Irgendwas juckt immer - Thomas Spanier - E-Book

Irgendwas juckt immer E-Book

Thomas Spanier

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Beschreibung

Leben und Lieben, Kämpfen und Verzweifeln, Riechen und Spüren - oft sind es große Gefühle und sinnliche Erfahrungen, die in diesen Kolumnen eine Rolle spielen. Manchmal auch kleine Alltagsbeobachtungen, die exemplarisch sind für Veränderungen in der Gesellschaft. Selten geht es ohne ein Augenzwinkern ab. Langweilig ist es nie, denn wie schon der Titel des Buches sagt: Irgendwas juckt immer. Mit seinen Kolumnen, die jeden Samstag in der Ostthüringer Zeitung erscheinen, hat sich der Autor eine Fanschar erarbeitet, die dank Internet und sozialer Medien inzwischen weit über Thüringen hinausreicht.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INHALTSVERZEICHNIS

(in Klammern: Datum der Erstveröffentlichung)

Vorwort

Seelenstrip mit Bild (27.03.2010)

Übers Wasser gehen (10.04.2010)

Geheimnisse (24.04.2010)

Kämpfen und Feiern (01.05.2010)

Bitte recht freundlich! (05.06.2010)

Liebeserklärung (03.07.2010)

Stars und Sternchen (31.07.2010)

Inforzianten (21.08.2010)

Im nächsten Leben (02.10.2010)

Recht und gerecht (23.10.2010)

Subjektive Wahrheiten (20.11.2010)

Die Partei, die Partei (14.12.2010)

Der Staat sind wir (24.12.2010)

Gefühlte Zeit (31.12.2010)

Urlaub riskant (05.02.2011)

Leben im Leerlauf (16.04.2011)

Zweite Lohntüte (13.12.2011)

Kollektive Depression (20.12.2011)

Fest des Friedens (24.12.2011)

Immer schön vorsichtig (31.12.2011)

Im Zickzack (07.01.2012)

Sibirien an der Saale (04.02.2012)

Beinahe pünktlich (03.03.2012)

Juhu mit Vivaldi (18.03.2012)

Verzichten auf den Verzicht (14.04.2012)

Bier mit Blume (21.04.2012)

Aufräumen mit Gerüchten (28.04.2012)

Wenn es andersherum kommt (19.05.2012)

Keine Ahnung vor nichts (09.06.2012)

Kleiner, grauer Papagei (07.07.2012)

Beauftragter für Beauftragte (14.07.2012)

6 aus 49 für Eingesperrte (21.07.2012)

Eine Frage des Respekts (28.07.2012)

Zecken im Spätsommer (13.10.2012)

Jubiläum im Lumpensammler (20.10.2012)

Schlafen wie ein Pornostar (01.12.2012)

Wie heißt Torsten richtig? (08.12.2012)

Ein Fest für Kinder (29.12.2012)

Von Glück und Zeit (05.01.2013)

Amboss oder Hummer sein (12.01.2013)

Über Bildung und Erziehung (16.02.2013)

Von wegen Volksvertreter (23.02.2013)

Macht der Gewohnheit (02.03.2013)

Viele Ideen, wenig Geld (16.03.2013)

Herrlich unvollkommen (01.06.2013)

Im VKU mit LPG zum ODF (11.01.2014)

Wie Silvester für Rotkäppchen (15.02.2014)

Die bunte Welt im Smartphone (24.05.2014)

Vereinigte Illusion (23.08.2014)

Verhunztes erstes Mal (13.09.2014)

Die Falschen frohlocken (25.10.2014)

Erträumte Freiheiten (08.11.2014)

Vom Teilen und Herrschen (20.12.2014)

Alles falsch gemacht (21.03.2015)

Höhere Mathematik (04.04.2015)

Stadt und Land Hand in Hand (11.04.2015)

Selbstversuche für Entscheider (01.05.2015)

Im Land der Gesundheit (20.06.2015)

Hartes Geld gut angelegt (11.07.2015)

Und niemand fragt uns (05.12.2015)

Eine kleine Ermutigung (16.01.2016)

Was nicht direkt gelogen ist (16.02.2016)

Kindliche Prägungen (07.01.2017)

Massagen für alle (11.03.2017)

Halb in der Luft, halb am Boden (29.04.2017)

Jeder Gang macht schlank (20.05.2017)

Das Wertvollste, das wir haben (29.07.2017)

Irgendwas juckt immer (09.09.2017)

Das Glück ist ein Rindvieh (11.11.2017)

Alles falsch, alles umsonst (13.01.2018)

Unter Lichtern und Lenkern (03.03.2018)

Auge um Auge, Zahn um Zahn (02.06.2018)

Vital und blitzgescheit (30.06.2018)

Vom Stau am Bau (14.07.2018)

Die Kunst des Loslassens (29.09.2018)

Wie zu Zonenzeiten (06.10.2018)

Die Spitze des Runden (20.10.2018)

Was kommt als nächstes? (10.11.2018)

Das Leben ist schön (08.12.2018)

Wünsche zum Fest (22.12.2018)

Leben gegen den Zyklus (26.01.2019)

Zu viel von allem (09.02.2019)

Tretminen im Sperrgebiet (23.02.2019)

Die Alten von morgen (14.03.2019)

Apropos Osterhase (08.05.2019)

Zum letzten Mal Fremdgehen (25.05.2019)

So schön, so leer (08.06.2019)

Wir müssen reden (15.06.2019)

Mein Leben in Kreide (22.06.2019)

Grüße an die Info-Elite (29.06.2019)

Arbeiten bis zum Umfallen (13.07.2019)

Vom Reiz des eigenen Tuns (20.07.2019)

Alles ganz normal (27.07.2019)

Feiertag gut überstanden? (21.09.2019)

Winkendes Wählerglück (28.09.2019)

Ein Tag im Leben (09.11.2019)

Ich hab so viel Geduld (17.11.2019)

Viel Aufwand für wenig Sex (14.12.2019)

Geschichten über Menschen (17.12.2019)

So winzig wie das Land (25.01.2020)

VORWORT

Dieses Buch ist ein Geschenk. Für die Gäste meines Geburtstages, den wir wegen der Corona-Pandemie leider nicht alle gemeinsam feiern können. Für die Freunde dieser Kolumne, von denen ich viele gar nicht persönlich kenne, von denen aber die Anregung für dieses Büchlein stammt. Ein bisschen auch für mich.

Drei Dinge haben alle Texte gemeinsam. Sie sind an einem Samstag (oder vor einem Feiertag) mit der Dachzeile “Meine Woche“ im Lokalteil Saalfeld-Rudolstadt der Ostthüringer Zeitung (OTZ) erschienen. Und sie enden mit einem Wunsch, meistens „Schönes Wochenende!“.

Ich habe versucht, vor allem solche Beiträge auszuwählen, die über den Tag und die Region hinauswirken könnten. Damit man sie dennoch in die Zeit einordnen kann, steht im Inhaltsverzeichnis am Ende das Datum des ersten Erscheinens. Ein bisschen Lokalkolorit gibt es trotzdem. Nicht jeder Text wird sich dem Leser in Nordhorn oder Garmisch-Partenkirchen erschließen.

Ich danke allen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben, insbesondere meiner Frau für das Lektorat, dem Verlag und der Mediengruppe Thüringen, die den Nachdruck der Texte erlaubt haben, meinen Kindern, dass es sie gibt, und dem Leben als stetigem Quell der Inspiration.

Thomas Spanier

Jena im Oktober 2020

SEELENSTRIP MIT BILD

Diese Kolumne macht alles kaputt. Es war Dienstagfrüh gegen 8 Uhr, als mich auf dem Schießteich in Saalfeld ein fremder, freundlicher Herr mit Namen ansprach. Er mag meine Artikel, sagte er mir, erkundigte sich nach meinem fußballspielenden Jüngsten und verriet mir, was erst Stunden später die Agenturen meldeten: Rainer Hörgl muss als Trainer des FC Rot-Weiß Erfurt gehen.

Die kurze Begegnung hat mich nachdenklich gemacht. Ich gehörte bisher zu den Menschen, die es genießen, in relativer Anonymität zu leben, und die es in Bezug auf Freundschaften mit der alten Regel halten: Alles, was über eine Handvoll hinausgeht, ist oberflächlich. Ich finde es schön, weitgehend unerkannt durch die Rudolstädter Marktstraße zu bummeln, mit meiner Nachbarin über unsere Katzen statt über den Abo-Preis der Zeitung zu reden und auf dem Fußballplatz über Fußball statt über die Eigenheiten der lieben Kollegen.

Seit ich aber regelmäßig am Samstag mit Foto in der Zeitung stehe, ist irgendwie alles anders. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man in einem Kommentar seelenstript oder ob man mit Bild seelenstript. Nicht, dass ich das exklusiv hätte. Bei Brad Pitt oder Boris Becker weiß auch jeder, wie ihr Gesicht aussieht. Die müssen aber auch nicht jeden Tag über den Saalfelder Schießteich! Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin nicht menschenscheu. Ich mag die meisten unserer Leser, weil sie etwas sehr Kluges tun – lesen. Vor allem mag ich die, die meine Artikel mögen und Anteil an den fußballerischen Fähigkeiten meines Sohnes nehmen. Mir graut nur vor dem Tag, an dem das alles umschlägt. Mir graut sozusagen vor der Wende. Mir graut vor dem Tag, an dem mich niemand mehr anspricht.

Schönes Wochenende!

ÜBERS WASSER GEHEN

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einst über den Bundestags-Wahlkampf seines Vorgängers Willy Brandt. Nimmt man das wörtlich, wäre Hartmut Holzhey wahrscheinlich Stammgast im weißen Wartezimmer.

Der Geschäftsführer eines hiesigen Logistikunternehmens mischt sich quasi ständig in Dinge ein, die ihn streng genommen nichts angehen. Er sorgte mit einer genial-einfachen Idee dafür, dass die Verkehrsführung am Brauhaus-Anschluss der Saalfelder Nordtangente eine vernünftige wurde, regte mit dem Saalfelder Denkanstoß eine heftige Debatte über den Zusammenschluss des Städtedreiecks an oder überzeugte den Verkehrsminister im Praxistest, dass eine Lkw-Umleitung über Raniser Pflaster nicht funktioniert.

Dass nicht jede Vision Wirklichkeit wird, liegt in der Natur der Sache. Wie alle großen Ideen – vom Kommunismus bis zum Elektroauto – kam die vereinigte Otto-Grotewohl-Stadt aus Saalfeld, Rudolstadt und Bad Blankenburg im Herzen des Grünen Herzens vor allem deshalb nicht zustande, weil die Menschen nicht so sind, wie Idealisten sie gern hätten.

Was Hartmut Holzhey nicht davon abhielt, mit der Stauseeinitiative das nächste Projekt anzugehen. Vor seinen und den inneren Augen seiner Mitstreiter entstand am Hohenwarte- und Bleilochstausee eine blühende Tourismusregion mit ordentlichen Straßen, erstklassigen Rad- und Wanderwegen und einer Brücke, wo schon immer eine Brücke hingehörte. Heute Nachmittag kann man beim großen Nach-Osterspaziergang an der Linkenmühle erspüren, wie es sich anfühlt, übers Wasser zu gehen.

Womit wir wieder bei Alt-Bundeskanzlern und meinem Lieblings-Branchenwitz sind: In der Ära von Helmut Kohl werden Journalisten aus aller Welt zu einer Pressekonferenz an den Wolfgangsee bestellt. Nichts scheint sich zu rühren. Plötzlich taucht aus der Ferne am Horizont der gewaltige Leib von Helmut Kohl auf, wie er über das Wasser auf die Journalisten zuläuft. Jesus!, sagen die internationalen Reporter voller Ehrfurcht, während ihre deutschen Kollegen schon die Kameras abbauen: Ach, der Kanzler wieder – nicht mal schwimmen kann er.

So sind sie, die deutschen Journalisten: respektlos, niveaulos, visionslos. Ohne Menschen wie Hartmut Holzhey hätten sie am Ende gar nichts mehr zu schreiben.

Schönes Wochenende!

GEHEIMNISSE

Alles, was mehr als zwei Leute wissen, ist kein Geheimnis. Nähmen die Menschen diese Ur-Erfahrung endlich mal zur Kenntnis, sie würden nicht immer so geheimnisvoll tun. Jeder sitzt auf seinem vermeintlichen Exklusivwissen und macht aus allem ein Staatsgeheimnis. Dabei hat er es längst zu Hause der Ehefrau erzählt, die es in einer schwachen Stunde ihrem Geliebten weitertratschte, der auf Arbeit mit dem Wissen prahlte und so weiter. Am Ende steht es dann in der Zeitung. Nur für den Fall, dass Sie schon immer mal wissen wollten, wie etwas in die Zeitung kommt.

Nehmen wir unsere Recherche zu den Bürgermeisterkandidaten für die Wahl am 6. Juni. Da gibt es doch tatsächlich politisch überkorrekte Gemeindewahlleiter, die allen Ernstes erklären, sie möchten nicht, dass der erst im Mai tagende Wahlausschuss die Namen der Bürgermeisterkandidaten aus der Zeitung erfährt. Darüber hätten sie mal lieber nachdenken sollen, bevor sie die oben erwähnte Kette in Gang setzten. Natürlich haben wir jeden Namen erfahren, den wir erfahren wollten. Und schreiben ihn selbstverständlich in die Zeitung. Deshalb kaufen uns ja die Leute. Unter anderem.

Vor allem Politikern ist diese berufsbedingte Neugier von Journalisten unheimlich. Weshalb sie ab und zu doch Respekt, im besten Falle sogar ein bisschen Angst vor uns haben. Könnte ja sein, dass wir dunklen Geheimnissen auf die Spur kommen. Und ehrlich: Welcher Politiker hat keine?!

Was ich damit sagen will: Erzählen Sie uns ruhig alle Ihre Geheimnisse. Manche können wir sogar für uns behalten. Oder setzen sie in der Freizeit gewinnbringend ein. Am Wochenende zum Beispiel, das wettertechnisch schön werden soll.

Was ich heute und morgen mache, kann ich Ihnen gern erzählen, denn es wissen mehr als zwei Leute: Zeitung.

Schönes Wochenende!

KÄMPFEN UND FEIERN

Als es am 1. Mai noch eine rote Nelke und obendrein eine blaue Papiermarke gab, für die man sich kostenlos eine Bratwurst am Rost abholen konnte, hieß der erste Tag des Wonnemonats nahezu heroisch Kampf- und Feiertag der Werktätigen. Heute, wo gern ein Nichts zum Hype aufgeblasen wird, schrumpft ausgerechnet dieses Begängnis zum schlichten Tag der Arbeit, der noch dazu eingebettet ist in solch profane Rituale wie Walpurgisfeuer und Maibaumsetzen.

Man kann die Gewerkschaft schon verstehen, wenn sie ein wenig hadert mit dem Kundgebungszuspruch, angesichts der übermächtigen Konkurrenz von Feuerwehr, Heimatverein und verkaufsoffenen Innenstädten.

Dabei gäbe es noch jede Menge zu kämpfen, nicht nur für die Polizisten in Berlin und Erfurt, die sich bestimmt schon auf ihren Tag der Arbeit freuen, sondern auch für die Gewerkschafter an der Betriebsfront oder für in Wahlzeiten stets so soziale Politiker.

Von denen haben die Arbeiterinnen der Wallendorfer Porzellanmanufaktur, mit denen ich mich in dieser Woche traf, so wenig gesehen wie vom ihnen zustehenden Lohn. Teilweise länger als ein halbes Jahr wurden sie getäuscht, hingehalten, vertröstet. Irgendwann war das Werkstor dann verschlossen, das Insolvenzverfahren für den Traditionsbetrieb läuft noch immer.

Nach Feiern ist den Frauen in Lichte so wenig zumute wie den Musikern der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt vor drei Jahren, als ihre Existenz als Orchester akut gefährdet war. Diese Erfahrung können sie jetzt kreativ umsetzen. Die Schicksalssinfonie thematisiert den Kampf eines Orchesters ums Überleben. Zur Premiere am 29. Mai will Intendant Steffen Mensching die Thüringer Landesregierung einladen. Ob das mal eine gute Idee ist …

Schönes Wochenende!

BITTE RECHT FREUNDLICH!

Haben Sie's gemerkt? Wie sich mit der Sonne am Himmel auch die Mienen der Menschen aufgehellt haben? Wie nach zwei Wochen Regen der Elan zurückgekehrt ist und die Arbeitsproduktivität stieg, wie früher nur bei einem Europacupsieg des ruhmreichen FC Carl Zeiss Jena?

Weil die Sonne am Mittwoch, als sich im Schillerhaus die erste Bürgerstiftung des Landkreises gründete, weit und breit noch nicht zu sehen war, musste beim Pressefoto mit den Zwergen des Christlichen Kindergartens „Baum des Lebens“ etwas nachgeholfen werden. Als die Kleinen etwas unschlüssig vor den Linsen standen, forderte Kuratoriumschef Oliver Weder sie zu einem ultimativen Lächeln auf. Und wie! Ameisenscheiße sollten sie sagen. Ameisenscheiße! Mein lieber Herr Gesangsverein! Beim dritten Mal brüllten auch die, die das „Sch“-Wort bis dahin noch für etwas Unchristliches hielten, aus voller Kehle.

Ich habe mich nach diesem pädagogisch wertvollen Erlebnis gefragt, wie man uns eigentlich früher zum Fotolächeln animierte? Bitte lächeln? Bitte recht freundlich? Das amerikanische Zahnpastagrinsen à la Cheese kam erst später in unser Leben. Wie war die sozialistische Entsprechung? China? Gina? Ameisenscheiße jedenfalls nicht.

Politikern muss man das Lächeln nicht mehr beibringen. Sobald eine Kamera auf sie zielt, blicken sie – je nach Anlass – wichtig, zuversichtlich oder besorgt. So wie am Montag auf dem Saalfelder Bahnhof, als bei einer Fahrt mit dem Minister auf der Saalebahn nicht nur die Anzüge schwarz waren. Landrätin Marion Philipp (SPD) hat bei der OTZ ein solches Foto für ihr Archiv bestellt. Man weiß nie, wofür man es noch gebrauchen kann.

Keine Fotos gibt es vom leisen Abschied der Asylbewerber aus Katzhütte. Was vor allem daran liegt, dass das Landratsamt jedes Aufsehen zu vermeiden suchte. Das wird mit dem Bezug der neuen Unterkünfte durch die Asylbewerber gewiss nicht nochmal passieren. Warum die Behörde um den genauen Standort solch ein Geheimnis macht, ist unverständlich. Man wird doch nicht Angst vorm eigenen Volk haben?

Schönes Wochenende!

LIEBESERKLÄRUNG

Mit 20 darf man als erwachsen gelten – und heiratsfähig. Weshalb ich mir erlaube, unter Missachtung jeglicher professioneller Distanz dem Tanz & Folkfest zum 20. Geburtstag eine Liebeserklärung zu machen.

Jawohl, ich liebe dieses Fest. Nicht wegen des Tanzes, der etwas für Tänzer ist. Nicht mal so sehr wegen der Musik, die immer Geschmackssache ist. Nicht unbedingt wegen der Besucher, die auch woanders hinfahren würden, gäbe es das TFF nochmal. Ich mag das Flair, das drei Tage lang durch die Gassen der Kleinstadt strömt.

Vor allem aber liebe ich das Festival dafür, was es aus der Stadt und ihren Menschen macht. Diese Metamorphose, die schon Wochen vorher einsetzt und einen am Ende mit offenem Mund vor dem Ergebnis stehen lässt. Die Stadt, ein buntes Meer aus wabernden Leibern, das Schloss, ein Treffpunkt für die, die sich ein Jahr lang nicht sahen, der Park, nächtlicher Treff für alle, die nicht genug kriegen können.

Und mittendrin Menschen, die man zu kennen glaubt, und die doch für ein Wochenende ganz anders sind. Brave Bürger, die im Alltag ganz gut ohne Besuch auskommen, öffnen Türen und Herzen, soweit sie können und diskutieren am Frühstückstisch mit ihren TFF-Schlafgästen über Gruppen, deren Namen sie vorher nie gehört haben und hinterher nie wieder hören werden.

Arbeiter, die noch vor knapp einer Woche mit Deutschlandfahne vor dem Fernseher saßen und jeden Fehlpass der Engländer höhnisch kommentierten, kramen ihr 30 Jahre altes Schulenglisch aus, um dem Gast aus Samoa „the way to the castle“ zu erklären. Zivilstreifen streifen in Zivil durch den cannabisgeschwängerten Heinepark und wollen im Rhythmus des Reggae alles, nur keinen Stunk. Sparkassenmanager öffnen 40 Meter vor der Bühne den obersten Hemdknopf und wippen mit der Masse der Kreditnehmer mutig mit.

Es ist das Gute, das das TFF in den Menschen zutage fördert. Dafür kann man es nur lieben.

Schönes Wochenende!

STARS UND STERNCHEN

„Ich bin im Fernsehen in bunt aufgetreten. Ich stell jetzt was dar, denn die nehm‘ ja nicht jeden“, sang Gerhard Schöne schon zu Zeiten, als Castingshows noch so seltsame Titel wie „Herzklopfen kostenlos“ trugen. Seitdem hat sich in der Medienwelt viel verändert, gleich geblieben ist aber die Magie bewegter Bilder.

Stellt sich der Zeitungsreporter auf den Saalfelder Markt und möchte die Menschen befragen, was sie von der Baumschutzsatzung halten, ist es manchmal knapp davor, dass er Prügel angedroht bekommt. Erscheint aber ein Fernsehteam an derselben Stelle, drängeln sich die Leute vor dem Mikrofon. Ich bin im Fernsehen.

Die Kollegen vom Rundfunk befinden sich in der nach unten offenen Nachrichtenjäger-Skala so etwa im Mittelfeld. Man kennt ihre Stimmen, aber man weiß nicht so richtig, wer dahintersteckt. Willi Wild ist für die Hörer von MDR 1 Radio Thüringen schon so etwas wie Thomas Gottschalk für die Bayern-3-Hörer Ende der 70er Jahre, der schon damals mit dem Vorurteil vom Radiogesicht aufräumte, das im Fernsehen nicht vorzeigbar ist.

Wenn nun also Willi Wild und sein Reporterkollege Marko Ramm als Urlaubsvertretung in der Provinz aufschlagen, fliegen ihnen die Herzen zu. So ein sympathischer Junge, hieß es unisono bei der Saalfelder Taxi-Union, wo Wild Telefondienst schob, und nun über Ramm im Schmiedefelder Giftmischer. Da löffelt man als Zeitungsmensch im Leipziger Turm seine Kartoffel-Kräuter-Suppe und kann nur neidisch-beifällig nicken.

Eine der Kräuterfrauen aus Schmiedefeld muss mir die medialen Komplexe angesehen haben. Als der Radioreporter draußen gerade mit Ehrensalut verabschiedet wurde, klopfte sie mir auf die hängende Schulter: „Schreiben Sie weiter so gut wie bisher, junger Mann!“ „Mach ich“, sagte ich und straffte mich wie Günther Jauch bei der Anmoderation eines Stern-TV-Beitrages. Der Tag war gerettet.

Schönes Wochenende!

INFORZIANTEN

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, dem Texter unserer Nationalhymne, wird der Spruch zugeschrieben: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“. In den fast 200 Jahren seit der Niederschrift dieser Zeilen hat sich an der Wahrnehmung des Denunzianten als verabscheuungswürdiges Wesen wenig geändert.

Wollen Journalisten aber erfahren, was sich in den Hinterzimmern der Macht abspielt, wer mit wem kungelt oder wo welches Geschäft eingefädelt wird, sind sie auf Menschen angewiesen, die ihr Herrschaftswissen mit den Schreiberlingen teilen. Freundlicherweise – und um Missverständnissen vorzubeugen – nennen wir diese Menschen dann Informanten.

Mein erster Informant ist heute Ministerpräsident in einem ziemlich kleinen Bundesland und wird sich gewiss nicht mehr daran erinnern, wie er mir als Oppositionsführer im Landtag im Dezember 1991 gut 100 Seiten eines streng geheimen Untersuchungsberichtes kopierte, dessen Inhalt später in Thüringen für einige Aufregung sorgte.

Damals machte ich als blutiger Anfänger in meinem Beruf eine journalistische Ur-Erfahrung: Nutze die Interessen und du bekommst nahezu jede gewünschte Information! Schadet etwas der regierenden SPD, geh' zur CDU. Willst du etwas über die Machenschaften eines Unternehmens wissen, frag' die Konkurrenz. Suchst du Stimmen für ein Motorbootverbot auf dem Stausee, frag' die Angler. Die Welt ist voller Informanten.

Einer hat mir diese Woche erzählt, wie es ihm an einem Sommerferienvormittag in der Alterbucht des Hohenwartestausees erging, wo er mit seiner Familie eine Bootstour unternehmen wollte. Zwar lag die ganze Bucht voller Boote, die zum Ausleihen waren, aber alle waren ausgeliehen oder hingen zwecks Laden des Elektromotors an der Steckdose. Was es an Baulärm zu viel gab, gab es an Papierkörben auf der Liegewiese zu wenig. So wird das nichts mit der großen Tourismusnummer am Stausee, dachte sich der Informant.

Wobei er vielleicht nicht mit zwei cleveren Köpfen aus Munschwitz gerechnet hat. Was mit Autokupplungen funktioniert, muss auch mit dem Markennamen Thüringer Meer funktionieren, dachten sich die Marketingprofis Tobias Rameder und Dirk Schöler. Zumindest einen Tag lang rauschte das freistaatliche Meer dann auch gewaltig durch den Thüringer Äther.

Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass mir ein Jenaer Kollege auf die Frage, was er am Wochenende treibe, antwortete: Wir fahren zum Stausee.

Schönes Wochenende!

IM NÄCHSTEN LEBEN