JENE FERNEN TAGE - Florian F. Marzin - E-Book

JENE FERNEN TAGE E-Book

Florian F. Marzin

0,0

Beschreibung

Jene fernen Tage, längst vergangen und doch nicht vergessen, ein steter Dorn im Fleisch der Erinnerung, quälen die Professorengattin Petra Bonnert. Einst, am Wendepunkt ihres Lebens, hatte sie eine Entscheidung getroffen und den Weg der Pflicht gewählt, um in der Zukunft mit der Freiheit des Glücks belohnt zu werden. Was damals als bessere Alternative erschien, wurde aber durch einen Akteur zunichtegemacht, den sie nicht auf der Rechnung hatte. Einen Mitspieler, der gnadenloser nicht sein konnte. »Plötzlich und unerwartet«, eine der üblichen Formulierungen in Todesanzeigen. So auch beim Ableben der Professorengattin Petra Bonnert. Doch was steht hinter dieser nichtssagenden Floskel? Florian F. Marzin erzählt die Geschichte einer Liebe, in der zwei Menschen versuchen, gegen die Konventionen und ihre eigenen Fesseln anzukämpfen. Doch die Realität erweist sich mächtiger als der kurze Traum vom Glück. Jenseits aller großen Gesten bestimmt das Alltägliche und das scheinbar Banale den gnadenlosen Verlauf der Handlung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Florian F. Marzin

Jene fernen Tage

Florian F. Marzin

JENE FERNEN TAGE

Zwischen den Stühlen 18

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über httpa://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: November 2025

Zwischen den Stühlen @ p.machinery Michael Haitel

Kai Beisswenger & Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild: Kai Beisswenger

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Kai Beisswenger

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Zwischen den Stühlen

im Verlag der p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.zds.li

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 485 4

ISBN dieses E-Books:; 978 3 95765 673 5

Plötzlich und unerwartet … so stand es in der Todesanzeige für Petra Bonnert, die im achtundfünfzigsten Lebensjahr ebenso verstarb.

Plötzlich und unerwartet … Das entsprach auch den Tatsachen. Weder ihr Mann, Professor Gerwald Bonnert, noch ihre beiden Kinder, Silvia und Bernd, hätten damit gerechnet. Nach dem Anruf des Vaters waren sie aus ihren jeweiligen Studienorten herbeigeeilt, nachdem dieser, bei der Rückkehr von einer Dienstreise, ihre Mutter tot in ihrem Bett vorgefunden hatte. Die Gesichtszüge der Toten waren entspannt, strahlten aber eine fast greifbare Traurigkeit aus.

Der Hausarzt der Bonnerts, ein langjähriger Freund des Professors, attestierte als Todesursache Herzversagen, obwohl die Medikamentenschachtel, die sich unübersehbar auf dem Nachtisch befand, zumindest in jedem anderen Fall, Anlass zu gewissen Zweifeln gegeben hätte. Niemand sprach den naheliegenden Gedanken laut aus, dass Petra Bonnert möglicherweise den Tod zu sich gebeten haben könnte.

Professor Bonnert war ein bekannter und geachteter Mann und dementsprechend war die Beerdigung. Die Prominenz der Universitätsstadt, in deren Umfeld die Bonnerts die letzten zwölf Jahre gelebt hatten, genügte teils ihrer Pflicht, teils wirklicher Anteilnahme, als Petra Bonnert zwei Tage zuvor zu Grabe getragen worden war. Jeder bedauerte den Verlust der beliebten Professorengattin, die, zusammen mit ihrem Mann, ein so perfektes Paar abgegeben hatten. Auch wenn sich Petra Bonnert, nachdem die Kinder, um zu studieren, vor über einem Jahr den gemeinsamen Haushalt verlassen hatten, merklich aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt zurückgezogen hatte. Eigentlich war sie kaum noch in der Öffentlichkeit gesehen worden.

Der Professor trug den Verlust seiner Frau gefasst, wie man es von ihm nicht anders erwarten konnte, denn alle kannten ihn als einen beherrschten Mann. Manche behaupteten auch, er sei schlichtweg gefühllos.

Für die verbliebene Familie Bonnert begann nach der Beerdigung die Suche nach den Gründen für den so überraschenden Freitod der Frau und Mutter. Ratlos saßen sie in dem großen Zimmer im Obergeschoss zusammen, das Petra Bonnert als Schlaf, aber auch als Wohn- und Arbeitszimmer gedient hatte. Nur noch selten hatte sie sich in den anderen Räumen der weitläufigen Villa aufgehalten. Trauer stand in den Gesichtern des Witwers und der Kinder. Erinnerungen an die Verstorbene huschten durch die Gedanken auf der Suche nach einem Hinweis, der das Geschehene erklären könnte. Da gab es eine Szene, an die sich Silvia noch genau erinnerte und die ihr immer unerklärlich geblieben war. Sie konnte kaum älter als zehn oder elf Jahre gewesen sein, ihr Bruder zwei Jahre jünger. Ihre Mutter war in den Garten der Großeltern gestürmt, wo die beiden Kinder spielten, hatte die beiden in die Arme genommen und dann hemmungslos geweint. Danach hatte sie lange auf der Terrasse gesessen und war nicht ansprechbar gewesen. Doch das lag so lange zurück und konnte kaum eine Begründung für die letzten Ereignisse sein. War die merkliche Abkühlung der Beziehung zu ihrem Vater, je älter die Kinder geworden waren, ein Grund dafür? Auch dieses Ereignis lag schon so lange zurück, das es kaum mehr als Anlass dafür dienen konnte, sich dem Weiterleben zu entziehen.

Gerwald Bonnert und seine Kinder hatten das Zimmer der Verstorbenen akribisch durchsucht, aber keinen Hinweis gefunden, der ihre Tat erklärbar gemacht hätte. Nicht in ihrem Schreibsekretär, nicht in den Schränken. Nirgendwo fand sich ein Tagebuch, oder irgendwelche andere Schriftstücke, die Aufschluss über die Gefühlslage Petra Bonnerts vor ihrem Tod hätte geben können. Auch auf dem Laptop, den Petra Bonnert in den letzten Jahren, ob der sich stetig verändernden Kommunikationswege, immer mehr eingesetzt hatte, fanden sich weder gesicherte Bereiche noch der kleinste Anhaltspunkt für das, was passiert war. Es gab die üblichen E-Mails, Ordner mit Bildern aus dem Familienleben, die hauptsächlich von ihren Kindern stammten, Briefe an örtliche Vereine, die Stadtverwaltung – nichts Privates. Auch nicht im Papierkorb.

In einem zerlesenen Band mit Erzählungen von E.T.A. Hoffmann fanden sie eine säuberlich ausgeschnittene Todesanzeige. Darin wurde das Ableben eines Frank Kurtig angezeigt, der im Alter von zweiundsechzig Jahren verstorben war. Die Anzeige stammte aus einer überregionalen Zeitung und war zwei Monate alt. Niemand in der Familie kannte einen Frank Kurtig oder hatte je von ihm gehört.

1

Frank Kurtig schaute über die angespannten Gesichter der vierzehn Teilnehmer seines Literaturkreises, den er für die Volkshochschule in Tahlbach seit Jahren hielt. Es war das Sommersemester und draußen lockte, bei um neun Uhr abends noch angenehmen Temperaturen, jeder Biergarten mehr als seine Veranstaltung. Doch mit den Jahren, die er diesen Kurs anbot, hatte sich eine Gruppe von zehn Teilnehmern gefunden, die ihm treu ergeben war. Dazu kamen, je nach Thema, drei bis sechs Neue, die mal nur für ein Semester, manchmal auch ein paar mehr, blieben. Es war die letzte der zehn Veranstaltungen des Semesters, das Shakespeare zum Thema hatte. An diesem Abend war zum Abschluss König Lear dran. Frank Kurtig hatte seine Schäfchen zur Eröffnung des Abends mit einer Aufgabe überrascht, die sie wohl nicht in ihren schlimmsten Träumen erwartet hatten. Die harmlose Eingangsfrage »Sie haben den König Lear doch gelesen?« hatte noch Nicken und eine Reihe von fast beleidigt klingenden »Jas« provoziert, doch schon die nächste Frage zu entsetzten Blicken und stummem Blättern in den Büchern.

»Das Stück, so wie Sie es in der Druckfassung vor sich haben, braucht für eine Aufführung – und das ist ein hinreichend belegter Erfahrungswert – ungefähr vier Stunden. Sie haben aber nur drei Stunden zur Verfügung. Welche Szenen würden Sie streichen?«

Es war nicht nur ein bisschen gemein und das hinterhältige Lächeln in seinem Gesicht kaum zu verbergen, aber die Teilnehmer des Literaturkreises waren bereit, die Herausforderung anzunehmen, und kamen nach eineinhalb Stunden auch zu einem für alle befriedigenden Ergebnis.

Frank Kurtig bedankte sich bei den Teilnehmern für ihr Interesse und ihre Mitarbeit und meinte abschließend: »Ich hoffe, Sie natürlich im nächsten Semester wiederzusehen. Das Thema des nächsten Literaturkreises entnehmen Sie bitte der Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis der VHS. Da heute unser letzter Abend ist, wollen wir unserer Tradition folgen. Wer also Lust und Zeit hat … dann sehen wir uns wie üblich im Blauen Reiter gleich wieder, auf ein Bier oder was auch immer genehm ist. Ich habe dort für halb zehn einen Tisch reserviert.«

Während Frank Kurtig seine Sachen zusammenpackte und im Geiste noch einmal die letzten eineinhalb Stunden Revue passieren ließ, leerte sich der Klassenraum des Gymnasiums, in dem seine Veranstaltung stattfand. Er verließ als Letzter den Raum, schaute sich noch einmal um, ob irgendetwas liegen geblieben wäre, löschte das Licht und schloss ab.

Wie üblich, aber warum, das konnte sich Frank Kurtig immer noch nicht erklären, wurden bei Bier und Wein die eher ruhigen Teilnehmer des Kurses auf einmal zu den Gesprächigsten. Bestimmt hatten die Psychologen dafür eine passende Erklärung.

Zum Beispiel Martha Gerke, eine nette Person, um die vierzig, sagte selten etwas im Kurs, aber hatte heute wieder einmal bewiesen, dass sie den König Lear nicht nur gelesen hatte, sondern fast auswendig kannte.

Auch auf die Frage, die sie jetzt über ihr Weizenbierglas hinweg Frank Kurtig stellte, war keiner der anderen während des Kurses gekommen und auch sie hatte diese leider nicht im Kurs geäußert.

»Wenn die Szenen, die wir gestrichen haben, also eigentlich überflüssig sind, warum hat sie Shakespeare dann geschrieben?«

Die anderen dachten einen Moment nach, nickten dann und blickten auf den Kursleiter.

»Das ist eine gute Frage«, kaum hatte er es ausgesprochen, ärgerte sich Frank Kurtig schon über diese Plattitüde. »Warum haben Sie sie nicht im Kurs gestellt?«, und lächelte Martha Gerke dabei an.

Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie rot geworden wäre, aber sie zuckte nur hilflos mit den Schultern.

»Nun, zur Zeit Shakespeares hatte das Theater einen anderen Stellenwert und eine andere Funktion als heute. Shakespeares Stücke sind zuerst auf Unterhaltung ausgelegt und bei den Aufführungen ging es meist hoch her. Zwischenrufe, Unmuts- und Beifallsbekundungen, Aufforderungen an die Schauspieler, Kommentare und Ähnliches gehörten dazu. Und die Zuschauer wollten für ihr Geld etwas sehen, also konnte man sie nicht mit etwas abfertigen, was nach zwei Stunden vorbei war. Die meisten Aufführungen dauerten mit Pausen, in denen die Zuschauer auch reichlich alkoholische Getränke konsumierten, bis zu sechs Stunden. Da war es dann schon mal ganz gut, wenn man die Leute daran erinnerte, wer im König Lear die gute und die schlechte Tochter war, und wer mit wem gegen wen intrigierte.«

»Also war die ganze Sache mehr Remmidemmi, als Kultur«, warf Theodor Jaeckel, ein älterer, pensionierter Pfarrer, der zusammen mit seiner Frau zu den treuesten Besuchern des Literaturkreises gehörte, ein.

Frank Kurtig nahm einen Schluck aus seinem Weinglas, bevor er antwortete. »Ganz so hart würde ich es nicht ausdrücken, aber wenn Sie sich«, damit wandte er sich mit einem Blick in die Runde an alle Teilnehmer, »an die Komödie Der Kaufmann von Venedig, die wir besprochen haben, erinnern, da ist mit all den Verstrickungen und Verwechslungen auch auf der Bühne einiges los und dieses Stück ähnelt doch sehr stark an die heutigen Boulevardkomödien, die ja auch ausschließlich der Unterhaltung dienen. Vielleicht noch mit einer Moral am Ende. Ein gutes Beispiel wäre da Oscar Wildes The Importance of being earnest.«

Einige Zuhörer nickten, andere schauten ratlos drein.

»Das Stück von Wilde ist eine Verwechslungskomödie par excellence und sozusagen die Blaupause für sämtliche Verwechslungskomödien, wie zum Beispiel Charlies Tante. Und, wie Herr Jaeckel so treffend gesagt hat, mit viel Remmidemmi.«

Das Gespräch der Runde bewegte sich nach einiger Zeit unmerklich zu anderen Themen, was Frank Kurtig mehr als recht war, denn er konnte sich dabei entspannen und aufs Zuhören beschränken und musste nicht immer wieder Fragen zu literarischen Themen kompetent beantworten. Kurz vor Mitternacht löste sich schließlich die kleine Gruppe auf. Man verabschiedete sich auf ein Wiedersehen im nächsten Semester, das Ende September beginnen würde.

Frank Kurtig steuerte seinen schon etwas angegrauten Passat-Kombi durch die nächtlich stillen Straßen in Richtung Stadtmitte, wo sich in der Nähe des Marktplatzes die K & K Buchhandlung befand. Er öffnete das Hoftor hinter dem großen Fachwerkhaus, in dem sich die Buchhandlung und darüber im ersten und zweiten Stock seine Wohnung befand, und stellte den Wagen auf dem kleinen Hof ab. Dann verschloss er das Tor und stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung. Die K & K Buchhandlung hatte nichts mit dem ehemaligen Kaiser- und Königreich zu tun, sondern war einst die Kurtig und Kahlmann Buchhandlung gewesen, doch das zweite K, das seiner langjährigen Lebens- und Geschäftspartnerin, Dorothea Kahlmann, zierte seit fast zehn Jahren auch schon einen Grabstein auf dem Waldfriedhof, ein trauriges Mahnmal für den verlorenen Kampf gegen den Krebs. Trotzdem würde die K & K Buchhandlung eine immer bleibende Erinnerung an sie verkörpern.

2

Der Umzug war zu dem geworden, was mit allem Recht als göttliche Prüfung bezeichnet werden konnte. Nicht nur wegen der beiden kleinen Kinder, die das Chaos der letzten drei Wochen genossen und zugleich bis zu einem Punkt intensiviert hatten, an dem Petra Bonnert die Tränen nicht immer zurückhalten konnte. Die siebenjährige Silvia und ihr fünfjähriger Bruder Bernd hatten alle Register gezogen, um ihre Mutter an den Rand des Wahnsinns und eigentlich darüber hinaus zu bringen. Kaum glaubte Petra Bonnert, endlich das Interieur des Kinderzimmers in die unzähligen Umzugskisten verpackt zu haben, da benötigte Silvia unbedingt eine bestimmte Puppe, ohne die sie schlichtweg nicht eine weitere Minute leben konnte. Die Vehemenz, mit der diese Forderung zum Ausdruck gebracht wurde, war trommelfell- und markerschütternd. Der Versuch, aus den fünf Kisten, die mit Puppen gekennzeichnet waren, die richtige zu finden, zumal die kindliche Beschreibung es an Genauigkeit fehlen ließ, war aussichtslos. Bei ihrem Sohn war Petra Bonnert dann so clever gewesen, seine Lieblingskuscheltiere stets bereit zu halten.

Nachdem ihr Mann zum Sommersemester eine Professur an der Universität Markleonstein erhalten hatte, war man übereingekommen, es ruhig angehen zu lassen. Während des Semesters war Gerwald Bonnert an den Wochenenden gependelt, hatte seine Vorlesungen so gelegt, dass er nach seiner Sprechstunde, von neun bis zehn Uhr am Freitagmorgen, noch vor dem Wochenendverkehr nach Hause fahren konnte und erst am Montagmorgen wieder zurückmusste. Dreihundert Kilometer hin und dieselbe Strecke wieder zurück. Die darauffolgende vorlesungsfreie Zeit hatten sie genutzt, um eine neue Bleibe zu suchen. Was sich nicht als so einfach erwiesen hatte wie gedacht. Es hatte mehrere Wochen gedauert, bis sie in Tahlbach, einer mittelgroßen, noch ländlich anmutenden Stadt, gut dreißig Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt, ein passendes Haus gefunden hatten. Beide waren der Meinung, dass eine eher ländliche Umgebung für die Kinder besser wäre. Man könnte damit einen Teil der Probleme, die eine größere Stadt mit über zweihunderttausend Einwohnern unweigerlich mit dem Heranwachsen der Kinder mit sich brächte, wenn nicht gänzlich umgehen, doch wenigstens auf ein Minimum reduzieren.

Als dann der Zeitpunkt des Umzugs endlich gekommen war, stellte sich heraus, dass Gerwald Bonnert mit den Vorbereitungen für das Wintersemester und unzähligen Gremiumssitzungen beschäftigt war, weshalb der Umzug auf einmal zur ausschließlichen Aufgabe seiner Frau wurde, die sich nach kürzester Zeit schlichtweg im Stich gelassen fühlte.

Als der letzte von drei Umzug-Lkws endlich abgefahren war, und sie zusammen mit den Kindern einen letzten Kontrollgang durch das leere Haus machte, atmete Petra Bonnert innerlich auf und glaubte, das Schlimmste überstanden zu haben. Hatten Silvia und Bernd das dreiwöchige Packen noch als großen Spaß wahrgenommen, wurde ihnen in diesem Moment klar, was es eigentlich bedeutete. Und diese kindliche Erkenntnis äußerte sich in Tränen, die nicht zu trocknen waren. Für den kleinen Bernd waren die tatsächlichen Konsequenzen sicher noch nicht erschließbar, doch in geschwisterlicher Solidarität schloss sich sein Weinen dem seiner Schwester an.

Als ob jemand einen Schalter umgelegt und das Licht des unbeschwerten kindlichen Lebens ausgelöscht hätte, war die Bedeutung dessen, was im Moment geschah, über das kleine Mädchen hereingebrochen. Das leer geräumte Haus bedeutete Abschied, nicht einen Abschied, auf den eine Rückkehr folgte, sondern ein Nicht-Wiedersehen. Sie würde nie mehr mit ihren Freundinnen Marietta und Juliana spielen. Nie mehr zusammen mit ihnen in der Schule sitzen und nie mehr ihre lieb gewonnene Lehrerin sehen. Auf einmal war sie der einsamste Mensch auf der Welt, was dazu führte, dass sie nicht wegwollte.

Petra Bonnert konnte es verstehen. Zwar hatten alle Bekannte und Freunde auf der Abschiedsparty vor einem Monat selbstverständlich versprochen, Tahlbach sei ja nicht aus der Welt, und sobald sie dort Fuß gefasst hätten, würden sie sich vor Besuchen nicht retten können, denn jeder wollte natürlich ihr neues Domizil besichtigen, aber beim Anblick des ausgeräumten Hauses fühlte auch Petra Bonnert eine Leere, die sie für sich und ihre Kinder am neuen Ort schnell würde füllen müssen. Jetzt musste sie sich aber unbedingt auf den Weg machen, um noch vor der Ankunft der Umzug-Lkws im neuen Haus in Tahlbach zu sein und den Abschluss der dreiwöchigen Tortur zu einem erlösenden Ende zu bringen.

Die gängige Binsenwahrheit, dass sich Kinder schnell an eine neue Umgebung gewöhnen, erwies sich als nur bedingt bei Silvia und Bernd zutreffend, eigentlich als gänzlich falsch. Tränen wurden zu einem wesentlichen Bestandteil von Petras Tagesinhalt, nicht zuletzt ihre eigenen, die allerdings meist nachts im Bett liegend, still aus ihren Augen liefen. Nach drei Wochen in der neuen Schule und etlichen Gesprächen mit den Lehrerinnen, die sich alle Mühe mit ihrer abweisenden und in sich selbst zurückgezogenen Tochter gegeben hatten, nach schon ritualen Tröstungsversuchen bei Silvias Rückkehr aus der Schule, Nahrungsverweigerung und einigen unentschuldbaren Unmutsausbrüchen ihrer Mutter, die sie natürlich bedauerte, und die sie mit Schuldgefühlen zurückließen, machte Petra Bonnert ihrem Mann den Vorschlag, mit den beiden Kindern für ein paar Tage in die alte Heimat zu fahren, um so deren Leid zu mildern. Vielleicht würde sich ja dadurch, besonders die Erfahrung, dass die Trennung nicht ein unwiderruflicher Abschied gewesen war, die Situation zum Besseren wenden.

Professor Bonnet wies dieses Vorhaben kategorisch zurück. Es wäre der völlig falsche Ansatz, das Problem zu lösen. Im Prinzip kontraproduktiv und würde die Situation nur noch verschärfen. Sein Sohn, Bernd, käme ja viel besser mit der Situation zurecht und hätte sich ja recht gut im Kindergarten eingelebt.

Was durchaus stimmte, musste seine Frau einräumen, aber er war ja vorher auch erst seit kurzer Zeit am alten Wohnort im Kindergarten gewesen und es hatten sich noch nicht wie bei Silvia jahrelange Freundschaften entwickelt, was aber nichts daran änderte, dass auch er durch die Leiden, die seine Schwester durchlebte, in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Da Professor Bonnert seine Kinder durch die Inanspruchnahme seiner Arbeit meist während der Woche bis auf einen flüchtigen Gutenacht-Kuss auf ihre schlafenden Köpfe nur an den Wochenenden wahrnahm, ihnen dann aber viel Zeit widmete und natürlich auch nur selten und dann ganz anders motivierte Tränen sah, war er der festen Überzeugung, dass die Zeit, wie üblich, alle Wunden heile.

So wurde das Problem der Familie auf die vom Leben noch nicht gestählten Kinderseelen reduziert, denn Professor Bonnert war, natürlich ohne es auszusprechen, denn davor warnte ihn eindringlich sein, wie er es ausdrücken würde, gesunder Menschenverstand und auch die durchaus wahrnehmbare fragile Gemütslage seiner Frau, der Meinung, dass Lebenserfahrung auch in jungen Jahren durch nichts zu ersetzen war.

Und die Zeit gab ihm recht und verzeichnete den Preis für ihre Gefälligkeit in einem nicht einsehbaren Kontobuch.

Als die Tage dieses ereignisreichen Jahres kürzer wurden, und Ende November die Tristesse des Spätherbstes durch die Vorfreude der Adventszeit und des Weihnachtsfestes abgelöst wurde, hatte Silvia neue Freundinnen gefunden und Tränen flossen nur noch aus belanglosen Anlässen und erreichten nicht mehr die herzergreifenden Dimensionen vom Spätsommer. Petra Bonnert war jetzt sehr damit beschäftigt, ihre beiden Kinder zu ihren vielen Verabredungen und sonstigen Aktivitäten zu chauffieren. So blieb ihr keine Zeit in langen Telefongesprächen mit ihren am ehemaligen Heimatort zurückgebliebenen Freundinnen, besonders mit ihrer Intimfreundin Sophie Lambrecht, ihnen ihr Leid zu klagen, sowie sich durch die Vertrautheit der vergangenen, gemeinsamen Zeit Stärke für die fremde Gegenwart zu holen. In den letzten Wochen waren in die Gespräche immer öfter Floskeln eingeflossen, wie »Ach, das weißt du ja gar nicht« oder »Das war ja nach deiner Zeit«, was ihr deutlich zeigte, dass sie Geschichte war, und nicht mehr Teil der Geschichte der anderen. Sie war die entfernte Verwandte, die man über Ereignisse informierte, in denen sie nicht mehr involviert, bestenfalls ein fremder Beobachter war.

Professor Bonnert beobachtete mit Genugtuung die Entwicklung in seiner Familie, die sich nach dem Umzug immer weiter zu einem normalen, wohlgefügten Leben hinbewegte, und er nicht mehr mit Tränen und Verzweiflung konfrontiert wurde und in der Gewissheit mündete, in seiner Haltung bestätigt worden zu sein.

Kurz vor Weihnachten erhielten die Bonnerts einen Brief vom Bürgermeisteramt. Es war eine formelle Einladung für Samstagnachmittag, den fünften Januar, an dem der Bürgermeister in althergebrachter Tradition die im letzten Jahr hinzugezogenen Neubürger von Tahlbach offiziell mit einem Umtrunk und Buffet willkommen heißen würde.

Das besonders von den Kindern mit Ungeduld und freudiger Anspannung erwartete Weihnachtsfest entwickelte sich für die Eltern zu einer erneuten Herausforderung. Konnten die schon kurz nach dem Umzug geäußerten Wünsche der beiden Großelternpaare eines Besuchs bei ihren Enkeln im neuen Heim bis hin zu Weihnachten noch mit mehr oder weniger zutreffenden Gründen abgewiegelt werden, ließ dieses klassische Familienfest keine Ausflüchte mehr zu. Zumal Silvia und Bernd nachdrücklich die Anwesenheit ihrer Omas und Opas einforderten.

Natürlich konnten, bei allem Platz, den das neue Zuhause bot, zwei ältere Ehepaare nicht dortselbst für mehrere Tage einquartiert werden, denn darauf liefen die Erwartungen der beiden Großelternpaare eindeutig hinaus. Nach einer Reihe von langen Telefongesprächen, deren entscheidender und eigentlich auch einziger Inhalt darin bestand, die Wünsche der beiden Elternpaare an die Gegebenheiten in Aufwand und Dauer anzupassen, hatte man sich auf eine Anreise einen Tag vor Heiligabend und Abreise nach den Feiertagen geeinigt. Der Wunsch von Gerwalds Eltern, auch Silvester noch gemeinsam zu feiern, war sowohl von Petra als auch von ihrem Mann kategorisch mit einer schon bestehenden Einladung, die es allerdings nicht gab, abgelehnt worden, wobei das von den Eltern vorgebrachte Argument, es wäre doch praktisch, wenn sie an diesem Abend auf die Kinder aufpassen würden, eine perfekte Lösung sozusagen, kurzfristig seine Argumentation ins Stocken brachte, bis ihm gerade noch rechtzeitig die Ausrede einfiel, dass die Kinder natürlich ebenfalls mit auf die Feier kämen, um den Jahreswechsel mit ihren Freunden und Freundinnen zu erleben, also nicht im eigenen Heim betreut werden müssten.

Ein anderes Problem, bislang für die Bonnerts unbekannt, da man in unmittelbarer Nähe zu einer Großstadt gelebt hatte, war, eine Unterkunft für die beiden Großelternpaare zu finden. Da Tahlbach kein ausgewiesener Touristenort war, gab es nur ein paar Pensionen, die für die wenigen Gäste, die im Sommer dort eine Übernachtungsmöglichkeit suchten, Zimmer anboten, aber auf Nachfrage ihre Zimmervermietung spätestens ab Ende Oktober bis zum nächsten April einstellten. Der Gasthof Zum Blauen Reiter hatte Zimmer zwar ganzjährig im Angebot, allerdings war der Beherbergungsbetrieb zwischen 15. Dezember und 31. Januar ebenfalls geschlossen.

Nachdem Petra mit ihrem Mann die möglichen Alternativen teils heftig, teils verzweifelt durchdiskutiert, auch mehrfach eine Unterbringung im Haus in Erwägung gezogen hatte, was bei nüchterner Betrachtung und Wahrung einer minimalen Privatsphäre nicht infrage kam, blieb nur noch die dreißig Kilometer entfernte Universitätsstadt. Dort, so hatte sich Professor Bonnert informiert, gab es zumindest zwei ausgewiesene Hotels, die über die Feiertage geöffnet hatten. Auf Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass im größeren Umkreis der Stadt das Ehepaar Bonnert anscheinend nicht das einzige mit diesem Problem war, und eine Entscheidung diesbezüglich mehr als umgehend getroffen werden musste. Es gab also nicht mehr viel Zeit, die Tatsache einer so weit entfernten Einquartierung ausreichend den davon Betroffenen schmackhaft zu machen beziehungsweise ihnen die Sachlage schonend beizubringen.

Wenn es eine Messlatte für die Ungerechtigkeit der Welt gäbe, dann, so war Petra Bonnerts feste Überzeugung, hatte sie deren oberstes Ende nach dem Gespräch mit ihren Eltern erreicht. Das sich anfänglich vorsichtig herantastende Telefonat mit ihrem Vater, in dem sie die Unmöglichkeit, vier Personen unter den besonderen Umständen bei sich zu Hause einzuquartieren, und leider die nächste Option der Unterbringung circa zwanzig Kilometer, eine zulässige Untertreibung, die ihr mehr als ratsam erschien, entfernt wäre, erklärt hatte, waren nach einem kurzen unheilvollen Schweigen zuerst Unverständnis, dann der Hinweis, man würde ja keine Ansprüche stellen und sich gerne bei ihnen im Haus mit einem einfachen Bett begnügen und es auf jeden Fall schon irgendwie ginge, schließlich der Hinweis, man würde, wenn man nicht erwünscht wäre, auch darauf verzichten, überhaupt zu kommen, folgte. Es dauerte einen Moment, bis Petra Bonnert in der Lage war, darauf zu antworten, doch es war dann schon zu spät. Ihr Vater hatte aufgelegt. Die sofort gedrückte Wahlwiederholung ließ das Rufzeichen endlos erklingen und sie gab es nach drei Versuchen auf.

Im Gegensatz dazu waren die Eltern ihres Mannes aus anderem Holz geschnitzt. Vielleicht war Gerwald Bonnert selbst auch aus demselben Werkstoff gefertigt, denn er benötigte nur ein kurzes Telefonat, um seine Eltern darüber zu informieren, dass er eine passende Unterkunft in einem schönen, renommierten Hotel in der nahe gelegenen Universitätsstadt, seinem Arbeitsort, gefunden hätte, sie noch nicht einmal das Frühstück dort in Anspruch nehmen müssten, das natürlich allen Wünschen genügen würde, aber die Familie könnte natürlich jeden Tag ihres Besuches auch mit einem Frühstück bei ihnen beginnen, zu dem sie dann die frischen Backwaren beisteuern könnten. Die Möglichkeit eines irgendwie gearteten Widerspruchs schloss sich wie von selbst aus. Und so blieb nur der Dank der Eltern, dass ihr Sohn sich die Mühe gemacht hatte, alles so perfekt für ihren Besuch zu organisieren.

Am nächsten Tag erreichte Petra Bonnert der Anruf ihrer Mutter, die versuchte die Wogen zu glätten. Wogen, die sich in der nahezu schlaflosen Nacht, die hinter ihr lag, zu einem Tsunami aufgetürmt hatten, und einsilbige, zurückhaltende Antworten ihrerseits bedingten. Im Prinzip ließ sie ihre Mutter reden, die mit ihren Worten zwischen einer Entschuldigung für das Verhalten ihres Mannes bei dem gestrigen Telefonat und nur unzulänglich verhüllten Vorwürfen, wie ihre Tochter mit ihren Eltern umginge, hin und her pendelte. Mit eisernem Willen gelang es Petra Bonnert, den Tsunami zurückzuhalten und sie bemühte sich, nachdem ihre Mutter sich in ihren Ausführungen schon mehrmals wiederholt hatte, ihr die Situation und die Notwendigkeit einer aushäusigen Einquartierung ruhig und sachlich zu vermitteln. Der abschließende Hinweis auf die ausnahmslos kooperative Reaktion ihrer Schwiegereltern erwies sich allerdings für die sich abzeichnende, zähneknirschende Zustimmung zu dem Arrangement als schlichtweg kontraproduktiv und wurde nach einem heftigen Ausatmen mit Schweigen quittiert. Wenn das Ehepaar Bonnert im Hotel übernachtete, dann wäre ja genügend Raum, um sie im Haus unterzubringen. Worum Petra sich also überhaupt noch Gedanken machte? Dieser, eigentlich als naheliegende Entkräftung ihres nicht zu widerlegenden Arguments für einen Hotelaufenthalt ihrer Eltern gedachte Hinweis, brachte sämtliche gegen den Tsunami aufgebauten Dämme in Petra Bonnert zum Bersten. Sie schrie immer noch ins Telefon, als ihre Mutter schon längst aufgelegt hatte.

Am Abend, nachdem die Kinder mit der üblichen, eher rituellen Widerspenstigkeit ins Bett gebracht waren, beantwortete Petra Bonnert die Frage ihres Mannes, ob für Weihnachten jetzt alles geregelt sei, damit er am nächsten Tag endgültig die Zimmer buchen könne, mit einem bissig verzweifelten Nein, und sie würde am liebsten über Weihnachten so weit wie möglich wegfahren, besser noch, irgendwohin auf eine tropische Insel fliegen, wo Weihnachtsbäume unbekannt, und Familienbesuche unter Todesstrafe gestellt wären.

Gerwald Bonnert sagte nichts dazu und wartete ab. Seine Frau ging in die Küche und füllte ihr Rotweinglas auf. Nicht das erste, wie er an der halb leeren Flasche auf der Anrichte schon festgestellt hatte. Als Petra Bonnert sich wieder ihrem Mann gegenüber auf das Sofa gesetzt hatte, folgte eine dramatisch zutreffende Schilderung des Gesprächs mit ihrer Mutter und dem darauffolgenden Schweigen des Telefons für den Rest des Tages, beendet mit der kategorischen Ablehnung ihrerseits, einen Kontakt herzustellen.

Gerwald Bonnert bot sich an, dies an ihrer statt zu machen, denn wenn die Situation dazu führen würde, dass ihre Eltern von dem gemeinsamen Weihnachtsfest ausgeschlossen blieben, wer immer auch letztendlich dafür verantwortlich war, dann wäre es fast unmöglich das zerbrochene Porzellan wieder zu kitten. Nach einigem Zureden war Petra Bonnert schließlich bereit, den Vermittlungsversuch ihres Mannes zu akzeptieren, weil jenseits ihrer Wut und Verärgerung ihr eine leise, aber deutlich vernehmbare Stimme sagte, dass er recht hatte.

Gerwald Bonnert ging in sein Arbeitszimmer, um von dort zu telefonieren, da seine Frau keinesfalls das Gespräch mitverfolgen wollte und auch kategorisch abgelehnt hatte, unter welchen sich möglicherweise ergebenden Umständen auch immer, selbst mit ihren Eltern zu sprechen.

Als er nach einer halben Stunde ins Wohnzimmer zurückkam, Petra Bonnert sah nicht auf, als er eintrat, und sich neben sie auf die Couch setzte, erklärte er, dass ihre Eltern wie geplant am späten Nachmittag des 23. Dezember anreisen, im Hotel einchecken und dann zum Abendessen bei ihnen, zusammen mit seinen Eltern, eintreffen würden.

Seine Frau kommentierte diese Mitteilung nicht, trank den letzten Schluck Rotwein und verabschiedete sich für die Nacht, in der sie, zwischen Wut auf sich, auf ihre Eltern und besonders auf ihren Mann und Verletzung durch eben zwei dieser drei Parteien hin und her gerissen, lange keinen Schlaf fand. Sie war wieder einmal die gewesen, die nicht in der Lage war, eine Situation mit der Diplomatie der Rationalität einer einfachen Lösung zuzuführen, während ihr Mann einmal mehr mit der Souveränität des Professors Gerwald Bonnert der Welt gezeigt hatte, in welchen Bahnen sie sich zu bewegen hatte.

3

»Selbstverständlich können Sie das Buch umtauschen«, versicherte Frank Kurtig der älteren Kundin, die noch an der Kasse den diesjährigen Renner im Weihnachtsgeschäft, einen Roman über Liebe, Leidenschaft und Intrige am bayrischen Hof der ausgehenden Renaissance-Zeit, in den Händen hielt. »Ich verstehe, dass man bei diesem Buch nicht sicher sein kann, ob nicht ein anderer auf dieselbe Idee gekommen ist. Allerdings sollten Sie den Kassenzettel aufheben und es wäre schön, wenn Sie die Folie nicht entfernen würden.«

Das beruhigte die Kundin und ließ sie den Kauf tätigen.

Frank Kurtig schaute auf die alte Standuhr, die schon vor einiger Zeit zwei Uhr geschlagen hatte. Ladenschlusszeit, aber immer waren noch drei Kunden im Geschäft, die sich nicht entscheiden konnten, während seine Angestellte nervös umherlief und deutlich auffällig eigentlich unnötige Aufräumarbeiten vornahm. Auch sie wollte an Heiligabend endlich nach Hause. Frank Kurtig hatte dieses Problem nicht, obgleich auch er den Arbeitstag gerne beenden würde. Er gab ihr ein unauffälliges Zeichen, während die drei Kunden sich unbeeindruckt von der Ladenschlusszeit ihrer Unentschiedenheit hingaben.

»Du kannst gehen, Giesela«, flüsterte er seiner Angestellten zu, als sie neben ihm an der Kasse stand. »Um die drei kümmere ich mich. Frohe Weihnachten. Ich glaube nicht, dass ich dich am 27. brauche. Da wird nicht viel los sein. Nimm dir frei. Wenn doch, dann melde ich mich.«

»Danke. Vielleicht komme ich gegen Mittag kurz vorbei, falls die Retouren überhandnehmen. Frohe Weihnachten.« Danach verschwand sie nach hinten ins Büro und von dort nach draußen.

Eine Viertelstunde später hatte auch der letzte hartnäckige Kunde die Buchhandlung verlassen, zumindest stand für die halbe Stunde zusätzlicher Arbeitszeit noch ein Gutschein über zwanzig Euro zu Buche. Die beiden anderen, ein Ehepaar im mittleren Alter, hatte im Geschäft wohl nur die Wartezeit überbrückt, da sie, kurz bevor der Bus die auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche Haltestelle anfuhr, den Laden verlassen hatten. Um kurz nach drei Uhr, man konnte ob des trüben Wetters schon fast von der Abenddämmerung sprechen, war die K & K Buchhandlung bis auf die Schaufensterbeleuchtung dunkel.

In der Wohnung über dem Geschäft hatte Frank Kurtig es sich in seinem Lieblingssessel bequem gemacht, ein Glas Rotwein auf dem Tisch neben sich, und gönnte sich eine Zigarette. Er hatte das Rauchen sehr stark eingeschränkt, aber nicht aufgeben können. Dorothea während ihres gemeinsamen Lebens ihm immer wieder sein ungesundes, ja vielleicht sogar tödliches Laster zuerst heftig vorgeworfen, dann ihn um ihretwillen beschworen und schließlich nur noch ab und zu darum gebeten, es aufzugeben. Er hatte es versucht, mehrmals, es auch unterschiedlich lang durchgehalten, aber schließlich doch wieder damit angefangen. Und dann, er mochte es nicht eine Ironie des Schicksals nennen, hatte eine teuflische und hinterhältige Krankheit sie selbst dahingerafft.

Neben seinem Stuhl türmte sich ein Stapel mit Neuerscheinungen, die Frank Kurtig über die anstehenden Feiertage durchsehen wollte, denn seine Kundschaft erwartete von ihm nahezu enzyklopädische Kenntnisse des Buchmarktes und übersah, dass bei ungefähr sechshundert Neuerscheinungen pro Monat, dies eine Aufgabe war, angesichts derer Sisyphos lieber bereit gewesen wäre, den Fels einen zehnmal höheren und zehnmal steileren Berg hinaufzurollen.

Er studierte Rückseiten- und Klappentext eines schon vom Titel her eher uninteressanten Romans einer Autorin über ihre Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht. Irgendwie kam ihm dabei Martha Gerke in den Sinn. Dieser Gedanke zauberte ihm ein ungerechtfertigtes, aber breites Grinsen ins Gesicht. Er las ein paar Seiten vom Anfang, dann blätterte er weiter, las wieder ein paar Seiten, und so ging es weiter, bis er am Ende der gut dreihundert Seiten angelangt war. Damit hatte er zumindest einen flüchtigen Eindruck des Werkes erhalten. Er machte sich ein paar Notizen, wie er es immer tat, und notierte ein, zwei Bücher, die vergleichbar waren. Das machte sich bei Kunden immer gut, zementierte allerdings auch gleichzeitig den Eindruck, ein Buchhändler würde schlichtweg jedes Buch kennen.

Nach einiger Zeit, die frühe Dunkelheit des Dezembers war schon lange hereingebrochen, machte Frank Kurtig Schluss. Es reichte auch wirklich.

Das traditionelle Heiligabendessen der Inhaber der K & K Buchhandlung war und blieb immer Backfisch mit Kartoffelsalat. In den Zeiten beider Ks hatte Dorothea dafür gesorgt. Den Kartoffelsalat gemacht, Fisch eingekauft, meist Kabeljau, ihn paniert und dann in der Pfanne kross gebraten, eine Zitronenscheibe auf jedes der Fischfilets gelegt, die Kerzen auf dem weihnachtlich dekorierten Tisch angezündet und eine CD mit Weihnachtschorälen in den Player geschoben.

Die Tradition bestand immer noch, allerdings kam der Kartoffelsalat, den sich Frank Kurtig auf seinen Teller schaufelte, aus einem Plastikbehälter vom Supermarkt, und der Fisch, schon paniert, aus dem Tiefkühlregal. Eine Kerze stand als verlorenes Licht zur Erinnerung immer noch auf dem Tisch, aber ansonsten fehlte jeder Hinweis auf die Besonderheit dieses Tages. Und im Hintergrund liefen keine Weihnachtschoräle, sondern der Fernsehapparat.

»Frohe Weihnachten auch euch«, antwortete Frank Kurtig seiner Mutter, nachdem er den schon erwarteten Anruf nach zweimaligem Klingeln entgegengenommen hatte. »Und, brennen die Kerzen am Weihnachtsbaum schon?« Eine rein rhetorische Frage, da er wusste, dass dem so war. Als Bestätigung klang ein kurzes Lachen aus dem Hörer. Früher, mit Dorothea, aber besonders noch in den ersten Jahren nach ihrem Tod, hatte er Heiligabend stets bei seinen Eltern verbracht, aber mit der Zeit hatte er ihnen begreiflich machen können, dass für ihn der Heiligabend mehr ein Arbeits- denn ein Feiertag war und die Fahrt zu ihrem knapp zweihundert Kilometer entfernten Wohnort ihn zunehmend belastete. So war man unauffällig übereingekommen, das weihnachtliche Familientreffen, das ohnehin nur aus drei Personen bestand, auf den Mittag des ersten Feiertags zu verlegen, an dem es ganz traditionell Gänsebraten gab.

»Euch geht es gut?« Mehr eine Feststellung, denn eine Frage.

»Ja, ja«, antwortete seine Mutter. »Außer den üblichen Beschwerden des Alters halt. Dein Vater muss im neuen Jahr wieder zur Vorsorge, du weißt schon, die fünf Jahre sind mal wieder um und wie üblich sträubt er sich …«

»Ich hoffe, du bleibst wie üblich so hart, wie er uneinsichtig ist.«

»Und, was hast du in deiner einsamen Bude heute Abend gemacht?«

»Ausgeruht. Die letzten Kunden sind erst um halb drei Uhr aus dem Laden, dann habe ich alles für die Feiertage aufgeräumt und mir dann ein paar Stunden Ruhe gegönnt.«

»Hast du was Schönes gegessen?«

»Mutter!«, stöhnte Frank Kurtig auf, »das Übliche, du weißt doch. Auf keinen Fall zu viel, denn ich möchte doch morgen deinen Gänsebraten richtig genießen können.«

»Das will ich auch hoffen. Warte einen Moment, dein Vater will dir noch frohe Weihnachten wünschen …«

Das tat sein Vater dann auch, gefolgt von ein paar Sätzen hin und her, die in einem erlösenden »Wir sehen uns ja dann morgen« endeten.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte Frank Kurtig beschlossen, sich seinem Literaturkreis zu widmen. Das neue Semester an der Volkshochschule würde Ende Januar beginnen und für dieses lag das Thema schon lange fest, aber für das Sommersemester musste er seine Planung für das neue Vorlesungsverzeichnis bis Ende März abgeben. Es war nie zu früh sich darüber Gedanken zu machen. Schon mehrfach war aus dem Teilnehmerkreis der Wunsch an ihn herangetragen worden, sich mit Lyrik zu beschäftigen – ein Sujet, das ihm vollkommen fremd war, und er auch kein Verlangen verspürte, sich näher damit zu beschäftigen. Es bedeutete, dass er sich komplett in die Materie einarbeiten musste, während bei ihm genehmen Themen er seinen Vorbereitungsaufwand in Grenzen halten konnte. Aber zumindest sollte man dem Wunsch seiner treuen Teilnehmer eine Chance geben.

Frank Kurtig begann, in einer Darstellung der deutschen Lyrik vom 17. Jahrhundert bis zur Neuzeit, die er sich aus dem Laden heraufgeholt hatte, herumzustöbern. Da waren einmal die Klassiker. Beginnend mit Lessing, dann die Romantik Brentano, Eichendorf, Novalis bis zu Hölderlin und Rilke, und schließlich die Neuzeit Brecht, Celan, George, Tucholsky, Ebner-Eschenbach, Wedekind und, und, und. Eine schier unübersehbare Anzahl und für ihn in ihrer Bedeutung und Geeignetheit für ein Lyrikseminar kaum einzuordnen. Schließlich griff er zu Karl Krolows anspruchsvoller und sicherlich auch kompetenter zweibändigen Sammlung deutscher Gedichte, die sich in seiner Privatbibliothek befand und bis zu diesem Zeitpunkt noch original in Plastik eingeschweißt war.

Als drei Stunden und unzählige Gedichte später Frank Kurtig auch den zweiten Band erschöpft zur Seite legte, war ihm klar, dass Lyrik und er niemals eine gemeinsame Zukunft haben würden. Er beschloss, sich stattdessen ein griffiges Thema auszudenken und damit hoffentlich, zumindest für einige Zeit, die Lyrik in den Bereich der individuellen Leseerfahrung seiner Kursteilnehmer zu verbannen.

Ohne lange nachdenken zu müssen, kam ihm sofort ein griffiges Thema in den Sinn: »Die Kunst der kurzen Form – Novellen & Short Storys«. Mal kein einzelner Autor wie Shakespeare, sondern eine Gattung. Die Auswahl war leicht, aber doch wieder schwer, da er von seiner ersten schnell erstellten Liste, die viel zu umfangreich war, um sie den Lesevermögen seiner Teilnehmer zuzumuten, gut die Hälfte streichen musste. Zum Opfer waren die meisten angloamerikanischen Autoren gefallen. Übrig geblieben waren im Prinzip, wie er bei der endgültigen Liste feststellen musste: die Klassiker. Thomas Mann, Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann, Tieck, Boccaccio, Fitzgerald, Lenz, Hemingway, Faulkner, ein paar Franzosen, die er wohl noch zusammenstreichen musste und natürlich Tschechow.

Die Zeit, die man üblicherweise als »zwischen den Jahren« bezeichnete, war bestimmt durch einen recht ruhigen Publikumsverkehr in der Buchhandlung. Nachdem Freitag und Samstag nach den Weihnachtstagen der größte Teil der Gutscheineinlösungen und des Umtauschs abgewickelt worden war, hatte Frank Kurtig Giesela Trümmer, die wie angekündigt, am Freitag gegen Mittag vorbeigekommen war, zum Ausgleich der im Dezember angefallenen Überstunden für den Montag und Dienstag freigegeben. An Silvester, dem Dienstag, hätte er das Geschäft auch gleich geschlossen halten können.

Es war schon so etwas wie eine Tradition, dass Bernhard und Else Rottenegger in ihrem komfortablen und weitläufigen Haus für ihre Freunde eine Silvesterparty ausrichteten und dazu gehörte auch Frank Kurtig. Mit Bernhard spielte er regelmäßig Tennis, im Sommer im örtlichen Club und im Winter einmal in der Woche auf einem gemieteten Hallenplatz. Auch regelmäßige Einladungen zu Geburtstagen und Grillabenden gehörten dazu.