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Ein Raumschiff strandet auf einem fernen Planeten, buchstäblich am Ende des Universums. Die kleine Gruppe von Frauen und Männern findet sich in einer lebensfeindlichen Einöde wieder und muss versuchen, auch nur die ersten Tage gemeinsam zu überstehen. Als die Männer stattdessen hochfliegende Pläne schmieden, wie diese Welt zu »kolonisieren« sei, kommt es zur Katastrophe … Mit ihrem erstmals 1976 erschienenen Roman Die Todgeweihten … verfasste Joanna Russ die definitive Antithese zu den Werken ihrer männlichen Kollegen: Hier tragen keine strahlenden Helden die Zivilisation in die Weiten des Weltraums hinaus — hier stellt sich eine Frau den existenziellen Fragen des Daseins. Bis zur letzten Konsequenz. Der abschließende Band unserer Russ-Werkausgabe enthält außerdem zwei längere Erzählungen, eine Folge repräsentativer Buchkritiken und einen Essay aus der dritten Schaffensphase der Autorin.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2025
Aus dem
amerikanischen Englisch
übersetzt von
Charlotte Krafft und Hannes Riffel
Impressum
Originalausgabe
Herausgegeben von Jeanne Cortiel
© 1977, 1982, 1984, 2007 by Joanna Russ
© der einzelnen Übersetzungen 2025 bei den Übersetzer:innen
© dieser Ausgabe 2025 bei Carcosa Verlag, Wittenberge
Alle Rechte vorbehalten
Published in agreement with Winifred Emily Eads c/o Diana Finch Literary Agency // Wir danken der Agentur Fritz + Fritz in Zürich für die freundliche Vermittlung // Wir verweisen auf das Quellenverzeichnis am Ende des Bandes
Carcosa Verlag ist ein verschwistertes Imprint von
Memoranda Verlag | Hardy Kettlitz | Ilsenhof 12 | 12053 Berlin
www.carcosa-verlag.de | www.memoranda.eu
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns ausdrücklich vor.
Lektorat: Alexander Pechmann, Sünje Redies & Hannes Riffel
Korrektorat: Tabea Hecht & Ralf Neukirchen
Umschlaggestaltung: s.BENeš [www.benswerk.com]
E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz
Druck: Finidr s.r.o.
ISBN: 978-3-910914-48-3 (Buchausgabe)
ISBN: 978-3-910914-49-0 (E-Book)
Inhalt
Die Todgeweihten …
Erzählungen
Seelen
Körper
Rezensionen
Bücher: FRONTIERS (Herbst 1978)
Als wir alle(s) waren: eine verschollene feministische Utopie THE FEMINIST REVIEW (Juli 1979)
Bücher: FRONTIERS (1979)
Bücher: FANTASY AND SF (November 1979)
Bücher: FANTASY AND SF (Februar 1980)
Essay
Pornografie von Frauen für Frauen, mit Liebe
Nachwort von Jeanne Cortiel
Quellenverzeichnis
Die Todgeweihten …
Die Todgeweihten. Und so weiter.
Wir werden alle sterben.
Die Sahara ist bei dir gleich um die Ecke, und der Marianengraben ebenso; stirbst du dort, bist du nicht einsam. Auf der Erde ist nichts weiter als 13.000 Meilen entfernt, was, wie es einmal jemand ausgedrückt hat, eine stramme Pendelstrecke ist, aber das Licht, das vom Schauplatz deines Todes ausgeht, braucht kaum mehr als eine Zehntelsekunde, um … überallhin zu gelangen.
Wir sind nirgendwo.
Wir werden einsam sterben.
Raumfahrt funktioniert folgendermaßen: Stell dir eine flache Welt vor, ein Blatt Papier mit, sagen wir, zwei Punkten darauf, die weit auseinanderliegen. Wenn du ein zweidimensionales Dreieck wärst, wie würdest du dann von einem Punkt zum anderen gelangen? Zu Fuß? Zu weit. Aber wenn du das Blatt durch die dritte Dimension (unserer) zusammenfaltest, sodass die Punkte direkt übereinanderliegen – als Dreieck könntest du das natürlich weder sehen noch spüren –, wärst du gleich da. Wir machen das in der vierten Dimension. Frag mich nicht, wie. Du musst nur sehr, sehr genau aufpassen, wenn du die Raumzeit zusammenfaltest: Das Blatt darf sich auf keinen Fall verschieben oder wegrutschen, sonst landest du weiß Gott wo, vielleicht ganz außerhalb deiner Galaxis, jener Staubwolke, die du in klaren Nächten am Himmel siehst, wenn du mal aus der Stadt rauskommst. Der glitzernde Atem der Engel. Weit, weit weg von zu Hause. Das Licht vom Schauplatz unseres Todes erreicht euch vielleicht erst in tausend Millionen Jahren. Diese ganz gewöhnliche Sonne dort oben, die jetzt um die Mittagszeit ein wenig verschleiert ist, dieser Schmierfleck.
Wir wissen nicht, wo wir sind.
Bei Tagesanbruch blitzte irgendetwas weit, weit unterhalb des Horizonts grell auf, und ungefähr eine Stunde später krachte es. Ich zählte die Sekunden, wie bei einem Gewitter, die Zeitverzögerung zwischen Licht und Schall: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig, was ungefähr einer Meile entspricht. Siebenhundert Meilen. Das sind über tausend Kilometer. Bei einem mechanischen Versagen steuert der Schiffscomputer den nächsten »ausgewiesenen« Planeten an, also einen, auf dem Menschen möglicherweise überleben können, und katapultiert die Passagierkapsel ins All. Legt sozusagen ein Ei. Ohne einen Notruf wird uns jedoch niemand finden, schließlich ist das Kolonisationsfieber inzwischen abgeklungen (was nicht lange gedauert hat; teile fünf Milliarden Menschen durch zwanzig, und die übrigen fangen bald wieder an, miteinander zu kungeln).
Tschüss Schiff, tschüss Mannschaft, tschüss ärztliche Versorgung, tschüss Bücher, tschüss Frachtgut, tschüss Gepäck, tschüss Computer, der vielleicht umgehend einen Notruf abgesetzt hat, entlang der Koordinaten, denen wir hierher gefolgt sind (vorausgesetzt er kannte sie, was ich bezweifle), tschüss träges Lasersignal, nicht schneller als normales Licht, das irgendwann irgendwo hätte eintreffen können, dieses Mal, nächstes Mal, nie. Vielleicht schaut ihr ja in ein paar tausend Jahren bei uns vorbei.
Wir sind eine Handvoll Menschen in einem Metallbungalow: fünf Frauen, drei Männer, Bettzeug, chemische Toilette, einfaches Werkzeug, ein noch einfacheres Taschenlabor, gefriergetrocknete Nahrungsmittel für sechs Monate, ein Wasseraufbereiter mit eigener Energieversorgung, die sechs Monate hält (aus einem Stück gegossen und für nichts anderes verwendbar).
Tschüss, ihr alle.
Bei Tagesanbruch habe ich die anderen Passagiere an den Händen gehalten, und wir haben uns, im Schein des grellen Blitzes, dicht aneinandergedrängt, und das, obwohl ich sie hasse.
O Gott, ich vermisse meine Musik.
* * *
(Das hier wird von einem Taschenvocoder aufgezeichnet, den ich immer bei mir trage; die Zeichensetzung besteht aus einer Folge von Lauten, wie sie in keiner Sprache häufig für Wörter verwendet werden: dreifache Kehllaute, Spucken, Kieksen, Schnalzen, so etwas. Klingt wie ein verrückt gewordenes Huhn. Deshalb der Einschub.)
Die Frauen: Ich. Eine Mrs. Valeria Graham, tatsächlich mit Mr. Graham verheiratet, in den heiklen Fünfzigern, wenn Unterhaltszahlungen bei Scheidung obligatorisch werden (wer sie in diesem Fall an wen entrichten müsste, ist bloße Spekulation). Valeria Victrix trägt gewöhnlich einen klassischen indischen Sari, meist königsblau mit Goldstickereien, wie eine Moderatorin im Fernsehen; was einer zierlichen Wasserstoffblondine nicht steht. Desgleichen der glitzernde, glänzende Ohrschmuck: Glöckchen in Käfigen in Ringen.
Eine dunkelhäutige junge Frau, die auf dem Kopf Yoga betreibt, unterwegs ist zu irgendeinem »unwichtigen Job« irgendwo (wie sie sagt), alle und jeden hasst und behauptet, sie heiße Nathalie. Nathalie was? Nathalie nichts. Kümmer dich um deinen eigenen Kram.
Cassie, um die dreißig, die allmählich Fett ansetzt; solche Frauen bedienen in jedem Restaurant und jeder Nacktbar auf sämtlichen Welten. Sieht aus wie ein früheres Stadium im Lebenszyklus von Mrs. Graham, aber das ist eine Illusion; nichts als eine Erderschütterung könnte eine der beiden auf die Ebene der anderen steigen oder stürzen lassen. (Wasserstofffusion, die unbeschränkte Energie lieferte und uns alle hätte reich machen müssen, was natürlich nicht passiert ist.)
Das Kind der Grahams, weiblich, zwölf, hinreißend milchkaffeefarben, also stammt sie entweder aus einer früheren Ehe von Mrs. Graham oder von Mr. Graham, oder eben von keinem der beiden. Während der ganzen Reise außer Gefecht gesetzt von einer der wenigen bakteriellen Erkrankungen, die es noch gibt, oder vielmehr von der Behandlung, die ihr schrecklich zugesetzt hat. Meist sahen wir sie nur, wenn sie, wunderschön und hoffnungslos, in den Aufenthaltsraum getaumelt kam und sich (mal wieder) übergab. Wer auch immer das hier findet und kein Griechisch kann: eine iatrogenische Krankheit ist eine, die von Ärzten verursacht wird, und davon haben wir eine ganze Menge. Ärzte und Krankheiten.
Das hier wird nie gefunden werden.
Für wen schreibe ich dann?
Die Männer: Mr. Graham, ein großer, kräftiger Kerl Anfang fünfzig, genauso dumm und gutaussehend wie seine Frau: Haar- und Hautfarbe, Kleidung und Charakter. Nach drei Tagen (wir waren zu dem ersten Punkt unterwegs, den wir auf den zweiten falten konnten) streifte Cassie die Maske ab, hörte auf, fluffig und niedlich zu sein, und lief künftig nur noch mit ausdrucksloser Miene herum. Die Grahams hörten auf, mit ihr zu reden. Ich sage »Kerl«, weil er das unterschwellig betont, also ist vielleicht sie die Käuferin und er die Ware. Oder beides: Geld heiratet Geld. Meist folgen Beziehungen zu Männern immer noch einigen wenigen stumpfsinnigen Mustern, vor allem unter Fremden, also weiß ich weniger über die Männer als über die Frauen, aber in einer Hinsicht weiß ich mehr: Damit meine ich die Vorstellung, die sie von sich selbst haben und der sie in der Öffentlichkeit glauben entsprechen zu müssen.
Alan: ein junger Mann mit Schultern wie jemand, der le futbol spielt (was er, so sagt er, auch getan hat). Äußerst freundlich und zuvorkommend, achtet sehr darauf, jeder und jedem zuzuhören und dem Gesagten höflich – und viel zu oft – beizupflichten (»Ach, da haben Sie ja so recht, Mr. Graham, wirklich«). Meine Theorie lautet, dass sich hinter diesem offenkundig heuchlerischen Gebaren rein gar nichts verbirgt; er ist immerhin so reich, dass er sich auf eine Kavaliersreise für arme Leute begeben kann, aber so arm, dass er arbeiten muss, so anständig, dass er niemanden kränkt, außer er hat Angst oder ist selbst gekränkt (was ohne Weiteres passieren kann), und so verunsichert, dass er jedem schmeichelt, von dem er meint, etwas erwarten zu können. Die Grahams, müsst ihr wissen, mischen sich gerne unters gemeine Volk.
Ein Ideenhistoriker, der von einer Universität zur anderen reist und jedem Gespräch über seine Arbeit ausweicht, wie sie das alle tun, seit es nur noch so wenig Arbeit gibt. Er trägt die gleiche konservative Kleidung wie Mr. Graham: kurze Hosen und Sporthemden, hell, aber nicht taghell fluoreszierend (Vic Graham in Blau, John Ude in Rot). Die einzige historische Analogie zu Alans Tracht ist Graustark, lauter Tressen, Epauletten und Stiefel in Gold (außer dem Tschako, den er, wahrscheinlich wegen seines Gewichts, hatte zurücklassen müssen, auch wenn er es nie erwähnte). Der Professor heißt John Ude. In den Dreißigern. Ein unbedeutender Intellektueller. Farblos. Stellt oft das Lächeln zur Schau. Am ersten Tag, als Mrs. Graham sich im Aufenthaltsraum tatsächlich als Mrs. Graham vorstellte – was ungefähr so ist, wie sich als Dame of the British Empire oder als römischer Tribun vorzustellen –, zeigte Professor Ude (nach kurzem Zögern) das Lächeln. Dann holte er aus seinem Sporran die Pfeife hervor und wies mit dem Lächeln auf die Pfeife hin, um zu zeigen, dass er zu Selbstironie fähig war. Er hätte Valeria als Mistress Anne Bradstreet begrüßt, hätte sie das verlangt, denn die Grahams sind reich. Die fortwährend wütende Nathalie in ihrem schwarzen Ganzkörperanzug sagte vernehmlich: »Misses! Ach du meine Güte!«, und wandte sich mit ungläubiger, angewiderter Miene ab, aus der sprach: Wusste ich doch, dass es eine solche Reise werden würde. Alan glotzte sie, was urkomisch aussah, mit offenem Mund an und schloss ihn schließlich wieder. Ich sagte nichts. Stellt euch vor: Valeria und Victor in Blau, Ude in Rot, Alan unbeschreiblich, Cassie mit zwei Sternchen und einem Stringtanga (alles in Silber) und Lori Graham mit Körperbemalung, größtenteils blau (damit es zu ihren Eltern passte). Die ironischen Pfeile, die Professor Ude verschießt, zielen auf der sozialen Leiter ausschließlich nach unten, und wenn sie manchmal auf ihn selbst zielen, achtet er darauf, dass sie stumpf sind.
Oh, was sind wir doch für ein langweiliger Haufen! Immerhin entspannte sich der Professor einmal soweit, dass er mit Victor Graham über den Wiederaufschwung des Kapitalismus diskutierte, den die Wasserstofffusion ausgelöst hatte, der arme Trottel. Er glaubt an freie Marktwirtschaft, freien Wettbewerb, Leistungsorientierung und die herrschenden Eliten. Offenbar stand er noch nie hinter der Instrumentenkonsole, wo die Technokraten ihr Leben verbringen. Wer häufig genug reist, kann sich mit der Mannschaft anfreunden, Fragen stellen, was ist dies, was ist das; wenn du vorsichtig bist, lassen sie dich sogar auf der Krankenstation herumhängen. Da bekommst du einiges zu sehen.
Herrschende Eliten? Wir werden alle von der Straße ferngehalten, Reiche wie Arme. (Stiftungen bezahlen mich für meine Vorträge über Musik und zeichnen sie auf; darum reise ich. Ich bin eine Schnorrerin.)
Einmal habe ich Ude gefragt: »Wie schnell, meinen Sie, verändern sich die Dinge wirklich?«
Er antwortete: »Das ist nicht mein Fachgebiet.«
Cassie, verbittert, erschöpft, vollbusig, wollte unbedingt wissen, was eine Musikologin ist und was für eine Musik.
»Sehr alt«, sagte ich. »Europäisches zwölftes Jahrhundert bis zum Barock. Weiter nicht.«
»Wie nett«, sagte Mrs. Graham. »Das müssen wir Lori erzählen.«
»Wen interessiert das«, sagte Cassie.
Ich trage, wie Nathalie, einen Ganzkörperanzug und Sandalen und halte mich zurück, vor allem Passagieren gegenüber. Das ist kein Luxusliner, du musst nicht zusammen mit allen anderen essen, du drehst die Wählscheibe am Schrank, und schon erscheint eine Mahlzeit.
Und du besuchst die Mannschaft. Und wirst neidisch auf sie.
Sehet, die neuen Bedeutungslosen: Parasiten, Abschaum, Proleten, Schnorrer. Leute, die nichts Sinnvolles tun.
Nein, Dinosaurier.
Ist kein … war kein, meine ich, Luxusliner.
Gestrandete Dinosaurier.
* * *
Tag eins. Ich sitze nach einem kleinen Nickerchen in der Ecke auf der leeren Werkzeugtruhe. Aufgeregtes Gerede über »Kolonisierung«, was auch immer das ist. Jetzt schon. Unser winziges Labor verrät uns, dass die Luft ungefährlich ist, wenn auch ein wenig dünn; da draußen ist nichts, was unmittelbar giftig wäre. Nathalies überraschendes Talent, Werkzeuge zu katalogisieren und zu organisieren (deshalb ist der Werkzeugkasten leer). Die Sonne ist vor gut fünfzehn Stunden aufgegangen und wandert langsam über den Horizont. Meine Kindheitserinnerungen sagen mir, dass es vier Uhr Nachmittag ist, im Spätherbst, also ist die Achsenneigung entweder sehr stark, oder wir befinden uns in hohen Breiten. Ein paar Wochen, und dann haben wir vielleicht eine Vorstellung davon, ob wir uns der Sommersonnenwende nähern oder in die andere Richtung bewegen, und dann können wir in etwa abschätzen, wie lang die Jahreszeit sein wird: Gut möglich, dass der Sommer zehn Jahre dauert (und es ist heiß draußen, um die 30°C, sagen sie). Durch die Fenster kann ich ganz gewöhnliche grüne Bäume sehen, das Auf und Ab von ein paar Hügeln, aber nicht viel, und ein paar natürliche Lichtungen. Ganz ähnlich wie in New Jersey vor hundertfünfunddreißig Jahren, als meine Vorfahren nach Ellis Island kamen: um 1905 war das. Mein Ur-Ur-Urgroßvater mütterlicherseits war Klempner, meine Ur-Ur-Urgroßmutter mütterlicherseits Scheitelmacherin. (Ein Scheitel ist eine Perücke, die orthodoxe Jüdinnen nach der Hochzeit tragen, über ihrem geschorenen Haar. Aber was interessiert das euch.) Die Genealogie der anderen Seite lässt sich nicht so weit zurückverfolgen, aber ich habe ihr Aussehen geerbt; kleine dunkelhaarige sephardische Juden, die nachts über die spanische Grenze geflohen sind, Rubine, Smaragde und ungeschliffene Diamanten in den Mantelsaum eingenäht. Zumindest erinnere ich mich gerne so an sie. Ich trage das moderne Äquivalent bei mir, die einzige Währung, die überall gilt, in meine Jacke eingenäht, in mein Halsband, meinen Gürtel, so flach, dass es unauffindbar ist. Ich spreche von einem ganzen Medikamentenvorrat. Schließlich weißt du nie, was du benötigst. (Auf dem Schiff habe ich auch ein bisschen geklaut: nichts Wichtiges.)
Unsere Ausrüstung ist nicht gut genug, um zu testen, ob das, was hier lebt, essbar ist. Das sollen wir auch nicht. In der Regel waren es die Menschen, die einen Planeten kontaminierten, aber ebenso gab es bezeichnende Fälle, wo es umgekehrt war. Eigentlich sollen wir drinnen bleiben.
Alle gehen allen anderen auf die Nerven.
Victor, mit seiner kräftigen, ausdruckslosen Stimme, jedes Wort überbetonend: »Ich glaube, das sollte ich machen.« (Das Ende einer Unterhaltung darüber, wer zuerst hinausgeht. Dabei spielt es sowieso keine Rolle. Entweder gehen wir irgendwann alle nach draußen, oder wir gehen einander an die Gurgel.)
»Warum?«, fragte Nathalie sofort.
»Weil ich alt bin. Entbehrlich. Warum sonst?« (Lori Graham sieht ihn besorgt an. Und voller Bewunderung.)
»Sehr vernünftig«, sagte Nathalie. »Mrs. Graham also auch.« (Lori ist empört.)
»Na ja, wenn irgendeine Gefahr droht …« John Ude natürlich.
»Die Grahams gehen hinaus«, sagt Nathalie über die Schulter hinweg und sortiert ungerührt unsere Schaufeln, unsere Hämmer, unsere Äxte – »eine halbe Stunde, nicht weniger, nicht mehr« – und etwas Längeres, in Einzelteilen.
Die Grahams treten durch die Luftschleuse, Victor geduckt, während Alan mit sanfter Hand Lori zurückhält, die mit ihnen hinausschlüpfen möchte. Sie unterhalten sich leise, eindringlich, Lori den Tränen nahe.
»Sie sind also auch nur eine ganz gewöhnliche Passagierin, was?«, sage ich zu Nathalie, in der Hoffnung, sie zu provozieren, vielleicht etwas zu erfahren. Keine Antwort. Sie ist damit beschäftigt, den Apparat zusammenzusetzen, bei dem es sich, wie wir gleichzeitig erkennen, um ein Luftkissenfahrzeug für eine Person handelt: abgedichteter Motor, keine Kabine, wirbelt so viel Staub auf, dass du einen Luftfilter tragen musst (ebenfalls in der Kiste enthalten; beim heiligen Georg, ich hatte recht), fliegt mühelos über jedes Gelände, Wasser eingeschlossen (allerdings mit weniger als 32 km/h), und sieht aus wie ein Stock mit einem Sattel; daher der Name.
»Ein Be–« (sie fängt sich gerade noch).
»Besenstiel«, ergänze ich. Auf den Knien, inmitten von lauter Ersatzteilen, in ihrem schwarzen Ganzkörperanzug blickt mich Nathalie (nur ganz kurz) bestürzt an, zutiefst argwöhnisch – du also auch?
»Wohin waren Sie wirklich unterwegs?«, frage ich.
Sie betrachtet ihre Fingernägel, kommt rasch zu einer Entscheidung, leckt sich wölfisch über die Lippen.
»Volontärin bei der Regierung«, sagt sie schließlich leise, aber so beiläufig, will sagen gespielt beiläufig, dass Cassie (die in einer Koje liegt und sich eine billige Musikbibliothek ans Ohr hält, deren Batterien in ein paar Tagen leer sein werden) uns nicht hören kann.
»Wo?«
»Das spielt keine Rolle«, erwidert sie schroff. »Das soll ich niemandem sagen. Schon gar nicht jetzt, auch wenn es keine Rolle spielt.«
Für einen Moment gleicht sie einem Totenkopf.
Dann sagt Lori Graham: »Was!«, ein wenig verzweifelt und gereizt – wie es jeder wäre, dessen Mama und Papa möglicherweise von Riesenfaultieren gefressen wurden. »Nichts«, erwidert Nathalie. »Vögel du ruhig weiter mit Alan rum, oder was ihr da gemacht habt.« (Lori verzieht angewidert das Gesicht, und Alan wendet sich ab, errötet oder kichert.) »Wenn er dazu in der Lage ist«, fügt sie hinzu. Mit leiser, gut ausgebildeter Stimme sagt sie zu mir: »Wer sind Sie?«
»Eine Musikologin«, sagte ich. »Tut mir leid. Niemand wie Sie. Ich hab ein paar Dinge aufgeschnappt, weil ich viel herumgekommen bin, sonst nichts.«
Cassie setzt sich auf, schüttelt ihr Radio. Sagt an Nathalie gewandt: »Können Sie mit diesem Ding irgendwas machen?«
»Die Batterien sind leer, und das sind elektrische. Wir können sie nicht aufladen. Sie lassen das laufen, seit wir losgeflogen sind, und wahrscheinlich schon vorher recht oft. Ich weiß, dass Sie sie aufgeladen haben, aber das Gehäuse ist zerschrammt. Was wohl zweihundert Stunden bedeutet, in denen sie wiederholt aufgeladen wurden. Na ja, und die werden halt jedes Mal schwächer. Da können wir nichts machen – unsere Geräte sind alle versiegelt und abgeschirmt. Das sind unterschiedliche Energieformen; wir können nicht die eine in die andere verwandeln. Außerdem fliegen wir, wenn wir versuchen, einen der Akkus zu öffnen, wahrscheinlich in die Luft, wissen Sie, wie das Schiff.« Das bin ich. Und weiter: »Es tut mir furchtbar leid, Cassie.«
»Wenn Sie eine gottverdammte Musikstudentin sind«, sagt Cassie so beleidigend wie möglich, »wo ist dann Ihre gottverdammte Musik?«
Ich bin versucht zu antworten: »In der Ionosphäre« (in ihre einzelnen Atome zerlegt oder in noch kleinere Teile), aber ich sage: »Die war im Gepäckabteil.«
»Oh«, sagt Alan, offenbar enttäuscht. Anscheinend hatte er darauf gehofft, Musik zu hören. Cassie zieht in der Koje verärgert die Knie hoch und presst eine Wange an das verschlossene Fenster.
Alan fügt in freundlichem Tonfall hinzu: »Hey, haben Sie denn gar nichts davon bei sich?« Vergisst, höflich zu sein, der Bursche.
»Bänder«, sagte ich. »Wollen Sie daraus Schleifchen machen? Den Verstärker und das Aufnahmegerät habe ich – sehen Sie? Die passen in meine Hand. Aber die Lautsprecher sind zu groß – zwei Meter im Durchmesser.«
Er öffnet den Mund, wahrscheinlich will er fragen, warum ein Lautsprecher so groß sein muss, aber Lori – die auf eine wirklich gute Schule gegangen ist, wie ihre Eltern uns drei Wochen lang immer wieder erklärt haben – mischt sich wichtigtuerisch ein und hält einen Vortrag über die physische Wiedergabe von Schall und darüber, dass der tiefste Ton in der Musik, der vom menschlichen Ohr gehört werden kann, bei vierzehn Hertz liege und dass der tiefste Ton, der gespürt werden kann, noch tiefer sei, und wenn du einen wirklich guten Bass haben möchtest, sagen wir für Bachs Orgelwerk Toccata und Fuge in d-Moll oder für Vestals elektronische Messe, dann brauchst du einfach diese riesigen Lautsprecher, sonst passt der Schall rein mechanisch nicht hinein. »Buchstäblich«, sagt sie.
»O-o-oh«, haucht Alan in spöttischer Ehrfurcht.
Cassie unterbricht wutentbrannt. »Du und deine gottverdammte Schulbildung …«
(John Ude schlief die ganze Zeit, völlig erschöpft, der Arme; deshalb habt ihr nichts von ihm gehört.)
Gott sei Dank kommen die Grahams wieder herein. Die Schleuse klemmt. Jetzt atmen wir alle, genau wie sie, probeweise die Luft von draußen, etwas, das Mr. Ude (der von Loris Freudenschreien und Fragen geweckt wird) offenbar bemerkt, aber auf solche Dinge möchte niemand aufmerksam machen, während eine hysterische Zwölfjährige anwesend ist, die eine psychosomatische Veranlagung hat, sich zu übergeben. (Sagt ihre Mama.)
Allgemeine Freude.
(Ich zeichne das alles natürlich nicht auf, während es geschieht. Ich habe von der langen, langen Morgendämmerung eine halbe Stunde abgezweigt. Zweieinhalb Stunden Zwielicht, dann drei Stunden völlige Finsternis, und dann wieder zweieinhalb Stunden Abenddämmerung rückwärts: langsames, schleichendes, endloses, nicht voranschreitendes Grau.)
Wir befinden uns hoch oben auf der Schulter der Welt. Labrador vielleicht. Sogar innerhalb des Polarkreises. Wenn die Sonne niedriger steht, wenn sie näher an dem Ort untergeht, wo sie aufgegangen ist, wenn die Finsternis abnimmt, wenn der rote Sonnenuntergang ohne Dunkelheit zum roten Sonnenaufgang wird. Ist das Frühling? Sommer? Herbst? Vielleicht steht uns ein zehn Monate andauernder Sommer bevor, ein zwanzig Jahre andauernder Sommer. Wüste? Alles tot, braun, verbrannt? Und dann die Wintersonnenwende, wenn die Sonne noch tiefer steht und es von achtundzwanzig Stunden nur drei Stunden hell wird. Eine Nacht, die fünfundzwanzig Stunden lang ist.
Während der kurzen, schwarzen, völligen Finsternis gingen wir alle hinaus und betrachteten den Himmel. Ein ängstliches Erschaudern, als wir die Nachtluft spürten, so etwas wie blinde Klaustrophobie, der Wunsch, wieder in den eigenen eingeschlossenen, abgestandenen Geruch zurückzukehren, weg von dem lebendigen Hauch der kühlen Nacht. Alle blieben dicht beieinander. Schwarzer Samt, offenbar ist es bedeckt; das schreckliche Gefühl, draußen zu sein. Der unendliche Weltraum.
Wir blickten nach oben.
Nichts.
Ich meine, am Himmel war fast nichts: ein paar helle Sterne unweit des Zenits, und auf halber Strecke zum äquatorialen Horizont ein weit entfernter trüber Fleck. Inseluniversen. Mit bloßem Auge kannst du (so heißt es) von überall auf der Erde etwa dreitausend Sterne sehen. Außerdem siehst du die gepuderte Wölbung, die wir Milchstraße nennen; das ist die Mitte der Galaxis.Wir befinden uns in einem ihrer Arme; in einer Art abgeflachten Ellipse. Wenn du nicht allzu weit oberhalb oder unterhalb ihrer Hauptebene bist oder in der falschen Hemisphäre, solltest du in der Nähe einer Galaxie immer etwas sehen können. Bei der Raumfahrt spielt das allerdings keine Rolle. Trotzdem. Nichts entsprach der Sternenkarte, die Nathalie dabeihatte (natürlich!), aber auf der anderen Seite des Äquators – wer weiß? Keiner von uns kennt sich damit besonders gut aus. Aber sechs Sterne und ein verschwommener Fleck … bei dem es sich, wer weiß das schon, um den Krebsnebel handeln könnte oder um unsere eigene Galaxis oder um das nicht identifizierte astronomische Objekt Nummer Irgendwas, etwas, das so weit entfernt war, dass (wie ich gesagt habe) das Licht vom Schauplatz unseres Todes euch (wo auch immer ihr seid) erst lange nach eurem Tod erreichen wird, nachdem eure Sonne euch verschlungen hat, in sich zusammengefallen und zu einem ausgebrannten Stück Kohle geworden ist, das nicht mehr Licht verströmt als das, was wir in jener Nacht sahen.
Wer auch immer, wo auch immer, wann auch immer.
Lori weinte in den Armen ihrer Mutter. Mrs. Graham versuchte sie zu trösten, sehr unbeholfen, wie wohl sonst auch. John, der Professor für Ideengeschichte, sagte leise so etwas wie: »Uh!«, eine Art Stöhnen.
Eine solche Leere.
Na ja, vielleicht schaut ja mal jemand bei einer Routineüberprüfung ausgewiesener Welten hier vorbei – demnächst, in ein paar Jahrhunderten, in einem Jahrhundert, in achtzig Jahren gar. Selbst die kleine Lori wird dann tot sein.
John Ude sagte: »Na kommt schon, kommt schon, ihr Lieben. Dieser Planet ist ausgewiesen. Muss er sein. Wäre doch sonst ein arger Zufall, oder? Die Luft, die Schwerkraft. Und wenn er ausgewiesen ist, heißt das, er ist wie die Erde. Und die Erde kennen wir. Die meisten von uns wurden dort geboren. Wovor sollten wir also Angst haben? Sind wir halt etwas früh dran mit der Besiedlung. Vor der Erde hätten Sie doch auch keine Angst, oder?«
Klar doch. Denkt an die Erde. Unsere liebe alte Heimat. Denkt an die Arktis. Oder an Labrador. Oder an Südindien im Juni. Denkt an die Pocken und an Erdbeben und an Fußpilz und an Grubenottern. Denkt daran, wie es ist, in Giftefeu zu geraten, bis über die Augen. Status asthmaticus. Amöbenruhr. Die Pioniere in Minnesota, die im Winter ein Seil vom Haus zum Stall spannten, weil sie im Schneesturm sonst vielleicht vom Weg abkamen und drei Schritte vom Haus entfernt starben. Denkt (wenn ihr schon dabei seid) an Tsunamis, Leberegel, den asiatischen Braunbären. Unsere gute alte Heimat. Was für ein Schätzchen. Ein wundervoller Ort.
Denkt an das Tal des Todes … im August.
* * *
Tag zwei. Es hat angefangen. Ich konnte einfach nicht die gottverdammte Klappe halten. Alle stürmen fröhlich voran ins Jungpaläolithikum. Wir werden Hütten bauen. Wir werden auf dem Dorfplatz ein Feuer entzünden, das Lori Graham in Gang halten wird, weil sie die Feuerjungfer ist oder so was in der Art. Mrs. Graham ist plötzlich von allen am wenigsten wert. Victor sagt mit großem Nachdruck: »Entschuldige mich, Liebling«, und geht wieder seinen Unternehmungen nach. Er wird zusammen mit John Ude irgendwo hinstapfen und nach Wasser suchen. Sie werden es natürlich nicht trinken, sondern eine Probe zurückbringen, die wir analysieren werden, was unmöglich ist, weil uns dafür die Ausrüstung fehlt. Aber dem Wasseraufbereiter wird es bestimmt nutzen; die Tanks sind fast leer. Mrs. Graham schmust die ganze Zeit mit Lori, die sich ihr immer entwindet und sagt: »Valeria, bitte!« Da wir fünfundzwanzig Stunden Tageslicht haben, müssen wir uns nicht beeilen, und außerdem müssen wir alles nach draußen tragen (um herauszufinden, ob uns das umbringt). Also raus damit, Matratzen und Bettzeug (dem Regen ausgesetzt und dem Ungeziefer), Werkzeug und Werkzeugkoffer, alles oberflächlich in bester Ordnung, in Wirklichkeit aber so sinnvoll wie Algenschleim aus einem Teich. Unser hübsches, sich abnutzendes Labor (wie Lackmuspapier, einmal verwenden und weg damit) hat uns enthüllt, dass die Sonne uns nicht verbrennen wird, obwohl sie einen kleinen Anteil Ultraviolett enthält und mehr als das übliche Infrarot (und sowieso steht sie zu tief am Himmel); dass die einheimische Vegetation keine giftigen Mineralien enthält und die (einheimische) Luft ebenso wenig; dass die Schwerkraft bei 0,93 liegt, was der irdischen so nahe kommt, dass es keinen Unterschied macht.
Nathalie gräbt mit einem Klappspaten, der öfter mal zusammenklappt, versuchsweise Latrinengruben.
Ich gehe zu Ude, der den Erste-Hilfe-Kasten auspackt, und sage: »Benzedrin und Haarklammern!«, aber der Witz ist so alt, dass wir ihn beide noch nie irgendwo gehört haben, und so vulgär, schlecht und volkstümlich, dass er ihn noch nie gelesen hat.
Ich sage: »Schauen Sie, wir haben ein fiebersenkendes Mittel, zwei Breitspektrumantibiotika, Schmerzmittel und ein nettes kleines Faltblatt, das uns erklärt, wie man aus einem Kojengitter eine Schiene macht. Das reicht nicht.«
»Wir kommen schon klar«, sagte er mit Nachdruck und ließ das Lächeln aufblitzen.
Ich sagte: »Mein Gott, was wollen Sie machen, wenn Lori ihre Weisheitszähne bekommt?«, und das Kind, das offenbar hellhörerisch veranlagt ist (sie war gute fünf Meter weit weg), stieß augenblicklich ein nervöses »Was!« aus und kam zu uns herüber. Sie hatte Alan Bobby Whitehouse dabei zugeschaut, wie er darüber nachsann, ob er vielleicht probehalber eine Axt schwingen sollte, um zu lernen, sich damit nicht den eigenen Fuß abzuhacken.
»Deine impaktierten Weisheitszähne«, sagte ich. »Jeder bekommt impaktierte Weisheitszähne. Ich bin die einzige Erwachsene, die ich kenne, deren Weisheitszähne gerade gewachsen sind. Natürlich litt ich an Zahnfleischentzündungen, und meine Zähne wurden operiert, ich habe Plomben, und deine Mutter hat Transplantate. Wo wollen wir das alles herbekommen?«
»Häh!«, sagte Lori.
»Gut möglich, dass sie sich jahrelang nicht rühren«, sagte ich. »Ich kenne jemanden, der sie erst mit dreißig bekam. Oder du hast einen Monat lang entsetzliche Schmerzen, bevor sie absterben und in deinem Zahnfleisch verfaulen und dabei ein paar Backenzähne mitnehmen, die Papa mit einem Stein herausschlagen kann.
O Pioniere!«, fügte ich einigermaßen säuerlich hinzu.
»Jetzt aber«, sagte John Ude.
(Komisch. Inzwischen stehen sie alle um uns herum. Die Meute sammelt sich. Also los, mit erhobener Stimme. Ohne auch nur daran zu denken.) Ich sagte: »Ich möchte keine lange Rede halten …«
»Dann lassen Sie’s bleiben«, sagte Cassie, die unsere Wäsche an der frischen Luft ausschüttelte, damit wir auch ja eine ordentliche Dosis der einheimischen Pollen abkriegten.
»Sie können mich mal am Arsch lecken!«, sagte ich. »Ich tu’s trotzdem.«
Und ich redete. Ganze fünf oder sechs Minuten lang. Ich erklärte ihnen (unter anderem):
Dass ein ausgewiesener Planet nicht zur Besiedlung freigegeben ist, sondern nur über erträgliche Schwerkraft, geeignete Temperaturen und eine Atmosphäre verfügt, die einen nicht umbringt.
Dass Vermessungsteams nur einen Quadratkilometer eines Planeten in Augenschein nehmen, also ganz bestimmt nicht diesen.
Dass es keine giftigen Mineralien gab, aber dass wir unsere Umgebung nicht auf organische Stoffe oder Allergene untersuchen konnten.
Dass wir uns auf unverträgliche Proteine gefasst machen mussten, auf Vitamindefizite, Komplexbildner und zahllose andere Dinge, die uns biologisch fertigmachen konnten.
Dass wir das einheimische Makroleben möglicherweise essen konnten, was aber auch bedeutete, dass das einheimische Mikroleben möglicherweise uns essen konnte.
Dass wir im Winter wahrscheinlich erfrieren würden, weil wir nicht in der Lage sein würden zu heizen, wenn unser Bungalow in sechs Monaten keine Energie mehr hatte.
Dass wir in einem Sommer, von dem wir nicht wussten, wie lange er dauerte, aufgrund der Hitze sterben konnten.
Dass eine Steißgeburt tödlich sein konnte. Dass drei Tage andauernde Wehen, ohne dass sich der Muttermund öffnete, tödlich sein konnten. Dass Sepsis tödlich sein konnte.
Dass Herzversagen tödlich sein konnte.
Dass keiner von uns einen Feuerstein als solchen erkennen würde, geschweige denn eine Ahnung hätte, was er damit anfangen sollte.
Dass Plastik ein lausiger Baustoff war.
Dass jeder von uns fünf bis acht tödliche Gene in sich trug und dass die Menschheit auch ohne diese in den letzten hundert Jahren nicht unbedingt gelernt hatte, auf sich allein gestellt zu überleben.
Dass wir einfach zu wenige waren.
Und noch mehr. So viel mehr.
Ich hörte auf. Wie früher drohte mich mein halsstarriger Stolz zu überwältigen. Der Hüne Alan Bobby mit seiner Axt sagt: »Ich glaube, Sie sollten besser fortfahren«, und ich hoffe nur, dass es zu Nathalies Ausbildung gehörte, anderen die Augen auszukratzen und den Kehlkopf zu zerschmettern, denn dieser Bursche begreift allmählich, dass die nächsten Gesetzesvertreter weit, weit weg sind. Und dafür hat er nur zwei Tage gebraucht. Ich hoffe, er besitzt so etwas wie Schamgefühl.
Ich sagte: »Na ja, vielleicht finden wir ja Vulkanglas, denn das würde ich erkennen. Hab ich mal in einem Museum gesehen.«
Der Witz verpufft.
»Was schlagen Sie also vor?«, fragte der Professor mit dem Lächeln. »Offenbar sind Sie der Meinung, dass wir keine Chance haben.« Hören wir ihr mal zu.
Ich nickte.
Der Professor wiederholte: »Was, bitte, schlagen Sie also vor?«
Schweigen.
»Na ja, alles, wozu Sie Lust haben«, sagte ich. »Aber lassen Sie mich aus dem Spiel.«
»Damit«, sagte Nathalie, »haben wir drei Frauen und zwei Männer, Victor nicht mitgezählt. Was die Wahrscheinlichkeit nicht eben erhöht, oder?«
»Himmel«, sagte ich. »Himmel Herrgott, ich bin zweiundvierzig Jahre alt. Glauben Sie, ich kann jetzt mein erstes Kind kriegen? Außerdem können Sie mich gar nicht gebrauchen, mein Vater war ein Bluter.«
»Lügnerin«, sagte Nathalie. »Ich habe Ihre Krankenakte gesehen. Sie sind nicht die Einzige, die weiß, wie man in die Mannschaftsräume kommt.«
»Na schön«, sagte ich. (Nathalie als Anführerin. Warte nur, bis Alan herausfindet, dass er dich verprügeln kann.) »Na schön, Sie glauben also, Sie haben den Hauch einer Chance. Vielleicht. Aber ich halte bestimmte Formen des Überlebens für idiotisch. Möchten Sie, dass Ihre Kinder in der Altsteinzeit leben? Möchten Sie, dass sie vergessen, wie man liest? Möchten Sie, dass Ihnen die Zähne ausfallen? Möchten Sie, dass Ihre Urenkel mit dreißig sterben? Das ist doch obszön!«
In dem Moment kippte der Boden nach oben und erwischte mich voll, wie das immer passiert, wenn du über die Stränge schlägst. Cassie stand über mir und brüllte: »Halt’s Maul! Halt bloß das Maul!« Ich glaube nicht, dass sie zugeschlagen hat – sie hat mich nur geschubst. Worauf ich nicht gefasst war. Früher fanden solche aufwieglerischen Reden Anklang, aber diese Leute wollen sich nicht aufwiegeln lassen. Nun, das wussten wir schon vorher.
Und allen steht ins Gesicht geschrieben: Hier und jetzt ist alles erlaubt.
John Ude sagte: »Kommt, kommt, ihr Lieben, jetzt nicht die Beherrschung verlieren. Das wird sie schon verwinden. Nathalie, was haben Sie denn da?« Und damit war die Sache erledigt.
Viel später weckte mich Cassie aus Versehen, das Gesicht ganz grau in der grauen Abenddämmerung. Sie kramt mit verbissener Miene im Erste-Hilfe-Kasten.
Sie sagt: »Ach, Sie! Schlafen Sie ruhig weiter.«
Ich sagte: »Was ist los?«
»Migräne«, sagte sie. »Ich hab meine Tabletten verloren. Aber dieses Zeug taugt nichts.« (Ein leises Aufheulen; wahrscheinlich war es noch nicht richtig schlimm geworden, wohl erst die Lichtblitze oder womit auch immer es bei ihr anfängt.) Ich sagte: »Einen Moment«, und fischte etwas aus meinem Gürtel. Sollte helfen.
»Und was ist das? Zyanid?«, flüsterte sie und schloss die Augen, als wollte sie sich konzentrieren. Offenbar ging es los.
»Nein«, sagte ich. »Die sind wie Ihre Tabletten. Jedenfalls besser als dieses unsinnige Allzweckschmerzmittel. Na los.« Ich hielt sie ihr auf der Handfläche hin.
»Gift, jede Wette«, sagte sie, nahm sie aber. Ich sah, wie sie sich über den unebenen Boden zum Wasserspender tastete, etwas Wasser in die hohle Hand laufen ließ und dann den Kopf in den Nacken warf. Dann kam sie zurück und legte sich, draußen unter dem Nachthimmel, auf die Matratze. Noch immer keine Sterne. Du hast das komische Gefühl, dass es bewölkt sein muss, obwohl es bisher nur Frühnebel gab. Die Temperatur fällt nachts kaum. Allerdings ist es zu hell; das ist, als lebten wir nackt. Manchmal sieht das hier aus wie eine Theaterkulisse oder wie eine kleine Gasse oder der Garten hinter einem Wochenendhaus auf dem Land; nur wenn es vollständig finster ist, wird es real.
(Wie das Outback in Australien, wovon ich in meinem langen Vortrag erzählt habe; sieht aus wie New Jersey, kann dich aber in zwei Stunden umbringen.)
Sie sagte: »Was passiert jetzt, fliege ich in die Luft?« Sie zog eine Augenbraue hoch und sah mich an.
»Nein«, sagte ich mit einem Lächeln (ich konnte nicht anders). »Der Schmerz lässt nach, und wenn nicht, wird es Ihnen egal sein. Außerdem hat es eine euphorisierende Wirkung.«
»Ooh, ich werde high«, sagte sie. »Wie schön …« (Wirkten sie bereits?) »Sagen Sie mal, Schätzchen, warum haben Sie das alles dabei?«
Ich erklärte: Das ist besser als Geld. Und man weiß ja nie.
»Dabei brauchen Sie doch nur ein Klappmesser«, sagte sie, »wenn Ihnen danach ist, sich die Gurgel aufzuschlitzen. Was verdammt feige ist, wenn ich das sagen darf.«
»Gute Nacht«, sagte ich und drehte mich um. Mein Gesicht von ihr abgewandt.
»Hey!« (ertönt die Stimme hinter mir). »Wollen Sie sich wirklich umbringen? Tun Sie sich gerne weh?«
»Ja, ich möchte mich umbringen, bevor ich an der Reihe bin«, sagte ich. »Und nein. Nein folgt aus ja.«
Sie kicherte verschlafen. »Tut mir leid, dass ich Sie geschlagen hab. Verzeihen Sie mir, ja? Was haben Sie da nochmal über diese Typen und den alten Mann gesagt?«
(Der alte Mann hat sich eine Woche vor seinem Tod verschleiert und eine Predigt gehalten; »diese Typen« waren die Nordmänner, die beteten: Bewahre uns vor Feuer, Seuchen, dem Zorn der Nordmänner und einem plötzlichen Tod. Diese Verrückten brauchten Monate, um zu sterben. Gab ’ne Menge, worüber sie nachgrübeln wollten.)
»Schlafen Sie«, sagte ich. »Und träumen Sie von Ihren Migränen.«
Und von allem anderen. So eine wundervolle Welt, wirklich. Aber keine Musik, keine Freunde. Würde die Erde von Seuchen heimgesucht, von Feuer, von Krieg, von radioaktiver Strahlung, von Unfruchtbarkeit, von tausend verschiedenen Dingen, ich würde trotzdem zu ihr halten. Ich liebe sie. Ich würde mich Zentimeter für Zentimeter zu ihr durchkämpfen, denn mein ganzes Leben ist mit ihr verknüpft. Und sie würde Leute brauchen, die um sie trauern. Um auf einer sterbenden Erde zu sterben – dafür würde ich leben, schon weil ich um sie weinen wollte.
Aber diese Fremde hat uns noch nie gesehen. Sie sagt: Hey, was seid ihr denn für lustige kleine Biester. Wir sind (o Zuhörer, merkt euch das) ein Viertel so groß wie die Bäume, wir sind haarlos, bringen unseren Nachwuchs lebend zur Welt, sind Zweibeiner mit zwei Händen, um zu greifen, wir sehen binokular, wir regulieren unsere Körpertemperatur durch langsame Oxidation verschiedener Stoffe (Nahrung), und wir leben nicht mehr als ein Jahrhundert, allerhöchstens (jedenfalls fühlt es sich so an, wie es in dem Witz heißt), und wir werden, was ziemlich übel ist und manchmal sogar komisch, zwischen verschiedenen Sehnsüchten hin- und hergerissen. Woran die Großhirnrinde schuld ist. (Menschen drehen sich um, seufzen, murmeln im Schlaf, während es langsam heller wird.)
Anmerkung: ars moriendi ist Lateinisch. Es beschreibt eine Fähigkeit, die wir verloren haben. Die verlacht und nur von wenigen praktiziert wird.
Sie ist sehr, sehr wichtig.
Die Kunst zu sterben.
* * *
Tag drei. Alan-Bobby hat unter meinen Siebensachen ein Medaillon gefunden (er kramt in allem; aus irgendeinem Grund sucht noch niemand nach Wasser), und weil er ein netter, folgsamer Junge ist, hat er es Victor Graham gebracht, und der hat es John Ude gebracht.
»Was ist das?«, fragten sie (im Chor, wie ich mir vorstelle).
Er erklärte es ihnen. Er kam zu mir herüber (ich war gerade dabei, aus Mrs. Grahams Sammlung alter Postkarten Spielkarten zu basteln, indem ich zuerst versuchte, die Rückseiten abzulösen) und schwang das Medaillon hin und her, natürlich außerhalb meiner Reichweite. Stellt euch eine der ersten Christinnen vor, die im Schneidersitz auf dem Boden hockt, ein Bettlaken über dem Schoß, falls das mit den Spielkarten nicht klappt, und einen Professor – aber nicht John Donne –, der beschlossen hat, sie zu necken.
»Jetzt wissen wir Bescheid!«, sagte John Ude und wirkte dabei deutlich weniger weltmännisch als zuvor.
»Das? Das gehört nicht mir«, sagte ich. (Im Zweifelsfall immer alles abstreiten.)
»Na kommen Sie! Wen kümmert das?«, sagte er. (Alan und Victor sind wieder davongestiefelt, um ihren Beschäftigungen nachzugehen. Bestimmt hat er sie darum gebeten, denn »dann bringe ich sie zum Reden«, oder so etwas.) »Von mir aus können Sie sein, was Sie wollen. Aber es erklärt, was gestern vorgefallen ist, und wenn ich das allen anderen erkläre, sind sie vielleicht nicht mehr so sauer auf Sie.«
»Sie meinen, dann halten sie mich für bekloppt und lassen mich in Ruhe«, sagte ich. »Na schön, es gehört mir.« Er hielt es mir hin, aber ich hatte eigentlich keine Verwendung dafür, und die Metallkette mochte jemand anderem nützlich sein.
Ich sagte: »Das ist doch nur ein Symbol. Der gevierteilte Kreis steht für die Erde und so was. Behalten Sie es, vielleicht können Sie die Kette gebrauchen.«
»Wollen Sie es nicht wiederhaben?«
»Nein. Das ist nur ein Schmuckstück.«
»Dann sind Sie keine …«
»Doch, bin ich. Aber ich lege kein Tarot, glaube nicht an das I Ging, bin keine Wahrsagerin, bringe keine Opfer dar, führe keine Rituale durch, glaube nicht an die Bibel – jedenfalls nicht im Wortsinne – oder an das Tao-Te-King oder an irgendetwas sonst. Behalten Sie es.«
»Sie sind vom Glauben abgefallen!«, sagte er.
»Ach, reden Sie keinen Unfug!« Und ich wetzte wieder meine Fingernägel an den Postkarten. Warum sammelt sie nicht Hologrammwürfel wie alle anderen auch? Werde wohl die Laken verwenden müssen. Ich fragte: »Können Sie Poker spielen?«
Aber er hatte sich neben mir ins Gras sinken lassen. Bisher sind wir nicht auf Giftsumach gestoßen.
Ich fragte: »Wann wollen Sie denn endlich nach Wasser suchen?«
»Eine Zitterin«, sagte er. »Gütiger Himmel, eine Zitterin mitten unter uns.« Ich schließe die Augen.
»Die Quäker«, sagte ich, »nannten sich ›die Gesellschaft der Freunde‹. Zitterer werden sie nur gerufen, weil irgendein Trottel hörte, wie John Fox sagte, er würde in der Gegenwart Gottes erzittern und erbeben. Und diese Erfahrung habe ich bislang nicht gemacht. Ach, egal.«
»Aber Sie zittern.«
»Unablässig.«
»Glauben Sie an Gott?«
»Nein.«
»Glauben Sie an irgendetwas?«
»Überall. Immer. Bei Laotse steht: Tao ist in den Exkrementen und in einer geborstenen Fliese. Spaltet den Fels, und da bin ich. Und jetzt verschwinden Sie!«
»Aber erklären Sie mir doch«, fuhr er fort – seine berufliche Begeisterung war geweckt, »was sagt Ihre Kirche …«
»Keine Kirche.«
»Na ja, was sagen Sie denn über … über Sex?«
»Nichts.«
Mrs. Graham, die sich in Hörweite befand, hatte herausgefunden, dass der Werkzeugkasten wasserdicht war, indem sie ihn mit Wasser gefüllt und Lori aufgefordert hatte, darin zu baden, mitsamt dem Großteil unserer Klamotten. Ratet mal, welches Wort sie aufgeschnappt hat. Sie wischte sich den Schaum von den Händen und kam herübergeschlendert.
»Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«
»Ich möchte wissen«, sagte John Donne, »was die Zitterer über Sex zu sagen haben.«
»Ach, das«, entgegnete Mrs. Graham und sah uns an, als wüsste sie Bescheid. Und das tat sie bestimmt. Eigentlich sollte man meinen, Cassie mit ihren Silbernippeln wäre die Expertin, aber ich halte Cassie für frigide. Sie verkauft es nur. Mrs. Graham dagegen war eine Käuferin, und Käufer machen, was Käufer wollen.
»Nun, was sagen sie denn?«, wollte Valeria wissen.
»Nichts«, erwiderte ich. »Hören Sie, Mrs. Graham, ich glaube, Sie sollten Ihre Postkarten besser behalten, um sie irgendwann Ihren Enkeln zu zeigen. Mir tun die Finger weh, und außerdem gibt es keinen Grund, sie zu opfern. Ich werde ein Laken auseinanderschneiden.«
»Und über …«
»Hören Sie, John«, sagte ich, »wir sind keine Kirche, sondern nur eine Geisteshaltung. Unsere wesentlichen Themen sind Arbeit und Tugendhaftigkeit, nicht Ficken. Über diese beiden könnte ich Ihnen eine Menge erzählen, aber das haben Sie gestern schon gehört, und Sie konnten nichts damit anfangen. Warum bitten Sie nicht Nathalie, den Besenstiel in Gang zu setzen, und lassen sie damit nach Wasser suchen? Damit kommt sie deutlich schneller vorwärts als zu Fuß.«
»Nein, von uns wird keiner damit losfahren«, sagte er, »es sei denn Mrs. Graham weiß, wie das geht …?
Verstehen Sie«, fuhr er fort. »Nathalies Leben und Ihres und Loris und Cassies ist zu wertvoll, um es aufs Spiel zu setzen. Sie können Kinder bekommen. Was hat Ihre Religion dazu zu sagen?«
»Der genetische Drift …«
»Die Zivilisation muss bewahrt werden«, sagte er.
»Der Zivilisation geht es gut«, sagte ich. »Nur dass sie sich ganz woanders befindet.«
»Ihre Kirche …«
»Meine Religion«, sagte ich und erhob mich aus dem Schneidersitz, behielt aber die Beine übereinandergeschlagen (was ihn ziemlich erstaunte, aber für kleine Menschen ist es leicht), »sagt viel über Macht. Und nichts Gutes! Sie sagt, dass du Gott einen Tod schuldest. Sie sagt, dass eine geistig gesunde Gesellschaft den Leichen im Kälteschlaf als Allererstes den Stöpsel zieht. Wenn du ewig leben möchtest, bist du furchtbar gefährlich, denn dann lebst du nicht jetzt. Sie sagt, dass du sterben musst, denn wie sollst du sonst erlöst werden? Sie sagt, ohne sinnhafte Arbeit könntest du genauso gut tot sein. Sie sagt, dass der Tod wehtut. Und sie sagt, dass jeder, der stark und vollkommen und gut und mächtig sein will, ein gottverdammter Narr und Lügner ist, der sich der Wahrheit verschließt. Stellen Sie also meine Geduld nicht allzu sehr auf die Probe. Es heißt außerdem, Gott sei in Ihnen und Sie seien in Gott, so wie der Fisch im Meer ist und das Meer im Fisch. Die Heilige Therese. Darüber hinaus sagt sie …«
»Sie schöpfen wirklich aus allen nur denkbaren Quellen«, sagte John Ude und lachte. »Glauben Sie an diese ganze zusammengeklaute Theologie?«
»Warum nicht?«, sagte ich. »Schließlich habe ich sie selbst zusammengeklaut.«
»Wie dem auch sei, das ist Ihr Fachgebiet.« Er lachte. Nachsichtig.
»Ich werde es allen sagen.« Und damit ging er davon – auch ein Fünfundzwanzigstundentag ist irgendwann zu Ende. Als er an Lori in ihrem Werkzeugkasten vorbeikam, verschränkte sie sogleich die Arme vor der Brust und starrte ihn wütend an. Seltsame Sitten: Körperbemalung ist in Ordnung, aber ein Bad ist etwas Privates. Vor allem umgeben von lauter Kleidungsstücken in sämtlichen Farben, die im Wasser trieben. Kaum Platz genug für alles, die Knie unterm Kinn.
Mrs. Graham sagte: »Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?«
»Nein«, sagte ich.
»Oh. Und wann haben Sie das letzte Mal mit jemandem geschlafen?« Ich starrte sie an. Meine Antwort interessierte sie offenbar nicht einmal besonders.
Ich zuckte mit den Achseln. »Vor vielen Jahren. Keine Ahnung. Ist lange her.«
»Und Sie leben im Jetzt?«, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch. »Nun gut!« Valeria Victrix. Mein Gott, ja, das muss sie gewesen sein. Ganz in ihrem Element.
»Da ist noch mehr«, sagte ich.
»Zum Beispiel …?«
»Ach, hören Sie, Mrs. G …«
»Sagen Sie nicht Mrs. Dschie zu mir. Das ist geschmacklos, finden Sie nicht? Valeria genügt. Und erklären Sie mir, was all diese anderen wundervollen Dinge sind, außer Sex. Und Geld. Aus Geld lässt sich schließlich alles machen.«
Aha. Ich befinde mich jetzt also am unteren Ende der Hackordnung. Nun denn, es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel ganz oben zu sein. Aufstände anzuzetteln. Staatseigentum zu zerstören. (Symbolisch?) Ich wurde verhaftet und verbrachte eine Nacht im Gefängnis, aber eigentlich gehörte ich nur am Rande dazu. Zweifellos einer dieser dreißig Jahre währenden Rebellionszyklen, über die unser ach so kluger John schreibt. Als gäbe es da keinen Zusammenhang mit irgendwelchen Tatsachen. Ganz unten kannst du dich am besten verstecken.
Ich sagte: »Ich war Kommunistin. Und an den Ausschreitungen in den Zwanzigern beteiligt. Nicht weiter bedeutsam, wohlgemerkt, aber irgendetwas mussten wir ja tun.«
»Kurz nach der Entdeckung der Wasserstofffusion«, sagte sie. »Hat dem Ganzen den Wind aus den Segeln genommen, was? Und mich reich gemacht. Eine Kommunistin sind Sie also. Gütiger Himmel! Und dann auch noch eine Zitterin! Ich dachte, das passt nicht zusammen.«
»Und ob«, sagte ich. »Sehr gut sogar. Und mir wäre es lieber, Sie würden mich so ansprechen, wir wir uns selbst ansprechen: lauter Niemande. Ich bin Niemand, wer sind Sie? Sind Sie auch Niemand? Wie nett. Was Sie nicht daran hindert, Kommunistin zu sein. Was ich auch war.«
»Aber Sie sind es nicht mehr?«, fragte sie.
»Mrs. Dschie«, sagte ich, »von uns ist keiner mehr irgendetwas.«
»Frigides kleines Weibsstück«, sagte sie und trat einen Schritt zurück. Ich sagte: »Ach, sagen Sie doch Salat zu mir, das wäre genauso sinnvoll. Bedenken Sie, was ich zu Ihnen sagen könnte.«
»Mutterrrr!« (Lori) Sie hat genug davon, mit jedermanns Wäsche vertraulichen Umgang zu pflegen.
»O Valeria«, fuhr ich fort, »überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?« (Ihr sagt das nichts, sie hält mich für verrückt.) Etwas prosaischer fügte ich hinzu: »Wenn Sie mich wieder behelligen, hetze ich Lori gegen Sie auf.«
Sie erhob sich langsam, sagte: »Wenigstens weiß ich, dass ich etwas hatte«, und ging davon, um Lori aus der Badewanne zu ziehen. Eine vernünftige Frau, wirklich, aber sie wird lernen müssen, dass sie hier kein Geld hat. Ich brüllte: »Hey, gehen Sie Victor nicht auf den Wecker, er ist größer als Sie!«
»Victor Graham ist mein Vater«, rief Lori und hielt ein Glas unter den Wasserspender, um sich abzuspülen. »Agh!«, rief sie. »Mein Vater«, schrie sie mich an, »würde nie etwas Unrechtes tun.«
»Natürlich nicht, Liebes!«, schrie ich zurück. Das Kind wird mit den schlimmsten Illusionen heranwachsen.
Ist herangewachsen.
George Fox ging ins Gefängnis, weil er es nicht unterlassen konnte, in eine anglikanische Messe hineinzuplatzen und die Priesterschaft als Mummenschanz zu brandmarken; er sagte, die große Glocke habe in seinem Herzen geschlagen. Miterlebt habe ich das natürlich nicht, nur in einem Buch davon gelesen. Die vielen tausend Bücher und musikalischen Kompositionen, die im British Museum in London aufbewahrt werden. Gefangene und aus politischen Gründen Verbannte schreiben Bücher. Würden Sie, alleine auf einer verlassenen Insel, ein Buch schreiben? Würden Sie es in den Sand kratzen?
Anmerkung: Wir verständigen uns mithilfe von Organen, die in der Luft (einem gasförmigen Medium) Vibrationen auslösen. Wir hören, in etwa, den Schall von vierzehn bis achttausend Hertz. »Schall« bezeichnet eine Abfolge konzentrischer Ringe, die entstehen, nachdem Luft, Wasser oder ein anderes Medium verdünnt und verdichtet worden ist. Wir können (was euch vielleicht schockieren mag) nicht überleben, wenn wir uns vollständig unter Wasser befinden, da der Sauerstoff, den wir in unserem Metabolismus nutzen, aus der Luft stammt. Für etwas anderes sind wir nicht ausgerüstet. Wir atmen Luft ein und atmen sie wieder aus. Wir sind, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird, äußerst zerbrechlich. »Sprechen« kommt von einem anderen Ort als »atmen«. Darüber solltet ihr euch im Klaren sein. Diese Zeichen »–« bedeuten, dass gesprochen wird. Eine Form von Verständigung. Ihr müsst zuhören. Ihr müsst begreifen, dass das Patriarchat zurückkehrt, dass es (genau genommen) bereits zurückgekehrt ist, und das nach zwei Tagen. Keineswegs vorsätzlich. Ihr müsst begreifen, dass ich keine Musik habe, keine Bücher, keine Freunde, keine Liebe. Keine Zivilisation ohne Industrialisierung! Ich fürchte mich sehr vor dem Tod. Aber ich muss. Ich muss. Ich muss.
Erlöse mich von dem Leib dieses. Dieses Leibes. Dieses verdammten Lebens.
* * *
Tag vier. Nathalie ist endlich mit dem Besenstiel losgeflogen, denn außer mir und ihr weiß keiner, wie er gesteuert wird. Mir wurde es natürlich nicht erlaubt. Ich ließ mich erweichen und zeigte Alan-Bobby, wie er die Axt benutzen konnte, ohne sich die Füße abzuhauen. Er hat sie mir gleich wieder weggenommen. Er und Mr. Graham hackten mit dem kleinen Handbeil Holz; nachdem es ihnen gelungen war, ein paar Zweige zu sammeln, zündeten sie diese an, um herauszufinden, ob sie ein Feuer machen konnten. Bravo! Es brannte. Und Lori reagierte auf den Rauch heftigst allergisch; sie rannte heulend davon, griff sich an den Hals, rammte sich die Finger in die Ohren und bewegte ihre Zunge wie eine, die (vergebens) versucht, sich den Gaumen zu kratzen. Was könnte an langen Winterabenden schöner sein? Also haben sie das Feuer gelöscht.
Mrs. Graham spielte mit Mr. Graham Gin Rommé, mit den Karten, die ich aus einem Bettlaken gebastelt hatte; sie gewann jedes Mal.
Dann spielte sie mit John Ude und gewann wieder jedes Mal.
Er sagte, er würde gerne etwas spazieren gehen, blieb aber freundlich. Mrs. G versuchte, Mr. G wieder dazu zu kriegen, mit ihr zu spielen. Er sagte: »Ich habe keine Lust.«
»Aber ich, Schatz«, sagte Valeria leise. (Eine einfache familiäre Bitte, mehrfach wiederholt; Valeria in Blau und Gold, der Nagel ihres rechten kleinen Fingers eine goldene, mehrere Zentimeter lange Schutzhülle, Victor in Blau, das abendliche Spiel, Mrs. Graham sagt: »Hol mir einen Drink, Schatz«, und Victor dienstbeflissen. Jetzt weiß ich Bescheid.)
Victor stand auf und ging zu Alan-Bobby hinüber, unterhielt sich mit ihm. Alan-Bobby kicherte und nickte. Dann sprachen sie todernst über Abflussgräben oder Blockhütten oder darüber, anderes Holz zu verbrennen, denn Victor würde seiner Tochter niemals etwas tun, davon bin ich überzeugt, nicht um alles auf der Welt.
An Valerias Gesicht ist irgendetwas merkwürdig. Victrix, versteht ihr?
Sie sagte: »Lori, ich fürchte, du hast jetzt die Nesselsucht, weil dein einfältiger Vater nicht aufgepasst hat.«
»Daddy ist nicht einfältig« (sagt die junge Graham, die von nichts eine Ahnung hat, während sie sich mit einem komplizierten spiralförmigen Instrument die Zehennägel reinigt, offenbar aus ihrem persönlichen Gepäck), »und ich finde, du solltest ihn nicht fragen, ob er mit dir Karten spielt, wenn er keine Lust hat. Du kannst schrecklich gemein sein, Mutter.«
Ich ging hinüber zu – nein, ich dachte daran hinüberzugehen …
Sie kam zu mir herüber. »Spielen Sie Gin Rommé?« Ich schüttelte den Kopf.
»Sie sehen ja, wie ich behandelt werde«, und sie warf den Kopf in den Nacken: das alt-junge Gesicht, der chirurgisch gestraffte Hals, das Haar, das an den Wurzeln allmählich grau wird. Eine wirklich wunderschöne Geste, und ich würde sie mir nur allzu gerne voller Bewunderung anschauen, ganz gleich wie alt sie ist, aber ich glaube, die Männer empfinden da anders.
»Ach, die langweilen sich«, sagte ich. »Das hat nichts zu bedeuten. Kulturelle Regression. Wir befinden uns jetzt im neunzehnten Jahrhundert, das ist alles. Wollen wir wetten, wie weit sie nächste Woche zurückgefallen sind? Fünf zu eins, dass es das achte Jahrhundert nach Christus sein wird.«
»Sie spinnen doch«, sagte Mrs. Graham nicht unfreundlich. Dann ging sie in den Bungalow, um mit Cassie Freundschaft zu schließen.
Ich versteckte den wesentlichen Teil meines Arzneimittelvorrats unter einem großen Stein, in der Blechbüchse, die ich später dann für den Vocoder verwenden werde. Ich überlegte, ob ich ihnen nicht sagen sollte, dass ich Vegetarierin bin, damit sie noch mehr von dem, was ich mache, als unwichtig abtun (und das würden sie!), aber das bekomme ich nicht hin, ohne eine Miene zu verziehen.
Ein endloser Nachmittag.
John Ude: »Spielen Sie Go? Schach?« Ich sagte nein, keine Ahnung warum, hab ich nie gelernt.
Lori erklärte, dass sie nicht wisse, was am australischen Outback auszusetzen sei, schließlich sei sie dort gewesen, in einem besonderen Hotel, und es habe ihr sehr gefallen.
Ich werfe mein Nähset auf den Haufen mit dem Zeug, das allen gehört.
Nachdem Cassie sechsmal um ein Bettlaken herumgelaufen ist, um zu überlegen, wie sie es zerschneiden soll, um sich etwas daraus zu nähen, und nachdem sich alle gemerkt haben, welcher Baum Lori krank macht, wenn er verbrannt wird (»Das ist wirklich wichtig«, sagte ihr Vater), nachdem Lori nur ein Dutzend Mal »Oh, ich langweile mich noch zu Tode!« sagte, bevor wir alle verrückt wurden …
… kehrte Nathalie endlich auf dem Besenstiel zurück, von Kopf bis Fuß eingestaubt. Nicht weit von hier gibt es einen Bach, dort drüben (sie zeigt mit dem Finger), der aus einer Quelle stammt (sagt sie), die zweihundert Kilometer nördlich von hier entspringt, zwischen Hügeln, und nur ein paar Kilometer weit weg an uns vorbeifließt.
»Mussten Sie denn so weit fahren?«, fragt Alan-Bobby vorwurfsvoll. »Wir warten seit einer Ewigkeit.«
»Natürlich musste ich das«, über die Schulter hinweg, und dann spült sie am Wassertank die Maske ab und zeichnet auf meinen Spielkarten ein, wo der Bach verläuft, wo wir sind und in welcher Richtung alles liegt. »Nördlich« ist laienhaft. Sie meint polwärts. Um diese Jahreszeit lassen sich Osten und Westen nicht am Sonnenstand ablesen; vielleicht verraten uns der Sonnenuntergang (ein kleines Stück nach rechts) und der Sonnenaufgang (ein kleines Stück nach links), ob wir nach Norden blicken oder nach Süden. Ermessenssache. Darauf verwende ich viel Zeit.
»Jetzt reicht es aber!«, schreit Nathalie wutentbrannt, denn Alan nimmt ein Bad im Werkzeugkasten, ein richtiges Bad (soweit er hineinpasst), und dabei singt er fröhlich, allerdings nichts, was ich kenne. Er ist völlig unmusikalisch. Nathalie brüllt: »Verdammt nochmal, Sie verschwenden Wasser!«
»Aber wir haben doch Wasser«, sagt er verdutzt. »Das haben Sie doch eben gesagt.«
»Wir haben das Rohmaterial für die Aufbereitung«, sagte sie. »Das ist alles. Wir haben noch nicht mal den Durchfluss gemessen. Jetzt machen Sie, dass Sie da rauskommen!«
Er klettert hinaus und kippt das Seifenwasser auf dem Boden aus, wo das Gras davon möglicherweise verdorrt oder in die Luft fliegt (was nicht passiert), und macht sich daran, den Werkzeugkasten wieder zu füllen.
»Sie …!« Nathalie ist kreidebleich. »Sie Schwachkopf!«
»Ich glaube nicht«, sagt Alan langsam, wie jemand, dem gerade etwas völlig Neues eingefallen ist, »dass Sie so mit mir reden sollten.«
»Das hätten wir in den Wasseraufbereiter gießen und reinigen können!« (Was wir mit dem Inhalt unserer chemischen Toilette machen.)
»Ich finde, Sie sind viel zu rechthaberisch«, sagt Alan und reibt sich mit dem Schwamm ab, wobei er einige Zentimeter kaltes Wasser verbraucht. Er starrt zu Boden, und irgendetwas geht in ihm vor.
John Ude ist ein paar Schritte zurückgewichen und lächelt nervös. Victor runzelt die Stirn.
Niemand kann sie leiden, Cassie nicht, Mrs. Dschie nicht, und ihr Ehemann schon gar nicht. Lori und ich sind sowieso außen vor.
Nachdem er sich abgetrocknet und Shorts angezogen hat, stapft Alan auf die schmutzige, von Staub bedeckte Nathalie zu, die immer das Sagen hatte. Irgendetwas führt er im Schilde.
»Hör mal, wie kommt es eigentlich, dass du uns alle herumkommandierst?«, fragt er.
»Köpfchen«, sagt sie. »Wie kommt es eigentlich, dass Sie so ein gottverdammter Trottel sind?«
»Ich könnte dich übers Knie legen und dir den Hintern versohlen«, sagt er.
Niemand mischt sich ein.
»Idiot«, sagt sie. Auf den Schulen, die sie besucht hat, kommt so etwas offenbar nicht vor.
Sie dreht ihm – großartig! – den Rücken zu.
»Hören Sie, niemand sonst kann dieses Ding fliegen«, sage ich schnell. »Und da Sie mich nicht lassen, weil Sie mir nicht trauen, sollten Sie besser …«
»Dreh dich um«, sagt er.
Sie lehnt den Besenstiel an einen Baum, zieht sich das Hemd über den Kopf und klopft es aus.
»Dreh dich um, du Miststück!«, sagt er.
Überrascht dreht sie sich um. Sie hat nicht mal Angst. Ist nur überrascht.
Und Alan-Bobby, der wahrscheinlich einen Baum samt Wurzeln ausreißen könnte mit diesen Schultern, diesen Armen und diesem Hals, und dem kleinen Gesicht, das dazwischen seltsam verloren – aber jetzt äußerst wütend – wirkt, verpasst ihr einen Kinnhaken, schlägt sie zu Boden.
Er ist rot. Er sagt: »Vielleicht behandelst du andere Leute künftig etwas respektvoller. Nachdem du jetzt begriffen hast, dass es auf dieser Welt noch andere Leute gibt.«
Sie flüstert, lang hingestreckt, so weiß wie eine meiner Spielkarten: »Das gibt’s doch gar nicht … du verdammtes, unfassbares Arsch–«
Er schlägt ihr die Faust ins Gesicht, und zwar so fest, dass ihr Kopf herumgerissen wird.
»Das reicht«, sagt Victor; er und John Ude, von irgendeinem geheimnisvollen Kalkül veranlasst, sprechen beinahe gleichzeitig, stürzen los und packen diesen Kindskopf von einem Koloss an den Armen. Was reicht? Alan sieht glücklich aus: nicht siegestrunken, nicht überheblich, einfach glücklich. Er leuchtet. Das einundzwanzigste Jahrhundert war bestimmt nicht nett zu diesem riesenhaften Burschen, und jetzt entdeckt er lauter interessante Dinge, die er tun kann: Bäume fällen, mit bloßen Händen Felsblöcke hochheben, Frauen zu Boden schlagen. Was für ein Jammer, dass er so jung ist; Victor Graham dagegen ist ein Hypertoniker, wie er im Buche steht; sollten ihm die Medikamente ausgehen, steht uns etwas bevor wie in dieser alten jüdischen Geschichte: der Rabbi und der Graf beide an Stühle gefesselt, eine ganze Nacht lang im Keller des Grafen allein, und am nächsten Morgen der Rabbi gelassen und erholt, und der Graf ein toter Mann. Schlaganfall.
Aber Alan ist nützlich.
Gut möglich, dass er demnächst herausfindet, wie toll es ist, Frauen zu beschützen. Hoffe ich jedenfalls.
Valeria Victrix holte den Erste-Hilfe-Kasten, und sie und ich salbten und verbanden Nathalie, die noch immer zitterte – mehr aus Wut als unter Schock. Cassie schob uns beiseite und behauptete, sie könne das besser. Sie hatte recht.
Ich sagte: »Nathalie, ich dachte, Sie hätten während Ihrer Ausbildung gelernt …«
»Das werde ich, ganz bestimmt«, sagte sie.
»Mein Gott, warum haben Sie sich nicht geduckt?«, fragte ich. »Warum haben Sie sich nicht einfach fallenlassen? Oder ihm das Knie zwischen die Beine gerammt, als Sie auf dem Rücken lagen? Sie hätten ihm auch die Augen auskratzen können …«
Nun denn, er hatte sie einfach überrumpelt. Cassie war der Meinung, dass jede Frau, die sich in eine solche Situation brachte, ohnehin eine Närrin war. »Weisen Sie ihn einfach darauf hin, dass Lori zuschaut«, sagte sie. »Und weinen Sie ordentlich. Sie sind beide übergeschnappt.«
Ich sagte: »Hören Sie mal, Nathalie, wie gut ist Ihre Ausbildung wirklich?«
Stille.
Natürlich. Sie war dorthin unterwegs gewesen, kam nicht von dort zurück.
Ich sagte rasch: »Schon gut. Reden Sie nicht; Ihr Mund schwillt an.«
