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Das Jahrbuch der Baumpflege ist Nachschlagewerk und Fachbuch in einem. Hier findet der Leser aktuelles Fachwissen zum Thema Baumpflege – wissenschaftlich korrekt und zugleich verständlich und plausibel aufbereitet. Das Buch wird von erfahrenen Praktikern, Arboristen, Sachverständigen und Wissenschaftlern gleichermaßen als Informationsquelle genutzt. Das Jahrbuch der Baumpflege erscheint 2019 in der 23. Ausgabe. In dieser Ausgabe enthalten sind 31 Fachartikel zu den folgenden Themenschwerpunkten: - Baumschutz - Vitalitätsbeurteilung und Baumpflege - Baummanagement - Aktuelles aus der Forschung Außerdem im Jahrbuch der Baumpflege 2019 zu finden sind: - Adressen von Verbänden und Forschungseinrichtungen - Adressverzeichnis Baumpflege - Gesamtregister 1997 bis 2019 mit Autoren- und Stichwortverzeichnis, im Anhang des Buches, umfasst über 700 Fachartikel
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Seitenzahl: 724
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Herausgeber:
Prof. Dr. Dirk Dujesiefken, Veranstalter der Deutschen Baumpflegetage
Herausgeber-Beirat 2019:
Dipl.-Ing. Thomas Amtage, Landschaftsarchitektur Sachverständigenbüro, Berlin
Dr. Maria Dobner, Baureferat Gartenbau der Landeshauptstadt München
Dipl.-Ing. Andreas Detter, Brudi und Partner, Gauting
Dipl.-Holzwirtin Gabriele Ehmcke, Holzforschung München, TU München
Prof. Dr. Rolf Kehr, HAWK Göttingen, Studiengang Arboristik
RA Rudolf Klingshirn, Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Bayern e.V., München
Dipl.-Biol. Thomas Kowol, Institut für Baumpflege Hamburg
Prof. Dr. Klaus Richter, Holzforschung München, TU München
M. Sc. Michael Risse, Holzforschung München, TU München
Dipl.-Ing. Jürgen Rohrbach, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL), Bonn
Prof. Dr. Steffen Rust, HAWK Göttingen, Studiengang Arboristik
Dr. Thomas Schröder, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Bonn
Dipl.-Biol. Anette Vedder, Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen, Stadt Augsburg
Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme
Jahrbuch der Baumpflege … :
Yearbook of Arboriculture
Braunschweig: Haymarket Media
Erscheint jährlich – Aufnahme nach 1997
ISSN 1432–5020
ISBN 978–3–87815–263–7
Haymarket Media GmbH
Postfach 83 64, 38133 Braunschweig
Telefon: +49 531 38 00 4–0
Telefax: +49 531 38 00 4–25
www.baumzeitung.de
Redaktionelle Betreuung:
Dipl.-Ing. Agrar Martina Borowski, Braunschweig Satz und Umbruch: Sigert GmbH, Braunschweig Druck: Griebsch & Rochol Druck GmbH, Hamm
Die Veröffentlichungen erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Für Fehler und Unrichtigkeiten kann Schadenersatz nicht geleistet werden.
Alle Rechte vorbehalten. Für die namentlich gekennzeichneten Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich.
Redaktionsschluss: März 2019
© 2019 Haymarket Media GmbH, Braunschweig
23. Jahrgang
Das „Jahrbuch der Baumpflege 2019“ ist auch als E-Book erhältlich:
ISBN 978-3-87815-264-4 im PDF-Format
ISBN 978-3-87815-265-1 im ePub-Format
ISBN 978-3-87815-266-8 im Mobi-Format
Auf www.united-kiosk.de/kiosk-haymarket/ steht das „Jahrbuch der Baumpflege 2019“ ebenfalls zum Download bereit und kann hier erworben werden.
Das Buch und alle in ihm enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine anderweitige Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar.
mit der vorliegenden Ausgabe 2019 liegt bereits das 23. Jahrbuch der Baumpflege vor. Es enthält insgesamt 31 Fachbeiträge zum Thema Baumschutz – speziell zum Thema „Bäume auf Deichen und Dämmen“, Vitalitätsbeurteilung und Baumpflege sowie Baummanagement. In den wissenschaftlichen Kurzberichten (Kapitel 4) werden aktuelle Forschungsergebnisse zu verschiedenen Themenbereichen vorgestellt.
Die Adressverzeichnisse (Kapitel 5 und 6) wurden erneut aktualisiert und geben Hilfestellung bei der Suche nach Verbänden, Forschungseinrichtungen sowie Dienstleistern im Bereich der Baumpflege. Das Autoren- und Stichwortverzeichnis aller bisherigen Jahrbücher verweist auf nunmehr über 700 Fachartikel dieser Buchreihe. Dieses Verzeichnis ist auch elektronisch verfügbar, zum Beispiel auf der Homepage der Tagung unter www.deutsche-baumpflegetage.de.
Als Herausgeber danke ich allen Autorinnen und Autoren für die qualitativ hochwertigen Fachbeiträge sowie dem Herausgeber-Beirat für die gewissenhafte Bearbeitung der Manuskripte. Auf diese Weise ist erneut ein aktuelles und verlässliches Nachschlagewerk entstanden. Martina Borowski danke ich für die redaktionelle Betreuung. Dem Verlag Haymarket Media danke ich erneut für die hervorragende Ausstattung dieses Buches und die inzwischen schon langjährige gute Zusammenarbeit.
Hamburg, im März 2019
DIRK DUJESIEFKEN
this 2019 edition is already the 23rd Yearbook of Arboriculture. It contains a total of 31 publications on the subject of tree protection, in particular on „trees on dikes and dams“, vitality assessment and tree care as well as tree management. The scientific short notes (chapter 4) present current research results on various topics.
The address directories (chapters 5 and 6) have been updated again and provide assistance in the search for associations, research institutions and service providers in the field of tree care. The index of authors and keywords of all previous yearbooks now refers to more than 700 scientific articles in this book series. This index is also available electronically, for example on the conference home page at www.deutsche-baumpflegetage.de. Being the editor of this series, I would like to thank all authors for their high quality contributions and the editorial board for the accurate processing of the manuscripts. In this way it has once again been possible to produce an up-to-date and reliable reference work. I would like to thank Martina Borowski for her editorial support. I would once again like to thank Haymarket Media for the excellent layout of the yearbook and the good cooperation that has now lasted for many years.
Hamburg, March 2019
DIRK DUJESIEFKEN
Für Ihren Terminkalender:
Die nächsten Deutschen Baumpflegetage finden statt vom 21.-23. April 2020.
Kontaktanschrift: Forum Baumpflege GmbH & Co. KG, Geschäftsstelle: Brookkehre 60, 21029 Hamburg Tel.: +49(0)40 55 26 07 07, Fax: +49(0)40 55 26 07 28, www.Deutsche-Baumpflegetage.de
Redaktionsschluss für das Jahrbuch der Baumpflege 2020 ist der 1. Dezember 2019.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Über 30 Jahre Engagement für den Baum des Jahres – Würdigung des Lebenswerkes von Dr. Silvius Wodarz †
A. ROLOFF
Baum des Jahres 2019: die Flatter-Ulme (Ulmus laevis) – Ihr Charakter: Eigenschaften und Besonderheiten
A. ROLOFF
1 Baumschutz
Prägend bis heute, vielfach vergessen: die „Baum-Pioniere“
D. DUJESIEFKEN
Bäume auf Deichen und Dämmen – Von den wasserbaulichen Grundlagen bis zum Stand der Wissenschaft
H. SCHÜTTRUMPF, B. SCHERES
Bäume an und auf Hochwasserschutzanlagen – Hinweise und Beispiele aus der Praxis
R. HASELSTEINER
Erhalt von Altbäumen auf Dämmen: Konflikte – Lösungen – Umsetzung am Beispiel der Stör-Wasserstraße
K. DUJESIEFKEN, C. HAGEN
Wurzelschutz an Straßenbäumen – Beispiele für eine konsequente Umsetzung bei Tiefbaumaßnahmen
M. STRECKENBACH, J. DREß
Baumschutz auf Baustellen vorausschauend planen, ausschreiben und überwachen
T. AMTAGE
Grundlagen der Kronensicherung und Einsatzmöglichkeiten nach der neuen ZTV-Baumpflege
A. DETTER
2 Vitalitätsbeurteilung und Baumpflege
Methoden der Baumkronen-Forschung im Wald
M. LOWMAN
Kriterien und Methoden der Waldzustandserfassung in Europa
N. WELLBROCK, L. HILBRIG
Altersgerechte Vitalitätsbeurteilung von Bäumen
U. WEIHS
Vergleich zweier Verfahren zur Vitalitätsbeurteilung von alten Bäumen am Beispiel von Rot-Buche und Berg-Ahorn
S. RUST
Zur Verbreitungsmethodik und Befallsintensität der Weißbeerigen Mistel Viscum album L.
S. HEIDLBERGER
Pflanzung und Pflege von Streuobstbäumen unter besonderer Berücksichtigung der Ausbreitung und Bekämpfung der Laubholz-Mistel
M. RÖSLER
3 Baummanagement
Was wir schützen und was nicht – und warum (nicht): Wie gut ist die Bundesartenschutzverordnung?
W.-P. POLZIN
Der Eichenprozessionsspinner als Profiteur des Klimawandels: Müssen Baum und Mensch mit dieser Gefahr leben?
H. DELB, P. HALBIG, G. SEITZ, E. WAGENHOFF
Was unterscheidet den öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen (ö.b.u.v. SV) von anderen Sachverständigen?
U. WEIHS
Schattentoleranz als Kriterium der Baumartenwahl in der Stadt – Bedeutung, Strategien und Beispiele
A. ROLOFF
Personalentwicklung in der grünen Branche – Wie bekomme und halte ich gutes Fachpersonal?
U. BREILMANN
4 Wissenschaftliche Kurzberichte
Zum Auftreten des Ebereschenringfleckenvirus (European mountain ash ringspot-associated emaravirus, EMARaV) an der Felsenbirne
S. V. BARGEN, M. TISCHENDORF, M. BANDTE, C. BÜTTNER
Aktueller Stand zur Verbreitung von Eutypella-Stammkrebs an Ahorn im Raum München
N. BURGDORF, H. LEMME, L. STRAßER
Zur Neuverankerung angekippter Platanen
A. DETTER, P. V. WASSENAER, S. RUST
„Massaria“-Befall an Linde mit verstärkter Totastbildung
R. KEHR, M. SCHREINER
Rindenschäden und Totastbildung an Platane durch Hapalocystis berkeleyi
R. KEHR
Einfluss der Sonnenexposition auf das Abschuppen der Platanenborke
H. LEWIN, S. RUST
Kann die Silber-Linde ihre Blätter an heißen Tagen drehen?
S. RUST, T. SCHÜTTE, F. SALZSIEDER
Können Defekte im Stamm von Buchen mittels Georadar vermessen werden?
S. RUST, A. KAUS
Aktuelles Auftreten und allergenes Potenzial des Goldafters (Euproctis chrysorrhoea) in Bayern
O. SCHMIDT, C. PREISENDÖRFER
Wichtige neozoische Insektenarten an der Ahornblättrigen Platane (Platanus x hispanica)
O. SCHMIDT
Giftige Ahornsamen als Ursache einer atypischen Weidemyopathie bei Pferden
O. SCHMIDT
5 Verbände und Forschungseinrichtungen
Institute, Forschung und Lehre
Verbände
Weitere Organisationen und Vereine
Pflanzenschutzdienste
6 Adressverzeichnis Baumpflege
Hinweise zur Benutzung
6.1 Baumpflegefirmen
6.2 Sachverständige
6.3 Produkte und Dienstleistungen
Inserenten-Verzeichnis
7 Gesamtregister 1997–2019
Hinweise zur Benutzung
Autorenverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Content
Cover
Title
Imprint
Preface
Over 30 years of commitment to the Tree of the Year – Acknowledgement of the life work of Dr. Silvius Wodarz †
A. ROLOFF
Tree of the year 2019: European White Elm (Ulmus laevis) – its character, features and special characteristics
A. ROLOFF
1 Tree protection
Defining to this day, often forgotten: the „tree pioneers“
D. DUJESIEFKEN
Trees on Dikes and Dams – From Basics of Hydraulic Engineering to the State of the Art
H. SCHÜTTRUMPF, B. SCHERES
Trees on and near of Flood Protection Structures – Remarks and Case Studies
R. HASELSTEINER
Preservation of old trees on dams – Conflicts – Solutions – Implementation using the example of the Stör-waterway
K. DUJESIEFKEN, C. HAGEN
Tree root protection in streets – Examples for a consequent implementation at construction sites
M. STRECKENBACH, J. DREß
Proactive planning, tendering and monitoring of tree protection on construction sites
T. AMTAGE
Basics of crown cabling and application options according to the new German standard „ZTV-Baumpflege“
A. DETTER
2 Vitality assessment and tree care
Methods of Forest Canopy Access and Case Studies of Their Applications to Research
M. LOWMAN
Criteria and methods of the crown condition survey in Europe
N. WELLBROCK, L. HILBRIG
Age-appropriate vitality assessment of trees
U. WEIHS
Comparison of two methods to assess the vitality of old trees – a test on beech and sycamore maple
S. RUST
Methods of dissemination and intensity of infestation of the European mistletoe Viscum album L.
S. HEIDLBERGER
Planting and care of orchards with special consideration on the spread and control of hardwood mistletoe
M. RÖSLER
3 Tree management
What we protect and what we do not – and why (not): How successful is the Federal Species Protection Regulation?
W.-P. POLZIN
Oak processionary moth as profiteer of climate change: must tree and man live with this danger?
H. DELB, P. HALBIG, G. SEITZ, E. WAGENHOFF
What makes publicly appointed and sworn experts (ö.b.u.v. SV) different from other experts?
U. WEIHS
Shade tolerance as a criterion for urban tree species selection – importance, strategies and examples
A. ROLOFF
Human Resource Development for companies in green industry – How can I find and retain good professional employees
U. BREILMANN
4 Short scientific communications
On the occurrence of European mountain ash ringspot-associated emaravirus (EMARaV) in serviceberry
S. V. BARGEN, M. TISCHENDORF, M. BANDTE, C. BÜTTNER
Current status of the spread of Eutypella stem cancer in maple in the Munich area
N. BURGDORF, H. LEMME, L. STRAßER
New anchoring of tilted plane trees
A. DETTER, P. V. WASSENAER, S. RUST
“Massaria” disease of Linden (Tilia spp.) associated with increased deadwood formation
R. KEHR, M. SCHREINER
Bark damage and deadwood formation on plane trees caused by Hapalocystis berkeleyi
R. KEHR
Influence of sun exposure on the shedding of the sycamore bark
H. LEWIN, S. RUST
Does Tilia tomentosa turn its leaves as a reaction to heat and drought?
S. RUST, T. SCHÜTTE, F. SALZSIEDER
Can defects in the beech trunk be measured using georadar?
S. RUST, A. KAUS
The current occurence and allergenic potential of the browntail moth (Euproctis chrysorrhoea) in Bavaria
O. SCHMIDT, C. PREISENDÖRFER
Important invasive insect species on London plane (Platanus x hispanica)
O. SCHMIDT
Poisonous maple Acer spp. seeds as cause of an atypical pasture myopathy of horses
O. SCHMIDT
5 Associations and Research Institutes
Institutes, research and teaching
Professional associations
Other organisations and associations
Plant protection services
6 Address register for tree care
Reference for use
6.1 Tree care companies
6.2 Experts
6.3 Products and services
Index of advertisers
7 Overall Index 1997–2019
Reference for use
Register of authors
Register of catchwords
von Andreas Roloff
Zusammenfassung
Am 29. Dezember 2018 ist der Initiator und langjährige „Macher“ der Initiative Baum des Jahres Dr. SILVIUS WODARZ im Alter von 87 Jahren verstorben. Die Bäume des Jahres werden seit 1989 ausgerufen und regelmäßig in Augsburg auf den Deutschen Baumpflegetagen und im Jahrbuch der Baumpflege vorgestellt. Aus diesem Anlass werden die Aktivitäten und das Lebenswerk von WODARZ hier gewürdigt und wichtige Hintergründe zum Baum des Jahres und zu den Zielen der Ausrufung dargelegt.
Summary
On December 29th 2018, Dr SILVIUS WODARZ passed away at the age of 87 years. He was the founder and the most active person of the initiative Tree of the Year for decades. The trees of the year are presented annually on the German Tree Care Conference in Augsburg and in the Yearbook of Arboriculture. For this reason the activities and life work of Wodarz are acknowledged here, and some background information on the Tree of the Year and the objective of the proclamation is explained.
Seit 1989, also seit 30 Jahren, wird jährlich eine Baumart als Baum des Jahres benannt und ausgerufen, begründet durch Dr. SILVIUS WODARZ und den von ihm gegründeten Umweltschutzverein Wahlstedt e.V., später vom Verein Baum des Jahres und seit 2008 von der Baum des Jahres-Dr. Silvius Wodarz-Stiftung mit zugehörigem Förderverein und Kuratorium als Beirat getragen. Alle drei Förderinitiativen hat WODARZ viele Jahre selbst geleitet: das Kuratorium bis 2009, den Verein bis 2010 und die Stiftung bis 2018. Das Kuratorium Baum des Jahres (KBJ) bestimmt immer auf seiner Jahresversammlung im Oktober in Berlin drei Baumkandidaten für das übernächste Jahr. Davon wird anschließend im Jahr vor der Ausrufung in schriftlicher Abstimmung aller Kuratoriumsmitglieder eine Baumart ausgewählt, die das KBJ dann der Stiftung vorschlägt und die von dieser zur Ausrufung im Herbst des Vorjahres (Abbildung 1) übernommen wird.
Mitglieder im KBJ sind 35 Verbände, Vereine, Stiftungen, Einrichtungen, Institutionen und Einzelpersonen, die sich besonders intensiv mit Bäumen beschäftigen, auch aus der Schweiz und Luxemburg. So sind z.B. alle großen Naturschutzverbände Deutschlands vertreten, die Forstverwaltung(en), Dendrologen sowie die Baumschul- und die Baumpflegebranche. Ziel der Ausrufung ist es, zum einen auf seltene Baumarten oder Probleme einer Baumart hinzuweisen, zum anderen die Schönheit, den Wert und die positiven Wirkungen von Bäumen allgemein und die vielfältigen Funktionen der einzelnen Baumarten bewusster zu machen. Dies gilt gleichermaßen für Bäume im Wald, in der Landschaft oder Stadt, in Gärten, Parks und an Straßen.
Man kann feststellen, dass die Benennung und Ausrufung von Bäumen des Jahres eine großartige Erfolgsgeschichte ist. Deshalb wurde dem Initiator Dr. SILVIUS WODARZ für diese Aktion 2011 auch vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz verliehen.
So wurden bzw. werden seltene Baumarten wie z. B. Eibe, Speierling und Schwarz-Pappel im Jahr der Ausrufung und seitdem verstärkt in so großer Anzahl gepflanzt (bei der Eibe sind 100.000 Pflanzungen dokumentiert), dass es dadurch zu einer dauerhaften und nennenswerten Förderung dieser Baumarten gekommen ist. Bei Bäumen wie z.B. Sand-Birke und Wald-Kiefer, die bekanntlich nicht zu den seltenen Arten gehören, wird der Wert, die Schönheit und Nutzung auch solcher Baumarten vielen Menschen bewusster gemacht und dieses Bewusstsein wird dauerhaft geschaffen bzw. verbessert. Aktuelle neue Probleme wie z. B. die Miniermotte bei der Rosskastanie und Phytophthora bei der Schwarz-Erle wurden bekannter und die Anstrengungen zur Untersuchung und Bekämpfung der Krankheiten mit nachhaltigem Erfolg verstärkt.
Kaum bekannte, „vergessene“ oder oft übersehene Baumarten wie der Speierling und die Elsbeere (Abbildung 2) sind überhaupt erst durch die Ausrufung maßgeblich bekannt geworden und werden seitdem dauerhaft mehr beachtet, auch im Wald. Und schließlich werden viele Baumarten wie z. B. Walnuss und Hainbuche durch die Aktion einfach noch beliebter. Das botanische Wissen um Bäume hat dadurch deutlich zugenommen – was will man mehr?
Insgesamt kann man feststellen, dass durch diese Aktivitäten die positive Beziehung Mensch – Baum („Menschen für Bäume – Bäume für Menschen“, WODARZ) nachhaltig verstärkt und verbessert worden ist.
Man kann einwenden, dass es inzwischen über 30 verschiedene Naturobjekte des Jahres gibt und diese mittlerweile niemand mehr alle bemerken und beachten kann. Dazu ist aber anzumerken, dass der Baum des Jahres eines der ersten Objekte war, die ausgerufen wurden. Zudem hat vor einigen Jahren eine Erhebung ergeben, dass der Baum des Jahres die am meisten bekannte und beachtete Aktion dieser Art ist und zudem von den Menschen ausnahmslos positiv eingeschätzt wird. Ja, der Baum des Jahres ist so inzwischen zu einer „starken Marke“ geworden, mit der bzw. dessen Logo sogar Werbung verbunden wird (was allerdings nur in ausdrücklich vertraglich geregelten Fällen zulässig ist). Und dass es inzwischen auch ein Eis und eine Seife des Jahres gibt, kann wohl nicht ernsthaft dem Baum des Jahres angelastet werden.
Es findet seit langem eine lebhafte Kommunikation zum Baum des Jahres über das Internet (www.baum-des-jahres.de) sowie über Faltblätter und andere Medien statt. Allein die Homepage wird jeden Monat über 40.000 mal aufgesucht.
Auf die anfangs häufig und in letzter Zeit noch gelegentlich gestellte Frage, wie lange es denn noch jedes Jahr neue Baumarten geben wird, kann man nach 31 Bäumen des Jahres entspannt antworten: Für mindestens 50 Jahre, denn es sind nicht nur einheimische Baumarten „zugelassen“ (z. B. wurde bereits 2005 die nichtheimische Rosskastanie ausgerufen und es warten z. B. noch Robinie und Douglasie), und gerade viele kleine und relativ unbekannte Baumarten wie Steinweichsel oder Stechpalme waren noch nicht an der Reihe.
Dr. SILVIUS WODARZ wurde am 14.12.1930 in Ratibor/ Oberschlesien geboren und starb am 29.12.2018 in Marktredwitz/Fichtelgebirge. Sein Name ist eng verknüpft mit einer ganzen Reihe von Modernisierungen der Berufsausbildung zum Forstwirt, bekannt wurde er zunächst durch seine Arbeit im Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF). Viele kennen ihn vor allem durch seine spätere Arbeit als Initiator und langjährigen Vorsitzenden des Vereins Baum des Jahres e.V., der „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ und des Kuratoriums „Baum des Jahres“. Ab 1958 war WODARZ in der schleswig-holsteinischen Landesforstverwaltung tätig und leitete von 1966 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Forstdienst im Jahr 1995 die Lehranstalt für Forstwirtschaft der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg, zuletzt als Forstdirektor. Maßgeblich wirkte er an der Verordnung über die Ausbildung zum Forstwirt von 1974 ebenso mit wie an der „Forstwirt-Mappe“, kurz FOMA genannt, aus der später das Lehrbuch „Der Forstwirt“ (Waldarbeitsschulen 2004) hervorging.
Ideenreich und öffentlichkeitswirksam gründete WODARZ 1972 den Umweltschutzverein Wahlstedt (Schleswig-Holstein) und gilt daher als einer der Umwelt- und Naturschützer der „ersten Stunde“. Bewegt durch die Waldsterben-Diskussion der 1980er Jahre und angeregt durch die Wahl eines „Vogel des Jahres“ kam er Ende 1988 auf die Idee, analog dazu für jedes Jahr auch einen „Baum des Jahres“ auszurufen, beginnend mit der Stiel-Eiche 1989. Der Umweltschutzverein Wahlstedt wurde in der Folge zum Verein Baum des Jahres e. V. umbenannt, und WODARZ rief im Jahr 1991 das „Kuratorium Baum des Jahres (KBJ)“ als Fachbeirat des Vereins ins Leben. Die Baum des Jahres-Aktionen erzielten von Anfang an bundesweit ein großes Medienecho und stießen in der Öffentlichkeit auf viel Interesse.
WODARZ hat seine Arbeit für Bäume, den Wald und die Umwelt immer weiter verstärkt und gründete im Jahr 2008 die „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“. Zusammen mit dem Verein Baum des Jahres e.V. soll sie die Arbeit für den Baum des Jahres sowie für Bäume in Parks, in der Landschaft und im Wald auf der Basis „Menschen für Bäume“ fortsetzen und intensivieren. Mit seiner beharrlichen Arbeit unter dem Motto „Man muss Bäume nicht neu erfinden, man muss sie nur neu entdecken!“ erreichte er, dass sich hierzulande immer mehr Menschen für Bäume interessieren und auch stärker für deren Belange sensibilisiert sind.
Seit 1991 bin ich selbst mit dabei und wurde damals als einer der ersten ins Kuratorium Baum des Jahres berufen. Zunächst viele Jahre als Mitglied, war ich dann zunehmend mit der Öffentlichkeitsarbeit mittels des Faltblattes und vieler Vorträge sowie mit der Tagungsorganisation betraut. Dabei hatte ich dann immer häufiger täglichen Kontakt mit WODARZ, bis es schließlich viele Jahre lang durchaus bis zu 20 Telefonate und E-Mails pro Tag wurden. In der Zeit war ich wohl einer seiner wichtigsten Ansprechpartner und kannte ihn schließlich so gut wie nur wenige andere.
Der Baum des Jahres war „sein Baby“, um das er sich täglich viele Stunden kümmerte, was angesichts der vielfältigen Aufgaben und Anfragen nicht verwunderte. Über all die vielen Jahre hat dabei beeindruckend viel von all dem geklappt, was er sich vorgenommen hatte und reichlich Früchte getragen. Darauf konnte er stolz sein und war es auch – gerne hätte er noch mehr gemacht, aber in den letzten Jahren ließen das seine Kräfte und seine Gesundheit schließlich nicht mehr zu. So konnte er auch bei der letzten Ausrufung im November 2018 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mit dabei sein, als das erste Mal eine Bundesministerin (Julia Klöckner) persönlich an der Ausrufung teilgenommen und mitgewirkt hat (Abbildung 3). Mit einem großen Erfolgsgefühl ist er dann am 29. Dezember 2018 in Ruhe und Frieden eingeschlafen.
Sein Werk wird weiterleben, es müssen nun zunächst einige Grundsatzentscheidungen getroffen werden, wie Ablauf und Zuständigkeiten weiter geregelt werden können.
Es dürfte sich bei der Benennung und Ausrufung der Bäume des Jahres um eine der erfolgreichsten Aktionen der letzten Jahrzehnte zur Erhöhung der Baumartenvielfalt handeln, die zudem auch im Bewusstsein der Bevölkerung ankommt. Dies finde ich persönlich seinen größten Verdienst – ein jahrzehntelanger Transfer von Baumwissen zu den Menschen, mit besonderer Wertschätzung von Kindern und Jugendlichen, zusammen mit vielen Beteiligten in Stiftung, Verein und Kuratorium.
„Wir wollen Menschen an Bäume heranführen und Sensibilität für dieses lebendige Naturgut schaffen. In die Herzen großer und kleiner Menschen pflanzen wir Bäume, um gedankliche Veränderungen anzustoßen.“ (SILVIUS WODARZ)
Quellen
www.baum-des-jahres.de
www.wikipedia.de
ROLOFF, A., 1997–2019: Beiträge zu dem jeweiligen „Baum des Jahres“, in: DUJESIEFKEN, D. (Hrsg): Jahrbuch der Baumpflege. Haymarket Media, Braunschweig
Waldarbeitsschulen (Hrsg.), 2004: Der Forstwirt. 4. Aufl., Ulmer Verlag, Stuttgart.
Autor
Prof. Dr. Andreas Roloff leitet das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie sowie den Forstbotanischen Garten der TU Dresden in Tharandt, ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Fragen der Baumbiologie, Gehölzverwendung und Baumpflege. Er war und ist seit 1991 bei der Baum des Jahres-Findung, -Ausrufung und -Öffentlichkeitsarbeit aktiv.
Institut für Forstbotanik und Forstzoologie
Pienner Str. 7, 01737 Tharandt
Tel. (035203) 3 83 12 02
von Andreas Roloff
Zusammenfassung
Flatter-Ulmen werden große, hoch aufragende Bäume mit dunkler Krone und zeigen eine leiterartige Verzweigung. Da die Blüte mit Windbestäubung bereits im März stattfindet, sind die Früchte schon Ende Mai reif. Diese führen vorher im April durch ihre ergrünenden Flügel zu grünen Kronen, obwohl die Blätter noch nicht ausgetrieben haben. Flatter-Ulmen treten vor allem entlang der Flussläufe in Auenwäldern bzw. als deren Reste auf (Abbildung 1). Als einzige der drei heimischen Ulmenarten zeigt die Flatter-Ulme am Stamm oft Brettwurzeln, Wurzelanlauf-Schösslinge und viele Wasser-reiser. Weit entfernt vom Naturstandort ist sie auch als Stadt- und Straßenbaum geeignet und steht gegenüber der Holländischen Ulmenkrankheit relativ gut da. Ihre Schattentoleranz ist bis ins mittlere Alter ausgeprägt.
Summary
European white elm is a species growing to large, towering trees with dark crowns and a ladderlike branching pattern. Flowering occurs in March with wind pollination, the fruits are ripe already in May. During their ripening they develop green wings with the consequence of crown greening already in April, long before leaf flush. White elms grow along rivers on riparian forest sites, often as the last remnants of these ecosystems. It is the only native elm species with buttress roots at the trunk base, with root collar sprouts and many epicormic sprouts on the trunk. Distant from its native riverside sites it can be used successfully as an urban and roadside tree. The resistance to Dutch elm disease is high, as well as its shade tolerance until medium age.
Auffällig an den Ulmen ist ihre leiterartige Verzweigung (Abbildung 2) – daran erkennt man sie sogar auf der Autobahn (als Beifahrer), wenn welche auf dem Mittelstreifen wachsen. Sie kommt durch eine sehr streng zweizeilige Blattstellung zustande: immer rechts-links-rechts-links … Und wenn die Blätter so angeordnet sind, müssen die Seitenzweige genauso stehen, da sie immer aus den Knospen in den Blattstiel-Achseln entspringen. Der Austrieb der Ulmen erfolgt erst relativ spät. Als ringporige Baumarten müssen sie im Frühjahr zunächst im neuen Jahrring Frühholzgefäße bilden, bevor sie die neuen Blätter mit Wasser versorgen können.
Die Rinde entwickelt sich zu einer dunkelgrauen Netzborke. Die Ulmen können Wunden mäßig gegen Infektionen schützen, sie haben ein mittleres Abschottungsvermögen. Die Zweige (auch Wipfeltriebe) wachsen anfangs waagerecht und richten sich erst anschließend bei ausreichender Belichtung auf, was wie bei Linde, Hainbuche und Rot-Buche als Zeichen für Schattenanpassung zu interpretieren ist.
Der Stamm der Flatter-Ulme kann 6 m (selten 9 m) Umfang erreichen, dafür muss man ggf. oberhalb vorhandener Brettwurzeln messen (MICHELS & ROLOFF 2018). Ulmen werden schnell große Bäume von 30–40 m Höhe, das Höchstalter erreicht 250–300, selten über 400 Jahre. Flatter-Ulmen treiben reichlich Wasserreiser und stammnahe Schösslinge aus den Wurzelanläufen aus und sind sehr stockausschlagfreudig.
Weiter ist für Ulmenblätter der schiefe (asymmetrische) Blattgrund charakteristisch, d. h. auf einer Seite des Blattstieles reicht die Blattspreitenbasis meist viel länger zum Zweig herab als auf der anderen. Die Herbstfärbung ist gelb bis orange, selten sogar rötlich.
Eine Unterscheidung der drei einheimischen Ulmenarten ist eigentlich nicht schwierig, sie gelingt am besten anhand folgender Merkmale (zusätzlich zu den zuvor genannten): Die Blätter der Flatter-Ulme weisen in der oberen Blatthälfte keine gegabelten Hauptnerven auf (Abbildung 3), wogegen dies bei Berg- und Feld-Ulme (Ulmus glabra und U. minor) immer der Fall ist. Die Blätter der Berg-Ulme sind an einigen bis vielen Blättern 3-spitzig, die der beiden anderen Ulmen haben nur eine Spitze. Die Blätter der Berg-Ulme sind zudem oberseits so rau behaart, dass es sich wie Schleifpapier anhört, wenn man mit dem Finger darüber streicht.
Die Blüten und Früchte der Flatter-Ulme sind lang gestielt (Abbildung 4) und letztere flattern im Wind, daher ihr deutscher Name – die der beiden anderen Ulmen sind ungestielt/sitzend. Der Blütezeitraum ist sehr früh, oft schon im März, die Blüten sind unauffällig, zwittrig und werden vom Wind bestäubt. Man erkennt zur Blütezeit von weitem nur viele Kügelchen in der Krone. Erst wenn sich die Früchte ebenfalls relativ früh (im April und Mai) bis zur Reife entwickeln, fallen diese auf, da sie zunächst von einem grünen Flügel umgeben sind. Dessen grüne Farbe macht sofort deutlich, dass er Photosynthese betreibt – so ist die schnelle Fruchtreife schon vor dem Austreiben der Bäume zu erklären. Man könnte zunächst denken, dass die Ulmen austreiben, aber es sind „nur“ die Früchte (Abbildung 5). Von Nahem sieht man (gegen das Licht oder mit Lupe) eine wunderschöne Bewimperung am Rand der reifenden Früchte. Die Flatter-Ulme kreuzt sich nicht mit Berg- oder Feld-Ulme, diese beiden bilden hingegen miteinander den Hybrid Holländische Ulme (Ulmus x hollandica).
An alten Flatter-Ulmen treten oft markante Brettwurzeln auf: weit ausladende Wurzelanläufe zur Verbesserung der Standfestigkeit auf nassen Standorten. Diese Eigenschaft behält die Art meist auch auf trockenen (z. B. Park-)Standorten bei. Zudem ist ihr Stamm oft von vielen Wasserreisern (jungen Stammaustrieben) bedeckt, ohne dass dafür eine Krisensituation der Anlass ist – es handelt sich also nicht um Angsttriebe, wie gelegentlich (für Eichen) zu hören oder zu lesen ist. Das Wurzelsystem entwickelt sich herzförmig und erreicht Tiefen von 2 m.
Die dickste Flatter-Ulme der Republik dürfte auf dem ehemaligen Friedhof hinter der Kirche von Gülitz (in NW-Brandenburg) stehen (www.championtrees.de), mit einem Stammumfang von 9,98 m und einem bemerkenswerten Alter von geschätzten 400–500 Jahren. In ihrem Stamm sind Reste der früheren Friedhofsmauer eingewachsen.
Die Ulmen gehören zur Familie der Ulmengewächse (Ulmaceae), mit ihnen auch die Zelkove (Zelkova), aber neuerdings nicht mehr der Zürgelbaum (Celtis).
Das Areal der Flatter-Ulme umfasst große Teile Mittel-, Süd- und Osteuropas. Die Feld-Ulme bleibt im Nordosten weiter zurück, wohingegen die Berg-Ulme höher nach Nordwesten und in die Mittelgebirge vordringt (daher ihr Name). Die Flatter-Ulme erträgt wie die Feld-Ulme länger als drei Monate Überflutung und damit mehr als Eichen und Eschen.
Sie ist ein wichtiger Auenbaum, welcher von der katastrophalen Ulmenkrankheit am wenigsten betroffen ist, so dass nicht „die Ulmen“ aussterben, wie man es immer wieder hören oder lesen kann. Am stärksten betroffen davon ist die Feld-Ulme, daher sind Altbäume von ihr inzwischen tatsächlich selten geworden, und sie wird, wie die Flatter-Ulme, in der Roten Liste für Deutschland als gefährdet und für mehrere Bundesländer als (stark) gefährdet aufgeführt.
Der Schwerpunkt der Flatter-Ulme ist in Auen größerer unregulierter Flüsse Mitteleuropas zu finden (Abbildung 6), aber wo gibt es die noch? Auenwaldreste mit Ulmen existieren an Oder, Elbe, Rhein und Donau, jedoch machen ihnen Flussbegradigung und -regulierung sowie Entwässerungsmaßnahmen zu schaffen. Ulmen sind als Übergangsbaumarten in der Jugend relativ schattentolerant, was ihr Aufwachsen in Auenwäldern und alten Parkanlagen erleichtert. Viele Ulmen stehen (oder standen) an markanten Plätzen und Landmarken und bilde(te)n dort eindrucksvolle Solitärbäume.
Das harte Holz der Ulmen wird Rüster genannt und ist infolge der Krankheit selten geworden, obwohl es durch seinen braunen Kern sehr attraktiv und wertvoll ist. Dabei ist Bergrüster wertvoller als Flatterrüster, da der Kern/Splint-Kontrast stärker ist. Die Jahrringe sind sehr deutlich zu erkennen, weil es sich um ringporiges Holz handelt. Flatterrüster ist von Berg- und Feldrüster nach Aussagen von Tischlern am helleren Kern und an den breiten Spätholzgefäßbändern zu unterscheiden, Holzfachleute streiten das aufgrund der Variabilität jedoch ab. Sehr gesucht und teuer sind sog. Maserknollen von Ulmen, die aus Stammbeulen mit besonders vielen Knospen und Wasserreisern entstehen. Daraus lassen sich eindrucksvolle Furniere und kleine Gebrauchsgegenstände herstellen (Abbildung 7), z. B. Schreiber. Das Holz ist zäh-n derelastisch und daher auch für Bögen und Werkzeugstiele begehrt. Sonst wird es für Möbel sowie im Bootsbau und Innenausbau verwendet. In England ist Rüster das traditionelle Sargholz.
Wegen der nährstoffreichen Blätter wurden Ulmen früher gerne als Schneitelbäume verwendet, welche man immer wieder auf einen Kopf zurückschnitt, um die dann intensiv wachsenden Wiederaustriebe als Viehfutter zu nutzen.
Verwendung findet vor allem die Flatter-Ulme auch als Stadtbaum. In der „Ulmenhauptstadt Europas“ Amsterdam hat man durch eine sehr wirksame Bekämpfungsstrategie (Impfung) und Pflegemaßnahmen die Krankheit relativ gut im Griff, und die Ulmen (dort vor allem Holländische Ulmen) stellen fast 90% der Straßenbäume – das macht Hoffnung. Andernorts setzt man vor allem auf resistente Sorten. Allerdings hat sich dabei in der Vergangenheit häufiger herausgestellt, dass sich vermeintlich resistente Sorten in höherem Alter – wenn sie für den krankheitsübertragenden Ulmen-Splintkäfer attraktiv werden – als doch nicht resistent erwiesen haben. Der Absterbeprozess in Alleen kann dann rasant voranschreiten, u. a. indem der verantwortliche Pilz sich über Wurzelverwachsungen ausbreitet. Dies alles betrifft jedoch am wenigsten die Flatter-Ulme, die in erstaunlicher Anzahl und in beeindruckender Vitalität mit Altbäumen in verschiedenen Regionen auftritt. Am meisten beeindruckt mich dies an der Elbe im Abschnitt von Dresden/Radebeul bis hinter Torgau. Hier findet man an ca. 100 km Flusslauf beidseits am Elbe-Radweg in den Auen noch über 1.000 vitale Altulmen – darunter besonders viele Solitäre (Abbildung 6). Von hier stammt auch die „Torgauer Flatter-Ulme“, die sich gegenüber der Ulmenkrankheit als besonders resistent erwiesen hat. So kann die Flatter-Ulme auf Auenflächen teilweise die derzeit stark geschädigten Eschen und Schwarz-Erlen ersetzen.
Die Flatter-Ulme ist viel stärker von der anthropogenen Beseitigung ihrer Lebensräume am Flusslauf betroffen als von der Ulmenkrankheit: Auenwälder mit Überflutungsregime, Feuchtbiotope, mäandrierende Fließgewässer sind selten geworden, da die Landwirtschaft diese Flächen für Hochleistungs-Grünland favorisiert und Deiche als Hochwasserschutz nah an den Flüssen gebaut und kürzlich wieder erhöht wurden. Für die Flatter-Ulme wäre, wo das möglich ist, eine Deichrückverlegung hilfreich um wieder mehr Überflutungsraum zu schaffen.
Man kann nur staunen, wie es die Flatter-Ulme schafft, in kleinen Vorgärten an Hauptverkehrsstraßen fernab eines Flusses zu überleben (Abbildung 8). Sie hat ein beeindruckendes Anpassungspotenzial, welches durch die stark schwankenden natürlichen Wasserstandsverhältnisse in der Aue zu begründen ist: Von längeren Überflutungen bis zu langen extremen Austrocknungsperioden kommt alles immer wieder vor, damit muss ein Auenwaldbaum zurechtkommen. So gibt es auch sehr eindrucksvolle Alleen mit Flatter-Ulmen, z. B. bei Gadsdorf (südöstlich von Potsdam) und als Park-Allee auf der Grieserwiese in Landshut. Ulmen sind zudem beliebte Haus- und Hofbäume.
Die Innenrinde und Blätter wurden früher in der Heilkunde bei rheumatischen Krankheitsbildern sowie gegen Hautausschläge, Gicht, Durchfall und Abszesse verwendet (Tee und Waschungen). Aus den Nusskernen kann ein schmackhaftes Öl gepresst werden.
Ulmen spielten wegen ihrer viel größeren Verbreitung und ihres markanten Habitus’ bereits seit dem Altertum eine Rolle in Mythologie und Brauchtum. Als Symbol der Trauer wurden bei den Griechen Ulmen in Totenhainen gepflanzt. Den Kelten war sie heilig, die Römer weihten sie dem Gott Merkur. In Skandinavien, dem Baltikum und Norddeutschland war die Ulme ein wichtiger Wächterbaum auf Bauernhöfen.
Wie sollen wir in Zukunft mit den Ulmen umgehen, wenn die Krankheit so ein hohes Risiko darstellt: Soll man nicht besser ganz auf die Verwendung und Pflanzung verzichten? Dies wäre fatal, denn dann wird es in Zukunft noch weniger Ulmen geben. Vielmehr sollte man entweder wieder mehr Flatter-Ulmen pflanzen oder vermeintlich resistente Sorten, verbunden mit der Hoffnung, dass die Krankheit irgendwann auch wieder an Bedeutung verlieren wird. Dieser Optimismus ist angebracht, denn auch viele andere Baumarten sind derzeit von schweren Krankheiten betroffen (z. B. Esche, Rosskastanie, Schwarz-Erle).
Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft zum Jahr der Flatter-Ulme: Es geht ihr blendend, zumindest in größeren Teilarealen ihres Verbreitungsgebietes – bei 1.000 Exemplaren mit einem Stammumfang über 2 m entlang der sächsischen Elbe habe ich aufgehört zu zählen: starke vitale Flatter-Ulmen mit reichlich Naturverjüngung. Streckenweise ist es mit Abstand die häufigste Auenbaumart in diesem Bereich, z. T. mit dichten, geschlossenen Wäldchen. Sie kann und sollte daher wieder viel mehr, auch außerhalb der Auen gepflanzt werden.
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Autor
Prof. Dr. Andreas Roloff leitet das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie sowie den Forstbotanischen Garten der TU Dresden in Tharandt, ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Fragen der Baumbiologie, Gehölzverwendung und Baumpflege. Er ist Fachreferent für Parks, Gärten und städtisches Grün im Rat der DDG und gibt die Enzyklopädie der Holzgewächse heraus.
Institut für Forstbotanik und Forstzoologie
Pienner Str. 7
01737 Tharandt
Tel. (035203) 3 83 12 02
von Dirk Dujesiefken
Zusammenfassung
Dieser Beitrag befasst sich mit Persönlichkeiten, die unser Wissen über Bäume wesentlich geprägt haben und Pioniere waren für die Forstwirtschaft, die Wissenschaft über Bäume sowie im Naturschutz. Vorgestellt werden nicht die Wegbereiter der letzten Jahrzehnte, sondern die, die vor mehr als 100 Jahren die Grundlagen für spätere Generationen und damit für unsere heutige Arbeit rund um den Baum geschaffen haben: HANS CARL VON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG und JOHN MUIR. Es geht dabei um das Konzept der Nachhaltigkeit, heute ein ökonomisch-ökologischer Schlüsselbegriff, der vor über 300 Jahren geprägt wurde, um den Beginn der modernen Wissenschaft über Bäume und deren Krankheiten sowie um die Anfänge des Naturschutzes. Durch diese Wegbereiter hat unsere Arbeit mit Bäumen im Wald und in der Baumpflege eine solide Grundlage erhalten. Es war stets das Engagement Einzelner, das große Wirkung entfaltete und bis heute prägend ist.
Summary
This article focuses on individuals who have made a significant contribution to our knowledge about trees and were pioneers in forestry, tree science and nature conservation. Not the pioneers of the last decades are presented, but rather those who more than 100 years ago laid the basis for later generations and thus for today’s work on trees: HANS CARL VON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG and JOHN MUIR. It is about the concept of sustainability, today an economical and ecological concept that was developed over 300 years ago, about the beginning of modern science about trees and their diseases and about the beginnings of nature conservation. With these pioneers our work with trees in the forest and in tree care have a solid basis. It has always been the engagement of individuals that has had a great impact and is still influential today.
Der Umgang mit der Natur und damit auch mit Bäumen hat sich über Jahrhunderte stark verändert. Über lange Zeit gab es aus Sicht der Menschen die gestaltete Landschaft (besiedelte und kultivierte Flächen) und im Gegensatz dazu die ungezähmte Natur, die Wildnis. Diese Flächen galten als wertlos oder wurden genutzt bzw. übernutzt. In Europa kann man noch immer das Ergebnis dieser vor Jahrhunderten erfolgten Rodungen sehen. Die Eingriffe des Menschen haben in der Landschaft deutliche Spuren hinterlassen. Im Laufe der Zeit haben die Schäden in der Natur aber auch zu einem Umdenken geführt. Eine nachhaltige Forstwirtschaft, Naturschutzgesetze und Baumpflege sind letztendlich Ergebnisse dieser Entwicklung.
Unser heutiges Wissen in der Baumpflege basiert auf den Erfahrungen und Ergebnissen der Vorgänger. Neue Ideen und Impulse stammen von besonderen Persönlichkeiten. In Bezug auf den Umgang mit Bäumen gab es viele Pioniere; in den letzten Jahrzehnten gab es Wegbereiter wie ALEX SHIGO, WERNER KOCH und MICHAEL MAURER, die auf den Gebieten der Baumbiologie und Gehölzwertermittlung sowie der praktischen Umsetzung von Baumpflegemaßnahmen prägend waren. In dieser Betrachtung geht es jedoch nicht um diese Persönlichkeiten, sondern um die, die in der Zeit davor die Grundlagen für spätere Generationen geschaffen haben: HANS CARLVON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG und JOHN MUIR.
Das Wissen dieser „Baum-Pioniere“ ist über die Jahrzehnte fast selbstverständlich Teil unseres Grundverständnisses vom Umgang mit Baum und Natur geworden. Ohne diese Wegbereiter wäre die Entwicklung der Baumzunft anders verlaufen und unsere Arbeit im Wald sowie im Naturschutz und in der Baumpflege hätte keine solide Grundlage. Deshalb soll an die Leistungen dieser drei Pioniere für unseren Berufsstand erinnert werden, um diese zu würdigen.
Am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert wurden für den Bau von Häusern und Kriegsschiffen sowie für den Bergbau viele Wälder in Mittel- und Westeuropa gerodet. Es gab einen Engpass an Holz- und anderen Waldprodukten. Um diesem Mangel vorzubeugen, wurde damals erstmals eine Nachhaltigkeit der Holzerzeugung gefordert. Diese Zeit markiert damit den Beginn einer geregelten Forstwirtschaft. Die Geschichte führt zurück ins barocke Sachsen zu HANS CARLVON CARLOWITZ (Abbildung 1). Wer war dieser Adelige in der Silberstadt Freiberg?
HANS CARL VON CARLOWITZ, dessen Vornamen in älteren Schriften „Hannß Carl“ geschrieben werden, wurde 1645 in Oberrabenstein bei Chemnitz geboren. Er war das zweite von 16 Kindern, besuchte das Gymnasium in Halle, studierte in Jena Naturwissenschaften, Sprachen und Jura. Er unternahm viele Reisen und lernte, dass die Knappheit an Holz überall in Europa ein akutes Problem war. Anschließend half er seinem Vater bei den sächsisch-böhmischen Grenzvermessungen, wurde Vize-Berghauptmann und übernahm nach dem Tod des Vaters das Gut Arnsdorf. Hier erlebte er extrem trockene Sommer und große Stürme mit erheblichen Baumschäden. Die Borkenkäfer, insbesondere der Buchdrucker, breiteten sich stark in Fichten und Tannen aus. Aufgrund der Holznot war der sächsische Silberbergbau in seiner Existenz bedroht. Die Erzgruben und Schmelzhütten des Erzgebirges (damals eines der größten Montanreviere Europas) brauchten viel Holz als Energiequelle. Der Grubenausbau, der Erzabbau mittels Feuersetzen, vor allem aber die mit Holzkohle betriebenen Öfen der Schmelzhütten vernichteten ganze Wälder. Die Umgebung der Bergstädte war durch Übernutzung weitgehend kahlgeschlagen.
Seine Erfahrungen, Beobachtungen und Verbesserungsvorschläge fasste VON CARLOWITZ in seinem Hauptwerk 1713 zusammen und veröffentlichte die „Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ (Abbildung 2). Es gilt als das erste forstwissenschaftliche Werk und beschreibt die Idee und den Begriff der Nachhaltigkeit. HANS CARL VON CARLOWITZ verstarb 1714 in Freiberg.
VON CARLOWITZ kritisiert in seinem Buch das auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Denken. Ein Kornfeld bringe jährlich Nutzen, auf das Holz des Waldes dagegen müsse man Jahrzehnte warten. Die fortschreitende Umwandlung von Waldflächen zu Äckern und Wiesen sei ein Irrweg. „Der gemeine Mann“ würde die jungen Bäume nicht schonen, weil er spüre, dass er deren Holz nicht mehr selbst genießen könne. Er gehe verschwenderisch damit um, weil er meine, es werde nicht alle. Zwar könne man aus dem Verkauf von Holz in kurzer Zeit „ziemlich viel Geld heben“. Aber wenn die Wälder erst einmal ruiniert seien, „so bleiben auch die Einkünfte daraus auf unendliche Jahre zurück, … sodaß unter dem scheinbaren Profit ein unersetzlicher Schade liegt.“ Gegen den Raubbau am Wald setzt VON CARLOWITZ die eiserne Regel: „.daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe.“
Holz sei so wichtig wie das tägliche Brot, so VON CARLOWITZ. Man müsse es „mit Behutsamkeit“ nutzen, so dass „eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget“ und die Nutzung „immerwährend“. „kontinuirlich“ und „perpentuierlich“ stattfinden könne. „Daßwegen sollten wir unsere Oeconomie also und dahin einrichten, daß wir keinen Mangel daran leiden und wo es abgetrieben ist, dahin trachten, wie an dessen Stelle junges wieder wachsen möge“. Das traditionelle Wort „pfleglich“ schien VON CARLOWITZ jedoch nicht eindringlich genug, die langfristige Kontinuität von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen zum Ausdruck zu bringen. So forderte er „eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung“. HANS CARL VON CARLOWITZ entwickelte damit das „Konzept der Nachhaltigkeit“. „Nach“ gilt hier im Sinne von „auf etwas hin“, „halt“ im Sinne von be- und erhalten, bewahren, in Obhut nehmen. Hierbei muss ein möglichst ausgewogenes Altersklassenverhältnis vorhanden sein oder sukzessive geschaffen werden.
Das Konzept der Nachhaltigkeit erfordert eine Waldwirtschaft, die die Kräfte des Standorts und die Abläufe in der Lebensgemeinschaft Wald optimal nutzt und auch unvorhersehbare Ereignisse berücksichtigt. Sie bietet langfristig mehr Erfolg, größere Sicherheit und zugleich Beiträge für Naturschutz und Landschaftspflege. Die deutsche Forstwissenschaft und damit das Konzept der Nachhaltigkeit erlangten im Laufe des 19. Jahrhunderts weltweite Geltung. Dieser Terminus technicus gehört inzwischen zu den Schlüsselbegriffen für ein erfolgreiches ökologisches und ökonomisches Handeln. Die Nachhaltigkeit (englisch: sustainable development) ist heutzutage ein weltweit diskutiertes Umweltkonzept. Es wurde vor über 300 Jahren von einem sächsischen Wald- und Bergbaufachmann geprägt und ist aktueller denn je.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Naturwissenschaft der Gegenwart begründet. In der Humanmedizin wurden in dieser Zeit erstmals die Zusammenhänge von Mikroorganismen und bestimmten Krankheiten erkannt. ROBERT KOCH (1843 – 1910) kultivierte den Erreger des Milzbrands außerhalb des Organismus und beschrieb somit lückenlos die Rolle eines Krankheitserregers beim Entstehen einer Krankheit. Die Erkenntnisse von LOUIS PASTEUR (1822 – 1895) ermöglichen seitdem die Haltbarmachung flüssiger Lebensmittel durch kurzzeitiges Erhitzen: die nach ihm benannte Pasteurisierung. Weniger bekannt sind die Arbeiten von ROBERT HARTIG (Abbildung 3), der zeitgleich das Leben von Bäumen und deren Krankheiten untersuchte. Er war auf diesem Gebiet der Pionier.
ROBERT HARTIG wurde 1839 in Braunschweig in einer Försterfamilie geboren. Sein Vater war der als Forstmann und Botaniker bekannte Professor und Forstrat THEODOR HARTIG und sein Großvater GEORG LUDWIG HARTIG, ebenfalls ein bedeutender Forstwissenschaftler. Von Jugend an hörte er zu Hause von forstlichen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen. Er studierte von 1863 bis 1864 Forstwissenschaft in Berlin und war dann in Braunschweig und Hannover in der Forstverwaltung tätig. 1866 promovierte er in Marburg und erhielt 1867 den Ruf an die Forstakademie in Eberswalde, wo er Vorlesungen zur Forstbotanik hielt.
1871 übernahm HARTIG die Leitung der pflanzenphysiologischen Versuchsanstalt und 1878 erhielt er den Ruf als Professor der Forstbotanik an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1901 wirkte.
In Eberswalde und München hatte er durch die damals noch relativ neue Lichtmikroskopie die Zellstrukturen von Wirtspflanzen und Krankheitserregern eingehend untersucht. Damit wurden Krankheitsabläufe in Bäumen erkannt und wertvolle Hinweise für die forstliche Praxis gegeben. ROBERT HARTIG beschrieb erstmals die sog. Buchen-Komplexkrankheit, eine noch heute wirtschaftlich bedeutende Buchenerkrankung. Er forschte zudem über die Ursachen der Tannen-Nadelbräune und die Zerstörung von Bauholz durch den Echten Hausschwamm, über den er 1885 eine Monographie verfasst hatte. Hervorzuheben sind seine Untersuchungen über die Mykorrhiza an Wurzeln von Wald-bäumen. Das von ihm beschriebene und nach ihm benannte Netzwerk der Ektomykorrhiza-Pilze zwischen den Wurzeln heißt seitdem „Hartigsches Netz“. Zu fast allen Fragen der Baumbiologie, Forstwirtschaft und Pathologie findet man Ausführungen in seinen Veröffentlichungen.
Bereits 1874 erschien das erste Buch HARTIGS zum Thema: „Wichtige Krankheiten der Waldbäume. Beiträge zur Mycologie und Phytopathologie für Botaniker und Forstmänner.“ Vier Jahre später folgte „Die Zersetzungserscheinungen des Holzes der Nadelholzbäume und der Eiche in forstlicher, botanischer und chemischer Richtung.“ 1882 wurde sein „Lehrbuch der Baumkrankheiten“ veröffentlicht.
HARTIG hatte die besondere Gabe, die von ihm im Lichtmikroskop beobachteten Strukturen auch zeichnerisch darzustellen. So enthalten seine Bücher hervorragende Grafiken vom Aufbau des Holzes, von pilzbefallenem Holz sowie von Pilzfruchtkörpern und Sporen (Abbildung 4 bis 6). Die Bedeutung dieses Wegbereiters zeigt sich auch darin, dass nahezu hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung sein Buch „Wichtige Krankheiten der Waldbäume“ übersetzt wurde und 1975 in der Reihe „Phytopathological Classics“ der „American Phytopathological Society“ erschienen ist. Zudem kam von dem „Lehrbuch der Baumkrankheiten“ 2015 ein Reprint heraus, ebenfalls ein Beleg dafür, dass HARTIGS Arbeiten noch immer bedeutsam sind. ROBERT HARTIG ist somit einer der wesentlichen Begründer der wissenschaftlichen Holzkunde sowie der forstlichen Phytopathologie und hat die Basis für unsere heutige Arbeit gelegt.
Während in Europa und den angrenzenden Ländern im Mittelmeerraum bereits seit Jahrhunderten, teilweise seit Jahrtausenden Wälder gerodet wurden, begann in Nordamerika diese Art der Landnutzung erst durch die Siedler ab dem 17. Jahrhundert. Die Ureinwohner lebten anders und hatten keine Bäume für Häuser, Schiffe oder für den Bergbau gefällt. Die Landschaft war quasi noch unberührt und die Neuankömmlinge fanden alte Baumbestände vor.
Mit der Besiedelung setzte sofort die Rodung dieser ursprünglichen Wälder ein, zunächst an der Ostküste und später auch an der Westküste, wo die Holzfäller riesige, mehrere tausend Jahre alte Bäume vorfanden. Es drohten der Verlust einer beeindruckenden Landschaft und zugleich langfristige Probleme mit der Holzversorgung, wie es sie in Europa seit Jahrhunderten gab. So kam es im 19. Jahrhundert zu der Idee, faszinierende Landschaften unter Schutz zu stellen. 1864 entstand auf Betreiben des Naturschützers JOHN MUIR (Abbildung 7) das erste Schutzgebiet im heutigen Yosemite-Nationalpark (Kalifornien), das 1906 in das entstehende Nationalparksystem eingegliedert wurde.
Wer war JOHN MUIR? Er wurde 1838 als drittes von acht Kindern in Dunbar, Schottland, geboren. Als er elf Jahre alt war, reiste sein Vater mit ihm und zwei Geschwistern in die USA, um die Auswanderung der Familie vorzubereiten. MUIR wurde streng erzogen und musste bereits als Kind schwere Arbeit auf der Farm leisten. Er besuchte keine Schule, sondern bildete sich autodidaktisch. Er begann, Gerätschaften und Maschinen zu erfinden, verdiente dadurch Geld und konnte so an der Universität in Madison/Wisconsin studieren. Seine Hauptinteressen lagen in der Geologie, Chemie und vor allem in der Botanik. 1863 verließ er die Hochschule ohne Abschluss.
MUIR unternahm viele Reisen innerhalb Nordamerikas, hier u. a. einen 1.000-Meilen-Fußmarsch von Kentucky zum Golf von Mexiko, sowie nach Europa, Asien, Australien und Neuseeland. Er betätigte sich als Naturforscher, Schriftsteller und Erfinder. 1898 erschien sein erstes Buch „The mountains of California“ und es folgten noch viele weitere Veröffentlichungen. Er starb 1914 in Los Angeles/Kalifornien.
MUIR, der Schriftsteller und Naturwissenschaftler, schrieb mit wunderbaren Worten über die Natur, über die „herrlichen Wälder an der feuchten und milden Pazifikküste“, wo die Bäume „dicht beisammen wuchsen wie Gras auf einer Wiese“, wo sie „ihre kühnen Kuppeln und Türme 300 Fuß über den Farnen und Lilien, die den Boden überzogen, in die Höhe streckten und jahrhundertelang heiter aufragten und Gottes himmelsfrische Forstarbeit predigten.“ Und er beschreibt die drohenden Gefahren für die Wälder: „Die Indianer fügten ihnen mit den Steinäxten nicht mehr Schaden zu als nagende Biber oder der Verbiss der Elche. Selbst die Feuer der Indianer und die heftigen Blitzeinschläge schienen gemeinsam nur Gutes zu bewirken, indem sie hier und dort eine Stelle für ebene Präriegärten und eine Lichtung für die lichtsuchenden Sonnenblumen rodeten. Als jedoch die Stahlaxt des weißen Mannes in die erschrockene Luft hinausschallte, war ihr Schicksal besiegelt. Jeder Baum hörte den unheilvollen Klang und Rauchsäulen schickten Zeichen gen Himmel.“
Durch seine Reisen, häufig zu Fuß, per Boot oder auf dem Pferd, lernte er im Westen Nordamerikas viele unberührte Landschaften kennen, Orte, die noch nicht durch menschlichen Einfluss verändert worden waren. Anders als die Menschen in Europa hatten die Indianer keine Wälder gerodet oder Burgen und Schlösser errichtet. Er erlebte das Ursprüngliche dieser Landschaft und zugleich die Bedrohung durch die Siedler. So wurde er im Laufe seines Lebens mehr und mehr zum Naturschützer. In seinen Veröffentlichungen beschreibt er sehr eindringlich die Zerstörung der Natur, speziell der Wälder im Westen der USA: „Bäume vernichten kann jeder Narr. Sie können nicht weglaufen; und selbst, wenn sie es könnten, würden sie vernichtet werden – gejagt und zu Tode gehetzt so lange man Spaß oder einen Dollar aus ihrem Borkenfell, ihren verzweigten Hörnern, ihrem herrlichen Stamm-Rückgrat rausschlagen kann. Nur wenige, die Bäume fällen, pflanzen sie; doch selbst das Anpflanzen würde wenig nützen, um diese noblen Urwälder wiederzuerlangen. Während eines Menschenlebens wachsen nur die Sämlinge anstelle der alten – jahrhundertealten – Bäume heran, die zerstört worden sind.“
Auch wenn JOHN MUIR offenbar auch etwas von einem Einzelgänger oder Asketen hatte (siehe Abbildung 7), war er doch zugleich (wie man heute sagen würde) ein Netzwerker. 1903 lud er den Präsidenten der USA, THEODORE ROOSEVELT, ein, mit ihm die landschaftliche Schönheit und Schutzwürdigkeit bedrohter Regionen zu erläutern. ROOSEVELT hatte bereits Bücher von MUIR gelesen, was offenbar seine Bereitschaft für eine solche Reise erhöht hatte. Zusammen gingen sie auf eine mehrtägige Campingtour und besuchten Yosemite in Kalifornien. Dabei erklärte MUIR die Bedeutung des Natur- und Landschaftsschutzes und dass Yosemite als damaliger „State Park“ nur ungenügend geschützt sei. MUIR war dabei offenbar so überzeugend, dass ROOSEVELT das Tal wieder auf die Bundesregierung übertrug; 1906 wurde es als „Yosemite-Nationalpark“ stark erweitert und unter Schutz gestellt.
Diesem Beispiel folgte bald die Ausweisung weiterer Nationalparks in den USA und in anderen Ländern. Inzwischen existieren weltweit mehr als 2.200 Nationalparks. In Deutschland gibt es 16 dieser Schutzgebiete, das älteste ist der „Nationalpark Bayrischer Wald“ aus dem Jahr 1970. Die landschaftliche Vielfalt der Gebiete ist enorm und umfasst fast alle Landschaftstypen. Die Koordination für alle Nationalparks erfolgt durch die IUCN (International Union for Conservation of Nature, www.iucn.org). Die IUCN organisiert alle zehn Jahre einen internationalen Kongress, auf dem Strategien zum Naturschutz in Nationalparks festgelegt werden. Das Engagement eines Einzelnen, dem die Natur am Herzen lag, hat letztendlich zu weltweiten Kooperationen geführt.
Die Definition eines Nationalparks ist nicht in allen Staaten gleich. Doch gibt es eine gemeinsame Idee, die auf den Intentionen MUIRS beruht: die Erhaltung großer, nicht durch menschliche Eingriffe veränderter Naturgebiete für die Nachwelt. Als Nationalpark wird allgemein ein ausgedehntes Schutzgebiet verstanden, das meistens nur der natürlichen Entwicklung unterliegt und durch spezielle Maßnahmen vor nicht gewollten menschlichen Eingriffen und vor Umweltverschmutzung geschützt wird. In der Regel sind dies Gebiete, die ökologisch besonders wertvoll oder von herausragendem landschaftlichem Reiz sind und im Auftrag einer Regierung verwaltet werden. Sie werden oft als Erholungsgebiete und für den sanften Tourismus genutzt (Abbildung 8).
Der besondere Verdienst MUIRS
