1,99 €
In 'Jeder stirbt für sich allein' entfaltet Hans Fallada eine eindringliche Erzählung über Mut und Widerstand im nationalsozialistischen Deutschland. Der Roman basiert auf der wahren Geschichte eines Ehepaars, das – erschüttert durch den Verlust ihres Sohnes im Krieg – eine Reihe von Postkarten mit antifaschistischen Botschaften an ihre Nachbarn verteilt. Durch seinen eindringlichen, realistischen Stil und die dichte atmosphärische Schilderung gelingt es Fallada, die innere Zerrissenheit der Figuren und die ständige Bedrohung durch das Regime authentisch darzustellen. Der literarische Kontext des Werkes hebt die universellen Themen von Verzweiflung, Hoffnung und individuellem Widerstand hervor, während sie die Brutalität und das Unrecht eines totalitären Systems beleuchtet. Hans Fallada, ein Meister der sozialen Literatur des 20. Jahrhunderts, war selbst ein Zeitzeuge der nationalsozialistischen Repression. Sein Leben war geprägt von persönlichen Krisen und einem tiefen Verständnis für die menschlichen Abgründe. Nach einigen Jahren in psychischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten fand er in den 1940er Jahren den Antrieb, diese erschütternde Geschichte zu erzählen, die sowohl als gesellschaftskritisches Werk als auch als Mahnmal für die Toten der Diktatur gilt. 'Jeder stirbt für sich allein' ist ein unerlässlicher Lesestoff für alle, die sich mit den Themen Menschlichkeit und Zivilcourage in Zeiten der Barbarei auseinandersetzen möchten. Falladas ungeschönte Darstellung der moralischen Konflikte und kleinen Heldentaten des Alltags regt dazu an, das eigene Verhalten in der Gesellschaft zu hinterfragen. Leser werden in eine bewegende Zeit versetzt und aufgefordert, über die Tragweiten von individuellem Handeln nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen der lähmenden Macht eines totalitären Apparats und der unscheinbaren Beharrlichkeit individueller Gewissenserregung entfaltet sich in Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein die leise, zäh anhaltende Spannung eines Alltags, in dem jedes Flüstern riskant, jede Geste bedeutungsschwer und jedes Zögern moralisch aufgeladen ist, sodass die Frage, was ein einzelner Mensch zu tun vermag, nicht pathetisch, sondern nüchtern gestellt wird – als tägliche, erschöpfende, zugleich ernüchternde und ermutigende Prüfung der eigenen Haltung in Treppenhäusern, Hinterzimmern und Schreibstuben, weit entfernt von heroischer Pose und doch unablässig getrieben von schlichtem Bedürfnis nach Anstand.
Als realistisch geprägter Widerstands- und Gesellschaftsroman ist das Werk in Berlin während der nationalsozialistischen Herrschaft verortet, mit genauen Blicken auf Mietshäuser, Fabriken und Behörden. Hans Fallada verfasste den Text 1946, kurz nach Kriegsende und kurz vor seinem Tod; veröffentlicht wurde er postum 1947. Die Geschichte ist von Gestapo-Akten über ein Berliner Ehepaar inspiriert, doch die literarische Gestaltung löst das Material aus der Dokumentation und macht daraus eine eindringliche Erkundung des Alltags unter Druck. So verbindet der Roman historische Konkretion mit erzählerischer Verdichtung und stellt sich der Frage, wie Moral und Furcht in gewöhnlichen Leben miteinander ringen.
Ausgangspunkt ist eine unscheinbare Wohnung in einem Berliner Mietshaus, in der ein Arbeiterpaar nach einem persönlichen Verlust eine Entscheidung trifft, die ihr Privatleben in eine stille Linie des Widerstands verwandelt. Was folgt, sind leise, wiederholte Handlungen, die kaum Aufmerksamkeit verlangen, aber immense Risiken tragen und den Puls der Stadt an unerwarteten Stellen berühren. Der Roman zeigt die Wege dieser Gesten durch Treppenhäuser, Hinterhöfe und Amtsgänge, während Alltagspflichten unvermindert weiterlaufen. Ohne Effekthascherei konzentriert sich die Erzählung auf das, was Menschen denken, verschweigen, missverstehen oder ahnen – und darauf, wie Angst, Misstrauen und Hoffnung alle Bewegungen einfärben.
Hans Falladas Sprache bleibt überwiegend nüchtern, beobachtend und genau, mit einem zurückhaltenden Mitgefühl, das Figuren weder verklärt noch verurteilt. Die Erzählung wechselt Perspektiven, zeichnet Umrisse von Nachbarn, Beamten, Angestellten und Gelegenheitsbekannten und verwebt sie zu einem vielstimmigen Bild der Stadt. Dialoge sind knapp, Handlungsbeschreibungen zweckmäßig, Details aus Arbeit, Papierkrieg und Hausordnung tragen das Gewicht der Spannung. Der Ton ist unaufgeregt und dadurch umso drängender; der Rhythmus entsteht aus Wiederholung, kleinen Abweichungen und dem Zittern von Zufällen. Insgesamt entsteht ein Leseerlebnis, das still beginnt und stetig an Intensität gewinnt, ohne die Bodenhaftung des Alltäglichen zu verlieren.
Zentrale Themen sind Zivilcourage, individuelle Verantwortung und die fragile Beziehung zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft. Der Roman untersucht, wie Kontrolle sich über Sprache, Papier, Blickregime und informelle Netzwerke verbreitet, und wie Menschen lernen, im Schatten dieser Mechanismen zu funktionieren. Er zeigt die banale Routine des Bösen, das nicht immer aus Überzeugung, sondern oft aus Bequemlichkeit, Vorteil oder Angst agiert, und stellt ihr die stille Beharrlichkeit alltäglicher Anständigkeit gegenüber. Zugleich verhandelt er Schuld und Ohnmacht ohne simple Moralen: Kleine Entscheidungen erhalten Gewicht, Zufälle kippen Lebenswege, und die Grenze zwischen angepasstem Überleben und teilnehmender Verstrickung erweist sich als schmerzhaft durchlässig.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es die subtile Mechanik der Einschüchterung zeigt und zugleich begreifbar macht, wie Verantwortung im Kleinen beginnt. In einer Zeit, die von digitaler Überwachung, Desinformation, Gruppendruck und gesellschaftlicher Polarisierung geprägt ist, wirkt die erzählte Erfahrung wie ein Prüfstein: Sie lädt ein, Empathie zu üben, Alarmzeichen wahrzunehmen und die eigenen Spielräume nicht vorschnell zu verkleinern. Falladas Figuren sind keine überhöhten Vorbilder, sondern gewöhnliche Menschen mit Widersprüchen; gerade deshalb ermöglichen sie eine selbstkritische Lektüre, die nicht nur vergangene Verhältnisse beleuchtet, sondern auch Gegenwart und persönliche Haltungen hinterfragt.
Jeder stirbt für sich allein verbindet historische Genauigkeit mit moralischer Imagination und behauptet dadurch seinen Platz als eine der eindringlichen Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Ohne Pathos, aber mit hartnäckiger Aufmerksamkeit für Menschen in Zwangslagen, zeigt der Roman, wie systemischer Druck und private Entscheidungen einander verschränken. Die Lektüre ist zugleich Zeitreise und Spiegelübung: Sie führt in Wohnungen, Treppenhäuser und Büros der 1940er Jahre und hält doch Fragen bereit, die unser Heute betreffen. Wer das Buch aufschlägt, begegnet einem stillen, beharrlichen Text über Mut, Angst und Verantwortung – und einem Plädoyer für wache Gewissen im unscheinbaren Alltag.
Jeder stirbt für sich allein ist ein Roman von Hans Fallada, 1946 verfasst und 1947 nach dem Tod des Autors veröffentlicht. Er spielt im Berlin der Kriegsjahre und nimmt seinen Ausgangspunkt in einem dokumentierten Widerstandsfall aus dem Arbeiter- und Kleinbürgermilieu. Fallada beobachtet mit nüchternem Blick das Leben unter einer Diktatur, in der Angst, Anpassung und Misstrauen den Alltag bestimmen. Der Roman verfolgt mehrere Figuren, konzentriert sich jedoch auf ein Ehepaar, dessen privates Unglück eine stille Rebellion auslöst. Leitend sind Fragen nach individueller Verantwortung, moralischer Standfestigkeit und der Möglichkeit, mit kleinen Gesten gegen ein allgegenwärtiges System aufzustehen.
Im Zentrum stehen Otto und Anna Quangel, ein zurückhaltendes, pflichtbewusstes Paar aus einfachen Verhältnissen. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes an der Front erschüttert ihre bis dahin still ertragene Lebensordnung. Aus Trauer, Zorn und einer neu gewonnenen Klarheit erwächst die Entscheidung, nicht länger nur schweigend zu funktionieren. Sie beginnen, kurze Botschaften auf Postkarten zu schreiben, die sie anonym in Treppenhäusern und Amtsgebäuden ablegen. Die Texte sind schlicht, fordern zum Nachdenken auf und widersprechen der offiziellen Propaganda. Für das Paar wird jedes Auslegen zur Gewissensfrage, zum Risiko und zu einem Versuch, dem lähmenden Gefühl der Ohnmacht etwas entgegenzusetzen.
Die Karten bewegen sich durch die Stadt wie leise, unsichere Signale. Manche Leser verstecken sie, einige lassen sich aufrütteln, viele geben sie aus Furcht sofort bei den Behörden ab. Dadurch entsteht ein ambivalentes Echo, das zugleich Wirkung und Gefahr vergrößert. Fallada zeichnet ein Panorama der Nachbarschaft: Hauswarte, Blockwarte, Kollegen, Händler und Mieter reagieren zwischen Opportunismus, Denunziation und gelegentlicher Solidarität. Das alltägliche Geräusch von Arbeit, Rationierung und Bombenalarm bildet den Hintergrund, vor dem sich die kleinen Akte des Widerspruchs entfalten. Die Verbreitung bleibt brüchig und unsystematisch, doch sie eröffnet Zwischenräume, in denen Zweifel an der offiziellen Wirklichkeit wachsen.
Parallel dazu setzt die Jagd der Behörden ein. Ein Kriminalbeamter namens Escherich wird mit der Aufklärung der Postkartenserie betraut, überwacht von vorgesetzten Dienststellen, die schnelle Erfolge verlangen. Aus einem zunächst belächelten Ärgernis wird ein prestigeträchtiger Fall, dessen Akten ständig anschwellen. Escherich sichtet Schriftspuren, kartiert Fundorte, setzt Spitzel an und nutzt die allgegenwärtige Angst als Werkzeug. Der Apparat zeigt seine Routine und Willkür zugleich: Beliebige Verdächtigungen werden zu Verfahren, Druck nach unten kompensiert Misserfolge oben. Zwischen professionellem Ehrgeiz und unterschwelligen Irritationen über den Sinn seiner Aufgabe bleibt der Ermittler Teil eines Systems, das private Räume immer enger macht.
In den Seitensträngen treten Gestalten auf, die die soziale Topografie der Stadt spiegeln: Nachbarn, die sich Vorteile sichern, kleine Ganoven, die am Elend verdienen, ideologisch Überzeugte und verunsicherte Mitläufer. Auch Verfolgte des Regimes erscheinen, deren Existenz von Ausgrenzung und Willkür geprägt ist; ihre Begegnungen mit dem Ehepaar beleuchten die Konsequenzen politischer Gleichgültigkeit. Diese Episoden verknüpfen sich lose mit dem Postkartenfaden und zeigen, wie private Entscheidungen in ein Netz aus Kontrolle, Not und moralischen Bewährungsproben fallen. Der Roman verdichtet so das Bild eines Mikrokosmos, in dem Angst die Beziehungen vergiftet und dennoch Momente von Mitmenschlichkeit aufscheinen können.
Mit wachsender Dauer der Aktion steigt das Risiko. Müdigkeit, Routine und Zufälle erzeugen Unachtsamkeiten, aus denen die Ermittler Muster lesen. Fundorte werden genauer eingegrenzt, Verdachtskreise enger gezogen, und die Zahl der Befragungen nimmt zu. Für das Ehepaar verschiebt sich der Alltag: Wege, Gesten, Worte müssen neu kalkuliert werden; Vertrauen wird zum Luxus. Zugleich vertieft sich ihr innerer Konflikt zwischen Selbsterhaltung und der Überzeugung, eine kleine Wahrheit gegen eine große Lüge zu setzen. Ein entscheidender Zwischenfall verschärft die Lage, zwingt zu schwierigen Entscheidungen und bringt die Hauptfiguren an den Rand dessen, was sie zu tragen vermögen.
Falladas Roman verdichtet individuelle Regungen und systemische Gewalt zu einer Studie über stille Zivilcourage. Er zeigt, wie begrenzte, unspektakuläre Akte des Widerstands Bedeutung gewinnen, indem sie Wahrnehmung verschieben und Vereinzelung durchbrechen, auch wenn sie keine sichtbaren Erfolge vorweisen. Ohne Pathos und ohne einfache Heldenbilder macht der Text die moralische Einsamkeit spürbar, in der Entscheidungen getroffen werden müssen. Zugleich liefert er ein eindringliches Stadtporträt des Kriegsberlins und erinnert daran, dass Verantwortung im Kleinen beginnt. Die nachhaltige Wirkung des Werks liegt in der Frage, welche Haltung der Einzelne in einer übermächtigen, verrohenden Ordnung bewahren kann.
Jeder stirbt für sich allein spielt in Berlin während des Zweiten Weltkriegs, vor allem in den Jahren 1940 bis 1943. Der Handlungsraum ist von den Institutionen der nationalsozialistischen Diktatur geprägt: der NSDAP mit ihrem Netz aus Ortsgruppen und Blockleitern, der Geheime Staatspolizei (Gestapo) als zentralem Repressionsorgan, dem Sicherheitsdienst und der SS, dem Propagandaministerium unter Joseph Goebbels sowie dem Volksgerichtshof als politischem Sondergericht. Polizei, Justiz und Verwaltung waren gleichgeschaltet und dienten der Durchsetzung der Kriegs- und Rassenpolitik des Regimes. In den Mietskasernen der Hauptstadt wirkte diese Struktur bis in den Hausflur hinein und prägte Kommunikation, Kontrolle und Sanktionen.
Nach der Machtübernahme 1933 setzten die Nationalsozialisten die Gleichschaltung durch: Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Medien wurden ausgeschaltet oder unterworfen. Das Ermächtigungsgesetz von 1933 entmachtete das Parlament, das Heimtückegesetz von 1934 kriminalisierte abweichende Äußerungen, und der Tatbestand der Wehrkraftzersetzung weitete ab 1938/39 die Strafbarkeit von Kritik im Krieg aus. Ein dichtes Melde- und Denunziationssystem stützte die Herrschaft: Blockleiter, Hauswarte und Betriebsvertrauensleute kontrollierten Mietshäuser und Arbeitsplätze. Die Gestapo nutzte Hinweise aus der Bevölkerung, Observation und Verhöre, um tatsächliche oder vermeintliche Gegner zu verfolgen. Dieses Klima aus Überwachung, Ducken und Angst durchzieht den Alltag, der im Roman in Berliner Wohn- und Arbeitsmilieus geschildert wird.
Der Krieg veränderte das städtische Leben grundlegend. Seit 1939 bestimmten Bezugsscheine, Rationierung und Zwangsarbeit die Versorgung, Fabriken wurden auf Rüstung umgestellt, und in Berlin arbeiteten zahlreiche ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Luftschutzübungen, Verdunkelung und Keller als Schutzräume prägten die Nächte; britische Luftangriffe trafen die Hauptstadt seit 1940, die Zerstörungen und Todeszahlen nahmen 1943 stark zu. Feldpostbriefe und Todesnachrichten aus den Fronten wurden zu allgegenwärtigen Dokumenten des Krieges. Propaganda versuchte, Opferbereitschaft und Durchhaltewillen zu mobilisieren. In diesem Umfeld von Mangel, Trauer und Kontrolle spielt Falladas Darstellung einer Arbeiterwelt, die den Druck des Regimes materiell und moralisch täglich spürte.
Die nationalsozialistische Judenverfolgung bestimmte auch den Berliner Alltag. Die Nürnberger Gesetze von 1935 entzogen Jüdinnen und Juden Bürgerrechte; im Novemberpogrom 1938 wurden Synagogen zerstört, Geschäfte geplündert und Menschen misshandelt. Ab September 1941 mussten jüdische Berlinerinnen und Berliner den gelben Stern tragen; kurz darauf begannen systematische Deportationen aus der Stadt in Ghettos und Vernichtungslager, organisiert von Polizei, SS und Verwaltung. 1943 richtete sich die „Fabrikaktion“ gegen die letzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter jüdischer Herkunft; die Proteste in der Rosenstraße zeigen zugleich, dass es punktuelle öffentliche Einwände gab. Das Nebeneinander von Kenntnis, Wegsehen und Repression bildet den bedrückenden Hintergrund der Romanwelt.
Widerstand existierte in unterschiedlichen Formen und Milieus, wurde jedoch erbarmungslos verfolgt. In Berlin wirkten Netzwerke der kommunistischen und sozialdemokratischen Opposition im Untergrund; die Gestapo zerschlug sie wiederholt. Die sogenannte Rote Kapelle wurde 1942 aufgedeckt, zahlreiche Mitglieder hingerichtet. Zeitgleich verbreitete die Weiße Rose in München Flugblätter; auch in der Hauptstadt kursierten anonyme Schriften. Der Kreisauer Kreis und kirchliche Akteure diskutierten Alternativen zur Diktatur. Jehovas Zeugen verweigerten Dienste und litten Haft und Todesurteile. Der Volksgerichtshof, seit 1942 von Roland Freisler geprägt, verhängte massenhaft Todesstrafen; das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee wurde zum zentralen Hinrichtungsort, mit Fallbeil und später vielfach durch Erhängen.
Als unmittelbare historische Vorlage dienten Otto und Elise Hampel, ein Berliner Arbeiterpaar aus dem Stadtteil Wedding. Nachdem Elises Bruder 1940 als Soldat in Frankreich gefallen war, begannen sie, regimekritische Postkarten und Zettel in Treppenhäusern und öffentlichen Gebäuden auszulegen, die zu Distanz gegenüber dem Regime und zum Verweigern bestimmter Beiträge aufriefen. Viele Funde wurden von Bürgern unmittelbar der Polizei übergeben; die Gestapo ermittelte über Monate. 1942 wurden die Hampels verhaftet, 1943 vom Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ und weiterer Delikte zum Tode verurteilt und am 8. April 1943 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet.
Hans Fallada verarbeitete diesen Stoff 1946 in der sowjetisch besetzten Zone Berlins. Er griff auf die Gestapo-Akte der Hampels zurück und schrieb den Roman in kurzer Zeit; 1947 erschien er postum im Aufbau-Verlag in Berlin. Fallada änderte Namen und Details, bewahrte jedoch den Kern des kleinteiligen, gefährdeten Widerspruchs im Alltag. Das Buch zirkulierte zunächst vor allem im deutschsprachigen Raum; international wurde es besonders mit der 2009 erschienenen englischen Neuübersetzung durch Michael Hofmann breit rezipiert. So rückte der Text erneut in den Fokus als literarische Bearbeitung einer dokumentierten Berliner Widerstandsgeschichte unter den Bedingungen der NS-Diktatur.
Als zeitgeschichtlicher Kommentar zeigt das Buch, wie ein totalitäres System über Institutionen, Recht und Nachbarschaftsstrukturen in das kleinste soziale Gefüge eindringt und Konformität erzwingt. Es macht sichtbar, welche Gefahren selbst mit unspektakulären Gesten des Widerspruchs verbunden waren, ohne sie zu romantisieren; der Preis reichte bis zur Hinrichtung durch staatliche Gerichte. Zugleich dokumentiert es, gestützt auf Akten und Berliner Topografie, die Mechanismen von Denunziation, Ermittlungsarbeit und Propaganda. So bietet der Roman eine quellennah geerdete Perspektive auf Alltagswiderstand, Angst und Moral im Nationalsozialismus und ergänzt die historische Forschung um eine eindringliche literarische Verdichtung der Erfahrungen jener Kriegsjahre.
Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht nur deshalb so langsam, weil ihr Bestellgang sie ermüdet hat, auch weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie haßt, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muß sie ihn bei Quangels abgeben.
Vorher hat sie den Persickes in der Etage darunter den Schulungsbrief auszuhändigen. Persicke ist Amtswalter oder Politischer Leiter oder sonst was in der Partei – Eva Kluge bringt alle diese Ämter noch immer durcheinander. Jedenfalls muß man bei Persickes »Heil Hitler[1]!« grüßen und sich gut vorsehen mit dem, was man sagt. Das muß man freilich überall, selten mal ein Mensch, dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich denkt. Sie ist politisch gar nicht interessiert, sie ist einfach eine Frau, und als Frau findet sie, daß man Kinder nicht darum in die Welt gesetzt hat, daß sie totgeschossen werden. Auch ein Haushalt ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr, weder die beiden Jungen noch den Mann, noch den Haushalt. Statt dessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der Hand, sondern mit der Maschine geschrieben sind und als Absender den Regimentsadjutanten nennen.
Sie klingelt bei Persickes, sagt »Heil Hitler!« und gibt dem alten Saufkopp seinen Schulungsbrief. Er hat auf dem Rockaufschlag das Partei- und das Hoheitszeichen sitzen und fragt: »Wat jibt's denn Neues?«
Sie antwortet: »Haben Sie denn die Sondermeldung nicht gehört? Frankreich hat kapituliert.«
Persicke ist durchaus nicht mit ihr zufrieden. »Mensch, Frollein, det weeß ick natürlich; aber Se saren det so, als ob Sie Schrippen vakoofen täten! Det müssen Se zackig rausbringen! Det müssen Se jedem saren, der keenen Radio hat, det überzeugt noch die letzten Meckerköppe! Der zweite Blitzkrieg, hätten wa ooch geschafft, und nu ab Trumeau nach England! In 'nem Vierteljahr sind die Tommys erledigt, und denn sollste mal sehen, wie unser Führer uns leben läßt! Denn können die andern bluten, und wir sind die Herren der Welt! Komm rin, Mächen, trink 'nen Schnaps mit! Amalie, Erna, August, Adolf, Baldur – alle ran! Heute wird blaujemacht, heute wird keene Arbeet anjefaßt! Heute begießen wir uns mal die Neese, und am Nachmittag gehen wa bei de olle Jüdische in de vierte Etage, und det Aas muß uns Kaffee und Kuchen jeben! Ick sare euch, die Olle muß, jetzt kenne ick keen Abarmen mehr!«
Während Herr Persicke, von seiner Familie umstanden, sich in immer aufgeregteren Ausführungen ergeht und die ersten Schnäpse schon hinter die Binde zu gießen beginnt, ist die Briefträgerin in die Etage darüber hinaufgestiegen und hat bei den Quangels geklingelt. Sie hält den Brief schon in der Hand, ist bereit, sofort weiterzulaufen. Aber sie hat Glück, nicht die Frau, die meist ein paar freundliche Worte mit ihr wechselt, sondern der Mann mit dem scharfen, vogelähnlichen Gesicht, dem dünnlippigen Mund und den kalten Augen öffnet ihr. Er nimmt wortlos den Brief aus ihrer Hand und zieht ihr die Tür vor der Nase zu, als sei sie eine Diebin, vor der man sich vorzusehen hat.
Eva Kluge zuckt nur die Achseln und geht wieder die Treppen hinunter. Manche Menschen sind eben so; solange sie die Post in der Jablonskistraße austrägt, hat der Mann noch nie ein einziges Wort zu ihr gesagt. Nun, laß ihn, sie kann ihn nicht ändern, hat sie doch nicht einmal den eigenen Mann ändern können, der mit Kneipensitzen und mit Rennwetten sein Geld vertut, und der zu Haus nur dann auftaucht, wenn er ganz abgebrannt ist.
Bei den Persickes haben sie die Flurtür offengelassen, aus der Wohnung klingt Gläsergeklirr und das Lärmen der Siegesfeier. Die Briefträgerin zieht die Flurtür sachte ins Schloß und steigt weiter hinab. Dabei denkt sie, daß dies eigentlich eine gute Nachricht ist, denn durch den raschen Sieg über Frankreich wird der Friede nähergerückt. Dann kommen die beiden Jungen wieder.
Bei diesen Hoffnungen aber stört sie das ungemütliche Gefühl, daß dann solche Leute wie die Persickes ganz obenauf sein werden. Solche zu Herren haben und immer den Mund halten müssen und nie sagen dürfen, wie einem ums Herz ist, das scheint ihr auch nicht das Richtige.
Flüchtig denkt sie auch an den Mann mit dem Vogelgesicht, dem sie eben den Feldpostbrief ausgehändigt hat, und sie denkt an die alte Jüdin Rosenthal, oben im vierten Stock, der die von der Gestapo vor zwei Wochen den Mann weggeholt haben. Die kann einem leid tun, die Frau. Rosenthals haben früher ein Wäschegeschäft an der Prenzlauer Allee gehabt. Das ist dann arisiert worden, und nun ist der Mann weg, der nicht weit von Siebzig ab sein kann. Was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem, immer angeschrieben, auch für die Eva Kluge, wenn mal kein Geld für Kinderwäsche da war, und schlechter oder teurer als in andern Geschäften war die Ware bei Rosenthals auch nicht. Nein, es will nicht in den Kopf von Frau Eva Kluge, daß so ein Mann wie der Rosenthal schlechter sein soll als die Persickes, bloß weil er ein Jude ist. Und nun sitzt die alte Frau da oben in der Wohnung mutterseelenallein und traut sich nicht mehr auf die Straße. Erst wenn es dunkel geworden ist, macht sie mit dem Judenstern ihre Einkäufe, wahrscheinlich hungert sie. Nein, denkt Eva Kluge, und wenn wir zehnmal über Frankreich gesiegt haben, gerecht geht es nicht bei uns zu ...
Damit ist sie in das nächste Haus gekommen und setzt dort ihren Bestellgang fort.
Der Werkmeister Otto Quangel ist unterdes mit dem Feldpostbrief in die Stube gekommen und hat ihn auf die Nähmaschine gelegt. »Da!« sagt er nur. Er läßt seiner Frau stets das Vorrecht, diese Briefe zu öffnen, weiß er doch, wie sehr sie an ihrem einzigen Sohne Otto hängt. Nun steht er ihr gegenüber; er hat die dünne Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und wartet auf das freudige Erglänzen ihres Gesichtes. Er liebt in seiner wortkargen, stillen, ganz unzärtlichen Art diese Frau sehr.
Sie hat den Brief aufgerissen, einen Augenblick leuchtete ihr Gesicht wirklich; dann erlosch das, als sie die Schreibmaschinenschrift sah. Ihre Miene wurde ängstlich, sie las langsamer und langsamer, als scheute sie sich vor jedem kommenden Wort. Der Mann hat sich vorgebeugt und die Hände aus den Taschen genommen. Die Zähne sitzen jetzt fest auf der Unterlippe, er ahnt Unheil. Es ist ganz still in der Stube. Nun fängt der Atem der Frau an, keuchend zu werden.
Plötzlich stößt sie einen leisen Schrei aus, einen Laut, wie ihn ihr Mann noch nie gehört hat. Ihr Kopf fällt vornüber, schlägt erst gegen die Garnrollen auf der Maschine und sinkt zwischen die Falten der Näharbeit, den verhängnisvollen Brief verdeckend.
Quangel ist mit zwei Schritten hinter ihr. Mit einer bei ihm ganz ungewohnten Hast legt er seine große, verarbeitete Hand auf ihren Rücken. Er fühlt, daß seine Frau am ganzen Leibe zittert. »Anna!« sagt er. »Anna, bitte!« Er wartet einen Augenblick, dann wagt er es: »Ist was mit Otto? Verwundet, wie? Schwer?«
Das Zittern geht fort durch den Leib der Frau, aber kein Laut kommt von ihren Lippen. Sie macht keine Anstalten, den Kopf zu heben und ihn anzusehen.
Er blickt auf ihren Scheitel hinunter, er ist so dünn geworden in den Jahren, seit sie verheiratet sind. Nun sind sie alte Leute; wenn Otto wirklich was zugestoßen ist, wird sie niemanden haben und bekommen, den sie liebhaben kann, nur ihn, und er fühlt immer, an ihm ist nicht viel zum Liebhaben. Er kann ihr nie und mit keinem Wort sagen, wie sehr er an ihr hängt. Selbst jetzt kann er sie nicht streicheln, ein bißchen zärtlich zu ihr sein, sie trösten. Er legt nur seine schwere Hand auf ihren dünnen Scheitel, er zwingt sanft ihren Kopf hoch, seinem Gesicht entgegen, er sagt halblaut: »Was die uns schreiben, wirst du mir doch sagen, Anna?«
Aber obwohl jetzt ihre Augen ganz nahe den seinen sind, sieht sie ihn nicht an, sondern hält sie fest geschlossen. Ihr Gesicht ist gelblichblaß, ihre sonst frischen Farben sind geschwunden. Auch das Fleisch über den Knochen scheint fast aufgezehrt, es ist, als sähe er einen Totenkopf an. Nur die Wangen und der Mund zittern, wie der ganze Körper zittert, von einem geheimnisvollen inneren Beben erfaßt.
Wie Quangel in dies vertraute, jetzt so fremde Gesicht schaut, wie er sein Herz stark und stärker schlagen fühlt, wie er seine völlige Unfähigkeit spürt, ihr ein bißchen Trost zu spenden, packt ihn eine tiefe Angst. Eigentlich eine lächerliche Angst diesem tiefen Schmerz seiner Frau gegenüber, nämlich die Angst, sie könne zu schreien anfangen, noch viel lauter und wilder, als sie eben schrie. Er ist immer für Stille gewesen, niemand sollte etwas von Quangels im Haus merken. Und gar Gefühle laut werden lassen: nein! Aber auch in dieser Angst kann der Mann nicht mehr sagen, als er vorhin schon gesagt hat: »Was haben sie denn geschrieben? Sag doch, Anna!«
Wohl liegt der Brief jetzt offen da, aber er wagt nicht, nach ihm zu fassen. Er müßte dabei den Kopf der Frau loslassen, und er weiß, dieser Kopf, dessen Stirne schon jetzt zwei blutige Flecke aufweist, fiele dann wieder gegen die Maschine.
Er überwindet sich, noch einmal fragt er: »Was ist denn mit Ottochen?«
Es ist, als habe dieser vom Manne fast nie benutzte Kosename die Frau aus der Welt ihres Schmerzes in dieses Leben zurückgerufen. Sie schluckt ein paarmal, sie öffnet sogar die Augen, die sonst sehr blau sind und jetzt wie ausgeblaßt aussehen. »Mit Ottochen?« flüstert sie fast. »Was soll denn mit ihm sein? Nichts ist mit ihm, es gibt kein Ottochen mehr, das ist es!«
Der Mann sagt nur ein »Oh!«, ein tiefes »Oh!« aus dem Innersten seines Herzens heraus. Ohne es zu wissen, hat er den Kopf seiner Frau losgelassen und greift nach dem Brief. Seine Augen starren auf die Zeilen, ohne sie noch lesen zu können.
Da reißt ihm die Frau den Brief aus der Hand. Ihre Stimmung ist umgeschlagen, zornig reißt sie das Briefblatt in Fetzen, in Fetzchen, in Schnitzelchen, und dabei spricht sie ihm überstürzt ins Gesicht: »Was willst du den Dreck auch noch lesen, diese gemeinen Lügen, die sie allen schreiben? Daß er den Heldentod gestorben ist für seinen Führer und für sein Volk? Daß er ein Muster von 'nem Soldaten und Kameraden abgab? Das willst du dir von denen erzählen lassen, wo wir doch beide wissen, daß Ottochen am liebsten an seinen Radios rumgebastelt hat, und weinen tat er, als er zu den Soldaten mußte! Wie oft hat er mir in seiner Rekrutenzeit gesagt, daß er lieber seine ganze rechte Hand hergäbe, bloß um von denen loszukommen! Und jetzt ein Muster von Soldat und Heldentod! Lügen, alles Lügen! Aber das habt ihr angerichtet mit eurem elenden Krieg, du und dein Führer!«
Jetzt steht sie vor ihm, die Frau, kleiner als er, aber ihre Augen sprühen Blitze vor Zorn.
»Ich und mein Führer?« murmelt er, ganz überwältigt von diesem Angriff. »Wieso ist er denn plötzlich mein Führer? Ich bin doch gar nicht in der Partei, bloß in der Arbeitsfront, und da müssen alle rein. Und gewählt haben wir ihn ein einziges Mal, alle beide.«
Er sagt das in seiner umständlichen, langsamen Art, nicht so sehr, um sich zu verteidigen, als um die Tatsachen klarzustellen. Er versteht noch nicht, wie die Frau plötzlich zu diesem Angriff gegen ihn kommt. Sie waren doch immer eines Sinnes gewesen ...
Aber sie sagt hitzig: »Wozu bist du denn der Mann im Haus und bestimmst alles, und alles muß nach deinem Kopf gehen, und wenn ich nur einen Verschlag für die Winterkartoffeln im Keller haben will: er muß sein, wie du willst, nicht wie ich will. Und in einer so wichtigen Sache hast du falsch bestimmt! Aber du bist ein Leisetreter, nur deine Ruhe willst du haben und bloß nicht auffallen. Du hast getan, was sie alle taten, und wenn sie geschrien haben: ›Führer befiehl, wir folgen!‹, so bist du wie ein Hammel hinterhergerannt. Und wir haben wieder hinter dir herlaufen müssen! Aber nun ist mein Ottochen tot, und kein Führer der Welt und auch du nicht bringen ihn mir wieder!«
Er hörte sich das alles ohne ein Widerwort an. Er war nie der Mann gewesen, sich zu streiten, und er fühlte es zucken, daß nur der Schmerz aus ihr sprach. Er war beinahe froh darüber, daß sie ihm zürnte, daß sie ihrer Trauer noch keinen freien Lauf ließ. Er sagte nur zur Antwort auf diese Anklagen: »Einer wird's der Trudel sagen müssen.«
Die Trudel war Ottochens Mädchen gewesen, fast schon seine Verlobte; zu seinen Eltern hatte die Trudel Muttchen und Vater gesagt. Sie kam abends oft zu ihnen, auch jetzt, da Ottochen fort war, und schwatzte mit ihnen. Am Tage arbeitete sie in einer Uniformfabrik.
Die Erwähnung der Trudel brachte Anna Quangel sofort auf andere Gedanken. Sie warf einen Blick auf den blitzenden Regulator an der Wand und fragte: »Wirst du's noch bis zu deiner Schicht schaffen?«
»Ich habe heute die Schicht von eins bis elf«, antwortete er. »Ich werd's schaffen.«
»Gut«, sagte sie. »Dann geh, aber bestell sie nur hierher und sag ihr noch nichts von Ottochen. Ich will's ihr selber sagen. Dein Essen ist um zwölfe fertig.«
»Dann geh ich und sag ihr, sie soll heute abend vorbeikommen«, sagte er, ging aber noch nicht, sondern sah ihr ins gelblichweiße, kranke Gesicht. Sie sah ihn wieder an, und eine Weile betrachteten sie sich so schweigend, die beiden Menschen, die an die dreißig Jahre miteinander verbracht hatten, immer einträchtig, er schweigsam und still, sie ein bißchen Leben in die Wohnung bringend.
Aber so sehr sie sich jetzt auch anschauten, sie hatten einander kein Wort zu sagen. So nickte er und ging.
Sie hörte die Flurtür klappen. Und kaum wußte sie ihn wirklich fort, drehte sie sich wieder nach der Nähmaschine und strich die Schnitzelchen des verhängnisvollen Feldpostbriefes zusammen. Sie versuchte, sie aneinanderzupassen, aber sie sah schnell, daß das jetzt zu lange dauern würde, sie mußte vor allen Dingen sein Essen fertigmachen. So tat sie denn das Zerrissene sorgfältig in den Briefumschlag, den sie in ihr Gesangbuch legte. Am Nachmittag, wenn Otto wirklich fort war, würde sie die Zeit haben, die Schnitzel zu ordnen und aufzukleben. Wenn es auch alles dumme Lügen, gemeine Lügen waren, es war doch das Letzte von Ottochen! Sie würde es trotzdem aufbewahren und der Trudel zeigen. Vielleicht würde sie dann weinen können, jetzt stand es noch wie Flammen in ihrem Herzen. Es würde gut sein, weinen zu können!
Sie schüttelte zornig den Kopf und ging an die Kochmaschine.
Als Otto Quangel an Persickes Wohnung vorüberging, scholl grade beifälliges Geheul daraus, untermischt mit »Siegheil«-Geschrei. Eiliger ging Quangel weiter, bloß um keinen von der Gesellschaft treffen zu müssen. Sie wohnten schon zehn Jahre im gleichen Haus, aber Quangel hatte von jeher alles Zusammentreffen mit den Persickes zu vermeiden gesucht, schon damals, als der noch ein kleiner, ziemlich verkrachter Budiker gewesen war. Jetzt waren die Persickes große Leute geworden, der Alte hatte alle möglichen Ämter bei der Partei, und die beiden ältesten Söhne waren bei der SS; Geld schien bei denen keine Rolle zu spielen.
Um so mehr Grund, sich bei ihnen vorzusehen, denn alle, die so standen, mußten sich bei der Partei in Beliebtheit halten, und das konnten sie nur, wenn sie etwas für die Partei taten. Etwas tun, das hieß aber, andere angeben, zum Beispiel melden: Der und der hat einen ausländischen Sender abgehört. Quangel hätte darum am liebsten schon lange die Radios aus Ottos Kammer verpackt in den Keller gestellt. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in diesen Zeiten, wo jeder der Spion des andern war, die Gestapo ihre Hand über alle hielt, das KZ in Sachsenhausen immer größer wurde. Er, Quangel, brauchte kein Radio, aber Anna war gegen das Fortschaffen gewesen. Sie meinte, das alte Sprichwort gelte noch: Ein reines Gewissen ist ein gutes Ruhekissen. Wo so was alles doch schon längst nicht galt, wenn es je gestimmt hatte.
Mit solchen Gedanken ging also Quangel eiliger die Treppen hinab und über den Hof auf die Straße.
Bei den Persickes aber haben sie darum so geschrien, weil das Licht der Familie, der Bruno, der jetzt Schirachs wegen Baldur heißt und, wenn's Vater mit seinen Beziehungen schafft, sogar auf eine Napola soll – weil also der Baldur im »Völkischen Beobachter[2]« ein Bild gefunden hat. Auf dem Bild sind der Führer und der Reichsmarschall Göring zu sehen, und unter dem Bilde steht: »Beim Empfang der Nachricht von der Kapitulation Frankreichs«. So sehen die beiden auf dem Bilde auch aus: der Göring lacht über sein ganzes feistes Gesicht, und der Führer klatscht sich auf die Schenkel vor Vergnügen.
Die Persickes haben sich auch wie die auf dem Bilde gefreut und gelacht, der Baldur aber hat gefragt: »Na, seht ihr denn nichts Besonderes auf dem Bilde?«
Sie starren ihn abwartend an, so völlig sind sie von der geistigen Überlegenheit dieses Sechzehnjährigen überzeugt, daß keiner auch nur eine Vermutung laut werden läßt.
»Na!« sagt der Baldur. »Überlegt doch mal! Das Bild ist doch von 'nem Pressefotografen gemacht worden. Hat der wohl dabeigestanden, wie die Nachricht von der Kapitulation gekommen ist? Sie muß doch auch durchs Telefon oder durch 'nen Kurier oder vielleicht gar durch einen französischen General gekommen sein, und von alledem sieht man auf dem Bilde gar nichts. Die beiden stehen hier ganz allein im Garten und freuen sich ...«
Baldurs Eltern und Geschwister sitzen noch immer stumm da und starren ihn an. Ihre Gesichter sind vom gespannten Aufmerken fast dumm. Der alte Persicke würde sich am liebsten schon wieder einen neuen Schnaps genehmigen, aber das wagt er nicht, solange der Baldur spricht. Er weiß aus Erfahrung, der Baldur kann sehr unangenehm werden, wenn man seinen politischen Vorträgen nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt.
Der Sohn fährt unterdes fort: »Also, das Bild ist gestellt, es ist gar nicht beim Eintreffen der Nachricht von der Kapitulation gemacht worden, sondern vorher. Und nun seht auch an, wie sich der Führer freut! Der denkt jetzt schon längst an England, und wie wir die Tommys drankriegen. Nee, das ganze Bild ist eine Schauspielerei, von der Aufnahme angefangen bis zum Händeklatschen. Das heißt, den Dummen Sand in die Augen gestreut!«
Jetzt starren den Baldur die Seinen so an, als seien sie die Dummen, denen Sand in die Augen gestreut wird. Wenn's nicht der Baldur gewesen wäre, jeden Fremden hätten sie für so 'ne Bemerkung bei der Gestapo angezeigt.
Der Baldur aber fährt fort: »Seht ihr, und das ist das Große an unserem Führer: er läßt keinen in seine Pläne reingucken. Die denken jetzt alle, er freut sich über seinen Sieg in Frankreich, und dabei sammelt er vielleicht schon die Schiffe für eine Invasion auf der Insel. Seht ihr, das müssen wir von unserm Führer lernen: wir sollen nicht jedem auf die Semmel schmieren, wer wir sind und was wir vorhaben!« Die andern nicken eifrig; endlich glauben sie erfaßt zu haben, worauf der Baldur hinauswill. »Ja, ihr nickt«, sagt der Baldur ärgerlich, »aber ihr macht's ganz anders! Keine halbe Stunde ist es her, da habe ich Vatern vor der Briefträgerin sagen hören, die olle Rosenthal oben soll uns Kaffee und Kuchen spendieren ...«
»Och, die olle Judensau!« sagt Vater Persicke, aber doch mit einem entschuldigenden Ton in der Stimme.
»Na ja«, gibt der Sohn zu, »viel Aufhebens wird von der nicht gemacht, wenn ihr mal was passiert. Aber wozu den Leuten so was erst erzählen? Sicher ist sicher. Guck dir mal 'nen Menschen an wie den über uns, den Quangel. Kein Wort kriegst du aus dem Manne heraus, und doch bin ich ganz sicher, der sieht und hört alles und wird auch seine Stelle haben, wo er's hinmeldet. Wenn der mal meldet, die Persickes können die Schnauze nicht halten, die sind nicht zuverlässig, denen kann man nichts anvertrauen, dann sind wir geliefert. Du wenigstens bestimmt, Vater, und ich werde keinen Finger rühren, um dich wieder rauszuholen, aus dem KZ oder aus Moabit oder aus der Plötze, oder wo du grade sitzt.«
Alle schweigen, und selbst ein so eingebildeter Mensch wie der Baldur spürt, daß dieses Schweigen nicht bei allen Zustimmung bedeutet. So sagt er noch rasch, um wenigstens die Geschwister auf seine Seite zu bringen: »Wir wollen alle ein bißchen mehr werden als Vater, und wodurch kommen wir zu was? Doch nur durch die Partei! Und darum müssen wir's so machen wie der Führer: den Leuten Sand in die Augen streuen, so tun, als wären wir freundlich, und dann hintenrum, wenn keiner was ahnt: erledigt und weg. Es soll auf der Partei heißen: Mit den Persickes kann man alles machen, einfach alles!«
Noch einmal sieht er das Bild mit den lachenden Hitler und Göring an, nickt kurz und gießt dann Schnaps ein, zum Zeichen, daß sein politischer Vortrag beendet ist. Er sagt: »Zieh bloß keinen Flunsch, Vater, weil ich dir mal die Meinung gegeigt habe!«
»Du bist erst sechzehn und mein Sohn«, fängt der Alte, noch immer gekränkt, an.
»Un du bist mein Oller, den ich zu ville besoffen gesehen habe, als daß du mir noch groß imponierst«, sagt Baldur Persicke rasch und bringt damit die Lacher, sogar die ständig verängstigte Mutter, auf seine Seite. »Nee, laß man, Vater, eines Tages werden wir noch im eigenen Auto fahren, und du sollst alle Tage Sekt zu saufen kriegen, bis du voll bist!«
Der Vater will wieder etwas sagen, aber dieses Mal nur gegen den Sekt, den er nicht so schätzt wie seinen Kornschnaps. Aber Baldur fährt rasch und leiser fort: »Ideen hast du gar nicht so schlechte, Vater, bloß, du solltest mit keinem darüber reden als mit uns. Mit der Rosenthal ist vielleicht wirklich was zu machen und mehr als Kaffee und Kuchen. Laßt mich nur darüber nachdenken, das muß vorsichtig angefaßt werden. Vielleicht riechen andere den Braten auch, und vielleicht sind andere besser angeschrieben als wir!«
Seine Stimme hat sich gesenkt und ist gegen den Schluß hin fast unhörbar geworden. Baldur Persicke hat es wieder fertiggebracht, er hat alle auf seine Seite gezogen, selbst den Vater, der erst eingeschnappt war. So sagt er denn: »Prost auf die Kapitulation von Frankreich!«, und weil er sich dabei lachend auf die Schenkel klatscht, merken sie, daß er damit etwas ganz anderes meint, nämlich die alte Rosenthal.
Sie lärmen durcheinander und stoßen an und trinken so manchen Schnaps, immer einen hinter dem andern. Aber sie vertragen auch was, dieser ehemalige Gastwirt und seine Kinder.
Der Werkmeister Quangel ist auf die Jablonskistraße hinausgetreten und hat vor der Haustür herumstehend den Emil Borkhausen getroffen. Es schien der einzige Beruf Emil Borkhausens zu sein, immer irgendwo rumzustehen, wo es was zu gaffen oder zu hören gab. Daran hatte auch der Krieg nichts geändert, der doch überall mit Dienstverpflichtungen und Arbeitszwang vorgegangen war: Emil Borkhausen stand weiter rum.
Er stand da, eine lange, dürre Gestalt in einem abgetragenen Anzug, und sah verdrossen mit seinem farblosen Gesicht in die um diese Stunde fast menschenleere Jablonskistraße. Als er Quangels ansichtig wurde, kam Bewegung in ihn, er trat auf ihn zu und bot ihm die Hand. »Wo gehen Sie denn jetzt hin, Quangel?« fragte er. »Das ist doch noch nicht Ihre Zeit für die Fabrik?«
Quangel übersah die Hand des andern und murmelte fast unverständlich: »Eiliger Weg!«
Dabei ging er schon weiter, nach der Prenzlauer Allee zu. Dieser lästige Schwätzer hatte ihm gerade noch gefehlt!
So leicht ließ sich der aber nicht abschütteln. Er lachte meckernd und rief: »Da haben wir ja denselben Weg, Quangel!« Und als der andere, stur geradeaus starrend, weiterschritt, setzte er hinzu: »Der Doktor hat mir nämlich gegen meine Hartleibigkeit viel Bewegung verordnet, und allein rumlaufen, das langweilt mich!«
Er fing nun an, genau zu schildern, was er alles schon gegen seine Hartleibigkeit getan hatte. Quangel hörte gar nicht hin. Ihn beschäftigten zwei Gedanken, und der eine verdrängte immer wieder den andern: daß er keinen Sohn mehr hatte und daß Anna gesagt hatte: Du und dein Führer. Quangel gab es sich zu: er hatte den Jungen nie geliebt, wie ein Vater seinen Sohn zu lieben hat. Von der Geburt an hatte er das Kind nur als Störer seiner Ruhe und seiner Beziehungen zu Anna empfunden. Wenn er jetzt doch Schmerz fühlte, so darum, weil er mit Unruhe an Anna dachte, wie sie diesen Tod aufnehmen, was dadurch alles geändert werden würde. Hatte doch Anna schon zu ihm gesagt: Du und dein Führer!
Es stimmte nicht. Hitler war nicht sein Führer, oder doch nicht mehr sein Führer, als er Annas Führer war. Sie waren sich immer einig gewesen, als er mit seiner kleinen Tischlerwerkstatt verkracht war, daß der Führer den Karren aus dem Dreck gerissen hatte. Nach vier Jahren Arbeitslosigkeit war er 1934 Werkmeister in der großen Möbelfabrik geworden und brachte jetzt alle Wochen seine vierzig Mark nach Hause. Damit kamen sie gut aus.
Aber in die Partei waren sie darum doch nicht getreten. Einmal reute sie der Parteibeitrag, man mußte schon so an allen Ecken und Enden bluten, für das WHW[3], für alle möglichen Sammlungen, für die Arbeitsfront. Ja, in der Arbeitsfront hatten sie ihm in der Fabrik auch ein Ämtchen aufgehuckt, und gerade das war der andere Grund, warum sie beide nicht in die Partei eingetreten waren. Denn er sah es bei jeder Gelegenheit, wie sie ständig einen Unterschied zwischen Volksgenossen und Parteigenossen machten. Auch der schlechteste Parteigenosse war denen noch mehr wert als der beste Volksgenosse. War man einmal in der Partei, so konnte man sich alles erlauben: so leicht passierte einem nichts. Das nannten sie Treue um Treue.
Er aber, der Werkmeister Otto Quangel, war für Gerechtigkeit. Jeder Mensch war ihm ein Mensch, und ob er in der Partei drin war, das hatte damit gar nichts zu tun. Wenn er in der Werkstatt immer wieder erleben mußte, daß dem einen ein kleiner Fehler am Werkstück schwer angekreidet wurde und daß der andere Pfusch über Pfusch abliefern durfte, so empörte ihn das stets von neuem. Er setzte die Zähne auf die Unterlippe und nagte wütend an ihr – wenn er's gekonnt hätte, er wäre auch diese Pöstchen in der DAF[4] längst los gewesen!
Die Anna wußte das gut, darum hätte sie das nie sagen dürfen, dies Wort: Du und dein Führer! Die Anna hatte nicht gemußt wie er. Gott ja, er verstand ihre Einfachheit, ihre Demut und wie sie nun so plötzlich anders geworden war. Zeit ihres Lebens war sie Dienstmädchen gewesen, erst auf dem Lande, dann hier in der Stadt, zeit ihres Lebens hatte sie Trab laufen müssen und war kommandiert worden. In ihrer Ehe hatte sie auch nicht viel zu sagen gehabt, nicht etwa, weil er sie viel kommandiert hätte, sondern weil sich um ihn, den Geldverdiener, nun einmal alles drehen mußte.
Aber nun ist der Tod von Ottochen gekommen, und mit Beunruhigung spürt Otto Quangel, wie tief sie davon aufgewühlt ist.
Er sieht ihr krankes, gelblichweißes Gesicht vor sich, wieder hört er ihre Anklage, er ist jetzt zu einer ganz ungewohnten Stunde unterwegs, diesen Borkhausen an der Seite, heute abend ist die Trudel bei ihnen, es wird Tränen geben, endloses Gerede – und er, Otto Quangel, liebt doch so sehr das Gleichmaß des Lebens, den immer gleichen Arbeitstag, der möglichst gar kein besonderes Ereignis bringt. Schon der Sonntag ist ihm fast eine Störung. Und nun soll alles eine Weile durcheinandergehen, und wahrscheinlich wird die Anna nie wieder die, die sie einst war.
Er muß sich das alles noch einmal ganz genau überlegen, nur der Borkhausen hindert ihn daran. Jetzt sagt dieser Mann doch: »Sie sollen ja auch einen Feldpostbrief bekommen haben, und er soll nicht von Ihrem Otto geschrieben sein?«
Quangel richtet den Blick seiner scharfen, dunklen Augen auf den andern und murmelt: »Schwätzer!« Weil er aber mit niemandem Streit bekommen will, selbst nicht mit solch einem Garnichts wie dem Rumsteher Borkhausen, setzt er halb widerwillig hinzu: »Die Leute schwatzen alle viel zuviel[1q]!«
Der Emil Borkhausen ist nicht beleidigt, den Borkhausen kann man so leicht nicht beleidigen, er stimmt eifrig zu: »Sie sagen's, wie's ist, Quangel! Warum kann die Kluge, die Briefschleiche, nicht das Maulwerk halten? Aber nein, gleich muß sie allen erzählen: Die Quangels haben einen Brief aus dem Felde mit Schreibmaschinenschrift bekommen!« Er macht eine kleine Pause, und dann fragt er mit einer ganz ungewohnten, halblauten, teilnehmenden Stimme: »Verwundet oder vermißt oder ...?«
Er schweigt. Quangel aber – nach einer längeren Pause – antwortet nur indirekt: »Also Frankreich hat kapituliert? Na, das hätten die gut auch einen Tag früher machen können, dann lebte mein Otto noch ...«
Borkhausen erwidert auffallend lebhaft: »Aber weil soundsoviel Tausende den Heldentod gestorben sind, darum hat Frankreich sich doch so rasch ergeben. Darum bleiben so viele Millionen nun am Leben. Auf so 'n Opfer muß man stolz sein als Vater!«
Quangel fragt: »Ihre sind alle noch zu klein, um ins Feld zu gehen, Nachbar?«
Fast gekränkt meint Borkhausen: »Das wissen Sie doch, Quangel! Aber wenn sie alle auf einmal stürben, durch 'ne Bombe oder so was, da wäre ich nur stolz drauf. Glauben Sie mir das nicht, Quangel?«
Aber der Werkmeister beantwortet diese Frage nicht, sondern denkt: Wenn ich schon kein rechter Vater bin und den Otto nicht so liebgehabt habe, wie ich mußte – dir sind deine Gören einfach eine Last. Das glaube ich, daß du froh wärst, die durch eine Bombe alle auf einmal loszuwerden, unbesehen glaube ich dir das!
Aber er spricht nichts derart, und der Borkhausen, der schon des Wartens auf eine Antwort überdrüssig geworden ist, sagt: »Denken Sie doch mal nach. Quangel, erst das Sudetenland und die Tschechoslowakei und Österreich und nu Polen und Frankreich – wir werden doch das reichste Volk von der Welt! Was zählen da ein paar hunderttausend Tote? Reich werden wir alle!«
Ungewohnt rasch entgegnet Quangel: »Und was werden wir mit dem Reichtum anfangen? Kann ich ihn essen? Schlaf ich besser, wenn ich reich bin? Werd ich als reicher Mann nicht mehr in die Fabrik gehen, und was tu ich dann den ganzen Tag? Nee, Borkhausen, ich will nie reich werden und so schon bestimmt nicht. So ein Reichtum ist nicht einen Toten wert!«
Da packt ihn Borkhausen am Arm, seine Augen flackern, er schüttelt den Quangel, während er eilig flüstert: »Wie kannst du so reden, Quangel? Du weißt doch, daß ich dich für so 'ne Meckerei ins KZ bringen kann? Du hast ja unserm Führer direkt gegen's Gesicht gesprochen! Wenn ich nun so einer wäre und meldete das ...?«
Quangel ist erschrocken über seine eigenen Worte. Diese Sache mit Otto und Anna muß ihn viel mehr aus dem Gleis geworfen haben, als er bisher gedacht hat, sonst hätte ihn seine angeborene, stets wachsame Vorsicht nicht so verlassen. Aber der andere bekommt von seinem Erschrecken nichts zu merken. Quangel befreit seinen Arm mit den starken Arbeitshänden von dem laschen Griff des andern und sagt dabei langsam und gleichgültig: »Was regen Sie sich denn so auf, Borkhausen? Was habe ich denn gesagt, das Sie melden können? Ich bin traurig, weil mein Sohn Otto gefallen, ist und weil meine Frau nun vielen Kummer hat. Das können Sie melden, wenn Sie wollen, und wenn Sie wollen, dann tun Sie's! Ich geh gleich mit und unterschreibe, daß ich das gesagt hab!«
Während Quangel aber so ungewohnt wortreich daherredet, denkt er innerlich: Ich will 'nen Besen fressen, wenn dieser Borkhausen nicht ein Spitzel ist! Wieder einer, vor dem man sich in acht nehmen muß! Vor wem muß man sich nicht in acht nehmen? Wie's mit der Anna werden wird, weiß ich auch nicht ...
Unterdes sind sie am Fabriktor angekommen. Wieder streckt Quangel dem Borkhausen nicht die Hand hin. Er sagt: »Na denn!« und will hineingehen.
Aber Borkhausen hält ihn an der Joppe fest und flüstert: »Nachbar, was gewesen ist, darüber wollen wir nicht mehr sprechen. Ich bin kein Spitzel und will keinen ins Unglück bringen. Aber nun tu mir auch einen Gefallen: ich muß meiner Frau ein bißchen Geld für Lebensmittel geben und habe keinen Pfennig in der Tasche. Die Kinder haben heut noch nischt gegessen. Leih mir zehn Mark – am nächsten Freitag bekommst du sie bestimmt wieder – heilig wahr!«
Der Quangel macht sich wieder wie vorhin von dem Griff des andern frei. Er denkt: Also so einer bist du, so verdienst du dein Geld! Und: Ich werde ihm nicht eine Mark geben, sonst denkt er, ich habe Angst vor ihm, und läßt mich nie wieder aus der Zange. Laut sagt er: »Ich bringe nur dreißig Mark die Woche nach Haus und brauche jede Mark davon alleine. Ich kann dir kein Geld geben.«
Damit geht er ohne ein weiteres Wort oder einen Blick in den Torhof der Fabrik hinein. Der Pförtner dort kennt ihn und läßt ihn ohne weitere Fragen durch.
Der Borkhausen aber steht auf der Straße, starrt ihm nach und überlegt, was er nun tun soll. Am liebsten ginge er zur Gestapo und machte Meldung gegen den Quangel, ein paar Zigaretten fielen dabei schon ab. Aber besser, er tut's nicht. Er ist heute früh zu vorschnell gewesen, er hätte den Quangel sich frei ausquatschen lassen sollen; nach dem Tode des Sohnes war der Mann in der Verfassung dazu.
Aber er hat den Quangel falsch eingeschätzt, der läßt sich nicht bluffen. Die meisten Menschen haben heute Angst, eigentlich alle, weil sie alle irgendwo irgendwas Verbotenes tun und immer fürchten, jemand weiß davon. Man muß sie nur im richtigen Augenblick überrumpeln, dann hat man sie, und sie zahlen. Aber der Quangel ist nicht so, ein Mann mit so 'nem scharfen Raubvogelgesicht. Der hat wahrscheinlich vor nichts Angst, und überrumpeln läßt der sich schon gar nicht. Nein, er wird den Mann aufgeben, vielleicht läßt sich in den nächsten Tagen mit der Frau was machen, 'ne Frau schmeißt der Tod vom einzigen Jungen noch ganz anders um! Dann fangen so 'ne Weiber an zu plappern.
Also die Frau in den nächsten Tagen, und was macht er jetzt? Er muß wirklich der Otti Geld geben, er hat heute früh heimlich das letzte Brot aus dem Küchenspind weggegessen. Aber er hat kein Geld, und woher kriegt er auf die schnelle was? Seine Frau ist 'ne Xanthippe und imstande, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Früher strichte sie auf der Schönhauser Allee und konnte manchmal richtig nett und lieb sein. Jetzt hat er fünf Blagen von ihr, das heißt, die meisten sind wohl kaum von ihm, und sie kann schimpfen wie 'n Fischweib in der Markthalle. Schlagen tut das Aas auch, zwischen die Kinder, und wenn's ihn trifft, so gibt es eben 'ne kleine Klopperei, bei der sie immer das meiste bezieht, aber das macht sie nicht klug.
Nein, er kann nicht ohne Geld zur Otti kommen. Plötzlich fällt ihm die alte Rosenthal ein, die da jetzt ganz allein, ohne allen Schutz im vierten Stock Jablonskistraße 55 wohnt. Daß ihm die olle Jüdin nicht eher eingefallen ist, die ist doch ein lohnenderes Geschäft als der alte Geier, der Quangel! Sie ist 'ne gutmütige Frau, er weiß es noch von früher, als sie noch ihr Wäschegeschäft hatten, und zuerst wird er es auch auf die sanfte Tour versuchen. Will sie aber nicht, so gibt er ihr einfach einen vor den Deez! Irgendwas wird er schon finden, ein Schmuckstück oder Geld oder was zu essen, irgendeine Sache, durch die Otti besänftigt wird.
Während Borkhausen so überlegt und sich immer wieder ausmalt, was er wohl finden wird – denn die Juden haben noch alles, sie verstecken's bloß vor den Deutschen, denen sie's gestohlen haben –, während solcher Gedanken geht Borkhausen immer schneller in die Jablonskistraße zurück. Als er unten im Treppenhaus angekommen ist, lauscht er lange hinauf. Er möchte doch nicht gerne, daß ihn jemand hier im Vorderhaus sähe, er selbst wohnt im Hinterhaus, was sich Gartenhaus schimpft, im Souterrain, hat also zu gut Deutsch eine Kellerwohnung. Ihn stört das nicht, nur wegen der Leute ist es ihm manchmal peinlich.
Es rührt sich nichts im Treppenhaus, und Borkhausen fängt an, eilig, aber leise die Stufen hochzusteigen. Aus der Wohnung der Persickes schallt wüster Lärm, Gejohle und Gelächter, die feiern schon mal wieder. An so 'ne wie die Persickes müßte er mal Anschluß bekommen, die haben die richtigen Verbindungen, dann ginge es auch mit ihm voran. Aber solche sehen einen Gelegenheitsspitzel, wie er ist, natürlich gar nicht an; besonders die Jungen in der SS und der Baldur sind unglaublich hochnäsig. Der Alte ist schon besser, schenkt ihm manchmal fünf Mark, wenn er angesoffen ist ...
In der Wohnung der Quangel ist alles still, und, eine Treppe höher, bei der Rosenthal hört er auch keinen Laut, so lange er auch das Ohr gegen die Tür legt. So klingelt er rasch und geschäftsmäßig, wie es etwa der Briefbote täte, der es eilig hat, weiterzukommen.
Aber nichts rührt sich, und nach ein, zwei Minuten Warten entschließt sich Borkhausen zu einem zweiten und später zu einem dritten Klingeln. Dazwischen lauscht er, hört nichts, flüstert aber doch durch das Schlüsselloch: »Frau Rosenthal, machen Sie doch auf! Ich bring Ihnen Nachricht von Ihrem Mann! Schnell, ehe mich einer sieht! Frau Rosenthal, ich hör Sie doch, machen Sie schon auf!«
Dazwischen klingelt er immer wieder, aber alles ganz erfolglos. Schließlich packt ihn die Wut. Er kann doch nicht auch hier wieder ganz erfolglos abziehen, mit der Otti gibt es einen Heidenstunk. Die olle Jüdsche soll rausgeben, was sie ihm gestohlen hat! Er klingelt rasend, und dazwischen schreit er am Schlüsselloch: »Mach uff, du olle Judensau, oder ick lackier dir die Fresse, daß du nich mehr aus den Augen kieken kannst! Ich bringe dich heute noch ins KZ, wenn du nicht aufmachst, verdammte Jüdsche!«
Wenn er jetzt bloß Benzin bei sich hätte, er steckte dem Aas auf die Stelle die Tür an!
Aber plötzlich wird Borkhausen ganz still. Er hat tiefer unten eine Wohnungstür gehen gehört, er drückt sich eng an die Wand. Keiner darf ihn hier sehen. Natürlich wollen die auf die Straße, er muß jetzt bloß stille sein.
Doch der Schritt geht treppauf, unaufhaltsam, wenn auch langsam und stolpernd. Es ist einer von den Persickes, und ein besoffener Persicke, das ist grade, was dem Borkhausen jetzt gefehlt hat. Natürlich will der auf den Boden, aber der Boden ist durch eine verschlossene Eisentür gesichert, da gibt's kein Versteck. Nun ist nur noch die einzige Hoffnung, daß der Betrunkene, ohne ihn zu merken, an ihm vorübergeht; wenn's der alte Persicke ist, kann's passieren.
Aber es ist nicht der alte Persicke, es ist der ekelhafte Bengel, der Bruno oder Baldur, der schlimmste von der ganzen Bande! Ewig läuft er in seiner HJ-Führer-Uniform herum und erwartet, daß man ihn zuerst grüßt, obwohl er doch ein reiner Garnichts ist. Langsam kommt der Baldur die letzten Treppenstufen hoch, er hält sich am Treppengeländer fest, so angetrunken wie er ist. Er hat trotz seiner glasigen Augen den Borkhausen da an der Wand längst gesehen, er spricht ihn aber erst an, als er direkt vor ihm steht: »Was schnüffelst du denn hier vorne im Hause herum? Ich will das nicht haben, mach, daß du in den Keller zu deiner Nutte kommst! Marsch, hau ab!«
Und er hebt den Fuß mit dem genagelten Schuh, setzt ihn aber gleich wieder hin: zum Fußtrittgeben steht er zu wacklig auf den Füßen.
Einem Ton wie dem eben ist der Borkhausen einfach nicht gewachsen. Wenn er so angeschnauzt wird, kriecht er ganz in sich zusammen, hat bloß Angst. Er flüstert demütig: »Entschuldigen Sie bloß, Herr Persicke! Wollte mir nur mal 'nen kleinen Spaß mit der ollen Jüdschen machen!«
Der Baldur legt vor angestrengtem Nachdenken die Stirn in Falten. Nach einer Weile sagt er: »Klauen wollt'ste, du Aas, das ist dein Spaß mit der ollen Jüdschen. Na, geh voran!«
So grob die Worte auch waren, so klangen sie doch zweifelsfrei wohlwollender; für so was hatte Borkhausen ein feines Ohr. So sagt er denn mit einem für den Witz um Entschuldigung bittenden Lächeln: »Ich klau doch nicht, Herr Persicke, ick organisier bloß manchmal ein bißchen!«
Baldur Persicke erwidert das Lächeln nicht. Mit solchen Leuten macht er sich nicht gemein, wenn sie auch manchmal nützlich sein können. Er klettert vorsichtig hinter Borkhausen die Treppe hinunter.
Beide Männer sind so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie darauf nicht achthaben, daß die Flurtür bei den Quangels jetzt nur angelehnt ist. Und sie wird sofort wieder geöffnet, als die beiden Männer vorüber sind. Anna Quangel huscht ans Treppengeländer und lauscht hinunter.
Vor der Flurtür der Persickes hebt Borkhausen stramm die Hand zum Deutschen Gruß: »Heil Hitler, Herr Persicke! Und ich danke Ihnen auch schön!«
Wofür er dankt, weiß er selbst nicht so genau. Vielleicht, weil der HJ-Führer ihn nicht mit dem Fuß in den Hintern getreten und die Treppe hinuntergeworfen hat. Er hätte sich das ja auch gefallen lassen müssen, solch ein kleiner Pinscher wie er ist.
Baldur Persicke erwidert den Gruß nicht. Er starrt den andern mit seinen glasigen Augen an und erreicht, daß er nach kurzem zu blinzeln anfängt und den Blick zur Erde senkt. Baldur fragt: »Du wolltest dir also einen Spaß mit der alten Rosenthal machen?«
»Ja«, antwortet Borkhausen leise mit gesenktem Blick.
»Was denn für 'nen Spaß?« wird er weiter gefragt. »Bloß so Firma Klau und Lange?«
Borkhausen riskiert einen raschen Blick in das Gesicht seines Gegenübers. »Och!« sagt er. »Ich hätte ihr auch schon die Fresse lackiert!«
»So!« antwortet der Baldur nur. »So!«
Eine Weile stehen sie schweigend. Der Borkhausen überlegt, ob er jetzt gehen darf, aber er hat noch nicht den Befehl zum Abtreten bekommen. So wartet er stumm, mit wieder gesenktem Blick, weiter.
»Geh da mal rein!« sagt Persicke plötzlich mit sehr mühsamer Zunge. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die offene Flurtür der Persickes. »Vielleicht habe ich dir noch was zu sagen. Mal sehen!«
Borkhausen marschiert, wie vom weisenden Zeigefinger befohlen, schweigend in die Wohnung der Persickes. Baldur Persicke folgt, ein wenig schwankend, aber in soldatischer Haltung. Die Tür schlägt hinter beiden zu.
Oben löst sich Frau Anna Quangel vom Treppengeländer und schleicht in die eigene Wohnung zurück, deren Tür sie sachte ins Schloß gleiten läßt. Warum sie die beiden bei ihrem Gespräch, erst oben vor der Wohnung der Frau Rosenthal, dann unten vor Persickes Tür, belauscht hat, sie weiß es nicht. Sie folgt sonst ganz der Gewohnheit ihres Mannes: die Mitbewohner können tun und lassen, was sie wollen. Frau Annas Gesicht ist noch immer krankhaft weiß, und in ihren Augenlidern ist ein irritiertes Zucken. Ein paarmal schon hätte sie sich gerne hingesetzt und geweint, aber sie kann es nicht. Ihr gehen Redensarten durch den Kopf wie: »Es drückt mir das Herz ab«, oder: »Es hat mich vor den Kopf geschlagen«, oder: »Es steht mir vor dem Magen«. Von all dem empfindet sie etwas, aber auch noch dies: »Die sollen mir nicht ungestraft meinen Jungen umgebracht haben. Ich kann auch anders sein ...«
Wieder weiß sie nicht, was sie mit dem Anderssein meint, aber dies Lauschen eben war vielleicht schon ein Anfang davon. Otto wird nicht mehr alles allein bestimmen können, denkt sie auch noch. Ich will auch mal tun können, was ich will, auch wenn es ihm nicht paßt.
Sie macht sich eifrig an die Fertigstellung des Essens. Die meisten Lebensmittel, die sie beide auf Karten zugeteilt erhalten, bekommt er. Er ist nicht mehr jung und muß ständig über seine Kraft arbeiten; sie kann viel sitzen und Näharbeit tun, also versteht sich solche Teilung von selbst.
Während sie noch mit ihren Kochtöpfen hantiert, verläßt Borkhausen wieder die Wohnung der Persickes. Sobald er die Treppe hinuntersteigt, verliert seine Haltung das Kriecherische, das sie vor denen hatte. Er geht aufrecht über den Hof, sein Magen ist angenehm von zwei Schnäpsen erwärmt, und in der Tasche hat er zwei Zehnmarkscheine, einer von ihnen wird Ottis üble Laune besänftigen.
Aber als er die Stube im Souterrain betritt, ist Otti keiner üblen Laune. Auf dem Tisch liegt eine weiße Decke, und Otti sitzt mit einem Borkhausen nicht bekannten Manne auf dem Sofa. Der Fremde, der gar nicht schlecht angezogen ist, zieht hastig seinen Arm, der um Ottis Schulter lag, zurück. Aber das hätte er gar nicht zu tun brauchen, in so was war Borkhausen nie heikel.
Er denkt: Kiek mal, das alte Aas, solche fängt sie sich auch ein! Der ist mindestens Bankangestellter oder Lehrer ...
In der Küche heulen und jaulen die Kinder. Borkhausen bringt jedem eine dicke Scheibe von dem Brot, das auf dem Tisch steht. Dann fängt er selber zu frühstücken an, es ist sowohl Brot wie Wurst, wie Schnaps da. Er streift den Mann auf dem Sofa mit einem zufriedenen Blick. Der Mann scheint sich nicht so wohl wie Borkhausen zu fühlen.
