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Im Buch geht es um Irrtümer und Irrwege im Christentum im Laufe der Jahrhunderte.
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Ideologie im Christentum,Hexenverfolgung,Ablass,Zwangstaufe,Holocaust
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Was bedeutet „christlich“ handeln?
2. Die Ringparabel
3. Ist Gott auf der Seite der Stärkeren?
4. Wie bekämpft man Ungläubige und Ketzer?
5. Hexenwahn oder wen du gern brennen sähest
6. Versklavung und Zwangstaufe als Weg zum Himmel
7. Straferlass beim Gang durch eine Heilige Pforte
8. Galilei oder der Hochmut kommt vor dem Fall
9. Die Relativität der Erkenntnis
10. Der „Jud“, das ewige Feindbild der Christen?
11. Gottes Staat und das Reich des Bösen
12. Pius XI. und Pius XII. handelten vernünftig
I. Primärliteratur
II. Sekundärliteratur
III. Tertiärliteratur
Die Themen, die in diesem Buch angesprochen werden, sind im Lauf der Zeit schon vielfach erörtert worden. Hier geht es aber um die Aufdeckung der Denkfehler, die Christen auf Irrwege brachten. Ich spreche hier allgemein von Christen, weil ich verschiedene Abspaltungen, besonders Jehovas Zeugen, mit einschließe. Das heißt nicht, dass nicht die große Mehrheit der Getauften redlich versuchte und versucht, Christus im Alltag nachzufolgen.
Zumindest die katholische Kirche hat einen Schatz gewahrt, der von der positiven Wirkung her mit anderen Bewegungen nicht vergleichbar ist. Ich denke hier an die Ordensbewegungen, deren Frauen und Männer nicht bloß in der Kirche sitzen und beten, wie sich das manch ein Außenstehender vielleicht denken mag und was sogar zur abfälligen Bemerkung „Betschwester“ führt, denn Ordensleute hängen ihren Dienst nicht an die große Glocke.
Bekannt sind vielen Mutter Teresa (+1997) oder Schwester Dr. Ruth Pfau (+2017). Ich denke auch an Schwester Elisabeth Haslberger, die aus meiner weiteren Nachbarschaft stammt, zum Orden der ‘Missionarinnen Christi’ gehört und bis ins hohe Alter in Goiânia im Bundesstaat Goiás in Brasilien Aidskranke betreute. Im letzten Kapitel des Buches werde ich auf Schwester Pascalina Lehnert (+1983) aus Ebersberg, meinem Heimatlandkreis, zu sprechen kommen. Sie rettete vielen verfolgten Juden in den finstersten Stunden und Jahren der deutschen Geschichte das Leben.
An den kirchlichen Orden sieht man also, dass zur katholischen Kirche großartige Menschen gehörten und immer noch gehören. Das ist es, was ich mit ‘Schatz’ meine. Trotzdem hat das Christentum im Lauf der Geschichte, besonders in Europa, an Ansehen stark eingebüßt. Das liegt teilweise auch daran, dass Theologen der Kirche die Bibel fehl interpretierten, Amtsträger ihres Amtes nicht gewachsen waren, Zwang ausübten und im Namen Jesu sogar Kriege führen ließen. Aber auch andere Glieder der Kirche erwiesen und erweisen sich ihrer Berufung oft nicht würdig.
Der erste große Fehler von christlichen Theologen war, dass sie das Christentum auf Kosten des Judentums hervorhoben. Schon der Apostel Paulus, der selber noch Jude war, schrieb anfangs, die Juden seien von Gott enterbt worden, was er aber später korrigierte. Trotzdem wiederholten Theologen der folgenden Jahrhunderte immer wieder diese Substitutionstheorie, womit gemeint ist, die Kirche habe Israel abgelöst, die Juden hätten also ihre Berufung und Auserwählung verloren und seien von Gott sogar verstoßen worden.
Bereits im 2. Jahrhundert beschimpften christliche Theologen die Juden als „Gottesmörder“ und verteufelten sie deswegen bis ins 20. Jahrhundert hinein. Noch heute gibt es Theologen, die bestreiten, dass der Tanach bzw. die Tora, die Heilige Schrift der Juden, die die Christen als „Altes Testament“, was alter Bundesschluss bedeutet, bezeichnen, einen Eigenwert habe.
Die Behauptung, im vollen Besitz der Wahrheit zu sein, wie es das Lehramt der Kirche immer wieder machte, ist eine Anmaßung, weil unser Schauen wie durch einen Spiegel erfolgt, was schon der Apostel Paulus sagte (vgl. 1 Kor 13,12). Ein Spiegel hat bekanntlich immer auch einen toten Winkel. Und die Irrwege im Lauf der Geschichte der Kirchen zeigen zur Genüge, wie begrenzt und defizitär unsere Sicht und unser Handeln sind.
Kennzeichen der wahren Religion und des wahren Christseins ist nicht die Orthodoxie, die richtige Lehre, sondern die Orthopraxie, das richtige Handeln, denn an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (vgl. Mt 7,16). Genau das meint auch die Ringparabel (s. Kapitel 2). Das richtige Handeln macht die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften human. Aber oft lagen falschem Handeln falsche Lehren zugrunde. Und um diese soll es hier gehen.
Worin besteht das Christsein? Ganz einfach in der Erfüllung des Auftrages Christi. Er sagte laut Evangelium nach Matthäus:
„[...] und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe [...]“ (Mt 28, 20). (1)
Die beiden Hauptgebote sind nach Jesus nicht der Predigtdienst, wie Jehovas Zeugen meinen, sondern die Gottes- und die Nächstenliebe, was schon in der Tora geschrieben steht. Jesus zeigte in seiner ‘Bergpredigt’, wie beide Gebote im Alltag verwirklicht werden können. Nach ihm gehören Gottes- und Nächstenliebe zusammen. Nächstenliebe beginnt beim Respekt gegenüber dem anderen. Wer seinen Mitmenschen als Dummkopf oder als (gottlosen) Narren bezeichnet, verstößt schon gegen sie (vgl. Mt 5,22).
Die Achtung vor dem Mitmenschen hat auch gemäß Artikel 1 unseres Grundgesetzes höchste Priorität: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Jeder Mensch verdient Achtung sowohl in seinem physischen wie auch in seinem geistigen Sein. Daraus ergeben sich jene Tugenden, die ich entwickeln muss, um dem anderen zu diesem Recht zu verhelfen. Das geht so weit, dass man auch Fehler und (religiöse) Irrtümer anderer ertragen muss. Der Apostel Paulus schreibt im ersten Korintherbrief:
„Was geht es mich denn an, die Außenstehenden zu richten?“ (1 Kor 5,13).
Wenn wir Christen „Salz der Erde“ sein wollen, wie es Jesus verlangte (vgl. Mt 5,13), dürfen wir nicht distanziert abseits stehen, sondern müssen zum Gemeinwohl beitragen, ohne dabei wie Salz aufgelöst zu werden oder den Schwerkräften dieser Welt zu erliegen. Damit meine ich, dass unser Ziel nicht Herrschaft und Anhäufung von Besitz sein darf. Vielmehr ist unser Dienst an der Gesellschaft entscheidend. Nur so erfüllen wir den Auftrag Jesu Christi. Und darin erweisen wir uns als human.
Mit Blick auf die anderen Religionen ist zu sagen, dass Christen nicht einmal die Gefühle der Angehörigen anderer Religionen verletzen dürfen, nur weil einige wenige Verblendete Terror üben, oft auch gegen ihre eigene Religion und oft auch als Reaktion darauf, dass sie oder ihr Prophet vorher beleidigt wurden. In den Talk-Shows versuchen Leute zu ergründen, warum es in Deutschland, aber nicht nur da, wieder so viel öffentlich und im Internet vorgetragenen Hass gibt. Schon in der Bibel steht:
„Denn sie säen Wind und sie ernten Sturm“ (Hosea 8,7). Man kann das erweitern in: „Wer Hass sät, wird Sturm ernten.“
Kurz nach der Veröffentlichung einer Karikatur des Propheten Muhammad in „Charlie Hebdo“ in Paris, war ich in Dakar, der Hauptstadt der Republik Senegal. Alle Muslime, die ich dort traf, fühlten sich durch die Karikatur ihres Propheten beleidigt. Es kam zu einer Großdemonstration, die ich meiden musste, um als Europäer nicht angegriffen zu werden.
Und wie reagierten deutsche und französische Politiker auf die Verunglimpfung des Propheten und die Ermordung der Satiriker? Sie demonstrierten für die Meinungsfreiheit und beteten einfach die unbewiesene Behauptung nach, Satire dürfe alles, auch religiöse Gefühle verletzen. Wir halten uns gern zu gute, religiös aufgeklärt und deshalb frei von Vorurteilen zu sein. In Wirklichkeit ist vielen, vielleicht ohne dass sie es merken, die Achtung vor der religiösen Überzeugung anderer einfach abhanden gekommen und damit auch die Einsicht, dass Satire da ihre Grenzen hat, wo die Würde und die religiösen Gefühle anderer Menschen verletzt werden. Und den Muslimen bedeutet ihre Überzeugung offenbar noch mehr als uns Christen oder den Atheisten.
Bis 1969 konnte in Deutschland öffentliche Schmähung Gottes als Strafrechtsbestand geahndet werden. Das ist entfallen. Man kann das so rechtfertigen, dass der Staat nicht dazu da ist, Gott zu schützen. Er hat aber sehr wohl die Pflicht, seine Bürger zu schützen. Heute wird in Deutschland aber die Beschimpfung einer Religion oder eines Bekenntnisses nur noch dann geahndet, wenn der öffentliche Friede gestört wurde. Das ist jedoch Ermessenssache des Richters.
Nach der Verunglimpfung des Propheten durch ‘Charlie Hebdo’ forderte Ludwig Schick, emeritierter Erzbischof von Bamberg, den Wegfall dieser Einschränkung. Man kann nun darüber streiten, ob das Strafrecht hilft, religiöse Gefühle anderer Menschen zu achten, wenn der Sinn für die Achtung der Überzeugung des anderen in einer Gesellschaft verloren gegangen ist. Jedenfalls hätten damals alle Politiker, aber die Bischöfe zuerst, wie ein Mann aufstehen und sich von der Verletzung der Gefühle aller Muslime distanzieren können und müssen, um zu zeigen, dass Respekt gegenüber jeder Religion gilt.
Leuten, die meinen, Satire dürfe alles, fehlt es meines Erachtens entweder an der guten Kinderstube oder sie sind vom Zeitgeist geblendet. Es genügt eben nicht, sich nachher über die Verrohung der Sitten in unserer Gesellschaft zu beklagen, ohne schon vorher dagegen eingeschritten zu sein. Hinter der Behauptung, Satire dürfe alles, versteckt sich letztlich ein Vorurteil oder genauer eine Form ideologischen Denkens.
Albert Schlereth (+2016) hat in einem Religionsbuch für das erste Semester der Kollegstufe des Gymnasiums in Bayern Merkmale für ideologisches Denken und Verhalten aufgestellt. Ich habe sie hier stellenweise ergänzt bzw. leicht geändert. Anhand dieses Leitfadens kann überprüft werden, ob Haltung und Verhalten human sind und der im Grundgesetz geforderten Achtung der Würde des anderen entsprechen:
Der Ideologe hinterfragt seine eigenen Denkvoraussetzungen nicht. Er ist unkritisch gegen sich selbst.
Der Ideologe sieht die Wahrheit immer nur auf seiner Seite. Teilwahrheiten auf Seiten seiner Gegner erkennt er nicht an, um seinen Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit nicht zu verlieren.
Er erkennt nicht und erkennt nicht an, dass niemand die absolute Wahrheit über einen Tatbestand hat, weil unser Denken begrenzt ist.
Dem Ideologen geht es im Grunde gar nicht um Wahrheit, sondern um Macht und Einfluss.
Dem Ideologen geht es auch nicht um den Mitmenschen, sondern um eine bloße Idee (zum Beispiel die Überlegenheit seiner Rasse, seines Systems, seiner Religion etc.) und um ihre Durchsetzung.
Der Ideologe bemisst die Wahrheit von einem Vorurteil her, sei es religiöser oder (natur)wissenschaftlicher Art.
Der Ideologe überzeugt nicht, sondern überredet.
Der Ideologe sagt, wer irrt, habe auch weniger Rechte.
Der Ideologe teilt in gute und in böse Menschen ein. Wer ihm nicht folgt, ist böse. Deshalb verteufelt er andere.
Der Ideologe ist bereit, die Würde des anderen zu verletzen, um seine Meinung zu publizieren und durchzusetzen.
Der Ideologe streut Fake News, Falschinformationen, aus, um andere zu diskreditieren und sich zu profilieren.
Der Ideologe beansprucht Unfehlbarkeit, macht aber selber viele Fehler.
Der Ideologe arbeitet am Ende mit Angst und Terror. (
2
)
Immer wenn Menschen dieses Verhalten an den Tag legen, laufen sie Gefahr, die Mitmenschlichkeit aus den Augen zu verlieren.
Lat. ‘credo’ (= ich glaube) kann man von lat. ‘cor dare’ (= sein Herz schenken) ableiten. Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (+1662) hat folgendes Wortspiel (im Französischen) geprägt: „Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît pas“ (= Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt) (Pensées IV, 277). (3) Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass Glaube, Empathie, Mitmenschlichkeit und Liebe nicht auf Ideologie oder Berechnung aufbauen, also nicht Eigennutz, Profitdenken oder Stützung des Systems usw. als Ziel haben und haben dürfen.
Der Dalai Lama, der bedeutendste Vertreter des tibetanischen
Buddhismus unserer Zeit, geht so weit zu sagen:
„Beten allein hilft nicht. Wir müssen handeln, deshalb ist Ethik wichtiger als Religion.“ (4)
Schon Jesus hatte in der Bergpredigt sinngemäß erklärt, dass Nächstenliebe vor dem Kult kommt (vgl. Mt 5,23-24). Und beim Weltgericht wird Christus sagen:
„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt 25,45).
Zu diesen geringsten Brüdern gehören nicht bloß die Angehörigen des eigenen Bekenntnisses oder der eigenen Religionsgemeinschaft. Ein Gott, der liebt und Liebe fordert, verlangt von uns nicht Gewalt, nicht Tier- oder Menschenopfer, keinen Zwang und keine Kriege zur Verbreitung unserer Religion oder unseres Glaubens. Im 1. Petrusbrief 2,5 heißt es, wir sollen nur geistige Schlachtopfer darbringen, was nichts Anderes bedeutet, als dass all unser Trachten auf das Wohl unserer Mitmenschen bezogen sein soll.
Anselm von Canterbury (+1109) stellte das Axiom (= Grundsatz) auf „fides quaerens intellectum“ (Glaube verlangt Verständnis, Einsicht, Übers. durch den Verfasser), mit anderen Worten, Glaube darf nicht unlogisch sein nach dem Motto „Credo, quia absurdum est“ (sinngemäß: Ich glaube etwas, obwohl dies Unsinn ist).
Aber gerade Anselm verlangte damals selber ein „sacrificium intellectus“ (die Aufgabe des Verstandes, Übers. durch den Verfasser) dadurch, dass er lehrte, Jesus sei deshalb in die Welt gekommen, um mit seinem gewaltsamen Tod unendliche Genugtuung zu leisten und die verletzte Ehre Gottes wieder herzustellen. Das wäre von Gott gutgeheißene Gewalt gewesen.
Das war aber nicht das Gottesbild Jesu, der einen bedingungslos liebenden Gott verkündete. In meinem Buch „Missgriffe der Einheitsübersetzung der Bibel von 2016“, 4. erw. u. verb. Aufl. Norderstedt 2024, zeige ich auf, dass die Lehre, Jesus habe durch seinen Tod die sog. „Sühneopfer” des Alten Bundes, die in Tieropfern bestanden, ersetzen müssen, auf einem sprachlichen Irrtum beruht. Hebräisch ‘KIPPER’ bedeutet nämlich nicht ‘sühnen’, wie immer übersetzt wird, sondern von der Sünde Abstand nehmen, was bis zum Ende des Tempels im Jahr 70 auch mit dem sog. ‘Sündenbock’, der in die Wüste geschickt wurde, zum Ausdruck gebracht wurde.
Gerhard Ludwig Kardinal Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, hat deshalb schon im Jahr 1992 geschrieben, dass Jesu Tod auch ganz anders verstanden werden könne bzw. müsse. Seine Meinung dazu habe ich in meinem Buch von 2024 ebenfalls dargelegt.
Religion und Glaube sollten auch Motive für ethisches Handeln bieten, aber sie bewirken manchmal das Gegenteil. Nach den Anschlägen auf die Satire-Zeitschrift ‘Charlie Hebdo’ in Paris sagte der Dalai Lama dazu:
„An manchen Tagen denke ich, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.” (5)
Das heißt, dass Religionsgemeinschaften, die ihre Angehörigen zur Gewaltanwendung inspirieren, ihre Legitimation verlieren.
(1) Zit. n. Katholische Bibelanstalt (Übers. u. Hg.): Die Bibel. Die neue Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Gesamtausgabe, 1. Aufl. Stuttgart 2016. Danach wird im Buch zitiert, wenn nichts anderes vermerkt ist.
(2) Teilw. übernommen aus Siegfried Gruber u. a. (Hg.): Grundkurs Religion 1. Glauben und Wissen, 86-87.
(3) Blaise Pascal: Pensées. Extraits. Zit. n. Nouveaux classiques Larousse. Montrouge 1965.
(4) Zit. nach Franz Alt: Seid Rebellen des Friedens! In: Münchner Kirchenzeitung 27/2020, 28.
(5) Zit. n. Franz Alt, ebd.
Mit seinem Werk „Nathan der Weise“ (6) kam Gotthold Ephraim Lessing (+1781) auf eine Phase der Geschichte zu sprechen, in der das Verhältnis zwischen den drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam besonders angespannt war, wie heute ja auch. Mit seiner Ringparabel zeigte Lessing einen Weg aus dieser Sackgasse heraus. Dieser ist noch heute gültig. Er lautet Respekt, Toleranz und Wettstreit um das Gute.
So wird zum Beispiel erzählt, dass zur Zeit des dritten Kreuzzugs (1189-1192) Sultan Saladin (+1193) seinem Gegner Richard Löwenherz (+1199) zur Gesundung Obst und zur Kühlung der Getränke Schnee („Eiswürfel“) vom Berg Hermon gesandt haben soll.
Nach Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ soll der Sultan Saladin den Juden Nathan begnadigt haben. Als der Muslim Saladin Geld braucht, lässt er den Juden Nathan zu sich kommen. Um ihm zu schmeicheln und um nicht mit der Türe ins Haus zu fallen, will Saladin zuerst Nathans Weisheit testen. Er fragt ihn, welche die wahre Religion sei. Nathan erkennt die Falle und erzählt ein Gleichnis, die sogenannte Ringparabel:
Ein Mann besitzt einen Ring, der seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm machen kann, vorausgesetzt, er trägt ihn in dieser Zuversicht. Der Ring wird vom Vater immer an seinen Lieblingssohn weitergegeben. Als nun ein Vater seine drei Söhne gleich lieb hat, lässt er z w e i Ringe nachmachen:
„[...] Möglich, dass der Vater nun die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Hause dulden wollen! [...]“ (III 7 V 2035-2037).
Nach dem Tod des Vaters will jeder der Söhne mit seinem Ring „der Fürst des Hauses sein. Man untersucht, zankt, man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht erweislich [...]“. (III 7 V 1960-1963).
Deshalb wollen die drei Söhne gerichtlich klären lassen, welcher Ring der echte ist. Der Richter weist es von sich, Rätsel zu lösen, aber gibt zu bedenken: „[...] Ich höre ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen vor Gott und den Menschen angenehm. Das muss entscheiden [...]“ (III7 V 20152018).
Weil sich die Brüder aber untereinander stritten, kam der Richter zu dem Schluss, dass möglicherweise alle drei Ringe nicht echt sind. Der Vater habe vermutlich alle drei Ringe nachmachen lassen. Daraus folgerte der Richter, „so seid ihr alle drei betrogene Betrüger [...]“ (III 7V 2023-2024).
Trotzdem empfahl der Richter den Brüdern:
„Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf´!“ (III 7V 2043-2048).
Und wenn sich der Steine Kräfte im Ring eines jeden bei ihren Nachkommen nach vielen Tausend Jahren zeigen, werde ein viel weiserer Richter als er sprechen.
Lessing vertrat hier den Primat (Vorrang) der sog. „natürlichen Religion“ vor dem Glauben an die sog. Offenbarungsreligionen, Judentum, Christentum und Islam, die angeblich vor allem auf Wundern beruhten. Damit würden diese drei Religionen nicht auf Vernunft, sondern auf Geschichte, und damit „allein auf Treu und Glauben“ aufbauen.
Das waren schon die Ideen von Hermann Samuel Reimarus (+1768), einem Hamburger Gymnasiallehrer für orientalische Sprachen. Lessing hatte dessen Ideen vor seinem Drama „Nathan der Weise“ publiziert und dafür ein generelles Publikationsverbot auf dem Gebiet der Religion erhalten. Mit seinem Ideendrama führte er die Diskussion literarisch weiter.
Das oberste Lehramt der katholischen Kirche reagierte auf die Idee der Aufklärung vom Primat der Vernunft ungefähr ein Jahrhundert später und versuchte Offenbarung und Vernunft dadurch in Einklang zu bringen, dass die Bischöfe im Vatikanum I (1869/70) erklärten, Glaube und Vernunft können sich nicht widersprechen, „[...] cum recta ratio fidei fundamenta demonstret.“ (DS 3019) (7) (= da die recht gebrauchte Vernunft die Grundlagen des Glaubens beweist, Übers. durch den Verfasser).
Von dieser Begründung ist die katholische Theologie längst abgerückt, denn der Glaube an die Auferstehung zum Beispiel ist kein Ergebnis schlussfolgernden Denkens. Doch der Grundsatz, dass Glaube nicht unsinnig sein darf, gilt in der Theologie nach wie vor. Ob diesem Axiom alles entspricht, was Theologen von sich gaben und geben, wäre im Einzelfall zu prüfen.
Ähnlich wie Lessing hatte schon der Apostel Paulus von einem Wettstreit im Glauben gesprochen, nämlich davon, dass Gott das Judentum (zeitweise) zurücksetze, um auch die Heiden von Gottes Liebe zu überzeugen, was noch ein späteres Thema sein wird. Der Apostel sprach von einem Wettlauf im Stadion, wo nur einer gewinnt. Er fügte hinzu:
„[...] Lauft so, dass ihr ihn (alle, Einfügung des Verfassers) ge-winnt!“ (1 Kor 9,24).
Im ausgehenden Mittelalter gab es einen herausragenden Universalgelehrten deutscher Sprache: Nikolaus Kardinal von Kues (+1464). Er lehrte zum Beispiel als Erster die Unendlichkeit des Universums. Als Fürstbischof von Brixen verbot er den Südtirolern zwar das Tanzen, aber seine christliche Theologie zeichnete sich durch eine bis dahin unbekannte Großzügigkeit und Toleranz aus.
In seinem Werk „De pace fidei“ (1453), was Frieden zwischen den Religionen meint, schreibt Nikolaus Cusanus, dass die unterschiedlichen Weisen der Erkenntnis und der Verehrung Gottes von Gott gewollt seien und dass deshalb die Religionen nicht mit Gewalt beseitigt werden dürften. Er reagierte hier auf die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 völlig anders als die Päpste. Wären sie ihm gefolgt, sähe die Welt heute wahrscheinlich anders aus.
(6) Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Berlin 1779, zit. n. Reclam-Universal-Bibliothek.
(7) Zit. n. Denzinger-Schönmetzer (DS): Enchiridion symbolorum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Editio XXXIV, Freiburg im Breisgau 1965.
Das ‘Enchiridion’ ist eine Sammlung kirchlicher Lehrverkündigungen in lateinischer Sprache, wie es NeunerRoos in deutscher Sprache ist.
Neuner-Roos wird hier immer in der Ausgabe von 1938 zitiert.
