Jenseits von Oberhessen - Carola van Daxx - E-Book

Jenseits von Oberhessen E-Book

Carola van Daxx

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Beschreibung

Elefanten im Kurpark? Da steht Bad Salzhausen aber richtig Kopf! Der kleine Kurort im beschaulichen Oberhessen muss wegen einer Promi-Hochzeit militärisch abgeriegelt werden, doch der Bürgermeister ist begeistert: Endlich kommt Geld in die maroden Kassen... Lina Siebenborn bleibt bei aller Aufregung jedoch gelassen, sie hat mittlerweile ganz andere Probleme. Die ehemalige Chefsekretärin ist jetzt frisch gebackene Kaffeehausbesitzerin und Jan Johannsen, der "Van Gogh vom Keltenberg", macht endlich richtig Kasse mit seiner Malerei. Doch trotz alldem haben die beiden Beziehungsstress! Dann taucht eines Tages auch noch die geheimnisvolle Sophie in der Malschule auf, und Lina fährt überraschend in die Ferien. Allerdings ohne Jan... Auch in BAND 2 von "Heiße Fleischwurst mit Kakao" geht es wieder turbulent zur Sache! Wie es mit der ganzen "Blase" weitergeht, wird nicht nur Liebhaber des ersten Bandes ganz sicher amüsieren... Übrigens ist BAND 3 mit dem Titel GRÜNE SOßE, TOTE HOSE seit Dezember 2018 im Handel. ÜBER DIE AUTORIN: Carola van Daxx schreibt humorvolle Romane und Kurzgeschichten, aber auch ein Märchen für Erwachsene und ein "Männer-Ratgeber" wurden von ihr veröffentlicht. Ihre Stories sind immer nah dran am Zeitgeschehen und mit viel Phantasie und teils schwarzem Humor gespickt. Sie ist Jahrgang 1966 und lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Frau van Daxx twittert nicht, ist nicht bei Facebook und hat nur ein altes Handy, was in den entscheidenden Momenten (Autopanne!) meist den Dienst versagt. Ihr Liebstes ist das Schreiben von Geschichten, die sie sich meist in den späten Abendstunden ausdenkt, wenn das Fernsehprogramm mal wieder nichts hergibt. Ansonsten träumt sie vom Knacken des Jackpots und der Verfilmung ihrer Romane durch Woody Allen - oder zumindest von jemandem, der ihm ein Schälchen Wasser reichen könnte...

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Carola van Daxx

Jenseits von Oberhessen

Wo Handkäs' jedes Herz erweicht

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Was bisher geschah…

“Schee is’ annerster”

Der Sonne hinterher

Knaddel-Daddel

Wenn’s wieder mal endgültig aus ist

Drauß‘ am Forsthaus

Time to say Goodbye

Hühnerbrühe für die Kehle

Neuankömmlinge

Frust de luxe

Geschmacksverirrungen

Voll cool

From Russia with Love

Vollversammlung 01/2015

Aller guten Dinge sind drei

Nur Gesabbel

Weil das Gute oft so nah

In den Startlöchern

Nix für schwache Nerven

Ohne Worte und doch nicht sprachlos

Die Hausapotheke des Hanseaten

It’s magic

Rasta-Zöpfe machen glücklich

Totgesagte leben länger

Kleine Gerätschaften mit großer Wirkung

Klare Tatsachen

Wenn die Glocken elf Mal läuten

DIE "OBERHESSEN-TRILOGIE"

NACHWORT

ÜBER DIE AUTORIN

Und noch ein Gedicht!

Was bisher geschah… ACHTUNG, SPOILER!

Impressum neobooks

Was bisher geschah…

Für alle LeserInnen, die den ersten Band „Heiße Fleischwurst mit Kakao“ nicht kennen, befindet sich am Ende des Romans ein kurzer Einblick, um was es in der Vorgeschichte eigentlich ging.

Man kann das lesen, es muss aber nicht zwingend sein.

So, liebe LeserInnen: Jetzt kann’s losgehen!

Danke für den Kauf dieses Schmökers – und

viel Vergnügen wünscht Ihnen

Carola van Daxx

“Schee is’ annerster”

Friede, Freude, Eierkuchen – angerichtet an einem Hauch von zartrosa Wattewölkchen. Das wäre die passende Umschreibung für das Gefühlsmenü der beiden Liebenden gewesen. Denn zwischen Lina und Jan, dem eigentlich so ungleichen Paar, war wieder alles im grünen Bereich.

Zumindest die ersten Monate nach der spektakulären Wiedervereinigung am Schottener Stausee waren mehr als der „Siebte Himmel“ gewesen. Silvester 2012 war zum Startschuss für ein neues Liebesglück geworden. Jeder las jeden noch so kleinen Wunsch von den Lippen des jeweils anderen ab. Nahezu magisch war die ganze Szene, ein bisschen wie bei Rosamunde-Pilcher, nur ohne versagende Bremsen oder andere Unannehmlichkeiten, die die Idylle hätten stören können. Eine nimmer enden wollende Harmonie, Schmetterlinge im Bauch als Dauer-Abo.

Kein Abend verging ohne mindestens einen Gute-Nacht-Anruf, wenn Jan wieder einmal unterwegs war – auf Promotion-Tour für seine Bilder oder seinen neuesten Bestseller. Keine Minute wollte er mehr ohne sie sein – und Lina hatte das Gefühl, das müsse auf ewig so weitergehen. Es gab nicht eine einzige Woche, wo er ihr keine Blumen schenkte, und es gab keinen Rosenstrauß ohne einen herzerwärmenden Liebesbrief. So schön hätte sie sich das nicht in ihren kühnsten Träumen ausmalen können. So schön waren nicht mal ihre Kleinmädchenphantasien gewesen. Eigentlich fehlte nur noch, dass er irgendwann einmal im Prinzenkostüm auf einem Schimmel von Linas Kaffeehaus angeritten kam und sie nur noch aufspringen musste…

Doch nicht mal die Romantik kam heutzutage ohne ein Verfallsdatum aus. Und die Ewigkeit hielt auch nicht mehr, was sie doch eigentlich versprechen sollte.

„Alles hat ein Ende, nur die Worscht hat zwei?“, gab Busenfreundin Susi Lustig lapidar dazu zum Besten. Na, die musste es ja wissen, sie war ja schließlich schon mal geschieden. Aber auch das war nun schon wieder Geschichte… Doch abgesehen von persönlichen Weisheiten: Ganz sicher hatte sie über verkorkste Beziehungskisten schon die eine oder andere Reportage gemacht. Die selbst ernannte Fachfrau für Geschlechterfragen…

Aber Lina musste erfahren: Auch Ines und Marie-Anne, die anderen Mädels der eingeschworenen Vierer-Bande, waren nicht gerade pietätvoll mit ihren Kommentaren gewesen, als die ersten dunklen Wolken am Beziehungs-Himmel aufgezogen waren. „Das ist doch ganz normal, niemand kann auf Dauer verliebt sein, kein Mann ist ein Superlover für alle Zeiten, man muss der Realität eben ins Auge sehen…“ – und so weiter und so fort. Sprüche, die jeder kennt – und doch keiner hören will.

So schien es nun, als liefe der bevorstehende Jahreswechsel des On-Off-Paares eher suboptimal, zumindest für den weiblichen Teil dieser Beziehungskiste... Lina Siebenborn.

Denn wieder einmal lag sie allein in ihrem halbleeren Doppelbett. Zwar richtig herum und nicht wieder quer, wie es so ihre Angewohnheit war, wenn sie unbemannt in den Federn lag – aber mutterseelenallein. Denn Jan, der feinsinnige und übersensible Künstler mit hanseatischem Migrationshintergrund hatte erneut überhaupt keine Lust gehabt. Keinerlei Ambitionen, zu nichts. Früher hieß das NULL BOCK, aber unterm Strich kam dasselbe dabei raus: Er wollte einfach nicht zu ihr kommen, nicht runter von seinem mittlerweile über alles geliebten Vogelsberg. Da kam ihm die Wettervorhersage mit Blitzeis und so gerade recht, um auf dem Berg zu bleiben und nicht nach Bad Salzhausen kommen zu müssen. Es wäre ja zu schön gewesen, wenn er sich zur Abwechslung mal in Bewegung gesetzt hätte. Die letzten beiden Jahreswechsel hatten sie noch in trauter Zweisamkeit in Schotten verbracht, wo er seine neue Heimat gefunden hatte. Nach einigen Turbulenzen in ihrem verflixten siebten Jahr – damals war es 2012 – und beinahe wäre sogar die Welt untergegangen, genau am 22. Dezember. Doch nada, niente, nix fand statt! Dieses Finalereignis war wieder mal ausgefallen, auf Prophezeiungen war eben auch kein Verlass mehr. Das hatten diese Vorhersagen mit der Liebe wohl gemeinsam. Nein, der Weltuntergang war nicht gekommen, aber dafür gab es eine kleine Schlammschlacht am Stausee und danach die Versöhnung von Lina und Jan. Ein Happy End wie aus dem Roman…

Und: Was niemand für möglich gehalten hat, am wenigstens wohl Jan Johannsen selbst – oder irgendjemand in seinem näheren Umfeld – war eingetreten: Der vornehme Hanseat hatte sich tatsächlich zum waschechten Oberhessen gemausert. Und bekam nicht mal mehr Durchfall auf Handkäs‘ mit Musik. Dafür babbelte er schon wie die Eingeborenen: „Unn, wie?“ für „Wie geht’s?“ – „Ei Guude!“ für „Guten Tag!“ – „Es geehd de Mensche wie de Leut‘“ für „Da kann man wohl nichts machen!“ – „Obaacht!“ für eine allgemeine Warnung oder „Als druff uff die Klaane!“ für eine Empörung, die vielerlei Ursachen haben konnte.

Unglaublich, wenn das seine vornehme Hamburger Mutti hören würde, sagte sich Lina oft. Die würde glatt zu einem Gefühlsausbruch in Form von einem gekünstelten Schniefer neigen. Dass ihr hochwohlgeborener, feingeistiger Sohnemann aus bester Villa in teuerster Alsterlage sich derart in der oberhessischen Provinz integrieren würde. In dem Fall war die familiäre Stimmungslage vehement gegen Integration! Aber geschickt wie der Herr nun einmal war, benahm er sich im Beisein der Frau Mama immer ganz gediegen und hanseatisch zurückhaltend. Niemals wurde er laut oder gestikulierte wild wie sonst, nein, er war unter den Augen von Gisela Johannsen immer formvollendet und galant. Doch wehe, wenn er wieder die Oberhand hatte in seinem kleinen Fachwerkstädtchen, da fühlte er sich wie der „King von der Altstadt“ – und als hätte er das Erbe von Opa Abbel, dem vormaligen Hausbesitzer, bis ins letzte Detail angetreten, saß er von O – O (Ostern bis Oktober, wie beim Reifenwechsel) auf der alten Bank vor seinem Häuschen, rauchte Zigarillos und philosophierte mit jedermann, der sich gerne mit dem berühmtesten Sohn der Stadt austauschen wollte. Und es waren nicht gerade wenige, die sich gerne in seinem Dunstkreis bewegten. Schließlich war Jan Johannsen bekannt wie ein bunter Hund. Keine Woche verging, ohne dass man ihn auf irgendeinem Kanal im Fernsehen sehen konnte. Irgendwo tauchte er immer auf, der Vorzeige-Vogelsberger. Lina wartete insgeheim nur darauf, dass ihm irgendwann Vulkanier-Ohren wuchsen, denn er war durch und durch auf Du mit dem Vulkangestein des „Vuulsberchs“, wie Einheimische – und zu denen zählte sich der Herr ja mittlerweile – liebevoll ihr Hausgebirge auf Gut-Platt nannten. Und solche Ohren hätten sich sicher auch gewinnbringend vermarkten lassen. Wenn da nicht im Vorfeld schon die Sache mit dem verbrannten Ohr gewesen wäre…

Ja, die Marketing-Maschine ratterte seit dem Blitzschlag auf dem Keltenberg unaufhörlich – und die Hausbank hatte Jan ganz schnell wieder gewechselt, denn in der näheren Umgebung sollte doch niemand wissen, was für Summen da unglaublicherweise inzwischen auf seinem Konto aufgelaufen waren. Die Zahl war mittlerweile im höheren sechsstelligen Bereich – und immer öfter wurde der Promi aus Oberhessen zu bankinternen Veranstaltungen, hochinteressanten Vorträgen, Häppchen und Sekt oder „Meet & Greet“ mit irgendeinem Finanzguru eingeladen. Ganz intime Kreise, man war sozusagen als „Hochfinanz“ unter sich, ganz verlockende neue Anlagemöglichkeiten, ganz geheime Strategien, die man angeblich nirgendwo nachlesen konnte.

„Sichern Sie Ihr Geld außerhalb der EU, und zwar jetzt!!! Wer weiß, was noch auf uns alle zukommt, wenn Brüssel wieder Geld braucht – oder Athen, um es mal beim Namen zu nennen – und, Herrschaften, der Staat greift bei IHNEN, den Leistungsträgern der Gesellschaft, den Säulen, auf denen der Erfolg von weiten Teilen der Bevölkerung gegründet ist, sehr verehrte Damen und Herren, ZU ALLERERST ZU! Deshalb, handeln Sie sofort, und zwar jetzt!“ Das war nicht ohne Folgen geblieben. Selbst Lina war schon ganz nervös geworden und hatte in einem Anfall von Panik ihr eigens erwirtschaftetes Vermögen erst einmal in Betongold umgesetzt, sprich, sie hatte investiert. Nach all den Schauermärchen, die Jan immer erzählt hatte, wenn er gerade mal wieder von so einem Vortragsabend gekommen war…

Aber das waren für Lina heute Abend nur Sorgen von vorgestern. Erst einmal musste sie realisieren, dass es wohl ein einsamer Jahreswechsel werden würde. Welcome 2015?

Na, sie wusste nicht so recht.

Jan, Jan, Jan: Ick hör‘ dir trapsen, wa?, würde eine Berlinerin da kurzerhand kommentieren. So ganz lupenrein war die Sache nicht. Noch vor ein paar Monate wäre er bei dickstem Nebel zu ihr ins Bettchen gehechtet. Wetterwarnungen, Eis und Schnee? Die Straßen vielleicht sogar gesperrt? Ei, null Problemo, Jan ist immer zur Stelle. Wer einen Blitzschlag überlebt hat, der lässt sich doch nicht von so einer blöden Wettervorhersage aufhalten, wenn er mit seiner Liebsten zusammen sein kann? Das wäre noch der typische Satz dazu gewesen. Aber nun? Ebbe in der Liebesgrotte. Kein Engagement – nicht mal am letzten Feiertag des Jahres.

Wahrscheinlich lag er jetzt auf seinem Mega-Sofa (nagelneu, überdimensional groß und richtig teuer!), mit Asta im Schlepptau, seiner treuen Hündin, die er auch von Opa Abbel geerbt hatte. Und ziemlich wahrscheinlich zappte er wahllos durchs Programm und verkostete zeitgleich neue Weine. Multitasking á la Jan. Am Ende betrachtete er das Ganze offiziell auch noch als Arbeit… So Linas Vermutung am frühen Silvesterabend. Wie waren noch seine Worte beim Telefonat gewesen? „Du, ich bleibe lieber bei mir zuhause. Ich brauche mal ‘ne dicke Mütze Schlaf. Der viele Stress mit den Malkursen, die ganzen Auftragsarbeiten. Du weißt doch… Und dann noch die Straßenverhältnisse. Blitzeis, da ist nicht mit zu spaßen, gell? Du bist doch nicht böse???“

Ja, sie wusste. Er war ein Mimösjen geblieben – auch nach seinem überlebten Blitzschlag. Und trotz seiner Popularität als Van Gogh vom Keltenberg. Fast keine Talkshow, in der er nicht schon eingeladen war, keine Zeitung, keine Zeitschrift, die nicht über ihn berichtet hatten, das Internet hatte tausende, ach was, abertausende Einträge über ihn. Den smarten Künstler, der einst arm war, aussah wie Vincent persönlich, mit Strohhut und Staffelei auf irgendwelchen Bergen unterwegs war und den Anschein erweckt hatte, als wäre er irgendwie aus der Zeit gefallen. Das hatte den Wendepunkt in seinem armseligen, depressiven Künstlerdasein markiert. Seitdem rollte der Rubel sehr, sehr fleißig. Nur das verkokelte Ohr wollte nicht so recht, wie er es gerne gehabt hätte. Tja, alles hat eben seinen Preis.

„Schlafen kannst du doch auch hier. Bei mir!“, hatte Lina noch eingeworfen. Aber es war nichts zu machen gewesen.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Wieder angefangen.Mit Fleischwurst und Kakao und einem Silvester, wie es schöner kein Hollywood-Regisseur hinbekommen hätte. Hach!

Und nun schlief er immer öfter wieder in Schotten. Auch am Wochenende, nun sogar an Silvester. Der Trubel im Café war ihm zuviel. Zu viele Menschen, zu viel Kaffee (den vertrug er anscheinend nicht mehr - neuerdings), zu viel Lina. Er wollte lieber seine Ruhe. Irgendwie war die Luft heraus. Insgeheim vermutete sie schon eine Affäre mit einer seiner vielen attraktiven Malschülerinnen, die nach Schotten gepilgert kamen wie die Katholischen zu einem Wallfahrtsort.

Sie überlegte, was sie mit dem freien Silvesterabend nun anfangen sollte. Die Mädels waren sicher nicht so spontan, ein außerordentliches Flaggentreffen einzuberufen, nur weil der Basalt-Fischkopp, eine extra für Jan erfundene neue Kombination aus Fischkopp (Nordlicht) und Basaltkopp (eher unflexibler Oberhesse), mal wieder lustlos war und das Alleinsein vorzog. Obwohl, alleine war er ja nicht. Er hatte Asta zum Kuscheln – und reden konnte er jederzeit mit Tonja, sie wohnte ja direkt gegenüber im Heilpraktiker-Hexenhäuschen in Schotten, dem kleinen Vulkanstädtchen, in dem Jan nun vollends heimisch geworden war und wo er sein Atelier, die Malschule und den Weinhandel betrieb.

Und seit Frühsommer demonstrativ auch noch seinen eigenen Apfelwein (Etikett: Der Schotten-Schoppe! – Nichts für Kleinkarierte) an die Leute brachte. Geschäftstüchtig war er wirklich.

Lina war jedenfalls nie mehr in die Verlegenheit gekommen, ihm finanziell nochmals unter die Arme greifen zu müssen. Wahrscheinlich könnte sie eher ihn anpumpen, wenn es mal nicht mehr so goldgrubenmäßig lief mit dem Klatsch & Tratsch. Aber noch war das zum Glück nicht der Fall. Ihr Café im schönen Kurort Bad Salzhausen lief mehr als bombig. Über Langeweile oder Flaute konnte sie nicht klagen. Die beiden Perlen, ihre treuen Helferinnen in Dienstmädchentracht, waren auch mehr im Einsatz, als ihnen voraussichtlich lieb war. „Teilzeit“ konnte man das schon lange nicht mehr nennen. Die Chefin hoffte inständig, dass die zwei Fleißigen sie nicht eines Tages im Stich lassen und sich nur noch Heim, Herd und Kind widmen würden. Solche bezaubernden Wesen wie Anette und Amelie gab es bestimmt auf der ganzen weiten Welt nicht mehr, dessen war sich Lina sicher.

Andererseits würden ihr ein paar Gänge weniger auch nicht schaden. Seit ihrer Entlassung beim „HansaFra“-Konzern, wo man sie doch recht unhöflich vor die Tür gesetzt hatte, und der darauffolgenden Entscheidung, ein eigenes Café zu eröffnen, hatte sie keine drei Tag mehr am Stück frei gehabt. So ein Pensum war ihr sonst als Chefsekretärin eher fremd gewesen. Geregelte Arbeitszeiten, das Balsam des Angestelltendaseins… Aber davon war nun keine Rede mehr. Davon konnte sie jetzt nur noch träumen. Selbst außerhalb der Öffnungszeiten musste sie ja immer organisieren, backen, Cremes schlagen, Obst schnibbeln, die Buchhaltung vorbereiten, Termine beim Steuerberater vereinbaren, zum Steuerberater fahren, sich mit den Steuerberater persönlich treffen, in die Metro düsen, Nachschub holen, Anzeigen schalten, die Internetseite aktuell halten, und so weiter und so fort. Aber meckern wollte sie auch nicht. Ihr Kontostand hatte sich nach der Eröffnung schnell in mehr als angenehme Höhen bewegt, so dass die Entscheidung, das Kaffeehaus samt Wohnung zu kaufen, nicht lange hatte auf sich warten lassen.

Ihre Eltern, also Mama und Papa Siebenborn, hatten ihr dazu geraten. „Kind, da hast du was Eigenes!“ Alle Experten sagten zudem, kaufen Sie Immobilien. Und zwar JETZT!“ Die Zinsen waren noch immer tief, tief im Keller - und billiger konnte das Geld ja kaum noch werden.

Das sah Lina auch ziemlich schnell ein und schlug auch prompt zu, als die Besitzerin ihr ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet hatte. Die alte Dame, die mittlerweile auf Teneriffa ihren Lebensabend verbrachte, war schlicht und ergreifend begeistert von Lina und der Art, wie sie das Traditions-Kaffeehaus in Bad Salzhausen wieder zum Leben erweckt hatte. Wahrscheinlich hatte Herr Murmelmann, der Anwalt und Notar, dem die betagte Dame vertraute, sie immer schön auf dem Laufenden gehalten.

Eines Tages lag eine Postkarte aus Puerto de la Cruz zwischen den vielen Rechnungen und Werbeblättern in Linas Briefkasten. Frau Schauer hatte in echt krakeliger Schrift geschrieben:

„Meine liebe Frau Siebenborn,

ganz herzliche Grüße aus dem sonnigen Teneriffa sendet Ihnen

Frau Schauer.

P.S: Sie sollten umgehend einen Termin mit Herrn Rechtsanwalt Murmelmann vereinbaren. Die Sterne stehen gut für die Chance Ihres Lebens…“

Das war alles gewesen. Lina hatte zuerst einen Schreck bekommen. Was wollte die alte Dame ihr damit sagen? Aber dann ging alles ganz schnell. Und jetzt war Lina eine echte Kaffeehausbesitzerin. Und eine Wohnung (mit Balkon) nannte sie auch ihr Eigen. Und einen Garten, direkt angrenzend an den wunderschönen Kurpark. Plus Parkplätze, die waren auch wichtig! Naja, das war nun nicht gerade ausschlaggebend. Aber immerhin. Es gehörte alles IHR, Lina Siebenborn. Nicht schlecht für eine ehemalige „Tippse“ mit Mietwohnung in Frankfurt-Bornheim, oder?

Doch noch immer wusste sie nichts mit dem angebrochenen Silvesterabend anzufangen. Also zappte sie sich eher lustlos auch durchs Programm, vermutlich genauso wie Jan im gleichen Moment. Was für eine soziale Armut! Jeder saß allein zuhause auf der Couch, niemand wollte mehr heutzutage Kompromisse schließen, weder beim Fernsehprogramm noch beim Schlafen. Das moderne Individuum besteht zu jeder Zeit auf seinen gewohnten Komfort.

Und eigentlich musste Lina sich eingestehen: Sie war im Prinzip nicht anders als Jan. Auch sie hätte an diesem Abend nicht gerne bei ihm übernachtet. Die Zeiten wild zerrütteter Laken war ohnehin vorüber, aus den stürmischen Nächten der Vergangenheit war irgendwas Schnelllebiges geworden, eine Art bettmäßige „5-Minuten-Terrine“ – will heißen, in fünf Minuten fertig, allerdings nicht ganz so heiß. Auch deshalb wollte sie lieber in ihren vier Wänden bleiben, in ihrem eigenen Bettchen schlafen (die Matratze hatte einen speziellen Zwischenhärtegrad, extra für sie angefertigt!) und morgens wie gewohnt den ersten Blick auf den so friedlichen Kurpark werfen, der jeden Tag anders, jedoch immer gleich schön aussah.

In Schotten wäre ihr Blick stattdessen zuerst hinüber zu Tonjas Hexenhäuschen gegangen. Fachwerk am frühen Morgen und die Tatsache, dass Jan einfach lieber in ihrer Nähe sein wollte. Da konnte frau schon mal die Lust auf den oder die sonst übliche(n) Latte am Morgen verlieren. Aber das sollten wir jetzt nicht vertiefen.

Wie immer liefen im Fernsehen Wiederholungen: alte Tatorts, noch ältere Pilchers, hier und da ein Quiz (Menschen, Tiere, Gesundheit, Länder, Millionen), Reisemagazine (fast alle schon gesehen, mehrfach), Reportagen aus der Zeit vor, während oder nach dem Zweiten Weltkrieg, wissenschaftliche Szenarien von einer Erde ohne Menschen, einer Menschheit ohne Wasser oder das neueste zum Thema Fett. „Fett“ lief immer irgendwo, ein schier unerschöpfliches Thema. Aber Lina wollte mit Fett nichts mehr zu tun haben. Weder im realen Dasein, also auf ihren Hüften oder sonstwo, noch im virtuellen Bereich. Vom Fett hatte sie gründlich die Schnauze voll. Genau wie vom Fernsehprogramm.

Das Ganze war für Lina fast so etwas wie das allabendlich grüßende Murmeltier. Immer dasselbe. Da war ja der Anwalt Murmelmann noch aufregender. Und der war schon über siebzig! Dieses Programm ersetzte jede Baldrian-Pille. Mittlerweile konnte Lina diesen Reich-Ranicki gut verstehen. „Ich nehme diesen Preis nicht an!“ Jawoll, recht hat er gehabt. Jetzt hatte sie es auch begriffen.

Ein Griff ins DVD-Regal und sie tauchte ab. Nach Kenia. Mehr als hundert Jahre zurück, genau ins Jahr 1913.

Aber eigentlich begann alles Dänemark. Oh ja, Jenseits von Afrika ist einfach der beste Film aller Zeiten. Zumindest für Lina. Die konnte ihn fast schon auswendig mitsprechen. Alle Dialoge. Und zum Schluss fing sie immer an derselben Stelle an zu schniefen. „Das hätte Denis gefallen…“, als die Löwen auf seinem Grab eine Art Rastplatz gefunden hatten, von dem aus sie die Steppe und die Herden überblicken konnten… Es ging jedes Mal wie auf Knopfdruck – und musste wohl eine Art cineastische Konditionierung ihrer Tränendrüsen sein. Das rettete ihr wenigstens ein bisschen den so frustig begonnenen Abend. Doch an Jan musste sie die ganze Zeit denken. Unwillkürlich. Gerade, weil der Film ja im Grunde nicht nur ein Kolonial-Epos, sondern auch eine unbeschreiblich schön-dramatische Liebesgeschichte ist. Dagegen war ihr kleinbürgerliches Dasein geradezu farblos, von ihrer schalen Beziehungskiste ganz zu schweigen. Vonwegen zwei Männer, zwischen denen sie stehen könnte. Sie hatte nicht mal einen richtig an ihrer Seite. Und darüber war sie schon richtig sauer geworden.

Aber ging es dieser Karen Christiansen Dinesen, also der Baronin von Blixen, vor hundert Jahren nicht ähnlich wie ihr heute? Sie wollte auch nur jemanden, der zu ihr hielt, jemanden ganz für sich alleine. Aber dieser „Jemand“ hatte damals auch schon andere Interessen. Großwildjagd! Um nur ein Beispiel zu nennen.

Hatte sich etwa nicht viel geändert seit 1913?

Liefen Frauen noch immer Männern hinterher, die ihrerseits nur zwei Dinge wollten? Erstens: Nähe, wann SIE es brauchten. Zweitens: Abstand, wenn SIE es brauchten.

Hatten wir nichts dazu gelernt? Blieb alles so, wie es immer schon war? War das am Ende genetisch festgelegt und alle Müh‘ vergebens? Oder hatte sich die Natur all das nur ausgedacht, um die Art zu erhalten? Ein bisschen Liebe? Und kein bisschen Frieden zwischen den Geschlechtern? Zumindest nicht, solange noch kein Nachwuchs in Sicht war. Danach sah die Sache doch ganz anders aus. Die Frauen waren beschäftigt mit der Aufzucht der Brut, die Männer hatten ihr Soll vorerst erfüllt und konnten sich wieder anderen Dingen zuwenden (ein Objekt der Begierde suchen, um das nächste Soll zu erfüllen…).

Man könnte es auch wieder mit der Großwildjagd vergleichen.

Naja, wenigstens war diese Karen Blixen Baronin geworden und hatte einen ordentlichen Titel, wenn es schon mit der Liebe nicht so recht klappen wollte. Lina jedoch war nicht einmal „Frau Johannsen“ geworden. Und würde es vermutlich niemals werden. Dabei hatte sie in ihren kühnsten Träumen noch gedacht, heiße Fleischwurst mit Kakao wäre nicht das einzige, was Jan ihr zur Wiederversöhnung versprochen hätte. Aber Fehlanzeige. Das Einzige, was Jan ihr wirklich in Aussicht gestellt hatte, war heiße Luft in Formvollendung. Nichts als heiße Luft.

Auch Papa und Mama Siebenborn waren nicht sonderlich begeistert gewesen, dass auf die Versöhnung (und insbesondere nachdem der „Fischkopp“ auf einmal zu Reichtum und Berühmtheit gelangt war) nicht schon bald der obligatorische Heiratsantrag gefolgt war. Und das, nachdem Lina diesen armen Maler jahrelang durchgefüttert hatte…

Im mittelalterlichen Büdingen war niemand darüber „amused“. Dabei hatte Papa Siebenborn sogar noch öfter ausdrücklich „Jan“ zu seinem vermeintlichen Schwiegersohn in spe gesagt. Laut und deutlich, damit klar war, dass er ihn endlich als Beinahe-Familienmitglied akzeptiert hatte. Vorher war er nämlich nur der „Fischkopp“ für ihn gewesen, der Hamburger Künstler, der immer klamm war und sich von seinem Töchterchen aushalten ließ. Aber nachdem im ersten und auch im zweiten Frühjahr nach der besagten Versöhnung kein Antrag erfolgt war, kehrte auch Papa Siebenborn wieder zu seiner alten Gewohnheit zurück. Und hatte Jan Johannsen aus Hamburg-Eppendorf wieder zum Fischkopp werden lassen. Seitdem war das Fischbeil wieder ausgegraben…

Mama Siebenborn hatte nichts dazu gesagt. Es vornehm ignoriert, dass ihr Mann wieder den alten Spitznamen ausgegraben hatte. Aber allein die Tatsache, dass sie nicht darüber meckerte, zeigte, dass auch sie enttäuscht war vom Lebensabschnittsgefährten ihrer einzigen Tochter. Anscheinend war der Traum von Enkelkindern für Margot Siebenborn somit endgültig ausgeträumt. Und sowas musste ja auch erst einmal verarbeitet werden…

*

In Schotten lag Jan tatsächlich gemütlich auf seinem neuen Sofa. Er hatte die arbeitsfreie Zeit zwischen den Jahren genossen. Herumgelümmelt, mit Asta geschmust, am Stausee spazieren gewesen. Eigentlich hatten sie den Silvesterabend zusammen verbringen wollen. Fast hätte er schon seine Sachen gepackt. Und Astas Sachen auch. Aber dann wurde nichts draus, der Wettervorhersage sei Dank. Ihm war sowieso mehr nach Schlaf in seinem neuen Zuhause. Naja, so ganz neu war es nun nicht mehr. Aber ziemlich neu. Er hatte es fast vollständig neu renoviert bezogen, rechtzeitig vor Weihnachten – das er mit Lina gebührend gefeiert hatte. Und irgendwie war das auch genug für seinen Bedarf an Zweisamkeit gewesen. Die letzten beiden Jahre hatten sie viel erlebt, waren fast ständig zusammen. Er hatte alles, was er sich immer gewünscht hatte: seine Herzdame Lina und die treue Hündin Asta, nicht zu vergessen Tonja, seine Freundin von gegenüber – und als Sahnehäubchen immer gut gefüllte Auftragsbücher.

Die Wartezeiten für Gemälde gingen inzwischen ins kommende Jahr. Aber den Kunden war das egal. Wahrscheinlich erhofften sie sich immense Wertsteigerungen. Wenn auch nicht für sie, dann vielleicht für ihre Kinder, oder Kindes-Kinder. Oder deren Nachfahren. Egal, Hauptsache Rendite!

Und sein Buch lief ebenso bombig. Zudem hatte er die attraktivsten Malschülerinnen aller Zeiten in seinen Kursen. Die Herzen der Pinselschwingerinnen flogen ihm nur so zu! Was konnte ein Mann mehr vom Leben erwarten? Ihm fiel nichts ein. Außer ein bisschen Freiheit. Aber die hatte ihm die Blitzeisankündigung vom Spätnachmittag heute beschert.

Thanks, Petrus! Und diesmal meinte er nicht den berühmten Wein…

Jan Johannsen fühlte sich sauwohl in Schotten. Das Städtchen am Fuße des Vulkans hatte es ihm von Anfang an angetan. Und auch das Abendessen mit Tonja wollte er nie mehr missen. Sie kochte noch immer seine Lieblingsgerichte: Vogelsberger Blutwurst, gebacken, mit Bratkartoffeln und Apfelbrei, gelben Bohnensalat mit Salzkartoffeln und Rührei, Frikadellen mit grünen Bohnen und Kartoffelbrei, Puffer mit Apfelbrei, knusprige Bratkartoffeln mit Spiegelei und samstags heiße Fleischwurst. Mit heißem Kakao dazu. Das war zum schönen Ritual geworden. Genau wie zu der Zeit, als er bei ihr im Dachjuchhee als Untermieter gewohnt hatte. Damals, als er bei Lina rausgeflogen war. Und zwar im hohen Bogen. Sie hatte ihm ein Verhältnis mit Tonja unterstellt. Nur weil er sie, die eigentlich seine Heilpraktikerin war – nicht mehr und nicht weniger - ein paar Mal nackt gemalt hatte. Und das auch nur aus seiner Phantasie heraus. Nichts war dran gewesen an ihren Beschuldigungen.

Aber noch heute, wo er mit Lina wieder vereint war, wenn auch nicht räumlich, kam manchmal ein schales Gefühl in ihm auf, wenn er darüber nachdachte: Betrug, Fremdgehen, Lügen. Das hatte sie ihm vorgeworfen. Er fand noch immer, dass das eine Frechheit sondergleichen war. Er, der Sensible! Für ihn war Fremdgehen ein absolutes No-Go. Das hätte sie doch wissen müssen. So ganz war er noch immer nicht darüber hinweggekommen. Ein komisches Gefühl blieb – und ging nicht fort.

Vielleicht war das der eigentliche Grund, weshalb er lieber mit Asta auf seinem neuen Sofa bleiben wollte?

Sie war schon ein bisschen eingeschnappt gewesen, vorhin, als er ihr gesagt hatte, dass er lieber auf seinem Berg bleiben wollte. Aber es war ihm egal. Noch immer war er superhappy über all das, was ihm im letzten Jahr passiert war. Und sein Häuschen, dieses schnuckelige Fachwerkstück, das wollte er jeden Tag, jede Stunde, jede Minute genießen. Es war sein erstes Zuhause, was ihm und nur ihm gehörte. Und in Asta, der zutraulichen Mischlingshündin, die Opa Abbel ebenso hinterlassen hatte wie sein kleines Häuschen, hatte er eine Gefährtin gefunden, die nahezu immer genau zu den Sachen Lust hatte, die er vorschlug. Widerworte gab es da weniger. Ein klarer Vorteil in der Mensch-Hund-Beziehung.

Vielleicht ging er nachher noch auf einen Neujahrstrunk zu Tonja herüber. Lina wäre stinksauer, wenn sie das wüsste. Trotz aller Harmonie, so ganz koscher war die Beziehung der beiden Damen um Jan noch immer nicht. Eigentlich kein Wunder. Aber offiziell war man sich natürlich supergrün…

In dem Moment klingelte es an der Tür. Asta bellte freudig. Sie hatte den Besuch am Schritt erkannt. Es war Tonja mit einer Flasche Sekt. Aha, verfrühtes Anstoßen, dachte Jan. Na denn.

*

In Bad Salzhausen klingelte es auch, aber am Telefon. Es war Mama Siebenborn, die die Stimme ihrer Lina noch einmal im alten Jahr hören wollte: „Du bist doch nicht etwa alleine an Silvester? Wo ist denn Jan schon wieder? Ist er am Ende wieder krank?“ Das war das reinste Öl ins Feuer, was ohnehin schon brannte! Ja, da biss die Maus keinen Faden ab: Fast immer, wenn sie anrief, hieß es: Jan ist nicht da. Er braucht seine Ruhe. Hat viel zu tun. Muss malen, hat Stress, dem geht es gerade nicht so gut. Et cetera pp.

Aber Margot Siebenborn war nicht blond. Nein, sie war grauhaarig und somit schon ein paar Tage länger auf der Welt. Lange genug zumindest, um zu merken, dass hier der Fischkopp ganz schön zu stinken anfing, und zwar am Kopp…

Also, ganz im Ernst: Schön ist was anderes.

Der Sonne hinterher

Nach dem verkorksten Silvester befand Lina, dass sie dringend mal „vor die Haustüre“ musste. Ihr Café hatte praktischerweise drei Wochen Betriebsferien – und sie war ebenfalls urlaubsreif. Abstand gewinnen, den Kopf klar kriegen, das wäre wohl angesagt. Nein, sie musste es zähneknirschend zugeben: Es war nicht die beste aller Ideen gewesen, am Silvesterabend mehrfach in desolatem Zustand (um das Wort „sternhagelvoll“ in dem Zusammenhang zu vermeiden!) bei Jan anzurufen, um völlig hirnloses Zeug auf den Anrufbeantworter zu sprechen – wobei Sprechen nicht unbedingt die geeignete Beschreibung für ihre Verbalentgleisung sein konnte, es war wohl eher Labern mit schwerem Zungenschlag. Voll peinlich. Was genau der Inhalt des Lamentos war, konnte Lina nur noch anhand der um 3.17 Uhr (!!!) abgeschickten Frust-Email erahnen, die voller Beschimpfungen und Ausraster (und Rechtschreibfehler!) gewesen ist. Frei nach dem Motto: „Nie hast Du Zeit für mich, nie kann man was mit Dir anfangen, schon gar nicht an Wochenenden oder Feiertagen, unter der Woche aber auch nicht, da musst Du ja diese ganzen langhaarigen Weiber mit ihren noch längeren Beinen unterrichten – oder wie der Bosbach durch alle Talkshows tingeln. Außerdem hältst Du mich sowieso nur hin, im ganzen Leben heiraten wir doch nie mehr, nie hast Du auch nur einmal gesagt, dass Du gerne mit mir alt werden würdest, nie, nie nie. Und von Kindern auch kein Wort von Dir, wahrscheinlich kann ich mir das sowieso bald abschminken. Dann bin ich nämlich dummerweise zu alt zum Schwangerwerden…

Dabei wusste sie doch aus unzähligen Frauenzeitschriften, dass jeder Paartherapeut heutzutage vehement davon abriet, das Wort NIE in Verbindung mit Vorwürfen an den Partner auszusprechen. Vollkommen kontraproduktiv. Aber wer weiß das noch im vollen „Kopp“ – in einer einsamen Silvesternacht? Ein Wunder, dass die Endungen zumindest im Schriftlichen noch vorhanden waren. Die Aufzeichnungen von Jans Anrufbeantworter hätte Lina nicht hören mögen, nicht im nüchternen Zustand. Das musste schon ziemlich daneben gewesen sein.

Oh, oh… Seitdem war wieder mal Funkstille zwischen ihr und ihrem nicht angetrauten Jan. Keine schlechte Ausgangssituation, um mal schnell die Biege zu machen und das Weite zu suchen. Und am allerliebsten auch das Warme, zumindest in Form einer luxuriösen Hotelsauna, denn es war inzwischen doch „arschkalt“ geworden, was Lina gar nicht behagte. Auf einmal, kurz nach Weihnachten, hatte sich der Winter wohl doch noch daran erinnert, warum er eigentlich Winter heißt. Und was ihn von den anderen Jahreszeiten üblicherweise so unterscheidet.

Zumindest ein Kurzurlaub müsste irgendwie noch drin sein, hatte sie sich überlegt. Ihren ursprünglichen Plan, die Ostsee von Travemünde bis Swinemünde abzugrasen, ganz gemütlich mit dem Auto, sozusagen aufs Geratewohl und ohne die üblichen Touristenströme wie im Sommer, könnte sie sich jedoch abschminken. Dabei hätte es so schön sein können. Im Winter war es oben an der Küste am allerbesten, das wusste sie aus Erfahrung. Außerdem wären sie vielleicht noch bei seiner Mutter und ihrem netten Italiener in Hamburg vorbeigeschneit und auf einen Drink in ihrem Lieblingshotel an der Alster abgestiegen. Aber das war jetzt auch Geschichte, befürchtete Lina.

Bei Jan brauchte sie jetzt wohl nicht mehr anzukommen, schon gar nicht mit der einst noch in vollkommener Harmonie geschmiedeten Reiseidee. Er schmollte ja jetzt in Hochform und hatte ansonsten die Läden heruntergelassen, sinnbildlich. Aber allein würde sie auch nicht wegfahren, sie kannte sich. Also, musste Plan B her: Urlaub unter Freundinnen! Na klar, das war doch die Lösung. Ein Trip mit den Mädels, super!!! Wann hatten sie auch das letzte Mal so richtig Zeit miteinander verbracht? Ohne, dass eine von ihnen schon zu Beginn des Treffens auf die Uhr – oder noch schlimmer, das Smartphone – schaute, frei nach dem Motto: Ich bin jetzt schon im Stress, hab‘ eigentlich gar keine Minute Luft, nicht mal für ein Mädelsmeeting.

Lina sehnte sich schon seit Längerem danach, mal wieder richtig einen abzuquatschen, wie sie es nannte. Wäre doch super, so ein paar Tage (und Nächte!) im Kreise der legendären Flaggenmädels, wie sie sich aufgrund ihrer Haarfarben nannten, die mit viel Phantasie die Deutschlandflagge plus Fahnenstange darstellten: Susi (schwarz), Ines (rot), Lina (gold) und Marie-Anne (metallic-grau). Das unschlagbare Vierer-Team seit nunmehr über zwanzig Jahren - wohlgemerkt, lange, bevor irgendjemand an „Sex and the City“ auch nur gedacht haben konnte! Sowas musste einem erst einmal jemand nachmachen. Das war doch mehr, als so manche Beziehungskisten oder Ehen zeitlich auf die Reihe bekamen, fand Lina.

Aber in letzter Zeit war es sehr still geworden, manchmal dachte sie schon, das war’s bald mit der Vierer-Bande. Jede ging ihrer Wege, jede hatte ihr eigenes Päckchen zu tragen: Susi Lustig, die rasende Reporterin vom Hessenfunk, war tatsächlich nach ihrer Scheidung wieder superglücklich mit ihrem einstigen Ex-Mann Jochen, Marie-Anne kämpfte immer häufiger mit gesundheitlichen Problemen und musste in ihrem Fußpflege-Studio so manchen langen Arbeitstag unter Schmerzen ihre Frau stehen – und Ines war beruflich stark engagiert, sie hatte ja Linas stressigen Chefsekretärinnenjob „geerbt“ – und zu alldem auch noch eine ernsthafte Rund-um-die-Uhr-Beziehung, denn ihr Siegbert war Boss und Lover in Personalunion.

Keine der Flaggenmädels konnte sich also über Langeweile beklagen, am allerwenigsten Lina selbst. Doch gerade aus diesem Grunde war sie der Meinung, eine Auszeit täte doch allen gut.

Also haute sie Folgendes in die Tasten:

Hi Mädels,

erst einmal PROSIT NEUJAHR, Ihr Lieben. Für das Neue Jahr 2015 alles Liebe, viel Glück und was Ihr sonst noch so gebrauchen könnt. Ich hoffe, Ihr habt es gut angefangen. Auf die Umstände meines komplett verkorksten Silvesters will ich jetzt mal nicht näher eingehen, da müsste man erheblich mehr Zeit einplanen. Wobei ich auch schon beim Thema wäre: Was haltet Ihr von einem gemeinsamen Mädels-Kurzurlaub? Mal wieder so richtig schön ausgiebig über alles und jenes herziehen, ohne zeitliche Begrenzung und das ewige Schauen auf die Uhr? Es gibt doch Super-Angebote, Stichwort „Freundinnen-Wellness“ und so… Muss ja nicht gleich ganz weit weg sein. Also, ich hätte Zeit.

So ein verlängertes Wochenende wäre doch was für uns?

Rückmeldungen und Vorschläge werden gerne genommen, möglichst zeitnah. Planmäßig habe ich mein ansonsten heiß geliebtes Café bis einschließlich 19. Januar geschlossen. Betriebsferien!!! Warum, fragt Ihr? Weil ich es mir verdient habe…

Also Mädels, nun mal ran, wir werden das doch gebacken kriegen, oder?

Bussis an alle und nochmals Frohes, neues Jahr!

Eure Lina

Kaum war die Nachricht verschickt, klingelte im verträumten Bad Salzhausen auch schon das Telefon. Die Frankfurter Nummer kannte Lina in- und auswendig, kein Wunder, es war ja einst ihr eigener Anschluss gewesen. Die liebe Ines, das allzeit fleißige Bienchen, hatte also ihren Dienst schon wieder angetreten. Wahrscheinlich arbeitete sie hochmotiviert alles Liegengebliebene von vor Weihnachten ab.

„Hallo, Lina!“, hauchte sie etwas außer Atem in den Hörer. „Gerade habe ich Deine Mail gelesen! Mensch, ich wollte ja die ganze Zeit schon mal anrufen, aber hier ist die Hütte wieder mal am Kacken… Püh!“ Das hörte sich nach Vollstress an, befürchtete Lina, die sich nur allzu gut noch immer an ihr erstes Leben als Chefsekretärin erinnern konnte. „Jetzt mach‘ mal langsam, Du bist ja ganz außer Puste! Und übrigens, nur mal so fürs Protokoll: Es heißt korrekterweise, hier ist die Kacke am Dampfen – dasseine Hütte kackt, habe ich ja noch nie gehört… Aber egal. Was gibt es denn so früh im neuen Jahr schon wieder an Hektik bei Dir?“

Eigentlich wollte sie es gar nicht so ganz genau wissen, aber nun stieg Ines gleich ins Thema ein: „Kick-Off 2015, Du weißt doch, wir machen jetzt keine Jahresend-Tagungen mehr, sondern beginnen das Jahr gleich mit einem Mega-Meeting. Alle, die irgendwas zu vermelden haben, kommen da zu Wort… Und die Leute werden ja immer komplizierter, je mehr Möglichkeiten ihnen das Leben bietet. Ständig stellen sie alles in Frage und meckern an der Planung herum, angefangen beim Hotel, dann gefällt ihnen der Ablauf nicht, dann finden sie, das Buffet sei nicht richtig durchdacht, der Standort falsch beschrieben, die Location nicht hip genug, die Matratzenstärke nicht explizit mit Gewichtsangabe versehen – oder es fehlen die korrekten Angaben zu allen verfügbaren Allergenen auf der Speisekarte im Internet. Ich werde noch waaaahnsinnig! Und das Schlimmste ist: Sie schütten einen zu mit ihren Mails und SMSen. Ich verfluche den Tag, an dem der Quatsch erfunden wurde…“

„Ja, manchmal hasse ich das alles auch, besonders dann, wenn ich unüberlegtes Zeug in die Tasten gehauen habe, nachts um halb vier oder so. Aber mal im Ernst, was hältst Du denn jetzt von meiner Idee?“ Dann war erst einmal Sendepause, das verhieß wohl nichts Gutes, befürchtete Lina aus Erfahrung. Also schob sie vorsichtshalber nach: „Wenn Du mich fragen würdest, ich würde sagen, Du hättest Urlaub nötig, Ines Gerlach!“ Aber vom anderen Ende kam nur ein schweres Atmen…

„Lina, Du hast vollkommen recht, urlaubsreif bin ich – selbst nach den Feiertagen. Aber Fakt ist, ich kann hier nicht weg. Diese Kick-Off-Geschichte raubt mir den letzten Nerv und ich kann Siegbert hier unmöglich alleine lassen – oder ihm eine Vertretung vor die Nase setzen. Das funktioniert einfach nicht.“ Dann hörte man Stimmengewirr in Ines‘ Büro, es schien also wieder lebhaft zuzugehen. Ein gehetztes „Ich schicke Ihnen das alles nochmals schriftlich zu, dann hätten wir ja jetzt alles geklärt“, signalisierte Lina, dass die Zeit für Privatgespräche ihr Ende erreicht hatte. Ines war wirklich im Stress.

So, die komplette Mädelsrunde konnte sie für einen gemeinsamen Trip schon mal Abhaken. Ines fiel definitiv aus.

Von Susi Lustig trudelte kurze darauf eine Antwort ein:

Hi Mädels,