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1847 bereiste der Schotte Alexander Somerville für den Manchester Examiner das bereits seit zwei Jahren von einer schweren Hungersnot betroffene Irland. Diese Hungersnot, die noch drei weitere Jahre andauern sollte und in deren Verlauf über eine Million Iren starben, ging als The Great Famine in die Geschichte ein. In seinen Briefen und Reportagen, die unter dem Titel Letters from Ireland veröffentlicht wurden, beschreibt Somerville die menschenunwürdige Situation, in der die irische Landbevölkerung einen Kampf um die nackte Existenz führte und die gleichzeitige Maßlosigkeit der zumeist protestantischen Grundherren, die sich weigerten, Armensteuern zu zahlen. Er beschreibt, wie staatliche Mittel in die Taschen der Reichen flossen, wie katholische Pächter von ihren protestantischen Herren auf die Straße gesetzt wurden, weil sie ihre Herren bei Wahlen nicht mit ihrer Stimme unterstützt hatten, wie Polizei und ;Militär ein Massaker unter jenen anrichteten, die sich weigerten, ihr Land zu verlassen. Er beschreibt weiterhin den Rassismus, der den Iren entgegengebracht wurde, und das feudalistische Abhängigkeitsverhältnis, in dem die irische Landbevölkerung durch das Pachtsystem des Conacre gehalten wurde ... Somervilles Letters from Ireland sind ein politisch-historisches Zeitzeugnis, das hilft, das bis heute vorherrschende Trauma der Iren gegenüber London zu verstehen.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2013
Alexander Somerville
Briefe und Reportagen aus Irlandwährend der Hungersnot 1847
hrsg. von Jörg Rademacher
Alexander Somerville, Irlands großer Hungerhrsg. von Jörg Rademacherebook UNRAST Verlag, Mai 2013ISBN 978-3-95405-008-6
© UNRAST-Verlag, Münster, 1996Postfach 8020, 48043 Münster – Tel. (0251) 66 62 93www.unrast-verlag.de
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Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe)Umschlag: Guido Blum, digidada, Bad KreuznachSatz: UNRAST-Verlag, Münster
Vorwort des Herausgebers
Georg GroteDie Große Hungersnot in Irland 1845-1849.Eine historische Einführung
Alexander Somerville„Letters from Ireland“
1 Dublin, den 20. Januar 1847
2 Dublin, den 23. Januar 1847
3 Kilkenny, den 27. Januar 1847
4 Clonmel, Grafschaft Tipperary, den 29. Januar 1847
5 Kilkenny und Clonmel, den 1. Februar 1847
6 Dungarvan, Grafschaft Waterford
7 Limerick, den 9. Februar 1847
8 Ennis, Grafschaft Clare, den 12. Februar 1847
9 Lough Derg, Grafschaft Galway, den 16. Februar 1847
10 Banagher, den 19. Februar 1847
11 Roscommon, den 24. Februar 1847
12 Strokestown, den 26. Februar 1847
13 Longford, den 2. März 1847
14 Longford, den 5. März 1847
15 Athlone, den 10. März 1847
16 Mayo, den 10. März 1847
17 Castlebar, Mayo, den 15. März 1847
18 Castlebar, Mayo
19 Limerick, den 22. März 1847
20 Rathkeale
21 Ardagh, Grafschaft Limerick
22 Newcastle, Grafschaft Limerick
23 Newcastle, Grafschaft Limerick
24 Castle Island, Grafschaft Kerry
25 O’Brien’s Bridge, Grafschaft Clare, den 12. April 1847
26 Über den Wert kleiner Farmen
27 Reise von Banagher nach Birr, Grafschaft King’s County
28 Collooney, Grafschaft Sligo
29 Sligo
Nachwort von Alex Mulcahy
Glossar von Christian Langhorst
Alexander Somerville schrieb seine Briefe und Reportagen im Frühjahr 1847 für die Redaktion des Manchester Examiner. Die seither vergangenen 149 Jahre sind eine lange Zeit, bedenkt man, wie kurzlebig besonders journalistische Prosa dieser Tage geworden ist.
Und doch ist Irland wegen der Präsenz der Geschichte im kollektiven Gedächtnis seiner Menschen und damit auch der Themen in der Literatur in aller Munde: Durch die Verleihung des Nobelpreises an den in Nordirland geborenen Dichter Seamus Heaney im Dezember 1995 wurde das Interesse an irischer Literatur und Kultur hierzulande gewiß noch einmal verstärkt. Zudem wird die Frankfurter Buchmesse 1996 mit ihrem Schwerpunktthema ‘Irland und seine Diaspora’ dazu beitragen, daß auch im deutschsprachigen Raum mehr über Irlands wechselhafte Geschichte bekannt wird, als Rundfunk und Fernsehen bislang in bezug auf den Nordirlandkonflikt verbreitet haben.
Mit Somervilles Briefen wenden wir uns einem Irland zu, das noch unter britischer Herrschaft steht, einer bei uns unbekannten Größe. Dieses zeitlich entrückte Irland stellt Georg Grote, ein mittlerweile in der Republik Irland lebender deutscher Historiker, in seiner Einführung vor. Dabei zeichnet er nicht nur (s)ein Bild der Hungersnot selbst und ihrer Ursachen, sondern vermittelt ebenfalls einen Eindruck von den Auswirkungen, die auf politischer Ebene bis in die heutige Zeit reichen. Zugleich betont er, daß mit Somervilles Briefen ein lange vergessenes Dokument wieder entdeckt wurde, genau zur rechten Zeit, um die vor allem nationalistische Sicht der Großen Hungersnot einmal aus anderem Blickwinkel zu betrachten.
Doch sind Somervilles Schriften nicht nur als Dokumente für die Geschichtswissenschaft von Interesse, sondern auch als journalistische Texte, die von zeitgemäßer Rhetorik und Bildersprache geprägt sind und bei denen Landschafts- und Naturbeschreibung bisweilen sogar lyrische Züge annehmen. Insofern gehört Alexander Somerville (1811-1885) durchaus in die Tradition der Reiseschriftsteller und Kriegsberichterstatter à la Daniel Defoe (1660-1731) mit seinen Memoiren eines Kavaliers (1720) zum Dreißigjährigen Krieg auf dem europäischen Festland und dem Bürgerkrieg in England sowie den Reisebriefen in A Tour Through the Whole Island of Great Britain (1724-1726). Auch an Somervilles deutsche und englische Zeitgenossen Heinrich Heine (1797-1856), Charles Dickens (1812-1870) und Theodor Fontane (1819-1898) und ihre Mischung aus Ironie und Anteilnahme mag man sich bei der Lektüre zuweilen erinnern.
Da nun die Große Hungersnot, wie Georg Grote ausführt, zum Ausgangspunkt für die (literarische) Erfindung und (politische) Emanzipation der irischen Nation geworden ist, soll auch die literarische und persönliche Wirkung der Texte Somervilles in diesem Band beleuchtet werden. Dieser Aufgabe hat sich Alex Mulcahy, ein in Münster lebender Ire, in seinem Nachwort angenommen.
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Dieses Buch versucht die Große Hungersnot aus deutscher wie aus irischer und dabei jeweils distanzierter Sicht einem deutschsprachigen Publikum näherzubringen. Die Ausgabe entstand auf der Grundlage des von der Irish Academic Press in Dublin 1994 veranstalteten Neudrucks: Alexander Somerville, Letters from Ireland during the Famine of 1847, hg. v. D. K. M. Snell, 1994 (im folgenden: Somerville, Seite; Snell, Seite).
Der englische Historiker D. K. M. Snell hat als Herausgeber dem Band zwar keinerlei Anmerkungen beigefügt, aber dem Buch eine vorzügliche Einleitung vorangestellt, in der er auf Somervilles Leben und schriftstellerische Laufbahn sowie auf die Prinzipien eingeht, denen er bei der Textauswahl gefolgt ist.
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Der im Jahre 1811 geborene Alexander Somerville war das elfte Kind einer Familie, die in Oldmanstocks, East Lothian, in Schottland in einer Einraumhütte ihr Leben fristen mußte. Schon als Junge hatte Alexander sich in den Dienst anderer begeben müssen; dabei hat er als „Farmgehilfe, Helfer beim Pflügen, Sägewerker, Arbeiter am Kalkofen, Steineklopfer, Schafscherer, saisonaler Wanderarbeiter, Trockenleger, Arbeiter im Steinbruch und als Dockarbeiter“ (Snell, 8) in so vielen handwerklichen Berufen Erfahrungen gesammelt, daß er die meisten von ihm später beschriebenen Dinge und Verhältnisse aus eigener Anschauung kannte. In seiner Autobiography of a Working-Man (1848) schildert Somerville seine von Armut und Elend geprägte Jugend: wie er nicht zur Schule gehen konnte und zum Beispiel seine Vorliebe für die Historie in der Freundschaft mit einem blinden Schafhirten entdeckte, der „sich in erfundenen Gesprächen mit Höflingen aus der Zeit der Königin Elizabeth I. unterhielt“ (Snell, 8f).
Auch als Soldat war Somerville später aktiv, bis er eines Tages im Jahre 1831 als zwanzigjähriger Mann vor versammelter Mannschaft ausgepeitscht wurde, weil er einen Leserbrief an den Herausgeber der Zeitung Weekly Dispatch geschickt hatte, des Inhalts, daß seine Einheit, die Scots Greys, zwar zuverlässig sei, wenn sie öffentliche Unruhen unterdrücken solle, man ihr jedoch nie befehlen sollte, die Waffen gegen die im Lande gewährten Freiheiten und friedliche Demonstrationen der Menschen zu erheben (Snell, 9). Unmittelbar darauf sorgte Somerville dafür, daß sein Fall publik gemacht und vor den König gebracht wurde. Bald danach arbeitete er als Journalist, verdingte sich als Söldner bei der ‘Spanischen Legion’, die im spanischen Bürgerkrieg auf seiten von Königin Isabel II. gegen ihren Onkel Don Carlos kämpfte (1835-1837) (Snell, 9f).
Nach England zurückgekehrt, publizierte Somerville im Jahre 1837 sein Buch Narrative of the British Legion in Spain – wie durch einen Zufall genau ein Jahrhundert vor einem weiteren spanischen Bürgerkrieg! Ende der dreißiger Jahre setzte sich Somerville in England für die Interessen der Chartisten ein, jener Bewegung, die zwischen 1838 und 1848 für das allgemeine Männerwahlrecht, die Bezahlung der Abgeordneten, gleich große Wahlkreise, die jährliche Einberufung des Parlaments, geheime Abstimmung und die Abschaffung der Eigentumsvoraussetzungen für die Wahl zum Unterhaus eintrat. Wie auch in den Briefen zur Großen Hungersnot erweist sich Somerville indes nicht als blinder Parteigänger oder als den eigenen Vorurteilen ergebener Stammtischbeobachter (Snell, 12; 21). Diese jederzeit auf Fairneß bedachte Betrachtungsweise sollte Somerville allerdings nichts einbringen, wie er am Ende seines Lebens resigniert feststellt (Snell, 21).
Als Journalist schreibt er für die Zeitungen Morning Chronicle und Manchester Examiner und publiziert in den vierziger und fünfziger Jahren folgende Werke: The Whistler at the Plough (1852), die darin enthaltenen und hier abgedruckten Letters from Ireland during the Famine of 1847 und das Buch Free Trade and the League. Für unseren Zusammenhang von Bedeutung ist die Tatsache, daß Alexander Somerville selbst als ‘Whistler at the Plough’, also als ‘Pfeifer hinterm Pflug’ bekannt war (Snell, 7) und somit seine Briefe auch und womöglich in erster Linie als Zeugnisse eines durch frühere Lebenserfahrung unmittelbar betroffenen Beobachters anzusehen sind (siehe dazu Brief 27 und das Nachwort). Die Briefe aus Irland in der Zeit der Hungersnot sind aus dem Werk The Whistler at the Plough herausgelöst worden, in dem sich Somerville ebenfalls mit den Verhältnissen in England und Schottland befaßt (Snell, 8 Anm. 2).
Im Unterschied zur irischen Ausgabe wird hier darauf verzichtet, die Auszüge aus den irischen Briefen von 1843 und die Beschreibung einer Reise zum Geburtsort des Herzogs von Wellington (in Deutschland eher als der neben Blücher bei Waterloo über Napoleon siegreiche anglo-irische General bekannt) abzudrucken, denn bei The Whistler and the Plough handelt es sich um ein Werk von über sechshundert Seiten, aus dem kurze Ausschnitte in deutscher Sprache zu bringen mehr Verwirrung gestiftet als zur Erklärung der komplexen Verhältnisse beigetragen hätte.
Nach seinem Engagement für Irland während der Hungersnot hatte sich Somerville auch weiterhin als Autor betätigt, jedoch ab 1859 in Kanada gelebt, wo er 1885, beinahe mittellos, in einer heruntergekommenen Pension in Toronto starb (Snell, 21f).
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Der Herausgeber dankt dem Verlag für die Bereitschaft, ein so risikoreiches und langwieriges Unterfangen wie dieses ‘Hunger-Buch’ ins Programm aufzunehmen. Ebensolcher Dank gilt Georg Grote (Ballycapple) und Alex Mulcahy (Münster) sowie Christian Langhorst (Münster) für die Bereitwilligkeit, mit der sie sich des gestellten Themas beziehungsweise der Anmerkungen und des Glossars angenommen haben.
Die Übersetzung der Briefe und Reportagen entstand in Zusammenarbeit des Herausgebers mit Volker Tripp (Kap. 1-7), Christian Langhorst (Kap. 8-14), Markus Krajewski (Kap. 15-17), Ingo W. Hessing (Kap. 18-21), Martin Ittershagen (Kap. 22-24) und Ursula Schepers (Kap. 25-28) (alle aus Münster). Ihnen allen sei herzlich gedankt für ihre termingerechte und zuverlässige Arbeit. Für die Vorbereitung des Satzes und die systemmatische Bereinigung der Ungereimtheiten zeichnet dankenswerterweise Cristoforo Schweeger (Münster) verantwortlich. In Erinnerung an drei Irland-Reisen in den Jahren 1971, 1992 und 1995 sei diese Ausgabe all denen gewidmet, die durch ihre Person mein Interesse an irischer Kultur und Geschichte geweckt und wachgehalten haben.
Münster, 18. Juni 1996Jörg W. Rademacher
Die Hungersnot, von der Irland in den Jahren zwischen 1845 und 1849 heimgesucht wurde, gehört zu den traumatischsten Abschnitten der irischen Geschichte. Zugleich markiert sie eine wesentliche Zäsur in der jüngeren Vergangenheit des Landes. Dabei unterscheiden sich alle auf die Hungersnot folgenden Phasen irischer Geschichte in politischer und wirtschaftlicher sowie gesellschaftlicher Hinsicht grundsätzlich von denen, die ihr vorausgingen. Mithin hat die Hungersnot innerhalb weniger Jahre Prozesse komprimiert, die anderenfalls Generationen in Anspruch genommen hätten.
Die Konzentration der Ereignisse erzeugte ein langanhaltendes Echo, das in seiner Bedeutung über eine bloße Reaktion auf die unmittelbaren Folgen der Hungerperiode hinausging: Zu nennen sind der drastische Bevölkerungsrückgang, die verstärkte Übereignung von Land an die ehemaligen Pächter oder auch die Veränderungen im Alltag der Landbevölkerung. In der Reaktion auf die Hungersnot stellte sich letztlich auch die grundsätzliche Frage nach Macht und Regierung in Irland wieder neu.
Die direkt nach der Hungersnot im Land zutage tretenden Anzeichen für politische Agonie und Lähmung wurden jedoch erstaunlich schnell überwunden. Breite Schichten der Bevölkerung fingen an, ihrem Unmut und ihrer Unzufriedenheit öffentlich Ausdruck zu verleihen. Insbesondere auf dem Land fand der Unmut nach den Ereignissen zwischen 1845 und 1849 rasch ein Forum und ein Sprachrohr durch die Bildung der Irish Republican Brotherhood (‘Irisch-Republikanische Bruderschaft’), besser bekannt auch als Fenian Movement (‘Bewegung der Fenier’). Diese Organisation hatte sich ebenso wie die später ins Leben gerufene Irish National Land League die Abschaffung der ungerechten Besitzstrukturen zum Ziel gesetzt. In Ansätzen wurde dieser Vorsatz, nämlich eine Beteiligung der bislang mittellosen Pächter am Besitz von Grund und Boden, durch die Land Acts (‘Gesetze zur Landreform’) des englischen Premierministers William Ewart Gladstone (1809-1898) in den Jahren 1869 und 1870 in die Tat umgesetzt.
Mit der Übernahme der Forderungen der 1879 gegründeten Land League durch den protestantischen Grundbesitzer und Parlamentsabgeordneten Charles Stewart Parnell (1846-1891), der in den folgenden zehn Jahren zum Motor der irischen Politik im Unterhaus in Westminster werden sollte, ergab sich für die irischen Nationalisten die Möglichkeit, die Große Hungersnot auch politisch zu nutzen und als Vehikel zur Förderung ihrer Interessen zu verwenden. So konnten die irischen Politiker in Westminster die damit einhergehende einseitige Betrachtung der Hungersnot mit ihren für die Bevölkerung einschneidenden Folgen propagandistisch ausschlachten, und zwar unter voller Ausnutzung des auch in England vorherrschenden Eindrucks, daß der Hungerkrise in Irland seinerzeit nicht zufriedenstellend begegnet worden sei.
Die Große Hungersnot und die offensichtliche Unwilligkeit der englischen Zentralregierung, ein umfangreiches Hilfsprogramm zur Unterstützung der hungernden Menschen zu initiieren, ließen sich bequem als moralisches Argument zur Stützung nationalistischer Forderungen gebrauchen, und irische Politiker wurden lange Zeit nicht müde, das Leiden und Sterben von Hunderttausenden von Iren allein als die zwingende Konsequenz der auf Ausbeutung irischer Ressourcen basierenden englischen Politik anzusehen. So wurde die Hungersnot mit ihren zahllosen Tragödien in den Augen nachgeborener Politikergenerationen in Irland zu einem weiteren – wenn auch in diesem Ausmaß vielleicht nicht beabsichtigten – Beispiel für die Unterdrückung Irlands durch die Engländer. Daher konnte die Forderung irischer Politiker nur lauten: Home Rule, also eine weitreichende Eigenverantwortlichkeit der Iren für sich selbst unter einer von ihnen bestimmten Regierung.
Bei einer solcherart nationalistisch gefärbten Betrachtung einer zunächst menschlichen Tragödie ist es nur zu verständlich, daß Zeitzeugen wie der schottische Journalist Alexander Somerville, die einen anderen und für die Beteiligten auf irischer Seite durchaus nicht immer schmeichelhaften Standpunkt wählten, nicht gerade gerne gehört und gelesen wurden. William Smith O’Brien etwa (siehe Brief 22 und 23), noch heute als Patriot verehrt, der wiederholt gegen die unrechtmäßige englische Besatzung antrat, erscheint in Somervilles Berichten als ein Grundherr der übelsten Sorte, als einer derjenigen, die sich an der Hungersnot nur selbst bereicherten und ebender Bevölkerung ohne jedes Mitgefühl und Interesse begegneten, als deren Sprecher sie sich gleichwohl ausgaben.
Durch die Praxis gegenseitiger Schuldzuweisungen wird die historische Wahrheit zumindest vernebelt, zumal Somerville, der Irland immerhin im Auftrage einer englischen Zeitung bereiste, keine neutrale Haltung vertrat.
Es scheint mir jedoch wichtig festzuhalten, daß Somervilles Bericht damit genau in einer Zeit eine Wiederveröffentlichung erfährt, in der die irische Geschichte in all ihren Abschnitten veränderten, ‚revisionistischen‘ Fragestellungen unterworfen. Dieser Prozeß, bei dem von den Revisionisten der Versuch unternommen wird, die irische Geschichtsbetrachtung von nationalistischer Polemik zu befreien, hat in Irland zu großen geistigen Auseinandersetzungen geführt, nationale Heiligtümer ins Wanken gebracht und die einstmals messerscharfe kulturelle und rassische Abgrenzung gegenüber England gemildert.
Diese Trennung wird ohnehin zusehends als obsolet empfunden, denn Irland hat sich nach 75 Jahren als von Großbritannien unabhängiger Staat konsolidiert, sein Nationalbewußtsein gefestigt, und zudem setzt sich allgemein die Einsicht durch, daß die ungelösten Probleme mit Großbritannien – etwa die Lösung der nationalen Frage in Nordirland – nur im Einvernehmen mit dem alten Erzfeind in Angriff genommen und bewältigt werden können.
Für die Geschichtsbetrachtung bedeutet diese Veränderung der Perspektive, daß historische Phänomene nun mit hoffentlich entideologisierten und den Phänomenen angemesseneren Methoden betrachtet werden können, ohne daß man sich sofort dem Vorwurf aussetzt, anti-irisch eingestellt zu sein. Somervilles Briefe aus Irland können im Rahmen dieser Betrachtung durchaus zu einer Relativierung des einseitigen Blicks auf die Londoner Zentralregierung und ihr ausbeuterisches Verhalten sowie auf die Situation der bedauernswerten Landbevölkerung in Irland beitragen. Dabei ist auch Somervilles Sichtweise voreingenommen. Denn seine Kommentare und Anregungen spiegeln die Weltsicht eines Vertreters der frühkapitalistischen Moderne und damit einer grundsätzlich anderen Gesellschaft wider, die sich von der Subsistenzwirtschaft Irlands mit ihrem Feudalsystem weit entfernt hat. Somervilles Unverständnis gegenüber den irischen Verhältnissen erlaubte ihm nur die Wahrnehmung einzelner Phänomene der Hungersnot.
Sowohl Somervilles Berichte als auch die nationalistische Deutung der Hungersnot sind somit interessenorientierte Facetten eines größeren und komplexeren Bildes der irischen Hungersnot, das ich im folgenden darzustellen versuche.
Die im kollektiven Gedächtnis der Iren als The Great Famine aufbewahrte Hungersnot war nicht von einem einzigen Symptom ausgelöst worden; vielmehr bedurfte es einer Reihe von miteinander in Verbindung stehenden Faktoren, um derart katastrophale Zustände zu verursachen. Anlaß für die Hungersnot war dann in erster Linie eine Mißernte.
Mißernten hatte es in Irland immer gegeben, sie waren klimatisch bedingt und können seit dem achtzehnten Jahrhundert wiederholt nachgewiesen werden (1740-1741, 1745-1746, 1755, 1766, 1783, 1816-1819). Kleinere Hungersnöte, die jedes Jahr einen Teil der Bevölkerung betrafen, waren ebenfalls beinahe schon zur Normalität geworden und wurden als gottgegeben hingenommen. Die Mißernte des Jahres 1740 soll sogar mit der von 1845 vergleichbar gewesen – doch ohne deren drastische Folgen geblieben sein.
Die Große Hungersnot ist aufs engste mit den gesellschaftlichen Strukturen in Irland und dem in der Bevölkerung vorherrschenden Verständnis vom Grundbesitz verknüpft: Das vor der Besetzung Irlands durch die Engländer praktizierte System absoluter Loyalität der lokalen Könige – insgesamt gab es um die 150 solcher Fürsten – gegenüber ihren Untertanen und umgekehrt hatte zu einer Vernachlässigung der sonst in der Landwirtschaft gültigen ausgewogenen Relation zwischen Menschen und Ackerfläche geführt, wobei die Größe der notwendigen Ackerfläche keinen statischen Wert darstellt, sondern sich nach der Qualität des Bodens und des damit zusammenhängenden Ernteertrags richtet (Somerville, Brief 10).
Ein bestimmtes Stück Land konnte immer nur eine gewisse Anzahl von Menschen ernähren. Wenn der König allerdings Krieg führte – und lokale Kriege zwischen einzelnen Königen waren in Irland lange Zeit an der Tagesordnung –, dann bestand auch die Möglichkeit, die zu bestellende Ackerfläche zu erweitern und eine zahlenmäßig größere Gruppe von Untertanen des jeweiligen Königs versorgen zu können, da dessen Untertanen ja dann das hinzugewonnene Land in Besitz nehmen würden. Mit dem Einzug der englischen Besatzer im sechzehnten Jahrhundert endete zwar dieser mehr oder weniger permanente Kriegszustand zwischen kleinen Königreichen, das Land wurde befriedet und die Vorherrschaft der örtlichen Könige beendet, doch in der Bevölkerung hielten sich die althergebrachten Verhaltensweisen noch lange Zeit. Der Frieden versprach mehr materielle Sicherheit für die Landbevölkerung und eine sichere Zukunft für nachfolgende Generationen. Doch damit führte die Befriedung des Landes fast zwangsläufig zu einem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen.
Die Besatzer standen nun vor dem Problem, daß in Irland kein traditionelles Land- und Pachtrecht existierte. Dies lösten sie, indem sie ihre eigene protestantische Oberschicht mit auf die Insel brachten und das vorhandene Land an diese verteilten. Damit wurden die Iren schlagartig zu Einwohnern zweiter Klasse, die sich das Land von den neuen Grundherren pachten mußten und ansonsten in die Gegenden der Insel abgedrängt wurden, in denen es wegen der schlechten Böden sowie der übergroßen Feuchtigkeit so gut wie unmöglich war, Ackerbau zu betreiben.
Als sich um das Jahr 1620 die Kartoffel langsam in Europa verbreitete, erschien sie vielen Kleinbauern in Irland die Lösung all ihrer Probleme zu versprechen. Ursprünglich war die Kartoffel zwar in Südamerika beheimatet und somit an große Höhen und kurze Tage sowie an niedrige Nachttemperaturen und ein trockenes Klima gewöhnt, doch gedieh sie auf Grund ihrer Anspruchslosigkeit in Mitteleuropa sowie auf den nährstoffarmen Böden Irlands dank der längeren Tage und des feuchteren, aber insgesamt wärmeren Klimas um so besser.
Wie in Südamerika wurde die Kartoffel auch in Irland in Hügelbeeten angebaut. Bei diesen Hügelbeeten handelte es sich um schnell zu errichtende Pflanzgründe, die mit einem Minimum an Pflege maximale Ergebnisse versprachen; dazu entwässerten sie sich selbst und boten daher die allerbesten Voraussetzungen dafür, um selbst bei einer nur geringen Anbaufläche akzeptable Ernteergebnisse zu erzielen und relativ problemlos eine Familie zu ernähren. Infolgedessen wurden die Familien in Irland zahlenmäßig immer größer; die Gesamteinwohnerzahl der Insel stieg ständig. Für das Jahr 1660 nimmt man eine Bevölkerungszahl von ungefähr 500.000 an, knapp dreißig Jahre später hatte sie sich bereits verzweieinhalbfacht. Diese Entwicklung setzte sich kontinuierlich fort. Im Jahr 1799 begann dann die zuverlässige Ermittlung der Bevölkerungszahl: Dabei wurde eine Einwohnerzahl von 5,4 Millionen errechnet. Knapp fünfzig Jahre später, kurz vor dem Ausbruch der Hungersnot, zählte man sogar 8,2 Millionen Iren.
Zu Beginn der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts gehörte Irland mit seinen mehr als acht Millionen Einwohnern zu den am dichtesten bevölkerten Ländern Europas. Vier Fünftel der Bevölkerung lebten auf dem Lande. Zwei Drittel waren von der Landwirtschaft abhängig, deren Hauptprodukt trotz gelegentlicher Ausfälle die Kartoffel blieb. Die auf sie angewiesenen ärmeren Schichten der irischen Landbevölkerung bewirtschafteten meist kleine, von den landlords (‘Grundherren’) gepachtete Parzellen, auf denen sie in der Regel auch lebten. Zusätzlich zur Kartoffel bestand ihr täglicher Speiseplan, im Englischen als staple diet bezeichnet, maßgeblich aus Milch, Käse und Speck, wozu gelegentlich auch Fleisch hinzukam (Somerville, Brief 26).
Neben den schon genannten Vorteilen des Kartoffelanbaus versprach der Verkauf vereinzelter Produktionsüberschüsse auf den örtlichen Märkten die Linderung der finanziellen Nöte, in denen sich viele Pächter angesichts des vom Grundherrn festgelegten viel zu hohen Pachtzinses befanden.
Dieses rein kommerzielle Miteinander zwischen Grundherren und Pächtern sollte sich für das Ausmaß der Hungersnot als bedeutender Faktor erweisen. Die englische Verwaltung war jedoch schon vor den ersten Anzeichen einer Krise über das ungleiche Verhältnis im Bilde, denn Lord Devon, der Vorsitzende einer nach ihm benannten Royal Commission (‘Königliche Untersuchungskommission’), kommt in seinem Abschlußbericht schon im Februar 1845, also kurz vor dem Auftreten der Kartoffelfäule, zu dem Ergebnis, daß den irischen Grundherren jegliches Gefühl der Fürsorge für ihre Pächter fehle. Im Gegensatz zu England, wo sich der Paternalismus als für beide Seiten fruchtbar und förderlich erweise, seien die irischen Grundherren ausschließlich auf die Mehrung ihres Gewinns fixiert. Sie spielten die Pächter gegeneinander aus, um so höchstmögliche Gewinne für die zu verpachtende Parzelle zu erzielen. Meist seien die Grundherren noch nicht einmal in Irland ansässig, sondern ließen ihren Grund und Boden von Verwaltern beaufsichtigen, die dann den Pachtzins – die einzige Einkommensquelle der landlords – nach England transferierten. Die Ausbeutung der Pächter führe daher zu Lebensbedingungen unter der irischen Landbevölkerung, die kein anderes europäisches Volk zu erdulden habe, wie der Kommissionsbericht fortfährt. Viele der landlords teilten überdies ihr zu verpachtendes Land in derart kleine Parzellen auf, daß sie dem Pächter kaum das Überleben ermöglichten (Somerville, Brief 11).
Dieses Verhalten spiegelt das Fehlen einer Bindung der Grundherren an ihr Land wider. Wären Herren und Pächter gleichermaßen an ihren Grund und Boden gebunden gewesen, dann hätten beide Seiten ein Interesse an vernünftiger Bewirtschaftung und gerechter Aufteilung des Landes gehabt. In Irland aber waren die Grundherren nur mit ihren Pächtern vertraglich verbunden. Nur durch sie vermochten sie ihren aufwendigen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Somit war die Strategie der landlords offensichtlich: Durch die Aufteilung des Landes in Kleinstparzellen konnten sie ihre Einnahmen gegenüber dem Ausfall eines Pächters weitgehend absichern.
Diese Praxis mußte jedoch zur Katastrophe führen, wenn die Anbaugebiete der Kartoffel großflächig von Krankheiten betroffen wurden, denn Ausweichmöglichkeiten gab es für die Farmer nicht. Genau dieser Fall trat im Jahre 1845 ein, als erste Auswirkungen einer bislang unbekannten Pflanzenkrankheit, die zuvor schon die Kartoffelernten in Nordamerika und Mitteleuropa stark geschädigt hatte, sich auch in England und Irland bemerkbar machten.
Kartoffelkrankheiten waren eine ständige Bedrohung und tauchten in beinahe regelmäßigen Abständen auf. In Irland hatte man sich daher schon an gelegentliche Ernteausfälle gewöhnt, die etwa durch die Kräuselkrankheit, die Trockenfäule oder verschiedene Schimmelpilze hervorgerufen wurden. Die als Kartoffelfäule oder Kartoffelbrand bezeichnete Epidemie allerdings war etwas ganz und gar Unvorhergesehenes.
Bei dieser Krankheit wird die Pflanze durch einen Sporenpilz namens Phytophthora infestans befallen, der zu seiner Ausbreitung eine hohe Luftfeuchtigkeit und viel Wind benötigt. In Irland, wo selbst die Sommer mild, feucht und windig sind, fand Phytophthora infestans ideale Lebensbedingungen und konnte sich buchstäblich in Windeseile verbreiten.
Neben der Größe des befallenen Gebietes war es vor allem diese Geschwindigkeit der Ausbreitung der Pflanzenkrankheit, die Beobachtern unheimlich erschien: Reisende berichteten, daß sie im Abstand von wenigen Tagen zweimal durch dieselbe Gegend gekommen seien. Beim ersten Besuch sahen die Kartoffelfelder noch vielversprechend aus, auf der Rückreise hatten sie dann den Eindruck, plötzliche Frosteinbrüche hätten die Felder befallen – die Pflanzen waren schwarz und stanken bestialisch. Grub man die Knollen aus, so schienen sie gesund zu sein, trockneten jedoch schon nach kurzer Zeit ein, um schließlich zu verfaulen.
Da man in Irland an vereinzelte Ernteausfälle gewöhnt war, sah man seitens der englischen Verwaltung zunächst keinerlei Anlaß zu übergroßer Sorge. Die konservative Regierung unter Sir Robert Peel (1788-1850) reagierte eher routinemäßig mit dem Ankauf von Mais in Nordamerika. Dieser Import sollte die Lebensmittelpreise in Irland und im ebenfalls betroffenen England stabilisieren. Die Soforthilfe vermochte für den kommenden Winter das Schlimmste zu verhindern und ersparte der Bevölkerung den Hungertod.
Im Frühjahr 1846 wurden die Maßnahmen der Regierung allgemein als erfolgreich anerkannt. Selbst das von Daniel O’Connell (1775-1846), dem Politiker, der 1829 im Unterhaus die Emanzipation für die irischen Katholiken erreicht hatte, herausgegebene Blatt Freeman’s Journal, welches gemeinhin kein gutes Haar an der Regierung ließ, konnte nur den Erfolg der von Peel in die Wege geleiteten Hilfsmaßnahmen herausstreichen. Die Lage verschlimmerte sich erst im Laufe dieses Jahres, denn zusätzlich zu den noch in viel größerem Umfang auftretenden Ernteausfällen konnten die Farmer nun kaum noch auf eigene Rücklagen zurückgreifen, denn sie hatten in der Hoffnung auf eine bessere Ernte sogar große Teile ihres Saatgutes bereits im vorangegangenen Jahr verspeist. So verschärfte sich die Krise bei der Versorgung mit Lebensmitteln auf dramatische Weise, denn auch der internationale Handel war mangels Produktionsüberschüssen in anderen Erzeugerländern nicht in der Lage, eine Hungersnot solch großen Ausmaßes schnell zu lindern.
In der Folge kam es zu einer ganzen Reihe von Protestaktionen und kleineren Aufständen, bei denen sich die Pächter gegen ihre Grundherren auflehnten, wenn diese sich weigerten, ihren Anteil zu den von der Regierung ergriffenen Hilfsmaßnahmen beizusteuern. Der Protest hatte aber auch einen weitergehenden Hintergrund, richtete er sich doch ebenso gegen die weiterhin erfolgenden Exporte von irischem Getreide nach England. Obwohl wiederholt nachgewiesen wurde, daß die von Irland exportierten Mengen im Verhältnis zu den Importen vernachlässigenswert waren und darüber hinaus ja irischen Händlern ihre Einkommensquelle erhielten, diente die Fortsetzung des Exports irischen Getreides in den Jahren nach 1849 nationalistischen Kreisen immer wieder als Argument, um die ausbeuterische Grundhaltung Englands, als dessen Repräsentanten die protestantischen Grundherren angesehen wurden, zu veranschaulichen. In Wirklichkeit aber bewirkte der Export irischen Getreides den Erhalt der Handelsstrukturen und sorgte gleichzeitig für eine Stabilisierung der Finanzen des Staates, der diese Einnahmen dringend zur Fortsetzung der Hilfsmaßnahmen benötigte. Außerdem sollte man nicht vergessen zu erwähnen, daß Irland zu jener Zeit, seit der Zollunion von 1801, zusammen mit Schottland, Wales und England einen gemeinsamen Markt bildete; von einem Export von Getreide ins Ausland kann daher nicht die Rede sein.
Der Fortgang der englischen Hilfsleistungen für die irische Bevölkerung wurde in den Folgejahren stark von der englischen Innenpolitik geprägt: Premierminister Robert Peel erkannte, daß die angesichts der für das Jahr 1846 erneut bevorstehenden Mißernte in Irland weiterhin zu leistende Unterstützung mit Nahrungsmitteln eine erhebliche Belastung der Staatsfinanzen darstellen würde, zumal der Ankauf von Getreide aus dem Ausland durch hohe Einfuhrzölle zusätzlich verteuert werden würde. Diese Zölle hatten ursprünglich dazu dienen sollen, die englischen Farmer vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen; in diesen Zeiten großer Not jedoch war diese Argumentation nicht mehr stichhaltig. Die Zölle bewirkten lediglich eine unverhältnismäßige Verteuerung von Getreide im Vereinigten Königreich.
Daher sah sich Peel genötigt, im Unterhaus die Abschaffung (repeal) der Korngesetze, der sogenannten corn laws, zu betreiben. Dieses Ansinnen wiederum beschwor den Zorn und Protest der Grundherren herauf, die ihren Besitzstand gefährdet sahen. Über die Abschaffung der corn laws, die Peel tatsächlich noch erreichte, und den Erlaß von Notstandsverordnungen zur wirkungsvolleren Bekämpfung der Hungersnot in Irland kam es zur politischen Zerreißprobe und letztlich zum Sturz der Regierung.
Doch auch die Abschaffung der corn laws konnte keine große Linderung der Not bewirken, denn auf dem internationalen Markt gab es einfach kein Korn zu kaufen. Überdies hätte es den irischen Farmern ohnehin am nötigen Geld gefehlt, denn in Irland herrschte Subsistenzwirtschaft. Gemessen an englischen Verhältnissen betrug die in Irland im Umlauf befindliche Geldmenge pro Kopf der Bevölkerung lediglich ein Fünftel.
Peels Nachfolger als Premierminister war John Russell (1792-1878). Als Whig und Liberaler verstand er unter Wirtschaft etwas grundsätzlich anderes als sein konservativer Vorgänger. Seine als Laisser-faire bezeichnete Haltung basierte im Kern auf dem Prinzip der Selbstregulierung der Marktkräfte durch die Eigeninitiative der Beteiligten und lehnte demzufolge Interventionen der Regierung ab. Für die notleidende irische Bevölkerung bedeutete diese Position eine Verschlimmerung ihrer Lage, zumal Russell davon überzeugt war, daß die Nahrungsmittelzuwendungen der Regierung der irischen Bevölkerung jeglichen Antrieb nehmen würden, zur Selbsthilfe zu greifen.
Besonders die von Peel für die irische Bevölkerung in die Wege geleiteten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erregten das Mißfallen Russells. Sie waren von Peel auf der Grundlage eines Gesetzes aus dem Jahr 1838 ins Leben gerufen worden, wonach jeder, der staatliche Hilfe in Anspruch nahm, dafür arbeiten mußte. In Irland kam es daraufhin zu großflächigen Bauvorhaben, den famine works, in deren Verlauf in ganz Irland Straßen befestigt und Steinmauern errichtet wurden. Allerdings hatte auch Peel bald erkennen müssen, daß diese Politik mit ihrem Ziel, den Empfängern von Almosen dabei zu helfen, ihr Gesicht und ihren Stolz zu wahren, nicht durchzuhalten war, denn die von der Hungersnot Entkräfteten waren rasch viel zu schwach für jedwede körperliche Arbeit.
Doch nicht nur der Hunger ist als Grund für den Mißerfolg dieser Maßnahmen zu nennen, sondern auch die Verbreitung von epidemischen Krankheiten und Seuchen unter der geschwächten Bevölkerung. Insbesondere Typhus und von Läusen übertragene Fieberkrankheiten geißelten die irische Bevölkerung in starkem Maße. Die Armeen von Bettlern, die nun allenthalben die Straßen Irlands bevölkerten und in der Hoffnung auf Hilfe von Dorf zu Dorf zogen, sorgten für eine flächendeckende Verbreitung der Epidemien sogar bis in die von der eigentlichen Hungersnot am wenigsten betroffene nordöstliche Region Irlands, also bis ins industriell geprägte Belfast.
Das ohnehin nur rudimentär vorhandene Gesundheitssystem in Irland war diesen Herausforderungen in keiner Weise gewachsen, und bald fehlte es nicht nur an Medikamenten und Unterbringungsmöglichkeiten für die zu Tausenden herbeiströmenden bedauernswerten Kreaturen, sondern auch an Transportmöglichkeiten, um Hilfe aus anderen Landesteilen oder gar aus England herbeizuschaffen (Somerville, Brief 3 und 4). Die fehlende Infrastruktur trug ihren Teil zur Schaffung jener grotesken Situation bei, in der sich rund um die Krankenhäuser und medizinischen Hilfseinrichtungen wilde Lager von Hilfesuchenden bildeten, denen weder ärztliche Hilfe noch ein Dach über dem Kopf angeboten werden konnte.
Die beklagenswerte Situation der hungernden Menschen verschlimmerte sich noch weiter, als sich der Wirtschaftsliberalismus der Regierung Russell durch die völlige Einstellung der staatlichen Lebensmittelzuwendungen bemerkbar machte. Diese Politik Russells beinhaltete neben dem Verzicht auf jedwede Einschränkung der industriellen Expansion ebenfalls den Rückzug staatlicher Leistungen aus einst beinahe selbstverständlichen Bereichen wie der staatlichen Fürsorge. Diese Zuwendungen wurden durch das Prinzip der Hilfe durch Selbsthilfe ersetzt. Auf die Hungersnot in Irland angewandt vertrat man in London die zynische Auffassung, daß staatliche Zuwendungen ohne Gegenleistungen nur die Eigeninitiative der Betroffenen lähmen würden. Da das frühkapitalistische England mit seinen guten Erwerbschancen in der expandierenden Industrie aber kaum mit den agrarisch-feudalen Gesellschaftsstrukturen Irlands zu vergleichen war, bedeutete die Übertragung dieser Prinzipien des Wirtschaftsliberalismus für viele der hungerleidenden Pächter das Todesurteil.
Ein Umdenken in dieser Frage setzte erst ein, als die Ernteergebnisse im Jahre 1846 tatsächlich katastrophal ausfielen. Im Verlauf eines besonders feuchten Sommers hatte sich der Sporenpilz über die ganze Insel verbreiten können und natürlich die vorher schon benachteiligten agrarisch geprägten Gebiete im Westen doppelt getroffen. In ihrer Not hatten die Menschen selbst die letzten Reste des Saatguts für das kommende Jahr verzehrt. Dazu kam, daß die von Russell verstärkt zur Bekämpfung der Hungersnot aufgerufenen Grundherren sich dieser Aufforderung zur Mithilfe widersetzten.
Dabei war der so oft hervorgehobene Egoismus der landlords sicherlich der wichtigste Faktor für ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft, denn das vorrangige Interesse der meisten Grundbesitzer war die finanzielle Ausbeutung ihres Besitzes. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber den auf ihrem Land lebenden Pächtern paarte sich nicht selten mit der Zurückweisung jeglicher Verantwortung für die hungernde Landbevölkerung, die als Teil des auszubeutenden Landes angesehen wurde. Es gab zwar, wie auch Somerville berichtet, einige Grundherren, die ihr eigenes Vermögen zur Linderung der ärgsten Not der Pächter auf ihrem Grund einsetzten, doch sie waren seltene Ausnahmen. Zudem waren deren finanzielle Rücklagen nach einem weiteren Totalausfall der Pachteinnahmen nun ebenfalls aufgezehrt.
Die Katastrophe nahm angesichts des auf das Erntejahr 1846 folgenden ungewöhnlich langen und kalten Winters apokalyptische Züge an. Selbst Russell mußte nun erkennen, daß eine nennenswerte Linderung der Not nurmehr mit Mitteln aus der Staatskasse zu bewerkstelligen war.
Die Not hielt die Menschen nicht mehr in ihren Siedlungen; eine Wanderungsbewegung setzte ein: Hunderttausende schnürten ihre Habseligkeiten in ein Bündel und strebten in die nächstgrößeren Städte. Ihre Hoffnung auf verstärkte Hilfeleistungen dort, an den Quellen staatlicher Zuwendungen, endete häufig in Obdachlosigkeit und Tod. Unmittelbare Folge dieser Migration war das Anwachsen der Slumgürtel um die Städte. Mit der Erkenntnis, daß auch die Städte keine sichere Zuflucht boten, überschritt die Wanderungsbewegung nun die Grenzen der Insel.
Damit begann während der Hungersnot ein Prozeß der ethnischen Auszehrung, der sich in abgeschwächter Form bis heute fortsetzt. In den Jahren nach 1847 emigrierte jährlich etwa eine Viertelmillion Menschen aus Irland. Die meisten wandten sich zunächst nach England; von dort ging es dann weiter in die Neue Welt, hauptsächlich nach Nordamerika und (seltener) nach Australien. Die Auswandererschiffe erhielten bald den Beinamen coffin ships (‘Sargschiffe’), denn Unterbringung und Versorgung an Bord waren so schlecht, daß viele der meist völlig mittellosen Passagiere schon die Überfahrt nicht überlebten.
In Irland selbst nahm die Tragödie unvermindert ihren Lauf: Die Regierung unter John Russell stellte die Fürsorgeleistungen im Frühjahr 1847 erneut ein und übertrug die Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung nunmehr vollständig der irischen Verwaltung im Dublin Castle. Deren finanzielle Ausstattung war jedoch den auf sie zukommenden Belastungen bei weitem nicht mehr gewachsen, da die Abgaben der Grundherren als Haupteinnahmequelle schon im Vorjahr ausgefallen waren. So gaben die Grundbesitzer den Druck der gnadenlosen Politik Russells unvermindert an die Pächter und Kleinbauern weiter: Es kam zu großangelegten Vertreibungen säumiger Pächter und der nachfolgenden Übergabe des Landes an noch zahlungsfähige Interessenten. Die ehemaligen Pächter waren bei diesem Vorgang gänzlich rechtlos und mußten die Zerstörung ihrer Wohnstätten durch von der bewaffneten Polizei eskortierte Vollstreckungskommandos tatenlos mit ansehen (Somerville, Brief 13).
Meist stellten diese von den Grundbesitzern eingesetzten Gruppen Rammböcke, sogenannte battering rams, an einer Längsseite eines Pächterhauses auf. Die rams bestanden aus einer dreibeinigen Konstruktion, von deren Spitze ein Seil herabhing, an welchem ein waagerecht angebrachter Baumstamm mit einem stählernen Kopf befestigt war. Dieser Baumstamm wurde wie eine Abrißbirne in eine Schaukelbewegung versetzt, bis er mit großer Wucht die Mauer des Hauses durchschlug, auf diese Weise die aus Holz und Stroh bestehende Dachkonstruktion zum Einsturz brachte und das Haus letztlich unbewohnbar machte. Zur Mittellosigkeit gesellte sich bei den bedauernswerten Familien nun also die Obdachlosigkeit.
Zwar wurde diese Praxis nicht von allen Grundbesitzern angewandt – es gab, um auch dies zu erwähnen, landlords, die nach Aufzehrung ihres Vermögens das Schicksal der Armut mit ihren Pächtern teilten –, doch waren die Zwangsräumungen (evictions) so weit verbreitet, daß sie sich als traumatisches Erlebnis im kollektiven Gedächtnis des irischen Volkes niederschlugen und sich drei Generationen später nach der Unabhängigkeit Irlands in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts in der Vertreibung von Teilen der landed gentry (‘Landadel’ meist protestantischer Konfession) und der Zerstörung ihrer herrschaftlichen Häuser wiederholen sollten.
Insbesondere die geschilderten Ereignisse des Jahres 1847 waren in idealer Weise dazu angetan, die nationalistische Argumentation über Unterdrückung und Ausbeutung, Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit zu stützen. So entstand das lange vorhaltende Gefühl, die Große Hungersnot sei von der englischen Besatzungsmacht geschickt zur Knebelung der irischen Bevölkerung und ihres in der katholischen Emanzipationsbewegung unter Daniel O’Connell zwischen 1823 und 1845 propagierten Rechtsempfindens benutzt worden. In dieses Bild fügte sich die in Einzelfällen aufgetretene gewaltsame Verteidigung von Lagerhäusern gegen hungrige Iren durch englische Soldaten harmonisch ein.
Unterdessen hatte die Hungersnot ein derartiges Ausmaß erreicht, daß sich auch die Vereinigten Staaten von Amerika, nicht zuletzt auf Druck der weiter in großer Anzahl einwandernden Iren, zu massiven Hilfeleistungen entschlossen. Gegen den anfänglich erbitterten Widerstand der Regierung Russell und als Folge internationalen Drucks auf England konnten große Mengen Nahrungsmittel nach Irland eingeführt werden. Diese Hilfe wurde nicht nur von staatlichen amerikanischen Stellen finanziert und organisiert, sondern auch durch die in den USA stattfindenden Sammlungen karitativer Verbände ermöglicht. Insbesondere die Quäker leisteten in dieser Hinsicht Bedeutendes durch die Einrichtung von Armenspeisungen. Ihre Hilfe hatte bereits früher als die staatliche amerikanische Intervention eingesetzt: Die Zeitung Cork Examiner meldete schon im Jahr 1846 die Aufstellung der ersten Suppenküchen durch die Quäker (Somerville, Brief 5 und 8).
Zweifellos linderte die amerikanische Hilfe die Tragödie, die sich in Irland abspielte, erheblich und milderte die Folgen der auch in den Jahren bis 1850 katastrophal bleibenden Ernteergebnisse. Gleichzeitig war diese Hilfe ohne Zweifel auch dazu gedacht, die ständig steigende Flut irischer Einwanderer in die USA einzudämmen.
Irland bot nach den Jahren der Mißernten ein Bild der Verwüstung und der Trostlosigkeit: Ganze Landstriche waren nun verwaist, Ortschaften unbewohnt und dem schnellen Verfall preisgegeben. Die Bevölkerungszahl hatte sich zwischen 1841 und 1851 von nahezu 8,2 Millionen auf 6,2 Millionen verringert. In diesem Zeitraum emigrierten eine Million Menschen, eine weitere Million fiel der Hungersnot und den sie begleitenden Seuchen und Krankheiten zum Opfer (man geht für 1845, das Jahr, in dem die Hungersnot ausbrach, von einer Bevölkerungszahl von 8,5 Millionen aus).
Die Auswirkungen für die weitere Entwicklung Irlands und auch für die in der Folgezeit einsetzenden mannigfachen Bestrebungen, die Unabhängigkeit von England zu erreichen, waren gewaltig: Der bis heute ungebrochene Trend zur Emigration, vor allem in die USA, ließ transatlantische Kontakte entstehen, derer sich Nationalisten auf beiden Seiten des Ozeans immer wieder verläßlich bedienen konnten. Die in den USA lebenden Iren, die häufig ein romantisch verklärtes Bild ihrer Heimat kultivierten, unterstützten viele nationalistische Gruppen in der alten Heimat sowohl ideologisch als vor allem auch finanziell, die ohne solche Hilfeleistung den Kampf um die Unabhängigkeit gar nicht hätten durchhalten können. Die Exiliren bildeten ein schier unerschöpfliches Reservoir an Beistand und ein nicht zu überhörendes Echo für jede Art nationalistischer Äußerung.
In Irland selbst setzten sich weitreichende Veränderungen der agrarischen Ordnung durch; bis zum Ende der fünfziger Jahre ging ein Drittel der Grundfläche in Irland in andere Hände über. Die Diskussion um die Landfrage verhalf Organisationen wie der Land League zu einem großen Widerhall in der meist ländlichen Bevölkerung, so daß nationalistische Kreise bald nicht mehr nur mit der gerechteren Aufteilung von Grund und Boden zufriedenzustellen waren, sondern auch gesellschaftliche und politische Umgestaltungen anmahnten. Das Aufkommen der Forderung nach Home Rule und die politischen Erfolge eines Charles Stewart Parnell in den achtziger Jahren sind ohne die Hungersnot und ihre Auswirkungen nicht zu erklären. Die traumatischen Erlebnisse zwischen 1845 und 1850 brachten aber nicht nur das Interesse der Bevölkerung an einer Umgestaltung der politischen Strukturen mit sich, sie bedeuteten auch eine Radikalisierung der Methoden, diese Ideale in die Tat umzusetzen.
Daniel O’Connell hatte sich mit seiner Bewegung noch im Rahmen der von den Besatzern vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten bewegt; die nach der Hungersnot auf den Plan tretenden Politikergenerationen indes stellten die Rechtmäßigkeit des gesamten Apparates in Frage.
Bedeutete die Hungersnot für die irische Bevölkerung eine Art Stimulans gegenüber politischen Fragen und ein Ende der kritiklosen Akzeptanz der sozialen Ordnung, so bedeutete sie für die Iren mit ihren volkstümlichen Traditionen, der Reichhaltigkeit vornehmlich oraler Kunsttraditionen wie Musik und Dichtung und nicht zuletzt auch für die irische Sprache selbst zugleich einen nicht wieder gutzumachenden Verlust. Mit der massenhaften Emigration von Iren gerade aus den westlichen Provinzen des Landes, in denen die irische Sprache sich noch einer gewissen Verbreitung erfreute und täglich benutzt wurde, verschwand die Sprache mit den Menschen (Somerville, Brief 23).
Bereits vor der Hungersnot war die irische Sprache ein soziales Stigma, danach wurde sie vollends zum Symbol von Hunger, Leiden und gesellschaftlichem Mißerfolg. Der Wunsch nach einer Verbesserung der eigenen Lage war bald untrennbar mit der Beherrschung der englischen Sprache verbunden.
Weniger global, für die demographische Entwicklung der irischen Bevölkerung jedoch nicht minder signifikant, war die auf die Hungersnot folgende Veränderung des Erscheinungsbildes der agrarischen Gesellschaft. Die bisherigen klein parzellierten Hofstellen, die das Überleben der sie bewirtschaftenden Familien nur mühsam gewährleisteten, wurden auf Grund der massenhaften Emigration durch Familienbetriebe mittlerer Größe ersetzt. Die Anzahl der Hofstellen mit Anbauflächen von weniger als fünf Acres sank kontinuierlich, während die Anzahl der Betriebe mit mehr als dreißig Acres sprunghaft zunahm. Die Pächter konnten somit der Kartoffelmonokultur den Rücken kehren, Vieh halten und in günstigen Lagen sogar Getreide anbauen.
Wegen der traumatischen Erfahrungen während der Hungersnot veränderte sich auch die Familienplanung. Nach der Hungersnot heiratete man erst wesentlich später und hatte demzufolge weniger Kinder. Das Modell der vor der Hungersnot üblichen Großfamilie verschwand mehr und mehr und wurde durch kleinere Familien ersetzt, die ihre Hofstellen mit Hilfe von Tagelöhnern bewirtschafteten. Auch der gänzliche Verzicht auf Heirat und Familie war nun zunehmend zu beobachten.
Diese in allen Gesellschaftsschichten Irlands zu konstatierende fundamentale Veränderung bewirkte natürlich ebenfalls eine Wandlung in der Geisteshaltung der Bevölkerung. Die vormals mehr oder weniger als schicksalhaft anerkannte und damit unangreifbare Vormachtstellung der englischen Administration und der von ihr eingesetzen Oberschicht war endgültig dahin; man begann in Irland die Errungenschaften der katholischen Emanzipationsbewegung O’Connells mit dem offensichtlich absolut katastrophal verlaufenen Krisenmanagement der englischen Regierung zu verknüpfen und politische Forderungen zu stellen.
Sicherlich läßt sich das Ende der Hungersnot nicht als die Geburtsstunde revolutionärer Bewegungen in Irland bezeichnen, deren einziges Ziel die völlige Unabhängigkeit von England gewesen wäre, doch entstand durch die Ereignisse zwischen 1845 und 1849 zweifellos ein Forum, innerhalb dessen die Iren, in Westminster durch ihre Abgeordneten vertreten, die Möglichkeit erhielten, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen und einem doch erstaunlich weitreichenden Verständnis auf englischer Seite zu begegnen. Bis zum Sturz Parnells im Jahre 1890, seinem Tod am 6. Oktober 1891 und der damit einhergehenden einstweiligen Aussetzung politischer Bemühungen um eine relative Unabhängigkeit Irlands war die Irish Parliamentary Party (‘Irische parlamentarische Partei’) in Westminster das Forum, in dem sich die einsetzende Politisierung der irischen Bevölkerung manifestierte. Danach war es die kulturnationale Bewegung mit ihrem seit der Gründung der Gaelic League (‘Gälische Liga’) im Jahre 1893 unternommenen Versuch, die irische Sprache wiederzubeleben und die volkstümlichen Traditionen, die Musik und die Literatur zu erneuern, um dadurch zu einer genuin irischen Mentalität – wesensmäßig von der englischen verschieden – zu gelangen. Spätestens mit dem Auftreten von eigentlich zur protestantischen Oberschicht gehörenden Literaten wie W. B. Yeats (1865-1939) und Lady Gregory (1852-1932), die ihre Werke fast gänzlich in englischer Sprache verfaßten, war die Irish Literary Renaissance oder das Irish Literary Revival (‘Irische literarische Renaissance’ oder ‘Erneuerung’) eine volkstümliche und allen Schichten der irischen Bevölkerung zugängliche Bewegung geworden.
All diese nationalistischen Äußerungen, die ihren Höhepunkt letztlich im Osteraufstand des Jahres 1916 sowie drei Jahre später im Anglo-Irischen Krieg (1919-1921) mit der anschließenden Unterzeichnung eines bilateralen Vertrages, der zu der angestrebten Unabhängigkeit Irlands im Dezember des Jahres 1921 führte, wären ohne das Ereignis der Großen Hungersnot von 1845 bis 1849 zwar grundsätzlich denkbar gewesen, nicht jedoch zu einem solch frühen Zeitpunkt. Die Hungersnot war somit ein Katalysator auf dem Weg zur Bildung einer irischen Nation.
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Nach meiner Ankunft in Dublin verbrachte ich den ersten Tag damit, mich bei den Hilfskomitees zu erkundigen, und zwar bei dem für Dublin und dem für Irland insgesamt zuständigen. Man verwies mich an die Inspektoren für die Armen, die es in den verschiedenen Kirchengemeinden auf sich nehmen, jeweils eine Woche lang die Wohnungen der zahlreichen Hilfsbedürftigen aufzusuchen. Auch sah ich mir einige der ärmsten Bezirke der Stadt und die Anlegestellen an, wo gerade Schiffe entladen wurden, die Lebensmittel gebracht hatten, sowie die Büros einiger Personen, die im weitesten Sinne mit dem Eisenbahnbau im Landesinnern in Verbindung stehen.
Darüber hinaus habe ich mehrere der Streitschriften gelesen, die auf die aktuelle Krise in Irland Bezug nehmen und in den Dubliner Buchhandlungen zahlreich zum Verkauf ausliegen.
Für eine dieser Schriften, überschrieben mit dem Titel Darstellung der irischen Frage, von Robert Holmes, Esq., warben sogar Plakate in allen Straßen. Sie kostete zwei Shilling, und da ich bei mir dachte, daß man zwei Shilling auch schlechter anlegen könne, als sich dafür eine ‘Darstellung der irischen Frage’ zu kaufen, trennte ich mich von ihnen. In der Schrift hieß es, Robert Holmes, Esq. sei ein Barrister mit langjähriger Erfahrung und ein fähiger Mann. Er sei der Schwager des berühmten Robert Emmet. Nie habe jemand Irland besser gekannt oder mehr geliebt. So wurde ich um so begieriger, Holmes’ Darstellung der irischen Frage zu lesen. Wenn ich nun jedoch sage, daß Nero, der Geige spielte, als Rom ein Opfer der Flammen wurde, einer ganz ähnlichen Beschäftigung nachging wie Mr. Holmes, wird man meine Aussage verstehen. Aber selbst das Geigenspiel ließe sich noch entschuldigen, wenn Nero weder etwas für Rom übrig gehabt noch sich jemals für diese Stadt ausgesprochen hätte. Mr. Holmes indes behauptet, Irland läge ihm am Herzen, und doch fiedelt er dem Land sentimentale Melodien ins Ohr, während es zur gleichen Zeit vor die Hunde geht. Er kontrastiert die Großzügigkeit, mit der Rom seine eroberten Provinzen behandelte, mit der Vorgehensweise Englands gegenüber den von ihm eroberten Ländern im allgemeinen und Irland im besonderen. Wer aber in dieser Streitschrift nach einem einzigen praktischen Vorschlag oder auch nur dem Symptom eines praktischen Gedankens sucht, wird sie vergeblich lesen und wieder lesen. Sie ist nur lang, wortreich, beredt und nutzlos.
Ganz anders hingegen eine Streitschrift mit dem Titel Betrachtungen hinsichtlich der Nachteile, die Irland aus der Unsicherheit der Besitzansprüche und der existierenden Eigentumsgesetze erwachsen, sowie einige Vorschläge, um Abhilfe zu schaffen. Zwar wird der Name des Autors nicht genannt, doch glaube ich, daß es sich bei dem Verfasser um Mr. Pym handelt. Hier nun einige Auszüge, in denen er die irische Frage darstellt:
„Grundherr – Sein Anspruch ist zweifelhaft oder so schwer zu beweisen, daß der Verkauf von Eigentum erschwert wird.
Pächter – Er hat keinen Pachtvertrag oder einen, der so hoch dotiert ist, daß er auf Grund seiner permanenten Zahlungsrückstände fortwährend damit rechnen muß, auf die Straße gesetzt zu werden.
Grundherr – Sein Grundbesitz ist mit hohen Hypotheken belastet oder unterliegt einem Wittum oder den Zahlungsverpflichtungen gegenüber jüngeren Familienmitgliedern. Sein nominelles Einkommen reicht daher kaum je aus, um auch nur den jährlichen Forderungen der Gläubiger nachzukommen, so daß es dem Grundherrn an Kapital ermangelt, um seinen Besitz instandzuhalten.
Pächter – Er hat einen Pachtzins zu entrichten, der ihm alles nimmt, was über das Existenzminimum hinausgeht, so daß er nichts in seinen Hof investieren kann.
Grundherr – Da er seinen Grundbesitz als unveräußerliches Gut geerbt hat oder durch Übereinkünfte eng daran gebunden ist, hat er nur ein Nießbrauchrecht auf Lebenszeit. Daher ist er auch nicht geneigt, Geld für Instandsetzungsarbeiten auszugeben, die ihm keinen unmittelbaren Gewinn versprechen.
Pächter – Da er keine Eigentumsgewißheit hat, wird er natürlich weder Arbeit noch Geld investieren, für die er keine unmittelbare Gegenleistung zu erwarten hat.“
Auf einer früheren Irlandreise (im Jahre 1843; A.d.Ü.) habe ich selbst festgestellt, daß die hier geschilderten Umstände überall vorherrschen. Und allerorten zeigen sich damals wie heute die natürlichen Folgen einer solchen Situation. So wird Mr. Pym zufolge „ein von Natur aus fruchtbares Land fast nie verbessert, und wenn überhaupt, dann nur zur Hälfte kultiviert. Die Weiden werden nicht trockengelegt, und die sich selbst überlassenen Flüsse treten über die Ufer und verwandeln gutes Land in einen Sumpf. Dem Wildwuchs überlassene Hecken und brachliegende Flecken verschandeln das Antlitz des Landes. Heu und Getreide sind auf Grund unzureichender Schutzmaßnahmen den Unbilden der Witterung ausgesetzt. Auch werden weite Landstriche, die man bebauen könnte, in ihrem wilden Urzustand belassen oder so schlecht bestellt, daß sie wenig mehr als Ödland sind.“
Wie dem auch sei, kommen wir zur Sache. Zwar bin ich gerade erst in Irland angekommen, aber ich habe das Land schon in früheren Zeiten bereist und mich dabei eingehend mit dem Zustand seiner Landwirtschaft befaßt, sowie damit, warum letztere so darniederliegt. Das einzige, was hier Abhilfe schaffen könnte, wäre die parlamentarische Verabschiedung eines Gesetzes, durch das endlich der Verkauf von Land gestattet würde. Vorübergehend besteht die Notwendigkeit, die darbende Landbevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, was ebenfalls unverzüglich zu gewährleisten wäre. Tatsächlich übersteigt das Ausmaß an geleisteter Hilfe alles, was in der Geschichte der Nationen bisher bekannt geworden ist. Aber selbst diese Hilfe ist nicht mehr als ein vorübergehender Notbehelf. In Irland müssen Maßnahmen getroffen werden, die ebenso dauerhaft wie umfassend Abhilfe schaffen können, und die erste dieser dauerhaft wirksamen Maßnahmen hat dafür zu sorgen, daß die Übertragung von Land erleichtert wird. Fortan muß es in Irland möglich sein, Grundbesitz jeder Art zu verkaufen. Erst dann wird auch Kapital ins Land fließen, mit dem der Grund und Boden verbessert werden kann, nicht eher. Sobald man nach kommerziellen Prinzipien Ländereien kaufen und verkaufen kann, wird man es auch in gleicher Weise verpachten. Vielleicht ist es noch etwas gewagt zu sagen, daß das Gesetz, das die Vererbung von Land als unveräußerlichem Gut vorsieht, abgeschafft werden muß. Aber ich bin sicher, daß Irland wohl kaum vor der periodischen Wiederkehr der schrecklichen Hungersnöte oder vor der Fortsetzung jenes immerwährenden schmutzigen Elends gefeit sein wird, bevor dieser Schritt vollzogen ist. Und jetzt ist die Zeit gekommen, ihn zu vollziehen.
„Dieses fruchtbare, aber vernachlässigte Land“, so lese ich in der vor mir liegenden Streitschrift, „wird von finanziell gebeutelten Edelleuten besetzt gehalten, die nichtsdestoweniger darauf bedacht sind, sich die soziale Stellung zu erhalten, die ihnen nach ihrem nominellen Einkommen zusteht, sowie von armen Pächtern, die sich übermäßig stark vermehren, sich gegenseitig in einem ruinösen Wettstreit um Grund und Boden überbieten und schließlich zu gesetzloser Gewalt greifen, um damit das einzige Mittel zu behalten, das ihnen das Überleben sichern kann. Die Friedvollen und Arbeitsamen unter ihnen ziehen sich jährlich zu Tausenden vom Schauplatz dieses Wettstreits zurück, um in den Wäldern Amerikas ihre Intelligenz und Energie einzusetzen, die unter günstigeren Umständen ihr eigenes Land um ein glückliches und unabhängiges Bauerntum verstärkt hätte.“
Der finanziell nicht gebeutelte Grundherr eines unveräußerlichen Grundbesitzes steht nach Pym wie folgt da: „Er ist nicht der wirkliche Eigentümer und kann mit dem Land nicht wie ein Eigentümer verfahren. Er ist lediglich ein Treuhänder für andere. Er hat kein Interesse an einer zukünftigen, wenn auch dauerhaften Verbesserung des Landes, außer in dem Maße, wie er seine Erben zu begünstigen wünscht. Nie kann er den Gewinn für sich reklamieren. Er kann das Land nicht verkaufen, sich auch nicht von einem Teil desselben trennen, selbst wenn die Veräußerung eines Teils den Wert des verbleibenden Landes um ein Vielfaches steigern würde. Er hält das Land auf Lebenszeit, ganz genauso wie sein Vorgänger: unverändert, ohne es zu verbessern, um es seinem Erben zu übertragen, der von den gleichen Einschränkungen blockiert wird, die gleichermaßen schädlich für ihn selbst wie für Irland sind.“
So viel zum Grundherrn ohne finanzielle Sorgen. Hier nun schildert uns Pym die Lage eines Grundherrn, dessen unveräußerlicher Grund und Boden zu allem Überfluß auch noch verschuldet ist: „Wie so oft hat er zu seinem Unglück einen Besitz übernommen, der einer Übereinkunft unterliegt, einem Wittum zugunsten der Witwe des verstorbenen Besitzers sowie einer Bestimmung zugunsten der Töchter und jüngeren Söhne. Es ist kaum vorstellbar, in welchen Schwierigkeiten er sich sofort befindet – dieser Eigentümer auf Lebenszeit, Eigentümer eines großen Landstrichs mit vielen Pachtzinsforderungen, denen jedoch ein faktisch kleiner Besitz gegenübersteht! Er kann seine soziale Stellung nicht halten, ohne mehr Geld auszugeben, als er einnimmt. Seine Schulden wachsen. Er nimmt Hypotheken auf sein Land auf und schließt eine Lebensversicherung zugunsten des Hypothekengläubigers ab. Natürlich kann er es sich nicht leisten, Geld in die Verbesserung von Grund und Boden zu investieren. Im Gegenteil, ihm muß, obwohl er eigentlich von Natur aus ein freundlicher und gerechter Mensch ist, den praktischen Nöten gehorchend jedes Mittel recht sein, um seine Pachteinnahmen zu steigern. Der höchste Betrag ist ihm gerade gut genug. Er verpachtet an den Meistbietenden ohne Rücksicht auf dessen Charakter und die Art der Bezahlung. Wenn seine Pächter durch keinen Vertrag an ihn gebunden sind, erhöht er den Pachtzins. Wenn der Vertrag ausläuft, kann er es sich nicht leisten, dem letzten Pächter den Vorzug zu geben. Vielleicht ist der Eigentümer schließlich trotz aller Anstrengungen nicht imstande, die Zinsen zu bezahlen oder seine Gläubiger hinzuhalten. Gerichtsverfahren werden gegen ihn angestrengt, und sein Grund und Boden verfällt noch zu seinen Lebzeiten dem denkbar schlechtesten Eigentümer, einem Konkursverwalter des Court of Chancery.“
Verkaufte man die unveräußerlichen Güter, dann würden die Erbteile der jüngeren Söhne zweifellos öfter aus einer Ausbildung zum Geschäftsmann und den Geldmitteln zur Ausübung eines solchen Berufes bestehen, und seltener aus einer Summe Geldes, um ein feuriges Jagdpferd zu kaufen, wie es noch immer üblich ist. Der bloße Name eines Schlosses, in dem ein Bruder wohnt, und ein großer Landstrich, der den Namen dieses Bruders als den des Grundherrn trägt, ist schon trügerisch genug für das Leben der jüngeren Familienmitglieder, während der Schloßbesitzer selbst zu gar nichts nütze ist. Wenn er sein Anwesen an diejenigen verkaufen könnte, die es seinen natürlichen und der Nation dienlichen Zwecken zuführen würden, dann hätte er auch das Geld, um ein kleineres Gut zu kaufen, dieses zu bestellen und mit Gewinn zu bewirtschaften, oder um die Branche zu wechseln oder seinen Söhnen eine Ausbildung zum Geschäftsmann zu ermöglichen. Sind er und die Angehörigen seiner Rasse etwa zu stolz, um Geschäftsleute zu sein, nur weil sie unveräußerlichen Grund und Boden ihr eigen nennen? Wenn das so ist, dann müssen sie aufhören, die Oberhäupter eines Volkes im Fideikommiß gefangener Bettler zu sein, wie auch immer sie das bewerkstelligen. Sie müssen einfach etwas tun. Der fruchtbare Boden Irlands und die Millionen von Menschen, die auf ihm leben, müssen nicht für immer und ewig der Kartoffelfäule und dem Hunger anheimfallen, nur damit die Erben unveräußerlicher Ländereien sich weiterhin als Grundbesitzer verkleiden und vorgeben können, daß sie in Schlössern leben.
Auf diesen Punkt werde ich fürs erste nicht weiter eingehen. Was die unmittelbaren Bedürfnisse der Bauern angeht, habe ich hiermit die dringlichsten genannt. Dabei urteile ich nicht auf Grund der Menschenmassen, die ich auf den Straßen und öffentlichen Plätzen betteln sehe. Diese Leute gab es in Irland schon immer zuhauf. Aber ich habe Menschen getroffen, die nicht hauptberuflich für Zeitungen schreiben – Geschäftsleute, die kürzlich im Westen und Süden Irlands gewesen sind und die behaupten, daß die Darstellung des Elends in den Zeitungen keineswegs übertrieben ist. Die Menschen verhungern wirklich. Es wird meine Aufgabe sein, dies im Detail zu schildern, sobald ich damit konfrontiert werde. In der Zwischenzeit möge sich keine helfende Hand zurückhalten, weil sie dem Eindruck unterliegt, daß das Ausmaß des Elends übertrieben worden sei.
Die Präsenz der Polizei zählt zu den ersten Dingen, die einem aufmerksamen Fremden wie mir in Irland ins Auge stechen. Ich halte inne und sehe mich um, denn die Polizei ist in jedem Teil der Insel, in jedem Dorf und sogar auf den Äckern, an der Meeresküste sowie auf den kleinen vorgelagerten Inseln zu finden. Diese Polizisten tragen eine dunkelgrüne Uniform und sind bewaffnet; auffällig ist, daß sie bis an die Zähne bewaffnet sind. So tragen sie Gürtel und mit Patronen gefüllte Beutel, kleinkalibrige, Karabiner genannte Schußwaffen und Bajonette sowie Pistolen und Schwerter. Der einzige Unterschied zwischen den Polizisten und den regulären Soldaten besteht darin, daß die Soldaten nicht ständig geladene und schußbereite Gewehre und Pistolen mit sich führen, nicht immer Bajonette in ihren Gürteln tragen und nicht immer Schwerter zur Hand haben. Die irische Polizei jedoch tritt ihren Dienst niemals ohne einige dieser Ausrüstungsgegenstände an.
Im Phoenix Park in Dublin dient eine große Kaserne samt Exerzierplatz einzig und allein der Ausbildung dieser bewaffneten Polizisten. Aus dieser Kaserne werden die Polizisten dann in die Provinzen abberufen, sobald sie gelernt haben, Gewehre schußbereit zu machen, zu laden und abzufeuern, Bajonette zu befestigen und zum Sturmangriff anzusetzen, aber auch zu exerzieren und weiteres mehr. Sie werden dann im Dutzend oder im halben Dutzend über das Land verteilt, oder man läßt sie in solchen Gruppen ausschwärmen.
Folgendes war mir darüber hinaus früher schon in Irland als bemerkenswert aufgefallen: Der Pachtzins wurde für gewöhnlich über den Sheriff, seine Offiziere und die Sachwalter eingetrieben, die gewissermaßen so in den Besitz von Schweinen und Kartoffeln, Getreide und Kühen versetzt wurden und denen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe wiederum die bewaffnete Polizei zu Hilfe kam. Das gepfändete Eigentum wurde danach von demjenigen verkauft, der vom Grundbesitzer oder von seinem Verwalter zu diesem Zwecke bestimmt worden war. Es war somit selbst für einen einfachen Landarbeiter rechtens, als Auktionator aufzutreten, wenn es so angeordnet wurde. Für gewöhnlich war der Verwalter des Grundbesitzers selbst der Käufer des gepfändeten Gutes. Zumindest lief es am Ende darauf hinaus. Dieser gelangte somit rechtmäßig durch Verpfändung und mit Hilfe der bewaffneten Polizei in den Besitz der Ernte und versandte sodann das Getreide, die Schweine, die Kartoffeln oder worum es sich sonst noch handeln mochte, in eine Hafenstadt, damit die Güter nach England verschifft werden konnten. Unmittelbar nach der Ankunft in England wurden die Waren veräußert. Der Grundherr erhielt somit seinen Pachtzins durch den Verkauf der Güter in England, nicht jedoch dadurch, daß sie in Irland versteigert wurden. Die Menschen in England waren ihrerseits erfreut darüber, daß aus Irland so große Mengen an Lebensmitteln zu ihnen herüberkamen, obwohl sie sich oftmals wunderten, warum die Menschen in Irland selbst so schlecht genährt seien, wie es in Berichten hieß, wenn sie doch zur gleichen Zeit so viele Nahrungsmittel nach England schickten. Diese Lebensmittel verließen Irland auf dem von mir beschriebenen Wege. Einige Grundherren und einige ländliche Bezirke mochten davon vielleicht ausgenommen sein, aber im Süden und Westen Irlands sowie in den meisten Grafschaften in den Midlands wandte man diese Methode seit langem an, um sowohl die Pachtzinsen einzuziehen als auch Güter nach England zu exportieren.
Wenn ein Fremder sich weit genug ins Land vorgewagt hatte und auch schon lange genug in ihm verweilte, um das System des Verpfändens der Ernte zu verstehen, dann konnte er nicht umhin zu sehen, daß die Menschen in einem Ausmaß verelendet und zerlumpt waren, wie er es in noch keinem anderen Land gesehen hatte. Auch war nicht zu übersehen, daß die Menschen zusammen mit ihren Schweinen untergebracht waren, wobei die Schweine nichts Besseres hatten als ihren Koben, und daß die Menschen sich von Kartoffeln ernährten, und zwar lediglich von so vielen, wie übrigblieben, nachdem die Ernte zwecks Einziehung des Pachtzinses gepfändet worden war. Da gab es ferner den ganzen Stab von Offizieren des Sheriffs, Sachwaltern und Anwälten, die Vollstreckungsbescheide ausstellten, Gebühren für diese Bescheide einzogen, zu denen sich dann auch noch die Anwälte hinzugesellten, die für die Gegenseite arbeiteten und ihrerseits den Pächter dazu drängten, Widerspruch einzulegen und Widerstand zu leisten. All dies diente nur dazu, dem armen Mann das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es mußte zusätzlich zum Pachtzins aufgebracht werden, wobei dieser durch den Verkauf der Ernte zu Preisen finanziert wurde, die der Kontrolle des Pächters entzogen waren. So ist es auch kein Wunder, daß die irischen Pächter immer schon arme Hungerleider waren oder vor dem Verhungern nur durch eine armselige, aus Kartoffeln bestehende Nahrung gerettet wurden. Gleichzeitig dachten aber jene, die irisches Getreide, Vieh und irische Schweine nach England kommen sahen, die Iren müßten doch gut genährt sein, wenn sie so viel für den Export erübrigen konnten.
