichte Panik in meinen Augen. „Rita beruhig dich, alles wird gut. Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen“, sagt er, nimmt mich in den Arm und küsst mich auf die Stirn. Ich weiß nicht wie aber Andi schafft es immer wieder mich zu beruhigen und mir das Gefühl zu geben, dass alles in Ordnung ist. „Aber was, wenn alle Recht haben, was wenn es ein großer Fehler ist alles weg zu geben, unser gutes Leben wegzuwerfen. Wenn wir es nicht schaffen, versagen, nichts mehr haben, wenn wir unglücklich sein werden“ sage ich, ohne Luft zu holen.

„Das werden wir nicht! Rita und selbst wenn, ist doch nicht so schlimm, oder? Wir haben es wenigstens versucht“, antwortet er.

Und wieder verstummt das Gespräch. Ich habe Angst.

No Fun

Die Wohnung ist leer, das Schloss ein letztes Mal umgedreht und unser gesamtes Leben auf 9m2 Kellerraum verteilt. Während Andi das Auto auf den Parkplatz hinter das Haus fährt und ich so im Dunkeln vor der Hauseingangstüre warte, beleuchtet von einer schwachen Lampe, schwirren mir wieder diese Stimmen durch den Kopf. Diesmal reden sie nicht nur auf mich ein. Sie schreien mich an.

„Das schafft ihr nicht!“

„Habt ihr euch da nicht zu viel vorgenommen?“

„Wo geht ihr hin, wenn ihr später kein Zuhause habt?“

„Warum denkt ihr nicht an eure Kinder?“

„Wie kann man alles aufgeben; Ihr seid so undankbar!“

Eine unglaubliche Wut steigt in mir hoch, wie ein brennender Schnaps läuft mir das heiße Blut durch den Körper. Mein Gesicht färbt sich genauso rot wie der bereits verflogene Lippenstift, den ich heute Morgen aufgetragen habe. Aus meinen Augen drücken sich mit aller Gewalt dicke Tränen heraus.

„Haltet doch alle die Klappe!“, schreit es in mir drinnen und nun rennen die Tränen um die Wette. Es fühlt sich so befreiend an, diese Wut und Enttäuschung, die sich über die lange Zeit in mir aufgestaut hat, endlich los zu lassen. Die Anstrengung der letzten Monate bricht aus mir heraus und das Gefühl des ewigen Kampfes, der Erklärungen, der Rechtfertigungen. „Wir machen es trotzdem“, sagt diese Stimme in mir wieder.

Weit hinten erblicke ich Andi. Während er immer näher kommt, wische ich mir hastig die Tränen weg. Ich möchte nicht, dass er mich so sieht und weiß doch, er wird es sofort bemerken.

„Ritaaaa, was ist los?“, fragt er und schaut mir besorgt in die Augen. „Ach nichts. Weißt du was? Mir ist es mittlerweile sowas von scheiß egal, was andere über uns denken!“, sage ich zu ihm, wie schon oft zuvor. Doch der Unterschied ist, dass ich es jetzt das erste Mal in meinem Leben auch wirklich fühle.

Vielleicht fragst du dich, warum wir das alles gemacht haben?

Mich würde das nicht wundern, denn in unserem Leben davor wäre die Vorstellung von solch einem Leben der absolute Albtraum gewesen. Kein regelmäßiges Einkommen, keinen strukturierten Jahresplan, kaum Ersparnisse, kein Dach über dem Kopf und um Gottes Willen, die armen Kinder.

Manche würden schon an Orientierungslosigkeit und sozialen Abstieg denken. Doch ich versichere dir, es gab für uns eine Menge Gründe, welche ich dir Stück für Stück im Laufe dieses Buches erzählen werde.

Wir hatten vor der Reise ein erfülltes Leben. Das meine ich wörtlich. Ehepartner, zwei Kinder, feste Jobs, zwei Eigentumswohnungen, zwei Autos, Freunde, Hobbies. Doch schauen wir uns dieses erfüllte Leben mal genauer an.

Die Kredite für die Wohnungen wollen abbezahlt und die Autos gewartet werden. Alle Beziehungen wollen gepflegt und die Hobbies ausgelebt werden und in der Arbeit erwartet man von dir grundsätzlich den vollsten Einsatz. Und da sind noch die Deko und das Handy, vergiss das Handy nicht. Die Liste könnte ich ins Unendliche weiter führen. Kurz, wir hatten ein überfülltes Leben. Es gab eine Zeit da dachte ich, ich bräuchte einen Melonenschneider oder noch eine dieser gut duftenden Kerzen, die ich zu den anderen zwanzig Stück in die Kiste in der Abstellkammer legen kann.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein Einkaufstag beim schwedischen Möbelhaus zu einer Art Event für mich wurde. Ich freute mich wie ein Kind an Weihnachten auf diesen Ausflug und bereitete mich tagelang vor. Online stöberte ich nach Dingen, mit denen ich noch unbedingt unsere neue Wohnung füllen musste. Dort angekommen, verfiel ich in einen Kaufrausch und mit jedem Teil das im Wagen landete überkam mich ein starkes Glücksgefühl.

Auf den letzten Matratzen

„YAY! ich habe alles was ich gesucht hatte“. Zuhause angekommen, alle Einkäufe im Flur ausgebreitet, erschlug mich dieser Anblick. „Wohin jetzt mit dem ganzen Zeug?“

Unser Besuch betonte immer, wie schön harmonisch und überschaubar es bei uns Zuhause sei. Ich musste schmunzeln, denn ich wusste ganz genau was sich alles hinter den Schranktüren und Schubladen befand oder besser gesagt, ich wusste es irgendwann nicht mehr. Jedes neue Schnäppchen gab mir für einen kurzen Moment ein Glücksgefühl. Es half mir, mich von dem eigentlichen Frust über mein festgefahrenes Leben abzulenken.

Doch je voller meine Schränke wurden, umso leerer fühlte ich mich. Du solltest wissen, dass du immer mehr zahlst als auf dem Preisschild steht. Du zahlst mit deiner Zeit. Statt den ganzen Tag dafür zu verschwenden, mich mit noch mehr Sachen zu umhüllen, hätte ich die Zeit lieber mit Freunden im Café verbracht. Statt im Onlineshop den Warenkorb zu füllen, hätte ich wohl besser mit meinem Mann gemeinsam einen schönen Filmabend veranstaltet.

Aber auch nach dem Kauf fressen die Dinge deine Zeit, denn sie müssen gepflegt, verstaut und einige vielleicht sogar versichert werden. Erkennst du die tückische Falle?

Die neue Tagesdecke passt farblich nicht so gut zu meinen alten Kissen und wenn ich schon dabei bin, die Gardine könnte auch mal ausgetauscht werden. Wohin dann mit der alten? Soll ich sie meiner Mutter geben? Für den Müll ist sie noch zu Schade und dann brauche ich auf jeden Fall eine neue? Welche Farbe ist den aktuell modern? Fuchsia! Ach Mist, die neue Tagesdecke passt dann aber auch nicht mehr ins Konzept. Du machst dir immer wieder Gedanken um den Krempel. Das teure Sportgerät, das nun im Keller den Platz weg nimmt. Die neue Jacke, die du nach dem Kauf doch irgendwie blöd findest und die dich immer wieder daran erinnert, wie schlecht der Kauf war.

Ich bin mir sicher, auch dir fallen beim Lesen sofort ein paar Dinge ein.

Das schlechte Gewissen kommt hoch und natürlich könntest du die Dinge spenden, verschenken oder verkaufen aber auch dafür müsstest du wieder Mühe und deine Zeit investieren. Also bleibt die Jacke doch einfach hängen, das Gerät stehen und du rennst wieder in den nächsten Laden, um ein paar neue Schuhe zu kaufen. Wir merken oft gar nicht, wie wir so immer mehr zu Sklaven unserer Einkäufe werden. Unsere Gedanken sind so voll mit den alten Sachen und werden noch voller mit den Sorgen über die neuen Dinge, die wir noch unbedingt haben müssen. Gefühlt waren die ganzen Gegenstände nicht in meinem Besitz, sondern irgendwann ich in ihrem. Ich fühlte mich erdrückt und hatte das starke Verlangen diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Wie haben wir es geschafft, uns von all dem zu trennen?

Der einfachste und wichtigste Grundsatz für uns war, dass wir alles loslassen, was uns nicht glücklich macht! Und da ist es das Wort, welches ganz vielen Menschen so viel Angst bereitet. Loslassen. Da versuchen wir doch über Jahre uns das ideale Leben aufzubauen. Wir bauen Freundschaften und Beziehungen auf, eine Karriere, ein Image gefüllt von Statussymbolen, für die wir Kredite aufnehmen. Und obwohl wir von allem zu viel haben, glauben wir trotzdem, es ist nicht genug. Wir versuchen uns zu definieren und glauben, dass wir alle diese Dinge brauchen um nach außen hin mehr zu sein. Um besser zu sein, als der, der wir sind, weil wir uns irgendwann in dem hektischen Leben verloren haben.

Wie glücklich macht dich eine Wohnung, die du, wenn überhaupt erst in 40 Jahren dein Eigen nennen kannst? Was für ein Spaß bringt dir ein schicker Wagen, wenn du dir Sorgen machst um die nächste Jahresrechnung der dazu passenden Vollkasko-Versicherung? Wieviel Freude hast du, wenn du ständig auf etwas, das dir wichtig ist, verzichten musst, um mithalten zu können?

Damals konnte unser Umfeld nicht verstehen, wieso wir bereit waren alles aufzugeben. „Was habt ihr denn, ihr habt doch alles?!“ Diejenigen, die demselben Lebensentwurf nacheiferten, warfen uns vor, wir wären undankbar und würden einfach alles wegwerfen. Als wir alles wonach wir strebten erreicht hatten, waren wir enttäuscht.

„Das war es jetzt?“, fragte ich mich. Es war ein Fake, eine falsche Illusion von Glück der wir mit viel Mühe gefolgt sind. Uns wurde klar, dass der Preis, den wir dafür zahlen und die Last, die wir tragen mussten, um dieses Leben aufrechtzuerhalten, größer war, als die Freude. Alles, was wir aufgebaut haben, erschien dadurch völlig wertlos. Wir wussten, es gab nur einen Weg raus aus dieser Illusion. Wir mussten loslassen. Zuerst Schuhe, Stifte, Bücher, Barbies, Jacken, Schrauben, Fotos, Briefe. Wir mussten unser Leben und unsere Ziele hinterfragen, um zu erkennen, wer wir sind und was wir eigentlich wollen. Damals wussten wir noch nicht, welche gravierenden Veränderungen auf uns zukommen würden. Doch dazu erzähle ich dir in einem anderen Kapitel mehr. Wir waren sicher, dass uns niemand davon abhalten konnte, unseren Plan umzusetzen und wir sollten vor Freude Luftsprünge machen. Doch ich wurde geplagt von Zweifeln.

Du kennst sicherlich diese Situation, wenn du fest entschlossen bist etwas zu tun, worüber du schon sehr lange und oft nachgedacht hast. Alles passt und du musst eigentlich nur noch einen Schritt gehen. Doch dann kommen sie langsam angeschlichen; die Selbstzweifel.

Solche Situationen hatte ich am laufenden Band. Als ich ein Teenager war, habe ich mir immer vorgestellt wie ich in einer Tanzgruppe Choreografien lerne. Ist doch nichts dabei, denkst du dir vielleicht. Doch für mich klang diese Vorstellung wie ein Witz. „Ich bin viel zu dick.“ „Die anderen können das viel besser.“ „Ich kann mir sowieso keine Schritte merken.“ Und schon habe ich mich zutiefst für den Gedanken geschämt, ich könnte tatsächlich in dieser Tanzgruppe mitmachen.

Warum konnte ich nicht einfach mittanzen? Wovor hatte ich Angst?

Wenn wir geboren werden, haben wir keine Zweifel. Wir fangen an zu laufen, ohne Angst zu haben hinzufallen. Wir sprechen Kinder an, ohne Angst zu haben abgelehnt zu werden. Viele unserer Zweifel sammeln wir, wie kleine Perlen, im Laufe unseres Lebens auf. Wir fädeln Erlebnisse und Aussagen anderer Menschen auf unsere lange Kette der Zweifel, die wir anschließend uns selber um den Hals hängen.

Jeder von uns trägt diese bunte Kette. Leider muss ich dir sagen, dass diese Kette keinesfalls dafür sorgt, dich schöner und besser zu fühlen. Je mehr dieser Zweifelperlen dich schmücken, umso häufiger zweifelst du an dir. Ich habe mich von meinen Selbstzweifeln aufhalten lassen. Habe mir vieles nicht zugestanden, weil ich dachte ich wäre zu jung oder zu alt, zu dick oder nicht schlau genug. Habe meine Zweifel als Ausrede dafür genutzt, warum ich etwas nicht tun konnte.

Ich war ein offenes, neugieriges und lebensfrohes Kind. Wollte alles entdecken und hatte Spaß Neues zu lernen. Doch dann wird man älter und die Erwartungen an das Verhalten werden konkreter. „Sei nicht so laut!“, „Benimm dich!“, „Setz dich ordentlich hin!“. Je nach dem in welcher Familie man aufwächst, können die Werte unterschiedlich sein. Vielleicht war es bei dir gewollt, emotional und kreativ zu sein. Oder deine Eltern bevorzugten eine bodenständige Erziehung, in der es wichtig war, vernünftig und ordentlich zu sein? Doch was ist, wenn deine Natur gar nicht in die Vorstellung des Familienideals deiner Eltern passt?

Kinder lieben ihre Eltern. Mal abgesehen davon, dass Kinder abhängig von ihnen sind, sind ihre Eltern ihre engsten Bindungspersonen. Sie sehnen sich immer nach der Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Eltern und das letzte was ein Kind möchte, ist Ablehnung und Schimpfe. Denn Schimpfe tut weh, verdammt weh! Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als kleines Mädchen vor meinen Eltern stand. Ich höre wie sie schimpfen und sehe wie ich bei jedem Wort immer kleiner werde. Ich traue mich nicht, ihnen in die Augen zu schauen. Fühle mich wie ein kleines Würmchen, das versucht wieder zurück in die Erde zu kriechen. Um dieses Gefühl nie wieder zu haben, versuchst du als Kind das erwünschte Verhalten in dir aufzunehmen. Dabei nimmst du in Kauf, dass du einen Teil von dir verdrängst. Wir übernehmen die Stimmen unseres Umfeldes und machen sie zu unserer eigenen, inneren Stimme, die uns bis ins Erwachsenendasein begleitet.

Selbst nach Jahren begegnete ich Situationen, bei denen ich auf dominante Persönlichkeiten traf und gefühlt plötzlich viele Jahre zurückfiel. Auf einmal war ich winzig klein, unterlegen und unwichtig. Ich habe das Gefühl gehabt, jeden Moment irgendetwas falsch zu machen. Ich war nicht ich selbst. Keine zwei Minuten später ärgerte ich mich über mein Verhalten. Kommt dir das bekannt vor? Wir werden permanent durch andere Menschen mit unseren Selbstzweifeln konfrontiert. Auch Menschen, bei denen du Selbstzweifel nicht erwarten würdest, bleiben nicht verschont. Den entscheidenden Unterschied macht der Umgang mit unseren Zweifeln.

Vor der Reise hatten wir immer wieder große Zweifel und wir mussten lernen mit ihnen umzugehen, um uns nicht von ihnen abhalten zu lassen, unser Ziel zu verfolgen.

Nehmen wir an, du möchtest einen Marathon laufen und zweifelst daran, ob du es körperlich schaffen kannst? Ob du gut genug sein wirst? Oder, ob du dir da nicht zu viel vorgenommen hast?

Viele Zweifel, die auch wir hatten, entstehen durch Unwissenheit. Glücklicherweise haben wir heute die grandiose Möglichkeit, zu fast allen Themen Informationen im Internet zu finden. Wie läuft ein Marathon ab, welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, wie bereitet man sich richtig vor? Erfahrungsberichte von Menschen, die bereits erfolgreich das geschafft haben, was du vor dir hast, sind fast immer gefüllt mit wertvollen Informationen. Hast du erstmal alle Fragen geklärt, fühlst du dich sicherer und die meisten deiner Zweifel verschwinden automatisch. Halte dich fern von Menschen, die ihren Senf abgeben müssen, aber offensichtlich keine eigenen Erfahrungen gemacht haben. Sie überrollen dich mit allerlei Halbwissen, irgendwelchen Geschichten, die sie irgendwo mal gehört haben und ganz vielen eigenen Zweifeln.

Selbst wenn du dich, wie wir, fest entschlossen hast und dich auf dem direkten Weg deinem Ziel entgegen befindest, wird es immer wieder Momente geben, in denen du trotzdem ins Zweifeln kommst. Akzeptiere deine Zweifel, doch lass sie bloß nicht an dein Lenkrad.

Lässt du dich von ihnen abhalten, werden die Zweifel immer stärker und lauter. Je öfter du durch die Zweifel und deine Ängste gehst, desto schneller erkennst du, dass an den meisten deiner Zweifel nichts Wahres dran ist, denn sie sind nur in deinem Kopf. Andi und ich haben unseren Zweifeln zugehört, wir haben versucht herauszufinden woher sie kommen und haben uns gerade deshalb nicht von ihnen aufhalten lassen. Lass uns gemeinsam auf den Grund gehen, warum Menschen auf ihrem Weg zu ihren Träumen nicht vorankommen und die Geschichte ganz an den Anfang zurückspulen.

KAPITEL 2

_____________________________________

Ich will nie so sein wie meine Eltern

Bitte hab mich lieb

Meine Familie und ich besuchten wie jedes Jahr in den Ferien meine Großeltern in Israel. Während wir gemeinsam durch die Stadt liefen, rannte ich kreuz und quer umher. Die vielen jungen Soldaten mit den langen Gewehren beachtete ich nicht mehr, denn gesehen habe ich sie hier schon sehr oft.

Damals waren mein Vater und mein Opa noch starke Raucher. Rauchen empfand ich als etwas völlig Normales. In meiner Vorstellung rauchten alle Männer. Weit vorne in der Telefonzelle erblickte ich plötzlich eine Zigarettenschachtel. Genauso eine wie die, die ich schon so oft bei meinem Vater gesehen hatte. Es kribbelte regelrecht in meinen Händen, sodass ich es nicht aushielt und während sich die Erwachsenen unterhielten hinüber rannte um mir die Schachtel zu schnappen.

Als ich dann sah, dass sich tatsächlich noch ein paar Zigaretten in ihr befanden, war ich so glücklich und aufgeregt. Ich musste sie einfach meinem Vater bringen.

Auf dem Weg zu ihm sah ich schon, wie er mich loben würde. Wie stolz er auf mich wäre, wenn ich sie ihm überreichen würde. Je näher ich kam, umso breiter wurde mein Grinsen.

Also stand ich kleiner Zwerg vor ihm, mit der ausgebreiteten Hand und der Zigarettenschachtel. „Papa, habe ich für dich gefunden.“