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Eindringlich und bewegend erzählt die israelische Journalistin Lee Yaron von den letzten Stunden der Menschen, die am 7. Oktober 2023 von den Hamas-Terroristen ermordet wurden. Die Chronik eines Tages, der in die Geschichte Israels, des Nahen Ostens und der ganzen Welt eingehen wird, und ein literarisches Denkmal für die Opfer. Am Schabbat des 7. Oktober 2023 startet die Hamas einen Großangriff auf Israel: Zivilisten werden entführt, gefoltert, massakriert und verbrannt. Lee Yaron rekonstruiert den Tag der Katastrophe in 12 Kapiteln, jedes berichtet von einem einzigen Schauplatz der Attacke. Vom Musikfestival »Tribe of Nova« über ein Beduinendorf bis zum Kibbuz Kfar Aza führt uns Lee Yaron an die Orte der Trauer, um die unerhörte Gewalt, die sich an diesem Tag entlud, zu erfassen. Deshalb lässt sie die Opfer selbst zu Wort kommen - in szenischen Dialogen erfahren wir von ihrer Angst, ihrer Hoffnung und ihrem Mut. Für ihr Buch interviewte Lee Yaron Angehörige der Opfer und Überlebende der Angriffe, außerdem hatte sie Zugang zu Abschriften von Telefonaten und Nachrichten, die dem Tod dieser Menschen manchmal nur Sekunden vorausgingen. Auf dieser Basis zeichnet sie beeindruckende Porträts der ermordeten Frauen, Männer und Kinder, um die Erinnerung an sie zu bewahren. Das Nachwort des Schriftstellers und Pulitzer-Preis-Trägers Joshua Cohen ordnet die Attacke historisch ein und zeigt, warum es eine Linie vom Holocaust zum 7. Oktober 2023 gibt und warum der Überfall ein Angriff gegen die Juden in aller Welt war.
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lee Yaron
Protokoll eines Anschlags
Am 7. Oktober 2023 startet die Hamas einen Großangriff auf Israel: Zivilist:innen werden entführt, vergewaltigt, gefoltert, massakriert und verbrannt.
Lee Yaron rekonstruiert den Tag der Katastrophe und zeichnet eindringliche Porträts der ermordeten Frauen, Männer und Kinder, um die Erinnerung an sie zu bewahren. Sie interviewte Angehörige und Überlebende und hatte Zugang zu Abschriften von Telefonaten und Nachrichten, die dem Tod dieser Menschen manchmal nur Sekunden vorausgingen.
Vom Musikfestival »Tribe of Nova« über ein Beduinendorf bis zum Kibbuz Kfar Aza führt uns Yaron an die Orte der Trauer, um die unerhörte Gewalt, die sich an diesem Tag entlud, zu erfassen. Die Chronik eines Tages, der in die Geschichte Israels, des Nahen Ostens und der ganzen Welt eingehen wird, und ein literarisches Denkmal für die Opfer.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Lee Yaron, geboren 1994 in Tel Aviv, ist Journalistin und seit mehr als zehn Jahren bei Israels ältester und renommiertester Zeitung »Haaretz« tätig. Sie ist bekannt für ihre investigativen Reportagen zu Themen wie Korruption, Armut oder Migration. Sie hat mehrere erfolgreiche Theaterstücke geschrieben und inszeniert, in denen sie auf marginalisierte Gruppen in Israel und dem Nahen Osten aufmerksam macht. Lee Yaron lebt abwechselnd in ihrer Heimatstadt und in New York.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die französische Ausgabe erschien 2024 unter dem Titel »7 octobre : La journée la plus meurtrière de l’histoire d’Israël racontée par les victimes et leurs proches» bei Éditions Grasset & Fasquelle in Paris, Frankreich.
Die deutsche Fassung wurde nach der englischen Ausgabe übersetzt, die 2024 unter dem Titel »10/7« bei Macmillan, New York, erschienen.
© Lee Yaron und Éditions Grasset & Fasquelle, 2024.
© Joshua Cohen und Éditions Grasset & Fasquelle für das Vorwort, 2024.
Für die deutsche Ausgabe:
© 2024 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Coverabbildung: picture alliance / Anadolu | Stringer
ISBN 978-3-10-492083-2
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[Widmung]
Trauer: Eine Einführung
Sderot
Ausflug zum Toten Meer
Von Odessa nach Ashkelon
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Ofakim
Die Negev-Beduinen
Väter und Söhne
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Krieg: Eine Geschichte von 1948 bis 2024
Rave
Céline
Raz
Shani und Orión
Matan und Alexandra
Maya, Karina, Maayan und Raz
Shani, Orión, Jose, Dani, Sasha und Keshet
Matan und Alexandra
Maya, Karina, Maayan und Raz
Céline, Shiraz, Adir und Raz
Shani, Orión, Jose, Danny, Sasha und Keshet
Céline und Raz
Alexandra und Shani
Shani, Orión, Jose, Danny, Sasha und Keshet
Maya, Karina, Maayan und Roy
Raz
Céline, Shiraz, Adir und Raz
Raz
Jose, Sasha und Danny
Matan und Alexandra
Shani
Raz
Alexandra und Shani
Raz
Maayan und Roy
Jose, Danny und Sasha
Shani
Céline
Matan
Orión
Keshet
Zum Kibbutz Be’eri und zurück
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
Aus Kathmandu in den Kibbuz Alumim
Vernehmungszelle des Militärgeheimdienstes, Einheit 504–15. Oktober
Küche des Kibbuz Alumim, 7. Oktober
Tribhuvan International Airport, Kathmandu, 13. September
Kibbuz Alumim, 14. September bis 6. Oktober
Kibbuz Alumim, Bereich der Gastarbeiter, 7. Oktober
Küche im Kibbuz Alumim, 7. Oktober
Vernehmungszelle von Schin Bet, dem israelischen Inlandsgeheimdienst, 20. November
Warnung: Gaza und seine Geschichte
Simchat Tora 5702 (1941) bis Simchat Tora 5784 (2023)
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
Traueropfer
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
Flugdrachen und Trauerreden
1. Kapitel
2. Kapitel
Nachwort
Dank
Für Gal, einen Mann des Friedens, der aus dem Krieg nicht zurückkehrte.
Es gibt im Judentum die Tradition des »Schiwa-Sitzens«. Das ist eine rituelle Trauerzeit, in der nach dem Tod eines Menschen dessen nahe Angehörige zusammenkommen. Der Begriff geht zurück auf das hebräische Wort »sheva« (sieben), und so viele Tage dauert auch die Trauerzeit.
Im Buch Genesis (50,10) halten Josef und »sein ganzes Haus«, nachdem er seinen Vater Jakob begraben hat, »eine sehr große, würdige Totenklage; sieben Tage hielt er um seinen Vater Trauer«. Der Prophet Hiob verliert seine Frau, seine sieben Söhne und drei Töchter. Daraufhin kommen seine Freunde, setzen sich mit ihm auf die Erde – in den Staub – und versuchen sieben Tage und sieben Nächte lang, ihn zu trösten.
Auch Jahrtausende später läuft in den Ländern der Bibel ebenso wie in jüdischen Gemeinden weltweit das Ritual noch immer nach demselben Muster ab.
Die sieben Tage der Trauer beginnen mit dem Tag der Beerdigung, wenn sich die nächsten Angehörigen »zusammensetzen«. Während dieser Zeit ist alles, was irgendwie mit der täglichen Routine zu tun hat, verboten. Die Trauernden dürfen weder arbeiten noch kochen, weder das Haus putzen noch baden. Sie sollen im Heim des oder der Verstorbenen so nah am Boden sitzen wie möglich, ein Sinnbild für die Tiefe ihrer Trauer. Die Tür muss immer offen stehen für Freunde und Nachbarn, die »Trostspender«. Deren Rolle besteht darin, der Familie die Alltagspflichten abzunehmen. Auf Vergnügungen sollen die Trauernden in diesen Tagen verzichten. Sie sollen ihre Kleider zerreißen, was den Riss in ihren Seelen zum Ausdruck bringt und auch auf die Bedeutungslosigkeit von weltlichem Zierrat verweist. Sogar die Spiegel werden verhängt, damit niemand von Äußerlichkeiten abgelenkt wird, statt den Blick auf sein Inneres zu richten. Die Trauernden dürfen nicht mit Worten gegrüßt werden, in denen der Wortstamm »Shin-Lamed-Mem« enthalten ist, der dem hebräischen »Schalom« (und dem arabischen »salām«) zugrunde liegt. In der Trauerzeit soll man keinen Frieden suchen. Am siebten und letzten Tag sind die, die gekommen sind, um ihr Beileid auszusprechen, aufgerufen, die Trauernden »aufzuwecken« und ihnen zu helfen, sich zu erheben. Die Trauer, die dominanteste aller Empfindungen, muss zu einem formellen Ende gebracht werden.
Sieben ganze Tage, die Zeitspanne, in der Gott die Welt und alles Lebendige erschuf, reicht uns Menschen schon kaum aus, um ein einzelnes Leben zu betrauern, unsere Klage hinter uns zu lassen.
Das Judentum, das jeden Aspekt des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod durch Ge- und Verbote reguliert, bietet wenig Orientierung in der Frage, wie sich eine Schiwa nach einem Massaker wie dem vom 7. Oktober 2023 – auf Hebräisch »shiva b’October« – oder dem Krieg, der ihm folgte, gestalten ließe.
Wenn jemand an ein und demselben Tag Sohn, Tochter, Mutter und Ehemann verloren hat, sollten sie dann alle zusammen betrauert werden oder in einer bestimmten Reihenfolge? Sollte man für jeden Einzelnen sieben Tage Schiwa sitzen oder für alle zusammengenommen eine Woche? Was macht man, wenn man keinen Leichnam zum Begraben hat? Oder wenn der Leichnam nicht herausgegeben wird? Soll man dann die Trauerzeit ohne eine Beerdigung beginnen oder warten, bis der Leichnam da ist? Was ist, wenn vom Leichnam nur noch Einzelteile übrig sind – soll man das Einzelteil dann begraben und um einen abgerissenen Arm oder einen Zahn trauern? Was können die Trostspender noch tun, wenn sie selber in Trauer sind? Und schließlich, wie lässt sich das Ende der Schiwa markieren, wenn da kein Alltag mehr ist, in den man zurückkehren kann – vor allem mitten im Krieg?
Mit dem Schreiben dieses Buches, für das ich Hunderte trauernde Eltern und Kinder, Überlebende und Ersthelfer befragte, suchte ich nach Antworten auf diese Fragen – nach einer Möglichkeit, angemessen zu trauern und weiterzuleben, nach einer Möglichkeit, wieder Schalom sagen zu können.
Am 7. Oktober 2023 – einem Schabbat und gleichzeitig dem Feiertag Simchat Tora, dem letzten Tag des Laubhüttenfestes – starteten Mitglieder der Hamas gemeinsam mit Verbündeten vom Palästinensischen Islamischen Dschihad sowie acht weiteren Gruppen eine Operation, auf die sie sich mindestens drei Jahre lang vorbereitet hatten. Sie durchbrachen die Grenze zu Israel und griffen vom Land, vom Meer und von der Luft aus an, schlachteten wahllos Zivilisten ab und sorgten für einen der schlimmsten Terrorangriffe in der neueren Geschichte und, wie Präsident Joe Biden es ausdrückte, »den vernichtendsten Tag für die Juden seit dem Holocaust«.
In weniger als vierundzwanzig Stunden brachten rund dreitausend Terroristen es fertig, das Leben von mehr als tausendzweihundert Menschen auszulöschen und etwa zweihundertfünfzig zu entführen – die meisten davon israelische Männer und Frauen, aber auch Angehörige von mehr als dreißig anderen Nationen. Zivilisten vom Säugling bis zur Rentnerin, die gerade erst aufgewacht waren an diesem Morgen, wurden niedergeschossen, erstochen oder lebendig verbrannt, gefoltert und vergewaltigt, ihnen wurden gezielt Gliedmaßen abgehackt – und diese Szenen aus der Hölle waren dann auch noch zeitnah im Internet mitzuverfolgen, gepostet in alle Welt von den Terroristen. Ganze Gemeinden wurden vernichtet, und Hunderttausende von Israelis waren gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und Flüchtlinge im eigenen Land zu werden.
Nach dem Massaker zog Israel mit beispielloser Härte gegen Gaza in den Krieg, mit dem Ziel, die Hamas ein für alle Mal unschädlich zu machen, eine Terrororganisation, die geschworen hat, Israel auszulöschen, die seit fast zwanzig Jahren in Gaza regiert und sich bei der Zivilbevölkerung dort unentbehrlich gemacht hat.
Aktuell sind in diesem Krieg, nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza, schon mehrere Zehntausend Palästinenser ums Leben gekommen. Viele von ihnen waren unschuldige Zivilisten, darunter Tausende Kinder. Den Vereinten Nationen zufolge wurden fast zwei Millionen Palästinenser aus ihrem Zuhause vertrieben und etwa 70 Prozent der Häuser zerstört, einschließlich der meisten Krankenhäuser, Märkte, Schulen und Moscheen. Der Preis, den die ganz normalen Bewohner des Gazastreifens bezahlen, ist unfassbar hoch: Vertrieben und vielfach in provisorischen Zeltstädten an der ägyptischen Grenze zusammengepfercht, müssen sie Hunger und Dehydrierung ertragen, ebenso wie Krankheiten, die auf fehlende Gesundheitsfürsorge und sanitäre Einrichtungen zurückzuführen sind. Männer, Frauen und Kinder, die nichts mit den Verbrechen der Hamas zu tun hatten, zahlen am Ende den höchsten Preis. Für sie ist selbst das Gebot, ihre Toten zu betrauern, unter Beschuss geraten. Der Tod und das Leid so vieler Unschuldiger sind nicht hinnehmbar.
Ich bin Tochter und Enkelin von Flüchtlingen und Überlebenden des Holocausts. Ich bin Jüdin. Ich bin Israelin. Und ich bin eine Frau, Feministin, Journalistin und gehöre aus tiefer Überzeugung zu jener Seite, die sich für die Rechte aller Völker zwischen Jordan und Mittelmeer einsetzt, jener Seite, die noch immer den Traum von zwei Staaten für zwei Völker träumt, die Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern gleichermaßen Demokratie und Menschenrechte garantieren.
Seit fast zehn Jahren arbeite ich als Journalistin für Haaretz, Israels älteste und angesehenste Tageszeitung – und die einzige hebräischsprachige Zeitung, die konsequent immer auch über arabische und palästinensische Themen berichtet und die Bürgerrechte israelischer Minderheiten verteidigt hat. Bevor ich die Klimakorrespondentin des Blattes wurde – und versuchte, dem Nahen Osten die Augen zu öffnen für seine schlimmste existenzielle Bedrohung –, war das Sozialwesen mein Themenschwerpunkt gewesen. Das brachte es mit sich, dass ich Menschen hauptsächlich in für sie besonders schmerzlichen Momenten kennenlernte, als Opfer von Vorurteilen, häuslicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen. Ich schrieb über Asylsuchende, die sich mit diskriminierender Bildungs- und Wohnungspolitik herumschlagen mussten; über LGBTQ-Personen, die sich veralteten Ehegesetzen zum Trotz um eine Adoption bemühten; ich schrieb über schlimme Umweltsünder, Klimawandelleugner und staatliche Behörden, die Holocaust-Überlebenden die Leistungen vorenthielten, die ihnen von Rechts wegen zustanden.
Manchmal führten meine Recherchen am Ende zu einer Änderung in der Politik oder sogar zu einer neuen Gesetzgebung, und ich verstand meine Arbeit immer mehr als eine Art Interessenvertretung der Bürger. Wenn die Opfer der Politik in den Schlagzeilen sind, lassen sie sich nicht mehr so leicht ignorieren. Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn lernte ich so ziemlich alle Stränge der israelischen Gesellschaft kennen: Juden, Araber, Beduinen, Äthiopier, Eritreer, Sudanesen, Chinesen, mit besonderem Blick auf die an den Rand Gedrängten, die Menschen, die von der Mehrheitsgesellschaft in Israel gering geschätzt werden.
Meiner Erfahrung nach berichten die meisten Journalisten – und so steht das dann später auch in den Geschichtsbüchern – über die Großtaten der Mächtigen aus der Perspektive der Mächtigen. Die politische Berichterstattung speist sich allzu oft aus Zitaten von Politikern und nicht aus Aussagen der Menschen, die am stärksten die Auswirkungen der Politik zu spüren bekommen. Berichten über das Militär liegen in der Regel Zitate von Generälen und Militärsprechern zugrunde, nicht von normalen Soldaten und ganz gewiss nicht vom Feind. In diesem Buch möchte ich das Massaker vom 7. Oktober in der Art von Berichterstattung schildern, die ich gelernt habe, und buchstäblich »von Grund auf« informieren. Das bedeutet, die Opfer und die betroffenen Gemeinschaften dürfen so weit wie möglich ihre Erlebnisse, ihre Tragödien selbst erzählen, manchmal in ihren eigenen Worten und immer aus ihrer Perspektive.
Nach den Methoden des Investigativjournalismus und der Oral History führte ich, zusammen mit meinen Rechercheassistenten, Hunderte Interviews und ergänzte dieses Material mit haufenweise Protokollen von Telefon- und E-Mail-Nachrichten sowie offiziellen Verlautbarungen. Das Resultat halten Sie in den Händen: ein Buch, das die Geschichten von mehr als einhundert Menschen erzählt – einhundert Zivilisten, Unbeteiligten –, die an der Grenze zu Gaza lebten und starben.
Von linken Kibbuz-Bewohnern und Festivalteilnehmern über Beduinen und israelische Araber, Friedensaktivisten und Holocaust-Überlebende bis hin zu Flüchtlingen aus der Ukraine und Russland –, von denen viele schon seit fast zwanzig Jahren den Raketenbeschuss der Hamas ertragen müssen und dennoch daran glauben können, dass sie eines Tages mit ihren Nachbarn in Frieden leben werden. Andere Menschen in diesem Buch haben schon vor langer Zeit den Glauben an Frieden verloren und wiederholt Benjamin Netanjahu zum Ministerpräsidenten gewählt, weil sie denken, dass sie nur durch ihn ihren Kindern ein kleines bisschen Sicherheit bieten können – einen Anschein von Frieden. Dann sind da noch die Gastarbeiter aus Thailand und Nepal – Zeitarbeiter auf Farmen im Grenzgebiet – und die Touristen aus Europa und Südamerika, die mitten in ihren Ferien waren, Menschen, die über den israelisch-palästinensischen Konflikt nur am Rande, falls überhaupt, Bescheid wussten und nicht einmal den Unterschied zwischen Hebräisch und Arabisch kannten, als man sie abschlachtete.
Viele Grenzgemeinden, die diesem neuzeitlichen Pogrom zum Opfer fielen – darunter Sderot, Ofakim und Ashkelon – zählen zu den ärmsten Städten in Israel. Hier leben viele Juden, die nach den Verfolgungen und Massakern im Zuge der Staatsgründung Israels aus arabischen Ländern wie Marokko, Tunesien, Algerien, dem Jemen und Ägypten fliehen mussten. Sie fanden im einzigen jüdischen Staat der Welt einen sicheren Hafen und ein glückliches Leben. Diese Städte haben auch einen hohen Bevölkerungsanteil von äthiopischen Juden, zu denen noch die Juden aus der Ukraine, Russland und Zentralasien kommen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion und später dann dem russischen Überfall auf die Ukraine in Israel Zuflucht suchten.
Die Kibbuzim entlang der Grenze entstanden als überwiegend sozialistisch gesinnte Gemeinschaften. Bis zum heutigen Tag unterstützen sie die Parteien der politischen Linken und Mitte und setzen sich für eine Zweistaatenlösung ein. Wenn der Ausgang der Wahlen in Israel nur von diesen Kibbuzim abhinge, hätte Netanjahus Likud-Partei, zu deren Koalition inzwischen einige der extremsten Akteure im israelischen Politikbetrieb gehören, wohl nicht einmal den Einzug in die Knesset geschafft.
Insgesamt sind es fast sechzig Kibbuzim, Moschawim[1] und Städte in dem Gebiet, auch Gazagürtel genannt, die die Feindseligkeiten am stärksten zu spüren bekommen. Kaum jemand weiß über den israelisch-palästinensischen Konflikt besser Bescheid als diese Grenzbewohner, und kaum jemand hat auch mehr unter seinen Folgen zu leiden. Nehmen wir den Kibbuz Be’eri als Beispiel. Dessen Mitglieder beförderten ehrenamtlich palästinensische Patienten in israelische Krankenhäuser und spendeten jährlich Tausende Dollars an Familien in Gaza. Am 7. Oktober wurde jeder zehnte Bewohner von Be’eri entweder ermordet oder entführt, darunter viele alte Menschen und Kinder. Die meisten Häuser wurden zerstört und angezündet. Ein anderes Beispiel ist der Kibbuz Kfar Aza, der einmal im Jahr ein Friedensfest mit Drachensteigen veranstaltete. Botschaften von einer friedlichen Koexistenz stiegen dabei so hoch in den Himmel, dass die Kinder von Gaza sie empfangen konnten. Auch dort ist jeder Zehnte entweder tot oder eine Geisel in Gaza.
Die Terroristen der Hamas zerstörten ausgerechnet die Gemeinschaften, die mehr als alle anderen für den Frieden zwischen den beiden Völkern getan hatten.
Während meiner Recherche habe ich einige der trauernden Familien gefragt, ob und inwieweit sich ihre Einstellung nach der Ermordung ihrer Angehörigen geändert habe. Das ist eine heikle Frage, aber eine von der Sorte, wie Israelis sie gewöhnt sind – fragen und antworten und dann damit umgehen, so gut es geht.
Zwar bekennen sich einige fortschrittlich denkende Familien nach wie vor zu ihren Prinzipien und wollen einen sofortigen Friedensschluss mit den Palästinensern, doch sehen andere, mit denen ich gesprochen habe, die Sache jetzt – zumindest fürs Erste – mit ganz anderen Augen. Sie sagen, sie seien naiv gewesen und dumm, weil sie geglaubt hatten, dass Israelis und Palästinenser jemals zusammen auf diesem Land leben könnten. Sie sind wütend auf die Hamas, aber auch auf ihre eigene Regierung, von der sie sich im Stich gelassen fühlen.
Im entgegengesetzten politischen Lager sprechen die Netanjahu-Anhänger unter den Hinterbliebenen ebenfalls von einer tiefen Sinnkrise. Auch sie haben das Gefühl, alles, an das sie geglaubt und worauf sie sich verlassen haben, habe versagt. Wenn selbst die rechtsextremste Regierung in der Geschichte des Landes sie nicht habe beschützen können, dann könne es ja wohl niemand, und die einzige Lösung liege womöglich beim Einzelnen selbst: Anträge für Waffenscheine und Waffenerwerb sind seit dem 7. Oktober sprunghaft angestiegen.
Die gemeinsame politische Basis des Landes war noch nie so begrenzt. Was die beiden Pole der israelischen Gesellschaft noch zusammenhält, ist ein Gefühl des totalen Debakels. Über die israelische Gesellschaft hinaus gibt es überhaupt keine gemeinsame Basis mehr. Die israelisch-palästinensischen Beziehungen sind auf dem Tiefpunkt. Israelis und Palästinenser sind blind füreinander geworden und taub für die Klage des jeweils anderen, nicht bereit oder nicht fähig, das beiderseitige Leid zu erkennen. Jede Tragödie dient nur dazu, die Mauern zwischen uns noch weiter zu festigen und zu vergrößern, während jede Seite der anderen ihre Wahrheit, ihre Gefühle und sogar das Existenzrecht abspricht.
Obwohl ich mit den Palästinensern trauere und mir in vollem Ausmaß bewusst bin, wie sehr unsere jeweilige Geschichte miteinander verstrickt ist, weiß ich, dass es mir nicht zusteht, palästinensische Geschichten zu erzählen, vor allem nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich warte, in aller Demut, auf die Bücher meiner palästinensischen Kollegen, die sicher bald die Geschichten der Unschuldigen von Gaza erzählen werden, die als Folge der Reaktion meines Landes auf die Gewalttaten ihrer politischen Führer Leid und Tod erfuhren.
Die meisten Israelis und Palästinenser wurden in diese Atmosphäre der Gewalt hineingeboren. Die Hälfte der Israelis sind unter dreißig, der Palästinenser sogar unter achtzehn Jahre alt. Ich selbst gehöre auch zu dieser demographischen Gruppe – dieser verlorenen Generation –, geboren am Ende der Hoffnung, am Ende der Regierungszeit von Ministerpräsident Yitzhak Rabin, ein Jahr, nachdem er das erste Osloer Abkommen unterzeichnet hatte, und ein Jahr, bevor er einem Mordanschlag zum Opfer fiel.
Es war das offizielle Ende der Ersten Intifada (die damals noch nicht »die Erste« genannt wurde), einer Abfolge von Terrorangriffen auf Israelis durch eine neu entstandene islamistische Terrorgruppe mit Namen Hamas. Die ägyptische Muslimbruderschaft hatte einen palästinensischen Ableger hervorgebracht, der sich fast ebenso sehr der Vernichtung der säkularen Fatah-Partei von Yasser Arafat verschrieben hatte wie der Vernichtung Israels. In seiner Gründungsurkunde wird explizit die Auslöschung des jüdischen Staates als Ziel genannt.
Ich war zwei Monate alt, als ein Selbstmordattentäter sich in einem Bus voller Menschen nur wenige Meter von der Stelle entfernt in die Luft sprengte, an der meine Mutter mit mir auf dem Arm stand. Im Augenblick der Explosion riss sie mich ganz schnell zur Seite.
Aber auch wenn jede Busfahrt, jeder harmlose Spaziergang zur Belastungsprobe wurde, so zeichnete sich damals am Horizont doch Frieden ab. Es gab dafür sogar einen Termin – und obwohl sich das Datum immer wieder verschob, lag in der schwül-warmen Mittelmeerluft unverkennbar eine Ahnung von einer Verständigung zwischen Rabin und Arafat und damit zwischen Israelis und Palästinensern.
»Wir kommen aus einem gequälten, trauernden Land … Wir wollen versuchen, den Feindseligkeiten ein Ende zu bereiten«, erklärte Rabin im September 1993 bei der von US-Präsident Bill Clinton geleiteten Zeremonie im Rosengarten des Weißen Hauses, »damit unsere Kinder und Kindeskinder nicht länger den bitteren Preis für Krieg, Gewalt und Terror zahlen müssen. Wir wollen ihrem Leben Sicherheit geben und das Leid und die schmerzlichen Erinnerungen lindern, damit sie auf Frieden hoffen können« – dies in seltener und damals umstrittener Anerkennung des Leids auch der palästinensischen Seite. »Wir, die Soldaten, die aus dem Krieg heimgekehrt sind … wir sagen euch heute mit lauter und klarer Stimme: Es reicht mit Blut und Tränen. Es reicht!«
Arafat erwiderte: »Unsere beiden Völker hegen heute diese historische Hoffnung, sie wollen dem Frieden eine echte Chance geben.«
Einige meiner frühesten Erinnerungen handeln davon, dass mich meine Eltern, im Buggy oder auf ihren Schultern, zu Friedensdemonstrationen in Tel Aviv mitgenommen und mir gesagt haben, dass bald, ganz bald, die Zeit von Krieg und Traurigkeit vorbei sein werde.
Doch das hatten meinen Eltern schon deren Eltern erzählt, die den Krieg und die Traurigkeit einer früheren Generation kannten.
Die Familie meines Vaters, die Familie Katz, hat mehrfach erlebt, was es heißt, Flüchtling zu sein. Das erste Mal zwang sie die Verfolgung der russischen Juden nach der Gründung der Sowjetunion dazu. Es gelang ihnen, nach Rumänien zu entkommen, wo sie mehr schlecht als recht versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen. Während des Holocausts wurden sie in Arbeitslagern interniert, womit sie noch einigermaßen gut dran waren, verglichen mit den Millionen, die in den Vernichtungslagern umgebracht wurden, und den Hunderttausenden, die in den Gebieten umkamen, die die Deutschen den Rumänen überließen.
In den 1960er Jahren ergriffen sie, nach erneuter Drangsalierung durch die kommunistische rumänische Regierung, ein weiteres Mal die Flucht. Mein Großvater war Philosophieprofessor, meine Großmutter Übersetzerin und Dolmetscherin beim Theater, eine Frau, die sieben Sprachen beherrschte. Als sie in Israel ankamen, mussten sie wieder ganz von vorn anfangen. Sie fanden nur schlecht bezahlte Bürojobs bei der Stadtverwaltung und hatten Mühe, sich in ihrem fünften Lebensjahrzehnt an ein neues Klima, eine neue Kultur und eine neue Sprache zu gewöhnen.
Während die Familiengeschichte meines Vaters typisch ist für die aschkenasischen Juden, repräsentiert die Familie meiner Mutter die andere große Gruppe des Judentums, die Sephardim.
Meine Vorfahren mütterlicherseits gehörten zu den Zehntausenden Juden, die, einzig und allein weil sie Juden waren, aus Portugal ausgewiesen wurden, ein Ereignis, das sich in ihrem Nachnamen, Adato, niedergeschlagen hat. Die hebräische Sprache macht sich ein System zunutze, das man Gematrie nennt. Darin ist jedem Buchstaben ein Zahlwert zugewiesen: Aleph, dem ersten Buchstaben, die 1, Bet, dem zweiten Buchstaben, die 2 und so weiter. Der Nachname meiner Mutter, Adato, besteht im Hebräischen aus vier Buchstaben: Aleph, Daleth, Tet und Waw, die zusammen die Zahl 1496 bilden, das Jahr der Vertreibung der Juden aus Portugal.
Viele portugiesische Juden, die später in Italien landeten, nahmen diesen Nachnamen an, weil ihnen die Doppeldeutigkeit gefiel: Für Juden bedeutete Adato 1496, während es für Italiener klang wie »adatto«, das italienische Wort für »geeignet, tauglich, anpassungsfähig«. Und Anpassungsfähigkeit besaßen sie nun wirklich überreichlich.
Von Italien zog die Familie in die Türkei, wo sie sich in Istanbul und Izmir ansiedelte – und in äußerster Armut lebte. Meine Großmutter arbeitete als Dienstmagd in einem reichen Haus und lernte in keiner Sprache Lesen und Schreiben. Nach Gründung des Staates Israel beschlossen sie, die bedrückenden Einschränkungen, denen sie als offizielle Minderheit ausgesetzt waren, hinter sich zu lassen, und nahmen ein Schiff nach Jaffa. In ihren ersten Jahren in Israel lebten sie in einer Behelfsunterkunft, kaum mehr als eine Hütte, später zogen sie dann in eine kleine Wohnung in der ärmlichen Stadt Bet Jam. Sie sprachen auch dort weiter Ladino, den uralten Dialekt des Judäo-Spanischen. Doch ihren Kindern brachten sie die Sprache nicht bei, denn sie setzten wieder einmal auf ihre »Anpassungsfähigkeit«. Was sie betraf, so gehörte die Zukunft dem Hebräischen.
Auf der Flucht vor der jüdischen Geschichte kamen beide Seiten meiner Familie nach Israel und wurden Israelis. Sie bemühten sich nach Kräften, sich ein neues Leben aufzubauen in einem Land, das gegründet worden war, um der tausendjährigen Verfolgung und Abschlachtung ein Ende zu setzen. Das war ihr Traum, so wie es über Jahrtausende der Traum eines jeden Juden im Exil war, einen jüdischen Staat zu gründen.
Dieses Buch erscheint nicht einmal ein Jahr nach dem 7. Oktober 2023, und in gewisser Weise ist es eine erste Abwehrlinie – eine Abwehr gegen Verzerrung, eine Abwehr gegen das Vergessen. Während ich es schrieb, während ich die Hinterbliebenen interviewte, dachte ich oft an die, die ich nicht interviewen konnte, zum Beispiel die jungen Frauen, die an der Grenze sitzen und Ausschau halten.
Dieser Job wird nur an weibliche Soldaten vergeben, weswegen es auch nur eine weibliche Form davon gibt, »tazpanijot«, Aufklärerinnen. Das ist ziemlich frauenfeindlich, denn die Überzeugung der – männlichen – obersten Befehlsebene war es, die israelische Grenztechnologie sei unfehlbar und diese Frauen nur eine Für-alle-Fälle-Absicherung, weniger kompetent als hochentwickelte Sensoren und Computer.
Aber die Wahrheit ist inzwischen ans Licht gekommen. Es waren diese jungen Frauen, die als Erste bemerkten, dass die Hamas Übungen durchführte und die israelische Grenzabwehr testete. Ein paar der Frauen beließen es nicht dabei und machten – schon Monate vor dem 7. Oktober – ihren Vorgesetzten Meldung über verdächtige Aktivitäten. Doch wie bei Kassandra wurden ihre Warnungen ignoriert und ihre Befürchtungen einfach abgetan. Es wurde nichts unternommen.
Aufklärung ist eine undankbare Aufgabe. Die Aufklärerinnen sitzen ganz alleine stundenlang nur da und starren ins Nichts. Aber diese Frauen müssen trotz allem wachsam bleiben.
Am 7. Oktober wurden die israelischen Sperranlagen durchbrochen und sechzehn Aufklärerinnen getötet – sieben wurden als Geiseln genommen. Sie waren unter den Ersten, denen an diesem Schabbat Gewalt angetan wurde.
Jetzt sitzt ganz Israel, wenn schon nicht, um Wachdienst zu versehen, so doch um Totenwache zu halten. Ein Ende der Schiwa ist nicht in Sicht, und niemand kann heute den Zeitpunkt und die Art und Weise voraussagen, in der wir aufstehen werden aus der Klage.
[1]
Kibbuz (im Plural Kibbuzim) sind gemeinschaftliche Siedlungen auf dem Land mit (zumindest ursprünglich) Gemeinschaftseigentum und kollektiv getroffenen Entscheidungen; Moshaw (im Plural Moshawim) sind genossenschaftlich organisierte Siedlungen, in denen es aber im Unterschied zum Kibbuz mehr Privateigentum und mehr Entscheidungsfreiheit in der persönlichen Lebensführung gibt. Inzwischen nähern sich viele Kibbuzim in ihrer Struktur den Moschawim an (A.d.V.).
Elf Menschen hatten sich an diesem Samstag in dem drei mal drei Quadratmeter großen Zimmer des zwei Monate alten Yishai Azougi in der Ehvat-Israel-Straße in Sderot versammelt: der Vater des Kleinen, Yanon, 23, seine Mutter Hillel, 22, Yanons Eltern, Eliyahu und Dalia, Tante Moriah (im dritten Monat schwanger), deren Mann Haim, Onkel Yadida, Tante Tahila, Tante Amunah und Tante Shira.
Ebenfalls dabei waren die dreijährige Lia Suissa und die sechsjährige Romi Suissa.
Die Familie Azougi wusste praktisch nichts über die beiden kleinen Mädchen. Sie wussten nicht, wo die Kinder wohnten, wer ihre Eltern waren und nicht einmal, wie sie an diesem Tag blutbefleckt neben der Polizeiwache gelandet waren.
Die Mädchen sagten nichts – und die Azougis trauten sich nicht zu fragen.
Um halb sieben an diesem Morgen war Yanon die drei Blocks bis zur Synagoge gegangen, wie er es an einem Schabbatmorgen immer tat. Aber schon kurze Zeit später war er mit zwei kleinen Mädchen an der Hand wieder zu Hause.
Dieses Zuhause war eine bescheidene Wohnung im dritten Stock eines schon älteren Gebäudes, in dem es noch immer einladend nach dem Feiertagsessen vom Vorabend duftete.
»Frohes Fest für die lieben Romi und Lia, die Simchat Tora mit uns feiern«, rief Yanon beim Hereinkommen laut, um so auf die ungewöhnliche Situation aufmerksam zu machen. Die Mädchen betraten schüchtern die weiß gestrichene enge Diele. Lias Mund stand offen, Romi, deren Füße mit Glassplittern übersät waren, weinte.
Yanon konnte seiner Familie nicht einmal erklären, was es mit dem Fremden in dem schwarzen Auto auf sich hatte, der neben ihm angehalten und geschrien hatte: »Ich bin Jude«, ihm dann die beiden Mädchen zugeschoben und ihn kurz und knapp angewiesen hatte: »Lauf los!«
Also war er losgelaufen, mit den Mädchen in seinen zitternden Armen, und hatte kaum bemerkt, wie absurd die ganze Situation war. Er hatte ja noch nicht einmal gelernt, sein eigenes Baby zu trösten, von den Kindern fremder Leute ganz zu schweigen. Beinahe instinktiv brachte er sie zu sich nach Hause, zwei kleine Mädchen mit lockigen Haaren und den familientypischen buschigen Augenbrauen und dunklen Augen.
Yanons Mutter Dalia, eine Krankenschwester, ging mit den beiden Mädchen sofort ins Bad, um nachzusehen, woher das Blut kam. Hillel half ihr, und jede von ihnen badete ein Kind. Yanon konnte hören, wie sie den Mädchen etwas vorsangen. Romi und Lia waren unverletzt, das Blut auf ihrer Haut war nicht ihres. Yanons Schwestern flochten den Mädchen die Haare und zogen ihnen saubere Sachen an, die ihnen viel zu groß waren.
Yanon ging noch einmal auf die Straße, zurück zu der Stelle an der Polizeiwache, wo man ihm Lia und Romi übergeben hatte. Er versuchte dahinterzukommen, was passiert war. Auf dem Gehsteig lagen tote Menschen, und von fern hörte er Schüsse. Er wollte näher heran, um zu sehen, ob er vielleicht helfen konnte. Doch da rief ihm ein Nachbar zu, er solle nach Hause laufen und sich in Sicherheit bringen.
Sderot, eine Stadt im Süden Israels, die wie viele Städte am Gazastreifen mit Armut und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat, liegt einen guten Kilometer von der Grenze entfernt. Sderot entstand 1951 wenige Kilometer von dem zerstörten arabischen Bauerndorf Najd entfernt als »ma’abara« (Transitlager) mit etwa siebzig Zelten. Die ersten Siedler waren Einwanderer aus dem Iran, Irak und Kurdistan, die von dort vor antisemitischen Schikanen und Pogromen geflohen waren. Die Stadt wuchs dann weiter mit neuen Einwanderungswellen: aus Marokko und Rumänien in den 1960ern, aus der UdSSR in den 70ern und Äthiopien in den 80ern. Bis 1990 war Sderots Bevölkerung auf etwa zehntausend angestiegen. Im Jahr 2000 fing es dann mit den Raketen aus Gaza an.
Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten bekommt Sderot von den Raketenangriffen der Hamas das meiste ab, einen überwiegend nächtlichen Terror, der trotz Israels Iron Dome schon Dutzende von Menschenleben gefordert hat. Besonderes Aufsehen erregten der Tod des dreijährigen Afik Ohion Zahavi und des fünfzigjährigen Mordechai Yosifov im Juni 2004, verursacht durch einen Raketeneinschlag in der Nähe eines Kindergartens. Im September 2004 wurden die zweijährige Dorit Inso und der vierjährige Yuval Abba beim Besuch ihrer Großmutter von einer Rakete getroffen. 2006 starben der dreiundvierzigjährige Yaakov Yakovov und die siebenundfünfzigjährige Fatima Slotka bei zwei unterschiedlichen Angriffen; ebenso erging es der zweiunddreißigjährigen Shir-el Perdiman und dem sechsunddreißigjährigen Oshri Oz. 2008 führte ein Dauerbeschuss mit mehr als siebzig Qassam-Raketen zum Tod von Roni Yahya, einer vielversprechenden Studentin am Sapir College.
Diese Ereignisse haben etwa fünftausend Einwohner dazu bewogen, seit dem Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 Sderot zu verlassen. Wer blieb – 35000 im Jahr 2023 – betrachtete sich als Überlebenskünstler, auch schon vor dem 7. Oktober 2023.
Erst ein paar Wochen, bevor ihm die beiden Suissa-Mädchen in die Arme gedrückt wurden, hatte Yanon den einzigen Schutzraum des Hauses – den einzigen raketensicheren Ort – zum Kinderzimmer umgebaut. Er und Hillel hatten die Wände grün und weiß gestrichen, eine Holzwiege für Yishai, ihren Erstgeborenen, zusammengeschraubt und eine kleine Kommode aus Bambus für Windeln und Wischtücher hineingestellt. Sie hatten auch alle Geschenke in das Zimmer gebracht, die sie zu Yishais »Brit Mila«, der Beschneidungsfeier, bekommen hatten. Jetzt packte Hillel die Geschenke aus und gab die Spielsachen den kleinen Mädchen, in der Hoffnung, sie damit ein wenig abzulenken.
Gegen Mittag fand Dalia, Yanons Mutter, dass die Zeit jetzt reif sei. Sie ging mit Romi ins Schlafzimmer und sagte: »Erzähl mir doch mal, mein Kind, was dir passiert ist.«
Die Sechsjährige berichtete ihr alles, woran sie sich von diesem Morgen noch erinnern konnte oder was sie jedenfalls verstanden hatte. Es war ein schleppender Monolog, der immer wieder von scheuen Pausen unterbrochen wurde.
»Ich bin früh aufgewacht, weil es Alarm gab und Mama und Papa sagten, wir würden in den Norden fahren, damit uns die Raketen nicht treffen. Sie sagten, ich könnte mein Telefon mitnehmen, um Fotos zu machen, und mein Hund Simba durfte auch mit. Ich war froh und habe gesungen. Dann gab es eine laute Explosion im Auto. Mama und Papa schrien, wir müssten ganz schnell raus. Simba war auf einmal nicht mehr da, und Mama sagte, Simba wäre jetzt nicht so wichtig, ich sollte lieber mit ihr loslaufen. Wir haben uns in einem Busch versteckt.«
»Und was war mit deinem Vater?«
»Papa hat Lia genommen, und sie sind in eine andere Richtung gelaufen. Lia kam ohne Papa zurück zum Auto. Sie sagte, dass er ganz schmutzig ist und ihr gesagt hat, sie soll zu Mama zurückgehen. Dann sagte ein Polizist, wir sollen mit ihm kommen. Da war noch eine Explosion, und ich habe versucht, Mama wach zu kriegen. Ich habe meine kleine Schwester und mich unter einem Laken versteckt. Als das Bumbum aufhörte, habe ich ganz laut ›Hilfe‹ gerufen, und dann hat uns ein Mann aus dem Auto geholt und uns Yanon gegeben.«
»Wie heißen deine Eltern?«
»Dolev und Odia Suissa.«
In der Zwischenzeit hatte Yanon bei der Polizei angerufen und dort gemeldet, er habe zwei Mädchen gefunden. Die Eltern seien nicht aufzufinden, womöglich tot oder verletzt. Die Polizei sagte, es täte ihnen leid, aber sie könnten im Augenblick nicht helfen. In den Straßen würden immer noch Terroristen herumlaufen und schießen. Daraufhin rief Yanon beim Jugendamt an, aber auch von dort bekam er keine Hilfe. Man hätte schon zu viele solcher Fälle. Yanon setzte sich mit dem medizinischen Rettungsdienst in Verbindung. Vielleicht hatten die ja etwas von Dolev oder Odia Suissa gehört? Doch es war noch zu früh, man war immer noch aktiv dabei, Menschen zu retten.
Yanon machte Dolev Suissas Facebook-Seite ausfindig, auf der er ein Bild von Dolev und Odia mit Romi und Lia in einem Blumenfeld fand. Er verfasste vier Nachrichten, die er alle wieder löschte, bevor er schließlich diese abschickte: »Dolev, deine Kinder sind bei uns zu Hause, es fehlt ihnen nichts. Schick mir doch bitte eine Kontaktnummer.« Danach checkte er alle paar Minuten sein Telefon in der Hoffnung auf eine Antwort.
»Romi, habt ihr noch andere Verwandte in Sderot?«, fragte er, nachdem er eine Stunde gewartet hatte.
»Meine Großmutter Eliana wohnt in der Yitzhak-Sade-Straße«, wusste die Sechsjährige.
Das war nur fünf Minuten mit dem Auto entfernt, doch die Stadtverwaltung hatte inzwischen eine Warnung ausgegeben, Terroristen würden durch die Straßen streifen und wahllos Passanten erschießen. Sie empfahl den Anwohnern, sich in ihren Schutzräumen zu verbarrikadieren. Yanon fiel ein, dass die Freundin seiner Frau, Ronal, in der gleichen Straße wohnte wie Großmutter Eliana. Er rief Ronals Mann Elazar an und fragte ihn, ob er die ältere Dame kenne. Wie sich herausstellte, kannte Elazar Dolev, aber nicht seine Mutter. Yanon fragte, ob Elazar bereit wäre, trotz der Ausgangsperre die Großmutter ausfindig zu machen und ihr eine Nachricht zukommen zu lassen, und Elazar war einverstanden. Nachdem er an ungefähr dreißig Türen geklopft hatte, fand er das Haus der Familie Herstein Suissa.
Eine Frau mit graublonden Haaren und einem übergroßen Brillengestell öffnete die Tür, nachdem sich Elazar als Freund von Dolev vorgestellt hatte. »Eliana, Ihren Enkelinnen Romi und Lia geht es gut. Rufen Sie diesen Mann an, Yanon. Er passt auf die beiden auf und muss dringend mit Ihnen sprechen. Ich muss jetzt schnell nach Hause laufen und mich in Sicherheit bringen. Ich kann leider nicht bleiben.«
Eliana Anna Herstein Suissa lebt seit achtundfünfzig Jahren in Sderot, seit sie als Sechsjährige mit ihren Eltern, Überlebenden des Holocaust, aus Transsilvanien nach Israel ausgewandert war. Die gesamte Familie ihres Vaters war von den Nazis in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz ermordet worden. Ihre Mutter sprach nie über das, was mit ihrer Familie passiert war. Eliana zog ihre vier Kinder in Sderot groß: Carroll, Ophir, Ortal und Dolev, den Jüngsten. Erst zwei Monate zuvor hatten sie am gleichen Tag die Geburt Dolevs und seiner Frau Odia gefeiert, die nur ein Jahr und eine Woche auseinanderlagen. Er war 34 Jahre alt, sie 33. Dolev war eher zurückhaltend, Odia dagegen sehr gesellig. Er liebte die Natur, sie war eine begeisterte und experimentierfreudige Köchin. Beiden wurde oft bescheinigt, dass ihre Töchter ihnen mit ihrer olivfarbenen Haut sehr ähnlich sähen. Das Paar lernte sich kennen, als sie beide noch keine 20 waren, und lebte zwei Jahre lang bei Dolevs Mutter Eliana in Sderot, bis es genug Geld gespart hatte, um zu heiraten und sich ein paar Blocks entfernt eine Wohnung zu mieten.
Zwei Jahre vor dem Hamas-Anschlag war ein fünfjähriger Junge namens Idan Avigal in der Nachbarschaft von einer Rakete getötet worden, obwohl er sich mit seiner Mutter in einen angeblich bombensicheren Schutzraum geflüchtet hatte.
Seitdem hatte sich die Familie angewöhnt, Sderot zu verlassen, sobald sie das markante Sirenengeräusch hörten, das einen drohenden Raketenangriff ankündigte. Sie hatten für solche Gelegenheiten einen rosafarbenen Koffer fertig gepackt an der Tür stehen mit Sommer- und Winterkleidung für die Mädchen, samt Schuhen und Spielzeug. Eliana nahm an, dass es an diesem Tag nicht anders gelaufen war. Sohn und Schwiegertochter waren weggefahren, nur hatten sie dieses Mal nicht vorher bei ihr angerufen und auch keine Anrufe von ihr entgegengenommen.
Gleich nachdem Elazar gegangen war, rief Eliana bei Yanon an. Er fragte, ob sie mit Romi sprechen wolle.
»Hallo, Oma.«
»Was ist denn passiert, meine Süße?«
»Wir wollten aus der Stadt raus, weil die Sirenen heulten, und dann sind wir bis zum Platz vor dem Einkaufszentrum gefahren, da blieb das Auto stehen. Es gab ganz viel Bumbum – und dann kam ein Mann und hat Papa mitgenommen.«
»Und was war mit Mama?«
»Sie hat ganz doll geblutet. Ich hab mit ihr gesprochen, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Ich glaube, Mama ist tot.«
»Sie haben mein Kind umgebracht, sie haben mein Kind umgebracht«, schrie Eliana, und Yanon schaltete den Lautsprecher aus und erklärte Eliana, dass Lia weinte und Romi nicht wirklich wissen könne, was passiert war.
»Wir sollten abwarten, Eliana«, beschwichtigte er sie. »Vielleicht stehen sie ja nur unter Schock. Das Kind begreift es nicht.«
Dann schaltete er den Lautsprecher am Telefon wieder ein, und Eliana sagte Romi, sie solle auf Lia aufpassen. »Du bist eine Heldin. Es wird etwas dauern, aber wir kommen euch holen, sobald es wieder erlaubt ist, das Haus zu verlassen.«
Eliana erzählte ihrer Tochter Ortal, Dolevs Schwester, von dem Gespräch, und Ortal beschloss, sich nach draußen zu wagen und im nahe gelegenen Barzilai Medical Center nach Bruder und Schwägerin zu suchen. Für die neununddreißigjährige Mutter zweier Töchter war Dolev immer so etwas wie ihr erstes Kind gewesen. Sie hatte ihn zur Schule gebracht, ihm Mittagessen gekocht und ihn während der Raketenangriffe, die seine Jugendzeit geprägt hatten, getröstet.
Ortal wohnte in der benachbarten Stadt Ashkelon, die ebenfalls ständig von massivem Raketenbeschuss aus Gaza betroffen war. Die Sirenen gingen zweiundsechzigmal am Tag. Als sie aus dem Haus zum Parkplatz ging, stellte sie fest, dass eine Rakete das Nachbarhaus getroffen hatte. Die Explosion hatte auch Fenster und Spiegel ihres Autos zerbrochen, und in der Autotür klaffte ein riesiges Loch. Aber es ließ sich immer noch starten. Sie fuhr zum Krankenhaus und betete die ganze Fahrt über.
Im Barzilai war der Eingangsbereich gedrängt voll mit Verletzten. Ortal bahnte sich mit Mühe einen Weg durch das Chaos aus herumlaufenden Ärzten und Schwestern und schreienden Patienten. Eine Freundin, die im Krankenhaus arbeitete, verwies sie an eine Sozialarbeiterin. Der gab Odia ein Foto von dem Ehepaar und bat: »Können Sie die beiden für mich ausfindig machen?« Die Sozialarbeiterin versprach, ihr Möglichstes zu tun. Nach vierzig Minuten kehrte sie mit Neuigkeiten zurück: Odia war nicht in der Klinik, Dolev aber schon. Er lebte und wurde gerade operiert. Ortal wurde kurzzeitig schwindlig, sie dachte schon, sie würde ohnmächtig, schaffte es aber bis zum Operationssaal, wo sie vor der Tür auf ihren Bruder wartete. »Er wird es schaffen, er wird es schaffen«, sagte sie sich immer wieder.
Während sie wartete, ließ sich Ortal von der Schwester an der Rezeption die Anmeldungen von Patientinnen zeigen, auf die Odias Beschreibung passte: braune Augen, leicht getönte Haut und schwarze Haare. Sie setzten sich vor den Computer und klickten Dutzende Fotos von jungen Frauen durch, die an diesem Morgen getötet oder verletzt worden waren. Odia war nicht darunter.
Stunden später wurde Ortals Name aufgerufen. Das Behandlungsteam informierte sie, dass Dolev aus dem OP heraus und jetzt im Aufwachraum sei. Bald könne sie zu ihm.
Fünfundzwanzig Minuten von Sderot entfernt, in der Beduinensiedlung Abu Talul im nördlichen Negev, suchte Amar Abu Sabilas Frau Rada nach ihrem Mann. Er war seit dem Vorabend nicht mehr nach Hause gekommen, als er seinen ältesten Bruder Salam bei der Nachtschicht als Wachmann an einer Baustelle in Sderot vertreten wollte. Sie hatte schon mehrfach versucht, ihn anzurufen und ihm SMS geschickt, aber keine Antwort erhalten. Ihre Söhne Salama und Faiz waren ungefähr im Alter von Odias und Dolevs Töchtern: zwei und vier Jahre. Amar und Rada hatten sich fünf Jahre zuvor kennengelernt, als Amar für Radas Vater gearbeitet hatte. Da war sie 19 und er 20 Jahre alt gewesen. Jetzt war Rada mit ihrem dritten Kind schwanger, während Amar Extraschichten als Wachmann in Sderot schob, um Geld für den Familienzuwachs zu verdienen. Amars Mutter Naama und sein Vater Auda hatten elf Kinder im Alter von vier bis 26 Jahren. Amar war ihr zweites Kind. Er wohnte mit Rada und den Kindern nur eine Hütte entfernt im selben Beduinendorf. Seine zehn Geschwister lebten ebenfalls auf dem heruntergekommenen Gelände. Als der Raketenbeschuss anfing, rief Amar Auda an und sagte, er sei auf dem Heimweg.
Ihm war klar, dass auch auf Abu Talul Raketen gefallen waren und dass es dort keine Schutzräume gab. Doch er wollte lieber ohne Schutz bei Frau und Kindern sein als allein in einem städtischen Schutzraum in Sderot. Während Amar noch mit seinem Vater sprach, hörte er eine Frau schreien: »Hilfe! Kann mir jemand helfen?«, und so sagte er ins Telefon, er müsse Schluss machen, und legte auf.
Danach versuchte Auda jede Viertelstunde, seinen Sohn zurückzurufen. Er hoffte, Amar hätte Unterschlupf gesucht oder sein Mobiltelefon im Auto liegen lassen. Um ein Uhr mittags läutete Amars Telefon nicht einmal mehr, die Anrufe gingen sofort auf die Mailbox. Muhammad und Omar, Amars Brüder, die ebenfalls in Sderot gearbeitet hatten, meldeten sich bei ihrem Vater und sagten ihm, sie säßen in einem Schutzraum, wo sie immer noch darauf warteten, dass Amar sie abholte. Amars Vettern liefen von Krankenhaus zu Krankenhaus und zeigten den Schwestern dort Bilder von ihm. Naama wollte erst wieder etwas essen, wenn ihr Sohn gefunden war.
Im Barzilai Hospital ging Ortal zurück zu den Operationssälen, wo sie Dolev zu sehen hoffte. Das Klinikpersonal schickte sie zu Zimmer 12 in der chirurgischen Abteilung. In ihrer Hast dorthinzukommen rannte sie mehrere Leute um, die ihr im Weg standen, dann platzte sie ins Zimmer 12, wo ein verletzter Fremder sie erstaunt anstarrte.
