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Kann man sich wirklich vorstellen, wie es sich anfühlt, als Schiri vor 50.000 Menschen im Stadion und Millionen am Bildschirm eine Entscheidung treffen zu müssen? Sie haben eine Sekunde Zeit und einen Puls von 140, weil Sie schon 80 Minuten lang hin und hergelaufen sind und gerade einen langen Sprint hingelegt haben. Gelobt werden Sie ganz selten, meistens von allen beschimpft und nicht selten beleidigt. Oder stellen Sie sich vor, ein Amateurspiel zu pfeifen, ganz allein, ohne Linienrichter, ohne irgendein technisches Hilfsmittel. Meinen Sie nicht auch, dass man dafür ganz schön irre sein muss? Zu allem Unglück liegen Schiedsrichter mit ihren Entscheidungen oft daneben. Sogar der VAR macht Fehler, die kein Fan nachvollziehen kann. Woran liegt das? Dieses Buch liefert eine Menge auf amüsante Weise eine Menge ernsthafter und wissenschaftlicher Erklärungen.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bernd Huck
Irren ist Schiri. Schiris sind irre.
Entscheidend ist auf‘m Platz.Und im Keller.
Irren ist Schiri. Schiris sind irre.
Warum es so gut wie unmöglich ist, 90 Minuten perfekt zu pfeifen.
von Bernd Huck
Da der größte Teil der Schiedsrichter männlichen Geschlechts ist, wird zur Vermeidung der doppelten Nennung männlicher und weiblicher Formen die männliche Sprachform gewählt. Dies dient der besseren Lesbarkeit. Zudem macht es für dieses Buch keinen Unterschied, ob es sich um Schiedsrichterinnen oder Schiedsrichter handelt. Die durchaus interessante Frage, ob Schiedsrichterinnen oder Schiedsrichter die besseren Unparteiischen sind, wird in diesem Buch nicht behandelt.
1. Auflage 2025Alle Rechte vorbehalten.Texte: © 2025 by Bernd HuckUmschlaggestaltung: © 2025 by BK [email protected] Huckc/o Becker & Huck GmbHAntonio-Segni-Str. 444263 DortmundHerstellung: epubli – ein Service der epubli GmbHKöpenicker Straße 154a10997 BerlinKontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:[email protected]
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort
Einstieg
Schiedsrichter waren schon immer schlecht
Wie die Schiedsrichter ins Spiel kamen
Das Problem der subjektiven Wahrnehmung
Bias – die wundervolle Welt der Denkfehler
Wer wird eigentlich Schiedsrichter?
Wie wird man Schiedsrichter?
Welche psychische Disposition ist Voraussetzung?
Das Gruselkabinett – ein paar der miesesten Fehlentscheidungen
Was muss ein Schiedsrichter eigentlich tun?
Wie viel verdient ein Schiedsrichter?
Die Relation Schiris zu Athleten und andere Aspekte
So funktioniert die Schiedsrichterbewertung
Ex-Profis als Schiedsrichter
Das Schiedsrichterwesen und seine Chefs
Der manchmal merkwürdige VAR
Gewalt gegen Schiedsrichter
Der Schiedsrichter – ein Popstar?
Das Wichtigste zum Schluss?
Ein Pfiff wie eine Symphonie. Ein Laufweg wie ein meisterhafter Pinselstrich. Entscheidungen von der Klarheit eines Gebirgsbachs. Und von einer salomonischen Gerechtigkeit. Und dieses souveräne Auftreten! Und das bei jedem Spiel, wirklich jedem. Ein Traum von einem Schiedsrichter.
Aber eben nur ein Traum. Schiedsrichter liegen in jedem Spiel oft daneben, wenn es darauf ankommt. Und dann noch diese nur zu oft unfähigen VARs. Sich irren und danebenliegen hat ein Synonym: Schiris.
Aber: Die Schiedsrichter können es gar nicht besser machen. Sie sind ganz allein auf einem großen Platz mit lauter jüngeren Spielern, unterliegen allen menschlichen Schwächen und leisten immer mehr, als erwartet werden darf. Was trotzdem geleistet wird, ist irre!
Welchen Absatz würden Sie unterschreiben? Oder finden Sie alles falsch oder alles richtig?
Dieses Buch wurde geschrieben, weil die Schiris nicht selten unerträglich schlecht performen. Es wurde aber auch geschrieben, um für Verständnis für die Schiedsrichter zu werben. Um Erklärungen zu finden. Um die Bedingungen zu skizzieren, die sie vorfinden. Und die sie sich zum Teil selbst geschaffen haben.
Warum aus den meisten von uns (eigentlich allen) keine Ronaldos oder Messis geworden sind, ist leicht zu verstehen. Zu wenig Talent. Nicht genug Willen. Zu wenig Training. (Und vielleicht widrige Umstände, die es einfach nicht zuließen, ganz nach oben zu kommen.) Früher oder später akzeptieren die meisten, dass es mit der Profikarriere nichts wird.
Ganz anders denken viele über die Rolle des Schiris. Wenn wir wollten und uns nur ein wenig anstrengen würden, dann wären wir bestimmt die besseren Schiedsrichter.
Nun, glauben Sie das nicht auch?
Falls Sie jetzt „na klar“ gedacht haben: Ob Sie das nach der Lektüre dieses Buches auch noch glauben?
In jedem Fall viel Spaß beim Lesen.
Wer einmal in den Bann der Fragen um das Dasein eines Schiedsrichters, insbesondere eines Fußballschiedsrichters, geraten ist, wird schnell feststellen, dass die Antworten von Angehörigen aus allen gesellschaftlichen Bereichen und Vertretern jeder denkbaren Profession gegeben werden. Das Interesse an der Spezies Schiedsrichter ist scheinbar so groß wie der Fußball selbst. Auf eine seltsame und geradezu geheimnisvolle Weise übt die Thematik eine ungeheure Anziehungskraft aus. Schiedsrichter sind Gegenstand für Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen und Forschungsrichtungen mit unzähligen Studien.
Für die Fans sind Männer und Frauen mit der Pfeife eine Variable, deren absoluter Wert nach Belieben definiert werden darf. Für die Medien stehen sie meistens ungeliebt, aber als beliebig bewertbar dem beliebten und oftmals gehässigen Kommentar näher als dem schnöden, sachlichen Bericht.
Für die Amateurvereine sind sie notwendig, und schützen vor Geldstrafen, wenn es genügend von ihnen gibt. Für die Profi-Clubs sind sie Amateure. Auf Literaten wirkt die Zunft seit jeher wie ein Magnet für sprachliche Fingerübungen, deren Inhalt auch schon mal den Eindruck erweckt, als sei eine persönliche Abrechnung entstanden.
Eine der zentralen Fragen ist: Was bewegt einen Menschen dazu, die Zeit seiner besten Jahre auf Sportplätzen zu verbringen, um dennoch niemals Applaus zu erhalten? Rennen, ohne jemals an den Ball zu kommen. Niemals ein Tor zu schießen, nicht einmal einen pfiffigen Pass in die Tiefe des Raumes zu spielen, kein noch so unbedeutendes gewonnenes Kopfballduell? Kein Beinschuss, um den Gegner zu brüskieren, kein eigener Jubel vor der Tribüne und keine bewundernden Blicke von den Massen in den Stadien. Nichts davon.
Niemals für eine große Darbietung ein unbeeinträchtigtes Lob, denn die Kritiker sind sich niemals einig. Es sollen jedoch auch schon Schiedsrichter gelobt worden sein.
Die Kritik am Schiri beginnt früh. Der junge Nachwuchs mit seinen wildgewordenen Müttern und Vätern, die übermotivierten Trainer und Betreuer und im oberen Bereich die ungehobelten Profis und die fanatischen Anhänger schütten kübelweise ihren spontanen Ärger aus, lautstark, gestenreich, manchmal berechnend, doch meistens unbedacht, jedenfalls respektlos allemal.
Manche sagen, Schiris seien Masochisten. Aber auch ehrgeizig, neidvoll oder machtbewusst, profilneurotisch, ahnungslos, allmächtig. Sie werden gehasst, verwunschen und verflucht. Es sei kein Kraut gewachsen gegen sie, sagen manche. Sie wären die unvermeidbare Flatulenz beim großen Fressen, die mit einer selbstherrlichen Freude am Desaster einen herrlichen Geschmack mit dem schmerzvollen Gestank der tosenden Verwesung ungenießbar macht.
Sie sind der eine Ring, sie alle zu knechten.
Vielleicht ist es auch anders. Es gibt Menschen, die halten Schiris für idealistisch, hilfsbereit, rechtschaffen. Der Schiedsrichter als ein geschundenes Wesen: Schon früh begreifend, dass seine Rolle nicht die des Torjägers sein würde, nicht mal die des Torhüters, übrigens sein engster Verwandter im Spiel, mit dem er die Einsamkeit teilt und das Anderssein. In der frühen Entwicklungsphase junger Menschen werden die Weichen gestellt: Bei dem einen sind es die dürren, zerbrechlichen Beinchen, bei dem anderen das sich entwickelnde Übergewicht. Bei wieder anderen das nerdhafte, kauzige Auftreten und eine grundsätzliche Inkompatibilität zum Rest der Gruppe. Früher konnten die Eigentumsverhältnisse helfen, doch seit ein Ball kein seltenes Gut mehr ist, hilft auch kein Ballbesitz, wenn Mitspielen unerwünscht ist.
Wer dennoch dabeibleiben will, muss sich umorientieren. „Wir Schiedsrichter spielen nicht, sondern wir sorgen dafür, dass die anderen spielen“, sagte der glatzköpfige Superstar unter den Schiedsrichtern, Pierluigi Collina. Irgendwann soll er ergänzt haben: „Ich halte mich für den wichtigsten Mann auf dem Platz.“1
Ob das Spiel selbst auch einen Schiedsrichter unvermeidbar anzieht? Oder ist es die einzige Option zur Heilung einer offenen Wunde? Profane Rache an den Spielmachern von damals und heute und in alle Zeiten? Oder sind es bereits die Gene, die alles vorbestimmt haben? Jedenfalls wird manch einer zum Schiedsrichter wider besseres Wissen, dabei fast immer mangels geeigneter Alternativen.
Das heißt nicht, dass Schiedsrichter per se Dummköpfe sind. Oder vollkommen talentfrei auf anderen Gebieten. Manche der Schiedsrichter, die in der Bundesliga pfeifen, sind Lehrer, Pianisten, Juristen, Bankkaufleute, Zahnärzte. Ein paar haben sogar einen Doktortitel. Sie wollen aber im Fußballgeschäft eine Rolle einnehmen, sind aber für die Hauptrolle nicht geeignet.
Der eigentliche Hohn ist, dass Schiedsrichter nicht Teil des Spiels sind, sondern jedes Mal eine andere unvollkommene Voraussetzung zum Spiel darstellen. Dabei ist ihre Rolle so angelegt, dass sie über das Wohl und Wehe ihres Daseins, das Richtig oder Falsch bei ihrer eigenen Leistung in jedem Spiel, nicht selbst in vollem Umfang bestimmen können. Es sind natürliche physiologische Grenzen oder – besonders perfide – technische Unschärfen, ausgerechnet dann, wenn Präzision versprochen wird. Sind die Spieler geneigt, sich sauber, sportlich und fair zu verhalten, hat der Schiri wenig Auftritte und hat dadurch weitgehend alles richtig gemacht. Dann fällt er nicht besonders auf, auch wenn der Grad des Auffallens nur ein bedingt geeignetes Kriterium für die Schiedsrichterleistung ist. Sind die Spieler es nicht, entsteht automatisch eine gewisse Meinungsvielfalt über die Entscheidungen und das grundsätzliche Leistungsvermögen des Schiedsrichters, auf dem Platz, auf den Zuschauerrängen und in den Medien.
Es ist eine unglückselige Melange an Gründen, die es unmöglich macht, in jedem Spiel gleichbleibend gute Schiris und positiv bewertete Schiedsrichterleistungen zu erwarten.
An jedem Wochenende ist es bei genauerer Betrachtung deshalb nur vordergründig erstaunlich, wie schlecht die Schiedsrichter pfeifen. In allen Ligen. Wie oft sie mit ihrer Einschätzung einer Situation danebenliegen. Oftmals braucht es keinen Videobeweis, um zu erkennen, dass viele Entscheidungen in einem Spiel schlicht falsch sind. Das ist trotz allem umso erstaunlicher, weil mittlerweile ein hoher Aufwand betrieben wird, um gut ausgebildete Schiedsrichter in die Spiele zu senden. Aber es geht nicht nur um die falschen Entscheidungen, es geht auch um die grundsätzliche Haltung der Schiedsrichter. Auch: um ihre Würde.
Es ist erschütternd, was sich die Schiedsrichter gefallen lassen. Auch dann, wenn das Regelwerk mehr an Reaktion auf das ungebührliche Verhalten der Spieler und größeren Widerstand gegen die ihnen entgegengebrachte Impertinenz hergeben würde. Sie lassen sich bedrängen, beschimpfen, erlauben eine verachtende Körpersprache, bei der wegwerfende Handbewegungen noch das Harmloseste sind. Da hüpfen junge Burschen wütend vor ihnen herum und lassen keinen Zweifel daran, dass sie nicht den geringsten Respekt vor dem Schiri und seiner Entscheidung haben. Alles in allem sind sie wunderbare Vorbilder für jeden Nachwuchskicker, der in bester Bandura-Weise2 am Modell lernt und schon in der frühesten Jugend die Nadel auf seinem Verhaltenskompass ständig in Bewegung hält.
Genauso erschütternd ist allerdings auch das Auftreten von manchen Schiedsrichtern, die mit dummstolzer Überheblichkeit besonders bei Spielen im Jugend- und Amateurbereich eine herrgottgleiche Spielleitung abliefern, gespickt mit überzogenen und falschen Entscheidungen, die gerade jungen Leuten den Spaß am Fußball verderben können.
Ganz nüchtern betrachtet: Manche Schiedsrichter sind dem Spiel nicht immer gewachsen. Sie sind schlicht zu schlecht, auch, weil sie nicht besser sein können. Sie haben keine einheitliche Linie. Nicht in Deutschland, nicht international. Auch, weil sie unterschiedlich gut sind. Oder schlecht. Das immerhin ginge etwas besser, aber niemals perfekt. Eine der wichtigen Fragen, die in diesem Buch behandelt werden, lautet: Warum sind Schiris so schlecht? Und weitere Fragen: Was können die Schiedsrichter selbst dafür? Welchen Anteil hat das Regelwerk? Stinkt hier der Fisch vom Kopf her? Und immer wieder: Was sagt die Wissenschaft dazu?
Es ist in vielen Spielen der Profiligen geradezu unerträglich, in welcher hohen Zahl krasse Fehlentscheidungen getroffen werden. Und das nicht nur vom Schiedsrichter, der ja fast immer eine Situation beurteilen muss, wenn er sie ein einziges Mal live gesehen hat, sondern auch von den Videoschiedsrichtern (VAR), die sich eine Szene mehrfach ansehen können, aus verschiedenen Winkeln und in Zeitlupe. Es ist vorgekommen, dass sich der VAR plötzlich meldete, um einen spielentscheidenden Elfmeter zu verhängen, wegen einer Szene, die beide Mannschaften, beide Trainer, sämtliche Zuschauer im Stadion und Millionen vor den Fernsehapparaten trotz Wiederholung anders beurteilten. Und der leitende Schiedsrichter folgte der Empfehlung, deren Motivation niemand nachvollziehen konnte. So etwas sollte, auch wenn Fußball sehr komplex ist, nicht vorkommen.
Genauso ist es vorgekommen, dass sich der VAR nicht gemeldet hat, um eine vom Schiedsrichter übersehene Situation so zu bewerten, wie sie es verdient gehabt hätte. Der übertragende TV-Sender zeigt die Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln und in Zeitlupe, so dass sich jeder ein Bild machen kann. Das sollte ein VAR dann auch können. Es wurde spekuliert, ob der VAR abgelenkt oder betrunken war oder schlicht schon nach Hause gegangen sein könnte. Oder ob die Technik versagt hat. Oder ob er möglicherweise ahnungslos oder parteiisch sei. Oder bestechlich, wenn jemand wirklich böse denkt und Böses unterstellt. Wenn wir aber diese allesamt hämischen Begründungen, die in der Regel keine sachliche Grundlage haben, an die Seite schieben: Woran liegt es wirklich?
Für alle, die selbst Fußball spielen oder gespielt haben, die das Geschehen auf einem Fußballplatz schon häufiger bis oft verfolgt haben und die für sich in Anspruch nehmen, das Spiel einigermaßen gut verstanden zu haben, also quasi für alle, sind diese Situationen nur sehr schwer auszuhalten.
Natürlich nimmt jeder (oder zumindest die meisten) für sich in Anspruch, ein Experte zu sein. Am Stammtisch sitzen lauter Bundestrainer, warum auch nicht? Das ist schließlich eine der reizvollen Seiten des Fußballs. Jeder, der mal in der Kreisliga C ein paar Minuten mitspielen durfte, ist ja automatisch irgendwann ein ehemaliger Fußballer und weiß genau, wovon er redet. Jeder, der mal in einem Stadion ein Spiel verfolgt hat, weiß es auch. Genau genommen auch alle anderen. Die Hürde zum Expertenstatus ist kaum existent. Manchmal weiß es jemand übrigens tatsächlich. Manchmal aber auch nicht.
Der Unterschied ist, dass der Experte nur kommentiert, ein entsprechend ausgebildeter Schiedsrichter aber entscheidet.
Dabei ist besonders bemerkenswert, dass es häufig um Verhaltensweisen geht, wie sie in den unteren Ligen in dieser Form nicht möglich wären. Alles, was in den Profiligen passiert, wird in den unteren Ligen abgebildet. Abgesehen davon, dass in den oberen Ligen besser gekickt wird. Für einen besonderen Torjubel braucht es kein besonderes Talent. Das kann leicht imitiert werden, schließlich machen es die Profis ja meistens auch irgendwem nach. Serge Gnabry freut sich nach jedem Tor so sehr, dass es aussieht, als rühre er in einer Kaffeetasse die Milch um. Es soll aber ein Kochtopf sein und bedeuten, dass er etwas ganz heißes angerührt hat und der Chefkoch ist. Die Cooking-Geste hat er von NBA-Star James Harden geklaut, der diese Geste ab und zu zeigt, wenn er besonders viele Punkte geworfen hat.
Weil nicht nur die Gesten nach einem Tor übernommen werden, sondern auch die Gesten nach einer unzufriedenstellenden Einscheidung des Schiris und auch andere Nickeligkeiten und Unsportlichkeiten, sind die Amateurschiedrichter gar nicht glücklich damit, dass die Profivorbilder nicht immer gute Beispiele sind.
Dabei heißt es ja, in den unteren Ligen leben die Schiedsrichter auch noch gefährlich. Ja, das ist in einigen Fällen leider richtig und die Zahl der physischen Angriffe wird größer. Bei der extrem hohen Zahl der Spiele in den unteren Ligen ist das erfreulicherweise zwar eher selten. Wobei jede einzelne Übergriffigkeit zu viel ist. Da muss gegengesteuert werden. Aber es ist eindeutig festzustellen, dass sich die Schiedsrichter in den unteren Ligen häufig viel eher am Regelwerk orientieren, als das im Profifußball der Fall ist. Erstaunt Sie das nicht auch?
Aber das ist nur ein ganz kleiner Punkt, der erstaunlich ist. Richtig ist, dass in den Profiligen und auch in den unteren Ligen manchmal furchtbare Dinge geschehen. Zu diesen Vorkommnissen kommen wir später auch noch. Und zum Thema objektive Wahrnehmung und ihre natürlichen Grenzen. Und zur helfenden Technik. Und zu allem anderen.
Stimmt das? Nehmen Sie die Überschrift bitte als Arbeitsthese, aber setzen Sie noch zwei Wörter davor. Hier die Auswahl:
a: Fast alle
b: Die meisten
c: Nur einige
d: Sehr wenige
Für welche Formulierung hätten Sie sich entschieden?
Sie haben für a entschieden? Oh je, Sie müssen wirklich schlimme Erfahrungen gemacht haben. Denn die meisten neigen vermutlich eher zu b, um Sachlichkeit und Differenzierungsfähigkeit zu demonstrieren. Wer sichergehen will, wählt c, denn das ist quasi wertfrei, weil statistisch sehr wahrscheinlich richtig, und wer sich für d entschieden hat, ist entweder selber Schiedsrichter oder eine Art harmoniebedürftiger Schönwetterfan, jedenfalls kein hartgesottener Allesgucker. Oder doch?
Sie sehen, wie subjektiv schon eine einfache Bewertung sein kann, wie unmöglich ein „richtig“ oder „falsch“ damit wird.
Ein Regelwerk sollte ja eigentlich in der Lage sein, dem gedienten Zweck hilfreiche und vor allem eindeutige und reproduzierbare Bewertungen zu ermöglichen. Der Schiedsrichter soll dafür sorgen, dass sie eingehalten werden. Das ist im Fußball nicht immer der Fall. Dazu ein paar Beispiele. Zunächst eine harmlose Situation, die nur sehr selten spielentscheidend ist, bei der es eigentlich nur ums Prinzip geht. Im Profibereich wird ein falscher Einwurf kaum noch abgepfiffen. Selbst dann nicht, wenn ein an Bewegungslegasthenie leidender Alien, der gerade im Stadion gelandet ist und noch nie in seinem Leben einen korrekten Einwurf gesehen hat, den Ball irgendwie aufs Spielfeld befördert.
Der Schiri pfeift nicht, vermutlich weil es den Spielfluss stört. Das ist natürlich richtig, und das sogar grundsätzlich, weil es eigentlich auch gar nicht entscheidend ist, dass ein Einwurf korrekt ausgeführt wird. In den unteren Ligen, nicht nur im Jugendbereich, wird ein falscher Einwurf jedoch fast immer geahndet. Bei einem korrekten Einwurf muss der Spieler mit seinem Gesicht dem Spielfeld zugewandt sein. Und in dem Moment, in dem er den Ball wirft, müssen beide Füße den Boden außerhalb des Spielfeldes berühren. Klingt gar nicht so kompliziert, ist es aber scheinbar. Häufig sieht man Spieler, die nicht mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, man sieht Spieler, die den Ball in Bewegung einwerfen und deshalb zwangsläufig nicht beide Beine am Boden haben, man sieht mehr oder weniger einarmig ausgeführte Weitwürfe. Dann sieht man gelegentlich, dass ein Ball gar nicht geworfen wird, sondern einfach nur fallen gelassen wird. Und nicht zuletzt sieht man sehr häufig, dass der Spieler den Einwurf nicht an der Stelle ausführt, an der der Ball das Spielfeld verlassen hat. Dabei sagt die Regel 15 der offiziellen DFB-Regeln, dass der Ball „mit beiden Händen von hinten über den Kopf“ eingeworfen werden muss, und zwar direkt dort, wo der Ball das Spielfeld verlassen hat.
Haben die Schiedsrichter in den unteren Ligen etwa die Regeln intensiver studiert oder haben sie einen stärkeren Erziehungsauftrag? Natürlich nicht. Oder glauben die Schiedsrichter im Profibereich, dass es gar nicht mehr notwendig ist, solche Kinkerlitzchen und Kleinigkeiten zurückzupfeifen? Ja, das tun sie. Das wäre ja grundsätzlich in Ordnung. Aber dann sollte die Regel modifiziert werden. So wie die Regel, die für den Torwart gilt. Und wie lange er den Ball in der Hand halten darf. Die ist sogar verändert worden.
Regel 12.2 besagte, dass ein indirekter Freistoß zu verhängen ist, wenn ein Torwart den Ball „mehr als sechs Sekunden lang mit der Hand/dem Arm kontrolliert, bevor er ihn freigibt“. In Wirklichkeit schien es diese Regel im Profibereich nicht zu geben. Vielleicht, weil es für Schiedsrichter sehr schwierig ist, mitten in einer hektischen Begegnung in aller Ruhe von eins bis sechs zu zählen. Zur Saison 2025/26 wurde die Regel adaptiert. Die neue Torwartregel besagt, dass ein Torwart den Ball nicht länger als acht Sekunden in der Hand halten darf, bevor er ihn wieder freigeben muss. Bei einem Verstoß gegen die Regel wird anstelle eines indirekten Freistoßes ein Eckball für das gegnerische Team verhängt. Der Schiedsrichter zählt die letzten fünf Sekunden des Countdowns mit der Hand herunter, um die Zeit anzuzeigen. Die Regel soll das Zeitspiel im Fußball verringern und das Spieltempo insgesamt erhöhen. Klingt widersinnig. Sind denn sechs Sekunden nicht weniger als acht? Eigentlich hätte es gereicht, die bestehende Regel einfach mal anzuwenden.
Regeln werden ständig verändert, auch dazu später mehr. Die Regeln des Spiels haben eine wichtige Bedeutung, sie sind geradezu mitverantwortlich für den Erfolg des Fußballs. Das bedeutet, dass sie so schlecht nicht sein können. Sie funktionieren weltweit, egal in welcher Liga, egal in welchem Alter.
Denn einer der wichtigsten Punkte ist: Die Regeln gelten für alle. Das war immer ein Schlüssel für den Erfolg des Fußballsports. Natürlich gibt es einige Dinge, die im Amateursport nicht umgesetzt werden können, die aber im Profibereich in Ordnung sind. Dazu zählen zum Beispiel das „magische Auge“ und die Torlinientechnik, die automatisiert überprüfen kann, ob der Ball die Linie überschritten hat. Dazu zählt vor allem seit einiger Zeit der VAR, der Videoschiedsrichter, der natürlich in den unteren Ligen nicht zum Einsatz kommt. Diesen Aufwand könnte ja niemand bezahlen. Auch auf den VAR werden wir noch häufiger zu sprechen kommen.
Oder die Regelung zum Handspiel. Es ist nur sehr schwer vermittelbar, dass dieselbe Aktion gepfiffen wird, wenn sie der Angreifer ausführt, aber nicht gepfiffen wird, wenn sie der Verteidiger ausführt. Das ist schon im Ansatz ein schwerer Verstoß gegen das, was den Fußballsport zu einer der beliebtesten Sportarten auf dem Planeten gemacht hat: einfache Regeln, die jeder schnell versteht, die ein Höchstmaß an Gerechtigkeit garantieren, allerdings immer ein Mindestmaß an Fairplay benötigen.
Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass im tiefen unteren Bereich, damit sind die Kreisligen gemeint, keine neutralen Linienrichter vorhanden sind. An der Linie stehen stattdessen Vertreter der jeweiligen Mannschaften, in der Regel jeweils ein Betreuer, der lediglich anzeigen soll, ob der Ball die Linie überquert hat und wer zuletzt am Ball war. Es ist jedoch nicht selten, dass Schiedsrichter auch darauf verzichten, weil sie häufiger eine Parteilichkeit der handelnden Personen erleben mussten. Deshalb entscheiden Sie lieber selbst, wer den Einwurf ausführen darf. Und natürlich gibt es in den unteren Ligen auch keinen vierten Schiedsrichter.
Was es aber gibt, ist das Regelwerk des Fußballs. Das sollte für alle Fußballspiele gleich sein. Überall. Weltweit. Wenn also ein Spieler in der unteren Liga zum Schiedsrichter „Du Penner“ sagt, dann erhält er zwangsläufig die Rote Karte. Wenn ein Spieler im Profibereich den Schiedsrichter beleidigt, sollte er also auch die Rote Karte erhalten. Das ist aber nicht immer der Fall. Hier sagen sich die Schiedsrichter: „Es geht um so viel, es sind so viele Emotionen im Spiel, dass ich nicht auf alles eingehen sollte, was ich aufschnappe. Da höre ich einfach mal weg. Sollen sich die Spieler doch auch abreagieren dürfen, ohne gleich dafür bestraft zu werden. Sind ja Profis, ist ja ihr Beruf.“ Aber: In den unteren Ligen hingegen ist eine Rote Karte garantiert. (Es sei denn, der Spieler hat zum Schiedsrichter „Du Penner“ in einer Sprache gesagt, die der Schiri nicht versteht.)
Ein weiteres Beispiel. Wenn ein Spieler im Amateurbereich ein Foulspiel begeht, sagen wir, es wäre ein absichtliches Vergehen und von hinten in die Beine des Gegenspielers, und der Ball war eigentlich auch schon zwei Meter entfernt, dann kann er ziemlich sicher sein, dass der Schiedsrichter eine Rote Karte zückt. Im Profibereich zücken die Schiedsrichter häufig genug nur die Gelbe Karte, weil sie das Foulspiel als ein taktisches Foul bewerten und weil sie sich ohnehin davor scheuen, zu viele Rote Karten zu zeigen. Bei manchen Schiedsrichtern hat man ohnehin den Eindruck, dass sie sich vor einem Spiel fest vorgenommen haben, ohne eine Gelbe Karte und erst recht ohne eine Rote Karte auszukommen. Bereits diese Absicht wäre grundsätzlich nicht regelkonform, denn ein Schiedsrichter kann schließlich nicht wissen, was im Spiel passieren wird, und seine Aufgabe ist es, neutral und regelgerecht darauf zu reagieren und entsprechend zu handeln.
Noch ein Beispiel. Das Wegschießen eines Balles, nachdem ein Schiedsrichter einen Freistoß gepfiffen hat, ist übrigens auch nicht regelkonform und deshalb strafbar. Und nebenbei auch nervig. In allen anderen Sportarten reagieren die Schiedsrichter reflexartig geradezu allergisch darauf, wenn ein Spieler den Spielball blockiert, wegschießt oder wegwirft. Handballer beispielsweise müssen den Ball sofort auf den Boden legen, und zwar senkrecht nach unten. Im Fußball ist das nicht so. Da kann ein Spieler den Ball durchaus mal ein paar Meter wegschießen. Es scheint offensichtlich auf die Länge des Wegschießens anzukommen, und erst wenn der Ball wirklich viele Meter weit vom Freistoßort weggeschossen wird, neigen die meisten Schiedsrichter dazu, entsprechend zu reagieren und den jeweiligen Spieler mit einer Gelben Karte zu bestrafen. Hierbei ist festzustellen, dass die Distanz in den unteren Ligen definitiv kürzer bemessen wird als in den Profiligen. Das kurzzeitige Blockieren eines Balles, sprich den Ball einfach in die Hand zu nehmen und nicht freizugeben, hat in den oberen Ligen meistens gar keine Konsequenzen. Auch wenn der Spieler einige Meter mit dem Ball läuft, reagieren die meisten Schiedsrichter noch lange nicht mit einer Bestrafung. In den unteren Ligen, erst recht in den Jugendligen, können Sie ziemlich sicher mit einer Gelben Karte rechnen oder mit einer 10-Minuten-Zeitstrafe. Natürlich bestätigen Ausnahmen auch hier die Regel.
Ist Ihnen aufgefallen, wie oft Spieler sich die Schnürsenkel eines Schuhs genau vor dem Ball binden müssen, wenn es einen Freistoß für den Gegner gibt? Das soll der eigenen Mannschaft Zeit verschaffen, eine Mauer zu stellen. Ist auch nicht clever, sondern ein Regelverstoß. Im Profibereich reicht es mittlerweile, sich scheinbar leicht räumlich verwirrt vor den Ball zu stellen.
Es ergibt sich also die Frage, warum sich Schiedsrichter in den oberen Ligen, vor allem in den Profiligen, mehr gefallen lassen als Schiedsrichter in den unteren Ligen.
Eine (schwache) Antwort könnte darin liegen, dass die Schiedsrichter in den unteren Ligen es bislang nicht vermocht haben, innerhalb des Schiedsrichtersystems des DFB aufzusteigen. Wer es bis in den Profibereich geschafft hat, ist offensichtlich an vielen Stellen etwas nachsichtiger, weil anders geschult. Und versteht sich deshalb vielleicht eher als Spielmanager, was grundsätzlich nicht verwerflich wäre.
Wenn Sie jetzt meinen, dass ein weiterer Grund (bessere Antwort) darin liegen könnte, dass die Schiedsrichter, die höher pfeifen, auch besser ausgebildet sind, dann haben Sie sicherlich recht, aber es geht ja gerade darum, dass die Schiedsrichter in den höheren Ligen das Regelwerk an manchen Stellen einfach vernachlässigen, immer zum Vor- oder Nachteil einer der beiden Mannschaften. Eine Vorbildfunktion ist somit in den oberen Ligen durch ein entsprechendes Verhalten der Schiedsrichter nicht immer gegeben. Wenn ein Jugendspieler also am Wochenende zusieht, wie ein Profi seinen Gegenspieler unbestraft mit beiden Armen zweimal schubsen oder stoßen kann, ohne dass der Schiedsrichter pfeift, dann hat er etwas gelernt. Nämlich, dass eine solche Aktion nicht unbedingt bestraft wird. Ein schlechtes Signal.
Deshalb ein erster Vorschlag (weitere werden folgen):
Die Einhaltung der Spielregeln sollte unbedingt so gut wie möglich in allen Ligen durchgesetzt werden. Und bitte, Schiris, lasst euch nicht so viel gefallen!
Gelingen wird das nicht. Jedenfalls nicht perfekt. Das soll mit diesem Vorschlag erreicht werden:
Die Umsetzung schafft Konsistenz und Vorhersehbarkeit – Spieler gewöhnen sich an einheitliche Standards. Sie reduziert die Kluft zwischen Amateur- und Profibereich. Und fördert fairen Sport von der Basis an. Nebenbei wird verhindert, dass Spieler nach einem Aufstieg (und natürlich auch global betrachtet) plötzlich mit einer anderen Auslegung konfrontiert werden. Und nicht zuletzt: Es erhöht den Respekt vor einem Schiri.
Eine der Herausforderungen ist das Ressourcenproblem: In unteren Ligen fehlen natürlich Instrumente wie VAR, Torlinientechnik, Videoanalyse und qualifizierte Beobachter. Eine absolute Gleichheit wird also nicht möglich sein, aber skalierbare Standards sollten etabliert werden – Kernregeln (Gewalt, grobes Foul) sollten überall streng bewertet werden, taktische Nuancen hingegen durchaus mit einem gewissen Kontext.
Zuerst war das Spiel – dann kamen die Schiedsrichter. Sie haben sich richtiggehend aufgedrängt. Erst 1891 wurde der Schiedsrichter in der Form, wie wir ihn heute kennen, eingeführt. Oder zumindest in einer ähnlichen Form. Vorher versuchte man, ohne Schiedsrichter auf dem Feld auszukommen. Gab es eine strittige Situation, versuchten zuerst die Kapitäne der beiden Mannschaften, sich zu einigen. Wenn dies nicht gelang, entschieden zwei sogenannte Umpires, eine Art parteiische Schiedsrichter, die zu den jeweiligen Teams gehörten.
Das klappte auch meistens ganz gut. Und erst dann, wenn die beiden sich auch nicht einigen konnten, entschied ein unparteiischer Schiedsrichter, der Referee (von: to refer, sich an jemanden wenden). Der stand jedoch konsequent an der Außenlinie und überließ das Spielfeld den eigentlichen Akteuren. Dies änderte sich erst 1888. Von nun an durfte der Schiedsrichter das Spielfeld ab und zu mal betreten, aber nur für einen kurzen Moment, nämlich um einen Schiedsrichterball durchzuführen, der im selben Jahr eingeführt worden war.
Damit war es also passiert. Der Referee kam aufs Spielfeld! Die Umpires wurden zu den Linesmen. So wurden die Schiedsrichter erstmals zu einem ständigen Teil des laufenden Spiels. Soziologisch betrachtet könnte der Übergang von einer Dyade zur Triade festgestellt werden. Eine dyadische Interaktion ist ein soziales Geschehen zwischen zwei Personen (Dyade). In dieser Form der Interaktion sind beide Beteiligten direkt aufeinander bezogen. Die Beziehung, die Kommunikation und das Verhalten entstehen im Wechselspiel nur zwischen diesen zwei Personen.3 Beispiel: Ein Gespräch zwischen Mutter und Kind oder ein Dialog zwischen zwei Freunden. Oder ein Spiel zwischen zwei Mannschaften ohne Schiedsrichter. Die triadische Interaktion umfasst drei Elemente: zwei Personen und ein gemeinsames Objekt oder Ereignis, auf das sich Aufmerksamkeit und Interaktion richten.4Das Besondere ist die geteilte Aufmerksamkeit (sog. Joint Attention) – beide Personen sind sich nicht nur gegenseitig bewusst, sondern auch des gemeinsamen Bezugsobjekts. In unserem Fall: Zwei Mannschaften sind sich der Anwesenheit eines Schiedsrichters bewusst. Das verändert ihr Verhalten.
Was es bedeutet, wenn ein Schiedsrichter ins Spiel kommt, hat Justus Heck in einem kleinen Artikel publiziert.5 Die grundsätzliche Bedingung eines Fußballspiels ist die Kopräsenz der beiden Mannschaften. Weshalb Fußballspiele genauso wie Fahrstuhlfahrten, Partys oder Gerichtsverfahren unter die Kategorie der Face-to-Face-Interaktionen fallen. Die Anwesenheit eines Schiedsrichters führt zu einer Erhöhung der lauteren und unlauteren Konkurrenz im Spiel. Spieler und Schiedsrichter befinden sich in einer strategischen Interaktion. Bestimmte Verhaltensmuster, wie zum Beispiel die Theatralik von Spielern bei Fouls oder Schwalben, sind das Ergebnis des Hinzutretens eines Dritten, des Schiedsrichters. Heck erklärt diese Verhaltensmuster als „Folgen der Entscheidungsdelegation und eines neuen Mischverhältnisses von Kooperation, Konkurrenz, Streit und Tausch zwischen den Mannschaften“. Die Kooperationsnotwendigkeit zwischen den Teams sinkt.
Im Grunde genommen geht es um den Unterschied zwischen Bolzplatzspielen beziehungsweise allen Spielen ohne Schiedsrichter (z. B. in allen Wilden Ligen) und dem organisierten Verbandssport mit mindestens einem Schiedsrichter. Wird ohne Schiedsrichter gespielt, bedarf es eines faktischen Konsenses der Spieler beider Teams, die über eine Unterbrechung des Spiels entscheiden. Dies sind natürlicherweise die unmittelbar betroffenen Spieler, die eine räumliche Nähe zur jeweiligen Aktion auf dem Spielfeld haben. Erschwert wird die Beurteilung durch ein „Kreuzfeuer gegensinniger Erlebniszentrierung“. Heck beschreibt dies so: „Es handelt sich um ein für die Konsensfindung unvorteilhaftes Zurechnungsgefüge, weil der verdächtigte Täter der Ansicht ist, nur auf das Opfer reagiert zu haben, während das mutmaßliche Opfer denkt, die aggressive Initiative sei unzweifelhaft vom foulenden Spieler ausgegangen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich sowohl Täter als auch Opfer aus strategischen Gründen zuweilen auf den Standpunkt stellen, Recht zu haben, was auch in der Wilden Liga nicht ausgeschlossen ist (…).“6
Die Konsensfindung ist also nicht ganz so einfach. Das weiß jeder, der mal in irgendeiner Weise Fußball gespielt hat.
Kommt nun ein Schiedsrichter ins Spiel, ist eine unparteiische Instanz installiert. Damit verändern sich die Rollen der Teilnehmer einer Mannschaft. Die Schiedsrichter, deren Aufgabe nach Heck die „präventive Entstörung“ des Spiels ist, werden u. a. zum Blitzableiter für die Spieler. Das bedeutet jedoch nicht, dass nun fair und ordentlich gespielt würde. Denn es geht nun neben der legitimen Konkurrenz auch darum, den Schiedsrichter durch illegitime Aktionen zu täuschen, zum Beispiel durch Situationen, die der Schiedsrichter gar nicht mitbekommt. Bei Bolzplatzspielen sind die Mitspieler und Gegenspieler die relevanten Beobachter. Bei Verbandsspielen sind es der Schiedsrichter und gegebenenfalls seine Assistenten. Heck schreibt: „Dieser Umstand zieht eine moralische Entfesselung der Spieler nach sich oder verschafft ihnen zumindest neue Verhaltensoptionen. Im Schatten und Halbschatten der schiedsrichterlichen Aufmerksamkeit überziehen sich die Spieler mit sogenannten Nickeligkeiten, was verharmlosend für unerlaubte Kneifer, Rempler, Tritte, Schläge und verbale Verunglimpfungen steht.“7
Der Sinn dieses aggressive face-work8 ist, durch Provokationen die Gegner zu Verhaltensweisen zu provozieren, auf die der Schiedsrichter eingehen muss, die er bestrafen muss. Leider sind diese unsportlichen Provokationen im Fußball in allen Ligen selbstverständlich geworden. Dazu gehören Schwalben aller Art, aber auch das theatralische Hinfallen, um ein Foul zu signalisieren und die Schwere des Fouls zu überhöhen. Bestimmte Szenen müssen also sorgfältig inszeniert werden, damit auch leichte Berührungen wie ein schweres Foul aussehen und vom Schiedsrichter geahndet werden. Auf der anderen Seite werden Unschuldsgesten vorgetragen, mit großer Dramatik, um den Schiedsrichter auf die eigene Seite zu ziehen.
Zudem reagieren Spieler einer Mannschaft erstaunlich synchron, wenn es um Reklamationen jeglicher Art geht. Wie einstudiert gehen die Arme nach oben, um den Schiedsrichter zum Beispiel von einem Handspiel zu überzeugen. Es ist geradezu selbstverständlich geworden, dass der Spieler, der den Ball zuletzt berührt hat, bevor er die Seitenlinie überschritten hat, den Arm hebt, um das Gegenteil von dem zu erklären, was wirklich passiert ist. Entscheidet der Schiedsrichter für die andere Seite, folgt ein entsetzter Blick mit Gesten der Fassungslosigkeit über die erlittene Ungerechtigkeit.
Soviel zum Unterschied zwischen Spielen mit und ohne Schiedsrichter. Ärger zwischen Spielern und Schiedsrichtern gab es praktisch von Beginn an. Denn die Spieler waren eigentlich gegen einen Schiedsrichter auf dem Feld. Vor allem die wohlhabenden Spieler, die „Gentlemen“, fühlten sich durch die Einführung eines Schiedsrichters beleidigt, geradezu angegriffen. Es ging ihnen gar nicht so sehr darum, nun nicht mehr entscheiden zu dürfen, sondern um den Umstand, dass ihnen offensichtlich nicht mehr zugetraut wurde, eine korrekte und faire Entscheidung zu treffen.
Der Grund für das langsam schwindende Vertrauen in die fairen, unkomplizierten Entscheidungen war, dass sich der Fußball sehr schnell kommerzialisierte. Damit verblasste die Faszination des Fairplay-Verhaltens, bei dem zwei Gentleman-Kapitäne eine einvernehmliche Entscheidung trafen. Es gab immer mehr Spieler, die für Geld Fußball spielten und natürlich in erster Linie gewinnen wollten. Und dadurch schlechter verlieren konnten, denn mit dieser Motivation kamen auch die ersten kleinen Unsportlichkeiten auf. Also schien eine unabhängige Instanz die richtige Lösung zu sein. Alle Trainer, Spieler und Funktionäre scheiden wegen der Zugehörigkeit zu einem Verein und damit wegen Parteilichkeit aus. Übrig blieben die, die keine Funktion innehatten, aber trotzdem gerade greifbar waren. Wer waren diese Menschen? Zuschauer? Nein, auch die waren damals schon parteiisch.
Es gibt nur diese eine Antwort: Sie waren einfach da.
Sidekick: Das glaubte vermutlich auch der DFB beim ersten Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft im Jahr 1903. Es gibt ein ziemliches Wirrwarr über den tatsächlichen Schiedsrichter des Spiels, bis heute. Fakt ist aber, dass es versäumt wurde, einen Schiedsrichter zu bestellen. In der damaligen Zeit war es durchaus üblich, dass ein anwesender Spieler, quasi als Sachverständiger, die Spielleitung übernahm. Vielleicht glaubte der DFB, dass sicher genügend Sachverständige vor Ort sein würden – vielleicht wurde es aber schlicht vergessen.
Als Schiedsrichter für das Finale werden heute zwei Namen gehandelt. Zum einen Ferdinand Hueppe, der bis 2004 der erste Präsident des DFB war. Die historische Wertschätzung des Arztes und Sportfunktionärs leidet heute unter seinen mitunter schrägen Ansichten. Er betrachtete den Fußballsport als eine flankierende Maßnahme für den Überlebenskampf der germanischen Herrenrasse. Er war außerdem Eugeniker. Und ein großer Fan des Nacktruderns (was noch zu seinen harmlosen Ansichten zählte). Er war bei den Olympischen Spielen 1896 Kampfrichter, sodass es folgerichtig war, auch beim Fußball als Schiedsrichter aufzutreten. Allerdings war er auch Vorsitzender des Endspielteilnehmers aus Prag, was eher dagegen spricht, dass er zum Schiedsrichter ernannt wurde. Der zweite infrage kommende Name ist Franz Behr, ein Spieler des Altonaer FC 93. Er war mit seinem Club im Halbfinale gegen Leipzig ausgeschieden. Das Endspiel fand nach einigem Hin und Her in Altona statt, weshalb es also nicht unwahrscheinlich ist, dass er als Schiedsrichter eingesprungen ist. Wer aber tatsächlich gepfiffen hat, wird auch weiter unklar bleiben. Insgesamt ist das erste Finale ziemlich schlecht dokumentiert, so dass sich viele Anekdoten um das Spiel ranken. Der VfB Leipzig gewann übrigens 6:3 gegen den DFC Prag.
Damals wie heute ist diese Frage interessant: Wer wird eigentlich Schiedsrichter? Wer spielt, wird es nicht. Wer harter Fan eines Teams ist, wird es auch nicht. Beide Rollen sehen nicht vor, unparteiisch zu sein. Dazu später mehr.
Die Kommerzialisierung des Fußballs ist also keine Erscheinung der vergangenen Jahrzehnte. Oder eine Konsequenz der TV-Berichterstattung. Sie ist älter als jede Ultra-Vereinigung. Sie war quasi von Anfang an, jedenfalls nach sehr kurzer Zeit, ein Teil des Sports. Genauso alt wie der Kommerz im Fußball ist die Diskussion um Schiedsrichter, ihre Befugnisse und die grundsätzliche Kompetenz der Beteiligten.
