Jäger der Dämmerung - Cynthia Eden - E-Book

Jäger der Dämmerung E-Book

Cynthia Eden

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7,99 €

Beschreibung

Liebe, Leidenschaft, übersinnliche Spannung

Erin Jerome ist offiziell eine umwerfend attraktive Staatsanwältin, die auch bei den grausigsten Tatortbesichtigungen nicht mit der Wimper zuckt. Inoffiziell ringt sie mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten, die sie mit aller Macht zu unterdrücken versucht. Bis sie den Gestaltwandler Jude trifft, der ihr bei der Jagd nach einem Serienkiller helfen soll. Erin fühlt sich schon bald magisch zu ihm hingezogen ...

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Seitenzahl: 480

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Das Buch

Erin Jerome ist alles andere als normal, doch sie gibt sich die größte Mühe, ihre übersinnlichen Fähigkeiten zu verbergen. Als sie das erste Mal Jude gegenübersteht, fühlt sie sich allerdings sofort enttarnt: Der Gestaltwandler, von dem eine dunkle Faszination ausgeht, scheint sie mit seinen Augen förmlich zu durchbohren und bis auf den Grund ihres Herzens zu blicken. Erin erliegt gegen ihren Willen seiner magischen Ausstrahlung und kann sich kaum mehr auf ihren Job konzentrieren. Doch sie schwebt in höchster Gefahr, denn der Mörder, auf dessen Spur sie ist, hat es auf sie abgesehen und hinterlässt der attraktiven Staatsanwältin mit jeder neuen Leiche eine unheimliche Botschaft ...

Der fulminante Auftakt zu einer neuen Serie voll übersinnlicher Spannung und Romantik.

Die Autorin

Cynthia Eden fühlte sich schon immer magisch von allem angezogen, was nicht mit »rechten Dingen« zugeht. Sie stellte sich gern die berühmte Frage: Was wäre, wenn ... Nach dem Studium machte sie aus ihrer Leidenschaft dann eine Profession und widmete sich fortan dem Schreiben von (übersinnlichen) Liebesromanen. Cynthia Eden lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in den Südstaaten.

CYNTHIA EDEN

Jäger

der Dämmerung

Roman

Aus dem Englischen

von Sabine Schilasky

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Das Original ETERNAL HUNTER

erschien bei Kensington, New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 05/2011

Copyright © 2010 by Cindy Roussos

Copyright © 2011 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der

Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Foto von © shutterstock

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-05716-9

www.heyne.de

Für Megan; danke, dass du so eine wunderbare Lektorin und bewundernswerte Frau bist!

Und für meine Mom; danke, dass du mich stets unterstützt und all meine Geschichten liest! (Und du weißt ja schon, wie sehr ich dich bewundere!)

Erstes Kapitel

Jude Donovan war es gewohnt, Mörder zu jagen, sie wie die verfluchten Hunde zu hetzen, die sie waren, und die Mistkerle einzusperren.

Das war sein täglich Brot, und aktuell führte es ihn in die Sümpfe von Louisiana, ein Gebiet, das nicht so aussah, als hätten hier in den letzten paar Jahrhunderten Menschen gesiedelt; doch Jude war kein bisschen nervös.

Bis ihn die Kugel erwischte.

So ein Dreckskerl! Der brennende Schmerz explodierte in Judes Schulter, noch bevor der Knall verhallt war.

»Du schleppst mich nicht zurück, du Arschloch!« Das kam von oben rechts, wo ein Gewehrlauf hinter einem umgefallenen Stamm vorragte.

Jude biss die Zähne zusammen, sah aber nicht einmal nach seiner Wunde, denn dafür war keine Zeit. »Bobby Burrows!«, rief er, laut und fest, als würde er nicht bluten wie ein Schwein. »Wir können das auf zwei Weisen regeln …« Er stakste vorwärts. Blut troff um ihn herum auf die Erde. Na, klasse! Blut lockte Alligatoren und sonst was für Viecher an. Dafür zahlt er. »Die leichte Variante wäre, dass du dieses Gewehr fallen lässt und mit erhobenen Händen rauskommst.«

»Ich ergeb mich nicht! Ich geh doch nicht wieder in den Knast! Kommt nicht infrage!« Der Gewehrlauf bewegte sich. Scheiße!

»Tja, dann machen wir’s auf die harte Tour.« Jude atmete den schweren Sumpfgeruch ein, gemischt mit der süßlichen Note seines Bluts sowie dem Gestank von Angst und Schweiß, der von dem anderen stammte. »Ich komme und hole dich – und dann reiße ich dich in Stücke.« Ziemlich einfach. Er fixierte sein Ziel mit dem Blick und sprang. Da schwand ihm der Boden unter den Füßen.

Ein Mann stürmte hinter dem Baumstamm hervor, die Augen weit aufgerissen und sein Gewehr an die Brust geklammert. Mit einem richtig amtlichen Zielfernrohr, klar. Er setzte an, zielte …

Jude knurrte tief, unnatürlich tief und ließ die rechte Hand nach vorn schnellen. Er packte den Gesuchten bei der Schulter und sah eine Blutfontäne aufspritzen. Bobbys Blut, nicht seines.

Wunde um Wunde, Blut um Blut. Das war das Motto für seinesgleichen.

Er griff die Waffe und entwand sie Bobby, einem Mann in den Vierzigern mit schütterem Haar und massigen Fäusten, der entsetzt zu ihm aufsah. »Du … du bist nicht …«

Jude hielt lächelnd die Hände in die Höhe. Blut sprenkelte die Krallen, die aus seinen Fingerspitzen schossen. »Menschlich?«

Ein Wimmern.

Judes Lächeln wurde breiter. Seine Schulter schmerzte scheußlich, pulsierte alle paar Sekunden, doch das ignorierte Jude. Eine alte Angewohnheit. Er beugte sich vor und strich mit seinen Klauen über das stoppelige Gesicht des zusammengekrümmten Bobby. »Nein, bin ich nicht. Was ich bin, Bobby, ist der schlimmste Alptraum, den du jemals hattest.« Er zog die Krallen wieder zurück in seine Haut. »Und nun erzählst du mir, ob du es genossen hast, diese Frauen zu entstellen.«

Bobbys Schrei zerriss die nächtliche Stille.

Das erste Mal, als sie Jude Donovan sah, war er blutüberströmt. Erin Jerome erkannte ihn sofort, denn sie hatte erst vor wenigen Tagen sein Foto in der Zeitung gesehen. Nun beobachtete sie, wie Jude den Gesuchten an die örtliche Polizei übergab. Bobby Burrows, der seiner Ex, zwei Exfreundinnen sowie einer Frau, die das Pech hatte, ihm in Baton Rouge über den Weg zu laufen, brutal die Gesichter zerschlitzte, wurde auf die Rückbank eines Streifenwagens geschoben.

Erin konnte Bobbys Grölen über die Straße hinweg hören. »Monster!«, brüllte er und faselte etwas von Klauen und Bestien.

Angewidert verkniff sie die Lippen. Wahrscheinlich bereitete das Ekel schon seine Verteidigung vor. Sicher plädierte er auf Unzurechnungsfähigkeit; darauf würde Erin ein Monatsgehalt verwetten.

Nicht dass sie dieses Schwein davonkommen ließe.

Oh nein, als Staatsanwältin war es ihr Job, dafür zu sorgen, dass Bobby das Innere einer drei mal vier Meter großen Zelle kennenlernte, vorzugsweise sehr gründlich – für den Rest seines elenden Lebens. Das Angola-Gefängnis wartete auf ihn.

Erin zupfte ihre Jacke in Form, denn dies war erst ihre zweite Woche und sie musste absolut professionell wirken, es zumindest versuchen, und überquerte die Straße. Ihr Blick wanderte unwillkürlich zu Jude.

Der Kautionsjäger.

Er arbeitete für Night Watch, eine riesige, in mehreren Bundesstaaten operierende Detektei mit Hauptsitz in Baton Rouge. Night Watch stand in dem Ruf, eine der besten, wenn nicht die beste Detektei für Kautionsfälle zu sein. Egal was es kostete, ihre Leute fingen die Flüchtigen.

Und Erin war ihnen in diesem Moment enorm dankbar, denn ihre Arbeit wurde ungleich leichter, wenn der Angeklagte in Gewahrsam war.

Ihre Absätze klackerten auf dem Asphalt. Zeit zu …

Jude hob abrupt den Kopf und blickte sie mit den blauesten Augen an, die sie jemals gesehen hatte.

Erin stolperte. Nein, oh, Mist, nein …

Dann nahm sie seinen Geruch wahr. Die wilde Note ihrer Art.

Anders. Gestaltwandler.

Erin war nicht menschlich, na ja, jedenfalls nicht ganz. Und sie kannte die Wahrheit über die Welt um sie herum.

Ihr war klar, dass die Menschen nicht die einzigen Killer auf den Straßen waren.

Tief einatmend, straffte sie ihre Schultern und ging weiter. Der animalische Geruch des Jägers reizte sie ebenso sehr wie das schwere Blutaroma in der Luft.

Verdammt, das ist das Letzte, was ich jetzt brauche! Sie hatte sich solche Mühe gegeben, sich solange angestrengt, normal zu sein!

Und da landete dieser Kerl buchstäblich vor ihren Füßen.

Seine Nasenflügel weiteten sich, als sie näher kam. Sie wusste, dass er ihren Duft aufnahm, und an der schmalen Linie, die sich zwischen seinen Brauen bildete, erkannte sie unmissverständlich, dass er begriff, was sie war.

Und schon hat er meine Lebensgeschichte.

»Miss Jerome.« Einer der Uniformierten trat auf sie zu, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Sein Partner schlug die Wagentür zu, so dass Bobby und sein endloses Geplärre verstummten.

Vielleicht war da doch kein Plädoyer auf Unzurechnungsfähigkeit in Arbeit.

Erin duckte sich und schaute durchs Fenster zu Bobby, worauf ihr ein stummer Aufschrei entfuhr. »Was ist mit dem passiert?« Eigentlich wusste sie es schon.

Die Uniformierten sahen zu Jude.

Sie tat es ebenfalls, die Zähne zusammengebissen.

Und Erin wurde bewusst, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte. Seine Augen bannten ihre, sahen zu viel.

Gefahr.

Ja, dieser Kerl war eine ernste Bedrohung. Für sie.

Nicht gut aussehend, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Seine dichte blonde Haarmähne lag auf dem Hemdkragen auf und umrahmte ein Gesicht, das hart, sogar ein bisschen grausam wirkte: hohe Wangenknochen, sehr gerade Nase, eckiges Kinn.

Kein GQ-Gesicht, definitiv nicht. Und dennoch …

Sexy. Irgendwie war er sexy. Es mochte an den Lippen liegen. Da war diese Narbe gleich über dem Oberlippenrand, übergleitend in die Lippe, die nicht faszinierend sein sollte, es aber trotzdem war. Von dieser Verwegenheit, die aus seinen Augen und dem trägen Lächeln sprach, ganz zu schweigen.

Erin schluckte. Sie konnte nicht umhin, unsicher einen Schritt zurückzutreten.

Seine Augen folgten ihrer Bewegung, und eine goldene Braue hob sich. Einen Moment später zuckte er mit den Schultern, musterte sie von oben bis unten und fragte: »Und Sie sind …?«

»Staatsanwältin Erin Jerome«, antwortete sie knapp. Wieso war Bobby so voller Blut? Wenn irgendwas passiert war und dieser Fall aus dem Ruder lief, weil …

»Das war nicht meine Frage.« Direkter ging es wohl kaum. Die Braue war immer noch hochgezogen.

»Was?«, brachte sie heraus. Er konnte unmöglich gemeint haben …

Wieder glitt sein Blick über sie, und ein Lächeln trat auf seine Züge. »Interessant.«

Im Moment war das einzig Interessante, das sie sah, Bobby. Lüge! Aber sie war schon immer gut darin gewesen, sich selbst die Hucke vollzulügen. Über sich und andere. »Was ist passiert?«

Wieder ein Achselzucken. »Er ist im Sumpf ausgerutscht und auf irgendwelche Äste gefallen.«

Nun war es an Erin, ihre Augen über ihn wandern zu lassen: die zu breiten Schultern und die sehr muskulöse Brust. »Ist das Ihr Blut oder seines?«

»Ein bisschen von beidem.«

Hinter ihrem linken Auge setzte das Pochen ein, das eine üble Migräne ankündigte. Erin rang um Geduld und nahm sich zusammen.

Wieso machte er diesen Job? War eigentlich er der Durchgeknallte?

»Äh, Miss Jerome?«, fragte einer der Uniformierten, der rechts neben ihr stand. »Sollen wir Burrows zum Untersuchungsrichter bringen?«

Erin verneinte stumm. Sie hatte den Polizeifunk mitgehört, in der Hoffnung, irgendwas von Burrows zu erfahren. Der Kerl war keine Stunde nach Kautionsfestlegung verschwunden, und sie wusste nach wie vor nicht, was der Idiot von Richter sich gedacht hatte. Verzweifelt hatte sie auf ein Wort über den sadistischen Schweinehund gewartet, und dann, wie von Zauberhand, war die Meldung gekommen, dass er geschnappt wurde.

Sie war quasi hierher, zum Burns Swamp geflogen. »Bringt ihn ins Krankenhaus und lasst ihn zusammenflicken.« Sie zeigte auf den Polizisten. »Und lassen Sie ihn keine Sekunde aus den Augen, klar? Die Freilassung auf Kaution wurde aufgehoben. Sowie die Ärzte ihn entlassen, wandert er zurück ins Gefängnis.« Hoffentlich blieb er dort lange, ganz lange.

Der Uniformierte, Ray Neal – sie war ihm schon zweimal begegnet – nickte. Er und sein Partner stiegen in den Wagen und fuhren davon.

Womit Erin allein mit dem Jäger blieb.

»Wollen Sie meine Fragen beantworten?« Seine Stimme war rumpelnd tief.

Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen, dabei war es viel zu warm, als dass sie frösteln dürfte.

»Und was für Fragen wären das?« Sie neigte ihren Kopf zur Seite.

»Wer sind Sie? Was sind Sie?«

Sie runzelte die Stirn. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Andere täuschte, also könnte sie es sicher wieder. »Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe. Ich sagte Ihnen doch, dass ich die Staatsanwältin …«

»Sie riechen nicht menschlich.«

Erin hielt den Atem an. Nein, das konnte er unmöglich gerade gesagt haben!

Er trat auf sie zu, sehr schnell, so dass ihre Körper nur Millimeter voneinander entfernt waren. Jude neigte sich zu ihr, den Kopf über ihrer Schulterbeuge. Und er atmete ein.

Ja, sehr nett, Großer! Ich bin viel, viel stärker, als du dir denkst! Er wäre nicht der Erste, der diese Lektion lernen sollte.

Fast hätte sie ihm ihre Zähne entblößt. Fast.

Aber sie war schließlich kein Tier – egal, was für Gerüchte in ihrer alten Heimatstadt umgingen.

»Ich weiß ja nicht, was Sie gerade denken, das Sie tun«, sagte sie betont schnippisch, »aber Sie sollten lieber aufpassen, was Sie in meiner Gegenwart äußern.« War der Typ verrückt? Sie riechen nicht menschlich. So was sagte man nicht!

Das waren zu gefährliche Worte.

Sie griff in ihre Handtasche und holte ihre Karte heraus. »Rufen Sie in meinem Büro an. Meine Sekretärin kümmert sich um Ihren Papierkram.«

Er sah sie noch eine Weile stumm an. Dann hob er langsam die sonnengebräunten Finger. Lange Finger, rau und stark. Er nahm die Karte, wobei seine Fingerspitzen ihre Hand streiften.

Erin zuckte nicht zusammen, und darauf war sie mächtig stolz.

»Gute Arbeit, Donovan.« Nachdem sie ihm widerwillig dieses Minimum an Anerkennung gezollt hatte, nickte sie und wollte zurück zu ihrem Wagen gehen.

Gerade mal fünf Schritte hatte sie geschafft, als sie ein Pfeifen hörte, lange, leise und sehr anerkennend.

Erin erstarrte.

Diesen Mist kann ich wahrlich nicht gebrauchen!

»Ich erkenne deinen Duft.« Harte Worte. Unheimliche Worte, denn sie wusste, was sie bedeuteten.

Falls Jude Donovan wirklich ein Gestaltwandler war, und jedes Gefühl in Erin schrie förmlich, dass er einer war, tja, dann hieße es, er hatte sie. Er könnte ihr praktisch überall hin folgen, sie überall finden.

Ein Wandler! Wie heftig musste das Pech zuschlagen, dass sie über ihn stolperte?

Eine der Launen der anderen Welt, der Welt voller Übernatürlicher, Alpträume, und leider ihr Leben. Und das bedeutete, dass Gleiche sich erkannten. Dämonen, ja, weil diese verschlagenen Schurken echt waren und alle anderen ihrer eigenen Art »sehen« konnten. Sie blickten schlicht an der magischen Fassade vorbei, geradewegs in die Finsternis.

Hexen empfanden dieselbe Anziehung bei ihresgleichen.

Und Gestaltwandler, nun ja, die konnten einander riechen, erkannten ihren besonderen Duft. Der war nicht sonderlich streng, enthielt aber die eindeutige Note des Raubtiers.

Jude Donovan roch nach Kraft, nach wildem, starkem Mann. Ungezähmt. Ein unverkennbarer Duft.

Was das Tier anging … Erin wusste auch ohne die Wundmale an Bobbys Hals, dass Donovan Krallen hatte.

Sie ging weiter, einen entschlossenen Schritt nach dem nächsten. Sogar als sie in ihren Wagen stieg, fühlte sie, dass er sie ansah – sie beobachtete und viel zu viel wahrnahm.

Also musste sie fortan besonders vorsichtig sein, damit der Jäger nicht jene Geheimnisse entdeckte, die Erin so sorgsam verbarg.

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Dee Daniels in dem Moment, in dem Jude das eher unauffällige Büro von Night Watch betrat. Dee mit ihrem raspelkurzen blonden Haar um das Elfengesicht sprang rasch auf und grinste Jude ein bisschen neidisch an. »Du Glückspilz, du hast einen geschnappt, was?«

Jude raunte etwas und rollte seine Schulter. Er hatte sich gewandelt, ehe er in die Agentur kam, und das schnell und grob, weil es den Heilungsprozess beschleunigte. Seine Art war mit einem verrückt phänomenalen Regenerierungssystem ausgestattet. Bei manchen Gestaltwandlern heilten Blessuren praktisch sofort, bei anderen brauchte es ein paar Tage, je nachdem wie mächtig das Tier in ihnen war.

Da Jude einer sehr seltenen Gattung von Gestaltwandlern angehörte, durfte er sich glücklich schätzen: Seine Wunden verheilten binnen Stunden.

Ja, die Narbe würde noch bleiben, denn ganz so perfekt war das System auch wieder nicht. Es funktionierte eher wie ein eingebauter Minichirurg, der ihn von innen wieder zusammenflickte. Bald würde von dem rissigen Einschussloch nichts übrig sein als eine schmale Linie erhabener Haut.

Er ließ seine Tasche neben den Schreibtisch fallen. Verdammt, war er müde!

Ihm taten die Knochen weh.

Und er war spitz.

Alles wegen einer kleinen Menschenfrau.

Nein, nicht menschlich. Darauf würde er sein Leben verwetten.

»Du hast den Mistkerl innerhalb von zwölf Stunden aufgetrieben.« Dee gab ein leises Hmm von sich, ähnlich einem losschnurrenden Motor. »Mann, damit hast du meinen Rekord gebrochen!«

Zwar klang sie mürrisch, doch gleich grinste sie wieder. »Aber macht nichts, Süßer. Es gibt immer ein nächstes Mal.« Dee war blutrünstig, um es schmeichelhaft zu formulieren, die zäheste, verschlagenste Kämpferin, die Jude kannte.

Und sie war hundertprozentig menschlich.

Ein Mensch mit einer ziemlich miesen Einstellung.

»Ich konnte den Dreckskerl schließlich nicht frei herumlaufen lassen.« Denn Jude hatte die Bilder gesehen und wusste, was der gute alte Bobby den Frauen antat, die ihn angeblich »beschissen« hatten.

Sheila Gentry trug siebzehn Schnittwunden im Gesicht davon, als sie den Fehler beging, eine Essenseinladung von Bobby auszuschlagen. Sie hatte an einer Tankstelle gehalten, wo sie dem teuflischen Romeo begegnete, der sie unbedingt aufreißen wollte.

Ein Psychopath.

Und jetzt zum Glück ein eingesperrter Psychopath.

Die kleine Staatsanwältin sollte lieber ganze Arbeit leisten und ihn hinter Gittern behalten.

Jude setzte sich auf seinen Stuhl, dessen Leder knarzte. »Dee, was weißt du über Erin Jerome?«

Sie zwinkerte mit ihren schokobraunen Augen. Dee war ganze einssechzig groß und wog hundertfünfzehn Pfund, sprich: Sie sah aus, als könnte eine Windböe sie umpusten.

Dabei hatte Jude gesehen, wie sie Dämonen festnahm, die doppelt so groß waren wie sie.

Dee wusste über die andere Welt Bescheid, und das meiste davon hasste sie.

Sie kräuselte die Stirn. »Die neue Staatsanwältin? Sie hat gerade erst angefangen.«

Ja, das war ihm schon klar. Er hätte sie längst bemerkt, wäre sie mehr als ein paar Wochen in der Gegend.

Ihr Duft. So etwas hatte er noch nie gerochen. Rosen. Sanft, dezent. Und … mehr. Ein betörender, eindringlich weiblicher Geruch.

Sie roch nicht wie ein Tier, hatte nicht die wilde, intensive Note eines weiblichen Gestaltwandlers.

In dem Moment, in dem er sie sah, hatte er etwas in der Luft wahrgenommen, bei dem er von oben bis unten erstarrt war.

Und es hatte ihn sagenhaft erregt. Da war etwas, keine Frage.

»Oh, verflucht, sie ist anders!« Dee verzog den Mund. »Echt, ihr Typen übernehmt noch die ganze Stadt.«

Ja, taten sie.

»Was ist sie? Eine Hexe? Ein Dschinn? Eine von diesen Zauberern?«

Jude antwortete nicht, weil er keinen Schimmer hatte.

»Ein Vampir?« Dees Stimme war so frostig, dass sie beinahe klirrte. Sie konnte Vampire nicht ausstehen und hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, so viele von ihnen auszurotten, wie sie irgend konnte.

Was Jude ihr nicht verdenken konnte, war Dees Familie doch vor Jahren von einem Vampirfürsten ausgelöscht worden.

Und Dee vertrat eine konsequente Auge-um-Auge-Mentalität.

»Ich glaube … nicht.« Erin hatte sonnengebräunte Haut gehabt. Vampire hingegen waren gewöhnlich, nun ja, totenblass.

Die Frau war ein echter Hingucker: rabenschwarzes Haar bis über die Schultern, rote Lippen, sehr strenge Wangenknochen und goldbraune Augen. Nicht zu vergessen, das winzige Muttermal neben dem linken Augenwinkel.

Tolle Figur, hohe Brüste, runde Hüften, endlos lange Beine.

Sexy.

Groß, schlank, mit einem selbstbewussten, eleganten Gang.

Bis sie ihn sah.

Da bemerkte er, wie sie für einen kurzen Moment ins Stolpern geriet.

Sie hatte gespürt, was ich bin.

Einzig ein anderer Gestaltwandler konnte das fühlen.

»Sie roch nicht wie eine Gestaltwandlerin«, murmelte er und rieb sich übers Gesicht. Verdammt, darüber sollte er jetzt wahrlich nicht nachdenken! Stattdessen sollte er schlafen, oder trinken und sich zu einem geglückten Auftrag gratulieren.

Nicht über eine Frau nachgrübeln, die eindeutig kein Interesse an ihm hatte.

Klar, denn eine Frau zu beschnüffeln wie ein bekloppter Hund, ist eben nicht die Art, wie man an ein Date kommt.

»Sag mir einfach Bescheid, wenn du irgendwas über sie hörst, okay?«

Dee nickte verhalten.

»Danke.« Er schloss die Augen … und sah Erin.

Mist! Ihm fehlte ein anständiges Privatleben.

Er musste ein Leben nehmen, töten, den süßen Kitzel erleben, wenn eine Existenz ausradiert wurde.

Der Schlitzer, Bobby Burrows, wartete gleich hinter den Gitterstäben, lief im Kreis herum und brabbelte etwas von Bösen, Teufeln und der Hölle.

Was ihn maßlos nervte.

Dieser Bastard war seit zwei Abenden laufend in den Nachrichten.

Bobbys fette, hässliche Fratze auf dem Bildschirm machte ihn ganz krank.

Burrows verdiente seine fünfzehn Minuten Ruhm nicht. Er verdiente einen Trip ins Grab.

Bobby packte die Gitterstäbe, ballte die Fäuste um das Metall und schrie: »Der Scheißsatan hat mich gezeichnet! Ich will sofort die Presse hier. Ich will meinen Anwalt. Ich will …«

»Entspann dich.« Erst jetzt trat er aus dem Schatten, den er so sehr liebte, und ging lächelnd auf Bobby zu. Mit dem Daumen wies er zu den Wachen, die beim Eingang zum Käfigtrakt saßen und fernsahen.

Käfige. So nannte er die Zellen. Für wilde Bestien.

Aber manchmal konnten Käfige sie nicht halten.

Er atmete tief ein und roch den Schweiß und die Angst des Mannes. »Die helfen dir nicht.« Sie waren viel zu abgelenkt von dem Spiel, das sie sich ansahen, und scherten sich einen Dreck um den Kerl. Er lächelte und hoffte, dass er nicht allzu hungrig wirkte. »Aber ich schon.«

Bobby blinzelte. Auf seiner linken Gesichtshälfte klebte ein großes weißes Pflaster. »Was? Wer bist du?«

Er hob seine Hände an die Stäbe, griff nach Bobbys …

Der Schlitzer zuckte zurück.

Ah … er war also doch nicht so blöd wie er aussah! »Wieso erzählst du mir nicht, wer dich verletzt hat, Bobby?«

»Ha-hab ich doch. Der Teufel …«

»Den Teufel gibt es nicht.« Er hatte ihn jedenfalls noch nie gesehen, und das Jüngste Gericht gehörte nicht ins Leben nach dem Tod. Es musste im Hier und Jetzt stattfinden, vollzogen von den Starken.

»Doch, den gibt’s! Er hat mich im Sumpf gefunden, sich direkt vor mir verwandelt. Ich hab auf den Scheißkerl geschossen, und er hat sich trotzdem auf mich gestürzt.« Bobby leckte sich die Lippen. »Und dann hat er mich geschnitten.«

Die Gitter waren so dünn, nicht annähernd dick genug, um ihn auszusperren.

Aber allemal ausreichend, einen Menschen einzusperren.

»Doch er hat dich am Leben gelassen, oder? Ich glaube nicht, dass der Teufel das getan hätte.«

»Der ist ein Monster!« Spucke sprühte aus Bobbys Mund. »Er tarnt sich als Mann. Dieser Scheißjäger! Aber der spielt bloß, dass er ein Mensch ist. Das ist bloß gespielt!«

»Wir alle spielen«, sagte er ruhig, während er merkte, wie das Verlangen in ihm brodelte. Er durfte keine Zeit mehr vergeuden. »So leben wir.« Seine Hände flogen durch die Gitter, und die Rechte schloss sich um den Hals des Schlitzers.

Ein fast geräuschloses Pfeifen drang aus Bobbys Mund.

Lächelnd riss er den menschlichen Kopf nach rechts und hörte das Knacken von Knochen.

Eine Welle von Macht überrollte ihn, als der Mann erschlaffte.

Langsam hob er die linke Hand. Er blickte sich zu den Wachen um, die nach wie vor auf den Fernseher starrten.

Unaufmerksame Menschen!

Krallen traten aus seinen Fingerspitzen, die sich in Bobbys Herz gruben.

Als das Blut floss, entfuhr ihm ein leiser Seufzer.

Diesen Mord können die Medien unmöglich übergehen.

Jetzt kam er in die Nachrichten.

Eine Dreiviertelstunde später erhielt Jude den Anruf vom Polizeirevier, von einem Cop, der ihm einen Gefallen schuldete.

Es war ein kurzer Anruf, eine schmucklose Aufzählung von Einzelheiten. Burrows war tot und die Staatsanwältin unterwegs.

Ach ja, und es sah aus, als wäre der Typ von einem Tier angefallen worden – in der verriegelten Zelle. Natürlich hatten die Cops nichts gesehen. Bobby war allein in dem Zellentrakt gewesen, hatte wirr vor sich hingeredet, und im nächsten Moment lag er zerfetzt da.

Jude schnappte sich seine Jacke, warf sie über die inzwischen so gut wie verheilte Schulter und lief zur Tür.

Dees Rufen ignorierte er.

Zweites Kapitel

»Die Leiche sollten Sie sich lieber nicht angucken.«

Seine Stimme, die ihr noch tiefer als vorher erschien, ließ Erin auf der Treppe zum Revier erstarren.

Sie sah sich um. Erst eben hatte sie seinen Duft bemerkt. »Woher wissen Sie überhaupt, dass es hier eine Leiche gibt, Donovan?« Die Staatsanwaltschaft hatte den Anruf vor fünfzehn Minuten bekommen. Woher wusste der Kopfgeldjäger von dem Mord?

»Sie haben doch nicht …«, begann sie misstrauisch.

Er sprang die Stufen hinauf und packte sie bei den Armen. »Nein, ich habe den Mistkerl nicht umgebracht. Hätte ich es gewollt, wäre er gar nicht aus dem Sumpf herausgekommen und längst Alligatorfutter.«

Erin schluckte. Gut … zu … wissen. »Und warum sind Sie hier?«

»Aus demselben Grund wie Sie. Ich will wissen, was mit dem Schlitzer passiert ist.«

Die Leiche sollten Sie sich lieber nicht angucken. »Anscheinend wissen Sie es schon.« Was bedeutete, dass es eine undichte Stelle in ihrer Behörde gab. Das war nichts Außergewöhnliches, aber trotzdem schlecht.

Er zuckte mit den breiten Schultern. »Vertrauen Sie mir einfach. Sie wollen Bobby Burrows nicht sehen.«

»Und Sie dürfen mir vertrauen. Ich bin ein großes Mädchen; ich komme damit klar.« Es war schließlich nicht ihr erster Mordfall. Ganz und gar nicht. Sie war neunundzwanzig und bearbeitete die schweren Fälle, seit sie vor Jahren ihr Examen gemacht hatte.

Wer die Welt verbessern wollte, musste sich eben ab und zu die Hände schmutzig machen.

Erin drehte sich um und stieg weiter die Treppe hinauf. Jude ging neben ihr, so dass sie im Augenwinkel sah, wie seine Muskeln spielten.

Sein Duft erfüllte die Luft um sie herum.

Erins Herz klopfte schnell, zu schnell. Lag es daran, dass drinnen ein Toter wartete, den sie in einer sicheren Zelle verwahrt geglaubt hatte?

Oder war da noch mehr?

Nein!

Sie stieß die Glastür auf, worauf ihr gleich ein Wachmann entgegenkam. »Miss Jerome …«

Sie wies auf ihren Schatten. »Behalten Sie Donovan hier. Ich will ihn nicht in der Nähe des Tatorts haben.«

Ihre ausgezeichneten Ohren vernahmen das Einatmen des Jägers und sein fast lautloses »Sie brauchen mich hierbei, Süße.«

Süße? Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Das bezweifle ich, Jäger.« Während sie den gefliesten Flur hinunter zu den Zellen ging, fragte sie sich, was sie dort erwartete.

Die Leiche sollten Sie sich lieber nicht angucken.

Die Frau hatte einen sehr hübschen Hintern.

Obwohl er wütend war, konnte Jude nicht umhin, ihren schönen Hüftschwung zu bewundern.

Ihm schwirrte der Kopf von ihrem Duft: Frau, Rosen und eine Andeutung von dichtem Wald. Ja, diese Wildnis … der Duft war in die Luft aufgestiegen, als ihre fantastischen Augen sich verengten und ihre Stimme einen verärgerten Klang annahm.

Erin Jerome war so viel mehr, als sie nach außen zeigte.

Das Tier in ihm brüllte, wenn sie in seiner Nähe war und wenn sie sich zu weit entfernte.

»Tut mir leid, Mann, du hast die Anweisung gehört.« Jamison McGee, ein guter Polizist und ein netter Mensch, sah Jude stirnrunzelnd an. »Du musst hierbleiben.«

»Ist schon gut, James.« Jude wippte auf seinen Fersen. Das Blut konnte er von hier aus riechen. »Sie wird es sich noch anders überlegen.« Denn er hatte nicht gescherzt, als er der hübschen Staatsanwältin sagte, sie würde ihn brauchen.

Er blickte zu den Vinylstühlen neben dem Eingang. »Wenn sie mich suchen kommt, ich bin hier.«

Fünf Minuten, maximal zehn, dann käme sie garantiert zu ihm gerannt.

Wie es aussah, war noch ein Monster auf der Jagd, eines, das vor der Nase des Baton-Rouge-Reviers mordete.

Fasste man eine solche Dreistigkeit?

Das war beinahe bewundernswert. Aber nur beinahe.

Der Blutgeruch brannte in ihrer Nase. Die meisten ihrer Art mochten diesen Geruch. Sie hasste ihn.

Erin machte die Schultern gerade und ging weiter. Vier Uniformierte standen vor dem Eingang zum Zellentrakt und blickten auf, als sie das Klackern ihrer Absätze hörten. Einer von ihnen, ein älterer mit kaffeebrauner Haut, graumeliertem Haar und einem energischen Kinn, trat auf sie zu. »Miss Jerome, Sie sollten auf einiges gefasst sein.«

Er sah besorgt aus, als fürchtete er, dass sie in Ohnmacht fallen könnte, sowie sie einen Blick auf den Toten geworfen hatte.

Doch sie war wahrlich keine Frau, die leicht ohnmächtig wurde.

»Danke für die Warnung.« Es war schon die zweite in weniger als drei Minuten. Nur dass Grant Tyler sie nicht aus der Luft gegriffen hatte. Der junge Polizist neben ihm war kreidebleich und zitterte. Offenbar war er drauf und dran, aus den Latschen zu kippen.

Ach du Schande. Ein Cop kurz vor einer Ohnmacht war nie ein gutes Zeichen.

Erin wies auf die Tür. »Zeigen Sie ihn mir.«

Grant öffnete.

Bei dem Gestank hätte sie um ein Haar gewürgt. Dann sah sie ihn.

Bobbys Arme waren durch die Gitterstäbe gerissen worden und hingen aus der Zelle heraus. An den Handgelenken klafften breite Schnittwunden, und sein Blut hatte zwei große Lachen auf dem Boden gebildet. Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Gesicht war aufgeschlitzt worden, so dass sich ein blutrotes Lächeln von einem Ohr zum anderen zog.

Inszeniert. Hergerichtet. Seine Leiche sollte eine größtmögliche Schockwirkung haben.

Erin presste die Lippen zusammen.

»Alles okay?«, flüsterte Grant.

Licht blitzte, als der Kriminaltechniker eine Aufnahme machte.

Sie zuckte zusammen. »Ja, bestens.« Nein, es ging ihr nicht bestens. Was zur Hölle war hier passiert? Bobby war erst vor wenigen Stunden eingesperrt worden, und Erin wusste, dass er der einzige Häftling hier gewesen war.

Ja, sie hatte sogar eigens dafür gesorgt, dass er der einzige war, damit die Polizisten ihn besser überwachen konnten.

Das hier war gar nicht günstig.

Ein von Polizisten umgebener Mörder, der getötet wurde.

Von den Cops? Ihr Magen krampfte sich zusammen.

Erin wandte sich von der Leiche ab. Sie hatte eine Gänsehaut. »Wer war hier?«

»Ich«, kam die leise Antwort. »Burns, Grimes und Hyde.«

Sie legte die Finger an ihre linke Schläfe. Das Blut. »Und Sie haben nichts gesehen?«, fragte sie, die Stimme ungläubig erhoben. Das war vollkommen, absolut ausgeschlossen.

»Wir waren gleich da vorn, haben nichts gesehen und keinen Mucks gehört.«

Mist! Was für ein Alptraum!

Captain Antonio Young kam herein. Er trug einen Anzug, an dem nicht einmal der Hauch einer Knitterfalte zu entdecken war.

Erin blickte ihn mürrisch an. Young stand nicht auf ihrer Top-Ten-Liste. In der letzten Woche hatte sie den Captain aus der Nähe erleben dürfen und festgestellt, dass er ein ziemliches Ekel war. Er behielt zu gern Dinge für sich, hielt seine Fallakten unter Verschluss und neigte dazu, über längere Zeit zu verschwinden. Alles in allem wohl kaum ein angemessenes Benehmen für einen Polizisten.

Erin hatte keine Ahnung, wie der Typ sich so weit nach oben gearbeitet hatte.

Er musste wohl über Beziehungen verfügen, oder er wusste, wer welche Leichen im Keller hatte. Womöglich hatte er sogar geholfen, besagte Leichen zu beseitigen.

»Ihre Leute müssen hier raus.« Das sollte der Captain wissen, und trotzdem standen Grant und die anderen keine zehn Schritte vom Opfer entfernt. »Wieso ist das nicht längst passiert?«

»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie ich meinen Job machen soll.«

»Tja, offensichtlich doch.« Die Presse würde ihre wahre Freude an dieser Geschichte haben. »Vier Polizisten. Ein toter Verdächtiger. Zählen Sie mal zusammen, Young.« Okay, sie klang wie eine Gewitterziege, aber zum Henker mit den politisch korrekten Nettigkeiten. Der Mann sollte es besser wissen!

Bobby Burrows war tot, nein, nicht nur tot, sondern abgeschlachtet. Verfluchter Mist!

Youngs hübsches Gesicht – denn Erin konnte schlecht leugnen, dass er sehr gut aussah – wurde ernst. Keine Spur mehr von den charmanten Grübchen. Er starrte sie wütend an, sie ihn.

»Wir waren das nicht!« Das war Grant. Der starke, verlässliche Grant. Bei ihm hatte Erin von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt, gleich als sie ihm erstmals im Gericht begegnete. Er war ein aufrichtiger Kerl.

Und jetzt das hier.

»Was wir beweisen müssen«, sagte sie. Das wird kein Klacks.

Wieder blitzte Licht auf.

Erin war klar, was sie zu tun hatte. »Entschuldigung.« So sehr sie es auch verabscheute …

Sie musste sich die Leiche genauer ansehen. Also drehte sie sich um und ging auf den Verdächtigen zu. Ähm, das Opfer. Langsam näherte sie sich dem Toten. »Darf ich mal, Mark?«, fragte sie den Kriminaltechniker, und er wich zur Seite.

Keinen Schritt entfernt von der Leiche blieb Erin stehen. Sie berührte weder Bobby noch die Gitterstäbe, denn auf keinen Fall würde sie Beweise kontaminieren. Aber …

Aber ihre Augen berührten ihn. Ihr Blick scannte jeden Millimeter von ihm ein, achtete besonders auf die Wunden und …

Mist!

Ihr Herz wummerte.

Das waren keine Messerwunden! Nein, solche Wundmale kannte sie.

Um nicht zu sagen, sie waren ihr nur zu vertraut.

Diese Schnitte stammten von Krallen. Die gleichen Male hatte sie schon viel zu oft gesehen.

Ihre Nasenflügel bebten, und sie starrte Bobbys blutigen Leib an.

Die Cops hier – der Captain, die drei Männer und die Frau – waren menschlich. Genauso wie die Kriminaltechniker.

Keine Gestaltwandler.

Aber es war ein Gestaltwandler in diesem Zellentrakt gewesen, und er hatte Bobby ermordet.

Und sie wusste, dass ein Gestaltwandler ganz in der Nähe war, dem ein bisschen Blut nichts ausmachte und der vor allem nicht gut auf Bobby zu sprechen war.

Jude.

Sie drehte sich vorsichtig um und verließ den Tatort. Sobald sie auf Abstand war, ballte sie die Fäuste und stürmte den Flur entlang zurück zum Eingang, um sich den Jäger vorzunehmen.

Jude streckte die langen Beine aus, so dass sich seine Stiefelabsätze in den alten Fußboden drückten. Ohne auf seine Uhr zu sehen, schätzte er, dass Erin inzwischen etwa acht Minuten bei der Leiche gewesen war und …

Klack, klack, klack.

Schnelle Schritte auf hohen Absätzen.

Er blickte auf.

Und sah Erin, die auf ihn zugestampft kam, ihr Gesicht angespannt vor Wut und die Augen funkelnd.

Glühend?

Sie baute sich direkt vor ihm auf, stemmte die Hände in die Hüften und fragte: »Was haben Sie getan?«

Hoppla! Jude stand langsam auf. Ihm war klar, dass er sie weit überragte, und das würde er zu seinem Vorteil nutzen. »Ich glaube, Sie ziehen falsche Schlüsse, Süße.«

»Ich bin nicht Ihre Süße!« Sie piekte ihm den Finger in die Brust. »Denken Sie, ich kapier nicht, was den Mistkerl erwischt hat?« Ihre Stimme war schrill, allerdings leise genug, dass nur er sie hören konnte. »Ich erkenne das Werk von Krallen, wenn ich es sehe, Donovan.«

»Nicht meine Krallen«, knurrte er, räusperte sich und versuchte es noch einmal. Es war schwierig, normal zu sprechen, solange sie so nahe war, ihm ihr Duft zu Kopfe stieg und die Bestie in ihm brüllte. »Ich sagte Ihnen bereits, wollte ich ihn tot sehen, hätte ich es gleich im Sumpf erledigt.«

»Sie haben gewusst, was ich in der Zelle vorfinde.« Sie legte eine sehr kurze Pause ein. »Woher wussten Sie das, Jäger? Weil Sie derjenige waren, der Bobby in die Hölle befördert hat? Sie mussten ihm einfach das Grinsen ins Gesicht schneiden, nicht? Ein Grinsen, mit dem er den Teufel begrüßen darf?«

Er packte ihre Hand, denn er war es leid, dass sich ihr Fingernagel in seine Brust bohrte. »Ich war das nicht, Süße. Ich habe ein Alibi. Ich war bei Night Watch, wie Ihnen mindestens vier Agenten bestätigen können.« Ein Glück. Er rollte die Schultern. Kein Schmerz mehr, nicht mal ein Ziepen.

»Woher haben Sie es gewusst?«, zischte sie. Ihre zusammengebissenen Zähne fingen an, ein bisschen spitzer auszusehen.

Fast hätte er gelächelt, aber sie redeten über eine Leiche und waren von Cops umgeben. »Ich habe einen Freund auf dem Revier, und der rief mich an.« Weil er mir was schuldete und gleich ahnte, dass er meine Hilfe braucht. Genau wie sie.

Erin wollte es bloß noch nicht zugeben.

»Welcher Freund?«

»Ach kommen Sie, Sie erwarten doch nicht, dass ich …«

»Welcher Freund!« Nun war sie nicht mehr leise, und ein paar Polizisten drehten sich zu ihnen um. »Sagen Sie mir den Namen, denn ich bin verdammt sicher, dass Sie …«

»Ich war es, Ma’am«, sagte eine tiefe Südstaatenstimme.

Erin wandte sich nach links, und ihr stand der Mund offen, als sie Antonio ansah. »Blödsinn.«

Er lächelte, wobei er die perfekt überkronten, zu weißen Zähne bleckte. Seine karamellfarbene Haut ließ sie noch heller wirken – ein Teint, den er seiner überaus reizenden mexikanischen Mutter verdankte. »Ich fürchte doch, Miss Jerome.«

»Wieso?«

»Weil ich nicht ganz so unterbelichtet bin, wie Sie annehmen«, antwortete er bedenklich ruhig. »Und ein Blick auf die Leiche hat mir verraten, dass die Cops in dem Raum keine Verdächtigen sind.« Er zeigte auf Jude. »Der Täter ist fraglos einer von seiner Sorte.«

Sie erstarrte. Im nächsten Moment war es, als fiele ein Schleier über ihr Gesicht. Erins Züge glätteten sich zu einer Maske. »Seine Sorte? Was soll das heißen?«

Jude blinzelte. Die Frau war gut. Hätte sie ihn nicht eben erst wegen Krallenwunden angefaucht, könnte er ihr diese Verwirrnummer glatt abkaufen.

Oder auch nicht.

Denn anscheinend nahm es ihr nicht einmal Tony ab. Der Captain schnaubte spöttisch. »Wenn Sie das wirklich nicht wissen, Ma’am, werden Sie Riesenschwierigkeiten haben, in dieser Stadt zu überleben.«

Sie durchlebte einen Alptraum. Einen totalen Kann-mich-bitte-einer-wecken-Alptraum.

Antonio wusste über die Anderen Bescheid.

Ja, das war ein Problem, aber das wirklich große Problem war, dass sie es mit einem Gestaltwandler zu tun hatte, der Mörder aufschlitzte – vor der Nase der Polizei.

Die Titelseiten dürften brutal werden.

»Ich sage Ihnen das ja ungern, Miss Jerome …«

»Erin«, würgte sie hervor, denn der Captain zog ihren Familiennamen in einer Weise in die Länge, die an ihren Nerven zerrte.

»Aber die Welt, in der Sie leben, nun ja, nur die Hälfte von dem, was Sie sehen, ist real.« Antonio schritt in seinem kleinen Büro auf und ab, was auffällig an eine eingesperrte Raubkatze erinnerte.

Er war keiner. Dem Kerl haftete kein bisschen Gestaltwandlerduft an.

Andererseits war auch ihr Geruch sehr schwer zu entdecken.

»Ach ja?« Sie bemühte sich, ruhig zu klingen. Nach der großen Enthüllung hatte der Captain sie und Jude in sein Büro gebracht. Erin mimte die Ahnungslose, vorerst jedenfalls. Und solange wie nötig.

»Vor zwei Jahren war ich draußen in den Sümpfen. Ein Vampir versuchte, mich zu ertränken und meine Leiche als Alligatorköder dazulassen.«

Ein hübsches Bild. »Ein Vampir?« Erin schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Captain, aber Vampire gibt es nicht.« Ja klar, die Mistkerle waren so real wie sie.

Neben ihr rollte Jude die Schultern. Das tat er alle paar Minuten. Was war mit ihm los?

»Es gibt sie.« Antonio blieb stehen. »Gewöhnen Sie sich an den Gedanken.«

Hatte sie, vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren, als sie zusah, wie ihre Mutter gegen einen Vampir kämpfte – Klaue gegen Zahn, sozusagen. »Ähm … Waren Sie eigentlich in letzter Zeit mal zum Personalgespräch, Captain? Vielleicht wäre eine Sitzung beim Polizeipsychologen angebracht.« Erin stemmte die Hände auf die Armlehnen und stand auf. »Also, falls Sie mir nicht noch irgendwelche Märchen über frei umherlaufende Trolle erzählen wollen, hätte ich einen Mord aufzuklären. Für diesen Quatsch fehlt mir die Zeit.« Das war eine schöne Schlusszeile. Sie schritt zur Tür, das Kinn gereckt, den Rücken gerade.

Und hörte ein Klatschen hinter sich. Als sie sich umschaute, sah sie Jude, der sie anlächelte.

»Nicht schlecht.« Er zeigte mit einem langen Finger auf sie. »Aber warum lassen Sie nicht endlich den Quatsch, Frau Staatsanwältin? Uns beiden ist klar, dass Sie alles über die Monster im Dunkeln wissen, und die Unschuldige zu spielen, funktioniert bei mir nicht.«

Uns beiden ist klar, dass Sie alles über die Monster im Dunkeln wissen. Sie öffnete den Mund, sagte jedoch nichts.

Donovan richtete sich auf und schlich auf sie zu. Ja, schlich, denn seine Bewegungen waren ruhig und regelmäßig, seltsam elegant. Gleichzeitig fiel sein Raubtierblick auf ihren Mund und schien heißer zu werden.

Ärger. Ja, dieser Mann würde ihr gefährlich werden, das hatte sie von Anfang an begriffen. Erin benetzte sich die Lippen. »Ich, äh …« Nein, das ging gar nicht. Sie räusperte sich. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Donovan.« Sie sah rasch zu Antonio. »Mich kriegen Sie nicht dazu, Ihnen diesen Irrsinn abzunehmen.«

»Die Karten sind längst aufgedeckt, Lady. Sie wissen, was ich bin.«

Ein Gestaltwandler.

Er beugte sich näher, und sie beobachtete, wie sich seine Nasenflügel weiteten. »Und ich weiß, was Sie nicht sind.«

Menschlich.

Arschloch.

»Also, beenden wir die Spielchen, okay? Hinter geschlossenen Türen müssen wir keinem was vormachen.« Und die Tür war geschlossen. Geschlossen und verriegelt. Erin hatte das leise Klicken gehört, nachdem Antonio die Tür schloss. »Sie haben die Leiche gesehen. Sie sagten selbst, dass es Krallenmale waren, richtig?«

Abermals huschte ihr Blick nach links. Antonio sah sie mit großen Augen an. Noch könnte sie leugnen. Sie musste ihre Tarnung nicht auffliegen lassen, an der sie so hart gearbeitet hatte. Vier Monate lang. Vier Monate hatte sie gebraucht, um diesen Job zu finden und ihrer Vergangenheit zu entfliehen.

Einer Vergangenheit, die sich heute wieder zurückmeldete. Der widerliche Gestank von Blut und Tod weckte Erinnerungen. Vor Monstern wegzulaufen war schwierig, denn es gab sie überall.

Das Schweigen im Raum wurde erdrückend.

Schließlich fluchte Jude. »Na schön. Ich guck mir die Leiche an und sehe, was ich …«

Erin packte seine Hand, als er an ihr vorbeigehen wollte, und verabschiedete sich von ihrem neuen Leben. »Es war ein Gestaltwandler.«

Antonio atmete aus. »Mann, endlich.«

Judes Haut fühlte sich warm an. Er blickte ihr in die Augen, und sie sah, wie seine Pupillen glühten.

Gefährlich.

Sie zog ihre Hand zurück und strich sich über die weiche Baumwollhose. »Es war ein Gestaltwandler, und wie praktisch, genau so einer steht hier vor mir.« Ragte vor ihr auf, wohl eher, und umfing sie mit seiner Hitze und seinem Duft.

»Ich habe ihn nicht umgebracht.«

»Jude würde nie …«

Ihre Worte verschwammen in ihrem Kopf. Sie wartete, bis sie fertig waren, dann zog sie eine Braue hoch. »Sie sagten, dass Sie Ihre Unschuld beweisen können.«

Seine Augen verengten sich, als er nickte. »Schön«, murmelte sie. »Denn das müssen Sie auch.« Sie glaubte ihm, dass er ein Alibi hatte. Und sowie das geklärt war, konnten sie an die Arbeit gehen.

»Rufen Sie Night Watch an«, sagte Jude. »Wo ich zur Tatzeit war, lässt sich in weniger als zwei Minuten feststellen.«

Das würde sie, aber zuerst … »Sind Sie dem Fall gewachsen, Jäger?« Ihr war nur zu bewusst, wie schwer es war, einen Gestaltwandler zu schnappen, vor allem einen, der nach menschlicher Beute gierte.

»Wollen Sie mich anheuern?«

Ja, wollte sie. Jude Donovan wäre ihre beste Chance, den Täter zu kriegen. Die Cops konnten keinen Gestaltwandler aufspüren.

Man braucht ein Tier, um ein Tier zu fangen.

Was für Spiele die Anderen trieben!

»Ist das vom Bezirksstaatsanwalt gedeckt?«, fragte Antonio, der näher kam.

Erin sah ihn nicht an. »Wird es.« Dafür würde sie schon sorgen. »Aber was ist mit Ihnen, Donovan?«

Seine Miene war verschlossen. Und, bei Gott, der Mann war groß! Sie selbst maß fast einsachtzig, und er überragte sie um einiges.

Was für ein Tier mochte Jude in sich tragen? Von Gestaltwandlern sagte man oft, zwei Seelen würden in ihrer Brust schlummern – die eines Menschen und die eines Tiers.

Und zumeist waren Gestaltwandler ziemlich harmlos. Sie konnten sich in Füchse, Vögel oder Schlangen verwandeln.

Andere hingegen waren gefährlich: Bären, Panther, Wölfe.

Wölfe. Aus gutem Grund glaubten die Leute, sie wären die gefährlichsten Gestaltwandler. Wild, blutrünstig und dann und wann, aus purem Vergnügen, psychopathisch.

»Ich jage für Sie.« Keine Sekunde wich sein Blick von ihr. »Aber nicht umsonst.«

»Die Stadt bezahlt Sie.« Sie würde mit dem Bürgermeister und dem Bezirksstaatsanwalt sprechen, auch wenn sie nicht vorhatte, ihnen irgendwas über die andere Welt zu erzählen, zumindest nicht, solange sie es vermeiden konnte. Aber Gus und Clark waren nicht blöd. Sie würden schnell einsehen, dass es klug war, diesen Fall so diskret und so rasch wie möglich aufzuklären.

Und wenn Jude ihnen dabei half, würden sie ihm auch ohne Murren zahlen, was er verlangte. Und gewiss verlangte er viel.

Jude schüttelte den Kopf. »Ich dachte nicht an die Stadt.«

Antonio kam nicht weiter näher.

Erins Herz hämmerte gegen ihre Rippen, aber sie fragte betont ruhig: »Und woran dachten Sie dann?«

Ein träges Lächeln huschte über sein Gesicht, bei dem sich seine Oberlippe hob und Erin unweigerlich die Schenkel zusammenpresste.

»An dich, Süße.«

Erin schluckte. Verdammt, diese Narbe an der Oberlippe war … sehr verführerisch. Sie sah ihm sein Verlangen an. Menschliches wie animalisches Verlangen.

Und sie fühlte, wie ihr sehr heiß wurde.

Kommt nicht infrage! Es dauerte einen Moment, bis ihr Herzschlag sich wieder normalisierte. Dies war nicht das erste Mal, dass sie so stark auf einen Gestaltwandler reagierte.

Zugegeben, einen wirklich umwerfenden Gestaltwandler.

Und es wäre wohl auch nicht das letzte Mal. Sie konnte nichts gegen die sinnliche Überwältigung tun, außer ihre wilden Instinkte zu zügeln. Wie sie es stets getan hatte. »Die Stadt bezahlt Sie«, sagte sie frostig. »Und sie wird gut zahlen.« Denn einen Mörder wie den zu jagen, der Bobby abgeschlachtet hatte, war nicht einfach.

Er lachte. »Tja, das sollten sie auch. Aber Sie, Süße, zahlen ebenfalls.«

Das war eine unverhohlene Drohung.

Gestaltwandler hielten sich ausnahmslos für die übelsten Arschlöcher auf Erden.

Was gewiss daran lag, dass es einige von ihnen auch waren.

Die Lokalnachrichten brachten die Burrows-Geschichte abends um zehn. Eine strahlende, knackige Blondine erschien und verkündete: »Bobby Burrows, der Verdächtige in den sogenannten Schlitzerfällen, wurde heute tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Polizei gibt noch keine Einzelheiten zu dem Fall heraus, allerdings berichten Quellen, dass man von einem Verbrechen ausgeht …«

Was?

Er starrte den Bildschirm an und merkte, wie es in ihm vor Wut zu brodeln begann.

Man geht von einem Verbrechen aus? Scheiße, ja, er hatte den Typen in Stücke gefetzt!

Und er hatte es für sie getan.

Das Bild wechselte zu einer Nahaufnahme vom Bürgermeister, dann zum Bezirksstaatsanwalt. Letzterer faselte lang und breit über den hohen Sicherheitsstandard auf dem Revier.

Bla, bla, bla.

Die Kamera schwenkte ein wenig, und seine Beute erschien.

Vollkommen.

Erin stand schräg hinter dem Bürgermeister. Sie sah ruhig und sehr hübsch in ihrer schlichten Bluse und der Hose aus. Beherrscht und elegant.

Was für eine wundervolle Lüge!

Er wusste, was sie war, unter der Oberfläche.

Sie war genau wie er. Sie mochte das Blut, die Schreie, das Flehen um Gnade.

Ja, er wusste alles über die wahre Erin, die beschädigt, gebrochen und wild auf den Tod war.

So wie er.

Hoffentlich gefiel ihr das kleine Geschenk. Hoffentlich gefielen ihr alle Geschenke, die er ihr machen würde. Bald.

Er stand auf und ging zum Fernseher, dessen Glas er über ihrem Gesicht berührte.

Süße, süße Erin.

»Schluss mit Weglaufen, Kleines. Du bist mein.«

Sie hätte ahnen müssen, dass es kein Entkommen gab.

Das hätte sie ahnen müssen!

Drittes Kapitel

Nachdem die Pressekonferenz vorbei und die Anschreierei im Bürgermeisterbüro erledigt war, fuhr Erin direkt zu Jude.

Sie wusste, wo er wohnte. Diese Information hatte sie von Night Watch erhalten, als sie dort anrief, um sein Alibi zu überprüfen.

Judes trautes Heim lag am Stadtrand, nahe den Sümpfen. Es war mehr eine Hütte als ein Haus, und noch dazu eine, die nicht übertrieben einladend wirkte.

Erin hob eine Hand und klopfte an die Tür. Na gut, es war fast Mitternacht, der Sumpf sah dunkel und gefährlich aus, und von dem Grillenzirpen und den Schreien von Weiß-der-Geier-was klingelten ihr die Ohren.

Der Bürgermeister hatte sie zu Jude geschickt. Und der Bezirksstaatsanwalt.

Außerdem war sie von sich aus gekommen, weil sie ihn sehen musste.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Jude sah auf sie hinab, einen Bartschatten auf Wangen und Kinn, das blonde Haar zerzaust und die Augen nur halboffen.

Kein Hemd. Seine Brust war nackt und zu nahe. Der Mann besaß wahrlich eindrucksvolle Muskeln. Verdammt! Seine Jeans saß tief auf den Hüften und eng genug, dass sich die kräftigen, harten Schenkel deutlich abzeichneten.

Jäger.

»Hat ja lange genug gedauert.« Seine Stimme glich eher einem Knurren.

Licht umgab ihn und fiel auf die Veranda. Als Erin ein Stück zurückwich, schabten ihre Absätze über das alte Holz. »Mir war nicht klar, dass Sie auf mich warten.«

Lügnerin. Sie hatte gewusst, dass er mit ihr reden wollte, allein, genau wie sie mit ihm.

Sie musste herausfinden, was er über sie wusste – und vor allem woher. Damit ich mich beim nächsten Mal nicht durch denselben Fehler verrate. »Darf ich reinkommen, oder soll ich die ganze Nacht hier draußenbleiben?«

Sein Mundwinkel bog sich zu einem halben Lächeln, und Erin rang nach Luft.

Dann trat Jude beiseite und bedeutete ihr, hereinzukommen.

Ihre rechte Hand umklammerte den Handtaschengriff fester, und sie machte ein paar Schritte vorwärts, zögerte allerdings für einen winzigen Moment, als sie die beachtlichen Kerben im Türrahmen sah.

Krallen.

Manche Gestaltwandler markierten eben gern ihr Territorium. Erin biss die Zähne zusammen und ging an Jude vorbei. Leider war sie sich der Hitze und Kraft seines Körpers nur allzu bewusst.

Die Einrichtung war spartanisch: eine Couch, ein riesiger Fernseher, in der Ecke ein Schreibtisch voller Papiere, ein großer, zerkratzter Holztisch mit zwei Stühlen, auf dem Tisch eine kleine Lampe. Erin glaubte, seitlich eine Küche zu sehen – oder war das ein begehbarer Schrank?

»Bin nicht oft hier«, sagte er achselzuckend. »Zu beschäftigt …«

»Mit dem Jagen.« Sie wusste genau, wie er seine Tage verbrachte, denn in den letzten paar Stunden hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht.

Jude Donovan, fünfunddreißig Jahre alt, Collegeabschluss in Strafrecht. Night Watch hatte ihn schon mit knapp zweiundzwanzig rekrutiert. Sein Ruf als Jäger war furchteinflößend, was ebenso für die Kriminellen galt, die er einfing. Das waren die übelsten.

Menschen … und Erin würde wetten, auch Andere.

Sie griff in ihre Tasche und holte einen Scheck heraus. Das war nicht die gängige Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft, aber … »Ich habe die Befugnis, Sie zu engagieren.« Er würdigte den Scheck keines Blickes, sondern sah nur sie an. Ihre Hand war vollkommen ruhig, als sie ihm das Papier hinhielt. »Hier ist ein Scheck über zehntausend Dollar.«

Keine Reaktion. So wie es hier in der Hütte aussah, sollte er eigentlich ganz heiß auf das Geld sein.

»Geben Sie ihn Night Watch.«

»Denen habe ich schon einen Scheck gebracht.« Und zwar einen beträchtlichen. »Dieser ist für Sie. Ein Bonus vom Bürgermeister. Er will, dass der Kerl schnell geschnappt wird.« Bevor Einzelheiten über die Tat durchsickerten.

»Der alte Gus glaubt also nicht, dass die Cops mit dem Typen fertigwerden?«

Gus LaCroix, der harte Bürgermeister mit einem früheren Faible für harte Drinks, war geradlinig, unglaublich schlau und streng. »Er hat sie darauf angesetzt, aber er meint, dass er Sie kennt und Sie der Beste für den Job wären.«

Erin hatte den starken Verdacht, dass Gus zur Anderen-Welt gehörte. Nicht dass sie irgendeinen ungewöhnlichen Geruch an ihm wahrgenommen hätte, aber seine rasche Zustimmung, Night Watch miteinzubeziehen, und sein beinahe verzweifeltes Einreden auf den Bezirksstaatsanwalt mussten heißen, dass er mehr wusste, als er preisgab.

Er könnte ein Dämon sein. Ein niederer. Das waren viele Politiker.

Endlich nahm Jude den Scheck. Erin zog sofort ihre Hand zurück, wollte sie doch auf jeden Fall Hautkontakt vermeiden – zumindest vorerst.

Jude faltete das kleine Blatt zusammen und steckte es in seine Gesäßtasche. »Tja, ihr habt soeben einen Kopfgeldjäger gebucht.«

»Und Sie haben einen kranken Gestaltwandler zu jagen.«

Er kam viel zu schnell näher und packte ihre Arme.

Verdammt! Es war exakt wie beim vorigen Mal. Die Hitze seiner Berührung durchströmte sie, weckte Gelüste in ihr, die sie so lange verdrängt hatte.

Jude war scharf: von den wissenden Augen, über die geschwungenen Küss-mich-Lippen bis hin zu den strengen Konturen und Muskeln seines Körpers.

Tief in ihrem Innern, in jenem dunklen, verborgenen Winkel ihrer Seele, den sie so angestrengt geheim hielt, war ein genau solcher Teil von ihr.

Wild, heiß, lustvoll.

»Warum haben Sie Angst vor mir?«

Das war nicht die Frage, die sie erwartet hätte, aber sie konnte sie beantworten. »Weil ich weiß, was Sie sind. Welche Frau bei Verstand hätte keine Angst vor einem Mann, der zum Tier werden kann?«

»Es gibt Frauen, die mögen ein bisschen Tier im Manne.«

»Ich nicht.« Lüge!

Dasselbe sagten seine Augen.

»Machen Sie Ihren Job, Donovan. Fangen Sie den Irren, der meinen Gefangenen in Stücke gesäbelt hat.«

»So wie Bobby seine Opfer zerschlitzte?«

Bingo. Ja, die Übereinstimmung war sicher kein Zufall.

»Wenn herauskommt, was wirklich passiert ist, werden gewisse Leute behaupten, Bobby hätte gekriegt, was er verdiente.« Seine Finger drückten auf ihre Arme. Erin trug eine dünne Seidenbluse, und selbst die schien zu warm für die schwüle Frühlingsnacht in Louisiana. Seine Berührung brannte geradewegs durch die Bluse und versengte ihr die Haut.

»Ja, das werden einige sagen.« Okay, sehr viele würden es sagen. »Aber sein Mörder muss trotzdem gefasst werden.« Und aufgehalten, denn Erin hatte das Gefühl, dies könnte erst der Anfang sein.

Ihre Ahnungen, was den Tod betraf, lagen selten daneben.

In der Beziehung kam sie nach ihrem Dad.

Und leider auch nach ihrer Mutter.

»Was denken Sie? Hat er verdient, zu Tode geschlitzt zu werden?«

Erin dachte an Bobbys Exfrau, Pat. Die Ärzte mussten ihr das Gesicht mit über hundertfünfzig Stichen nähen. Bei ihr hatte Bobby am brutalsten zugeschlagen.

Erin schluckte. »Seine Strafe sollte von einem Gericht festgesetzt werden.« Obwohl sie einen Schritt zurücktrat, ließ Jude sie nicht los. »Äh, könnten Sie bitte …«

»Nein. Wenn wir zusammenarbeiten sollen, müssen wir ehrlich zueinander sein.«

»Wir möchten lediglich, dass Sie den Mörder finden.«

»Ach, das werde ich, keine Sorge. Ich fange meine Beute immer.«

Den Gerüchten zufolge stimmte es. Die Jäger von Night Watch waren bundesweit berühmt.

»Sie zittern, Erin.«

»Nein, tue ich nicht.« Tat sie doch.

»Ich mache Sie nervös.« Eine Pause. Sein Blick fiel auf ihre Lippen, verharrte dort, und kehrte langsam wieder zu ihren Augen zurück. »Liegt es daran, dass ich weiß, was Sie sind?«

Sie wollte seinen Mund auf ihrem, was ein idiotischer Wunsch war. Lächerlich geradezu. Keine vernünftige Frau würde das wollen, doch das Wilde in ihr schrie danach. »Sie wissen gar nichts über mich.«

»Nein?«

Erin entwand sich ihm und starrte ihn wütend an. »Die wenigsten Dinge auf der Welt machen mir Angst, wie Ihnen bewusst sein dürfte.« Es gab eines, eine Person, die sie fürchtete, doch war dies nicht der Zeitpunkt, es zu enthüllen. Überhaupt hatte sie nie jemandem von ihm erzählt.

Könnte sie doch nur an Jude vorbeigehen und zur Tür herausmarschieren!

»Schön, dann haben Sie vielleicht keine Angst vor mir, sondern vor sich selbst.«

Sie erstarrte.

»Nicht menschlich«, murmelte er kopfschüttelnd. »Kein Vampir.«

Vampir? Zum Glück nicht!

»Dschinn? Nee, so sehen Sie nicht aus.« Er rieb sich das Kinn. »Verraten Sie mir Ihre Geheimnisse, Süße, und ich erzähle Ihnen meine.«

»Bedaure, ich bin nicht der redselige Typ.« Sie hatte genug Zeit vergeudet. Erin drängte sich an ihm vorbei und achtete nicht darauf, wie sein Arm ihre Seite streifte. Ihr Verlangen wurde mit jeder Sekunde größer, die sie hierblieb.

Sie war schwach!

Und sie hasste es, schwach zu sein.

Wie sie es gehasst hatte, dass ihre Mutter schwach gewesen war.

»Sie sind eine Gestaltwandlerin.« Seine Worte stoppten sie unmittelbar vor der Tür. Blind schaute sie auf das ausgeblichene Holz und lauschte dem dumpfen Pochen ihres Pulses.

Dann quietschten die alten Dielenbretter leise, als er zu ihr kam.

Erin drehte sich um, neigte den Kopf nach hinten …

Und er küsste sie.

Sie vernahm ein Knurren, das nicht von ihm kam. Nein, es drang aus ihrer Kehle.

Der Hunger.

Sicher, er hatte angefangen, hatte seine Lippen auf ihre gepresst, aber … sie erwiderte den Kuss.

Ihre Hände klammerten sich an seine Schultern, ihre Fingernägel gruben sich in seine Haut. Oh, verflucht, er war so … stark, so heiß!

Ihr Mund war geöffnet, lud seine Zunge ein. Sie hatte versucht, ein braves Mädchen zu sein und zu gehen, aber sie konnte nicht leugnen, dass sie das hier, ihn, wollte.

Ihre Zungen begegneten sich, nahmen, kosteten.

Und er schmeckte teuflisch gut. Sogar noch besser als die Schokolade, nach der es sie heute Mittag verlangt hatte. Erin stellte fest, dass sie mehr wollte, sehr viel mehr.

Sie streckte sich auf die Zehenspitzen, öffnete den Mund weiter, und diesmal kam das Knurren, das sie hörte, von ihm.

Seine Hände umfassten ihre Hüften, zogen sie näher zu ihm, so dass sie die harte Wölbung seiner Erektion fühlte. Lang und fest versprach sie Erin die herrlichsten Wonnen. Sie könnte ihn haben, könnte erleben, wie er tief in sie hineinstieß, und wusste, dass es fantastisch wäre.

Sie könnte.

Seine Finger waren auf ihrem Hintern.

Nimm ihn. Nimm ihn!

Er riss seinen Mund von ihrem. Erin rang nach Atem und bemühte sich, ihr lustvernebeltes Hirn zu klären. Sie brauchte …

Dann war sein Mund auf ihrem Hals, direkt über ihrem Puls.

Das war ihre schwache Stelle.

Seine Zunge streichelte sie, und ihre Knie begannen zu zittern. Im nächsten Moment biss Jude sie sanft. Es war ein zartes, neckendes Knabbern.

Und dennoch war es eine Markierung. Schließlich kannte sie sich mit Gestaltwandlern aus.

Was leider nichts gegen die Hitze auszurichten vermochte, die sie durchfuhr. Erins Brustspitzen wurden hart, ihr Geschlecht feucht.

Dämliche animalische Reaktion.

So viel Verlangen.

»Du willst mich, Erin, genauso sehr wie ich dich«, raunte er.

Abstreiten würde sie es nicht, aber sie gab ihrer Lust auch nicht nach. Energisch stemmte sie sich von seiner Brust ab.

Einer hübschen Brust übrigens.

Er rührte sich nicht.

Sie drückte die Hände noch fester gegen ihn. »Lass mich los.«

Er hob den Kopf und sah sie mit strahlenden Augen an, die so blau waren, dass es fast wehtat, hineinzublicken.

»Gestaltwandlerin«, sagte er wieder, nur war es diesmal keine Frage. »Ich erkenne es an deinen Augen.«

Nein, das konnte nicht sein! Sie hatte sich immer unter Kontrolle. Keine Krallen. Keine glühenden Augen. Keine zu scharfen Zähne. Er riet bloß, wollte ihr eine Falle stellen.

»Süße kleine Gestaltwandlerin, vor mir kannst du das Tier in dir nicht verbergen.«

Da war kein Tier. »Lass mich los!« Ihre Stimme klang heiserer als ihr lieb war, aber sie meinte es ernst. Sie durfte ihm nicht nahe sein.

Weglaufen war wohl ihre beste Chance. Nicht weil sie Angst hatte, sondern …

Mist, okay, sie hatte Angst.

Ja, es gab ein paar Sachen, die ihr Angst machten.

Jude ließ sie los.

Sofort fuhr Erin herum und zerrte am Türknauf. Ihre Handtasche schlug ihr gegen die Hüfte. Dann war sie draußen, stolperte auf die Veranda und schuf einigen Abstand zwischen ihnen.

Würde doch bloß ihr Herz aufhören, so wild zu pochen!

»Das ist noch nicht vorbei«, rief er ihr nach, als sie schon die Stufen hinunterrannte.

»Verdammt richtig.« Sie blickte sich zu ihm um. »Du musst meinen Mörder finden.«

»Nein, das meinte ich nicht.« Langsam trat er hinaus auf die Veranda. »Wir. Das mit uns ist noch nicht vorbei. Wir fangen gerade erst an.« Er leckte sich über die Lippen. »Ich kann dich noch schmecken.«

Und sie ihn. Außerdem war ihr Slip feucht. Und das allein von einem Kuss!

Was würde erst passieren, wenn sie beide nackt waren?

Nun, das wollte sie nicht herausfinden.

»Es wird passieren, Süße. Finde dich damit ab.«

Arrogantes Arschloch.

Verführerischer Mistkerl.

»Nein, wird es nicht.« Manchen Versuchungen durfte man nicht erliegen. »Damit darfst du dich abfinden.« Sie öffnete ihre Wagentür und stieg ein.