Jenseits der Finsterbach-Brücke - Antonia Michaelis - E-Book

Jenseits der Finsterbach-Brücke E-Book

Antonia Michaelis

4,4
6,99 €

Beschreibung

Schwarze Stadt und weißer Ritter - ein Abenteuer, das Welten verbindet Eines Tages findet Lasse ein Loch in der Mauer, die den Norderwald umgibt, und entdeckt auf der anderen Seite des Finsterbachs eine unbekannte, schwarze Welt. Am Bach trifft er Joern - und schneller, als ihnen lieb ist, geraten die beiden Freunde in ein gefährliches Abenteuer. Etwas Fremdes, Böses bedroht den Norderwald, in der Schwarzen Stadt wird das Leben für Joerns Familie immer unerträglicher und ein weißer Ritter hinterlässt Lasse und Joern rätselhafte Botschaften. Bald schon stoßen die Jungen auf eine geheimnisvolle Verbindung zwischen ihren Welten und ein dunkles Geheimnis aus Lasses Vergangenheit ... Ein märchenhaft-spannender Schmöker um eine Jungenfreundschaft, die alle Hürden überwindet. Besonders fantasievoll, fesselnd geschrieben!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 355




Für Alva,die begann zu sein, als diese Geschichte begann zu sein, und die während der Korrekturen an dieser Geschichte mit Korrekturen an unserem Alltag beschäftigt war.

Inhalt

Von Anfang an

WEISS

1. Goldlicht

2. Nachtspat

3. Das röteste Rot, das schwärzeste Schwarz

4. Nichts und niemand kommt über den Finsterbach

5. Die Augen des Waldes

6. Schlaflose Stadt

7. Edel sein

8. Nur ein paar Steine

9. Wer nicht bleiben kann, muss gehen

10. Kein Messer ist scharf genug

11. Er zieht durch die Wälder, bei Tag und bei Nacht

12. Spuren aus heller Seide

13. Nicht mehr als ein Schatten

14. Unter dem Wilden Wasser

15. Die Einsamkeit des Weißen Ritters

16. Wenn du diese Tür öffnest, kannst du sie nie wieder schließen

17. Das Blut des Herrn vom Norderwald

18. Gefangen in einem Märchen

19. Sie vermissen dich

SCHWARZ

20. Die Antwort der Linde

21. Onnars Lächeln

22. Nichts ist, wie es scheint

23. Der kälteste Ort, die winzigste Wohnung

24. Fünf vor zwölf

25. Warum fragen Kinder so viel?

26. Willkommen zu Hause

27. Vergiss nie all das Schöne

28. Regen und Asche

29. Der Ruf der Todesschlucht

30. I & D

31. Ein letztes Stück seines Herzens

32. Lauf, mein Nordwind, lauf

33. Es war eine Brücke am Finsterbach

Bis zu Ende

Von Anfang an

Ich hatte einen Freund, ich, Lasse Windström.

Ich hatte einen Freund, der ging mit mir durch dick und dünn, durch Nacht und Tag, durch Feuer und Wasser. Ich hatte einen Freund, der alles mit mir teilte: die Sonne und den Regen, den Mut und die Angst, das Lachen und das Weinen.

Joern hieß er und er kam von drüben, aus der anderen Welt. Aber er wird nie mehr dorthin zurückkehren.

Mein Herz ist schwer wie die Felsen der Todesschlucht, um die das schäumende schwarze Wasser des Finsterbachs rauscht. Doch ich will nicht an mein schweres Herz denken. Ich will alles aufschreiben, was geschehen ist, von Anfang an, und ich will nichts auslassen. Manches habe ich erst später erfahren, aber ich werde es so aufschreiben, als hätte ich es schon früher gewusst. Das macht man so, wenn man eine Geschichte schreibt, sagt unser Lehrer Herr Marksen.

Und wenn ich alles, alles aufgeschrieben habe, vielleicht kommt mein Freund dann wieder. Vielleicht schleicht er sich heimlich von hinten an und wundert sich, weshalb ich mitten im Wald auf einer Lichtung sitze und schreibe. Und weshalb dort weiße Lilien wachsen, wo doch Lilien gar nicht in den Wald gehören, und weshalb die Vögel so leise singen.

Und dann werden wir zusammen lachen, genau wie früher, und wir werden über ein neues Abenteuer reden, das man erleben könnte, und zwischen die Bäume hineinwandern, wo die Sonne durch Lücken im grünen Geäst aufs Moos scheint. Und alles, alles wird gut sein.

Endlich.

WEISS

Goldlicht

Das Erste, was ich an jenem Morgen sah, war das goldene Licht.

Auf dem Norderhof gab es ein ganz eigenes Licht, leicht und luftig wie Stoff für Gardinen. Es war wohl das Erste, was ich überhaupt gesehen habe auf der Welt.

Ich blinzelte und setzte mich im Bett auf.

Vor dem Fenster hatte das goldene Licht gerade erst begonnen zu werden. Die Sonne hing noch nicht lange am Himmel und die Zeiger meiner Uhr standen schläfrig auf fünf Minuten vor fünf.

»Ein perfekter Tag«, flüsterte ich und schlüpfte in meine Kleider. »Viel zu schade, um noch einmal einzuschlafen. Bis gewisse Väter aufwachen, kann man eine Menge tun.«

Ich schlich auf Socken die Treppen hinunter und durchs Wohnzimmer. Auf dem Klavier standen noch die Noten, die Flint, der gewisse Vater, gestern Abend gespielt hatte. Das Goldlicht malte Muster darauf. Auf dem Klavierhocker lag Flints Wollpullover und darauf schlief die graue Katze. Als ich vorbeikam, öffnete sie ein Auge, sah, dass ich nicht das Frühstück war, und schloss das Auge wieder.

Am Fuß der nächsten Treppe stieg ich in meine Stiefel und öffnete die Haustür. Vielleicht würde ich in Flints Werkzeugschuppen gehen, wo es von Schrauben und Elektrodrähten nur so wimmelte und wo man alles anfassen und alles benutzen durfte. Denn dazu war es da, sagte Flint. Oder ich würde auf den Dachboden des Stalls klettern und durch das große Fernglas sehen, ob sich im Wald etwas tat.

Nein, dachte ich dann. Zuerst würde ich die Schafe besuchen. Ein paar der Schafe hatten Junge: ein Haufen winziger wolliger weißer Lämmer. Und wenn man sich anständig benahm, erlaubten einem die Schafe, die Wollknäuel auf den Arm zu nehmen.

Die Tauben gurrten verschlafen, als ich an ihrem Verschlag vorbeiging. Im Stall schnaubten mir die Pferde entgegen.

Ganz vorne stand ein schwarzer Hengst; das war Flints Pferd, das schnellste Pferd vom Norderhof. Dahinter standen Südwind und Ostwind und Westwind. Südwind gehörte Johann und Ostwind Almut, von denen ich noch erzählen werde. Westwind aber war mein Pferd, meines ganz allein. Er war milchkaffeebraun und hatte eine weiße Blesse auf der Stirn. Wie ein Klecks Sahne. Ich kletterte ohne Sattel auf seinen Rücken und er trabte mit mir den Weg am Waldrand entlang, wobei ich mich ducken musste, um den tief hängenden Ästen auszuweichen. Um uns lärmten tausend Vögel und alles war wunderschön. Doch damals wusste ich noch nicht, dass es schön war. Denn ich kannte das Andere nicht, das Dunkle, Kalte, Hässliche.

Noch kannte ich es nicht.

Ich dachte, alle zwölfjährigen Jungen würden morgens vom goldenen Licht erwachen und nach ihren Schafen sehen. Ich dachte, alle Jungen hätten einen Vater, der abends Klavier spielte und mit ihnen im Werkzeugschuppen Maschinen baute und Ferngläser auf dem Stalldachboden anbrachte, durch die man nachts die Sterne ansehen konnte. Und alle Jungen hätten ein Pferd wie Westwind und alle Jungen wohnten in alten Gutshäusern mit Türmen und Kaminfeuern und großen, hellen Fenstern.

Nein, wenn ich jetzt darüber nachdenke: So dumm kann ich nicht gewesen sein. Niemand ist mit zwölf Jahren so dumm. Herr Marksen, der uns auf dem Norderhof unterrichtete, hatte uns vom Leben der Leute in anderen Ländern erzählt. Und ich muss wohl geahnt haben, dass die meisten Leute in diesem Land auch anders lebten als wir. Aber ihr Leben schien so unendlich, unfassbar weit weg.

Der Norderhof lag mitten in einem riesigen Wald. Das war der Norderwald. Vom Hof aus führte nach Westen eine Straße, nach Osten führte nichts. Dort war irgendwo eine hohe Mauer und dahinter, sagte Flint, lag vermintes Gebiet aus dem Krieg, wohin man besser nicht ging, wenn man nicht in die Luft fliegen wollte.

Es gab nur vier Häuser auf dem Hof – das Gutshaus, das Haus von Frentje, unserer Köchin, dann das Haus von Lehrer Marksen und zum Schluss das kleine Haus von Johann. Johann war unser Hufschmied und Kutscher und eigentlich auch unser Schäfer.

»Ich bin wohl euer Mädchen für alles, wie?«, knurrte er immer in seinen Bart, aber er meinte es nicht böse. Er war gerne unser Mädchen für alles.

Keiner von uns Kindern hatte jemals den Norderwald verlassen. Wenn die Erwachsenen es taten, nahmen sie uns nicht mit. Einmal war ich selbst auf Westwind die Straße entlanggeritten, aber sie war so lang und so langweilig, dass ich irgendwann aufgegeben hatte und umgekehrt war. Flint sagte immer, eines Tages würde er mir die Welt da draußen schon zeigen. »Aber dafür«, sagte er, »ist es noch nicht Zeit, Lasse.« Und er sah sehr ernst aus dabei.

Zum Glück war er nicht oft ernst. Viel lieber machte er Unsinn mit uns Kindern vom Norderhof: Er ritt mit mir und Frentjes wilder Tochter Almut um die Wette, dass die Blätter des Waldes nur so nach allen Seiten stoben. Oder er baute am Bach Schiffchen für Almuts kleinen Bruder Tom. Oder er warf Elly in die Luft, das Baby von Herrn Marksen, und Elly gluckste vor Vergnügen. Wir hatten jede Menge Spaß auf dem Norderhof.

Nur manchmal, wenn Flint in seinem Zimmer am Computer arbeitete, um unser Geld zu verdienen, merkte ich, wie allein ich war. In diesen Momenten wünschte ich mit aller Kraft, ich hätte einen Freund, einen Jungen, so alt wie ich, mit dem ich alles teilen konnte: den Wald und den Werkzeugschuppen und alle Abenteuer. Und das Rätsel der Welt draußen. Aber dann kam Flint aus seinem Arbeitszimmer und wir machten ein Lagerfeuer am Fluss und ich vergaß meine Sehnsucht nach einem Freund. Und die Dinge waren wieder gut, wie sie waren.

An diesem Morgen jedoch sollte sich alles ändern.

Die Schafskoppel lag auf einer Lichtung mitten im Wald. Die Schafe hatten sich in einer Ecke am Zaun versammelt. Ich ließ mich von Westwinds Rücken gleiten und kletterte über das Gatter. Als ich über die taunasse Wiese ging, sah ich, dass Johann schon da war. Er kniete bei den Schafen im Gras und hielt eines der Lämmer im Arm. Etwas stimmte nicht mit seiner Farbe. Ich begann zu rennen.

Als ich neben Johann anhielt, sah er auf.

»Perwol«, sagte er. »Es ist Perwol.«

Perwol war der Name des kleinsten Lammes. Es war erst drei Tage alt. Ich kniete mich neben Johann. Dann machte ich den Mund auf, um etwas zu sagen. Aber ich konnte nichts sagen.

Es war zu schrecklich.

Das Fell des Lamms war nicht mehr weiß, sondern rot. Auch Johanns helles Hemd war rot, überall war Rot – an seinen Händen, an seiner Brust, in seinem Gesicht. Das allerröteste Rot. Ein Mutterschaf hatte sich über Johann gebeugt und schnupperte an dem Lamm. Es lag ganz still in Johanns Armen. An seinem Hals klaffte eine große Wunde, aus der war das rote Blut gelaufen. Nun war es versiegt.

»Ist es … ist es … tot?«, fragte ich. »Was … was ist passiert?«

»Ich hörte die Schafe rufen«, sagte Johann. »Es war kein Fuchs, der das Lamm gerissen hat. Auch kein streunender Hund. Die Wunde ist seltsam glatt, so als stamme sie von sehr scharfen Zähnen. Scharf wie eine Klinge.«

»Wie eine Klinge?«, fragte ich leise und nahm Johann das tote Lamm ab, um es an mich zu drücken und den Rest seiner Wärme zu spüren. »Mach’s gut!«, flüsterte ich. »Mach’s gut, Perwol!«

Ich sah noch genau vor mir, wie Perwol an seinem ersten Tag versucht hatte, auf den staksigen Beinen zu laufen, und wie er dauernd umgefallen war. Sein Leben hatte gerade erst begonnen und nun war es zu Ende. Das machte mich traurig und wütend zugleich.

»Was für ein Tier war das, Johann?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Johann. »Etwas ist im Wald. Es ist von draußen hereingekommen. Etwas Böses. Ich werde die Schafe später auf die andere Koppel treiben, die näher beim Hof liegt.« Er stand auf. »Komm, Lasse. Besser, du bleibst nicht allein hier.«

Später weinte ich lange in Flints Armen, obwohl ich zwölf bin und ein Junge und obwohl ich selten weine. Ich weinte um das Lamm Perwol, aber ich weinte auch um den Norderhof und um den Wald und um das goldene Licht. Denn ich wusste, dass nichts so bleiben würde wie bisher. Etwas war gekommen, hatte Johann gesagt: von draußen.

Und während der eine Teil von mir weinte, sagte sich der andere, dass es Zeit war: Zeit für eine Veränderung. Zeit, all die Dinge kennenzulernen, die ich nicht kannte. Dunkle Dinge, gefährliche Dinge. Ich würde dem, der unsere Lämmer riss, schon auf die Schliche kommen. Doch allein konnte ich es nicht. An diesem Tag wurde meine Sehnsucht nach einem Freund so groß, dass es wehtat. Und vielleicht lag es daran oder vielleicht war es Zufall: Einen Tag später traf ich ihn. Meinen ersten und einzigen Freund.

Nachtspat

Das Erste, was Joern an jenem Morgen hörte, waren die Sirenen eines Krankenwagens. Er fragte sich, ob diese Sirenen wohl das Erste gewesen waren, was er zu hören bekommen hatte, damals, vor zwölf Jahren. Und ehe Joern wirklich wach war, formten seine Lippen schon die Worte: Lass es nicht Onnar sein, lass es nicht Mama sein! Lass es jemand anders sein, irgendwen!

Er ballte die Fäuste unter der Bettdecke, so fest er konnte. Wenn ich meine Fäuste nur fest genug zusammendrücke, dachte er, ist ihnen nichts passiert.

Dann hörte er die Haustür aufgehen und kurz darauf Onnars Stimme in der Küche. Mama antwortete und Joern öffnete seine schmerzenden Finger. Geschirr klapperte.

»Ein Glück, dass du da bist«, sagte Mama und Joern erinnerte sich, dass sie in dieser Nacht gar nicht gearbeitet hatte.

»Ja, ein Glück, dass ich da bin«, antwortete Onnar. »Aber irgendwo anders ist jemand nicht nach Hause gekommen und das ist kein Glück. Diesmal war es nicht das Bergwerk. Es hat eine der Frauen in der Fabrik erwischt, an den Schleifmaschinen.« Joern konnte Onnars Wut hören. »Sie haben gesagt, sie hätte besser aufpassen sollen. Unsinn! Die Maschinen sind zu alt. Sie sind unberechenbar wie Raubtiere.«

»Und dennoch werde ich nach dem Frühstück wieder dorthin gehen«, erwiderte Mama.

»Warte nur«, sagte Onnar. »Bald … bald werden die Maschinen stillstehen. Bald werden die Raubtiere schweigen.«

Die Tür zu Joerns winzigem Zimmer quietschte und Schritte traten neben Joerns Bett.

»Komm!«, sagte Onnar leise. »Es ist Zeit, aufzustehen. Die Schule! Wenn du vorher noch mit dem Hund gehen willst, musst du dich beeilen.«

Joern zog die Decken noch ein wenig enger um sich und sah seinen Bruder an. Onnars Gesicht war schwarz vom Ruß, doch die Augen darin glänzten hell und klar wie das Wasser eines Sommerbaches. Onnar war schon fünfundzwanzig. Seit Langem erwachsen genug, um in die ewige Dunkelheit des Bergwerks hinunterzusteigen. Jetzt kam er von dort unten, kam von der Nachtschicht. Für ihn war es Zeit, schlafen zu gehen.

»Die Schule ist wichtig«, sagte er. »Du bist schlau. Du wirst mal was Besseres.«

»Es ist so kalt«, sagte Joern.

Onnar lachte. »Unsinn! Es ist Sommer.«

»Hier, in der Schwarzen Stadt«, flüsterte Joern, »wird es nie Sommer.«

Er stieg zitternd in seine Kleider. Draußen, irgendwo vor der Stadt, schien die Sonne, doch bis hierher drangen ihre Strahlen nicht. In den schmalen Straßen verzogen sich die Schatten nie. Das kam vom Kohlenstaub, der über den Häusern lag wie eine Glocke. Er machte die Luft grau und die Herzen rußig. »Aber der Kohlenstaub«, sagte Onnar immer, »macht auch das Geld. Was täten wir ohne die Kohle?«

Joern hasste die Kohle.

In der Küche saßen die vier D um den Tisch versammelt. Unter dem Tisch lag Flop, Joerns Hund. Auch er war schwarz. Doch in seinem Hundeherzen gab es keinen Ruß.

»Guten Morgen, Joern«, sagte Mama. Sie stand am Herd und kämpfte mit der Gasflamme, die sich nicht entzünden lassen wollte. Der Herd war alt, alt wie die winzige Wohnung, alt wie die Schatten in der Schwarzen Stadt.

»Na, Kleiner«, sagte Dennis und rückte ein Stück zur Seite, damit Joern Platz am Tisch hatte. »Fast verschlafen, wie?«

»In der Schule kann er weiterschlafen«, sagte Dirk. »Tust du auch, Dennis, was? Na, musst ja nicht mehr lange dahin.«

»Wünschte, ich könnte ’ne Runde weiterschlafen«, sagte Dario.

»Vergiss es, Brüderchen«, sagte Damian.

Joern kraulte Flops Schlappohren und schwieg. Obwohl die vier D alle seine Brüder waren, hatte er nie mit ihnen reden können. Nicht so wie mit Onnar. Dennis war fünfzehn, Damian war zwanzig und Dirk und Dario waren etwas dazwischen. Die älteren drei arbeiteten mal hier und mal da, aber man wusste nie genau, was sie eigentlich taten. Onnar sagte oft, sie wären wie ihr Vater, ihr aller Vater, und dann wurden sie böse, denn diesen Vater konnte niemand leiden. Er war stets gekommen und gegangen, wie es ihm gepasst hatte, und irgendwann, kurz vor Joerns Geburt, war er gar nicht mehr zurückgekehrt.

»Ein Glück!«, sagte Onnar immer. »Nun stell dir vor, wir hätten noch einen Esser am Tisch, noch einen, der kein Geld heimbringt und noch einen mehr in dieser Wohnung!«

Schon sechs Brüder waren zu viel für eine so winzige Wohnung. Joern besaß als Einziger ein eigenes Schlafzimmer und das war eigentlich die Besenkammer. Der Platz reichte gerade für ein Bett und einen Bettvorleger. Es gab einen ständigen Kampf um das Bad, und wenn sie alle um den Küchentisch saßen, stießen ihre Ellenbogen gegeneinander. Das Wohnzimmer stand stets voller Wäscheständer und der Dunst der trocknenden Unterwäsche mischte sich mit dem Eintopfgeruch aus der Küche. Die Luft reichte nicht zum Denken. Man konnte wahnsinnig werden in dieser Wohnung.

Der heutige Tag würde sich in die Kette aus endlosen, lichtlosen Tagen einreihen, dachte Joern. Sie glichen sich wie Kohlen, schwarz und staubig.

Aber Joern irrte sich.

Nach dem Frühstück nahm er Flop an die Leine, rannte die vier Stockwerke hinunter und ließ sich von dem kleinen Hund um die grauen Häuser ziehen. Flop schnüffelte so begeistert an den Häuserecken, als wären sie ein Feld voller Kaninchen und bunter Blumen.

»Du bist schon ein bekloppter Hund«, sagte Joern und wuschelte ihm durchs Fell.

Dann brachte er ihn wieder hinauf in die Wohnung, ehe er zur Schule ging. Die Wohnung war jetzt still und leer. Alle anderen waren fort und Onnar schlief sicherlich. Auf der alten Kommode im Flur lag ein Stapel ausgeliehener Bücher, die Joern zurückbringen musste. Wenn nur alles anders gewesen wäre, dachte er. Wenn er nur in einer Geschichte aus der Bücherei hätte leben können, in einer Welt voller Abenteuer und Kaminfeuer, in der die Leute Väter hatten, die abends am Klavier lustige Lieder sangen. In einer Welt, in der man morgens auf einem braunen Pferd in die Wälder ritt und Ungeheuer besiegte und Schätze fand. Einer Welt ohne Kohle.

Er seufzte, band seinen einen Schuh neu und wollte endlich los – da riss der Schnürsenkel. Joern fluchte. Eilig zog er die Schubladen der Kommode auf und begann darin nach einem Schnürsenkel zu suchen. Die Schubladen waren vollgestopft mit Knöpfen, Blumendraht, einzelnen Handschuhen, heilen und kaputten Glühbirnen, ausgeschnittenen Briefmarken. Joern riss an der untersten, die ein wenig klemmte – und plötzlich hielt er sie im Ganzen in der Hand. Er kniete sich hin, um sie wieder an ihren Platz zurückzuschieben. Hinter die Schublade hatte jemand einige Zeitungsseiten gelegt. Vermutlich als Maßnahme gegen den Schimmel, der die alten Möbel so gern befiel.

Vielleicht klemmte die Schublade ja, weil die Zeitungsseiten umgeknickt waren, dachte Joern. Er griff nach hinten und zog das Papier heraus. Da spürte er, dass etwas in die Zeitung eingewickelt war. Etwas Kleines, Hartes. Er fühlte, wie seine Hände feucht wurden vor Aufregung. Hatte er sich nicht eben noch gewünscht, einen Schatz zu finden?

Flop kam herangetrottet und schnupperte an dem Zeitungspaket. Dann nieste er.

Joern lachte. »Ist es etwas, wogegen du allergisch bist, Flop?«

Er löste die Zeitung vorsichtig, Schicht um Schicht, und sein Atem ging bei jeder Schicht schneller. Das Paket in Joerns Hand war inzwischen nur noch so groß wie sein Daumennagel. Dies musste die letzte Lage Zeitungspapier sein.

Joern wickelte das Papier von dem Gegenstand ab und hielt etwas Rundes, Goldenes in seiner Hand. Im schmierigen Licht, das durchs Flurfenster fiel, glänzte es so hell, als hätte jemand es erst vor Minuten poliert.

»Ein Ring!«, flüsterte Joern und Flop schien zu nicken. Aber vermutlich wippten nur seine Schlappohren auf und ab.

Joern fand eine Prägung auf der Innenseite des Rings: 925. Es war echtes Gold. Außer der Zahl stand noch etwas in dem Ring. Zwei Buchstaben: I & D.

»Weißt du, was das bedeutet, Flop?«, fragte Joern. »Es ist ein Trauring! Ein Ehering, verstehst du? Aber nicht der von Mama. Erstens hat sie ihren verkauft, als sie geschieden wurde, und zweitens war er sicher nicht aus Gold. Und drittens heißt sie Ada. Hier, sieh mal!«

Er kniete sich auf den Boden und hielt Flop den Ring vor die feuchte Hundenase. Mitten in der goldenen Rundung befand sich ein Loch und darin glitzerte ein Edelstein. Nein, er glitzerte nicht wirklich. Er schien mehr. Blass und bescheiden, geheimnisvoll. So wie der Mond, wenn er durch die Kohlenstaubdecke über der Schwarzen Stadt schimmerte. Der Stein war etwas größer als ein Stecknadelkopf. Gerade groß genug, um hindurchsehen zu können, wenn man ein Auge zukniff.

Joern hielt ihn vors Flurfenster und sah hindurch.

Er hatte geahnt, was er sehen würde. Und doch ließ es ihn taumeln. Hätte er nicht schon gekniet, hätte er sich irgendwo festhalten müssen. Er sah den Flur wie durch trübes Glas, doch alles wirkte anders. Der Flur war plötzlich schön: bunt, lustig und fröhlich. Die Ecken der alten, hässlichen Kommode verbogen sich zu Schnörkeln. Die kahle Glühbirne an der Decke sprühte Funken in allen Farben des Regenbogens. Das Blütenmuster der verblichenen Tapete schien zu einem ganzen Garten heranzuwachsen, Gräser sprossen aus dem Teppichboden und Flop sah jetzt nicht mehr aus wie ein Hund, sondern wie ein seltsam gefärbter kleiner Drache.

Joern nahm den Ring von den Augen. Er merkte, dass er zitterte.

»Es ist wahr«, flüsterte er, »was sie über den Stein sagen. Ich … ich dachte nicht, dass es so wahr ist.« Er legte seine Wange an Flops warme, atmende Flanke. Und dann wisperte er ein Wort in sein Fell, ein magisches Wort, das er schon als kleines Kind nur geflüstert hatte. Den Namen des Steins: »Nachtspat.«

Flop zuckte zusammen.

»Er schläft unter der Erde in den Stollen«, sagte Joern leise. »Denn sie bauen dort unten nicht nur Kohle ab. Sie bauen auch den Stein ab. Onnar hat mir davon erzählt. Oben, in der Fabrik, da schleifen sie ihn und machen Schmuck daraus. Dort stehen die Frauen an den Maschinen, während die Männer in den Stollen umherkriechen. Mama ist eine von ihnen, sie säubert die Schleifmaschinen. Ob sie je durch so einen Stein gesehen hat?«

Flop hatte die Augen schon wieder geschlossen. Wenn ich nur einen Freund hätte, dachte Joern, um mit ihm über den Ring zu sprechen!

Onnar war ein Freund und Flop war ein Freund. Aber Onnar war erwachsen und Flop war ein Hund. Und die Jungs in Joerns Klasse waren zu anders. Sie lebten einfach vor sich hin, ohne nachzudenken, als wären die Kohle und die Schwärze und die Kälte nun mal da und man könnte nichts dagegen tun. Man konnte nichts dagegen tun. Außer durch den Nachtspat zu sehen.

Joern schob die Schublade zurück und stand auf, die Faust um den Ring geschlossen. Wem hatte er gehört? Wer waren I & D? Er erinnerte sich vage an eine Geschichte darüber, dass seine Eltern die Kommode vor langer Zeit gebraucht gekauft hatten. Hatte der Besitzer seinen Ring damals überall gesucht? Und warum hatte er den Ring überhaupt versteckt?

»Er muss eine Menge wert sein«, flüsterte Joern. »Wir können ihn verkaufen und uns einen größeren Küchentisch besorgen oder einen richtig guten Fernseher. Oder am besten ein Kleid für Mama, so ein wertvolles wie in den Katalogen, die sie immer anguckt, mit Samt und Stickerei am Ausschnitt.«

Aber wann hätte Mama das Kleid tragen sollen? Unsinn. Er dachte schon wieder in seinen Bücherwelten, wo Frauen zufällig auf Tanzbällen reiche, nette Männer kennenlernten. Mama konnte noch nicht mal tanzen. Wozu auch. In Fabriken wurde nicht getanzt.

Onnar hatte einmal gesagt, Mama wäre verliebt. Seit Jahren, hatte er gesagt. Heimlich. Er wüsste es. Nur in wen, das verriet Onnar Joern nicht.

Joern beschloss, Onnar zu wecken und ihm den Ring zu zeigen. Er tappte durch die Küche und wollte die Tür zum Wohnzimmer öffnen, wo Onnar auf dem Sofa schlief. Doch dann ließ er es sein. Onnar schlief überhaupt nicht. Jemand war bei ihm. Sie unterhielten sich so leise, dass Joern es im Flur nicht gehört hatte. Er blieb ganz still stehen und lauschte. Und das gute Gefühl vom Finden des Rings verschwand schlagartig. Denn er ahnte, was sie dort drinnen besprachen, und es machte ihm Angst.

»Also wird die nächste Nachtschicht die erste sein«, sagte Onnar eben. »Die erste, die nicht stattfindet.«

»Und wenn der Große uns hinauswirft?«, fragte einer, den Joern nicht kannte. »Du hast keine Frau und keine Kinder, dir kann es egal sein. Wenn Pöhlke und die Gewerkschaft mitspielen würden, wäre es etwas anderes …«

»Vergiss die Gewerkschaft«, unterbrach ihn Onnar. »Wir haben ein Recht, zu streiken! Die Sicherheit in den Stollen ist katastrophal. Auch an den Maschinen in der Fabrik. Denk daran, was heute Morgen passiert ist. Es gibt zu viele Unfälle. Und zu wenig Geld. Vielleicht trägt unser Herr Gewerkschaftschef Pöhlke ja eine der Brillen aus der Fabrik – eine Brille mit Nachtspat anstelle von Glas. Vielleicht sieht er die Unfälle in schönen bunten Farben und die Zahlen auf den Lohnabrechnungen größer und glänzender.«

»Man hört so einiges«, sagte eine dritte Stimme. Diese Stimme kannte Joern. Sie gehörte Holm, Onnars bestem Freund, der so irre Grimassen ziehen konnte. Holm hatte viele Abende bei ihnen in der winzigen Küche verbracht. »Man hört«, sagte er, »bei seinem letzten Besuch hätte der Große dem jungen Pöhlke erklärt, er wäre sein tüchtigster Arbeiter.«

Onnar pfiff durch die Zähne. »Dem Sohn unseres Mannes mit der Nachtspatbrille? Vielleicht ist er tüchtig, aber sein Kopf ist so leer wie meine Geldbörse. Sein Vater, der sich Gewerkschaftschef schimpft, der ist schlauer, als man denkt. Der junge Pöhlke hingegen …«

»Ihr wisst doch, wie der Große die Fabrik damals übernahm«, sagte Holm. »Er war einer wie wir. Hat den Nachtspat entdeckt, der zwischen der Kohle schlief. Und deshalb hat der alte Besitzer ihn zum tüchtigsten Mann erklärt. Er hat ihm seinen ganzen Besitz vererbt. Es heißt, wenn der Große stirbt, erbt wieder der tüchtigste Arbeiter alles. Das Bergwerk und die Fabrik.«

»Holm?«, fragte Onnar. »Wir wissen das alles. Was willst du uns eigentlich sagen?«

»Liegt das nicht auf der Hand?«, fragte Holm zurück. »Wenn der Große jetzt sterben würde, wäre der junge Pöhlke sein Erbe. Sein Kopf ist leer, aber wir können ihn füllen. Er wird auf das hören, was wir Arbeiter ihm sagen. Alles würde besser werden.«

»Es ist ohnehin egal«, meinte Onnar. »Bis der Große stirbt, dauert es Jahrzehnte.«

»Wer weiß«, sagte Holm.

Und da lief es Joern eiskalt den Rücken hinunter, genau wie den Helden in den Büchern aus der Bücherei, und er trat von der Tür zurück. Ab heute Abend würden sie streiken. Und was immer es war, das sie noch planten, er wollte es nicht wissen. Er wollte nichts mehr wissen von den Stollen und der Fabrik und dem Großen, dem all das gehörte und den die Arbeiter so sehr hassten. Er wollte nur weg, weg von allem, so weit weg wie möglich.

»Komm, Flop«, flüsterte er und machte sich auf den Weg in den Keller, wo sein altes, klappriges Rad stand. Er wusste, wohin er fahren würde. Die Schule konnte warten.

Auf der einen Seite der Schwarzen Stadt lag der ausgehöhlte, durchlöcherte Berg, aus dem sie die Kohle und den Nachtspat holten.

Auf der anderen Seite, ziemlich genau gegenüber, lag der Fluss. Er war nicht breit, aber gewaltig. Schwarz war er, schwarz wie die Stadt, und hatte sich tief in den felsigen Untergrund gegraben. Dort unten rauschte er durch die Schlucht wie ein langer geschlängelter Drache aus vergessenen Zeiten, voll weißer Gischt, als hätte er Schaum vor dem Maul.

Am anderen Ufer des schwarzen Flusses erhob sich auf den Felsen eine hohe, alte Mauer aus riesigen Steinquadern, bewachsen von Moos und Gestrüpp.

Joern fuhr den Pfad an der Schlucht entlang und lehnte das Rad an einen Baum. Zwischen dem Pfad und der Stadt lagen ein paar Felder und ein kleines Wäldchen aus verkümmerten Tannen. So konnte man hier ungesehen herumsitzen und nachdenken. Niemand außer Joern kam an diesen Ort, denn die Leute aus der Schwarzen Stadt gingen nicht spazieren. Sie hatten keine Zeit. Oder vielleicht hatten sie vergessen, dass es Dinge gab wie Bäume und Pfade und Flüsse.

Flop schnüffelte aufgeregt an einem Busch und Joern ließ ihn von der Leine. Dann begann er flussabwärts zu wandern, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Auf der Mauer wand sich scharfer Stacheldraht und darunter hing ein Schild: MILITÄRISCHES SPERRGEBIET. BETRETEN VERBOTEN. LEBENSGEFAHR. Das Schild war mit ein Grund dafür, dass Joern gerne herkam. Es hatte etwas Aufregendes, an einer Mauer entlangzugehen, hinter der verbotenes militärisches Gebiet lag. Man erzählte sich in der Schwarzen Stadt, der Wald dort wäre vermint, noch aus dem Krieg, und wenn man nicht irgendwelchen übenden Truppen in die Schusslinie lief, würde man vermutlich auf eine Mine treten und in die Luft fliegen.

Allein schon die Mauer anzusehen, die den ganzen riesigen Wald jenseits des Flusses zu umfassen schien, bewirkte, dass sich die winzigen Härchen in Joerns Nacken aufstellten und sein Herz rascher schlug. Eines Tages, dachte er, wenn er erwachsen wäre, würde er eine Brücke über den Fluss bauen und einen Weg finden, über die Mauer zu kommen. Sie war mindestens vier Meter hoch, aber er würde es schaffen. Und dann würden sie schon sehen, ob man einen wie Joern einfach in die Luft sprengen konnte. Doch jetzt gab es Wichtigeres zu bedenken.

Er tastete nach dem Ring in seiner Tasche. Heute Abend würde er mit Onnar reden. Wie viel der Ring wohl wert war? Vielleicht mehr als ein Fernseher. Vielleicht konnte man von dem Geld die Wohnung neu tapezieren, den Schimmel verjagen, der überall herumkroch. Oder verreisen. Joern war noch nie verreist.

Und wenn du ihn einfach behältst?, fragte eine kleine Stimme in ihm. Wenn du niemandem etwas davon erzählst? Du könntest den Ring unter deine Matratze legen und jeden Morgen durch das Stück Nachtspat sehen, nur ganz kurz. Und die grauen Dächer wären nicht mehr grau, sondern bunt, und die Kohlenstaubwolken würden sich in weiße Tauben verwandeln und in den Straßen würde der Sonnenaufgang den nassen Asphalt zum Gleißen bringen wie ein Feuerwerk …

Er nahm den Ring aus der Tasche, holte tief Luft und sah zum zweiten Mal an diesem Tag durch den Stein. Und plötzlich musste er lachen. Die Welt sah zu verrückt aus durch den Nachtspat. Die verkümmerten Tannen leuchteten in einer Farbpalette zwischen Blau und Violett und ihre Äste bogen sich in merkwürdigen Kringeln wie Lakritzschnecken. Unten zischte ein zitronengelber Fluss zwischen grünen Felsen entlang. Statt der bedrohlichen Gischt schwebten Tausende von schillernden Seifenblasen durch die Schlucht und vor Joern auf dem Weg hopste wieder das kleine Fabelwesen entlang, von dem er wusste, dass es eigentlich Flop war. Diesmal hatte es Flügel.

Schließlich sah Joern durch den Stein auf die andere Seite der Schlucht. Dort sprossen aus den dicken Mauersteinen glänzende Pfauenfedern und aus einem Loch in der Mauer sah jemand in einem so fürchterlich bunten Anzug heraus, dass Joern die Augen kurz zusammenkniff. Der Anzug war grün und blau gefleckt mit gelben Punkten und rosa Streifen. Allerhöchstens geeignet für einen Clown. Der, der ihn trug, hatte violettes Haar. Er war ungefähr so groß wie Joern, und soweit Joern es in dem Farbdurcheinander erkennen konnte, war er auch ungefähr so alt.

Moment, dachte er. Veränderte der Nachtspat die Dinge nicht nur? Ließ er einen auch Dinge sehen, die überhaupt nicht da waren? Es konnte keinen Jungen auf der anderen Seite der Mauer geben. Nicht im militärischen Sperrgebiet.

Joern nahm den Ring von den Augen.

Der Clownsanzug verschwand.

Der Junge verschwand nicht.

Sein Haar war jetzt ganz normal braun, so wie das von Joern. Er trug ein blaues T-Shirt und abgewetzte Jeans. Und er starrte Joern an. So als hätte er auf der anderen Seite der Mauer alles erwartet, nur keinen Jungen in seinem Alter.

Das röteste Rot, das schwärzeste Schwarz

An diesem Tag konnte ich nicht aufpassen. Herr Marksen erzählte irgendetwas über das menschliche Auge, aber er hätte genauso gut über die verschiedenen Arten von Klospülungen auf dem Mars sprechen können, ich hörte sowieso nicht zu. In meinen Gedanken war nur Rot, das röteste Rot aller Rots.

Ich sah noch immer die toten Augen des Lamms vor mir und die klaffende Wunde an seinem weißen Hals. Und ich hörte noch immer Johanns Worte: Etwas ist im Wald.

»Was ist los mit dir, Lasse?«, flüsterte Almut und versuchte ihr wirres Kastanienhaar hinter die Ohren zu streichen, wo es nie länger blieb als zwei Sekunden.

»Nichts«, flüsterte ich.

Almut war erst zehn und ich wollte ihr nichts von dem toten Lamm erzählen. Tom war sogar erst fünf, aber Herr Marksen unterrichtete uns immer alle zusammen. Er ging herum und erklärte jedem, was er machen musste, schreiben oder lesen oder rechnen. Und wenn er Glück hatte, taten wir das dann. An diesem Tag hatte er mit mir kein Glück.

»Du bist ganz woanders, Lasse«, sagte er. »Es ist besser, du gehst nach Hause. Wir machen morgen weiter.«

Denn ich lebe in einer Welt, müsst ihr wissen, wo man nach Hause geschickt wird, wenn man nicht aufpassen kann. Doch ich ging nicht nach Hause. Ich schwang mich auf Westwind und ritt davon in den Wald. Natürlich hatte ich Angst vor dem, was da im Wald lauerte, aber was immer es war, es war sicherlich nicht schneller als Westwind.

Ich ritt tief, tief hinein in den Wald und stellte mir vor, hinter mir auf Westwinds starkem Rücken säße der Freund, den ich mir so sehr wünschte. In meiner Fantasie galoppierten wir zu einem geheimen Ort, der nur uns gehörte, um dort einen Plan zu machen, wie wir das fangen könnten, was in den Wald gekommen war. Im Grunde wusste ich, was es war.

Es war ein Kjerk.

Flint hatte uns von den Kjerks erzählt, abends, am Lagerfeuer im Wald, wo wir jeden Sommer Würstchen brieten und in Schlafsäcken schliefen. Als er jung gewesen war, hatte es viele Kjerks im Wald gegeben. Sie waren groß und gefährlich, aber wie sie genau aussahen, hatte er nicht erzählt. Jetzt, hatte er erklärt, gäbe es keine mehr, man habe sie fortgejagt, damit Friede einkehrte. Ehrlich gesagt: Bisher war ich der Meinung gewesen, mein Vater hätte sich die Kjerks ausgedacht. Nun begriff ich, dass es sie wirklich gab. Und dass einer von ihnen wiedergekommen war.

Ich vergaß völlig, auf den Weg zu achten, bis Westwind plötzlich stehen blieb und sich schüttelte. Da merkte ich, dass wir vor der Mauer standen, hinter der das verminte Stück Wald lag.

Ich hatte keine Ahnung, wie es jenseits davon wirklich aussah. Womöglich war der Kjerk ja von dort gekommen.

Ich saß ab und führte Westwind am Zügel die Mauer entlang. Jemand musste sie vor unendlich langer Zeit gebaut haben, lange vor den Minen. Es war doch komisch, dachte ich plötzlich, dass nur auf der anderen Seite der Mauer noch Minen herumlagen. Hatte man die hier entschärft? Warum hatte man sie nicht einfach alle entschärft?

Ich wanderte eine ganze Weile, doch die Mauer blieb gleich hoch und gleich unüberwindbar. Oben hatte jemand Stacheldraht angebracht. Jemand, der nicht wollte, dass man hinüberkletterte. Wer? Ich überlegte, ob ich es versuchen sollte. Jetzt, wo es Zeit wurde für alles Mögliche, wurde es vielleicht auch Zeit, dass ich auf die Mauer stieg. Während ich eine gute Stelle suchte, begann Westwind das Gras am Fuß der Mauer zu fressen. Und dann entdeckte ich das Loch. Es war genau dort, wo Westwind graste.

»Westwind!«, sagte ich. »Du bist das schlauste Pferd, das ich kenne.«

Ich bezweifelte, dass Westwind mir wirklich das Loch hatte zeigen wollen, aber es schadete ja nichts, ihn sicherheitshalber zu loben.

Das Loch war ziemlich groß. Wenn man sich klein machte, konnte man sicher hindurchkriechen. Einer der Steinquader fehlte einfach. Er lag vermutlich auf der anderen Seite.

Ich ging in die Hocke, um durch die Öffnung zu spähen. Und erschrak.

Jenseits der Mauer gab es nur einen Felsvorsprung von etwa einem halben Meter Breite. Dahinter fiel die Felswand steil ab.

Ich kroch ein Stück weiter in das Loch hinein und hörte sehr weit unter mir einen Bach rauschen. Sein Wasser war vom schwärzesten Schwarz, das ich je gesehen hatte.

Ob es derselbe Bach war, der an einer anderen Stelle als breiter, freundlicher Fluss durch unseren Wald floss? Derselbe, auf dessen sanft gekräuselter Oberfläche ich schon so oft Borkenschiffe hatte schwimmen lassen? Derselbe Bach, an dem ich Forellen geangelt hatte und in dem ich mit Flint um die Wette geschwommen war?

Nein, dieser Bach dort unten duldete keine Borkenschiffe und keine Schwimmer und nicht einmal die allerwagemutigste Forelle hätte sich freiwillig in seine Strömung begeben.

»Finsterbach«, sagte ich leise vor mich hin. »Finsterbach in der Todesschlucht.«

Die Worte klangen schaurig und schrecklich und schön zugleich. Hier begann das Abenteuer, die Veränderung, für die es Zeit wurde.

Ich sah vom Finsterbach zur anderen Seite der Todesschlucht. Dort war kein Wald, so wie alle es immer behauptet hatten. Nur Brombeersträucher wuchsen auf der anderen Seite und ein paar verkümmerte Tannen. Hinter ihren dürren Stämmen konnte ich ein Feld sehen, und da, in der Ferne, lag etwas Großes, Schwarzes. Noch schwärzer als der Finsterbach.

Es waren Häuser. Viele Häuser. Es war etwas, das ich nur von Bildern in Büchern kannte: eine Stadt. Aber keine der Städte in den Büchern war so schwarz gewesen. Über der Stadt hing eine Wolke am Himmel und selbst diese Wolke war schwarz.

Ich tastete nach Westwind und legte eine Hand auf seinen warmen, weichen Hals. Er schnaubte mir seinen freundlichen Atem in den Nacken. In diesem Moment bemerkte ich, dass sich drüben, jenseits der Schlucht, etwas bewegte. Ein Hund lief dort auf und ab, ein kleiner Hund mit wehenden Schlappohren, und außerdem stand da jemand.

Es war ein Junge, ungefähr so alt wie ich. Er hielt etwas vor seine Augen, etwas Kleines, Glänzendes. Dann nahm er es herunter und starrte mich an. So als hätte er auf der anderen Seite der Mauer alles erwartet, nur keinen Jungen in seinem Alter.

Nun stellt euch vor, ihr habt euer ganzes Leben lang gedacht, hinter einer Mauer wäre nur Wald und dann gibt es dahinter eine Schwarze Stadt und eine mörderische Schlucht und einen Jungen.

»Hey!«, rief ich.

»Hey!«, rief der Junge zurück.

Dann rief ich noch einmal »Hey!« und dann fiel mir nichts mehr ein.

Zugegeben, das war kein besonders interessantes Gespräch. Aber wenn man sehr verblüfft ist, fällt einem nichts Interessanteres ein als »hey«.

Eine Weile starrten wir uns über die Schlucht hinweg an. Das Haar des anderen Jungen hatte die gleiche Farbe wie meines: Braun. Doch es war sehr kurz, so als hätte man es mit einem Rasierer geschnitten. Er trug eine graue Jacke mit Löchern an den Ärmeln und ziemlich hässliche Hosen in grünem Militär-Tarnmuster.

»Ich bin Lasse!«, rief ich schließlich. »Woher kommst du?«

»Aus der Schwarzen Stadt«, antwortete der Junge und da war mir, als rieselten lauter kleine Schneeflocken durch mich. »Ich heiße Joern. Und woher kommst du?«

»Vom Norderhof«, antwortete ich.

Joern nickte. »Liegt der Norderhof im Sperrgebiet?«, fragte er.

»Im Sperrgebiet?«, fragte ich zurück. »In welchem Sperrgebiet?«

Joern zeigte auf die Mauer. Ich verrenkte mir den Kopf und sah, dass dort ein gelbes Schild hing.

»Auf dem Schild steht, hinter der Mauer ist militärisches Sperrgebiet!«, rief er. »Aber vielleicht ist es gelogen.«

»Es ist auf jeden Fall gelogen!«, erwiderte ich. »Komm doch rüber und sieh es dir an! Hier gibt es nur den Wald und den Norderhof und die Schafskoppeln und uns.«

Joern schien zu überlegen. »Willst du das wirklich?«, rief er schließlich. »Dass ich rüberkomme?«

Darüber brauchte ich nicht nachzudenken. Ich war viel zu neugierig. »Klar will ich!«, rief ich.

Da nickte er. »Okay, dann komme ich.«

Beinahe erwartete ich, dass er jetzt irgendetwas Unmögliches tun würde – Anlauf nehmen und über die Todesschlucht springen zum Beispiel oder auf das Fahrrad steigen, das drüben an einem Baum lehnte, und durch die Luft zu mir herüberfahren. Aber er tat nichts dergleichen. Er ging ein Stück am Rand der Schlucht entlang, verschwand zwischen den verkümmerten Tannen und schleifte gleich darauf einen dünnen Stamm hinter sich her.

»Sie haben eine Menge Bäume gefällt!«, rief Joern. »Aber abgeholt hat sie noch niemand.«

Damit kniete er sich an den Rand der Schlucht und begann den Stamm zu mir herüberzuschieben. Ich band mir Westwinds Zügel ums Handgelenk, für alle Fälle, und beugte mich weit vor, um den Tannenstamm entgegenzunehmen. Dem ersten Stamm folgten ein zweiter und ein dritter und so bauten wir an jenem Tag eine Brücke über den Finsterbach. Es dauerte eine ganze Weile und es war ein Glück, dass die Todesschlucht nicht breiter war, sonst hätten wir es nie geschafft. Ich zog die Enden der dünnen Stämme alle durch die Mauerlücke, wo sie sich fest ineinander verkeilten. Drüben am anderen Ufer lief Joern hin und her und holte neue Stämme heran. Der kleine Hund rannte begeistert um ihn herum und es war eine wahre Freude, den beiden zuzusehen.

Ich vergaß den Kjerk und das tote Lamm und Herrn Marksen und das Mittagessen. Beinahe vergaß ich den ganzen Norderhof. Es gab nur die Brücke und uns, uns und die Brücke.

Und schließlich stemmte Joern die Arme in die Seiten und sagte zufrieden: »So, nun sind wir wohl fertig mit unserer Brücke. Es hat kein einziger kleiner Stamm mehr in deiner Mauerlücke da drüben Platz. Und jetzt pass mal auf, Lasse vom Norderhof! Denn jetzt komme ich rüber.«

Und er kam. Ich umklammerte Westwinds Zügel und sah zu, wie er über die Brücke balancierte. Er hatte den kleinen Hund auf den Arm genommen und setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen.

»Wenn er nur nicht hinunterfällt!«, flüsterte ich Westwind zu. »Wenn er nur nicht in den Finsterbach stürzt, der da unten entlangrauscht! Wenn nur die dünnen Stämme nicht brechen!«

Die Todesschlucht war so tief und die Felsen dort unten so hart und unerbittlich. Ja, in dem Moment, in dem ich Joern zum allerersten Mal über die Finsterbachbrücke balancieren sah, wusste ich schon, dass niemand einen solchen Sturz überleben konnte.

Aber die Stämme hielten. Joern setzte den Hund auf den Felsvorsprung und kletterte ihm nach. Danach kroch er durch das Loch in der Mauer. Wie mutig er ist!, dachte ich. So jemand Mutigen müsste man zum Freund haben. Da fiel mir etwas Wunderbares ein. Vielleicht war es möglich. Er könnte mein Freund werden, dieser Joern. Und dann stand er vor mir.

Er war genauso groß wie ich, vielleicht etwas kräftiger. Seine Augen waren moosgrün und ich sah darin etwas, das ich oft im Spiegel in meinen eigenen Augen gesehen hatte: die Sehnsucht. Vielleicht brauchte auch Joern einen, mit dem er reden konnte.

»So, Lasse vom Norderhof«, sagte er und streckte die Hand aus wie ein Erwachsener.

»So, Joern aus der Schwarzen Stadt«, sagte ich und nahm seine Hand.

Mehr sagten wir nicht. Es war nicht nötig. Wir ahnten beide, dass in diesem Augenblick etwas begonnen und etwas aufgehört hatte.

Was aufgehört hatte, war das Alleinsein. Und was begonnen hatte, war ein Abenteuer. Abenteuerlicher als alle Bücher aus allen Leihbüchereien der Welt, dunkler als der Finsterbach und gefährlicher als die Todesschlucht. Aber das wussten wir damals noch nicht.

Niemand kommt über den Finsterbach

Ich half Joern auf Westwinds Rücken und wir ritten zusammen durch den grünen Wald. Der kleine schlappohrige Hund rannte uns voraus, schnüffelte an den Bäumen und wurde so aufgeregt, dass ich Angst hatte, er könnte Westwind vor die Hufe geraten.