Janus - Ludvig de Groot - E-Book

Janus E-Book

Ludvig de Groot

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Beschreibung

Damian führt ein unkompliziertes Leben. In zufriedener Zurückgezogenheit verlebt er sein Schriftstellerdasein in einer erfüllten Beziehung mit seinem Partner Pascal. Nichts scheint die Idylle seiner Existenz trüben zu können - bis sich durch einen unverhofften Besuch ein Kapitel seines Lebens auftut, das Damian seit Jahren für abgeschlossen gehalten hat.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für alle, die im Schatten stehen

Inhaltsverzeichnis

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Donnerstag

Das Geräusch des Weckers dringt in mein Bewusstsein. Schrill klingelnd schallt es in meinen Ohren. Halb sechs Uhr morgens. Doch das braucht mich nicht zu stören. Demonstrativ kuschle ich mich tiefer in die Bettdecke. Ich kann liegen bleiben. Schlaftrunken drehe ich mich auf die Seite. «Quäle mich nicht so», wimmere ich schalkhaft flehend in die Dunkelheit. «Schalte diese schreckliche Gerätschaft aus. Bereite dem Terror ein Ende.»

Der Wecker verstummt. Warme Lippen drücken sich auf meinen Mund. Ich erwidere den Kuss halbherzig. «Sei nicht immer so ein Morgenmuffel», höre ich eine glockenhelle Stimme neckend sagen.

«Weshalb macht es mich zum Morgenmuffel, wenn du mitten in der Nacht aufstehen musst um rechtzeitig in der Kanzlei zu sein, wo du den ganzen Tag den Handlanger für alte Männer gibst?», erwidere ich unwillig. Ich höre das Bettgestell ächzen und bemerke durch meine geschlossenen Augenlider, wie das Licht eingeschaltet wird.

«Jetzt tust du mir aber Unrecht, Damian», tönt es etwas verspätet zurück. Höre ich da Ärger in seiner Stimme? Phlegmatisch richte ich mich auf und wende mich in Richtung der Türe. Da steht er. Pascal. Die Hände in die Hüften gestemmt, mit nichts weiter an als einem luftigen Unterhemd und karierten Boxershorts, in die er seinen athletischen Körper hüllt. Zerzaustes, halblanges blondes Haar sendet verschlafene Grüsse von seinem Kopf. Blassgrüne Augen blicken vorwurfsvoll auf mich hinab. Habe ich wieder eine Grenze überschritten? «Komm schon», sage ich beschwichtigend. «Wie lange sind wir nun schon zusammen? Drei Jahre? Vier? Du weisst doch wie ich bin. Meine Worte sind nicht immer so boshaft gemeint, wie ich sie spreche.»

Beruhigt nehme ich zur Kenntnis wie sich Pascals Züge entspannen. «Klar weiss ich das», entgegnet er lächelnd. «Und du solltest inzwischen wissen, dass auch ich mir gern einmal einen Spass erlaube. Was ich dir allerdings übel nehme, ist dass du nicht benennen kannst, wie lange wir schon zusammen sind.» Plakativ hält er vier Finger in die Höhe. «Vier Jahre sind es inzwischen. Das wird noch ein Nachspiel haben, mein Freund. Verlass dich darauf.»

Geschlagen lasse ich mich zurück ins Bett fallen. «Du bist kein guter Mensch», sage ich seufzend und schliesse erneut die Augen.

«Ein besserer als du», höre ich ihn sagen, bevor ich mir ein Kissen greife und es spielerisch nach ihm werfe. «Wie habe ich mich nur jemals auf dich einlassen können?», frage ich in aufgesetztem Unmut und drücke mir die Handballen auf die Augen.

Ein einzelner Lacher wird laut. «Du hast gewusst, dass du niemals etwas Besseres als mich kriegen würdest», meint Pascal. Ich höre, wie er sich sein Unterhemd auszieht und es auf die leere Bettseite zu meiner Linken segeln lässt. Unmerklich neige ich den Kopf und schaue verstohlen unter meiner Hand hervor. Der Anblick seines nackten Oberkörpers genügt, um mich in Erregung zu versetzen. «Wenn ich mir das so ansehe ist da vielleicht sogar etwas dran», kommentiere ich aus der Deckung heraus.

Pascal blickt auf, seine Augen finden die meinen. Ein dreckiges Grinsen, das so gar nicht zu seinem feinen Gesicht passt, macht sich um seine Lippen breit. «Du Schwein», schimpft er mich tadelnd. «Deine Gelüste werden aber leider warten müssen, Dami. Ich sollte mich wirklich beeilen, sonst hauen mir die alten Männer noch auf die Finger.»

«Tu was du tun musst», sage ich bloss und lasse ihn sich unbehelligt anziehen.

«Bis heute Abend», haucht er mir ins Ohr und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

«Ich erwarte deine Rückkehr», gebe ich in gekünstelter Dramatik zurück und wälze mich auf die andere Seite. Die Tür fällt ins Schloss.

Er hat das Licht angelassen. Ich überlege mir, ob es die Mühe wert ist, aus dem Bett zu steigen, das Licht zu löschen und wieder unter die Decke zu schlüpfen. Ich entscheide mich dagegen. Da könnte ich ebenso gut aufstehen. Na, warum eigentlich nicht? In diesem Bett gibt es morgens nichts mehr zu entdecken. Zumindest dann nicht, wenn Pascal bereits gegangen ist…

Ich schlage die Decke zurück, und schwinge meine Beine über die Bettkante. Darauf bedacht, meine Zehen nicht über den kalten Laminatboden streifen zu lassen, schlüpfe ich in meine Hausschuhe und schleppe mich ins Badezimmer. Ich streife meine Kleidung ab, werfe einen kurzen Blick in den Spiegel – ich bin nicht unzufrieden – und trete in die Dusche. Die Brause ist verkalkt, stelle ich fest. Aber das Wasser ist ungetrübt und warm. Der Kalk kann bleiben, urteile ich nachsichtig.

Sauber und frisch, mit einem Handtuch über der Schulter, verlasse ich das Badezimmer. Ich flaniere zum Kleiderschrank und pflücke mir ein paar zufällige Stücke heraus. Ein Sodom-Shirt? Sacred Warpath… Das wird es schon tun, entscheide ich und streife es mir über.

Vollständig angezogen lasse ich das Schlafzimmer hinter mir und gehe über die gewundene Wandtreppe hinunter ins Erdgeschoss. In der Küche bereite ich mir ein kleines Frühstück, bestehend aus einem hartgekochten Ei und einem Glas Orangensaft, das ich mit ins Wohnzimmer nehme. Ich lasse mich auf dem Sofa nieder und schalte den Fernseher ein. Das Essen bleibt unangerührt bis ich auf einen Sender stosse, dessen Programm mir zusagt. Unglücklicherweise scheinen sich die Fernsehverantwortlichen an diesem Morgen gegen mich verschworen zu haben. Ich gebe mich also mit einer Wiederholung der Sportschau vom Vortag zufrieden und tue mich an meinem spärlichen Frühstück gütlich.

Nachdem ich die Ergebnisse der letzten Eishockeyrunde abgewartet habe – meine Mannschaft hat eine ärgerliche Niederlage in der Verlängerung eingezogen – schalte ich das Gerät aus und begebe mich in mein Arbeitszimmer den Gang hinunter. Während der Computer hochfährt, betrachte ich das Bücherregal neben dem Fenster. Den Blick über die Galerie meiner bisherigen Werke schweifen zu lassen, erfüllt mich mit Stolz. Sechs Romane, halb so viele Novellen. Der ganz grosse Wurf ist mir noch nicht gelungen. Doch die Leserschaft, die ich mir erarbeitet habe, ist ein treues Völkchen und mein Material verkauft sich gut genug, dass sich davon leben lässt. Meinen Büchern habe ich viel zu verdanken. Durch meine Arbeit als Schriftsteller habe ich auch Pascal kennengelernt. An einer Lesung zu meinem vorletzten Roman. Der Flug des Schneegreifen. Natürlich, fällt es mir ein. Vier Jahre.

Der Computer ist soweit. Ich öffne das Manuskript meines derzeitigen Projekts. Ein historischer Roman über das Leben Karls XII. von Schweden und die Krise des Grossen Nordischen Krieges. Ich habe ein gutes Gefühl, was dieses Projekt anbelangt. Historische Romane werden in der breiten Öffentlichkeit eher geschätzt als die oftmals als Gossenliteratur verschriene Fantasy. Vielleicht wird mir dieses Buch ja zum ersehnten Durchbruch verhelfen. Von der Fertigstellung des Manuskriptes bin ich allerdings noch ein paar Monate entfernt. Es gilt also sich ranzuhalten.

Bevor ich aber zu schreiben beginne, wende ich mich der Stereoanlage zu. Ohne Musik arbeite ich nur halb so gut. Schnellen Blickes überfliege ich meine CD-Sammlung. Mehr als neunhundert Alben haben sich mittlerweile hier angehäuft. Unmengen an Geld habe ich über die Jahre in diese Kollektion investiert. Und wöchentlich kommen neue Scheiben dazu. Ausschliesslich Schwermetallisches. Etwas anderes als Metal kommt mir nicht ins Haus. Ein Grundsatz, über den ich nicht mit mir reden lasse. Mit diesem Prinzip bin ich noch immer gut gefahren.

Heute gelüstet es mich nach etwas Klassischem, denke ich mir… Blind Guardian. Somewhere Far Beyond. Passt immer. Hat beinahe denselben Jahrgang wie ich. Ist mit der Zeit aber kein bisschen schlechter geworden. Die Scheibe rasch in die Anlage geschoben und angespielt, widme ich mich meiner Arbeit.

Ich komme gut voran. Dieses Projekt habe ich fein durchdacht. Mich akribisch darauf vorbereitet. Den Roman im Vorfeld haarfein skizziert. Ohne grosse Mühe fliessen die Worte aus meinen Fingern. Wenn es derart gut läuft, lege ich nur selten Pausen ein. Ich möchte meinen Fluss keinesfalls ins Stocken bringen. Die einzige Unterbrechung, die sich nicht vermeiden lässt, ist das Ersetzen des durchgespielten Guardian-Albums. Was soll es nun sein? Ich denke, heute bleibe ich bei den Klassikern. Immer recht ist mir Rage. Black in Mind. Lange nicht mehr gehört. Rein damit und weiter geht es. Als auch dieses Album durch ist, verschaffe ich mir einen Überblick, über meine bisherige Tagesleistung. Knapp vier Seiten. In zweieinhalb Stunden. Sehr gutes Tempo. Und es ist noch nicht einmal Mittag. Da geht noch was, sage ich mir, speise die Stereoanlage mit Grave Digger’s Tunes of War-Scheibe und haue weiter in die Tasten.

Bei fünfeinhalb Seiten stoppe ich die Musik. Ein weiteres Kapitel ist vollendet. Für das nächste muss ich mir zunächst etwas Konkretes zurechtlegen, bevor ich damit weitermachen kann. Doch das hat Zeit. Kein Grund zur Hektik. Erst gönne ich mir eine Pause. Den Fortschritt gesichert schliesse ich das Dokument und erhebe mich von meinem Bürostuhl.

Ich gehe in die Küche, und öffne den Kühlschrank. Sieht nicht sehr vielversprechend aus. Mal sehen, was der Gefrierschrank zu bieten hat… Salamipizza. Damit kann ich leben, denke ich und reisse die Verpackung auf. Vierzehn Minuten bei hundertachtzig Grad, lese ich auf der Rückseite. So möge es sein.

Während der Backofen sich der Zubereitung meines Mittagessens annimmt, begebe ich mich ins Wohnzimmer. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Der Himmel sieht ganz und gar nicht freundlich aus. Dunkle, graue Wolken soweit das Auge reicht. Würde mich sehr wundern, wenn es heute trocken bliebe. Doch meine Sorge braucht das nicht zu sein. Ich habe an diesem Tag nichts mehr vor, was mich nach draussen führen würde. Dankbar über diesen Umstand lasse ich mich auf das Sofa sinken und nehme mir eine Zeitschrift von dem Stapel, der sich auf dem Couchtisch vor mir angesammelt hat. Uninspiriert blättere ich darin herum. Wein. Um Kalifornien dreht sich diese Ausgabe. Napa Valley. Nicht meine liebste Region. Ich bevorzuge Italiener. Aus dem Süden. Basilikata. Oder Sizilien. Da fällt mir ein, dass ich meinen Weinkeller wieder einmal aufstocken sollte. Ein paar einsame Flaschen dürfte ich noch haben, doch der Einkauf hält dem Verbrauch schon länger nicht mehr die Waage. Das sollte man bei Gelegenheit korrigieren.

Der Backofen meldet sich. Ich lege die Zeitschrift weg und folge dem aufdringlichen Piepen in die Küche. Prüfend werfe ich einen Blick in den Ofen. Sieht nicht schlecht aus. Zwei weitere Minuten in der Hitze würden der Pizza allerdings nicht schaden… Doch meinem klagenden Magen ist dies egal. Ich nehme die Pizza aus dem Ofen und teile sie in acht gleiche Stücke. Bevor ich mich an den Tisch setze, halte ich inne. Zu einer guten Pizza würde sich eigentlich ein schöner Roter empfehlen. Ich schaue auf die Uhr. Halb zwölf. Keine Zeit, in der man sich für ein Glas Wein rechtfertigen müsste. Ich lasse die Pizza wo sie ist und verlasse die Küche in Richtung Keller.

Das Weinregal sieht tatsächlich etwas unausgefüllt aus, denke ich mir, unten angekommen. Sechs, sieben, acht… Genau zehn Flaschen liegen noch hier. Mal sehen, was da herumliegt… Primitivo di Manduria… Zu füllig. Südafrikanischer Cabernet Sauvignon. Bah… Den muss Pascal gekauft haben. Hm. Barbera d’Alba. Zwei Jahre alt. Keine Schande, den zu einer Tiefkühlpizza aufzumachen. Perfekt. Ich greife mir die Flasche und kehre dem Keller den Rücken.

Wieder in der Küche entkorke ich den Wein und schenke mir ein Glas ein. Dreimal geschwenkt nehme ich prüfend einen Schluck. Nicht unbedingt überragend. Die Gerbstoffe sind nicht ganz so ausgeprägt wie ich es von einem Italiener sonst erwarte. Dafür kommt die Säure eher zur Geltung. Eigentlich nicht untypisch für einen Barbera. Nicht ganz mein Stil zwar, doch qualitativ einwandfrei. Und einen allzu schweren Wein habe ich ja ohnehin nicht aufmachen wollen. Passt schon.

Ich konserviere die angefangene Flasche mit einem Vakuumverschluss und stelle sie neben mir auf den Tisch. Mehr als ein Glas werde ich aber wohl nicht trinken. Für getrübte Sinne habe ich keine Verwendung, wenn ich später weiterarbeiten will. Bevor ich mich an den Tisch setze, kümmere ich mich darum, meinen Notizblock und einen Kugelschreiber zur Hand zu haben. Das nächste Kapitel will geplant sein, bevor ich mich wieder an den Computer setze. Und welch bessere Gelegenheit gibt es, die Gedanken zu ordnen, als ein ruhiges Essen bei einem Glas Wein?

Eine Skizze für das kommende Kapitel anzufertigen, fällt mir nicht schwer. Vor Monaten bereits habe ich die ganze Geschichte weitestgehend umrissen. Nun gilt es nur noch zu entscheiden, was ich alles in dieses Kapitel packe, und welchen Begebenheiten ich noch einen gewissen Aufschub gewähren kann. Es dauert nicht lange, meine Notizen zu vervollständigen und auch das Weinglas ist bald geleert. Nur der Pizza muss ich mich geschlagen geben. Zwei Stücke wandern in den Kühlschrank. Den Teller und mein Glas verstaue ich in der Spülmaschine. Meinen Notizblock bringe ich ins Arbeitszimmer. Doch um weiterzuschreiben ist es noch zu früh, spüre ich. Ich wende mich dem Bücherregal zu. Rebecca Gablé. Das Haupt der Welt. Der erste historische Roman, den ich damals gelesen habe. Kann nicht schaden, ein wenig darin zu blättern, wenngleich Otto der Grosse und Karl XII. nicht gerade derselben Epoche entspringen.

Ich nehme mir das Buch, und mache es mir damit im Wohnzimmer bequem. Wirklich gut geschrieben, das Ganze. Die Autorin nimmt sich zwar ein paar Freiheiten was die geschichtliche Korrektheit anbelangt, doch dadurch wird das Interesse des Lesers lediglich gesteigert. Ich kann mich jedenfalls gut daran erinnern, wie ich dieses Buch damals in wenig mehr als einer Woche ausgelesen habe. Ich sollte mich einmal darüber informieren, womit sich die gute Frau in der Zwischenzeit so beschäftigt hat. Ein Buch in dieser Art würde ich gerne wieder einmal in die Finger bekommen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, sind beinahe zwei Stunden vergangen. Das war so eigentlich nicht geplant. Doch weshalb sich daran stören? Ich komme in letzter Zeit ohnehin zu selten zum Lesen. Und gearbeitet habe ich heute Morgen gut genug. Trotzdem sollte ich mich allmählich wieder hinter den Bildschirm klemmen. Es gibt für einen Schriftsteller nichts Unseligeres als sich auf bereits Geleistetem auszuruhen.

Im Arbeitszimmer verstaue ich das Buch wieder im Regal, und stelle mir das musikalische Programm für den Nachmittag zusammen. Sabaton's Carolus Rex harmoniert doch wunderbar mit der Materie meines Projektes. Lionheart von Saxon dürfte mich ebenfalls gut begleiten, denke ich. Das selbstbetitle Debütalbum von Noble Beast vielleicht noch. Wenn ich mit diesen dreien durch bin, sollte mein Tagwerk vollbracht sein. Und falls nicht kann ich immer noch eine vierte Scheibe einlegen.

Der Schreibprozess geht ähnlich flüssig voran wie am Morgen. Die Notizen, die ich während des Mittagessens angefertigt habe, sind mir ein guter Wegweiser. Nur selten muss ich mir Gedanken um die Konstruktion irgendwelcher Übergänge, oder das Auskleiden schwieriger Passagen machen. Womöglich habe ich heute einfach einen guten Tag erwischt.

Wesentlich früher als erhofft verklingen die letzten Töne von Noble Beast. Die Anzahl Seiten, die ich in dieser Zeit habe schreiben können, interessiert mich in diesem Moment nicht. Ich spüre, dass ich noch mehr leisten kann an diesem Tag. Dass es noch zu früh ist um Feierabend zu machen. Vor allem aber sollte ich mich davor hüten, den Lauf, den ich heute geniesse, vorzeitig enden zu lassen. Es ist ja nicht gesagt, dass es morgen genauso sein wird.

Eine vierte Scheibe muss her. Was soll es nun sein, zum Abschluss? Schwierig. Etwas… Farbigeres diesmal. Etwas Erhebendes. Ah… Angra. Temple of Shadows. Etwas vom Schönsten, was jemals auf eine Musik-CD gebrannt worden ist. Ich lege das Album ein, und schon das Intro versetzt mich in helle Vorfreude über die Musik, welcher ich mich für die nächste Stunde ausgesetzt sehe. In solch einer Hochstimmung ist es mir gar nicht möglich, einen schlechten Abschnitt zu schreiben, denke ich, und nehme meine Arbeit wieder auf.

Als der finale Titel des Albums angespielt wird, sichere ich das Dokument ein letztes Mal an diesem Tag. Ich lege die Arbeit nieder und lehne mich in meinen Stuhl zurück. Zufrieden lausche ich den letzten Minuten des Meisterwerks in meiner Stereoanlage. Während der abschliessenden Klaviertöne richte ich mich wieder auf und verschaffe mir einen Überblick über mein Tagwerk. Ich zähle zwölf Seiten. Umwerfend. Bereits morgen sollte ich dieses Kapitel wieder abschliessen können. Ich schalte die Stereoanlage aus, und schaue auf die Uhr. Sechs Uhr abends. Auch Pascal hat nun Feierabend, geht es mir durch den Kopf. Eine Stunde bleibt mir, bis er nachhause kommt. Ich fahre den Computer herunter. Unschlüssig schaue ich mich im Raum um. Mein Blick bleibt auf dem Bücherregal haften. Ich stehe auf, und nehme mir eines der Bücher heraus. Das Haupt der Welt. Dieser Roman hat es mir aufs Neue angetan, bemerke ich und mache mich mit dem Buch in der Hand auf ins Wohnzimmer.

Ich setze mich auf das Sofa und lagere meine Füsse auf dem Couchtisch. Ein greller Blitz leuchtet durch das Fenster in den Raum. Der Donner folgt auf der Stelle. Regen setzt ein. Starker Regen. Das sieht ungemütlich aus. Hoffentlich kommt Pascal da draussen zurecht… Ach, dem wird schon nichts passieren, sage ich mir. Der ist schon mit ganz anderen Dingen fertiggeworden. Von ein bisschen Wasser wird der sich nicht beeindrucken lassen, denke ich und schlage mein Buch auf.

Abwechselnd bäuchlings und rücklings liege ich nun auf dem Sofa und lese bis ich das Geräusch eines Schlüssels höre, der sich im Haustürschloss dreht. Die Tür schwingt auf und wird sofort wieder zugeschlagen. «Scheissregen», höre ich Pascal auf dem Flur murren.

«He!», rufe ich streng. «In diesem Haus verbitte ich mir solch unflätige Sprache!»

Pascal weiss, dass ich es nicht ernst meine. «Gerade du musst etwas sagen», entgegnet er spottend. «Du hast einmal ein Kind als Arschloch bezeichnet, nur weil dir ein Aufkleber auf seinem Schulranzen nicht gepasst hat.»

«Mag sein», räume ich ein. «Doch ist das nicht in diesem Haus passiert.» Zwei Sekunden lang herrscht Stille. «Touché», tönt es schliesslich vom Flur.

Augenblicke später erscheint Pascal im Wohnzimmer. Tropfend steht er im Türrahmen. Seine blonden Haare sind ihm vom Regen auf die Stirn geheftet worden. Beinahe könnte man meinen, er habe eine Lektion im Waterboarding erhalten. Wenigstens seine Kleidung ist unter der Jacke einigermassen trocken geblieben, stelle ich fest. «Du siehst scheusslich aus», sage ich.

«Schönen Dank, du Armleuchter», meint er schnaubend. Er hält eine weisse Plastiktüte hoch. «Ich habe uns etwas vom Chinesen besorgt. Wollen wir essen?»