Jenseits des Schreckens - Farah Bouamar - E-Book

Jenseits des Schreckens E-Book

Farah Bouamar

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Beschreibung

Unrecht, Leid, Angst – all dies sind Konsequenzen von Horror. Ob in den bedrückenden Episoden des Privaten oder in den düsteren Zeiten des Politischen: Schmerz und Affekte wie Furcht und Verstörung sind nicht ohne Grund Quelle und Inspiration für zahlreiche künstlerische Ausdrucksformen. Es ist der Versuch, dem Schrecken, dem Leid Ausdruck zu verleihen, den Horror zu fassen. Selten jedoch wird sich mit dem Horror in seiner ungeschönten Form und seiner politischen Dimension auseinandergesetzt. In "Jenseits des Schreckens – Horror, Widerstand und Visionen" wenden wir den Blick und untersuchen die transformative Kraft des Horrors als kreatives Mittel des Widerstands in einer von Machtstrukturen und Ungleichheit geprägten Welt. Wir betrachten den Horrorfilm als Artefakt, das tiefere gesellschaftliche und politische Fragen aufwirft. Der Band vereint zwei Essays, ein Drehbuch und beleuchtet das Thema aus theoretischer, diskursiver, ästhetischer sowie praktischer Perspektive. In der Hoffnung einen widerständigen Umgang mit dem Horror zu finden, der nicht ausblendet, sondern hinschaut. Mit einem Schlusswort von María do Mar Castro Varela.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Band 7 der Reihe ›resistance & desire‹,

herausgegeben vom bildungsLab*

Das bildungsLab* setzt sich zusammen aus migrantischen Akademikerinnen* und Akademikerinnen* of Color, die im pädagogisch-kulturellen Raum tätig sind. Sie vermitteln und produzieren Theorie, diskutieren pädagogische und künstlerische Vorstellungen, Konzepte und Paradigmen. Sie kommentieren, intervenieren und publizieren im Feld der rassismus- und hegemoniekritischen Bildung und Vermittlung.

Farah Bouamar & Nabila Bushra

Jenseits des Schreckens

Horror, Widerstand und Visionen

resistance & desire #7

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Farah Bouamar & Nabila Bushra:

Jenseits des Schreckens

1. Auflage, März 2025

eBook UNRAST Verlag, September 2025

ISBN 978-3-95405-229-5

© UNRAST Verlag, Münster 2025

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe)

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung, der Übersetzung sowie der Nutzung des Werkes für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Tasnim Baghdadi, Zürich

Satz: UNRAST Verlag, Münster

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Farah BouamarThey’re Coming to Get You: Machtkritik und Ermächtigung

Horror als feministisches Gegenarchiv: Monströse Körper und Final Girls

Wider der Norm: »Are monsters born or created?«

Körper im Affekt – wer leidet, wer schaut – und wessen Blick zählt?

Das Final Girl. Überleben ist nicht genug – ein Genre-Tropus im Geflecht

Zukunft des Horrors – Wer erzählt, was bleibt, was kommt? Verantwortung und die Bilder, die wir zeigen

Literaturverzeichnis

I CAN HEAL YOU (2021)

Nabila BushraHorror im Widerstand

Horror, Schmerz und Heilung

Geister der Heimsuchung: Traum und Trauma

Literaturverzeichnis

María do Mar Castro VarelaVita HorribilisPlädoyer für eine radikale Erinnerungsarbeit

Welt aus den Angeln

Kapitalismus als Gruselkabinett

Wir die Monster

Dem Horror begegnen

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

»We make up horrors to help us cope with the real ones.«

Stephen King in Danse Macabre, 1981

Vorwort

Dies ist der siebte Band aus der Reihe resistance & desire, herausgegeben vom bildungsLab* (bLab*). In diesem Band widmen wir uns einem Thema, das in der öffentlichen Debatte oft mystifiziert wird und das man nur selten wagt, beim Namen zu nennen: dem Horror. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Horror eröffnen sich jedoch Perspektiven, die das Verdrängte und Unbequeme sichtbar machen. Ähnlich wie der sprichwörtliche ›Elefant im Raum‹ hat man gesellschaftliche Missstände oft klar vor Augen, doch werden sie bewusst ignoriert oder unkommentiert gelassen – selbst dann, wenn ihr Vorhandensein nicht länger geleugnet werden kann. Das ist eine Allegorie, die die verdrängten, aber tief verwurzelten Ängste und Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft verkörpert und oft erst in fiktiven Formaten ihren Ausdruck findet. Deshalb betrachten wir Horror nicht nur als Genre in Film und Literatur, sondern als ein vielschichtiges Phänomen, das weit über die Unterhaltung hinausgeht und eine bedeutsame politische Dimension besitzt. Die Idee zu diesem Band entstand aus Diskussionen darüber, wie Horror gesellschaftlichen Widerstand ausdrücken und reflektieren kann. Aus dieser Überzeugung heraus haben wir Lost Film, unser gemeinnütziges Unternehmen, gegründet. Unser Ziel ist es, Filme zu produzieren, die nicht nur unterhalten, sondern auch verändern. Filme, die bewegen, die die Schattenseiten der Gesellschaft beleuchten, unterdrückte Geschichten erzählen und die Kraft haben, Widerstand zu mobilisieren.

Unsere Reise mit Lost Film[1] begann in einer Zeit großer Unsicherheit, mitten in der COVID-19-Pandemie. Diese globale Krise wurde weltweit als eine Form des Horrors erlebt und hat uns gezeigt, wie verflochten und vernetzt unsere Welt ist. Doch nicht alle waren gleichermaßen betroffen, und nicht alle haben denselben Horror auf die gleiche Weise erfahren. Die Pandemie hat bestehende Missverhältnisse verschärft und die Belastungen ungleichmäßig verteilt. Vulnerable Gruppen trugen eine besonders hohe Last an unbezahlter Arbeit, während häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt zunahm. Psychische Belastungen, wie Depressionen und Angststörungen, stiegen in der Bevölkerung an, wobei insbesondere Kinder und Jugendliche unter den Auswirkungen litten. Gleichzeitig verschärften sich wirtschaftliche Disparitäten, Bildungsungleichheiten vertieften sich und die Gesundheitsversorgung wurde zunehmend überlastet. Auch die Arbeitswelt erlebte durch den Umstieg auf Arbeit im Homeoffice und Digitalisierung tiefgreifende Veränderungen, während sich die Kluft zwischen ökonomisch stabilen und prekär aufgestellten Ländern weltweit weiter vergrößerte. Diese Veränderungen spiegelten sich auch im Privaten wider, wo unterschiedliche Ansichten zu Impfungen, Lockdowns und Freiheitsrechten Familien und Freundeskreise spalteten. Die Pandemie war zweifelsohne eine Zeit des Schreckens, die uns schonungslos vor Augen geführt hat, wie individuell und facettenreich der Horror erlebt werden kann – abhängig von Lebensumständen und Perspektiven. Sie hat uns zudem gezeigt, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist und wie anfällig ihr Zusammenhalt sowie die Demokratie in Krisenzeiten sein können. In dieser Phase der Unsicherheit und Verunsicherung intensivierte die rechte Politik ihre Strategie der Ängstigung, gezielt darauf ausgerichtet, die Sorgen der Menschen zu instrumentalisieren und die gesellschaftlichen Spannungen weiter zu verschärfen – eine altbekannte Taktik, um Kontrolle und Einfluss zu sichern. Gleichzeitig nutzten sie die Pandemie geschickt als Vorwand, um gegen Globalisierung, Migration und multinationale Institutionen zu hetzen, und sahen darin eine Bestätigung ihrer rassistischen Warnungen vor den vermeintlichen Gefahren, die ihrer Ansicht nach durch offene Grenzen und internationale Zusammenarbeit drohen. Diese politisch geschürte Angst schwächte den ohnehin fragilen Zusammenhalt der Gesellschaft, verschärfte Diskriminierung und Rassismus und hinterließ tiefe Entfremdungen. Wie gezielt Angst, insbesondere in Zeiten der Unsicherheit, als politische und gesellschaftliche Waffe eingesetzt wird und dabei den Schrecken nährt und verstärkt, demonstrieren uns die rechten Stimmen bis heute. In diesem Band möchten wir die Erkenntnisse, die wir in dieser Zeit und darüber hinaus gewonnen haben, teilen und den Leser*innen eine neue Perspektive auf Horror als politische und soziale Konfiguration bieten.

Dieser Band soll dazu anregen, innezuhalten, nachzudenken und aktiv zu werden: eine intensive Beschäftigung mit den komplexen Herausforderungen unserer Zeit, die sowohl in der Kunst als auch in der Realität sichtbar werden. Ziel ist es, den Horror nicht nur als Unterhaltungsform zu betrachten, sondern als künstlerisches Mittel des Widerstands und der Veränderung. Unser besonderer Dank gilt dem bildungsLab* (bLab*), dessen visionärer Ansatz die künstlerische Praxis als Mittel der politischen Bildung begreift, sowie María do Mar Castro Varela für ihr Vertrauen und ihre wertvolle Unterstützung. Wir denken besonders an die feministischen Widerstände in Kriegs- und Krisenregionen, wo zahlreiche Künstler*innen trotz Entrechtung und Verdrängung aus der Öffentlichkeit unter lebensbedrohlichen Bedingungen unermüdlich für Kunst und Freiheit einstehen, indem sie weiterhin Werke schaffen und bewahren – ein mächtiger Akt des Widerstands, der zeigt, wie künstlerische Praxis selbst in den dunkelsten Stunden als unerschütterliche Quelle von Hoffnung und Aufbegehren fortbesteht. Nicht zuletzt gilt unser Dank all den Künstler*innen, die sich in vielfältiger Weise mit unangenehmen Themen auseinandersetzen, den Finger in die Wunde legen und zu gesellschaftlich produktiven Diskussionen beitragen. Ihre Bereitschaft, den Horror sichtbar zu machen und seine gesellschaftliche Relevanz zu diskutieren, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer gemeinsamen Vision – einer Vision, die über den bloßen Schrecken hinausgeht und Widerstand sowie neue Perspektiven eröffnet, wie es der Titel dieses Bandes Jenseits des Schreckens – Horror, Widerstand, Visionen treffend beschreibt. Wir hoffen, dass dieser Band viele Leser*innen dazu inspiriert, Horror mit neuen Augen zu sehen. Wie immer freuen wir uns auf Kritik und Debatte, denn wir verstehen diesen Band nicht als abschließende Aussage, sondern als Beitrag zu einem fortlaufenden Diskurs über Kunst, Politik und Widerstand.

Einleitung

Für viele Menschen gehören die frühen Erfahrungen mit Horrorfilmen zu den prägenden Momenten ihrer Jugend. In diesen Phasen, in denen das Verbotene eine besondere Faszination ausübt, wagen wir uns in Welten voller Schrecken und Ungewissheit. Doch der Horror ist nicht nur ein Spiel mit der Psyche – es ist ein zutiefst körperliches Erlebnis. Wir spüren es in jeder Faser unseres Körpers: Gänsehaut breitet sich aus, wir wollen wegschauen, sind aber gleichzeitig unfähig, den Blick abzuwenden; der Ekel steigt auf, der Atem stockt, und für einen Moment steht das Herz still. Das Genre fordert uns zweifelsohne heraus, zwingt uns, das Unaussprechliche zu sehen und zu erleben, und bringt uns an die Grenzen unseres Erträglichen. Gerade in der Jugend sind wir bereit, uns diesen spannungsintensiven Erfahrungen auszusetzen, indem wir unsere Belastbarkeit testen, uns unseren Ängsten stellen und nach der Bestätigung suchen, dass wir sie bewältigen können. Mit zunehmendem Alter scheint diese Neugierde zu vergehen. Stattdessen verspüren viele Erwachsene allein schon bei dem Gedanken an Horrorfilme ein Gefühl des Unbehagens. Die frühere Sensation für das Grauen weicht einer wachsenden Abneigung – was einst zur Selbstvergewisserung diente, wird nun als unnötige Belastung wahrgenommen. Doch warum ist das so? Was genau macht das Genre so faszinierend und verstörend zugleich? Ist diese zunehmende Abneigung eine natürliche Entwicklung oder liegt es vielleicht daran, dass wir die Auseinandersetzung mit unserer Angst scheuen, da sie uns nicht nur mit dem Unheimlichen in uns selbst, sondern auch mit dem Schrecken und Unrecht in der Welt konfrontieren könnte? Eine Herausforderung, der wir uns lieber entziehen? Oder könnte es sein, dass wir immer weniger in der Lage sind, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden? Horrorfilme haben ihren Reiz, weil sie uns erlauben, Ängste in der scheinbar sicheren Welt der Fiktion zu durchleben, das Unheimliche zu betrachten und in den Abgrund zu blicken – auch wenn sie für einige von uns oft mit realen Erfahrungen verknüpft sind. Monster faszinieren, weil sie als Außenseiter etwas von uns selbst spiegeln oder uns durch ihre verstörende Erscheinung erschüttern. Geister hingegen zitieren Ängste und Konflikte, hinterfragen soziale Ordnungen, brechen Tabus oder weisen auf gesellschaftliche Missstände hin. Dieser subversive Ansatz des Horrors macht es zu einem einzigartigen Genre, das mit radikalen Brüchen spielt. In einer Zeit, in der es kaum noch Räume gibt, um offen über Ängste, Trauer und Schmerz zu sprechen – Themen, die oft als unbequem empfunden werden – schafft der Horrorfilm diesen Raum unverblümt und erlaubt es, diesen Emotionen direkt zu begegnen und sie durch symbolische Bilder und Geschichten sichtbar zu machen. Darüber hinaus kann kein anderes Genre so radikal mit der vertrauten Logik der Welt brechen wie der Horrorfilm, indem er die Grenzen des Metaphysischen aufheben kann. Das Unmögliche kann hier Realität werden, und die gewohnte Welt, wie wir sie kennen, löst sich auf.

Trotz dieser Gegebenheit ist der Horrorfilm keineswegs frei von Kritik. Ihm haftet der Ruf von Blutrünstigkeit und Trivialität an und das besonders durch die enge Verbindung zum Slasher-Subgenre. In diesem oft stellvertretend für den gesamten Horrorfilm gesehenen Genre wird Blutvergießen und explizite Gewalt erschöpfend inszeniert. Obwohl die Vielfalt an Subgenres und fließenden Genregrenzen zeigt, dass der Horrorfilm weit mehr als blutige Effekte bietet, bleibt die Kritik an diesem – einem der ältesten Genres der Filmgeschichte – nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Hier wird der Horrorfilm zur Bühne gesellschaftlicher Konflikte, der sich dem Vorwurf stellen muss, männlich vermachtet zu sein und durch die Gewalt an weiblichen und rassifizierten Körpern misogyne und rassistische Fantasien sowie voyeuristische Begierden zu bedienen. Das Slasher-Subgenre hat diese problematischen Tendenzen besonders deutlich offengelegt, wie Janet Maslin bereits 1982 in der New York Times schrieb, als sie den Slasher-Film als eine neue Form der ›violent pornography‹ gegen Frauen herausstellte (Pierce, 2020, S. 6). Diese Tendenzen sind tatsächlich im gesamten Genre zu beobachten. Schon seit den Anfängen hat der Horrorfilm immer wieder sexistische und rassistische Narrative etabliert und verstärkt. Viele Filme legten hier den Grundstein für stereotype Darstellungen und die Reproduktion abwertender Klischees. Besonders in klassischen und populären Horrorfilmen finden sich Tropen des Otherings wieder, die spezifische Gruppen – wie Frauen, rassifizierte Personen und Menschen mit Behinderung – gewaltsam als das Andere, Fremde und Bedrohliche dämonisieren. Diese rassistisch und sexistisch konstruierten Frames stehen in engem Zusammenhang mit den Geschlechter- und Selbstverständnissen ihrer Zeit und sind eng mit den historischen und politischen Wurzeln des Kinos verknüpft, wie Peter W. Schulze deutlich macht: »Das Kino entstand zur Hochzeit des Kolonialismus. So verwundert es kaum, dass sich kolonialistische Praktiken und Diskurse bereits in frühen Filmproduktionen bzw. in der Herausbildung bestimmter Genremuster niederschlagen. Beispielsweise entwickelte sich in den 1890er-Jahren ein filmisches Pendant zu den sogenannten Völkerschauen, den in Europa Ende des 19. Jahrhunderts sehr populären Zurschaustellungen von Angehörigen indigener Völker, von denen viele westlichen Kolonialmächten unterworfen waren« (Schulze, 2020, S.6). Auf diese Weise haben sich spezifische, wirkmächtige Bilder tief in unsere Vorstellungen eingeschrieben und wurden über die Zeit sowohl bewusst als auch unbewusst weitergegeben. Dadurch sind sie nicht nur Überbleibsel vergangener Zeiten, sondern prägen bis heute unsere Gegenwart. Hier zeigt sich die paradoxe Seite des Horrorgenres: Es besitzt einerseits ein unbestreitbares kritisches Potenzial, um künstlerisch auf soziale Missstände hinzuweisen, hat andererseits jedoch stets dazu beigetragen, Stereotype zu verfestigen und hegemoniale Machtverhältnisse zu stützen. Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Horrorgenre seine gesellschaftliche Relevanz und eröffnet einen Raum, in dem Widersprüche sichtbar und kritisch untersucht werden können. Wie der britische Kulturtheoretiker Stuart Hall betont, lässt sich populäre Kultur – und damit auch der Horrorfilm – als ein Schauplatz ideologischer Auseinandersetzungen begreifen, in dem hegemoniale Bedeutungen immer wieder neu verhandelt werden (Hall, 1980). Homi K. Bhabhas Konzept des Dritten Raums erweitert diese Perspektive, indem er diesen Raum als eine Zwischenzone beschreibt, in der kulturelle Normen und Identitäten aufgelöst und transformiert werden (Bhabha, 1994). So wird der Horrorfilm zum Ort der Verhandlung. Der Horror operiert oft in einem solchen Zwischenraum – einem Ort der Ungewissheit, in dem das Bekannte in das Unheimliche übergeht und gesellschaftliche Ordnungen infrage gestellt werden. Dieser Raum erlaubt es das Andere – das Fremde und das Marginalisierte – sowohl als Bedrohung als auch als Möglichkeit der Subversion darzustellen. Diese Überlegungen ergänzen sich mit dem Ansatz der Literaturtheoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak. In Can the Subaltern Speak? stellt Spivak die Frage, ob marginalisierte Gruppen innerhalb der dominanten Diskurse eine gehörte Stimme haben können (Spivak, 1988). Diese Frage ist auch für den Horrorfilm relevant, das häufig durch die Linse der Dominanz auf das Andere blickt – dargestellt durch Monster, Geister oder gesellschaftliche Außenseiter. Doch was, wenn wir die Perspektiven verändern, variieren, verschieben und den Horror subversiv nutzen, gar affirmativ sabotieren (Dhawan, 2019), um den Blickwinkel neu auszurichten? Was, wenn das vermeintlich Fremde, das als Bedrohung inszeniert oder aus der Erzählung getilgt wurde, seine eigene Erzählung findet, die dominanten Diskurse unterläuft, unsere Sehgewohnheiten bricht und durch diese Intervention die gewohnte Ordnung destabilisiert? Der Horror könnte so als kritisches Werkzeug dienen, um patriarchale und postkoloniale Strukturen infrage zu stellen. Wenn wir Fanons Verständnis von Gewalt als physische, psychologische und kulturelle Dimension sowie Freuds Idee des Unheimlichen als das Vertraute im Verdrängten neu denken, eröffnen sich widerständige Potenziale. Diese Konzepte können genutzt werden, um das Publikum mit den oft verdrängten Schrecken zu konfrontieren und dominante Bedrohungsnarrative kritisch zu hinterfragen. Ebenso eröffnen sich Räume für widerständige Erzählungen, wenn wir mit einem feministischen Blick auf das Genre schauen und Konzepte wie den male gaze von Laura Mulvey, das