4,90 €
Auf seiner Reise durch das Jenseits wird Jedermann von seinen Freunden Aalglatt und Wissi Allweiß begleitet. Sie begegnen Menschen und deren Leben und Tod. Den drei Freunden wird die Aufgabe übertragen, diese Menschen zu einer Rückkehr auf die Erde zu bewegen. Was voraussetzt, dass sie den Bezug zu ihrer eigenen Akte wieder herstellen können. Jedes Abenteuer und jede einzelne Begegnung führen Jedermann einen Schritt näher zu sich selbst.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.tredition.de
Peter Grosse-Plankermann Karin Gatermann
Jedermanns Akte
www.tredition.de
© 2012 Peter Grosse-Plankermann, Karin Gatermann
Umschlaggestaltung, Illustration: Karin Gatermann
Verlag: tredition GmbH, HamburgISBN: 978-3-8495-7735-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
Jedermann ist Jedermann.
Wir hinterfragen auch in diesem Buch kritisch sein Leben, das eigene Leben und das vieler Menschen, die hier und im realen Leben unseren Weg gekreuzt haben.
Machen Sie mit uns eine kleine Reise. Durchleuchten Sie Ihre eigene Lebensweise. Fragen Sie sich, was Geben und Nehmen, Freiheit und Glück, Liebe und Nächstenliebe für Sie bedeuten.
Fragen Sie, was Ihnen wirklich wichtig ist, was Ihr Beruf oder Ihre Berufung ist.
Und fragen Sie, ob es in Ihrem Leben Möglichkeiten gibt, etwas zu bewegen und zu ändern, auch wenn es mit Hürden und Schwierigkeiten verbunden ist.
Erleben Sie mit uns einige kleine Abenteuer.
Es ist nie zu spät.
Kapitel 1
Meine Herren, wir sollten uns auf den Weg machen. Wir werden erwartet.“
Der Klang der Totenglocke drang in meine Ohren. Er war mir mit der Zeit so vertraut geworden wie das tägliche Zähneputzen. Wieder war ein Mensch gestorben. Wieder wurde ein Mensch beerdigt.
Bereitwillig trotteten Aalglatt, mein Kumpel und Partner, und ich dem Herrn Wissi Allweiß hinterher. Den Weg vom Friedhof zur weißen Villa kannten wir inzwischen auswendig. Wir schlenderten über die Sandwege, die mit Rhododendren gesäumt waren, beschauten uns die frischen und die alten Gräber und Grabsteine. Manche wurden durch frische, bunte Blumen geschmückt, andere hingegen wurden von Unkraut überwuchert, die Steine mit Moos bewachsen, und die Buchstaben kaum mehr lesbar.
Auf unserem Weg stand auch die Bank, auf der mein Nachbar, Herr Schönreden, immer noch saß. Neben ihm Frau Kranklieb, die unentwegt erzählte und sich aufregte über die Ärzte und die Medizin, die ihren sämtlichen Krankheiten nicht zu Leibe rücken konnten. Das Gejammer des Herrn Schönreden über seine verpassten Chancen und seinem Aufruf, endlich den Menschen seine Meinung zu sagen, hallten in meinen Ohren wider. Er redete und bewegte sich weiterhin nicht einen Zentimeter von dieser Parkbank fort.
Wenig später fanden wir uns in der mir vertrauten, herrschaftlichen, weißen Villa wieder. Ein Assistent in weißem Anzug führte uns in einen imposanten, weißen Saal, in welchem der Kamin wohlig wärmend prasselte. Ich kannte diesen Saal. Er war mir vertraut. Und ich erinnerte mich an den imponierenden Herren und seine Predigt. Dieser Herr war nicht durch die Tür gekommen. Er war einfach in einem gleißenden Licht im Raume erschienen. Seitdem war ich mir sicher, dieses wäre der „Gottesraum“.
Die großen, weißen, breiten Ledersessel schienen auf uns zu warten, und wir nahmen die Einladung gerne an.
Das gleißende Licht erschien und blendete mich kurzfristig. Ich hörte die donnernde Stimme des Wesens, welches ich für Gott hielt.
„Herzlichen Glückwunsch!“ Der Raum war gefüllt von dieser Stimme. „Euren Auftrag habt ihr mit Bravour gemeistert.“
Ich spürte Stolz in meiner Brust und schaute verstohlen zu Aalglatt. Auch er war gerade um einige Zentimeter gewachsen.
„Nun wartet noch mehr Arbeit auf euch. Bisher haben es nur sehr wenige geschafft, auf die Erde zurückzukehren, um dort ihre Richtung zu ändern und damit ihr Leben zu optimieren.“
Gespannt wartete ich auf unseren Auftrag. Ich, Jedermann, hatte die Chance, mein Leben zu optimieren. Es musste mir nur gelingen, nicht in meine alten Gewohnheiten und Muster zurückzufallen.
Sollte es mir gelingen, wäre es mir möglich, nach meinem Tode in die nächste höhere Dimension aufzusteigen. Ich wusste nicht, wie sich das gestalten sollte, aber die Erfahrung in meinem Jetzt und Hier hatte mich gelehrt, dass nichts, absolut gar nichts, unmöglich war, und die Geschehnisse immer so eintraten, dass sie sich zusammenfügten wie Puzzleteile. Ich musste nur vertrauen.
Die Stimme schwoll wieder an.
„Euer Auftrag ist es, Rückkehrwillige zu unterstützen.“
Ich sah verwirrt zu Aalglatt hinüber. Aber auch in seinem Gesicht war nur Ratlosigkeit zu entdecken. Wissi Allweiß lehnte hingegen völlig entspannt und wissend in seinem weißen Sessel.
„Die Menschen glauben, es käme ein Wunder, ein äußerer Energiestrahl, der sie automatisch läutern würde. Viele haben noch nicht verstanden, dass nur sie selbst für ihr Leben und für alles, was danach kommt, selbst verantwortlich sind. Sie leben in Gier, in Lügen, in Heucheleien und sind irgendwann nicht mehr Herr ihrer selbst. Der Bezug zu ihrer Akte geht verloren. Sie fristen ein Dasein ohne Bezug zur Wahrheit.
Doch um in eine höhere, göttlichere Dimension zu gelangen, reicht dieses nicht aus. Dies erfordert Erkenntnis, Einsicht und den Willen zur Bewegung und Änderung!“
Ich nickte. Ich kannte diese Worte. War ich, Jedermann, doch selbst ein bequemer, feiger und von
Gewohnheiten getriebener Mensch, der sich im Geiste kaum weiterentwickelt und bewegt hatte.
„Alle diese Menschen bevölkern heute unseren Park hinter der Villa. Alle diese Menschen sind von Lethargie, von Trägheit geprägt, um einer Reflektion aus dem Wege zu gehen. Stattdessen bewegen sie sich nur in eine Richtung: die des Auflösens in ein Nichts!“
Der Park. Die kleinen, hübschen, gemütlichen Hütten. Und die Trägheit. Die Müdigkeit und Lähmung, die sich wie wabbeliger Nebel über diesen Park gelegt hatte, war mir vertraut. Ich hatte sie selbst gespürt und war indessen freudig erregt darüber, dieser entronnen zu sein.
„Meine Herren, Sie werden nun den Rückkehrwilligen helfen und auch auf der Erde Lebenden die Richtung weisen. Es ist an der Zeit, dass wir die Menschen wieder ihren Akten zuordnen können. Es ist wahrhaftig an der Zeit!“
Es wurde blendend hell im Saal, eine riesige warme Welle durchflutete meinen Körper, und als ich wieder klar sehen konnte, war dieser Mensch, dieser Mann oder Gott – was immer er war – wieder verschwunden, ohne dass sich eine Tür geöffnet oder geschlossen hätte.
Kurze Zeit herrschte Stille im Saal. Wir drei ausgewachsene Männer sahen uns ratlos an. Aalglatt schüttelte den empört den Kopf.
„Das ist ja ein schönes Schlamassel“, sagte er, „wir sollen die da,“ und er zeigte in die Richtung des Parks hinter der Villa, „aktivieren? Mir ist schleierhaft, wie wir diese trägen Typen zu irgendetwas motivieren und
ermutigen könnten. Geschweige denn, noch einmal zurück in ihr irdisches Leben zu gehen.“
Mir war dies ebenfalls schleierhaft. Dabei fiel mir Herr Schönreden auf seiner Parkbank ein. Und Frau Kranklieb, die ebenfalls immer noch dort saß.
„Und was tun wir mit denen, die dort draußen umherirren und überhaupt keinen Weg mehr finden?“ fragte ich. „Sie sind so sehr in sich und ihrem verdorbenen Leben gefangen, dass ich Schwarz sehe.“
„Meine Güte“, seufzte Aalglatt, „hätte ich doch nur vorher alles gewusst. Hätte ich doch nur vorher den richtigen Weg eingeschlagen. Mir wäre all dies hier erspart geblieben. Ich hätte meine Ruhe und könnte in Frieden in einer göttlichen Welt leben.“
Ich grinste ihn breit an. „Wir wussten es. Wir hörten nur nicht. Wie kleine Kinder, die sich die Finger auf einer Herdplatte verbrennen, obwohl sie tausend Mal gewarnt werden. Wir wollten es nicht sehen und nicht hören.“
Wisse lächelte. „Meine Herren“, sagte er, „wir wissen doch gar nicht, was geschehen wäre, wenn wir nicht den Bezug zu unseren Akten verloren hätten. Wir können nur spekulieren. Lassen wir uns überraschen vom Leben, von den Menschen, von den Geschehnissen. Lassen wir uns auf unseren Körper und unser Herz hören. Dann wird es uns gelingen.“
Ja. Ich nickte. Wir sollten jetzt nicht jammern. Das hatte noch zu nichts geführt. Ich hatte es bei Herrn Schönreden lange genug erleben dürfen. Wir hatten jetzt die Aufgabe, den Menschen klarzumachen, dass sie sich
in trügerischer Sicherheit währten. Dass sie sich nicht im, wie sie glaubten, Paradies befanden, sondern in einem Aufbewahrungsort mit der einzigen Option der Vergänglichkeit. Wir zwei Gauner und ein Langeweiler hatten die Aufgabe erhalten, Menschen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Und uns dabei selbst weiter zu bewegen, damit wir unser eigenes verpfuschtes Leben gerade rücken konnten.
In diesem Augenblick war ich mir sicher, der Teufel hatte seine Hände im Spiel. Er stand hinter der Tür, rieb sich grinsend die Hände, und wartete darauf, dass wir allesamt auf die Nase fielen. Denn nur der Teufel konnte uns diesen Höllenqualen aussetzen, diese Menschen, deren verpfuschte Leben und ihre Reaktion auf unsere Forderungen, in ihr eigenes Leben zurückzukehren, zu bekehren und zu unterstützen.
Wir kamen kaum mit unserem eigenen Leben klar und trugen nun die Last der Verantwortung für ein gutes Gelingen und das Einsetzen von Bewegung in einer trägen und feigen Welt. Ich stand vor der größten Reise und der größten Herausforderung, die je an mich gestellt worden war.
Kapitel 2
Aalglatt sah erst mich, dann Wissi bestürzt an. Ich konnte seine Gedanken lesen, denn sie waren den meinen sehr ähnlich. Wir brauchten
eine Strategie. Diese an uns gestellte Aufgabe übertraf alle Aufgaben, die ich je in meinem Leben hatte bewältigen müssen. Und die, die ich nicht bewältigen konnte oder wollte, hatte ich einfach links liegen gelassen und war davon gelaufen. Hier und jetzt konnte ich nicht mehr davon laufen.
Wir erhoben uns etwas gequält aus unseren bequemen Sesseln. Ich kannte auch die Villa inzwischen sehr gut, und wir beschlossen, die unteren Räume aufzusuchen, in denen jedem Verstorbenen seine Akte vorgelegt wurde.
Es gab mehrere dieser „Büros“. Sie alle waren in Weiß eingerichtet. Weiße, riesige Schreibtische mit weißen Marmorplatten standen darin. Auch weiße, bequeme Ledersessel, in denen die Verstorbenen, meist noch nicht ganz angekommen, ausruhen durften, bevor sie Akteneinsicht bekamen.
Der Tod hatte einen Neuankömmling angemeldet. Es wurden Vorkehrungen in einem dieser Büros getroffen. Die marmorne Tischplatte wurde gereinigt und poliert. Die Akte mit dem schwarzen Deckel und dem Namen des Ankömmlings lag mitten auf dem Schreibtisch. Der weiße Sessel wurde zurecht gerückt, und ein würdiger, älterer Herr mit weißen Haaren betrat den Raum und nahm hinter dem Schreibtisch Platz.
Ich kannte diesen Herrn nicht. Die graue Eminenz, die mich damals in Empfang genommen hatte, war jemand anderes gewesen. Er schaute uns kurz an, akzeptierte aber wortlos unsere Anwesenheit.
Ich nahm an, dass er im Bilde war über die uns zugetragene Aufgabe, denn er nickte uns kurz lächelnd zu und wies uns, auf den Sesseln im hinteren Teil des Raumes Platz zu nehmen.
Nur Sekunden später öffnete sich eine Tür und ein sehr verbitterter und empört ausschauender Herr mittleren Alters wurde hereingeführt. Der Mann, er stellte sich als Despothan Sauer vor, nahm vor dem Schreibtisch Platz. Ein mürrischer Gesichtsausdruck ließ ihn älter scheinen als er war.
„Wo bin ich hier?“ fragte Despothan Sauer. „Was soll ich hier?“
Die graue Eminenz hinter dem Schreibtisch erklärte ihm, dass er soeben verstorben sei und nun seine Akte mit ihm eingesehen werden sollte. Ich konnte die Reaktion des mürrischen Mannes verstehen, denn meine war anfangs eine Ähnliche gewesen.
„Wieso tot? Ich lebe doch!“ In seinem Gesicht spiegelten sich Trotz und Unverständnis wider. Er schaute sich um. „Sonderbar ist das hier“, sagte er leise. „Sehr sonderbar.“
Er beugte sich ein wenig vor mit einem mürrischen und leicht zornigen Ausdruck. „Wissen Sie, ich wollte gerade meiner Frau ordentlich meine Meinung sagen. Ständig muss ich mich zu Hause aufregen. Da wurde es mir ganz schwindelig und schwarz vor Augen.“
Die graue Eminenz lächelte verständnisvoll. „Sie hatten aufgrund Ihrer Aufregung einen Herzinfarkt und dieser endete leider tödlich“, erklärte er geduldig.
Despothan Sauer schaute ihn etwas versöhnlicher an.
„Einen tödlichen Herzinfarkt hatte ich?“ fragte er noch einmal nach. Die graue Eminenz nickte.
„Das ist ja auch kein Wunder“, erklärte Despothan Sauer, „meine Familie hat ja auch alles dafür getan, dass ich mich immer so aufregen muss. Ständig muss ich auf den Tisch hauen und ein ordentliches Donnerwetter veranstalten, damit sie das tun, was ich erwarte. Ich bin der Ernährer der Familie, wissen Sie. Ich bin der Vater der Kinder und das Familienoberhaupt. Da kann man wohl verlangen, dass Frau und Kinder tun, was ich erwarte. Aber ständig gab es Streit und ich musste mich aufregen. Das geht doch irgendwann aufs Herz.“
Die graue Eminenz lächelte wieder, und ich sah einen törichten, egoistischen Mann vor mir, der nach Zuwendung lechzte. Und diese sollte, bitteschön, dann eintreten, wenn er es verlangte. Ein Mensch mit Kontroll- und Machtwahn, der die Familie kommandierte, kontrollierte, und die Frau und die Kinder als unartig und unreif darstellte. Er hatte sich auf den Thron des Familienoberhauptes geschwungen, mit dem Zepter in der Hand, ohne Anleitung und Handbuch.
Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie schnell man das Handbuch verlor. Doch ohne unsere Gebrauchsanweisung waren wir Menschen zu nichts zu gebrauchen. Nicht als Mensch, nicht als Ehemann, nicht als Vater. Er hatte es verloren auf dem Weg zum Thron.
Doch die anderen waren schuld. Die Ehefrau, die derweil in die Position der Verteidigerin gegangen war. Die Kinder, die Brut, die immer nur rebellierten, nie taten, was man ihnen sagte. Die egoistisch, einfältig und dumm waren. Die Frau und die Kinder, die er doch als Vater hatte leiten und lenken müssen.
Es war also kein Wunder, dass er sich ständig hatte aufregen müssen.
Despothan Sauer schaute auf die ihm vorgelegte schwarze Akte. Er schüttelte den Kopf. Die graue Eminenz schloss die Akte wieder.
„Sie kennen diesen Namen nicht?“ fragte der würdige Herr vorsichtshalber noch einmal.
Despothan Sauer schüttelte den Kopf. „Nein, mein Herr, dieser Name ist mir gänzlich unbekannt.“
Der Assistent betrat den Raum und holte die schwarze Akte ab. Die graue Eminenz öffnete die Terrassentür und die hellen, warmen Sonnenstrahlen tauchten in den Raum und wärmten uns. Er zeigte auf den Park und die hübschen, kleinen Hütten.
„Wäre meine Frau jetzt hier, würde ich mit ihr im Park spazieren gehen“, antwortete Despothan. „Doch die Kinder, diese Brut, von denen will ich erst einmal nichts wissen. Deshalb schaue ich mich vorerst noch eine Weile um und warte, bis meine Frau da ist. Dann lassen wir uns gemeinsam in einem der kleinen Häuschen nieder.“
Ich war etwas irritiert. Woher wollte Despothan wissen, dass seine Frau hier wohnen wollte? Woher
wollte er wissen, dass sie mit ihm weiterhin gemeinsam leben wollte? Aalglatt sah etwas angewidert aus.
Doch wir hatten einen Auftrag. Eine Aufgabe, zu der ich mich jetzt gerade kaum fähig fühlte, denn Despothan sprühte seine Arroganz und seine Überheblichkeit wie Nieselregen über unsere Häupter.
Doch Wissi behielt die Nerven. Er steuerte auf die graue Eminenz zu. „Mein Herr, darf ich einen kleinen Einwurf wagen?“ Die graue Eminenz nickte lächelnd.
„Dieser Herr Sauer macht einen sehr netten Eindruck auf mich. Es scheint mir, dass ihm großes Unrecht widerfahren ist. Kann der Herr Sauer, vorausgesetzt, er stimmt zu, noch einmal die Akte einsehen? Man könnte dann prüfen, ob nicht doch ein Bezug hergestellt werden kann. Und man könnte feststellen, wer denn die Schuld trägt für Herrn Sauers Ungemach.“
Despothan Sauer lächelte Wissi zu. Da gab es doch tatsächlich jemanden, der auf seiner Seite stand. Dieser Mann kannte sich aus. Er war bereit, für und mit ihm den Schuldigen ausfindig zu machen. Despothan nickte wohlwollend und zufrieden.
Der Gedanke, einem ausfindig gemachten Schuldigen seinen frühen Tod anlasten zu können, beflügelten Despothan, und er schaute gespannt, was jetzt geschah. Sein Blick war fest auf die Akte gerichtet, die nunmehr wieder auf dem marmornen Schreibtisch lag. Auf ein Zeichen der Eminenz klappte sich der Deckel der Akte auf und die Tischplatte sog die Akte, das Leben des Despothan Sauer, in sich auf. Bruchteile
von Sekunden nachdem die Akte verschwunden war, baute sich der riesige Kubus auf.
Despothan Sauer verfolgte das Schauspiel mit geöffnetem Mund und glasigen Augen. Immer noch schweigsam und angespannt bis in den letzten Muskel seines Körpers.
Ich warf einen kurzen Seitenblick auf Wissi Allweiß, dessen Mimik Missbilligung, sogar ein wenig Ekel ausdrückte. Doch er lehnte sich, scheinbar zufrieden, dass er diesen Kotzbrocken Despothan so schnell auf seine Seite hatte ziehen können und damit unseren ersten Fremdauftrag in der Tasche hatte, in seinem Sessel zurück.
Der Lebensfilm des Despothan Sauer begann, im Kubus abzuspielen. Zunächst gab es wenige Unregelmäßigkeiten. Seine Kindheit schien einigermaßen zufriedenstellend gewesen zu sein. Despothan war ein kleiner, quirliger und fröhlicher Junge. Seine Eltern kümmerten sich fürsorglich um ihn. Bis der Tod den Vater heimsuchte und mitnahm. Despothan war traurig, doch schien er sich recht schnell mit der Situation zurecht zu finden. Er war oft auf sich allein gestellt, da die Mutter nunmehr viel arbeiten musste. Das Geld war ständig knapp. Doch Despothan sah dies auch als Vorteil an, denn er musste nicht allzu viel teilen. Die Zeit, die der Mutter blieb, sorgte und kümmerte sie sich ausschließlich um den Sohn, der sie nun für sich allein in Anspruch nehmen konnte.
Als Despothan die Pubertät durchlief, lernte die Mutter einen Herrn kennen, den sie später ehelichte. Das machte den Jungen nicht zwangsläufig glücklich.
Ein anderer Mann nahm ihm die Mutter, die er lange Zeit nicht hatte teilen müssen. Er zog sich zurück, was die Mutter auf die pubertierenden Einwirkungen zurückführte und diesem Zustand keine größere Beachtung schenkte.
Niemand, selbst Despothan nicht, merkte, dass der junge Mann sauer wurde. Die Jahre vergingen mit einem innerlich säuerlichen Despothan. Er lernte eine junge Frau kennen, die ihm all ihre Aufmerksamkeit schenkte und ihr Leben mit ihm teilen wollte. Despothan blühte wieder auf, kam aus sich heraus und sie wurde seine Frau. Nach der Hochzeit bezogen sie ein kleines Reihenhaus, später bauten sie einen Flachdachbungalow. Despothan achtete sehr auf die Kosten, sparte, was zu sparen war, und lag damit vollkommen richtig.
Frau Sauer wurde schwanger und gebar ihr erstes Kind. Einige weitere sollten folgen. Sie blieb im Haus, kümmerte sich um Haushalt und Kind. Herr Despothan Sauer ging täglich zur Arbeit und brachte das Geld nach Hause, welches seine Frau sehr gut verwaltete, denn auch sie war ein sehr sparsamer Mensch. Despothan war zufrieden, denn auch als Mutter brachte sie ihrem Kind die angemessene Aufmerksamkeit entgegen.
