Isabel McCaler und das Buch der Ahnen - Holly J. Black - E-Book

Isabel McCaler und das Buch der Ahnen E-Book

Holly J. Black

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Beschreibung

Seit Isabel im Kinderheim leben musste, weil ihre Mama plötzlich verschwunden war, fühlte sie sich oft ganz allein und traurig. Frau Hunter und Frau Ross machten ihr das Leben noch schwerer – sie waren streng, schimpften ständig und zeigten nie ein Lächeln. Jeden Tag war ein Kampf, durch den Isabel irgendwie hindurch musste.
Eines Tages jedoch geschah etwas Unglaubliches. Isabels leises, verzweifeltes Weinen hallte durch die kühlen Flure des Heims, und plötzlich spürte eine mächtige, alte Magie ihr Herz. Es war Sulanna, eine ehemalige Feenkönigin, deren Körper aus schimmernden roten Buchenblättern bestand. Sie hatte Isabels Kummer gehört – und wollte ihr nun helfen.
Mit einem funkelnden Licht verwandelte sich Sulanna in einen großen, majestätischen Adler. Ihre Flügel glitzerten in allen Farben, und ihr Blick war sanft, aber bestimmt. Isabel spürte, wie sich eine warme Sicherheit um sie legte, als Sulanna sie vorsichtig auf den Rücken nahm. Gemeinsam stiegen sie hoch in den Himmel, über Wälder, Bäche und Hügel hinweg, bis sie das magische Land Ulanda erreichten, wo Galama und Toma bereits warteten.
Zur gleichen Zeit kamen Flink, der fliegende Esel, und Gabriel bei Isabels Zuhause an. Sie suchten überall, aber das Mädchen war wie vom Erdboden verschwunden.
Unterdessen war auch Tom unterwegs nach Ulanda. Sein Plan war finster: Er wollte das Zauberbuch der Ahnen vom Abbild Sulannas stehlen. Denn dieses dunkle Wesen wollte die Macht über Ulanda und all seine magischen Bewohner an sich reißen.
So begann für Isabel und ihre Freunde ein Abenteuer voller Geheimnisse, Magie und Gefahren. Ein Abenteuer, das sie nur gemeinsam bestehen konnten – und bei dem Mut, Freundschaft und Hoffnung auf die Probe gestellt wurden.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Im Kinderheim

 

Nun war Isabel schon so lange im Kinderheim und fühlte sich dort immer noch sehr allein. Von ihrer Mutter hatte sie nie wieder etwas gehört. Sie hatte so sehr darauf gehofft, dass sie kommen würde, um sie aus dem Kinderheim wieder herauszuholen. Aber darauf wartete sie vergebens.

Isabel versuchte alles, um es den Frauen im Kinderheim recht zu machen, und half, wo sie nur konnte. In der ersten Zeit war auch alles gut, bis schließlich Frau Hunter anfing, in der Küche zu arbeiten. Seit diesem Tag war es für Isabel die Hölle.

Sie musste von morgens bis abends in der Küche mitarbeiten, und wenn sie etwas nicht so machte, wie Frau Hunter es verlangte, schlug sie Isabel mit einem Stieltopf. Von morgens bis abends hörte man nur:„Isabel, mach dieses!“ oder „Isabel, mach jenes!“Und nichts ging Frau Hunter schnell genug.

Nur am Abend, wenn Isabel die Küche des Kinderheims sauber gemacht hatte und Frau Hunter nicht mehr zu sehen war, setzte sie sich hinten auf den Hof, unter die Rotbuche ins Gras. Dann dachte sie an ihre Mutter und an ihre Freunde, die sie vielleicht nie wiedersehen würde. Auch Gabriel fehlte ihr sehr, ebenso ihre Tante Karla, ihr Onkel sowie Tom und Kim, ihre Cousine.

Während sie so im Gras saß, schaute sie zum Himmel und rief:„Hört mich vielleicht jemand dort oben? Mutter, bist du dort droben? Kannst du mich hören?Hilf mir doch, dass ich hier wieder herauskomme!“

Doch so sehr Isabel auch rief, sie bekam keine Antwort. Also machte sie sich wieder auf den Weg in den Schlafsaal.

In dem Raum standen die Betten in zwei Reihen an den Wänden, einander gegenüber. Jedes Kind hatte einen kleinen Schrank zwischen den Betten, in den es sein Hab und Gut legen konnte.Da Isabel jedoch kaum etwas besaß, legte sie dort nur Dinge hinein, die sie gelegentlich bekam, zum Beispiel einen Apfel, ein paar Bonbons oder ein Stück Schokolade.

Bonbons und Schokolade bekamen die Kinder immer sonntags oder wenn sie ihr Bett die ganze Woche ordentlich gemacht hatten. Außerdem mussten die Kinder den Schlafsaal sauber halten, denn er war nicht nur zum Schlafen da. Dort mussten sie auch sitzen, und wenn sie spielen wollten, taten sie das in den Gängen zwischen den Betten.

Gleich im Eingangsbereich standen zwei lange Tische nebeneinander. Auf jeder Seite standen Sitzbänke. Auf den Tischen lagen Blechteller und Blechbecher, daneben Messer, Gabeln und Löffel. Jedes Kind musste darauf achten, dass sein Geschirr immer sauber war. Nach dem Essen musste alles sofort gereinigt und wieder auf den Tisch gestellt werden. Vergaß ein Kind dies, bekam es nichts mehr zu essen und musste bis zum nächsten Tag hungern.

So war es erst, seit Frau Hunter dort arbeitete. Auf diese Weise hatte sie weniger Arbeit. Sie war der Meinung, dass die Kinder sowieso nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Es wurde auch streng darauf geachtet, dass alle pünktlich ins Bett gingen, und wehe dem Kind, das es wagte, nachts aufzustehen – es wurde in den Keller gesperrt.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Frau Hunter hatte sich ausgedacht, ihre Freundin Frau Ross mit ins Kinderheim zu holen. Sie hatte bereits nachgefragt, ob Frau Ross nicht auch dort helfen könnte. Da die Leiterin des Kinderheims nichts dagegen hatte, wollte Frau Hunter ihrer Freundin die gute Nachricht so schnell wie möglich mitteilen.

So lief sie nach der Arbeit zu ihr nach Hause. Sie hatte es besonders eilig, denn sie wollte Frau Ross gleich am nächsten Morgen mitnehmen, so war ihr Plan. Als sie am Haus angekommen war, öffnete sie die Eingangstür und trat ein. Sie lief die alte Holztreppe hinauf, vorbei an der Wohnung von Isabels Mutter, die seit deren Verschwinden leer stand.

Zuerst hatten sich Frau Hunter und Frau Ross noch um die Wohnung gestritten, doch am Ende hatte keine von beiden sie genommen. Auch Frau Ross’ Sohn Philip wollte sie nicht mehr haben. Als Frau Hunter schließlich an der Tür von Frau Ross klopfte, dauerte es eine Weile. Da niemand öffnete, klopfte sie ein zweites Mal und rief …

„Hallo, Frau Ross, hallo!“„Ich bin es, Frau Hunter – ju-hu, ju-hu!“, rief sie ein paarmal.„Machen Sie doch einmal auf, ich habe eine Neuigkeit für Sie.“

Frau Ross hatte es zwar gehört, dass ihre alte Freundin draußen vor der Tür stand, ließ sich jedoch viel Zeit, bis sie aus ihrem Sessel aufstand. Sie hatte es sich dort gemütlich gemacht und die Tageszeitung gelesen. Da Frau Hunter aber keine Ruhe gab, rief Frau Ross schließlich laut aus der Stube über den Flur:

„Immer mit der Ruhe, ich komme doch schon, Frau Hunter. Ich alte Frau kann doch nicht mehr so schnell wie ein junges Küken.“

Ganz langsam erhob sich Frau Ross aus ihrem Sessel und lief zur Tür, vor der die Frau Hunter bereits ungeduldig wartete. Zuerst schloss sie das Schloss auf, danach öffnete sie noch zwei weitere Verriegelungen, die sie zusätzlich an der Tür angebracht hatte. Sie hatte große Angst, dass sonst jemand in ihre Wohnung kommen könnte. Schließlich öffnete sie die Tür, und vor ihr stand eine völlig aufgeregte Frau Hunter.

„Frau Ross, ich verstehe Sie nicht, ich verstehe Sie wirklich nicht! Nun komme ich extra zu Ihnen, um Ihnen eine Neuigkeit mitzuteilen, und Sie lassen mich hier draußen so lange warten – das verstehe ich einfach nicht.“

„Kommen Sie doch erst einmal herein, dann mache ich uns einen Kaffee, und Sie erzählen mir alles in Ruhe. Was halten Sie davon, meine Gute?“, sagte Frau Ross und schob ihre Freundin mit der Hand in die Wohnung.

Bevor sie jedoch die Tür wieder schloss, schaute sie noch einmal die Treppe hinunter und dann auch nach oben. Sie war neugierig, ob noch jemand auf dem Flur war – sie hoffte ja, vielleicht noch etwas von den Nachbarn mitzubekommen, das sie später weitererzählen konnte.

Als beide Frauen schließlich in der Stube waren und Frau Hunter sich gesetzt hatte, begann sie sofort zu erzählen.

„Was gibt es denn so Dringendes, das Sie mir erzählen müssen?“, fragte Frau Ross.

„Frau Ross, wir haben doch schon einmal darüber gesprochen, dass Sie gern im Kinderheim arbeiten möchten“, erwiderte Frau Hunter.

„Ja, na und?“

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Sie können mit mir kommen und bei uns arbeiten! Was sagen Sie jetzt?“

„Das haben Sie für mich zurechtbekommen?“, fragte Frau Ross erstaunt.

„Warum denn nicht? Schließlich habe ich dort auch das Sagen – na gut, sagen wir: fast! Aber wenn wir erst einmal beide dort sind, dann weht dort ein ganz anderer Wind, glauben Sie mir. Ich habe ja schon angefangen, einiges zu verändern. Aber wenn Sie erst dort sind, meine Gute!“, betonte sie.

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht … Dann muss ich ja wieder dieses Kind ertragen, oh mein Gott!“, sagte Frau Ross, legte sich die Hand an die Stirn, schloss die Augen und tat so, als würde sie bei dem Gedanken gleich in Ohnmacht fallen.

„Ach, Frau Ross! Welches Kind meinen Sie denn?“, fragte Frau Hunter.

„Sie wissen doch, dieses nervende Kind, das hier mal gewohnt hat – na, wie hieß sie denn noch mal?“, sagte sie und tat so, als müsse sie überlegen.

„Ach, Sie meinen die olle Göre Isabel“, erwiderte Frau Ross.

„Genau, die ist doch auch dort“, meinte Frau Hunter.

„Wenn es nur das ist? Dann können wir ja dafür sorgen, dass sie nicht lange dort bleibt! Außerdem haben wir dort noch einen dunklen Kellerraum. Der ist sowieso fast immer leer, und nur ab und zu kommt dort jemand hinein. Da die Kinder ja alle so artig sind, können wir doch dafür sorgen, dass Isabel McCaler dort hineinkommt. Was halten Sie davon?“

Als Frau Ross das hörte, war sie wie verwandelt. Nun war sie auch bereit, schon am nächsten Tag mit Frau Hunter zu gehen und im Kinderheim zu arbeiten. Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen und heckten aus, wie sie Isabel schaden konnten, denn beide konnten das Mädchen nicht leiden. Frau Hunter steckte sich noch eine Zigarre an, und gemeinsam mit Frau Ross trank sie eine Tasse Kaffee.

Isabel hingegen musste sich im Kinderheim um die Kleinsten kümmern und ihnen die Betten fertig machen.

„Isabel, ich will aber noch nicht ins Bett, es ist doch draußen noch gar nicht dunkel“, sagte der kleine Jan, während Isabel ihm sein Nachtzeug anzog.

„Doch, Jan, wir müssen ins Bett. Oder willst du Ärger mit der Oberin haben?“

„Nein, das nicht! Aber ich bin doch noch gar nicht müde!“

„Ich bin auch noch nicht müde, aber ich muss trotzdem ins Bett – obwohl ich größer bin als du“, sagte Isabel leise zu ihm.

Nachdem sie Jan und die anderen Kinder versorgt hatte, machte auch Isabel sich fertig und wollte gerade ins Bett gehen.

„Das war mir ja wieder klar, dass du die Letzte bist. Du musstest ja mal wieder trödeln“, sagte die Heimleiterin scharf.

„Ich habe mich doch beeilt“, wollte Isabel sagen, doch sie kam nur bis „Be…“, da fiel ihr die Oberin schon ins Wort.

„Weißt du was, mein Kind? Ich glaube, ich muss mal mit Frau Hunter reden, was man da machen kann, damit das anders wird. So geht das nicht. Wenn es heißt fünf Uhr, dann ist es auch fünf Uhr, zu der man im Bett zu sein hat.“

„Ich habe doch zuerst die Kleinen versorgt“, versuchte Isabel sich zu erklären.

„Still jetzt und ab ins Bett! Wir reden morgen weiter. Und nun will ich keinen Ton mehr hören“, sagte die Heimleiterin und verließ den Raum.

Kaum war sie draußen, öffnete sie die Tür noch einmal.

„Wehe, wenn ich noch einmal hier hereinkommen muss! Dann gibt es was! Habt ihr mich verstanden?“

„Ja, wir haben es verstanden“, antworteten alle Kinder gleichzeitig.

Danach verstummten sie vollkommen. Kein Laut war mehr zu hören, denn sie wussten genau, was ihnen drohte, wenn sie widersprachen.

Am nächsten Morgen machte sich Frau Hunter erneut auf den Weg zu ihrer Freundin Frau Ross. Sie wollte sie abholen, damit sie nicht vergaß, mit ins Kinderheim zu kommen. Schon im ganzen Haus konnte man hören, dass sie da war, denn sie rief laut von der Haustür aus:

„Hallo, Frau Ross, ju-hu! Ich bin es wieder! Sind Sie schon fertig?“

Oben in ihrer Wohnung wurde Frau Ross nervös, als sie das Geschrei hörte.

„Seit sie nicht mehr hier im Haus wohnt, glaubt sie wohl, sie könne hier schreien, wie sie will. Die kann es einfach nicht lassen, obwohl ich ihr das schon ein paar Mal gesagt habe“, schimpfte sie vor sich hin.

„Ju-hu! Ich bin es! Machen Sie doch auf!“, schrie Frau Hunter erneut und schlug mit der Faust gegen die Wohnungstür von Frau Ross.

„Ist ja gut, ich komme ja schon! Müssen Sie denn immer so schreien?“, rief sie von drinnen.

Sie war nicht die Einzige, die schimpfte. Auch ein anderer Mieter hatte seine Wohnungstür aufgemacht und rief:„Ruhe hier im Haus! Wer schreit hier so früh am Morgen? Wir sind doch nicht bei den Hottentotten, verdammt noch mal – Ruhe!“

Dann verschloss er seine Tür wieder.

„Na endlich sind Sie fertig. Es wurde auch höchste Zeit, denn mein Kaffee wartet schon auf mich, und er liebt es gar nicht, wenn wir zu spät kommen.“

„Wie bitte? Der Kaffee wartet nicht gern?“, fragte Frau Ross noch einmal nach.

„Na ja, er wartet eben nicht gern“, sagte Frau Hunter abermals und lachte.

„Das ist mir zu hoch! Wenn Sie weiter so mit mir reden und mir solche dummen Antworten geben, dann bleibe ich lieber hier. Ich bin doch kein dummes Mädchen für Sie“, sagte Frau Ross und wollte sich bereits abwenden, denn es war ihr einfach zu dumm.

„Frau Ross, ich meine das doch gar nicht so. Wenn ich jetzt ins Kinderheim komme, dann steht mein Kaffee schon auf dem Küchentisch und wartet darauf, dass ich ihn trinke. Ich habe meine Kinder eben im Griff – und wehe, er steht da nicht, dann ist etwas los!“

„Frau Hunter, Sie brauchen gar nicht weiterzuerzählen. Ich kann mir schon denken, was dann kommt“, erwiderte Frau Ross.

„Ach, Frau Ross, ich freue mich doch, dass Sie jetzt mit mir dort zusammenarbeiten. Das wird bestimmt lustig. Wir müssen nur zusammenhalten“, meinte Frau Hunter.

„Wenn Sie das sagen“, antwortete Frau Ross.

„Ja, glauben Sie mir, Sie werden es nicht bereuen, ganz bestimmt nicht.“

„Wenn ich dieses Kind sehe, Frau Hunter! Dass sie dort ist und dass ich sie jeden Tag sehen muss …“

„Ich weiß.“

„Ach, Frau Ross, warten Sie doch erst einmal ab. Außerdem haben wir sie doch hierhergebracht“, sagte Frau Hunter.

„Ja schon, aber da habe ich ja auch nicht daran gedacht, dass ich dort noch einmal arbeiten will“, meinte Frau Ross.

„Kommen Sie erst einmal mit. Das Weitere wird sich dann schon ergeben, und Sie werden sehen, dass es halb so schlimm ist“, beruhigte Frau Hunter sie.

Sie unterhielten sich noch eine Weile und erreichten schließlich das Kinderheim. Dort wartete bereits die Heimleiterin auf sie, denn sie hatte etwas ganz Dringendes mit den beiden Frauen zu besprechen. Nervös schaute sie immer wieder auf ihre Uhr.

„Wo bleiben Sie nur? Ausgerechnet heute kommen Sie zu spät – ausgerechnet heute, wo ich dringend wegmuss, verdammt noch mal.“

Doch schließlich kamen die beiden Frauen an.

„Einen schönen guten Morgen. Schauen Sie doch mal, wen ich Ihnen mitgebracht habe. Ich konnte Frau Ross überzeugen, dass sie hier arbeiten wird“, erzählte Frau Hunter.

„Frau Hunter, es ist ja alles schön und gut, aber ausgerechnet heute kommen Sie später?“

„Was haben Sie denn? Sie wissen doch, dass ich nie ganz pünktlich bin“, meinte Frau Hunter.

„Ja, das ist sonst auch nicht weiter schlimm, aber ich muss heute dringend woanders hin. Ich wollte Sie bitten, vielleicht auf die Kinder Acht zu geben.“

„Was? Ich? Das kann ich doch nicht. Ich bin doch nur für die Küche zuständig und dafür, dass die Zimmer sauber sind. Wo sind denn Frau Scott und Frau James?“

„Die sind beide heute krank.“

„Wie, beide auf einmal?“, fragte Frau Hunter und schaute die Heimleiterin an.

„Ja, ich weiß auch nicht, was sie haben“, meinte diese.

Frau Hunter wollte gerade ablehnen, da stieß Frau Ross sie mit dem Fuß an und zwinkerte ihr zu.

„Was soll das denn, Frau Ross? Warum stoßen Sie mich?“, fragte Frau Hunter.

„Na ja, wenn Sie es nicht machen wollen, Frau Hunter, dann kann ich es doch übernehmen und mich um die Kinder kümmern“, schlug Frau Ross vor.

„Wie? Sie wollen sich um die Kinder kümmern? Wissen Sie überhaupt, was das für eine Arbeit ist?“

„Sie werden sich noch umschauen“, meinte Frau Hunter.

„Warten Sie ab, dann werden Sie sehen, wie gut ich auf die Kinder aufpassen kann“, antwortete Frau Ross.

„Na schön, wenn Sie unbedingt wollen. An mir soll es nicht liegen. Ich bleibe ja nicht lange fort – vielleicht eine Woche“, sagte die Heimleiterin.

„Wie, eine Woche?“, fragte Frau Hunter überrascht. „Das haben Sie vorhin aber noch nicht gesagt.“

„Ach, das macht doch nichts. Ich werde das Kind schon schaukeln – oder eben die Kinder schaukeln“, sagte Frau Ross und kicherte.

„Na gut, wenn das geregelt ist, kann ich mich ja auf den Weg machen. Sie wissen, was zu tun ist, und wenn etwas sein sollte, haben Sie freie Hand und können selbst entscheiden“, sagte die Heimleiterin und verabschiedete sich von den beiden Frauen.

„Oh Mann, da haben Sie sich aber etwas angelacht. Etwas Blöderes hätten Sie sich auch nicht antun können“, meinte Frau Hunter.

„Wieso ich? Das habe ich doch für uns beide getan.“

„Wie für uns beide?“, fragte Frau Hunter.

„Na ja, wir machen es zusammen und bringen den Laden ein wenig auf Schwung.“

„Frau Ross, jetzt spinnen Sie völlig! Ich will mich doch nicht totarbeiten. Es reicht schon, wenn ich auf diese Göre McCaler aufpassen muss, damit sie ihre Arbeit macht. Oder wie heißt die andere Göre noch? Sofie? Ach, ist ja auch egal, wie sie mit Nachnamen heißen! Die beiden sind in meiner Küche, und ich achte darauf, dass sie arbeiten. Und jetzt halsen Sie mir noch mehr Arbeit auf – ich verstehe Sie nicht“, schimpfte Frau Hunter.

„Frau Hunter, beruhigen Sie sich erst einmal. Dann sieht die Welt gleich ganz anders aus“, versuchte Frau Ross, sie zu besänftigen.

„Meinen Sie?“, fragte Frau Hunter zweifelnd.

„Ja, Frau Hunter, das meine ich. Wo haben Sie denn nun den Kaffee, den Sie mir versprochen haben?“

„Na dann kommen Sie mal mit mir. Gehen wir in die Küche“, forderte Frau Hunter ihre Freundin auf.

Sie hakte sich bei ihr ein, und gemeinsam gingen sie hinunter in die Küche. Dort warteten bereits Isabel und Sofie, denn sie hatten den Tisch für Frau Hunter gedeckt. Mit Frau Ross hatten sie allerdings nicht gerechnet – davon wussten sie nichts.

„Was ist denn hier los? Wieso steht hier nur eine Tasse auf dem Tisch und nicht zwei? Könnt ihr denn nichts allein? Muss man euch immer alles sagen?“, schrie Frau Hunter los.

„Aber Frau Hunter, Sie haben doch sonst immer nur eine Tasse und nicht zwei“, antwortete Isabel vorsichtig, denn sie fand, dass Frau Hunter sie und Sofie zu Unrecht anschrie.

„Was? Jetzt werden Sie auch noch frech? Das fehlt mir gerade noch! Erst macht ihr nicht, was man euch aufträgt, und dann geht ihr mich auch noch an. Ich glaube, ich bekomme einen Nervenzusammenbruch. Oh nein!“, schrie Frau Hunter und ließ sich auf den Stuhl am Tisch fallen.

Sie legte sich eine Hand an die Stirn und stöhnte.„Oh nein, oh nein… womit habe ich das verdient? Man will doch nur das Beste für die Kinder, und wie danken sie es einem? Indem sie frech werden! Ich verstehe das einfach nicht. Ich bin doch immer so gut zu ihnen gewesen“, jammerte sie noch eine ganze Weile weiter.

„Ach, Frau Hunter, ärgern Sie sich nicht. Nun bin ich ja hier, und jetzt weht hier ein anderer Wind. Da werden sich noch einige Kinder umschauen“, sagte Frau Ross und warf Isabel dabei einen strengen Blick zu.

Isabel wurde immer kleiner und kleiner, als Frau Ross sie so anstarrte.

Es war doch normalerweise schon schlimm genug hier, seit Frau Hunter da war – und nun auch noch Frau Ross, dachte Isabel.

„Hört zu, ich habe euch etwas zu sagen“, begann Frau Hunter. Sie stand von ihrem Stuhl auf und lief unruhig in der Küche auf und ab.

„Also, ab heute wird Frau Ross hier arbeiten, und ihr habt genauso auf sie zu hören wie auf mich. Habt ihr das verstanden? Außerdem haben wir ab heute das Sagen, denn unsere geliebte Heimleiterin ist für einige Zeit weg und hat uns beauftragt, aus euch Gören vernünftige Kinder zu machen.“

Sie blieb stehen und sah die Kinder streng an.

„Also fangen wir gleich damit an! Ihr geht jetzt nach oben und fangt an, dieses Heim zu reinigen. Wir werden hin und wieder nachschauen, wie weit ihr seid. Zweitens wird es ab heute keine Bonbons oder Schokolade mehr geben – geschweige denn einen Apfel. Diese Sachen sind viel zu schade für euch und schaden euch sowieso nur. Frau Ross wird gleich herumgehen und von jedem die Sachen einsammeln, die ihr noch habt.“

Dabei griff sie in den Mantel, den sie immer noch trug, zog eine Zigarre aus der Tasche, steckte sie sich in den Mund und zündete sie an. Sie blies Isabel den Qualm direkt ins Gesicht und sagte dann kalt:

„Hör zu. Du gehst jetzt nach oben und sagst den anderen Bescheid, dass Frau Ross zu ihnen kommt. Und wehe, ich höre Gejammer von euch. Dann kannst du ihnen auch gleich ausrichten, dass der Keller groß genug ist – da passen allerhand Kinder hinein. Und jetzt geh.“

„Halt“, sagte Frau Ross, bevor Isabel gehen konnte. „Bevor du gehst, habe ich dir auch noch etwas zu sagen. Wenn du alles ausgerichtet hast, kommst du sofort wieder hierher zurück. Ich habe auch noch etwas für dich zu tun. Und jetzt beeil dich.“

Isabel drehte sich um und lief sofort zu den anderen Kindern, die in ihren Zimmern auf das Frühstück warteten.

„Was ist los, Isabel? Wo bleibt denn unser Frühstück?“, fragten sie.

Doch Isabel konnte ihnen nur sagen, dass Frau Ross gleich kommen würde, um ihnen ihre Sachen wegzunehmen.

„Wieso? Sag schon! Warum müssen wir unsere Bonbons abgeben? Warum?“, fragte eines der Kinder.

Isabel wusste keine Antwort. Sie zuckte nur mit den Schultern. Gerade wollte sie wieder nach unten laufen, denn sie sollte ja gleich zurückkommen, da stand plötzlich Frau Ross hinter ihr.

„Warum sagst du ihnen denn nicht, dass es deine Schuld ist, dass sie alles abgeben müssen?“, sagte Frau Ross scharf.

„Wieso? Habe ich denn Schuld? Ich habe doch gar nichts getan!“, wehrte sich Isabel.

„Ach, du hast nichts getan? Warum hast du dann keinen Kaffee für mich gekocht und auch keine Tasse auf den Tisch gestellt?“, fuhr Frau Ross sie an und schaute gehässig in die Runde.

„Ich… ich kann doch gar nichts dafür…“, wollte Isabel sich entschuldigen, doch Frau Ross ließ sie nicht ausreden.

„Keine Ausreden! Lüge ich etwa? Und schau dir nur mal diese Küche an. So etwas Schmutziges habe ich ja noch nie gesehen. Aus diesem Grund haben Frau Hunter und ich beschlossen, dass es heute kein Essen gibt.“

„Die Küche war sauber! Sofie und ich haben sie geputzt“, verteidigte sich Isabel verzweifelt. Sie wusste genau, dass alles sauber gewesen war.

„Willst du etwa sagen, dass ich lüge? Warte, das klären wir sofort!“, schrie Frau Ross und rief laut:„Sofie! Komm sofort hierher, sonst passiert was!“

Es dauerte einen Moment, denn die Küche lag ein Stück weiter entfernt. Doch kurz darauf kam Sofie zu ihnen.

„Was möchten Sie von mir, Frau Ross?“

„Wie sieht die Küche aus? Ist sie sauber oder ist sie schmutzig?“, fragte Frau Ross kalt.

„Sie ist schmutzig“, sagte Sofie leise und ließ den Kopf hängen.Sie musste es sagen – denn hätte sie widersprochen, wäre sie im Kellerloch eingesperrt worden. Und davor hatte sie große Angst.

„Aber wir haben doch sauber gemacht…“, begann Isabel verzweifelt, doch weiter kam sie nicht.

„Du hast es doch gehört!“, fuhr Frau Ross sie an. „Die Küche ist schmutzig, und nun ist Schluss damit! Rückt eure Sachen heraus. Ihr könnt euch bei Isabel bedanken.“

Die Kinder mussten alles, was sie noch besaßen, an Frau Ross abgeben. Danach hatten sie nichts mehr. Viele von ihnen waren wütend auf Isabel – obwohl sie nichts dafür konnte.

Doch Isabel wusste: Das alles war ausgedacht. Frau Ross und Frau Hunter hatten es geplant, um ihr zu schaden.Isabel und Sofie hatten die Küche sauber gemacht. Was Isabel jedoch nicht wusste: Frau Hunter hatte später alles absichtlich verdreckt – mit Mehl, Kaffeepulver und Kartoffelschalen vom Vortag, die sie überall verstreut hatte.

Noch ahnte Isabel nicht, dass es schlimmer kommen würde.

Denn Frau Ross und Frau Hunter hatten längst beschlossen, Isabel in ein anderes Heim zu bringen. Da die Heimleiterin länger fortblieb als angekündigt, hatten sie genügend Zeit, ihren Plan umzusetzen. Und Isabel musste noch mehr leiden.

Jeden Abend, wenn Frau Ross und Frau Hunter nach Hause gegangen waren und nur noch der alte Hausmeister, Herr Robertson, im Heim war, schlich Isabel hinaus auf den Hinterhof. Er war von einer hohen Mauer umgeben – so hoch, dass kein Kind hinüberklettern konnte.

Isabel ging immer zur alten Rotbuche, die dort stand, setzte sich darunter und dachte an ihre Mutter und an ihre Freunde. Sie erinnerte sich daran, wie gut ihr Leben gewesen war, bevor sie in dieses Heim gekommen war – bevor sie von morgens bis abends arbeiten musste und kaum genug zu essen bekam.

Wenn sie daran dachte, kamen ihr oft die Tränen. Auch an diesem Abend.

Isabel legte sich neben den Baumstamm, zog die Beine an sich und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Sie weinte bitterlich.

Plötzlich hörte sie eine Stimme.

„Hallo, kleine Isabel. Du musst nicht weinen. Wisch deine Tränen ab. Es lohnt sich nicht. Es wird der Tag kommen, an dem du wieder lachst. Und außerdem wird man alt und bekommt Falten vom vielen Weinen.“

Es war eine Frauenstimme.

Isabel schnaufte ein paar Mal, wischte sich die Tränen ab und fragte leise:„Wer spricht mit mir? Wo bist du? Zeig dich. Ich kann dich nicht sehen.“

Doch egal, wie sehr sie auch bat – die Stimme antwortete nicht mehr. Sie blieb stumm.

Stattdessen kam jemand anderes auf den Hof.

Es war Frau Ross.

Sie war noch einmal ins Heim zurückgekommen, weil sie etwas vergessen hatte: die Bonbons und die anderen schönen Dinge, die eigentlich für die Kinder bestimmt waren. Doch Frau Ross und Frau Hunter fanden immer neue Gründe, um den Kindern diese Dinge vorzuenthalten – denn sie behielten sie lieber für sich.

„Was machst du hier hinten auf dem Hof?“, fauchte Frau Ross. „Hast du nichts zu tun? Solltest du nicht noch sauber machen?“

„Ich habe alles erledigt, was Sie mir aufgetragen haben“, antwortete Isabel leise.

Doch Frau Ross überlegte bereits wieder, womit sie Isabel quälen konnte.

„Dann wirst du jetzt den ganzen Hof reinigen“, sagte sie schließlich kalt. „Und wehe, hier ist morgen früh noch Dreck.“

Erst als Frau Ross gegangen war, griff Isabel zum Besen und begann, den Hof zu fegen.

 

Im Land von Toma

 

Im Land von Sieta herrschte indessen große Aufregung, denn bald schon sollten die Kinder wieder zusammengeholt werden, um weiter Zauber zu lernen. Doch noch stritten sie darüber, wo der Unterricht stattfinden sollte.

Galama war dafür, dass die Kinder im großen Saal der Ahnen lernen sollten. So würde man sich den langen Weg hinaus vor das Dorf zur alten Eiche sparen, so war er der Meinung. Denn jeden Morgen mussten die Kinder diesen Weg laufen, und in dieser Zeit könnten sie bereits lernen.

„Ich bin aber nicht dafür!“, antwortete Toma entschieden.

„Warum denn nicht?“, fragte Galama.

„Schau, Galama“, sagte Toma, „unsere ganzen Vorfahren haben immer an dieser Eiche gelernt – und sie haben gut gelernt.“

„Ja schon, aber man muss doch auch mal mit der Zeit gehen“, entgegnete Galama.

„Wir sollten uns lieber Gedanken darüber machen, wer die Kinder unterrichtet“, meinte Toma ernst. „Nicht, dass es wieder so endet wie beim letzten Mal.“

„Da hast du recht“, sagte Galama nachdenklich. „Ich habe mir darüber auch schon Gedanken gemacht.“

„Und?“, fragte Toma.

„Mir ist als Erstes nur einer eingefallen“, antwortete Galama.

„Und wer?“

„Na wer schon – du. Und vielleicht auch ich. Doch da bin ich mir noch nicht sicher.“

Toma wurde blass.

„Das ist doch nicht dein Ernst! Du warst immer dabei! Wie soll das ohne dich gehen?“, rief er.

„Ich weiß es nicht“, sagte Galama leise.

„Warte, das haben wir gleich“, sagte Toma und sprang von der grünen Bank auf.

Er lief zu seinem Haus, verschwand darin und suchte etwas.

In der Zwischenzeit kam Flink heran.

„Es geht um die Schüler?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Galama. „Toma holt nur kurz etwas.“

„Dann warte ich hier“, sagte Flink und begann, Gras zu kauen.

„Du wirkst so komisch“, murmelte er mit vollem Mund. „Bist du sauer?“

„Kau du nur dein Gras“, fauchte Galama. „Davon hast du sowieso keine Ahnung. Du bist ja nur ein dummer Esel.“

Flink hielt inne.

„Ach ja? Das muss ich mir nicht anhören“, sagte er beleidigt und stapfte davon.

Kurz darauf kam Toma zurück – mit einer seltsam gedrehten Flasche und zwei passenden Gläsern.

„Da bin ich wieder“, sagte er und setzte sich.

„Schön“, murmelte Galama. „Aber irgendwie ist mir das auch egal.“

 

„Galama, willst du mir nicht sagen, was dir fehlt? Es ist doch nicht der Grund, dass wir den Unterricht weiterhin in der alten Schule geben wollen. Da ist doch bestimmt etwas anderes?“, fragte Toma.

„Ich weiß nicht. Irgendwie möchte ich den Kindern nichts mehr beibringen, doch ich kenne den Grund dafür selbst nicht“, sagte Galama und versank in Gedanken.

„Komm, nimm doch erst einmal ein Kräuterchen. Ich habe noch etwas davon in meinem Schrank gefunden. Danach fühlst du dich bestimmt ein wenig besser, glaub mir“, versuchte Toma ihn aufzumuntern.

„Meinst du?“, fragte Galama.

„Bestimmt. Ich fühle mich auch ab und zu so wehmütig, aber das legt sich immer wieder“, meinte Toma.

Als sie nun schon einige Zeit dort zusammengesessen hatten, fragte Toma seinen Freund, ob er heute schon Flink gesehen habe, doch Galama verneinte es.

„Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen. Warum fragst du mich das?“, wollte Galama wissen.

„Na ja, er wollte schon längst hier gewesen sein“, meinte Toma.

Während sie sich noch unterhielten, kam die kleine Libelle Sieta vorbeigeflogen und machte einen kurzen Halt bei den beiden. Sie wollte wissen, wer die Kinder unterrichten sollte, falls Prinzessin Pia nicht kommen würde.

„Hallo Sieta, wie geht es dir?“, fragte Toma sie.

„Mir geht es gut. Und euch?“, antwortete sie höflich.

„Uns auch – oder sagen wir lieber fast“, entgegnete Toma.

„Wieso denn fast? Bist du krank?“, fragte Sieta.

„Nein, nein, ich nicht. Aber ich glaube, mit Galama stimmt etwas nicht“, meinte Toma.

„Was fehlt ihm denn?“, wollte Sieta wissen.

Denn Galama sah nicht krank aus – zumindest fast nicht. Sein langer grauer Bart war ein wenig zerzaust, und das war man von ihm normalerweise nicht gewohnt.

„Sieta, etwas anderes: Hast du vielleicht Flink gesehen? Er wollte schon längst hier sein“, fragte Toma nun auch sie.

„Wie, er ist noch nicht hier gewesen? Er hatte sich doch schon längst auf den Weg zu dir gemacht. Ihr wolltet doch besprechen, wann die Kinder geholt werden sollen“, meinte Sieta.

„Wisst ihr was? Mir geht das alles auf die Nerven – dieses ganze Getue mit den Zauberschülern. Die lernen es doch sowieso nicht. Aus diesem Grund mache ich mich jetzt auf den Weg zu meiner Weide und zu meinen Baumgeistern“, sagte Galama.

Er stand von der grünen Bank auf, schnappte sich seinen blauen Umhang, legte ihn über den rechten Arm und machte sich auf den Weg zu seiner Trauerweide.

„Galama, du kannst doch nicht einfach so gehen! Willst du mir nicht sagen, was du hast?“, rief Toma ihm nach.

Galama hob nur den linken Arm, winkte ab und ging weiter, ohne sich umzudrehen.

„Was ist denn mit Galama? So kenne ich ihn gar nicht“, sagte Sieta besorgt zu Toma.

Toma saß still auf der Bank und schaute seinem Freund hinterher. Er sagte zunächst keinen Ton, seufzte dann aber und meinte schließlich:

„Wie soll ich das wissen, wenn er mir nicht sagen will, was in ihm vorgeht?“

Während sie noch über Galama sprachen, kam auch Flink zurück.

„Ia-ia, ist der alte Mann wieder fort?“, fragte er.

„Wen meinst du?“, fragte Sieta, als Flink am Zaun stehen blieb.

„Na wen schon? Natürlich Galama. Der ist ganz schön komisch drauf – so habe ich ihn noch nie erlebt“, meinte Flink.

„Nicht nur du, sondern ich auch nicht“, sagte Toma.„Und das Schlimmste ist ja noch: Er will den Kindern kein Zaubern mehr beibringen. Und nicht nur das – auch Prinzessin Pia weiß nicht, ob sie noch einmal kommt“, erzählte Toma den beiden.

„Wie? Pia will nicht mehr? Davon weiß ich ja noch gar nichts“, meinte Sieta erschrocken.

„Ja, ich habe eben auch gedacht, dass sie bleiben würde, bis die Kinder alles gelernt haben. Ich hätte nie gedacht, dass sie einfach aufhört“, sagte Toma.

„Da müssen wir etwas gegen tun. Ich wollte doch schon die ersten Kinder aus dem Himmelsland holen“, erwiderte Flink.

„Wisst ihr was? Ich mache mich auf den Weg und werde mit Prinzessin Pia reden. Vielleicht kann ich sie überreden, noch einmal mitzumachen“, sagte Sieta entschlossen.

Sie hob von dem Baumstumpf ab, der immer noch in Tomas Garten stand, und schwebte vor Toma und Flink.

„Sieta, willst du wirklich noch einmal mit ihr sprechen?“, fragte Flink seine Freundin.

„Ja, ich will jetzt aber auch wissen, was hier eigentlich los ist. So haben sie sich ja noch nie angestellt“, meinte Sieta und machte ein paar Flugbewegungen, bevor sie abhob.

„Sei aber vorsichtig, nicht dass du zu Schaden kommst!“, rief Toma ihr hinterher.

Denn er wollte nicht auch noch auf Sieta verzichten, falls ihr etwas geschehen sollte. Sieta drehte sich noch einmal um und rief zurück:

„Nein, hab keine Angst! Ich komme schon wieder zurück. Ich werde Pia mitbringen und auch noch einmal mit Galama reden!“, rief sie, während sie weiterflog.

Als Toma nun mit Flink allein dastand, fragte dieser, wie es denn nun weitergehen solle und ob er die Kinder trotzdem zusammenholen solle.

„Was ist das denn für eine Frage?“, antwortete Toma.

„Na ja, man weiß hier ja schon gar nicht mehr, was man tun soll. Das ist doch verständlich, oder?“, meinte Flink.

„Flink, mach dich auf den Weg. Wir können doch jetzt nicht aufhören, sonst wäre alles umsonst gewesen“, sagte Toma bestimmt.

„Ia, na gut! Dann ziehe ich jetzt los und hole die Kinder – auch die aus dem Himmelsland“, sagte Flink.

„Mach das. Ich werde mit Lilo und den anderen alles vorbereiten“, antwortete Toma und erhob sich von seiner Gartenbank.

Flink biss noch ein paar Grashalme vom Rasen ab, die er für unterwegs mitnehmen wollte. Dann nahm er Anlauf, legte die Ohren an den Kopf, hob vom Boden ab und rief noch ein paar Mal:

„Ia, auf geht’s! Toma, ich bin bald wieder zurück, es dauert nicht lange!“, hallte es durch das Dorf.

„Wenigstens auf einen kann ich mich verlassen“, rief Toma ihm nach und machte sich auf den Weg zu Lilo.

 

Auf dem Hof von den McCaler

 

Oben im Himmelsland ahnte man davon noch nichts, und so versorgte Gabriel die Tiere auf dem Hof, denn es wurde langsam Zeit. Es war bereits ziemlich spät, und Gabriel und seine Geschwister mussten bald wieder zu Bett.

„Gabriel, beeile dich, der Tisch ist schon gedeckt, und wir wollen gleich essen!“, rief seine Mutter durch das Küchenfenster zur Scheune hinüber.

„Ja, ich beeile mich doch schon, ich bin auch gleich fertig!“, rief Gabriel zurück, während er Hanna, der neuen Ziege, etwas Heu gab und dabei mit ihr sprach.

„Na, wie gefällt es dir denn nun bei uns? Ich hoffe doch gut! Wenn es dir hier nicht gefällt, musst du es nur sagen“, sagte Gabriel und streichelte sie.

Er konnte sie noch so viel fragen, doch die Ziege konnte ihm natürlich nicht antworten. Nachdem Gabriel alle Tiere versorgt hatte, lief er zur Scheunentür, schaute noch einmal zurück und wünschte den Tieren eine gute Nacht. Dann versuchte er, das große Scheunentor zu schließen, was ihm jedoch große Mühe bereitete. Es ging schon wieder ziemlich schwer, und Gabriel nahm sich vor, bald mit seinem Vater darüber zu reden, ob er das Tor nicht endlich reparieren könne.

„Gabriel, wann kommst du denn?“, hörte er seine Mutter erneut rufen, denn er stand noch immer an der Scheune.

„Ich komme schon!“, rief er zurück, lief zum Haus, zog an der Eingangstür seine Stiefel aus und stellte sie neben die kleine Stufe.

„Mutter, ich bin schon hier!“, rief Gabriel, als er das Haus betrat. „Ich wasche mir nur noch schnell die Hände, dann komme ich.“

„Ja, aber beeile dich, deine Geschwister haben schon Hunger“, sagte seine Mutter.

„Mutter, ich verstehe gar nicht, warum wir auf Gabriel warten müssen. Wir können doch schon anfangen“, sagte Tom, Gabriels Bruder.

„Tom, du wirst doch wohl so lange warten können, bis Gabriel da ist. Du hättest ihm ja helfen können, dann wäre er längst hier“, entgegnete seine Mutter.

„Mutter, du weißt doch, dass heute und morgen Gabriel dran ist und die Tiere füttern und sauber machen muss. Wir haben doch unsere Abmachung, oder nicht?“, fragte Tom.

„Ja schon“, meinte seine Mutter und wollte noch etwas sagen, doch Tom fiel ihr wieder ins Wort.

„Na also! Dann brauchen wir ja nicht weiter darüber zu sprechen, oder? Siehst du das auch so, Kim?“

Doch seine Schwester zuckte nur mit den Schultern. Es war ihr egal, denn sie musste die Tiere ja nicht versorgen, sondern ihrer Mutter im Haushalt helfen. So hatten sie es mit ihren Eltern abgemacht. Der Vater war nämlich nur noch selten zu Hause, seit er die neue Arbeit angenommen hatte. Er verdiente zwar mehr Geld, doch dafür war er kaum noch da, und so mussten Mutter und Kinder die ganze Arbeit auf dem Hof übernehmen.

Als schließlich auch Gabriel am Tisch saß, beteten sie gemeinsam und begannen anschließend zu essen. Dabei unterhielten sie sich über das, was sie am Tag erlebt hatten. Doch ihre Mutter trug etwas auf dem Herzen, das sie unbedingt mit ihren Kindern besprechen wollte, und so begann sie plötzlich während des Essens zu reden.

„Hört mal, ich habe ein Anliegen. Das wollte ich mit euch besprechen.“

„Was gibt es denn, Mutter?“, fragte Gabriel sofort.

„Na ja … wir sind hier doch immer allein, und Papa ist weit weg und kommt nur noch selten nach Hause. Da habe ich mich gefragt, ob wir nicht von hier fortgehen und zu Papa ziehen sollten“, erzählte die Mutter. Doch alle drei Kinder riefen schlagartig:

„Nein, wir möchten nicht von hier fort!“

„Es wäre aber doch besser, dann wäre Papa auch öfter bei uns“, meinte die Mutter.

„Aber wir sind doch extra hierhergezogen, weil es hier so schön ruhig ist“, sagte Tom.

„Genau, und außerdem ist es doch Onkel Pauls Haus. Was geschieht denn damit, wenn wir nicht mehr hier wohnen? Dann verfällt es ja. Und wenn Onkel Paul wiederkommt, was soll er denn denken?“, ergänzte Kim.

„Ich glaube nicht, dass dein Onkel noch einmal zurückkommt. Wer weiß, wo er geblieben ist“, meinte die Mutter leise.

„Ach, Mutter! Du kannst es dir doch noch einmal überlegen. Vielleicht kommt Papa ja auch wieder öfter nach Hause. Überleg es dir bitte noch einmal“, sagte Gabriel zu seiner Mutter und stand vom Tisch auf. Nach dem, was er gehört hatte, schmeckte ihm das Brot nicht mehr.

„So ein Unsinn!“, rief er noch, als er hinausging.

„Gabriel, wo willst du denn hin? Du hast doch noch gar nicht aufgegessen“, rief seine Mutter ihm nach.

„Mir ist der Appetit vergangen. Ich gehe noch ein wenig in die Scheune“, hörte man ihn nur leise sagen.

Gabriel konnte seine Mutter nicht verstehen. Es war hier doch wunderschön, und er dachte an seine Tiere. Was würde aus ihnen werden, wenn sie fortzogen? Seine Mutter würde sie bestimmt nicht mitnehmen, dachte er.

Auch sein Bruder Tom stand vom Tisch auf, denn auch ihm schmeckte das Essen nicht mehr.

„Tom, was ist denn mit dir?“, fragte die Mutter.

Doch Tom antwortete nur kurz:„Ach, es ist doch egal.“

Dann lief er über den Flur in sein Zimmer und schloss die Tür von innen.

„Mama, du bist gemein“, sagte auch Kim.Sie nahm die Brotscheibe, die sie sich gerade geschmiert hatte, in die Hand und verschwand ebenfalls, wie ihre Brüder, und ließ die Mutter allein zurück.

„Da habe ich ja etwas angerichtet“, murmelte die Mutter.Sie rührte mit einem Teelöffel in ihrer Tasse und schob das Holzbrett zur Seite, denn auch ihr war der Appetit vergangen.

Gabriel lief über den Hof, vorbei am alten Brunnen. Als er ein paar Meter davon entfernt war, bückte er sich, hob einen Stein auf und warf ihn in hohem Bogen in den Brunnen.

„Eins, zwei, drei – platsch!“, zählte er jedes Mal und lief dann weiter.So prüfte er, ob der Wasserspiegel höher oder tiefer war als beim letzten Mal.

Dieses Mal bückte er sich erneut, hob einen weiteren Stein auf und warf ihn wieder hinein. Doch diesmal zählte er nicht, sondern rief nur:

„So ein Unsinn, ich will von hier nicht weg!“

Dann lief er zum Scheunentor. Wieder musste er sich mit voller Wucht dagegen lehnen, um es aufzubekommen, und schimpfte dabei:

„Ich glaube, ich gehe doch von hier fort. Wenn ich dieses verdammte Tor immer so schwer aufbekomme, dann können sie mir hier alle gestohlen bleiben!“

Was Gabriel von draußen nicht sehen konnte, war, dass von der Innenseite jemand gegen das Tor hauchte, und so ging es fast wie von alleine auf.

„Na also! Warum nicht gleich so, du olles Tor“, sagte Gabriel und trat noch gegen das Tor.

Anschließend lief er weiter in die Scheune hinein, setzte sich zwischen seine Tiere und begann, mit ihnen zu reden.

„Hört mal, ich muss euch etwas erzählen. Das wird euch bestimmt nicht schmecken. Meine Mutter will, dass wir von hier fortziehen, aber meine Geschwister und ich wollen das nicht. Wir wissen gar nicht, warum wir erst hierhergezogen sind, wenn wir jetzt schon wieder weg sollen. Und wenn wir wegziehen, dann müsst ihr auch gehen.“

„Was haltet ihr davon?“, fragte er und schaute dabei zur Ziege und zu seinen Gänsen, die im Stroh lagen.„Ach ja, ihr könnt mir ja keine Antwort geben“, fügte er hinzu.

Da hörte er auf einmal eine Stimme. Es war Flinks Stimme. Er war gekommen, um Gabriel zu holen, denn er sollte doch weiter das Zaubern lernen.

„I-a! Wieso können sie dir keine Antwort geben? Ich mache es doch auch“, sagte Flink laut.

„Wer ist hier? Komm sofort hervor, sonst gibt es Ärger! Komm, lass dich sehen“, rief Gabriel und bekam nun doch ein wenig Angst.

Vor Schreck sprang er auf und schnappte sich die alte Mistgabel, die dort stand. Er hielt sie mit beiden Händen krampfhaft fest und sah sich in der Scheune um.

„I-a, ich weiß gar nicht, was du willst. Und leg bloß dieses spitze Ding zur Seite, damit könntest du mir wehtun!“, sagte Flink.

„Wer bist du, und wie kommst du hier herein?“, fragte Gabriel.

„Wer ich bin? Wer soll ich schon sein? Ich bin es doch, Flink“, antwortete er.

„Welcher Flink? Ich kenne keinen Flink. Und außerdem bist du doch ein Esel, und ein Esel kann gar nicht sprechen“, erwiderte Gabriel und schüttelte den Kopf.

Im ersten Augenblick dachte er, er würde träumen. Doch dem war nicht so, denn als er den Kopf still hielt, stand Flink immer noch vor ihm, und er konnte ihn auch weiterhin hören.

„Du brauchst gar nicht so zu tun. Mich gibt es wirklich“, sagte Flink.

„Was willst du hier? Wir brauchen keinen Esel, und außerdem haben wir auch nicht so viel zu fressen, dass wir einen Esel satt machen könnten“, sagte Gabriel.

„Fressen, immer nur fressen! Sehe ich so aus, als wäre ich nur zum Fressen gekommen? Nein, nein. Ich soll dich holen. Oder willst du nicht mit mir kommen? Du hast es doch vorhin draußen selbst gesagt, dass du nicht von hier fortwillst“, fragte Flink.

„Wo soll ich denn mit dir hin, du oller Spinner? Ich kenne dich doch gar nicht, und außerdem träume ich vielleicht doch nur“, meinte Gabriel und rieb sich die Augen.

„Hm, das kann doch nicht wahr sein. Man kann doch nicht alles vergessen, was man erlebt hat. Weißt du denn gar nichts mehr von dem, was du mit Isabel erlebt hast?“, wollte Flink nun von ihm wissen.„Da muss doch noch etwas in deinem Kopf zurückgeblieben sein.“

„Wie, ich und Isabel? Die ist doch zu Hause bei meiner Tante“, sagte Gabriel.

„Ja, noch. Aber sie soll ich auch holen, nachdem ich dich geholt habe“, meinte Flink.

Da Gabriel ihm immer noch nicht richtig glauben wollte, musste Flink zu anderen Mitteln greifen. Er hauchte Gabriel direkt ins Gesicht. Gabriel runzelte die Nase und sagte:

„Igitt, du stinkst ganz schön! Kannst du nicht in eine andere Richtung hauchen? Musstest du mir unbedingt in die Nase pusten?“

„Wie, ich stinke? Das verstehe ich jetzt aber gar nicht. Erkennst du mich denn immer noch nicht?“, fragte Flink.

„Nein, wie soll ich …!“, hörte man Gabriel noch sagen.

Und dann geschah es.Gabriel erinnerte sich auf einmal an alles, was er und seine Freunde gemeinsam erlebt hatten.

„Flink, was machst du denn hier, und wo sind die anderen?“, fragte Gabriel nun.

„Gott sei Dank, er kann sich wieder erinnern“, erwiderte Flink erleichtert.

„Wieso denn nicht? Meinst du, ich würde jemals etwas von uns vergessen? Das glaube man ja nicht! Aber nicht Gabriel“, sagte er.„Was willst du überhaupt von mir, und warum bist du hier?“, wollte Gabriel nun doch wissen.

„I-a, ich dachte, du vergisst nichts, also ist es wohl doch nicht so. Aber egal. Ich soll dich für Toma holen – und auch Isabel und all die anderen Kinder. Es geht wieder los, ihr müsst die zweite Stufe des Zauberns lernen.“

„Gerade jetzt? Warum denn nicht später? Ich kann doch jetzt nicht von hier fort, meine Mutter will doch von hier wegziehen“, sagte Gabriel.

„Schau, Gabriel, gerade deshalb solltest du gehen. Für deine Mutter bleibt die Zeit stehen, und sie würde dich nicht einmal vermissen“, erklärte Flink.

„Nein? Tut sie das wirklich nicht?“, fragte Gabriel unsicher.

„Auf keinen Fall. Du kannst mir glauben. Ehe du dich versiehst, bist du auch schon wieder hier“, antwortete Flink.

„Na, wenn das so ist! Worauf wartest du denn noch? Lass uns gehen! Ich bin schon ganz gespannt auf Leonit und auf Sieta, aber vor allem auf Isabel“, sagte Gabriel begeistert.

Flink wollte sich gerade nach draußen begeben, damit sie vom Hof aus starten konnten, doch da sagte Gabriel noch:

„Warte, ich komme gleich wieder. Ich muss noch etwas holen.“

Nach diesen Worten lief er hinüber zum Haus.

„Was willst du denn holen? Du brauchst dort nichts, wo wir hingehen“, rief Flink ihm hinterher.

„Doch, doch! Ich komme gleich!“, rief Gabriel zurück.

Gabriel ließ sich dieses Mal nicht von Flink zurückhalten. Er wollte unbedingt ein paar Sachen mitnehmen. Nicht noch einmal wollte er ohne Zeug dastehen und diese albernen Sachen tragen müssen, die ihm die Wichtel beim letzten Mal gegeben hatten.

„Nein“, dachte Gabriel, „das kommt mir nicht noch einmal vor.“

Also stopfte er ein paar Sachen in einen kleinen braunen Koffer, den er unter seinem Bett hervorgezogen hatte.

„Gabriel, was ist denn nun? I-a, wie lange muss ich denn noch warten? Komm doch endlich zurück!“, rief Flink über den Hof.

Doch erst jetzt fiel ihm ein, dass er mit seinem Geschrei auch andere herauslocken konnte, und so schluckte er den zweiten Ruf hinunter.

Als Gabriel seiner Meinung nach alles beisammen hatte, schlich er wieder die alte Holztreppe nach unten. Ganz leise wollte er an der Küchentür vorbeischleichen, damit weder seine Geschwister noch seine Mutter ihn hören würden.

Als er an der Tür stand und in die Küche blickte, sagte er leise:„Tschüss, Mama. Tschüss, Kim.“

Er wollte gerade auch „Tschüss, Tom“ sagen, doch da hörte er plötzlich Tom hinter sich:

„Wieso sagst du uns allen Tschüss?“

Gabriel erschrak, denn mit Tom hatte er jetzt wirklich nicht gerechnet.

„Spinnst du? Musst du mich immer so erschrecken?“, fragte Gabriel seinen Bruder.

„Das wollte ich gar nicht. Aber wenn du dich hier fortschleichen willst, muss ich dich doch ansprechen. Oder soll ich dich einfach laufen lassen?“, fragte Tom.

„Sei doch nicht so laut, sonst hört Mama es noch, und dann kommt sie auch noch“, sagte Gabriel und schaute nervös in Richtung Küche.

„Na und? Was kümmert mich das? Du kannst doch nicht einfach weglaufen, nur weil Mama vielleicht hier wegziehen will“, sagte Tom zu seinem Bruder.

„Das ist es ja auch nicht“, antwortete Gabriel leise.

„Und warum willst du dann fort, Gabriel?“

„Das kann ich dir nicht erzählen, dazu bist du noch zu klein.“

„Ha, ha, ha! Ich und zu klein? Wenn ich für dich deine Arbeit machen soll, dann bin ich wohl auch nicht zu klein“, meinte Tom nur.

„Tom, ich kann es dir wirklich nicht erzählen. Wenn ich wiederkomme, dann erfährst du alles, versprochen“, sagte Gabriel.

Nachdem Gabriel das gesagt hatte, machte er sich wieder auf den Weg und lief hinaus auf den Hof, wo Flink schon ungeduldig wartete.

„I-a“, wollte Flink gerade sagen, doch er schluckte es schnell wieder hinunter, als er sah, dass Gabriel Tom mit nach draußen brachte – oder vielmehr, dass Tom ihm hinterherlief.

„Oh! Wo kommt der denn her? Wo ist der denn ausgerückt? Das ist ja ein ganz Niedlicher. Weißt du was, Gabriel? Den fange ich ein und dann verstecke ich ihn in unserer Scheune“, sagte Tom und schaute sich nach einer geeigneten Schnur um, mit der er Flink anbinden konnte.

Flink legte die Ohren an und rief empört:„I-a, i-a! Und das mir! Warum bin ich bloß hierhergekommen!“

„Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden“, fragte Tom seinen Bruder, denn er war davon ausgegangen, dass Gabriel gesprochen hatte.

„Ach, gar nichts“, bekam er nur zur Antwort.

„Was heißt hier ‚ach gar nichts, i-a‘?“, fragte Flink leise, sodass Tom es nicht hören konnte.

„Sei doch nicht so laut, sonst hört Tom dich noch. Willst du das etwa?“, flüsterte Gabriel.

„Was? Und warum unterhältst du dich mit einem dummen Esel?“, fragte Tom plötzlich.

Er war wieder da und hielt nun eine Schnur in der Hand, mit der er Flink anbinden wollte.

„I-a! Ich bin doch kein dummer Esel! Ich bin Flink, und außerdem werde ich dir gleich zeigen, wer von uns beiden der dümmere Esel ist“, schimpfte Flink.

Toms Augen wurden immer größer, als er sah und hörte, dass der Esel mit ihm sprach.

„Gabriel, der Esel kann ja sprechen! Was ist das denn für einer?“

„Wie kommst du denn darauf? Da musst du dich bestimmt verhört haben.“

„Nein, nein!“

„Doch, glaube mir. Du hast dich verhört. Außerdem gibt es doch gar keine Esel, die sprechen können“, sagte Gabriel und versuchte, seinen Bruder davon zu überzeugen.

Tom kniff die Augen zusammen und schielte zu Flink hinüber, doch er hörte nichts mehr.

Flink wurde das Ganze jedoch zu dumm, und so platzte ihm der Kragen.

„Wenn du nicht gleich auf meinen Rücken steigst, damit wir endlich loskommen, dann musst du eben hierbleiben! Ich hoffe, du hast mich verstanden!“

Als Tom das hörte und sah, dass der Esel tatsächlich mit Gabriel sprach, riss er Mund und Augen weit auf und starrte ihn nur an.

„Ich komme ja schon“, antwortete Gabriel und lief mit dem Koffer in der Hand zu Flink.

„Was ist das denn, und was soll das?“, fragte Flink, als er den Koffer sah. Davon war nämlich nie die Rede gewesen.

„Na, wonach sieht es denn aus?“, meinte Gabriel nur.

„I-a! Ich bin zwar ein Esel, aber kein Packesel! Deinen Koffer nehme ich nicht mit, das kommt überhaupt nicht infrage“, hörte man Flink schimpfen.

„Na gut, dann bleibe ich eben hier, und du kannst es ja Toma erklären“, drohte Gabriel.

„I-a! Immer diese Erdbeine. Die wollen immer mit dem Kopf durch die Wand, und ein Esel wie ich hat natürlich nichts zu sagen. Na schön – aber wenn wir bei Toma sind, dann regeln wir das mit euren Sachen“, meinte Flink schließlich.

Flink machte sich etwas kleiner, sodass Gabriel aufsteigen konnte. Anschließend richtete er sich wieder auf und wollte schon loslaufen, da rief Tom:

„Gabriel, wenn du jetzt losgehst, dann rufe ich Mama – es sei denn, ich kann mit dir kommen!“, erpresste Tom seinen Bruder.

„Hör nicht auf ihn, lass uns lieber von hier verschwinden, denn ich bin auch schon viel zu spät dran“, sagte Flink.

Flink lief ein paar Schritte in Richtung Brunnen, denn er wollte von dort loslaufen, damit er genügend Anlauf hatte, um in die Luft zu kommen. Doch da fing Tom an zu schreien:

„Mama! Mama! Gabriel will mit so einem alten, klapprigen Esel verschwinden, komm schnell…!“, schrie Tom in Richtung Haus.

Als Flink das hörte, rief er Tom zu:„Sei doch ein wenig leiser, schrei nicht so laut, sonst hören sie dich noch. Sei doch still!“

„Na und! Mir ist es egal, ich will mich ja auch nicht von hier fortschleichen“, sagte Tom und tat so, als wollte er noch einmal schreien.

„Mama! Mama!“

Doch da verstummte sein Geschrei wieder und er fragte:„Was ist, nehmt ihr mich jetzt mit, oder muss ich noch lauter schreien?“

„Tom, du weißt doch gar nicht, wohin wir wollen“, sagte Gabriel zu ihm.

„Das ist mir egal, ich gehe dorthin, wo auch du hingehen willst“, antwortete Tom.

Flink hatte es nun aufgegeben und wollte sich nicht mehr streiten. So sagte er:„Dann komm endlich, wir müssen weiter, sonst kommen wir nie an.“

Flink bückte sich wieder, sodass Tom ebenfalls auf seinen Rücken steigen konnte. Nachdem Tom saß, richtete Flink sich auf und lief so schnell er konnte. Plötzlich rief er:

„Gabriel, drück meine Ohren zur Seite nach unten!“

Gabriel tat es sofort, und gemeinsam mit den beiden Jungen hob Flink vom Boden ab.

„Oh, oh ha! Halt mich bloß fest, sonst falle ich noch hinunter!“, rief Tom seinem Bruder zu.

Damit hatte Tom nicht gerechnet – dass der Esel Flink fliegen konnte. Jetzt wünschte er sich doch, er wäre lieber zu Hause geblieben.

 

 

Isabel musste bis spät am Abend den Hof fegen, um ihn sauber zu bekommen. Als sie fertig war, setzte sie sich wieder an die alte Rotbuche und lehnte ihren Kopf gegen den Stamm. Während sie dort saß, fing Isabel erneut an zu weinen und redete vor sich hin.

Sie hatte mitbekommen, dass Frau Ross und Frau Hunter sie zu Pflegeeltern geben wollten und dafür Geld erhalten sollten. Isabel hatte dieses Gespräch der beiden Frauen zufällig gehört. Doch sie wollte nicht von hier fort, denn sie hoffte noch immer, ihre Mutter eines Tages wiederzusehen.

So saß sie dort und weinte, bis schließlich wieder die fremde Stimme leise zu ihr sprach:

„Hallo, kleines Fräulein Isabel, du weinst ja schon wieder. Was ist geschehen, dass du so bitterlich weinst?“

„Ach, ich soll von hier fort. Ich will doch gar nicht. Ich warte doch darauf, dass meine Mutter wieder nach Hause kommt“, antwortete Isabel schluchzend und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.„Wo bist du? Warum kommst du nicht zu mir und zeigst dich?“, fragte sie die Stimme.

„Mach dir keine Sorgen, du wirst von hier nicht fortkommen, solange ich in deiner Nähe bin“, erwiderte die Stimme.

„Warum zeigst du dich denn nicht?“, fragte Isabel erneut.

„Nein, die Zeit ist noch nicht gekommen. Doch solltest du Hilfe brauchen, dann komme ich“, versprach die Stimme ihr.

„Sag schon, wie heißt du denn? Wie soll ich dich nennen oder wie soll ich dich rufen?“, fragte Isabel.

„Rufe nur:Sulanna, komm geschwind,Hilfe braucht ein armesKind!

Wenn du das gerufen hast, dann komme ich und bin bei dir. Doch nun gehe hinein und begib dich zur Ruhe, denn die Nacht bricht herein und du bist hier draußen ganz allein“, sagte Sulanna und verstummte.

„Was ist, wenn ich Fragen habe?“, fragte Isabel noch, doch Sulanna antwortete nicht mehr.

Der Hinterhof wurde still. Nur der Wind war zu hören, der durch die Blätter der alten Rotbuche wehte. Isabel sah sich noch einmal um, doch sie konnte Sulanna nirgends entdecken. Schließlich stand sie auf, lief zurück ins Haus, tat, was Sulanna ihr geraten hatte, und legte sich schlafen.Sie schlief tief und fest.

 

In dieser Nacht war es wieder sternenklar, und ein rötlicher Mond stand am Himmel. Als Flink am Haus ankam, in dem Isabel zusammen mit ihrer Mutter einst gewohnt hatte, flog er zu einem der Fenster und schlug ganz leise mit seinem Huf dagegen.

„Isabel, mach doch auf, ich soll dich abholen“, sagte Flink und wartete vor dem Fenster.

Doch es rührte sich nichts in der Wohnung. So schlug er ein weiteres Mal dagegen, aber auch dieses Mal geschah nichts. Man hörte nur ein leises Brummeln – es war eine fremde Frau, die dort tief und fest schlief. Das wusste Flink jedoch nicht, denn er war der Meinung, dass Isabel dort wohnte.

„Verdammt, warum kommt sie denn nicht ans Fenster? Ich muss doch weiter“, schimpfte Flink.

„Vielleicht ist sie ja gar nicht mehr hier und schon auf dem Weg zu Toma“, meinte Gabriel.

„Das kann nicht sein, ich sollte sie doch holen“, antwortete Flink.

„Ja schon, aber du weißt doch, dass Isabel ihren eigenen Kopf hat. Hast du das denn vergessen?“, sagte Gabriel.

Flink drückte noch einmal seine Nase gegen das Fenster, drehte seinen Kopf zu Gabriel und fragte:„Glaubst du wirklich, sie ist schon fort?“

„Na klar! Bei Isabel muss man mit allem rechnen“, antwortete Gabriel.

„Könnt ihr mir mal sagen, wer Toma ist und warum wir überhaupt Isabel abholen sollen?“, fragte Tom.

„Du solltest doch gar nicht mitkommen, du bist nur ein Mitbringsel“, erwiderte Flink und versuchte noch einmal, Isabel zu wecken.„Isabel, hörst du mich?“, rief er leise und trat erneut mit seinem Huf gegen den Fensterrahmen. Doch es tat sich nichts in der Wohnung.

„Weißt du was? Ich glaube, sie ist schon weg. Sonst hätte sie ja aufgemacht“, versuchte Gabriel Flink zu überzeugen.

„Warum gehen wir denn nicht zum Eingang und klopfen an, so wie es alle machen, anstatt hier herumzufliegen?“, meinte Tom.

„Mach dir darüber mal keine Sorgen. Wir können doch nicht einfach anklopfen und sie holen. Es darf niemand davon wissen, sonst müssten wir die auch noch mitnehmen – so wie dich!“, sagte Flink zu Tom.

„Ich glaube, wir fliegen einfach weiter zu den Nächsten. Vielleicht hat Gabriel ja recht und Isabel ist schon auf dem Weg nach Ulanda, der Stadt der Wichte und Elfen“, meinte Flink nun selbst.

„Ja, ganz bestimmt, du kennst sie ja“, stimmte Gabriel ihm zu.

„Na schön, dann haltet euch gut fest, es geht weiter“, sagte Flink daraufhin.

Flink drehte sich ein wenig zur Seite, damit er nicht gegen das Haus flog, und setzte seine Reise mit Gabriel und Tom fort. Da es jedoch bereits Nacht war, flog er nur noch ein Stück weiter, gerade so weit, dass sie Himmelsland verlassen hatten, und landete vor einem kleinen Wäldchen. Dort wollte er die letzten Stunden der Nacht verbringen.

Flink hatte einfach zu viel Zeit vertrödelt und war nun zu spät dran. Sicherlich war niemand mehr am vereinbarten Ort, also musste er bis zum nächsten Morgen warten.

„Sag mal, warum sollst du eigentlich nur Gabriel und Isabel holen und nicht mich?“, wollte Tom von Flink wissen.

„Das musst du Toma fragen, wenn wir dort sind. Der wird sich sowieso wundern, dass du mitgekommen bist. Es ist mir jedoch egal – damit muss Toma klarkommen. Und nun gib endlich Ruhe, ich muss mich ausruhen“, antwortete Flink und verschwieg Tom, was Gabriel und Isabel dort eigentlich sollten.

„Weißt du was? Du bist ein ganz unfreundlicher und dummer Esel!“, schimpfte Tom.

„I a, das ist mir egal. Sei lieber leise und rede nicht so viel. Schlaf lieber. Gute Nacht“, erwiderte Flink, steckte seinen Kopf zwischen die Beine und schlief ein.

„Hey Gabriel, schläfst du schon?“, fragte Tom seinen Bruder leise.

Doch Gabriel antwortete nicht mehr, denn auch er schlief tief und fest.

Tom stand ganz leise wieder auf, schaute noch einmal zu seinem Bruder und zu Flink und sagte:

„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Ihr braucht mich gar nicht mitzunehmen, ich komme auch ohne euch zurecht“, redete er vor sich hin.

Tom drehte sich um und lief los. Als er ein paar Schritte gegangen war, schaute er noch einmal zurück, und da sah er Gabriels Koffer.

„Oh, den hätte ich ja beinahe vergessen. Wenn ich schon nicht willkommen bin, will ich wenigstens nicht frieren“, sagte er zu sich selbst und ging noch einmal zurück.

Als er wieder vor Gabriel stand, bückte er sich und nahm den Koffer in die Hand. Anschließend lief er erneut los und verschwand in der Dunkelheit.

Es war zwar unheimlich für Tom, allein hier im dunklen Wald zu sein, und er hatte auch ein wenig Angst. Doch er wollte Flink und Gabriel zeigen, dass er nicht bei ihnen bleiben musste und dass er auch ohne sie zurechtkam. Tom lief fast die ganze Nacht hindurch. Er wusste zwar nicht, wo er sich befand, dennoch war es ihm egal.

Jedes Mal lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken, wenn er sich erschrak – sei es, weil eine Eule rief oder weil er andere Geräusche hörte. Je weiter und tiefer er in den Wald hineinging, desto unheimlicher wurde es, zumindest dachte Tom das. Schließlich beschloss er, anzuhalten, um ein wenig zu schlafen.

Da Tom jedoch nichts sehen konnte, legte er sich irgendwo nieder. Es dauerte nicht lange, und er schlief mit dem Koffer in der Hand ein. Während er dort lag, begann Tom zu träumen. Er wälzte sich hin und her, und ab und zu hörte man ihn murmeln:

„Ja oder nein … bitte nicht … mache ich ja … ich werde es für dich tun … nein, nein, nicht Gabriel … nein, nein!“

Plötzlich schreckte Tom hoch, saß senkrecht auf dem Boden und war schweißgebadet. Als er wieder zu sich gekommen war, sagte er:„Gott sei Dank, es war nur ein Traum!“

Tom wischte sich mit seinem Ärmel die Stirn trocken. Da es langsam wieder hell wurde, stand er auf und lief weiter. Wenn er an einem Strauch mit Beeren vorbeikam, aß er ein paar davon und ging anschließend weiter.

Er musste sich gar nicht mehr entscheiden, wohin er laufen wollte. Es war fast so, als wüssten seine Füße von ganz allein, wohin sie ihn tragen sollten.