Islam, Aufklärung und Moderne - Georg Cavallar - E-Book

Islam, Aufklärung und Moderne E-Book

Georg Cavallar

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Beschreibung

In the political supplements of newspapers and in public debates, it is often claimed that "Islam" as such is archaic and poorly developed because in contrast to Europe it has not gone through a phase of Enlightenment. But it often remains unclear what the word "Enlightenment" is being used to mean here. This volume recalls the legacy of the European Enlightenment and argues in favour of nuanced and reason-based thinking in the style of Immanuel Kant. When one follows these principles, currents of thought shaped by Islam can indeed be seen to be enlightened, as the examples of liberal Muslims today and Arabic thinkers in the past impressively show. The author argues in favour of an "expanded thinking" in the twenty-first century that would be capable of safeguarding the legacy of the Enlightenment and in encounters with Islam would show that even today the Enlightenment can still make a vital contribution to understanding others.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Georg Cavallar

Islam, Aufklärung und Moderne

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

1. Auflage 2017

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-033933-0

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-033934-7

epub:    ISBN 978-3-17-033935-4

mobi:    ISBN 978-3-17-033936-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Gegenwärtige Situation

1.2 Was meinen die Begriffe Kultur, Aufklärung und Islam?

1.3 Probleme des gegenwärtigen Islamdiskurses

2 Aufklärung und Säkularisierung: Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung

2.1 Der Begriff der Säkularisierung

2.2 Aufklärung über die Aufklärung

2.3 Die Grenzen des Wissens

2.4 Das Problem der Kausalität

3 Die erweiterte Denkart. Ein vergessenes Erbe der Aufklärung

3.1 Die erweiterte, kosmopolitische Denkungsart

3.2 Beispiele für eine erweiterte Denkungsart

3.3 Die Toleranzidee

3.4 Moderner Rechtsstaat, Religionsgemeinschaften und Menschenrechte

4 Auf der Suche nach der »eingeschränkten Denkungsart«

4.1 Beispiele für die eingeschränkte Denkungsart

4.2 Andere Beispiele für die eingeschränkte Denkungsart

4.3 Abschließende Überlegungen

5 Religion, Gewalt und Moderne

5.1 Religion und Gewalt

5.2 Auf der Suche nach möglichen Ursachen der islamistischen Gewalt

5.3 Die Vielfalt islamischer Strömungen und ihre Ausprägungen in europäischen Gesellschaften

5.4 Funktion und Rolle von Gewalt

6 Prozesse der Aufklärung bei Muslimen und Muslimas

7 Annäherungen

7.1 Islamisch geprägte Gesellschaften und der Prozess der Aufklärung

7.2 Immigration, Gastfreundschaft und das Recht auf Einwanderung

7.3 Annäherungen: die praktizierte erweiterte Denkungsart

7.4 Zwischen Pessimismus und Optimismus

8 Ausgewählte Literatur

9 Abbildungsverzeichnis

10 Anmerkungen

 

Vorwort

 

 

In einer Epoche, die vom globalen Terrorismus, von Bürgerkriegen und Kriegen in der arabischen bzw. islamisch geprägten Welt, von Flüchtlingskrisen, Selbstmordattentaten, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen durch muslimische Immigranten gekennzeichnet ist, scheint die These von Samuel Huntington über den »Kampf der Zivilisationen« bestätigt zu sein. Es zeichnet sich eine immer größer werdende Polarisierung von Meinungen und Standpunkten ab. Richard Dawkins als Vertreter eines »New Atheism« etwa postete auf Twitter im Jahr 2015: »Islam needs a feminist revolution. It will be hard. What can we do to help?« Neben den üblichen Verwahrungen gegen dieses Pauschalurteil gab es auch eine humorvolle Antwort: »@RichardDawkins needs to abandon his patronizing white savior paternalist Islamophobia. It will be hard. What can we do to help?« Der Schlagabtausch zeigt, wie unversöhnlich viele Standpunkte geworden sind: auf der einen Seite das Bild des rückständigen oder reaktionären Islam, das Moderne, Aufklärung, Feminismus und Fortschritt ablehnt; auf der anderen Seite der Vorwurf von Vorurteilen, Klischees, Arroganz, Überheblichkeit oder Islamophobie. In Europa wird immer häufiger die Meinung vertreten, dass Islam, Aufklärung und Moderne einander ausschließen. In diesem Buch gehe ich der Frage nach, ob diese Auffassung begründet ist. Was ist Aufklärung, was ist Moderne, was sind Menschenrechte, und gibt es sie im Islam wirklich gar nicht? Was ist überhaupt »der Islam«? Gibt es eine »islamische Tradition«, und was ist der Unterschied zur so genannten »jüdisch-christlichen Tradition«? Es sind aber auch Fragen an Europa zu stellen: Was ist »der Westen«? Wie verhält sich Demokratie zum Rechtsstaat und zu Menschenrechten? Was ist Säkularisierung? Steht Europa tatsächlich für Menschenrechte, Toleranz, Rechtsstaat und Demokratie? Wie weit sollte auch hier differenziert werden? Im Fortgang der Arbeit lösen sich Begriffe wie »Aufklärung« und »Moderne« nicht auf, aber sie verlieren ihre »scharfen Kanten«, je mehr auf ein reduktionistisches Denken verzichtet und je mehr differenziert wird. »Der Islam« und »die Aufklärung« stehen dann nicht mehr als inkompatible Größen einander gegenüber, da alles davon abhängt, wie Aufklärung, Moderne oder der Islam wahrgenommen und vor allem definiert werden. In diesem Reflexionsprozess kann dann über den eigenen Standpunkt, über eigene Annahmen, über Wahrnehmungen, Konzeptionen und Denkformen nachgedacht werden. Genau das – so eine der Hauptthesen des Buches – macht den Prozess der Aufklärung aus. Im Zentrum steht daher der Begriff der erweiterten Denkungsart. Dabei geht es um die Art und Weise zu denken und um die Bereitschaft, andere Perspektiven einzunehmen und sich auf das Andere zu öffnen.

Ich möchte mich bei Peter Elsner-Mackay, Bert Fragner, Reinhard Hagelkrys, Jan Heiser, Rudolf Langthaler, Renate Mercsanits, Herta Nagl-Docekal, Hans Schelkshorn, Sandra Zakutna und Daniel Kuhn vom Verlag Kohlhammer für wertvolle Anregungen, Kritik und Unterstützung bedanken. Manche Kapitel sind als Aufsätze bereits erschienen und völlig überarbeitet worden. Das dritte Kapitel basiert auf »Die Denkungsart des Friedens. Ein vergessenes Erbe der Aufklärung«, in: Gottfried Schweiger und Clemens Sedmak, Hrsg., Friede. Vom Wert der Koexistenz (Darmstadt: WBG, 2016), 63–78. Das vierte Kapitel ist entstanden aus: »Auf der Suche nach der eingeschränkten Denkungsart«, in: Jan Heiser und Tanja Prieler, Hrsg., Die erweiterte Denkungsart. Pädagogische, gesellschaftspolitische und interkulturelle Konsequenzen der Gemeinsinnsmaxime (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2017). Das sechste Kapitel erschien als »Islamisch geprägte Gesellschaften und der Prozess der Aufklärung« in Studia Philosophica Kantiana, 7, 1 (2016), 42–64. Ich verwende in diesem Buch die christliche Zeitrechnung, aus Gründen der Einfachheit aber auch deshalb, weil diese von vielen Muslimen und Muslimas verwendet wird. Damit ist keine Abwertung der islamischen Zeitrechnung beabsichtigt.

Die große Herausforderung dieser Arbeit war, nicht nur ein Plädoyer für die erweiterte Denkungsart zu halten, sondern diese auch selbst zu praktizieren. Ich hoffe, das ist mir wenigstens in Ansätzen gelungen.

Die islamische Welt heute: Die eine islamische Welt gibt es nicht.

 

1          Einleitung

 

 

Durch die Gasse der Vorurteile muss die Wahrheit ständig Spießruten laufen (Indira Gandhi)

1.1       Gegenwärtige Situation

Die Nahost-Expertin Karin Kneissl meint über die gegenwärtige Situation: »Die Vorurteile blühen, politische Gewalt und Manipulation tragen zu Ängsten und Dämonisierungen des Anderen bei«.1 Als Indizien führt sie die Zunahme von Publikationen über die Kreuzzüge in der arabischen Welt an, die Verwendung des Begriffes »Kreuzzug« durch den US-Präsidenten George W. Bush im September 2001 und die Verbreitung von Schlagwörtern wie »islamischer Faschismus« in Europa. Die Islamisten und Dschihadisten kämpfen mit dem Ziel der »Vertreibung der Kreuzfahrer, Juden und aller Ungläubigen«. In Israel stellt Kneissl eine Tendenz zur »Sakralisierung der zionistischen Ideologie« fest, die auch die Geschichtswissenschaft teilweise bestätigt.2 Katerina Dalacoura befürchtete 2007, dass die Wahrnehmungen des jeweils anderen in der islamischen sowie in der so genannten westlichen Welt immer weiter auseinanderdriften und das Schlagwort Huntingtons vom »Zusammenprall der Zivilisationen« allmählich zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte.3 Ihre Vermutung scheint sich nun, etwa zehn Jahre und viele Kriege, Bürgerkriege und Terroranschläge später, immer mehr zu bestätigen.

Autoren wie Wolfgang Benz oder Daniel Bax haben beobachtet, wie in Europa »seltsame Bündnisse« unter den Islamgegnern entstanden sind. Zu diesen Allianzen bzw. Koalitionen von Links und Rechts, von Liberalen und Konservativen, von Atheisten, Agnostikern und Christen, von Laizisten und Fundamentalisten gehören bzw. gehörten Rechtspopulisten wie Geert Wilders, Konservative wie Ernst Nolte, Feministinnen wie Alice Schwarzer, Sozialdemokraten wie Thilo Sarrazin, Rechtskatholiken wie Johannes Rothkranz, die Atheistin Oriana Fallaci, der ehemalige Muslim Hamed Abdel-Samad oder der Sektenpastor und Hassprediger Terry Jones.4 Sie sind gegen die islamische Religion weil es eine Religion ist oder sie als totalitäre oder sogar faschistische Ideologie gesehen wird. Sie sind gegen den Islam, weil er nicht christlich und europäisch ist, oder weil er als unvereinbar mit der europäischen Moderne und Aufklärung gesehen wird. Als symptomatisch kann die »Alternative für Deutschland« gelten. Sie strich Anfang Mai 2016 aus ihrem Parteiprogramm eine Stelle, die Unterstützung für Muslime bei der Aufklärung vorsah. Ein Anhänger des Thüringers Björn Höcke begründete das so: »Ein aufklärerischer Islam gedeiht in akademischen Biotopen, aber wird niemals mehrheitsfähig sein«. Der Anti-Islam-Kurs der Partei war am Parteitag offenkundig, auch wenn Parteivorsitzende Frauke Petry mäßigend einwirken wollte. Der Islam gehöre »nicht zu Deutschland«. Ein Teilnehmer erhielt Applaus, als er die »kulturelle Fremdheit des Islam« thematisierte, ein anderer Buhrufe, als er einen Dialog mit Muslimen vorschlug.5

Klischees und Vorteile

In den letzten Jahren haben sich auch im europäischen Mainstream einige Klischees und Vorurteile verbreitet, die in diesem Buch teilweise untersucht werden. Aufklärung und Religion seien prinzipiell unvereinbar. Islam, Aufklärung und Moderne würden nicht zusammenpassen, denn der Islam sei seinem Wesen nach modernitätsresistent oder, wie manche sogar meinen, totalitär und faschistisch. Einer anderen, in Europa weit verbreiteten Auffassung zufolge sind der Monotheismus im Allgemeinen und der Islam im Speziellen gewalttätig. Der Koran sei ein Buch, das zur Gewalt anleite oder diese zumindest rechtfertige. Der Kabarettist Andreas Thiel nannte sein Bühnenprogramm »Scharia versus Meinungsfreiheit« und drückte damit ein Verständnis aus, das viele teilen.6 Die Studie »Die enthemmte Mitte« von Elmar Brähler und Oliver Decker von der Universität Leipzig belegt, dass sich Ressentiments gegen Minderheiten wie Muslime oder Sinti und Roma in den letzten Jahren in Deutschland verstärkt haben. Der Aussage »Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land« stimmte mittlerweile die Hälfte der Befragten zu. Es gibt zwar keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen, aber die Vorurteile gegen Muslime und Immigranten nehmen zu.7 Die rechtspopulistischen Parteien Europas sind sich alle in der Ablehnung des Islam und der Immigration von Muslimen einig. Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) beispielsweise erklärte in einem Positionspapier 2008 über muslimische Einwanderer: »Demokratisierungsversuche und Toleranz sowie der Glaube an den Rechtsstaat oder gar eine Integration ist [sic] nicht gegeben.«8 Das, was ich Unvereinbarkeitsthese nenne, ist weit verbreitet: »Der orthodoxe Islam ist weder mit der Demokratie noch mit der europäischen Zivilisation vereinbar.«9 Manchmal heißt es nicht »orthodoxer Islam« sondern nur »der Islam« oder »der fundamentalistische Islam«. Die islamkritischen oder -feindlichen Stimmen bekommen teilweise auch von Fachleuten Unterstützung. Hans-Peter Raddatz, der Orientalistik studierte, formuliert pointiert:

»Vereinfacht lässt sich sagen, der Christ missbraucht seine Religion, wenn er Gewalt anwendet, der Muslim missbraucht seine Religion ebenso, wenn er Gewalt nicht anwendet.«10

Religionsfreiheit wird manchmal als Freiheit von Religion verstanden. Wer hingegen für eine Religion plädiere, die auch in der Öffentlichkeit gesehen werde, müsse – so das Klischee – radikal und fundamentalistisch sein. In einem Interview klagt die Konvertitin Lydia Nofal, wie die Mehrheitsgesellschaft ihre Religiosität und Emanzipation wahrnehme:

»Wenn man gleichzeitig religiös ist, dann ist man automatisch unterdrückt, oder man ist eine Islamistin. Aber dass man religiös ist und für die eigenen Rechte eintritt, wird nicht gesehen.«

Religiös und gleichzeitig emanzipiert zu sein würde einfach als Widerspruch gelten.11 Die zahlreichen Terroranschläge seit 9/11 haben nachvollziehbare Bedrohungsängste unter der europäischen einheimischen Bevölkerung geschürt. Kaum jemand weiß, dass im Iran »Alexander der Große« vorwiegend als »Alexander der Teufel« bekannt ist, aber die Türkenbelagerung Wiens von 1683 ist im kollektiven Bewusstsein offenbar eine fixe Größe. Bill Warner, ein gelernter Physiker und der Direktor des Center for the Study of Political Islam, konstruiert aus diesen und anderen militärischen Auseinandersetzungen »zwischen Orient und Okzident« 1400 Jahre islamische Expansion, die bis heute andauern soll.12 Viele »Kronzeugen und Zeuginnen der Anklage« wie Hirsi Ali haben dazu beigetragen, den Islam in die Nähe von Gewalt und Terrorismus zu rücken oder ihn damit gleichzusetzen. Die Ex-Muslima Hirsi Ali etwa schreibt, der »wahre Islam« sein ein totalitäres System, eine Tyrannei, die aus den Muslimen Sklaven mache. »Der wahre Islam als rigides Glaubenssystem und moralischer Rahmen bedingt Grausamkeit.«13 Der Islam wird damit zum Gegenstück von Humanismus, Toleranz und Gewaltfreiheit, kurz: von den »westlichen Werten«. Einschätzungen dieser Art, die von Muslimen und Muslimas kommen, werden von vielen EuropäerInnen und Europäern mit Zustimmung oder Begeisterung aufgenommen. Sie bestätigen eigene Meinungen und Urteile bzw. Vorurteile.

Debatten um die Aufklärung »des« Islams

In diesem Buch interessiere ich mich besonders für das Bild, das in Debatten von der Aufklärung gezeichnet und wie diese Aufklärung häufig als Gegenstück zum Islam gesehen wird. Nach den Anschlägen gegen die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris am 7. Januar 2015 verteidigten 60 Schriftsteller in einem Sammelband das Recht, auch provokante und blasphemische Karikaturen zu veröffentlichen, erklärten » Nous sommes tous Charlie« und sahen sich in der Tradition von Aufklärern wie Voltaire und Diderot.14 Michel Houellebecq, der in seinem Roman Unterwerfung die Übernahme der französischen Präsidentschaft durch einen gemäßigten Muslim schildert, erklärte in einem Interview, das Grundprinzip der Aufklärung sei »die Abkehr vom Glauben« – und genau diese Aufklärung habe zusammen mit Laizismus und Rationalismus »keine Zukunft«.15 Der Roman erschien übrigens am Tag der Anschläge von Paris. Auch die Redaktion der feministischen Zeitschrift Emma formulierte auf ihrer Titelseite »Wir wollen einen aufgeklärten, modernen Islam« im März 2015 und ließ Prominente mit muslimischen Hintergrund zu Wort kommen. Während einige meinten, diesen aufgeklärten Islam gebe es bereits, hatte Bundespräsident Joachim Gauck schon drei Jahre früher gemeint, er verstehe jene, die fragen, ob und wann der Islam »die Aufklärung erlebt« habe.16 Aufklärung erscheint in diesen Debatten als normativ aufgeladener, häufig polemischer Kampfbegriff: er hat kaum eine analytisch-beschreibende Dimension, sondern dient vor allem der Selbstbeschreibung und Abgrenzung gegenüber dem Anderen und Fremden, das zudem abgelehnt wird.

Was sind nun die Folgen für das Islambild und den Islamdiskurs in Europa? Der Islamwissenschaftler Bert G. Fragner hat sie in drei Punkten zusammengefasst. Erstens gibt es schwammige Begriffsbestimmungen; es ist häufig nicht klar, was mit »dem Islam«, »den Muslimen«, dem Fundamentalismus eigentlich gemeint ist; ähnliches gilt aber auch für Begriffe aus der eigenen, europäischen Kulturgeschichte, vor allem für die Begriffe »Aufklärung« und »Säkularisierung«. Zweitens gibt es ein erschreckendes Ausmaß an Unwissenheit. Fragner formuliert, es sei »immer noch atemberaubend, wie wenig Informationen inmitten Europas über seine am nächsten beheimatete Nachbarkultur und deren religiöse Basis bestehen und zu erhalten sind.«17 Eine Folge dieses Informationsmangels sind die weit verbreiteten Vorurteile über »den Islam«, die als Tatsachen, Gewissheiten oder Überzeugungen gelten. Hinzu kommt wohl noch ein psychologisches Problem, die »Neigung zur bequemen Verallgemeinerung und Vereinfachung« statt Neugierde, Differenzierungsfähigkeit, Offenheit oder dem, was Kant die erweiterte Denkungsart nannte.18 Insgesamt meine ich, dass eine Tendenz zur Lagerbildung feststellbar ist: auf der einen Seite die Islamkritiker und -feinde, die immer bessere Chancen haben, den europäischen Mainstream zu dominieren, auf der anderen Seite die Verteidiger des Islam. In beiden Lagern besteht eine Neigung, eher den Splitter im Auge des Anderen zu sehen als den Balken vor den eigenen Augen. Islamismus und Dschihadismus werden mit jedem »erfolgreichen« terroristischen Anschlag in Europa wohl auch in Zukunft Vorurteile, Feindbilder, Stereotypen und diese Lagerbildung verstärken.

Die öffentliche Diskussion findet dabei – grob skizziert – auf drei Ebenen statt. Die Ebene des fachwissenschaftlichen Diskurses wird von Islamwissenschaftlern beherrscht. So gab es zum Beispiel schon in den 1990er Jahren eine Diskussion über eine mögliche islamische Aufklärung, an der etwa Reinhard Schulze und Tilman Nagel beteiligt waren.19 Bei hoher wissenschaftlicher Qualität hat dieser Diskurs seine eigenen Probleme: er ist teilweise zu spezialisiert, auf zu hohem sprachlichen und wissenschaftlichem Niveau, und die einschlägigen Beiträge sind manchmal schwer zugänglich, nämlich nur in Fachbibliotheken. Nur wenige haben bzw. nehmen sich die Zeit, sich in die Fachliteratur einzulesen.

Vom fachwissenschaftlichen Diskurs unterscheidet sich der populärwissenschaftliche, der von Akademikerinnen und Akademikern geführt wird, die nicht die einschlägige Fachdisziplin studiert haben. Sie sind im Allgemeinen um hohe Lesbarkeit bemüht, es bestehen manchmal fachwissenschaftliche Mängel (siehe unten), und die einschlägige Literatur wird in unterschiedlichem Maß berücksichtigt. Auch die vorliegende Arbeit gehört zu dieser Diskursebene. Die Texte richten sich an »das interessierte akademische Publikum«.20

Weitgehend losgelöst von den ersten beiden Ebenen findet ein Diskurs auf der Ebene der sozialen Netzwerke statt. Formen, Argumentationsmuster und Strukturen dieser Kommunikation hat Wolfgang Benz in einer seiner Studien analysiert, ausgehend vom Dresdner Gerichtssaalmord. Am 1. Juli 2009 hatte der arbeitslose Russlanddeutsche Alexander Wiens die im dritten Monat schwangere Ägypterin Marwa El-Sherbini mit mindestens 18 Messerstichen getötet. Der Ehemann des Opfers wurde schwer verletzt, der dreijährige Sohn war ebenfalls Zeuge der tödlichen Attacke. Wiens wurde wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, als Motiv konnte Ausländerhass nachgewiesen werden und er wirkte sich auf das Urteil erschwerend aus. Viele Kommentare in sozialen Medien wie dem Weblog Politically Incorrect haben zum Mord und zur Verurteilung Kommentare abgegeben. Diese sind laut Benz durch ein Denken in Schwarz-Weiss-Kategorien, durch Vorurteile, Beleidigungen, Verschwörungstheorien, Hass, Zynismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus charakterisiert.

»Das Ausagieren von Vorurteilen und die Festlegung auf Feindbilder kennzeichnen die einschlägige Blogger-Publizistik, das intellektuelle und ethische Niveau ist bestimmt durch die Absenz von Hemmungen im Umgang mit den Trägern abweichender Meinungen.«21

Hier einige Kostproben:

»Der Mord ist zu verurteilen, allerdings gibt es jetzt eine islamische Gebärmaschine weniger. Ja, das ist zynisch, aber die Moslems haben nun mal allen ›Ungläubigen‹ den Krieg erklärt und wollen mit Waffengewalt und Massenvermehrung die Welt unterwerfen. Da heißt es letztendlich: die oder wir.«

Eine Verschwörung der 1,6 Milliarden Muslime gegen die Deutschen sieht auch ein anderer Blogger als Tatsache:

»Die faschistischen Mohammedaner und die 68er haben sich zusammengetan, um uns Deutsche abzuschaffen, das wird mehr und mehr für mich zur Gewissheit.«

Auch pseudowissenschaftliche »Erklärungen« unter Verwendung von Schlagwörtern sind zu finden. »Muslime haben genetisch einen Minderwertigkeitsgefuehl [sic!]«. Die Beherrschung der deutschen (Mutter)sprache ist nicht nur wie in diesem Fall oft mangelhaft.22 Es gibt kaum Filter und Regeln, das Weltbild ist meist hermetisch und dogmatisch und scheut die kritische Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Viele Beiträge in anderen sozialen Netzwerken in Europa dürften eine ähnliche Struktur haben. Im Oktober 2015, während der Flüchtlingskrise, war etwa in Österreich zu lesen: »Ab nach Auschwitz u Buchenwald da ist genügend Platz, die Öfen müssen nur angeheizt werden« oder »De kschisenen Vorhangweiber de unnedige brut«.23 Diese und ähnliche Äußerungen zeigen, wie wichtig eine »Volksaufklärung« wäre, die schon viele Aufklärer vor 250 Jahren gefordert haben – und wie weit wir von aufgeklärten Gesellschaften in Europa entfernt sind.

1.2       Was meinen die Begriffe Kultur, Aufklärung und Islam?

Zu klären ist zunächst, was unter den zentralen Begriffen dieses Buches zu verstehen ist. Denn nur durch die Definition kann man sicher sein, über gleiches zu sprechen.

Kultur

Kultur ist »die Gesamtheit der von Menschen hervorgebrachten Leistungen und die das Zusammenleben gestaltenden Regeln«.24 Sie ist einem ständigen Wandel unterworfen. Kulturen sind offen für wechselseitige Beeinflussung, wobei das Ausmaß dieser Kontakte in den letzten 200 Jahren zugenommen hat. Kulturalismus ist die Auffassung, dass das Leben der Menschen vom Faktor Kultur determiniert wird bzw. den alles entscheidenden Faktor darstellt. Die Bedeutung von Kultur wird absolut gesetzt.

Islam

Unter Islam versteht die Islamwissenschaft im Allgemeinen die Gesamtheit von Texten und Praktiken von Muslimen, also alles, was diese schreiben oder tun oder für islamisch halten. Diese Definition enthält mehrere Probleme; unter anderem kann der Zusammenhang von Texten und Praktiken eine Konstruktion sein. In Diskursen kann der Begriff Islam überbesetzt werden; dann wird jedes Phänomen auf den Faktor »Islam« zurückgeführt. Oder der Begriff wird unterbesetzt oder entleert; dann hat etwa der islamische Terrorismus nichts mehr mit dem Faktor Islam zu tun. Beide Extrempositionen sind fraglich.25 Manche stellen die Frage nach dem Wesen oder dem Wesenskern des Islam. So wird etwa Ablehnung von Demokratie, Rechtsstaat oder Menschenrechten dem Islam »wesensmäßig« zugeschrieben. Terrorismus gilt dann als symptomatisch für das »wahre Wesen« des Islam. Heiner Bielefeldt nennt diese Vorgehensweise die Semantik vom »eigentlichen Islam«.26 Sie läuft auf einen Essentialismus hinaus, den ich in späteren Abschnitten als metaphysisch und unkritisch ablehne (siehe 2.3). Der Islam hat wie andere Religionen in unterschiedlichen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontexten unterschiedliche Erscheinungsformen angenommen. Diese sind in ihrer Heterogenität wahrzunehmen (siehe 5.3).

Ich verzichte auf polemische und undifferenzierte Begriffe wie »Islamophobie« oder »Islamfaschismus«, weil das Respektlosigkeit, Psychologisierung oder sogar Dämonisierung des Anderen und eine Verstärkung von Vorurteilen bedeuten kann. Der Begriff der »Islamophobie«, der auch in der wissenschaftlichen Literatur fallweise Verwendung findet,27 arbeitet mit metapsychologischen Unterstellungen, denn eine Phobie ist eine psychische Krankheit. Nun ist nicht zu leugnen, dass es hinsichtlich muslimischer Immigrantinnen und Immigranten zahlreiche Vorurteile und Feindbilder in der autochthonen Bevölkerung gibt.28 Trotzdem kann Islamkritik berechtigt sein, und es ist vielleicht zu einfach, bei islamistischem Terror immer nur von einem »Missbrauch der islamischen Religion« zu sprechen und damit zu suggerieren, dass Terror und Islam rein gar nichts miteinander zu tun hätten.29 Diese Trennungsthese verdient jedenfalls eine eingehende Untersuchung (siehe 5). Außerdem ist offensichtlich, dass einige muslimische Vereinigungen wie die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) beabsichtigen, mit dem Begriff der Islamophobie jede unerwünschte Kritik am Islam als »Diffamierung des Islam sowie von Persönlichkeiten und Symbolen, die den Muslimen heilig sind« und als Verletzung der Religionsfreiheit abblocken zu wollen.30 Es müsste eigens untersucht werden, ob es sich in einem bestimmten Fall tatsächlich um eine Phobie handelt. Die pauschale Absicht, jede Art von Kritik am Islam als pathologisch und damit unzulässig zu werten, ist jedenfalls nicht akzeptabel. Die »Islamophobie«-Keule kann zu einer Ausrede werden, sich zu weigern, sich legitimer Kritik oder Selbstkritik zu stellen. Ich verwende deshalb den Begriff »Muslimfeindlichkeit«, »Islamfeindlichkeit« oder »Islamkritik«. »Muslimfeindlichkeit« bezieht sich auf die Ressentiments, auf Abneigung und Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Muslimas.

Fundamentalismus

Fundamentalismus definiere ich im Anschluss an Altemeyer und Hunsberger als

»the belief that there is one set of religious teachings that clearly contains the fundamental, basic, intrinsic, essential, inerrant truth about humanity and deity; that this essential truth is fundamentally opposed by the forces of evil which must be vigorously fought; that this truth must be followed today according to the fundamental, unchangeable practices of the past; and that those who believe and follow these fundamental teachings have a special relationship with the deity.«31

Der religiöse Fundamentalismus enthält folgende Merkmale: einen Wahrheitsanspruch, der absolut und ausschließlich gelten soll; die Überzeugung, dass Gläubige zu den ewigen Wahrheiten und religiösen Normen zurückkehren sollen, die in der Vergangenheit festgelegt wurden; die Überzeugung, dass diese Gesetze und Regeln nur eine einzige Interpretation zulassen; das Streben nach Totalität, etwa nach einheitlicher Geschlossenheit der eigenen Glaubensgruppe; der Glaube, dass diesen religiösen Normen Vorrang gegenüber weltlichen, staatlichen Gesetzen gebühre. Fundamentalisten erleben ihre Gegenwart als krisenhaft und »als kosmischen Krieg zwischen den Mächten Gut und Böse.«32 Nicht alle Fundamentalisten sind gewalttätig – es ist eine Minderheit. Für die Gruppe der gewalttätigen Muslime und deren Weltbild verwende ich den Begriff »islamistischer Terrorismus« oder »Dschihadismus«. Der Islamismus weist folgende totalitäre Merkmale auf: Ziel ist die Errichtung einer umfassenden, wahren islamischen Gemeinschaft (umma), die den Koran und die Scharia als absolute Grundlagen anerkennt. Der Islam ist für den Islamisten nicht nur Religion, sondern politische Ideologie, die die gesamte Gesellschaft durchdringen und die Trennung zwischen Religion und Staat aufheben soll. Mit dem demokratischen Rechtsstaat wird auch das Prinzip der Volkssouveränität abgelehnt. Die Gesellschafts- und Staatsordnung wird religiös legitimiert, nämlich mit dem Willen Allahs. Nicht jeder Muslim ist Islamist, aber Islamisten vertreten eine mögliche Interpretation des Islam unter anderen möglichen.33 Die Übergänge zwischen Islamisten und Dschihadisten sind fließend. Er ist ein Symptom der Moderne und der Globalisierung (siehe auch 5.2).

Liberaler Islam

Dem liberalen, aufgeklärten Islam gehören jene Dissidenten an, die akzeptieren, dass es mehrere Interpretationen des Korans und der für göttlich geglaubten Normen und Gebote gibt, dass diese nicht notwendiger Weise Vorrang vor weltlichen Gesetzen haben, und dass es nicht um eine Rückkehr in die meist idealisierte oder sogar konstruierte Vergangenheit gehe, sondern um eine selbstständige, modernitätsfähige und humane Aneignung der Tradition mit Hilfe der eigenen Vernunft (siehe auch ausführlich 6 und 7.1).

Manchmal ist auch polemisch von säkularen Fundamentalisten oder Aufklärungsfundamentalisten die Rede: auch die Verteidiger der Moderne oder der Aufklärung würden sich ja auf ein unbezweifelbares, letztlich nicht begründbares fundamentum berufen, auf »letzte Glaubenssätze«, etwa den Glauben an die Menschenrechte. Thilo Sarrazin kommt deshalb zum Schluss: »Der Fundamentalismusvorwurf an die Islamkritiker läuft daher ins Leere, weil er zutrifft.«34 Timothy Garton Ash definiert die säkularen Fundamentalisten als

»Leute, die der Überzeugung sind, dass ein Leben nach der Lehre des Islam oder anderer Religionen unvereinbar ist mit den Werten einer ungeteilten Humanität, und die deshalb wollen, dass die Bürger entsprechend erzogen werden und der Staat entsprechende Gesetze erlässt.«35

Hier ist zu differenzieren: die von Ash angesprochene Unvereinbarkeitsthese ist als dogmatisch zu hinterfragen (siehe 3.4, 5.3 und 6). Davon zu unterscheiden ist die Behauptung, Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten oder die Aufklärung seien auch nichts anderes als Werte, an die letztlich »nur geglaubt« werden könne. Die Behauptung gibt sich skeptisch, muss sich aber auch die Frage gefallen lassen, ob sie nicht auf einen Dogmatismus hinausläuft. Jedenfalls verzichte ich hier auf den polemischen Begriff der »säkularen Fundamentalisten« und spreche stattdessen von religionskritischen, areligiösen oder religionsfeindlichen Säkularisten, von Naturalisten oder Atheisten.

1.3       Probleme des gegenwärtigen Islamdiskurses

Mein Ziel auf den nächsten Seiten ist es, Denkmuster, Argumentationsformen und Interpretationsansätze zu untersuchen, die die aktuelle Diskussion prägen. Ich versuche zu zeigen, wie schwerwiegende Defizite des Denkens und Urteilens eine sachliche und seriöse Auseinandersetzung erschweren und Kommunikation behindern oder fast unmöglich machen.

Pauschales Denken

Polares Denken bedeutet, dass die Wirklichkeit in Gegensatzpaaren wahrgenommen wird und diese Gegensätze das Denken prägen. So werden etwa Islam und Aufklärung, der Westen und die arabische Welt als unvereinbare Gegensätze aufgefasst. Michael Ley sieht einen Gegensatz zwischen Aufklärung, Humanismus und westlicher Moderne einerseits und dem Islam andererseits, zwischen Judentum und Islam, zwischen der Theologie des Augustinus und in der Folge des Christentums und jener des Islam, zwischen christlichen Märtyrern und islamischen, gewalttätigen Gotteskriegern, zwischen jüdischer und christlicher Religion und islamischer »politischer Religion«.36 Daraus resultiert die schon genannte Unvereinbarkeitsthese von orthodoxem Islam und europäischer Zivilisation.37

Pauschales Denken verabsäumt es, notwendige, das heißt sachlich gebotene Unterscheidungen zu machen, und überschneidet sich oft mit der Verwendung von Schlagworten. Ein typisches Schlagwort ist »der Islam«.38 Hier wird die Vielfalt der Strömungen, die es innerhalb dieses Glaubens gibt, auf irreführende Weise unter einem Begriff subsumiert (siehe auch 5.3). Dieses Denken verführt oft zur so genannten Hypostasierung. Dabei wird ein Begriff wie etwa »Islam« zu einem Gegenstand oder Handlungsträger, zu einem eigenständigen Wesen. Bei Michael Ley findet sich die Formulierung:

»Statt von einer Integration der Muslime zu sprechen, sollte eher von einer Kolonisierung Europas ausgegangen werden. Die bestehenden Gesellschaften sollen vom Islam mehr oder weniger friedlich erobert werden«.39

Nun ist offensichtlich, dass »der Islam« nichts erobern kann; es sind Menschen, Gruppierungen oder Institutionen, die sich zum Islam bekennen und vielleicht die Absicht haben, Europa »zu erobern«. Selbst dieser Nachweis wäre schwierig. Ganz abwegig ist es aber, einer Glaubensrichtung, zu der sich weltweit etwa 1,6 Milliarden Menschen bekennen, welthistorische Absichten zu unterstellen. Pauschales und undifferenziertes Denken findet man bei Michael Ley auch in anderen Zusammenhängen. Es ist von den europäischen Eliten die Rede, die »islamophil« eingestellt seien und die Islamisierung unterstützen, von einem radikalen Islamismus, der sich kaum noch vom Nationalsozialismus unterscheidet, weil er »als der authentische Nachfolger der politischen Religion des Nationalsozialismus bezeichnet werden« könne, von einem »Linksfaschismus«, von »den Linken«, vom Säkularismus und der »wissenschaftlichen Aufklärung«.40 Auch Hamed Abdel-Samad lässt manchmal notwendige Differenzierungen vermissen. »Gibt es den einen Islam? Eine Frage, die oft hinterhältig gestellt wird, um Islamkritik im Keim zu ersticken.« Seine Antwort ist kein Argument, sondern eine psychologische Unterstellung. In seiner unklaren Definition fällt dann für Abdel-Samad der Islam »meist« mit einer »politischen Ideologie«, mit einer »Geisteshaltung« und mit »dem Glaubenssystem Islam« zusammen – was genau mit diesen Begriffen wiederum gemeint ist und ob es nicht doch zwischen ihnen Differenzen gibt, bleibt offen.41

Pauschales Denken und Schlagworte sind natürlich nicht nur bei den Kritikern des Islam zu finden. Der Friedensforscher Johan Galtung meinte 2010: »Das Judentum und das Christentum sind im Islam enthalten. Er hegt keine Feindseligkeiten gegenüber diesen beiden Religionen, was umgekehrt nicht der Fall ist«.42 Gegen den zweiten Satz sprechen beispielsweise jene Koransuren wie der »Schwertvers« oder der »Bekämpfungsvers«, die dazu aufrufen, »die Beigeseller« – gemeint sind etwa die Christen, die die Trinitätslehre vertreten – zu töten, »wo immer ihr sie findet« (9: 5; siehe auch 9: 29–30, 4: 89). Abgesehen davon besteht auch hier wieder der Versuch, den Islam schlechthin in seiner Gesamtheit und Essenz zu charakterisieren und festzulegen – diesmal aber unter anderen, nämlich dem Islam wohl gesonnenen Vorzeichen. Auch diese Vereinfachung kann nicht überzeugen.

In grober historischer Verkürzung werden häufig Zwangsheiraten als typisch für den Islam angesehen, statt einzusehen, dass dieses Problem auf die meisten traditionellen Gesellschaften zutrifft, unabhängig von der religiösen Orientierung. Was Gewalt in Ehen und Familien betrifft, erinnert Wolfgang Benz daran, »welche Wege zurückgelegt werden mussten, bis Kinder in deutschen Schulen nicht mehr geschlagen und in deutschen Familien geprügelt werden durften.«43 Der Sieg des alliierten Entsatzheeres vor Wien 1683 wird häufig verkürzt als Sieg über »den Islam« gesehen und von einer aktuellen oder drohenden »dritten Türkenbelagerung« gesprochen. Das übersieht die zentrale machtpolitische Dimension 1683, die etwa darin bestand, dass der »allerchristlichste« König von Frankreich seit dem 16. Jahrhundert mit der osmanischen Pforte diplomatische Kontakte pflegte und die christlichen Magyaren unter Imre Thököly mit den Osmanen gegen die Habsburger verbündet waren. Gabriel de Guilleragues, der französische Botschafter in Istanbul, ermunterte offenbar den Sultan, die Habsburger anzugreifen. Der Türkenkrieg von 1683 war weniger ein Religionskrieg als vielmehr eine machtpolitische Auseinandersetzung zwischen mehreren Staaten, wo der religiöse Aspekt eine untergeordnete Rolle spielte – außer natürlich in der Propaganda.44 Michael Ley bezeichnet die europäischen Aufklärer pauschal als »islamophil« – und deren Nachfolger, die »modernen progressiven Intellektuellen«.45 Zunächst einmal ist fraglich, ob »die Aufklärer« des 18. Jahrhunderts – eine sehr heterogene Gruppe – als Vorgänger der progressiven Intellektuellen des frühen 21. Jahrhunderts gelten können. Abgesehen davon gab es islamkritische, selbst islamfeindliche Stimmen auch unter prominenten Vertretern der europäischen Aufklärung.46 Ley wiederholt auch die verbreitete These, der Islam habe im Gegensatz zum Christentum keine Reformation gehabt; es würden »theologische und politische Reformer« wie Luther, Zwingli und Calvin fehlen, die die »christliche Theologie reformierten«. Diese Reformen hätten, so die implizite Annahme Leys, langfristig zur »Modernisierung Europas« geführt. Er unterschlägt dabei, dass europäische Kommentatoren etwa Abdolkarim Soroush als »Luther des Islam« bezeichnet haben.47 Das sollte nicht einfach ignoriert oder bagatellisiert, sondern thematisiert werden. Die Geschichtsforschung hat außerdem vor allem bei den Reformatoren Johannes Calvin und Huldrych Zwingli Tendenzen festgestellt, die unter dem modernen Begriff »fundamentalistisch« subsumiert werden können.48 Calvins Beitrag zur Modernisierung Europas ist also bescheiden, ambivalent und eher indirekt ausgefallen.

Verzerrungen der Debatte

Manchmal können auch jenen, die den Islam verteidigen, historische Verkürzungen und Vereinfachungen vorgeworfen werden. Die deutsche muslimische Religionspädagogin Lamya Kaddor kann sich in einem ihrer Bücher noch nicht ganz von einem vertrauten Denkmuster befreien, von der Überzeugung der Überlegenheit der eigenen Religion, Kultur bzw. Gesellschaft. Sie meint, der Islam habe einen »entscheidenden Vorteil« gegenüber anderen Religionen, nämlich dass er von Anfang an Gewalt in einen rechtlichen Rahmen gesetzt und damit kanalisiert, »gehegt« habe. Schon im 7. Jahrhundert habe es eine Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewaltanwendung gegeben. Dies sei dem Christentum bis ins 19. Jahrhundert fremd geblieben, nämlich bis zur Schlacht von Solferino 1859, »sprich mehr als 1000 Jahre später«.49 Das ist eine grobe historische Verzerrung. Eine Theorie des gerechten Krieges ist zwar in den vier Evangelien des Neuen Testaments nicht zu finden (sondern ein radikaler Pazifismus), aber bereits die Kirchenväter und vor allem Augustinus haben rasch Theorien dieser Art entwickelt. Im Hochmittelalter gab es eine elaborierte Doktrin des ius ad bellum (Recht zum Krieg) sowie des ius in bello (Kriegrecht), etwa bei Thomas von Aquin, und die Theorie und Praxis des europäischen Völkerrechts der Frühen Neuzeit seit Francisco de Vitoria, Alberico Gentili und Hugo Grotius verfeinerte diese Ansätze.50 Es bleibt unklar, warum Kaddor gerade die Schlacht von Solferino nennt (die zur Gründung des Roten Kreuzes führte), und nicht etwa die völkerrechtlich viel relevanteren Friedensverträge des 17. und 18. Jahrhunderts oder die Haager Friedenskongresse.

Das Grundproblem vieler Interpretationen ist die fehlende Trennung zwischen islamischer Religion und Kultur und in weiterer Folge die Reduzierung des Kulturbegriffs auf Religion. Regionale kulturelle Bräuche wie die Genitalverstümmelung scheinen von der Religion vorgeschrieben zu sein, sind es aber in vielen Fällen tatsächlich nicht, sondern eben nur regionale Traditionen. Der Koran schreibt die Beschneidung von Frauen oder Ehrenmorde nicht vor, auch wenn diese Phänomene in Gesellschaften vorkommen, die von der islamischen Religion geprägt sind. Der Islamwissenschaftler Bert G. Fragner vergleicht dieses non sequitur mit einem Beispiel aus dem Christentum.

»Auch die Camorra mag sich als mit Gottes Segen ausgestattet einbilden, aber das organisierte Verbrechen kann ja wohl nicht als eine aus der katholischen Theologie zwingend ableitbare Erscheinung beschrieben werden.«51

Viele zeitgenössische Islamgegner machen diesen Denkfehler. Außerdem sind Kulturen keine homogenen, in sich abgeschlossenen Einheiten, sondern innerhalb der Kulturen gibt es unterschiedliche soziokulturelle Schichten und Kulturmilieus, die oft wenig miteinander kompatibel sind. Andererseits haben etwa fundamentalistische Protestanten in den USA mehr Überscheidungspunkte mit fundamentalistischen Islamisten als mit säkularen und atheistischen Mitgliedern der eigenen Gesellschaft.52

Auch philosophische Defizite sind in den Islamdiskursen häufig anzutreffen. Ich habe schon oben die Tendenzen zur Hypostasierung und zu binärem oder pauschalen Denken genannt. Michael Ley schreibt über den persischen Theologen und Philosophen Muhammad al-Ghazālī (1058–1111), er habe »das Kausalitätsdenken – die Logik und die Naturgesetze« abgelehnt und gleichzeitig die Hypothese aufgestellt, »dass alles auf den Willensakt Gottes zurückgeführt werden könne«.53 Nun umfasst die Logik keineswegs nur das Kausalprinzip, und die Naturgesetze bzw. die Erforschung der Natur mit dem »Kausalitätsdenken« gleichzusetzen ist ebenfalls fragwürdig. Vor allem aber entgeht Ley, dass die These, alles sei auf den Willen Allahs zurückzuführen, selbst das Kausalprinzip voraussetzt. Wie kann dann al-Ghazālī das Kausaldenken pauschal abgelehnt haben? Wie sinnvoll ist es anzunehmen, dass ein Philosoph von seinen Qualitäten diesen Widerspruch nicht gesehen hat?54 Sollte er sich selbst widersprochen haben, muss al-Ghazālī dabei noch lange nicht das kausale Denken im Bereich der Erfahrung oder Naturwissenschaft abgelehnt haben. Auch bei der Diskussion des Dschihad bedient sich Michael Ley bekannter Klischees. Er übersetzt den Begriff mit »permanenten Krieg« und mit »militante Feindseligkeit«55, obwohl die Islamwissenschaft und die islamische Theologie die Vieldeutigkeit des Begriffs betont. Es war übrigens unter anderem Muhammad al-Ghazālī, der Dschihad auch als Kampf gegen das eigene triebhafte Ich verstand.

Manche Autoren verfallen in ihren Diskussionen in einen unkritischen Essentialismus, nämlich der Auffassung, dass Entitäten wie »der Westen« oder »der Islam« einen unveränderlichen Kern von Eigenschaften besitzen, die ihnen notwendiger Weise zukommen. Beispielsweise wird einerseits behauptet, dass dem Islam Antisemitismus und Rassismus »ursprünglich wesensfremd« war, während andererseits die Gegenthese vertreten wird, dass nämlich zum Islam der Antisemitismus wesensmäßig und immanent gehöre.56 Beide Thesen sind wahrscheinlich unhistorisch und metaphysisch. Sie behaupten Wesenheiten, die der Wahrnehmung nicht zugänglich sind und auf Konstruktionen basieren, die als solche hinterfragt werden müssen. Ihr metaphysischer Charakter wird durch die Tatsache nahegelegt, dass sie beide über ein und denselben Gegenstand gegensätzliches und miteinander unvereinbares aussagen. Unhistorisch sind beide Thesen, weil sie die historische Vielfalt der Phänomene wie »Islam« oder »Antisemitismus« zu wenig berücksichtigen und den offensichtlichen Wandel dieser Phänomene seit über 2000 Jahren tendenziell herunterspielen. So ist etwa der vor allem politisch motivierte Hass vieler Araber und Muslime gegen den heutigen Staat Israel aufgrund des Nahostkonflikts, der Vertreibung der Palästinenser oder der israelischen Siedlungspolitik von einem theologischen Antisemitismus zu unterscheiden. Diese Form des Antisemitismus sollte wiederum vom rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten unterschieden werden – auch insofern ist der Begriff »Islamfaschismus« irreführend.

Selektive Wahrnehmung

Ein weiteres Kennzeichen des gegenwärtigen Islamdiskurses ist die häufige selektive Wahrnehmung. Allen voran muss hier die Boulevardpresse genannt werden. Die Berichterstattung über islamisch geprägte Staaten, aber auch über Muslime in Europa ist meist negativ besetzt. Wenn Themen aufgegriffen werden, dann haben sie mit Terroranschlägen, einer absurd anmutenden Scharia, mit grausamen Traditionen, mit Menschenrechtsverletzungen oder der Unterdrückung von Frauen zu tun. In den Köpfen der Leserschaft wird nach einiger Zeit »der Islam« fast nur oder fast ausschließlich mit Terrorismus, dem Islamischen Staat, mit der Zerstörung von Kulturgütern etc. assoziiert. Medien berichteten beispielsweise im März 2016 über das Jugendmagazin der muslimischen Ahmadyya-Gemeinde in Frankfurt am Main, die geschrieben hatte, »der Verzehr von Schweinefleisch könnte zur Homosexualität beitragen.« Die Stimmen der Dissidenten oder moderaten Muslime, die »schweigende Mehrheit« werden nicht oder kaum wahrgenommen. Auch die häufigen Distanzierungen finden wenig Beachtung. So haben über 500 islamische Gelehrte in der Botschaft von Amman 2004 eine innerreligiöse Initiative gesetzt, die zu Dialog, Frieden und Toleranz aufrief und sich vom islamistischen Terrorismus distanzierte. Etwa 120 muslimische Intellektuelle wandten sich in einem offenen Brief an Abu Bakr al-Baghdadi – den selbsternannten Kalifen und Anführer des IS – und an seine Anhänger, lehnten den Terror und diese Form von Gewalt als unislamisch ab.57 Nachrichten dieser Art gehen in der Boulevardpresse meistens unter oder werden bestenfalls in einer Randnotiz erwähnt. Kaum oder gar nicht wahrgenommen wird, dass immerhin fünf der letzten zwölf Friedensnobelpreise an Muslime oder Muslimas gingen, etwa an Shirin Ebado oder Malala Yousafzai. Muslimische Solidaritätsaktionen gegen Extremismus und Terror gab es etwa im September 2014 oder im Januar 2015 nach den Anschlägen von Paris in Deutschland. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur meint resignierend,

»dass die so vehement eingeforderten Distanzierungen kaum registriert werden, und wenn sie denn stattfinden, gerade so, als wolle man nicht glauben, dass es sie gibt.«58

Ein weiteres Beispiel für selektive Wahrnehmung ist meiner Meinung nach die verbreitete Praxis der Auswahl von Koranversen. Islamkritiker wählen meistens jene Suren aus, die offenbar Gewalt rechtfertigen oder zu dieser sogar aufrufen; Verteidiger des Islam verweisen auf jene Suren, die Gewalt begrenzen, Barmherzigkeit betonen oder zu Toleranz und Frieden aufrufen. In vielen Fällen ist die Auswahl höchst selektiv. Navid Kermani hat diese Praxis als »Suren-Pingpong« belächelt. Häufig wird übersehen, dass der Koran ein komplexer, vielschichtiger und oft in sich widersprüchlicher Text ist und jedenfalls »keine Gebrauchsanweisung wie bei Ikea, als die ihn manche Islamisten und manchen ›Islamkritiker‹ betrachten.«59