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James Abbott McNeill Whistler (1834-1903) debütierte in der Kunstszene in einem entscheidenden Moment der Kunstgeschichte und wurde zu einer Pionierfigur. Während die Impressionisten den Inbegriff der Avantgarde verkörpern, erreichen Whistlers Gemälde ein Abstraktionsniveau, das vor ihm noch nie erreicht wurde. Seine Porträts aus dieser Zeit seines Lebens, insbesondere das seiner Mutter, zählen zu seinen bekanntesten. Stilistisch wurde Whistler von Gustave Courbet’s Realismus beeinflusst. Auch die orientalisch Kunst, hauptsächlich die japanischen Drucke prägten sein Werk. Seine Kreativität, Eleganz und Persönlichkeit faszinierten seinenBekanntenkreis. Als enger Freund von Stéphane Mallarmé und bewundert von Marcel Proust, spielte Whistler die perfekte Rolle des verführerischen Dandy und der sentimentalen Persönlichkeit, aber gleichzeitig war Whistler sowohl ein erstaunlicher Künstler als auch ein mutiger Erneuerer.Er gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler des 19. Jahrhunderts.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2018
Autor:
Hans W. Singer
Layout:
Baseline Co. Ltd
Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam
© Parkstone Press International, New York, USA
© Confidential Concepts, worldwide, USA
Image-Barwww.image-bar.com
Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
ISBN: 978-1-68325-633-5
Hans W. Singer
James McNeill
Inhalt
Die Kunst des James McNeill Whistler
Einleitung
Whistlers Fehden
Whistlers Meisterwerke
Whistlers Werdegang
Whistlers Radierungen
Whistlers „Kritiker“
Whistlers Kunsttheorie
Die Verhandlung – Whistler gegen Ruskin
Herrn Whistlers Zehn-Uhr-Vortrag
Grafische Kunst
Biografie
Abbildungsverzeichnis
Anmerkungen
Gold und Braun: Selbstbildnis, um 1896-1898. Öl auf Leinwand, 62,5 x 46,8 cm. National Gallery of Art, Washington, D.C.
Als Henry B. Fuller einmal vor einer Versammlung von Künstlern in Chicago über die Frage „Dürfen wir hoffen, in Amerika eines Tages eine nationale Kunst zu besitzen?“ referierte, gab er zur Antwort ein energisches Nein. „Dagegen“, meinte er,
sprechen unsere Abstammung, unsere Umgebung und die Eigentümlichkeiten des Zeitalters. Der Angelsachse geizte schon immer mit dem Zurschautragen seiner Gefühle. Er gibt sich nicht umfassenden Gedanken hin, sondern besteht auf nackten Tatsachen, und die sind der Tod aller Kunst. (…) Das Individuum nimmt eine zu wichtige Rolle für sich in Anspruch. Dadurch wird die Kunst eingeengt, denn deren Rückgrat ist die Form und diese findet man in den Typen, nicht in den Individuen verkörpert.
(…)
Auch unsere Umgebung ist der Kunst feindlich. (…) Das Klima steht unseren künstlerischen Sehnsüchten entgegen. Uns im Wege stehen ferner unsere Geschäftsanforderungen, die uns zum Geldmachen zwingen. Unsere sozialen Ziele bilden ein weiteres Hemmnis.
Dies ist das Zeitalter der Makulatur, oder, in anderen Worten ausgedrückt, das Zeitalter der weitverbreiteten Intelligenz. Es herrscht ein System des geistigen Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens, das jedwedes geistige Sammeln unmöglich macht. Der Wahlspruch für die meisten unter uns lautet: ,Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Zeitung hat.‘
Frei von jedem höheren Kunstverständnis, treiben wir den ,Schlagern‘ zu – den Giebeln aus Gips, den Sensationen. Wir sind das große ,Gören‘-Volk. Wenn wir einen nationalen Tanz haben, so ist es der Veitstanz. Erfindungen und Entdeckungen sind uns zu eifrig eingeimpft worden. Wir haben Magendrücken davon.
Die Kunst sollte vorurteilslos sein, aber der heutige Mensch ist zu selbstbewusst, zu sehr Berechnungsmaschine. Wir federn nicht leicht genug. Wir sprechen wohl davon, dass wir die Natur lieben, aber wir tun es nicht. Wir missbrauchen und erdrosseln die Natur. Aus allen diesen Eigenschaften baut sich unsere ruhmreiche Demokratie auf. Es ist ein trauriger Ruhm, es ist eine traurige Demokratie. Es findet sich kein Plätzchen für die Kunst darin und es wird sich nie eins finden.
Und er schloss mit der Betrachtung:
Das alles betrübt oder verstimmt mich nicht im Geringsten. Die Kunst ist eine Last, ein Kreuz, eine Qual: Das Volk, dem sie nie zu nahe kam, darf sich glücklich schätzen. Kunst ist ein künstliches Bedürfnis und sollte ja nicht großgezogen werden. Wer ohne sie davonkommt, kann froh sein!
Am Klavier, 1858-1859. Öl auf Leinwand, 67 x 90,5 cm. Taft Museum of Art, Cincinnati (Ohio).
Symphonie in Weiß,Nr.1: Das weiße Mädchen, 1862. Öl auf Leinwand, 213 x 107,9 cm. National Gallery of Art, Washington, D.C.
In welchem anderen Land, außer Amerika, könnte man auf eine derartige Selbstpersiflage stoßen! Man entrüstet sich in der alten Welt allerorts über den dortigen Chauvinismus, aber es ist doch bloß, um den eigenen, wenn möglich, zu verhüllen. Niemand auf der östlichen Westhälfte macht es dem Amerikaner so gut nach, sich selbst mit Witz und schonungslos bloßzustellen.
Von Zeit zu Zeit – jetzt, glücklicherweise, wird es allmählich seltener – tischen unsere Zeitungen die läppischsten Berichte oder Anekdoten aus allen Bereichen des menschlichen Lebens auf. Darüber steht dann als Überschrift „Echt amerikanisch“. Dass sie aber nicht die blasseste Ahnung davon haben, was eigentlich „echt amerikanisch“ ist, beweisen die Kolporteure jener Notizen mit traumwandlerischer Sicherheit. Märchenhaftes, Albernes, Unglaubliches, Überwältigendes, Schleierhaftes, Groteskes gibt es anderswo ebenso wie in Amerika.
Wenn es eine Volkseigentümlichkeit gibt, durch die sich unsere Brüder „jenseits des großen Tümpels“ – um mich ihrer eigenen Redeweise zu bedienen – von uns unterscheiden, aus der sich all das Verhalten, das uns oft so fremd anmutet, ableiten lässt, so ist es der Mangel anScheu.
Sie sind in der Tat die große „Gören“-Nation: nicht in dem Sinne der Unreife, sondern in dem der Jugend, die nur die eigne Kraft, nicht aber die Gefahren kennt und infolgedessen an keine Unmöglichkeit glaubt. Der Amerikaner kennt das Gefühl des Überwältigtseins nicht, von was auch immer: Ihm stockt das Blut nie.
Es wird erzählt, dass man einem Amerikaner im Petersdom eine ewige Lampe zeigte, die weit über tausend Jahre ununterbrochen gebrannt haben soll. Welch eine hehre Perspektive für uns eindrucksfähige Menschen!
Dieses spärliche Flämmchen loderte schon, als Karl der Große in Rom gekrönt wurde. Es war da, als Gregor der VII. den einschneidenden Gegensatz zwischen geistlicher und weltlicher Menschheit, das Zölibat, einführte. Es leuchtete, als die Stämme sich zu politischen Völkern kristallisierten und die heutige Geschichte einsetzte. Es flackerte bereits, als unter den Borgia die weltliche Herrschaft des Papstes scheinbar unumstößlich geworden war, und immer noch, als Pius VII. nach gänzlichem Verlust seiner Macht, mitten in der Nacht, ein Gefangener des großen Kaisers, fortgeschleppt wurde. Die Horden des Konnetabel haben es nicht gestört, als sie ihr Verwüstungswerk vollbrachten, ebenso wenig die Scharen Garibaldis, als sie die ewige Stadt so tapfer verteidigten. Dieses winzige zackige Licht, dessen Dasein ein jedes Lüftchen gefährdete, hat Weltenreiche um Jahrhunderte überdauert, obgleich sie auf der Unterjochung der Massen durch den Glauben, durch das Schwert, durch die Willenskraft des Einzelnen wie auf stählernen Pfeilern gebaut zu sein schienen.
Und was kommt dem Amerikaner in den Sinn, angesichts dieser Lampe? – „Ffft! Jetzt ist es aus!“ – Si non è vero, è ben trovato.
Es ist nicht eitle Zerstörungswut oder gar ein niederes Vergnügen daran, Großes in den Staub zu treten, das er hier vorfindet. Aber, wo uns Erben einer tausendjährigen Kultur ein Gefühl hehrer Weihe, scheuer Ehrfurcht beklemmend ergreift, reckt sich in ihm der Weltenhumor, der nichts, mag es aus unserem niederen Gesichtswinkel noch so groß erscheinen, allzu ernst nehmen kann. Unbewusst bäumt sich das Gefühl der eigenen Stärke, das der Jugend eigen ist, gegen Anerkennung irgendetwas Großen auf, denn dadurch wäre ja dem eignen Tun ein Ziel vorausgesteckt. Es ist eben ein Mangel an Scheu.
Dazu das kindliche Vergnügen am Wortgeklimper, am Zauber des sprachlichen Ausdrucks! „Giebel von Gips“ – das ist echt amerikanisch. Man erinnere sich an die Titelüberschriften der amerikanischen Tagesblätter, wie Rhythmus und besonders die Alliteration darin wahre Orgien feiern. Sich mittels eines knappen Spruches – that tastes well in the mouth – mit dem wichtigsten Ereignis abzufinden, das ist ihre Charaktereigentümlichkeit.
Der Künstler in seinem Atelier, 1865-1866. Öl auf Papier auf Tafel, 62,9 x 46,4 cm. Art Institute of Chicago, Chicago.
Die weiße Symphonie: Drei Mädchen, um 1868. Öl auf Pappe auf Holztafel, 46,4 x 61,6 cm. Freer Gallery of Art, Smithsonian Institution, Washington, D.C.
Harmonie in Fleischfarbe und Rot, um 1869. Öl auf Leinwand, 39,7 x 35,6 cm. Museum of Fine Arts, Boston.
Ich kenne Herrn B. Fuller nicht, stelle mir ihn aber etwa wie Whistler vor. Jedenfalls geistig sieht er ihm ähnlich. Weiteren Kreisen wurde Whistler erst durch seinen berühmten Rechtstreit mit Ruskin bekannt.
Als er ihn in Szene setzte, war es ihm nicht um die Zurücknahme einer Beleidigung oder gar die „Wahrung des Marktwertes seiner Erzeugnisse“ zu tun. Auch er wollte ein Licht auspusten. Auch er merkte an diesem von ganz England ehrfurchtsvoll angestaunten Kunstrichter, dass er, von freieren Gesichtspunkten aus betrachtet, eigentlich kleinlich und lächerlich sei, und so „zog er aus, um ihn zu fällen!“
Das hat er getan mit all dem Mangel an Scheu des echten Amerikaners. Wer Ruskins Bekanntschaft zuerst durch die Lektüre des berühmten Heftchens Whistler vs. Ruskin gemacht hat, dem bleibt es für alle Zeit unmöglich, den gefeierten Kritiker schätzen zu lernen. Whistler reiht eine Perlenschnur von Dummheiten – lauter Aussagen Ruskins – aneinander. Auch ohne Whistlers beißende, vernichtende Randbemerkungen müsste man denken, der Mann sei dadurch auf alle Ewigkeit bloßgestellt. An keinem Zitat, das Whistler bringt, ändert er ein Wort: Er führt es richtig an.
Aber er reißt wohl Sätze, wie sie ihm passen, heraus, ohne den Gedankengang ganz anzugeben. Nicht recht ist es, schließlich auch noch in dieser Weise auf sämtliche Böcke eines Menschen den Scheinwerfer einer schonungslosen Publizität zu richten, während man über seine sämtlichen Tugenden, obwohl sie vielleicht überwiegen, den Mantel des Schweigens breitet.
Das ist nicht gerade ehrenhaft, aber recht charakteristisch für Whistler. Etwas später schloss er die Streitschrift Whistler vs. Ruskin in sein merkwürdiges Buch The Gentle Art of Making Enemies (1890) ein.
Der Titel führt irre: „Die artige Kunst sich Feinde zu machen“. Man vermutet dahinter einen Weltweisen, der sich mit überlegenem Humor über die Schwächen der Mitmenschen lustig macht. Nichts von alledem! Es ist der aufgeregte, beleidigte Haderer, der links und rechts maßlos derbe Keulenschläge austeilt, sehr oft alberne Feinde durch beißenden Spott von der Bildfläche wegätzt, ebenso oft aber auch ganz offenkundig im Zank den Kürzeren zieht – und dann zeigt er sich im ungünstigsten Licht. Sehen wir uns seine Fehden ein wenig näher an!
Den braven Ruskin hat er brillant abgefertigt und köstlich ist es auch, wenn er einem seiner Lieblingsopfer, dem „’Arry“ (Henry Quilter), empfiehlt, sich fernerhin doch lieber seines Geruchsinnes statt seines Auges zu bedienen. Quilter hatte nämlich ein Aquarellbildnis von Herkomer für dessen bestes Ölgemälde erklärt. Oder er legt es einem andern „Kritiker“, der Autolithografien mit Heliogravüren nach unfertigen Federzeichnungen verwechselte, nahe, sich doch, ehe er zur Feder greift, bei der Polizei (die in England des Öfteren den Dienst der Galerieaufseher verrichteten) zu erkundigen.
Aber bald, wenn man in Die artige Kunst sich Feinde zu machen weiterliest, trifft man auf Fälle, die einem etwas unbehaglich anmuten. Ist es nicht lediglich ewige Zanksucht, wenn er die absichtslose, einfach als Tatsache vorgebrachte Erzählung seines Schwagers, dass Whistlers 16 Thames-Radierungen erst von einem schlechten Drucker abgezogen wurden, ehe sie zu Goulding kamen, zu einer Haupt- und Staatsaktion aufbauscht! Er beunruhigt in einer Anzahl von Briefen die Zeitungen zweier Welten damit!
Er nimmt die Gelegenheit wahr, den gänzlich unschuldigen, biederen Hamerton, der die Geschichte nacherzählt, eins auszuwischen, indem er Hamerton, den weitbekannten Schriftsteller, „ein gewisser Herr Hamerton“ nennt. Das Hauptziel seines Zorns ist aber der Schwager selbst, mit dem er früher schon öffentlich ein Hühnchen gerupft hatte. Das kam so.
Als Frank Duveneks venezianische Radierungen in London erschienen, glaubte Haden einen Augenblick lang, sie müssten von Whistler herrühren. Er begann, sie mit echten Whistlers zu vergleichen. Geschwätzige Klatschmäuler setzten Whistler hiervon in Kenntnis. In der Form, wie sie es ihm wiedererzählten, hat die Geschichte wahrscheinlich den Anstrich bekommen, als wolle Haden seinem Schwager nachspüren, ob er nicht Arbeiten unter falschem Namen in die Ausstellungen einschmuggele. Jedenfalls tritt daraufhin Whistler eben diese Auffassung in einer bissigen Pressfehde breit.
Schon damals erregte es peinliches Aufsehen, dass jemand den eigenen nahen Verwandten öffentlich verunglimpft. Und auch jetzt noch, wenn man die Briefe dieser verschiedenen Fälle durchliest, berührt es uns unangenehm, dass jemand seine schmutzige Wäsche so vor allen Leuten waschen kann.
Dass jemandem das Feingefühl abgeht, ist ja schon schlimm genug, schlimmer aber noch, wenn er es mit seiner Ehrlichkeit auch nicht so genau nimmt.
Whistler zitiert einen Satz Tom Taylors über Velázquez, aus dem hervorgehen soll, dass Taylors Urteil einfach albern ist. Nun stellt sich aber heraus, dass Taylor diesen Satz nicht über Velázquez im Allgemeinen, sondern über ein einzelnes Werk des Künstlers geschrieben hat, und dass Whistler den Satz aus dem Zusammenhang gerissen hat, der ihn dem Sinn nach wesentlich verändert.
Was tut aber Whistler, als Taylor ihn öffentlich darauf aufmerksam macht, dass das Zitat Whistlers eine wissentliche Entstellung ist? Mit einer souveränen Frechheit, die selbst den Unbeteiligten wütend machen kann, antwortet er: „Warum sich erst streiten über ihr Artikelchen! Die Worte, die ich anführte, haben Sie jedenfalls drucken lassen und es ist sicherlich nicht von Belang, was Sie etwa noch weiter über den Meister drucken ließen.“ Ganz recht hat Taylor – an und für sich ja ein Zwerg im Vergleich zu seinem Gegner –, wenn er daraufhin nur noch um Entschuldigung bittet, dass er sich soweit vergessen konnte, Whistler auch nur für einen Augenblick ernst zu nehmen.
Diese fast heroische Frechheit – die ja zunächst belustigt, aber doch zu guter Letzt einen üblen Nachgeschmack hinterlässt – hilft Whistler über manch anderen Fall hinweg. Einmal als er seinem Herzen Luft machen will und die Kunstkritiker verhöhnt, bringt er sie in Verbindung mit dem ersten großen Verneiner, den die Geschichte kennt: mit Bileams Esel. Darauf weist ihm aber ein Gegner bald nach, dass er sich mit diesem Vergleich geradezu blamiert, sich selbst eine Grube gegraben habe. Denn in der Tat hat nicht Bileam (der Prophet und Künstler Whistler), sondern der Esel (der Verneiner und Kritiker) die Wahrheit erkannt und den Engel des Herrn gesehen!
Eigentlich ist Whistler jetzt schachmatt; aber er setzt sich leichten Gewissens über seine Niederlage hinweg und versucht sie zu verschleiern, indem er den Leser durch einen schnodderigen Witz davon ablenkt. Witzig war es ja wenigstens auch immer noch, wie Whistler sich an seinem Architekten X. rächte, mit dem er über sein Haus in Chelsea in Streitigkeiten geraten war. Er ließ folgende Inschrift über die Tür setzen: „Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Dieses Haus baute Herr X.“
Wie soll man aber sein Benehmen im Fall Leyland entschuldigen? Für die Dekoration des berühmten ,Pfauenzimmers‘ in dessen Haus war ein Preis in Pfund vereinbart worden. Als Whistler nachträglich auf einmal die Summe in Guineen verlangte, war der Besteller selbstverständlich nicht bereit, darauf einzugehen.
Whistler, darüber erbost, obwohl er nicht den leisesten Anschein eines Rechtes für sich in Anspruch nehmen konnte, verändert einen der gemalten Pfauen derart, dass eine deutliche Karikatur auf Herrn Leyland daraus wird, die dieser nun im eigenen Zimmer täglich vor sich haben musste. Außerdem malte er noch ein karikiertes Brustbild dieses Mäzens, das nachträglich in den öffentlichen Handel gelangte.
Symphonie in Weiß,Nr.2: Das kleine weiße Mädchen, 1864. Öl auf Leinwand, 76,5 x 51,1 cm. Tate Britain, London.
Wapping, 1860-1864. Öl auf Leinwand, 72 x 101,8 cm. National Gallery of Art, Washington, D.C.
Wie freut Whistler sich, wenn er sein Opfer bloßstellen kann, wenn er das kleinste Versehen eines in letzter Instanz wohl ganz anspruchslosen, vielgeplagten Zeitungsschreibers mit Jubelgeschrei auf den Markt zerren kann, um den armen Sünder elend lächerlich zu machen! Man sollte meinen, wenn ihm selbst einmal ein Schnitzer passierte, er müsse vor Angst und Scham vergehen. Keine Spur davon!
Als er ein kleines Verzeichnis zu der Ausstellung seiner italienischen Arbeiten herausgab, enthielt es eine wahre Blütenlese von kauderwelschem whistlerianischem Italienisch. Da las man: „Santa Margharita“, „San Giovanni Apostolo et Evangelistoe“, „Cafe Orientale“, „Piazetta“ und endlich das famose „Campo Sta. Martin“. Auch das wurde ihm natürlich vorgehalten, und auch hier hält er dem Gegner nicht ehrlich stand, sondern weicht mit einer Grimasse, einem dummen Witz aus.
Eine ähnliche Erfahrung machte Wedmore mit ihm. Whistler zitiert aus einem Artikel Wedmores: „Ich möchte Whistlers Arbeiten nicht verstehen (understand)“. Eine bornierte Äußerung, wenn sie wirklich geschrieben worden wäre. Wedmore hatte aber gar nicht das geschrieben, sondern vielmehr „ich möchte Whistlers Arbeiten nicht unterschätzen (understate)“, was er natürlich sofort öffentlich bekannt gibt.
Jeder Gentleman würde doch nun wegen dieses falschen Zitats um Entschuldigung bitten, schon allein, um den Verdacht von sich abzulenken, das Versehen sei anders als unfreiwillig geschehen. Whistler setzt aber auf seine Verletzung der Wahrheit noch eine Verletzung der guten Sitte, indem er grob antwortet: „Ja, der Druckfehler ist eigentlich unverzeihlich, denn ich und selbst der Setzer hätten doch wissen müssen, dass es sich bei Herrn Wedmore und seinesgleichen immer nur um das Unterschätzen und niemals um das Verstehen einer Sache handelt.“
Das ist eine Art argumentative Rohheit, die jeden weiteren Austausch, selbst den feindschaftlichen, unmöglich macht, und Wedmore hat auch darauf nicht geantwortet. Oscar Wilde war nicht so klug, vielleicht, weil er über eine nicht minder scharfe, wenn auch feinere Zunge verfügte als Whistler selbst. Er lässt sich einige Male auf ein Wortgeplänkel ein.
Alle diese Streitereien nahmen die Form von Brief und Gegenbrief an die Redaktion irgendeiner beliebten Zeitung an. Diese Form des öffentlichen Austragens von Meinungsverschiedenheiten ist in England und Amerika allgemein beliebt. Whistler verfällt wie gewöhnlich bald in seinen üblichen Stammtisch-Ton. Oscar Wilde zieht sich jetzt zurück und führt dabei seinen Gegner zu guter Letzt trefflich ab. Mit Anlehnung an das Sprichwort, die wahre Nächstenliebe beginne im eigenen Hause, führt er Atlas [Pseudonym des Klatschreporters Edmund Hodgson Yates] als den fingierten Herausgeber der Zeitschrift The World an: „Atlas! dies ist sehr traurig! Bei unserm James beginnt die Pöbelhaftigkeit zu Hause, möge sie dort auch ruhig bleiben.“ Die gelungene Knappheit der Entgegnung lässt sich im Deutschen nicht gut wiedergeben.
Diesen Sieg im Wortstreit hat ihm Whistler nie verziehen: jetzt und auch später verfolgt er Wilde mit hämischen Vorwürfen, dass er ein Plagiator sei. Und die Episode Wilde-Whistler schließt ab mit einem Brief des Letzteren, in dem er eine persönliche Schwäche seines Gegners in einer Weise angreift, die geradezu als gemein zu bezeichnen ist. Es ist ein psychologisches Wunder, wie ein Mann, der sich doch in gebildeten Kreisen bewegt, dermaßen ausfallend sein kann, ohne jedwede Scheu vor dem Äußersten im Ausdruck.
