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Jean Philippe Baratier (1721–1740) wuchs in der französisch-protestantischen Kolonie Schwabach auf, wohin sein Vater als Pfarrer berufen worden war. Schon früh überraschte Jean Philippe mit seiner herausragenden Begabung; bereits im Kindesalter beherrschte er fünf Sprachen. Er galt als Außenseiter und Sonderling, der mit Gleichaltrigen wenig anzufangen wusste und sich lieber im Kreis von Gelehrten aufhielt. Sein großes Interesse galt dem Studium der Geschichte, Philosophie, theologischen Schriften, Astronomie und Mathematik. Seine Forschung als 14-Jähriger zur Berechnung der Längengrade erscheinen damals wie heute unglaublich. Die Biografie erzählt von diesem "Schwabacher Wunderkind", das nur 19 Jahre alt wurde, und gleichzeitig erstmalig von der schwierigen Entwicklung der einstigen französischen Kolonie Schwabach hin zur heutigen evangelisch-reformierten Gemeinde.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2021
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herausgegeben von Thomas Götz
URSULA KAISER-BIBURGER
Das Schwabacher Wunderkind
Biografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Bedingte mit dem Bedingenden. So ist Lesen Lernen und Vergnügen zugleich.
Dafür sind gut 100 Seiten genug – also ein Wochenende, eine längere Bahnfahrt, zwei Nachmittage im Café. Wobei klein nicht leichtgewichtig heißt: Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert, aber nicht speziell vorgebildet ist.
Bayern ist von nahezu einzigartiger Vielfalt: Seine großen Geschichtslandschaften Altbayern, Franken und Schwaben eignen unverwechselbares Profil und historische Tiefenschärfe. Sie prägten ihre Menschen – und wurden geprägt durch die Männer und Frauen, um die es hier geht: Herrscher und Gelehrte, Politiker und Künstler, Geistliche und Unternehmer – und andere mehr.
Das wollen die KLEINEN BAYERISCHEN BIOGRAFIEN: Bekannte Personen neu beleuchten, die unbekannten (wieder) entdecken – und alle zur Diskussion um eine zeitgemäße regionale Identität im Jahrhundert fortschreitender Globalisierung stellen. Eine Aufgabe mit Zukunft.
DR. THOMAS GÖTZ, Herausgeber der Buchreihe, geboren 1965, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und legte mehrere Veröffentlichungen, vor allem zu Stadt und Bürgertum in Bayern und Tirol im 18., 19. und 20. Jahrhundert, vor. Darüber hinaus arbeitet er im Museums- und Ausstellungsbereich.
Einleitende Gedanken
Das Leben Jean Philippe Baratiers
I.
Die Kindheit
Die Herkunft der Familie / Begriffsklärung »Hugenotten« / Die Eltern François und Anne Baratier / Der Biograf Jean Henry Samuel Formey / Kindheitsjahre / Jean Philippes seltsame Essgewohnheiten / Kaum Umgang mit Gleichaltrigen
II.
Erste Schritte als »Wunderkind«
Der religiöse Einfluss auf die Erziehung / Der Reformator Johannes Calvin / Optimale Förderung mit Liebe und viel Unterhaltung / Lesen lernen ein Kinderspiel / Eine ungewöhnliche Sprachkompetenz / Griechisch und Hebräisch vervollständigen den Sprachenkanon / François Baratier: Vater, Erzieher, Lehrer und Förderer / Lesen allein genügt nicht mehr / Pädagogische Grundsätze des Vaters / Erste umfangreiche Übersetzung / Im Widerstreit mit einem Häretiker
III.
Die akademische Karriere
Studentenzeit in Altdorf / Umzug nach Halle / Ausflug in die glänzende Welt am preußischen Königshof / Ein Beispiel aus der Erziehungspraxis / Aufnahme in die Königliche Akademie der Wissenschaften / Rückkehr nach Halle / Zurück zu seinen ersten Themen / Unstillbarer Wissensdurst
IV.
Jean Philippe Baratier und die Astronomie
Entdeckung der Astronomie / Antwort der Royal Society / Die Längengrad-Berechnung / Astrolabium / Trotz Absagen wird weiter geforscht / Das Selbstbewusstsein wächst mit jeder Entdeckung
V.
Krankheit, Tod und Vermächtnis
Erste Krankheitszeichen bereits im Kindesalter / Machtlos der Medizin ausgeliefert / Das Ende bahnt sich an / Letzte Ehren und Vermächtnis / Jean Philippes Tod aus Sicht der Biografen / Tod der Eltern / Wunderkind oder »nur« hochbegabt?
Das Schwabacher Umfeld der Baratiers
VI.
Die französischen Glaubensflüchtlinge in Franken
Motive für die Ansiedlung der Refugiés in Franken / Die erste Station: das markgräfliche Ansbach / Die Bedeutung der Synoden bei den französischen Protestanten / Viele Privilegien nur für die Refugiés / Der beschützende Markgraf stirbt
VII.
Die französische Kolonie in Schwabach
Ein verlockendes Umzugsangebot / Ankunft in der zugewiesenen Stadt / Der Bau des Kirchenhauses / Neue Wohnhäuser, ein Schulhaus und ein Friedhof / Von Lehrern und Schülern / Michel de Claraveaux – Teppichwirker und Motor der französischen Kolonie / Neue Ideen versus alte Gewohnheiten / Wirtschaftlicher Aufschwung zu einem sehr hohen Preis / Permanente Konkurrenzkämpfe / Nichts als Zank und Streit im Stumpfwirker-Handwerk / Auch die französischen Bortenmacher haben zu leiden / Immer mehr französische Handwerker verlassen die Stadt / Die starke Mobilität der Franzosen wird zum Problem
Die Entwicklungen in der Kirchengemeinde
VIII.
Aus den Refugiés werden reformierte Protestanten
Im 18. Jahrhundert / Was bedeutet Kirchenzucht? / Im 19. Jahrhundert / Einblicke in das Gemeindeverzeichnis der Jahre 1860 bis 1875 / Veränderungen markieren den Weg in die Gegenwart
Schlussgedanke
Anhang
Zeittafel / Literaturverzeichnis / Bildnachweis / Dank
Was verbindet Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven mit Jean Philippe Baratier? Gemeinhin werden sie als Wunderkinder bezeichnet! Früher ist das eine durchaus übliche Bezeichnung für Kinder mit ungewöhnlichen Talenten gewesen. Heute ist das anders. Zwar haben die beiden genannten Musiker eine wesentlich größere Popularität erlangt als der junge Geistes- und Naturwissenschaftler Baratier, aber gemeinsam ist allen dreien neben ihrer Genialität die Tatsache, dass sie im 18. Jahrhundert geboren worden sind. In jenem Jahrhundert hat es eine Vielzahl an ganz besonders begabten Kindern gegeben, die sich aufgrund ihrer außerordentlichen musikalischen, sprachlichen oder mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten von gleichaltrigen Kindern ihrer Zeit abgehoben haben und daher als sogenannte »Wunderkinder« gefeiert worden sind.
Zu diesen Ausnahmeerscheinungen zählt Jean Philippe Baratier, der am 19. Januar 1721 geboren wurde. Wenngleich seine herausragenden Sprachkompetenzen zunächst nur innerhalb der bildungsbeflissenen höfischen Gesellschaft für Aufsehen sorgten, so erntete er doch alsbald allgemein Respekt und Bewunderung für seine Fähigkeiten. Besonders wichtig war für seine Entwicklung die bestandene Prüfung an der Universität Halle zum Magister Artium 1735. Im Alter von 14 Jahren, als Jüngster in diesem Kreis, erhielt Jean Philippe mit dieser Ernennung die gebührende Anerkennung und den Eintritt in die damalige Wissenschaftswelt.
Ohne Zweifel musste das Jahr 1721 ein ganz besonderes gewesen sein. Nur knapp drei Wochen nach der Geburt von Jean Philippe Baratier erblickte ein weiteres »Wunderkind« in Lübeck das Licht der Welt: Christian Heinrich Heineken (6. Februar 1721). Die beiden Knaben offenbarten bereits im frühesten Kindesalter außerordentliche Sprachfähigkeiten. Dennoch sah Immanuel Kant in ihnen nur »frühkluge Kinder«, wie Ingrid Bodsch in ihrer Abhandlung erwähnt. Vielleicht waren diese Begabungen für ihn gar nicht so ungewöhnlich, vielleicht nur »merk-würdig« im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Heineken konnte mit 14 Monaten das Alte Testament rezitieren, beherrschte mit zwei Jahren Französisch sowie Latein und mit knapp drei Jahren zählte er die Mitglieder aller europäischen Herrscherhäuser auf. Jean Philippe Baratier vermochte hier durchaus mitzuhalten. Mit fünf Jahren beherrschte er fehlerfrei vier Fremdsprachen. Als Sechsjähriger lernte er darüber hinaus Altgriechisch und die »heilige« Sprache Hebräisch. Während Christian Heinrichs Lebenslicht bereits in dessen vierten Lebensjahr am 27. Juni 1725 wieder erlosch, erblühten Jean Philippe Baratier sowie sein unbeschreiblich vielfältiges wissenschaftliches und naturwissenschaftliches Schaffen, das jedoch ebenfalls sehr früh endete: Im Alter von nur 19 Jahren starb Jean Philippe Baratier.
Betrachtet man das Leben dieses jungen Gelehrten, dann kann dies nur unter Einbeziehung seiner französisch-protestantischen Eltern geschehen, die ihn gemäß den religiösen Maximen von Jean Calvin erzogen haben.
Beide Elternteile mussten unabhängig voneinander Frankreich wegen ihrer calvinistischen Glaubensauffassung heimlich verlassen. Im Markgraftum Brandenburg-Ansbach konnten sie ihren Glauben in einer eigenständigen Kolonie als französisch-protestantische Gemeinde geschützt leben. Auch wenn die Mitglieder dieser französischen Kolonie viele Anfeindungen und Benachteiligungen durch die einheimische Bevölkerung erleben mussten, schafften sie es, bis heute als evangelisch-reformierte Gemeinde bestehen zu bleiben. Deshalb gehören die 300 Jahren alte Geschichte dieser Gemeinde und die Lebensbeschreibung von Jean Philippe Baratier zusammen; beide sind bis heute in Schwabach wichtig und sichtbar. Aus diesem Grund widmen sich der zweite und dritte Teil dieser Abhandlung der Entwicklung der evangelisch-reformieren Gemeinde.
Jean Philippe Baratier vor 1735. Kupferstich nach einem Gemälde von Antoine Pesne (1683–1757).
AnmerkungDie hier verwendete Schreibweise des Namens Jean Philippe basiert zum einen auf den alten Schriften aus dem 18. Jahrhundert in lateinischer, französischer und englischer Sprache und zum anderen auf der maßgeblichen wissenschaftlichen Festlegung in der Gemeinsamen Normdaten Bank (GNB). Nur in jüngeren deutschen Abhandlungen findet sich die Verwendung des Bindestrichs (Jean-Philippe).
Die Eltern und Vorfahren von Jean Philippe waren französische Protestanten, die in Frankreich mit dem Schimpfwort »Hugenotten« belegt wurden. Sie zählten zu den evangelischen Christen, die der Glaubensauslegung des Schweizer Reformators Jean Calvin (1509–1564) folgten. Offiziell bezeichnete man sie im 16. und 17. Jahrhundert als »Christodins«.
Zwar erließ der französische König Heinrich IV. (1553–1610) am 13. April 1598 das Toleranzedikt von Nantes, in dem er vordergründig den Nichtkatholiken bzw. den evangelischen Protestanten die Ausübung ihrer Religion in Frankreich garantierte. Aber da er unvermindert die Glaubenseinheit im Blick hatte, blieb die Unterdrückung von religiös Andersdenkenden trotzdem ungestraft. Mit dem späteren König Ludwig XIV. (1643–1715) erlebten die evangelischen Protestanten und damit auch die Anhänger von Calvin eine gewaltige Unterdrückungswelle. Dieser Herrscher scheute nicht davor zurück, neben Repressalien auch Gewalt als probates Mittel für die Durchsetzung seines Grundsatzes: »Une foi, une loi, un roi« (dt. »ein Glaube, ein Gesetz, ein König«) anzuwenden. Der König ging nämlich davon aus, zur Sicherung seiner Macht, nicht auf die katholische Kirche verzichten zu können. Von daher duldete er kein weiteres religiöses Bekenntnis neben der katholischen Staatsreligion.
Somit wurde das relativ tolerante Edikt von Nantes widerrufen und durch das harte Edikt von Fontainebleau am 18. Oktober 1685 ersetzt. Das bedeutete, dass die Ausübung des protestantisch-reformierten Glaubens verboten sowie der Abriss aller bestehenden reformierten Tempel (so wurden deren Kirchen damals bezeichnet) befohlen wurde. Den Pastoren bzw. Pfarrern blieb nur übrig, entweder ins Exil zu gehen oder sich zu bekehren. Für jeden Gläubigen gab es also nur noch die katholische Religionszugehörigkeit. Qual, Not, Leid und Ermordung gehörten fortan für die französischen Protestanten zum Alltag. Um zu überleben, mussten sie sich daher öffentlich zum katholischen Glauben bekennen und diesen auch demonstrieren oder sie mussten Frankreich verlassen.
Das Hugenottenkreuz, Kennzeichen der französischen Protestanten, stammt vermutlich von einem Goldschmied aus Nîmes um 1688.
Die Protestanten, die zwangsweise und gegen ihre Überzeugung diesem Postulat folgten, wurden als Neukonvertierte bezeichnet. Fortan mussten sie auf die strenge Einhaltung des sonntäglichen Messebesuchs und aller katholischer Sakramente von der Taufe bis zum Empfang der letzten Ölung in der Todesstunde achten. Daher übten nicht wenige Neukonvertierte ihren reformierten Glauben nur noch heimlich zu Hause aus. Alternativ fanden ihre Versammlungen unter freiem Himmel an abgelegenen Orten statt. Wenn aber diese Treffen entdeckt wurden, dann erwarteten die »Widerspenstigen« Strafen im Gefängnis oder auf den Galeeren. Als Ausweg gab es nur das Wagnis der – strengstens verbotenen – Flucht ins Ausland, wobei die Menschen alles, was sie an Hab und Gut besaßen, zurücklassen mussten. Etwa 170.000 französische Protestanten, darunter auch die Familie Baratier, nahmen die Gefahren der heimlichen Flucht auf sich. Die Wege der Refugiés führten in die Schweiz, die Niederlande und in die benachbarten deutschen Fürstentümer. Ein Großteil ließ sich in Norddeutschland oder im Herrschaftsgebiet des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) nieder. Auch im Markgraftum Brandenburg-Ansbach fanden sie offene Türen.
Begriffsklärung »Hugenotten«
Die Bezeichnung »Hugenotten« wurde zunächst von den katholischen Gegnern als Spottname verwendet. Seit 1553 war dieser in der Stadt Tours an der mittleren Loire belegt, stellte Johannes Bischoff fest. Zuvor bezeichnete man die evangelischen Christen in Frankreich, die sich im 16. und 17. Jahrhundert auf den Schweizer Reformator Jean Calvin (1509–1564) beriefen, als »Christodins«. Aber weil sich die Anhänger Calvins mit ihren heimlichen nächtlichen Zusammenkünften selbst »etwas Gespenstisches« verliehen hatten, wurden sie im verächtlichen Vergleich mit der Gestalt Hugo Capets als »huguenots« (dt. »die kleinen Hugos«) verspottet. Denn nach damaligem Aberglauben soll jener Hugo als Ahnherr und Begründer des französischen Königshauses der Kapetinger die Gassen in der Nacht als Gespenst unsicher gemacht haben.
Die französischen Protestanten bezeichneten sich selbst nie als »Hugenotten«. Und in Deutschland kam diese Bezeichnung im mündlichen Sprachgebrauch erst vor etwa hundert Jahren auf. Vor 300 Jahren nannte man die französischen Protestanten »Français Reformés« oder »Refugiés Français« (dt. »französische Flüchtlinge«) oder einfach nur »Franzosen«. Allerdings sollte man diese Bezeichnung nicht mit den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsetzen. Diese französischen Protestanten setzten sich ganz bewusst, aus freiem Entschluss wegen ihres Glaubens und ihres Bekenntnisses zum Evangelium, dem Wagnis der verbotenen Flucht aus. Sie nahmen dabei den Verlust von Heimat, Besitz und gesicherten Einkommensverhältnissen in Kauf. Deshalb wird in diesem Buch auf die Verwendung des ansonsten üblichen Begriffs »Hugenotten« verzichtet.
Der Vater François Baratier, vermutlich ein Kaufmannssohn, stammte aus Romans-sur-Isère in der Provinz Dauphiné, wo er im Jahr 1682 geboren wurde. Als er drei Jahre alt war, floh seine Mutter Isabeau mit ihm aus religiösen Gründen in die Schweiz in den Kanton Waadtland. Nach den Aufzeichnungen von Karl Eduard Haas wurde François Baratier in Vevay und Lausanne unterrichtet, ehe er mit 17 Jahren in Berlin-Dorotheenstadt als Primaner das »Collège français« besuchte. Nebenbei war er als Erzieher in einer vornehmen Berliner Familie angestellt. Sein Wissen musste bemerkenswert gewesen sein, denn sonst hätte er nicht ohne ein vorangegangenes Studium 1710 sein theologisches Examen in Frankfurt/Oder erfolgreich ablegen können.
Mit 32 Jahren kam François Baratier 1714 als Pfarrer bzw. Prediger in die »Hugenottensiedlung« Wilhelmsdorf bei Emskirchen. Dort ehelichte er am 22. Oktober 1715 die Kaufmannstochter Anne Charles, die aus Chalons-sur-Marne stammte. Auch sie gehörte zu den unterdrückten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Alsbald wurde der erste Sohn des jungen Paares geboren, der jedoch gleich nach der Geburt verstarb.
Gemäß des Chronisten Heinrich von Falkenstein trat François Baratier im Juni 1719 seinen Dienst als zweiter Pfarrer neben Jacques Astruc (1699–1729) in Schwabach an. Hier kam der zweite Sohn Isaac François zur Welt; doch auch er starb bereits nach elf Monaten. Ein Schicksal, das nicht wenige Eltern zu jener Zeit erfahren mussten. Umso glücklicher dürfte das Ehepaar wohl gewesen sein, als am 19. Januar 1721 ihr dritter Sohn Jean Philippe geboren wurde und sich guter Konstitution erfreute. Getauft wurde der kleine Jean Philippe vom Amtsbruder des Vaters, Jaques Astruc. Seine Taufpaten waren der Fabrikant Jean Savin und Marie Magdelaine Claraveaux, die Tochter des »berühmten« und für die Schwabacher französische Kolonie so bedeutungsvollen, aber bereits früh verstorbenen Teppichwirkers Michel de Claraveaux (1664–1688).
Blick auf das französische Spital und das sich dahinter anschließende Elternhaus von Jean Philippe.
Der Biograf Jean Henry Samuel Formey
Die vorliegende Lebensbeschreibung von Jean Philippe Baratier basiert auf der Darstellung von Jean Henry Samuel Formey. Dessen populäre Biografie ist 1755 in der dritten Auflage erschienen; diese Auflage zählt zu den gebräuchlichsten und ist auch hier verwendet worden. Im Vergleich dazu sind sowohl die Erstausgabe von 1741 als auch die zweite Auflage von 1743 seltener zu finden. Sie sind jedoch in der Universitätsbibliothek von Gent einsehbar. Zusätzlich zu der französischen Formey-Biografie hat hier auch die englische Übersetzung der 2. Auflage Verwendung gefunden, die von James Robinson 1745 herausgegeben worden ist und die sich ziemlich genau an die französische Fassung hält. Allerdings finden sich hier auch manche Abweichungen. Zudem wird der ansonsten genaue Übersetzungstext vereinzelt mit Kommentaren ergänzt. Deshalb wird im Folgenden immer wieder auf die englische Übersetzung verwiesen.
Jean Henry Samuel Formey wurde als Sohn von geflohenen französischen Protestanten am 31.5.1711 in Berlin geboren. Nach einer fundierten und sehr erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung war er als Prediger, Pfarrer und Philosophielehrer in Berlin tätig. Zudem gehörte er seit 1744 der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften an, für die er als ständiger Sekretär arbeitete. Bis zu seinem Tod am 8.3.1797 schrieb Formey über zahlreiche Themen – insbesondere als Gegner der Freidenker. Mit seinem Werk über die Philosophie von Christian Wolff und Jean Jacques Rousseau wurde er über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Zudem arbeitete er mit 33 Autoren an dem Folgewerk d’Yverdon der Pariser Enzyklopädie mit. Dabei handelte es sich um ein umfangreiches Nachschlagewerk mit ausführlichen Texten in 58 Bänden, die zwischen 1770 und 1780 entstanden waren und in Yverdon in der Schweiz vom Italiener Fortunato Bartolomeo De Felice (1723–1789) als französische Enzyklopädie in einer Neufassung herausgegeben wurden. Insgesamt hielt Formey dank seiner über 17.000 Korrespondenzen und Veröffentlichungen mit über 150 Schweizer Wissenschaftlern, Pfarrern, Hauslehrern und Erzieherinnen aus Genf und Basel sowie mit Auslandschweizern in Berlin, in Dänemark und sogar in St. Petersburg kontinuierlich Kontakt.
Wohl behütet wuchs der kleine, lebhafte Jean Philippe in dem neuen Pfarr- und Schulhaus in Schwabach auf, das die französischen Protestanten nach der Erlaubnis des Markgrafen im März 1721 am westlichen Altstadtrand bauen durften. Als Pfarrer hatte François Baratier in erster Linie seine seelsorgerischen Aufgaben zu erfüllen sowie den Kindern französischen Religions- und Sprachunterricht zu geben. Dafür verdiente er 70 Gulden abzüglich 25 Gulden Miete pro Jahr. Den größten Teil seiner übrigen Zeit widmete er sich der Erziehung und Förderung seines Sohnes Jean Philippe.
Nichts deutete zunächst auf das außerordentliche Talent eines »Wunderkindes«.
Die Freude über den kleinen Sprössling wurde nur durch die üblichen Kinderkrankheiten wie den damals lebensbedrohlichen Masern geschmälert, mit denen der Vierjährige zu kämpfen hatte. Die Ursache für diese Widerstandskraft sah der Biograf Jean Henry Samuel Formey darin, dass die Eltern dem ausgiebigen Schlafbedürfnis von Jean Philippe Rechnung trugen. Bis zum zwölften Lebensjahr schlief der Junge täglich zwölf bis 13 Stunden. Diese Zeit reduzierte sich auf zehn Stunden, nachdem er die Kinderpocken überstanden hatte. Hinzu kam noch, dass Jean Philippe im Alter von zehn Jahren eine äußerst schmerzhafte Behandlung einer durchscheinenden, pelluciden Schwellung (vergleichbar mit einer besonderen Art von Zyste) an seinem Finger über sich ergehen lassen musste.
Jean Henry Samuel Formey, nach einem Stich des deutschen Kupferstechers Johann Christian Gottfried Fritzsch (1720–1802/1803).
Titelblatt der 3. (und bekanntesten) Auflage der Biografie von Jean Henry Samuel Formey von 1755.
Auch der Vater fragte sich, woher sein Sohn über diese Kraft verfügte, um gegen all die Krankheiten zu bestehen. Es musste wirklich der lange Schlaf sein, denn im Gegensatz zu anderen Kindern hätte Jean Philippe – nach Aussagen seines Vaters – niemals so viel Energie aus seiner Ernährung gewinnen können. In der Abhandlung »Merckwürdige Nachricht, von einem sehr frühzeitig gelehrten Kinde« von 1728 beklagte François Baratier, dass sein Sohn außer Suppe und Wasser, das mit etwas Wein angereichert wurde, nichts essen wollte; Fleisch oder andere Beilagen blieben unberührt. Allerdings liebte sein Spross trockenes Brot und reichlich kleine Kuchen. Bei Obst, Konfekt oder »Zucker-Werck« und anderen süßen Sachen musste ihn sein Vater »bremsen«, denn hiervon konnte Jean Philippe nie genug bekommen. Es gehörte nämlich zur Erziehung des Vaters, dass der Sohn bereits als Kleinkind die Mäßigung kennen lernen sollte, damit er nicht zu übermütig würde. Zudem erkannte der Vater, dass zu viel Süßes seinem Sohn nicht guttat und dieser noch wilder wurde. Direkte Verbote sprach der Vater jedoch nicht aus. Vielmehr überließ er es einem »unsichtbaren Engel«, die begehrten Süßigkeiten sowie Obst in Maßen als Lob und Anerkennung dem Kind in kleinen Stücken zukommen zu lassen. Dann legte der unsichtbare Engel eine Birne, einen Apfel oder Zuckerwerk in ein kleines Körbchen und belohnte so den Fleiß des Kindes bei den täglichen Übungen. Dies wirkte auf das aufgeweckte Kind sehr motivierend und förderte seine Freude beim Lernen ungemein.
Den gesellschaftlichen Sitten des 18. Jahrhunderts entsprechend lag die Erziehung der Kinder, insbesondere der Knaben, meist in den Händen der Väter. So war es auch bei der Familie Baratier. Während sich die Mutter um Philippes gutes und frommes Benehmen sorgte, kümmerte sich der Vater von Anfang an und in jeder freien Minute sehr liebevoll, einfühlsam und verständnisvoll um die Förderung seines Sohnes. Anstrengend war diese Aufgabe durchaus, denn Jean Philippe wurde von seinem Vater als ein sehr lebhaftes, unbeschwertes Kleinkind beschrieben, das bereits im Alter von zwei Jahren voller Freude »plapperte« und fröhlich zusammen mit den Eltern und Bediensteten in den Wohnräumen lebte und aufgeweckt durch die Räume tanzte. Mit anderen Kindern kam Jean Philippe nur selten zusammen. Der Vater ließ diese nur gelegentlich in die Wohnung, damit das Kind so die deutsche Sprache erlernen konnte. Zwar war der Vater überzeugt, dass Kinder nicht als Einsiedler leben oder zu Hause wie in einem Gefängnis eingesperrt werden sollten, doch zugleich sprach er sich dafür aus, Kinder überwiegend im Hause zu behalten, um sie vor einem schlechten Einfluss zu bewahren und sie so optimal fördern zu können. Deshalb wandte er gegenüber seinem Sohn raffinierte Tricks an, damit beim kleinen Jean Philippe erst gar kein Verlangen entstehen konnte, mit den Kindern auf der Straße zusammen zu sein. In seiner Abhandlung »Merckwürdige Nachricht, von einem sehr frühzeitig gelehrten Kinde« beschrieb der Vater seine pädagogische Förderung und erläuterte in diesem Zusammenhang: »Mein Sohn ist dessen ein lebendiges Exempel. Ob er zwar von ungemeiner Lebhaftigkeit, und täglich ein Haufen Kinder vor unseren Fenstern spielen siehet, so begnüget er sich doch, ihnen nur zu zusehen, sie zu ruffen, und durch das Fenster mit ihrer Gesellschaft zu seyn, noch weniger aber hat er sich der Freiyheit angemasset, jemahls allein auf der Strassen zu gehen…«
