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Er ist unberechenbar, kommt und geht, wann es ihm passt, wohin er will und wie es ihm gefällt: Es ist der Wind, welcher der Erzählerin am Steintisch die Geschichten zuträgt. Sie begegnet der Feldmohnblume in ihrer bezaubernden Offenheit, der Blauracke in den Lüften, den Insekten im Gehäuse, wilden Beeren in den Büschen. Dreht der Wind, folgen ihm Blitz und Donner mit Gewalt. Dies bringt sie zurück in ihre Kindheit. Sie bekommt den Tisch ihres Lebens geschenkt, wird von seinem Travertin Millionen von erdgeschichtlichen Jahren zurückgeführt – und muss das Liebgewonnene wieder loslassen. Sie erzählt dem Geliebten von ihrer kurzen Zeit als Kopftuchträgerin und der damit verknüpften Konfirmation. Sie verpasst den Tod eines verehrten Menschen. Als sie sich einer ärztlichen Diagnose stellen muss, verliert sie das Lächeln. Ein Zeuge aus Gold wird zu ihrem Gesprächspartner in dieser schwierigen Zeit, bis sie im Spiegelbild das Lachen wiederfindet und schließlich den Wind, den wankelmütigen, als Begleiter ihres Lebens erkennt: bald Sturm, bald sanfter Hauch.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Als wäre ihr Gang der Gang der Welt
Rütteln an Türen und Toren
Flattern durch die Lüfte
Gehen mit dem Wind
Nacheiszeit
Dauerwelle
Der Kühlraum
Hättest du gewusst zu lächeln
Der Zeuge
Schauen Sie auf die drei Lichtpunkte
Grüner Mond
Dank
Zur Autorin
Er kommt und geht, wann es ihm passt, wohin er will und wie es ihm gefällt, unberechenbar. Er kommt aufbrausend daher, aber auch lieblich sanft. Sein personifizierter Charakter ist intuitiv, oft impulsiv und zeugt von eigenem Willen. Je nach Kulturkreis oder Glaube nennt er sich : kosmischer Atem, himmlisches Kind oder wehender Geist Gottes über dem Wasser, als der er das Schiff des Apostel Paulus vom Kurs abbringt. Er beherrscht den herrenlosen Raum zwischen Himmel und Erde und scheint frei zu sein. Er ist seinem Wesen nach voller Energie und reinigend, doch schwer einschätzbar in seiner Willkür und Kraft – und : Er lebt in Verbundenheit mit den vier Himmelsrichtungen. Je nach Laune tobt er zornig und zerstörerisch, spielt den Unbezwingbaren, gibt den sanften Verführer oder ruht in sich. Allen Geschöpfen, die wittern können, trägt er Gerüche zu, oft von weit her. Auch die Witterung selbst, das Wetter, wird von ihm fortbewegt. Ein Blatt wird zu einem Nichts durch ihn, er bläht Segel, lässt durchaus wissen, woher er weht, und wenn er sich dreht, mag sich sogar das Schicksal wenden.
Diese erzählerische Reise begleitet der Wind auf einer Achse zwischen Stadt und Land und wiederholt gelangt er an einen Tisch aus Stein zurück. Er bewegt sich rückwärts in die Kindheit und Jugend der Erzählerin, lässt ihre Liebe zu Roberto aufleben, führt nach überstandenen Erschütterungen spielerisch die wiedererlangte Leichtigkeit vor. Er trägt persönliche Fassungslosigkeit heran und hält den Atem an in der Begegnung mit dem Tod. Die Reise an seiner Seite durch die vier Jahreszeiten fordert Abschiede und rät vom Festhaltenwollen ab. Der Wind wird zum Weggefährten des Wandels.
Gerade wiegt sie sich hin und her. Zart ist sie beschaffen und von bezaubernder Offenheit. Eines der fragilsten und zugleich widerstandsfähigsten Geschöpfe : die Mohnblume.
Toscana, im Frühsommer. Es ist sieben Uhr morgens. Ich sitze am Steintisch unter den Eichen und ordne meine Schreibutensilien. Im Morgenlicht leuchten schon unzählige rote Blumen. Mit der aufsteigenden Sonne öffnen sie die pelzigen Kelchblätter, um ihre Blütenpracht zu entfalten. Die Botanik spricht von Feldmohn, Klatschmohn, auch von Schlafmohn. Man könnte ebenso gut von einem Wunder sprechen oder, wie es im persischen Sprachraum heißt, von »der Blume der Liebe«, deren Leiden in der gelackten schwarzgrünen Mitte der Blüte liegen soll. Viele haben es schon zu benennen versucht, das fast magische Rot des Mohns. Georgia O’Keeffe hat Blumenmotive als weibliche Formbildung an der Schnittstelle zur abstrakten Malerei dargestellt. Sie hat die Mohnblume in ihrer vollen Sinnlichkeit ins Bild gesetzt, als Punctum, von dem man den Blick nicht mehr wenden kann.
Die Mohnblume wächst in dieser Gegend in Büscheln, manchmal auch vereinzelt inmitten der Wiesengrünkraft, auf sandigem Boden, lehmhaltigem oder gar steinigem. Sie wird hier bis gegen achtzig Zentimeter hoch, gedeiht zunächst unscheinbar in spärlichem Blattkleid an dünnen Stängeln – bis sie eines Tages in der morgendlichen Frühe ihre schützende Blumenhülle wie ein Schultercape abwirft und sich zu einer vierblättrigen Blüte öffnet. In den Abendstunden wird sie ihre Blütenblätter bereits wieder preisgeben müssen. Vielleicht auch erst nach zwei, drei Tagen. Schließlich wird der Wind die unzähligen Samen aus den über Wochen verwitternden Fruchtkapseln davontragen, ihrem noch unbekannten Ziel entgegen. Der rote Mohn geht mit dem Sturmwind und mit der Brise. Er beugt sich dem niederprasselnden Regen und streckt sich nach der wärmenden Sonne. Hat die Blume ihr zerknittertes Kleid entfaltet und luftgebügelt, scheint sie sich wie selbstverständlich mit dem blauen Himmel zu vermählen. Offenherzig lockt sie die dafür empfänglichen Bienenarten und Käfer mit Duftstoffen, sich an ihrem glänzend schwarzen Blütenzentrum zu berauschen. Die schwergewichtige Hummel, als könnte sie das schier Unmögliche im Voraus ausloten, benimmt sich hierbei besonders keck, erlaubt sich ganz unverblümt in das Intimste vorzustoßen und sich an den schwarzgrünen Blütenstempeln des Fruchtknotens zu laben.
Es ist 16 Uhr und ich schaue wieder nach den Blumen der Liebe, von denen es hier so viele gibt. Nur ein Windhauch ist zu spüren ; er genügt, dass die zierlichen Wesen eines ihrer vier Kronblätter verlieren, die andern drei werden bald folgen. Zurück bleibt der nackte Fruchtknoten mit seiner Vielzahl grauschwarzgrüner Staubblätter. Leise Traurigkeit überkommt mich.
Unterdessen ist es Abend geworden. Nichts zieht mich ins Haus. Es ist noch hell und warm, obwohl erst Mitte Juni. Ich sitze draußen im Hof auf einer sonnengewärmten Steinbank. Die noch palavernden Vögel auf den Bäumen sind dabei, sich von ihrer abendlichen Konferenz zurückzuziehen. Bald wird Stille einkehren. Doch da – ich schaue genauer hin und wünsche, meine jüngste Enkelin könnte mit mir die vorbeiziehende Karawane betrachten : Drei Ameisen schleifen emsig und behutsam ein leuchtend rotes Mohnblütenblatt über den Natursteinboden, während vier ihrer Artgenossinnen als Spähtrupp die steinige Gegend absuchen, wohl um die kostbare Fracht vor Gefahren zu schützen. Die Königin habe nach einer neuen seidenen Bettdecke verlangt, Mohnblumenrot sei ihre bevorzugte Farbe, so tuschelt man in ihrem Hofstaat. Wäre das kleine Mädchen da, würde ich das begonnene Märchen mit ihr fortspinnen, bis uns die Dunkelheit ins Haus triebe. Doch da ist das dahinziehende Grüppchen schon verschwunden, als gingen mich ihre weiteren Vorhaben nichts mehr an.
Ich will über die Lebensart der Ameisen mehr erfahren, ohne mich gleich in eines ihrer Nester zu setzen. Obwohl : Ameisen »kenne« ich seit meiner Kindheit. Im Sandhaufen, beim Tunnelbauen und Kuchenbacken störten sie mich nicht wirklich. Hier, auf dem südlichen Landsitz, treten sie allerdings auch als lästige, Honig schleckende Biester auf, schon auf dem Morgentisch unserer im Erdgeschoss liegenden Küche. Ich bemerke sie, im farblichen Kontrast besonders gut sichtbar, in den goldgelben Blütenkelchen der Zucchini im Garten. Beim Öffnen der Fenster sind sie schon da, Leib an Leib gedrängt im Winkel eines spröden Holzrahmens, als wäre da etwas Leckeres zu finden. Ich sehe sie an der Tür des Geräteschuppens zielgerichtet steil aufwärts streben als vielbeinig bewegte Reihe, in fast militärischer Formation. Später werde ich lesen, dass Ameisen überall auf der Welt vorkommen und schon seit Millionen von Jahren die Erde bevölkern. Bei der Nahrungssuche setzen sie ihren Duft als Wegmarkierungen ein, so dass andere ihrer Art ihnen folgen können. Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges gehörte die symbolische Überhöhung der Ameisen zum Zeitgeist. Ihr Staat diente als Modell für eine menschliche Gesellschaft mit »Masse und Elite«. Doch meines Wissens sind Ameisen weder Ungeheuer noch wirtschaftspolitische Modellwesen für Aktivitäts- und Kooperationsverhalten im sozialen Wandel unserer Zeit. Fernab von solchen Vergleichen ist meine Faszination für sie geweckt, seit ich dem Transport der seidenen Mohnblumendecke für die Königin beigewohnt habe.
Zwei Tage später reise ich von Follonica nach Zürich. Die Straßenbahn, die ich vom Zürcher Hauptbahnhof nehme, passiert Bau- und Haltestellen im Wechsel. Dazwischen präsentieren sich Straßencafés längs der Limmat, von Eternit- und Betonkuben umstanden, eine Reihe davon mit südlich anmutenden Rosmarinstauden bepflanzt. Zwei Olivenbäume in Holzbehältern stehen am Eingang eines noblen Restaurants. Ein junger, eingetopfter Feigenbaum, eher kümmerlich anzuschauen, fristet sein Dasein am Eingang einer der zahlreichen Kleiderboutiquen. Die kurze Strecke zu Fuß, die ich bis zur Wohnung zurücklege, ist mit Fahrzeugen vollgestellt. Nur selten sind mir an unserer Straße die dicht beieinander parkenden Autos so aufgefallen wie diesmal, chic und dominant zugleich. Die Parkplatzreihe als Laufsteg. Ich überwinde eine Baugrube auf dem Gehsteig vor unserem Häuserblock. Neue Glasfaserkabel für noch schnellere Internetverbindungen werden zurzeit für die ganze Stadt verlegt. – Am andern Tag, beim Bummel über den Wochenmarkt am Bürkliplatz beim Seebecken, schlendere ich zwischen einer Fülle von Schnittblumen, Früchten und Gemüse durch das wohlorganisierte Markttreiben und genieße die Farbenpracht der Angebote. Danach nehme ich den Weg über die verkehrsreiche Quaibrücke, die ruhig dahinfließende Limmat zu meiner linken Seite, zu meiner rechten den dichten Straßenverkehr. Auch hier passiere ich eine Baustelle und noch eine weitere vor meiner kleinen, vertrauten Buchhandlung beim Bahnhof Stadelhofen. In die schmalen Trampelpfade für die Fußgänger, mit eng geführter Beschilderung, passe ich mich ein. So kanalisiert, bewegen sich die Ströme der Passanten seltsam konvoihaft in strenger Ordnung voran.
Im Laden stöbere ich erst mal in den Titeln auf den Auslegeflächen. Dann greife ich nach einem Buch über die Lebensform der Ameisen. Genau das ist es, was ich suche. Lächelnd packt die Buchhändlerin meine Reiselektüre in mohnblumenrotes Papier. Ein Zufall? Das Buch bleibt ungelesen in der Reisetasche, solange ich meinen städtischen Geschäften nachgehe. Erst auf der Rückfahrt nach Italien, in der Frühe im Zug, beginne ich in der Lektüre zu lesen. Ich tauche ein und bin bald weit weg vom Reiserummel um mich herum. Die Strecke Zürich–Chiasso– Mailand wird zu einer Lesereise über eine weltumspannende, schwarmintelligente Netzwerkgesellschaft.
Mit »Ore dieci e cinquanta, Stazione Milano Termine« werde ich in die Zug-Wirklichkeit zurückgeholt. Wie alle Reisenden folge ich der Lautsprecherstimme, ziehe meinen Koffer zwischen zwei Sitzen hervor, stelle mich ins Sprachgemenge der Warteschlange, steige die Treppe zum Bahnsteig hinunter und hieve mein Gepäckstück nach. Unmöglich, sich einen Weg durch die Bahnhofshalle zu bahnen. Menschenströme ohne erkennbare Systematik. Ich dränge mich über den Bahnsteig und finde mit etwas Glück eine Lücke, um mich nach vorn zur Eingangshalle zu schieben.
