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"Mister Right"? Gibt's den wirklich? Oder ist er nur eine Erfindung der Medien... Fake News für hoffnungslose Romantikerinnen sozusagen! Das zumindest glaubt Sarah nach allem, was ihr mit Männern schon so passiert ist. Aber inzwischen hat sie sich mehr oder weniger mit ihrem Dasein als Dauersingle abgefunden. Nicht einmal George Clooney oder Brad Pitt können sie noch zum Schwärmen bringen, ihr Feuer für das andere Geschlecht ist anscheinend endgültig verloschen... Aber dann begegnet ihr Hans-Georg, ein erfolgreicher, charismatischer Typ Marke "Traum aller Schwiegermütter" mit erstklassigen Manieren. Kein Wunder, er ist Benimmtrainer! Und was macht die eingefleischte Junggesellin? Na klar! Sie wirft all ihre Vorsätze über Bord! Eine romantische Komödie, die wieder in Frankfurt am Main und der Wetterau spielt. Ein typischer DAXX eben! MISTER LEFT ist das zehnte Werk der Autorin, die selbst "Bio-Oberhessin" ist und ihre Geschichten immer in unmittelbarer Nähe (auch des Zeitgeschehens) ansiedelt.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Carola van Daxx
Mister Left
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Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
Gleich hinter den Thymian-Oliven
Das geheime Innenleben
Da hilft kein Salz!
Herzchen, alles Herzchen
Dienstag, 12. Juli 2016
Haarige Angelegenheiten
Das Drama der frisierten Frau
Wie eiskalt ist dies Händchen
Nägel mit Köpfen
Glückskekse
Hans-Georg
Oma Lydia
Decker, the Checker!
Jetzt knallt‘s
21. September 2016
Gesprächsbedarf
Mein lieber Scholly!
Für Oma keine Kekse mehr
Just married
Interview mit Hindernissen
Kein Aprilscherz und nicht mal zum Lachen
The Way to the next Whisky Bar
Wien, Wien – nur Du allein!
EPILOG
Über die Autorin
Impressum neobooks
Angeblich war das Spiel schon über 6000 Jahre alt – und, was heutzutage wirklich verrückt klingt: Die Chinesen sollen es ausnahmsweise mal nicht kopiert haben. Doch es ist mehr als nur ein Zeitvertreib, es ist ein Spiel mit der Selbsterkenntnis. Sogar berühmte Psychologen sollen den „Magischen Kubus“ einsetzen, dann und wann. Überall auf der Welt wird es gespielt, ob im Freundeskreis oder einfach in der Kneipe um die Ecke. Man kann darüber lachen, diskutieren, das Ergebnis ignorieren, lächerlich finden oder ungläubig staunen. Gesprächsstoff gibt es immer! Und Einsichten, soweit man dafür offen ist. Manche Leute begleitet es ein Leben lang, andere halten sich streng an die Anweisung, von wem auch immer sie einst gekommen sein mag, das Spiel nur ein einziges Mal zu spielen.
Sarah betrachtete dieses ungeschriebene Gebot allerdings als absolut veraltet. Aus einer Zeit kommend, wo die wahre Liebe nur einem Menschen galt. Mangels Lebenserwartung und passender Gelegenheiten…
Sie hat es oft gespielt, als Teenager, als Twen und dann und wann später, wenn sie neugierig war, wie es um sie und ihr Liebesleben denn steht. Das Gemälde setzt sich zusammen aus Wüste, Kubus, Leiter, Pferd, Blumen und Sturm. Dem Spieler wird hierbei völlig freie Hand gelassen, was die Anordnung, die Materialien, die Szene an sich angeht. Verliebte sehen oft einen stolzen, geschmückten Araberhengst, der stattlich und dicht neben dem Kubus im Bild erscheint. So erging es Sarah immer wieder, wenn sie auf Wolke Sieben schwebte. Der prachtvoll geschmückte Schimmel! Stolz und majestätisch.
Unglückliche sehen in Zeiten der Krise tatsächlich oft nur noch einen klapprigen, alten Gaul mit herunterhängendem Kopf und ebensolcher Unterlippe. Manche Spieler entdecken gar ein hilfloses Pony bei sich, klein und unscheinbar. Bei anderen läuft ein Pferd direkt in den aufkommenden Sturm oder wird komplett von aufgewirbeltem Sand verdeckt.
Als Sarah den Magischen Kubus nach vielen Jahren wieder einmal für sich selbst spielte und das alles sagende Bild in ihrem Kopf entstand, da stand tatsächlich nur noch ein morscher Sägbock am Rand! Klein, abgewrackt, ohne Bedeutung. Niemanden interessierte dieses pferdeähnliche Gebilde noch, am wenigsten sie selbst. Die junge Frau war darüber mehr als erschrocken, denn das Zauberspiel hatte sie durch glückliche und katastrophale Beziehungen begleitet – und ihr immer wieder verblüffende Erkenntnisse geliefert. Es war wirklich wie verhext, das Gemälde spiegelte immer haargenau die Situation, in der sie sich befand. Und nun war ihr Traummann nur noch ein armseliges Holzgebilde im Abseits?
Die Jahre vergingen und lange hatte sie nicht mehr daran gedacht, das gute alte Spiel zu bemühen. Aber eines Tages, als sie in ihren sogenannten „besten Jahren“, die Vierzig schon fest im Blick, auf einmal überhaupt kein Pferd mehr sehen konnte, war ihr klar: Die Sache mit der Liebe hatte sich erledigt.
Ein für alle Mal…
„Ich hab‘ keine Lust, da hinzugehen – Null Bock! Und dann auch noch an einem Freitagabend!“, schimpfte Sarah und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Gerade so, als wollte sie mit Blicken töten.
„Wenn Dein Boss Dich da angemeldet hat, musst Du nun mal hin. Da beißt die Maus keinen Faden ab!“
Tinka, ihre Kollegin, war da ganz realistisch. Sie wusste, wie Herr Fadenmeyer reagieren konnte, wenn jemand seine Anordnungen verweigerte. Er dudelte kein Wenn und kein Aber. Befehl war Befehl! Und zwar von ganz oben. Also von ihm…
„Ja, ich weiß, der Alte kann keine Widerrede vertragen. Aber nur, weil Frau Hashemi krank geworden ist, muss ICH jetzt zu dieser blöden Abendveranstaltung. Eine Art Knigge–Kurs für Büromäuse, das braucht doch kein Mensch! Hört sich an wie Tipps vom Reiseveranstalter… Wie Sie im Ausland eine gute Figur machen – oder so ähnlich.“
„Sarah, Herzchen, Du machst doch immer eine gute Figur. Weil Du eine hast!“, versuchte Tinka ihre allerliebste Lieblingskollegin etwas heiterer zu stimmen. Und biss dabei in eine Riesentafel Schokolade wie in eine Scheibe Brot. Es knackte unappetitlich, aber das klingt nur für denjenigen so, der gerade nichts isst. Tinka war im Grunde genommen neidisch auf Sarahs Superfigur – aber zu undiszipliniert, um etwas an ihren Überpfunden zu ändern. Das nervte sie selbst am allermeisten.
„Ich hab’s schon kapiert. Da muss ich jetzt durch! Dabei hatte ich mich schon so auf einen schönen Talkshow-Abend gefreut. Friday Night: Das heißt Füße hochlegen, BH aus, Jogginghose an, Weizenbier auf – und dann noch eine schöne Tüte Chips. Doch stattdessen…“
„Gehst Du halt zu diesem Vortrag!“, vollendete Tinka den angefangenen Satz und haute weiter in die Tasten, schmatzenderweise.
Es war bald Feierabend, aber einiges musste unbedingt noch raus. Wie immer, wenn sich die Woche dem Ende näherte, kam auf einmal dieses und jenes auf den Tisch, was nun plötzlich „dringend“ war und keinesfalls bis Montag warten konnte.
„Ich packe jetzt so langsam mal zusammen und mach‘ mich auf den Weg. Noch schnell nach Hause duschen, umziehen, dann ab ins Taxi. Heute fahre ich keinen Meter mehr, schon gar nicht mit der U-Bahn. Und die „Flexi-Flavia“, das Unternehmen für maßgeschneiderte Maschinenträume, zahlt ja alles. Ist ja auch das Mindeste!“
Sarah fuhr ihren PC herunter, räumte schnell und routiniert den Schreibtisch auf und nahm ihre überdimensionale Handtasche, die eher ein Koffer war. Und vermutlich auch so schwer. Was da genau drin war, wusste sie selbst schon nicht mehr. Vermutlich lagen irgendwo verklebte Bonbons auf dem Grund, vermischt mit ein paar vertrockneten Tabakkrümelchen. Genaueres über das Innenleben einer solchen Monster-Damenhandtasche wollte sicher niemand wissen. Schon lange hatte sich Sarah vorgenommen, das Ding mal gründlich auszumisten, aber es war bei dem guten Vorsatz geblieben.
„Ciao Bella Tinka! Ich bin dann mal weg! Auf Knigge-Kurs… Und Dir ein wunderschönes, freies Wochenende!“, rief sie und warf sich die leichte Jacke über, die man Anfang Juli noch gut gebrauchen konnte. Es war irgendwie nicht richtig Sommer geworden in diesem Jahr. Schaltjahr ist Kaltjahr, erinnerte sich Sarah an die Bauernweisheit. Und die müssen es ja wissen…
„Also, dann, Süße, halt Dich tapfer. Vielleicht wird es ja ganz interessant. Und wer weiß, vielleicht sind ja ein paar attraktive Typen dabei. Man kann nie wissen!“
Noch im Weggehen murmelte Sarah vor sich hin: „Das würde mir gerade noch fehlen, einer von diesen gelackten Anzugträgern. Jedes kleine Licht ein Manager…“ Tinka konnte die Worte jedoch nicht mehr hören. Und Sarah dachte insgeheim: Ich hab‘ die Nase so dermaßen voll, mir könnten sie glatt George Clooney persönlich auf den Bauch binden. Ich würde ihn glatt runterstrampeln. KEIN BEDARF!!!
Seit ihrer Trennung vor drei Jahren war Sarah geheilt von Romantik und dem Glauben an die große Liebe. Helge hatte sie mehrfach betrogen und alle Welt wusste davon. Alle, außer Sarah! Die alte Leier. Und niemand hatte die „Eier“ gehabt, ihr davon zu stecken. Reiner Zufall, dass sie einmal früher Feierabend gemacht hatte und noch schnell was auf dem Bornheimer Wochenmarkt einkaufen wollte. Da hat sie ihn dann erwischt. Mit seiner Ex! Dieser alten Hexe, ihrer Vorgängerin. Jahrelang hatte er ihr ständig erzählt, was für eine abscheuliche Person diese Ella doch war. Im Gegensatz zu ihr, seiner neuen Flamme…
Sarah wollte das jedoch nie hören, nie in dieser Form von ihm in den Himmel gehoben werden, aber ständig musste Ella als absolutes Negativ-Beispiel herhalten. Für alles und jenes. Und dann knutschte er ausgerechnet mit dieser angeblich so abscheulichen Person wild in einer halbdunklen Ecke herum. Gleich hinter den Oliven in Holzfässern, Sarahs Lieblingsmarktstand.
Ihrem Olivenstand! Das war ja wohl der Gipfel!
Sarah war so geschockt gewesen, dass sie wie ferngesteuert die Szene verlassen hatte. Die teuren Oliven in Thymian, die nur an diesem Stand zu haben waren, blieben auch noch bezahlt zurück. Alles Rufen des netten Marktmannes sollte vergebens sein, Sarah war schließlich auf der Flucht!
Zuhause angekommen, durchforstete sie zum ersten Mal in ihrem Leben alles, was sie über Helge finden konnte. Ohne Rücksicht auf Privatsphäre und Datenschutz.
Die Klassiker, so fand sie schnell heraus, waren heute aber wieder die guten alten Rechnungen, die nicht mit Karte bezahlt wurden. Sondern cash! Doch gerade die wurden anscheinend gerne zerknüllt in Jackentaschen zurückgelassen. Er hatte seine Gespusis recht großzügig eingeladen – in die teuersten Hotels, schicksten Lounges und Bistros. Und immer hatte er Namen, Haarfarbe und erotische Vorlieben der Damen auf den Rechnungen vermerkt. Wahrscheinlich, so vermutete Sarah, würde er sie eines Tages in einer Excel-Tabelle verewigen. Mit allen sonstigen schlüpfrigen Details. Das war ja widerlich, igitt!
Nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen, Ella war bei Weitem nicht die Einzige.
Und als sie zu guter Letzt auch noch sein Original-Foto in einer Single-Onlinebörse gefunden hatte, fing sie umgehend an, mit ihm zu flirten. Online. Mit dem Foto einer Dame, die seinem Beuteschema entsprach. Blonde, lange Haare, Modelfigur, schöne Zähne, Typ Spielerfrau… Im Prinzip eine Weiterentwicklung ihrer selbst. Die Perfektion von Sarah Feldmann schlechthin!
Nichts hatte sie sich anmerken lassen, in den nächsten Tagen verhielt sie sich ihm gegenüber so normal es nur ging. Immer schön Pokerface machen, Hauptsache, er merkt nichts! Auch wenn es ihr schwer gefallen war…
Nur nachts, wenn er denn da war, täuschte sie Überarbeitung oder Kopfschmerzen vor. Aber das war das geringste Problem. Sarah konnte tatsächlich eine Menge kriminelle Energie entwickeln, wenn die Sache versprach, interessant zu werden. Und das tat sie!
Ihr Ziel: Ein Date mit Helge, dem Rosenkavalier, der ihr mehrfach am Tag schrieb, wie sehr er sie jetzt schon vermisste und täglich einen virtuellen Rosenstrauß schickte. Er war sofort auf sie angesprungen. Ein Treffen mit ihr, der Herzdame in Blond, konnte er nach eigener Aussage kaum noch abwarten. Der Typ hatte angebissen, als wäre bei ihm schon länger der emotionale und sexuelle Notstand ausgebrochen. Und das Rendezvous fand schneller statt, als Sarah ursprünglich angenommen hatte.
Dann konnte SIE es kaum noch erwarten… Treffpunkt war wieder die Berger Straße, wo auch der Wochenmarkt stattfand. Sarah wollte das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden und sich nach dem Treffen zumindest ihre geliebten Oliven mit nach Hause nehmen. Und noch ein Baguette vom französischen Supermarkt, gleich nebenan.
Seine „Sieben Sachen“, zum Glück hatte er keine Möbel bei Sarah angeschleppt, waren bereits an seine Adresse im Elternhaus geschickt, wo er noch ein kleines Apartment hatte. Ihre Wohnung war somit bereits Helge-frei! Und den Wohnungsschlüssel würde sie ihm auch gleich abnehmen, das hatte sie sich fest vorgenommen. Allein sein Gesicht, als sie im Café Wacker auf ihn gewartet hatte. Nie hätte sie gedacht, dass er mal so doof aus der Wäsche gucken konnte. Tja, saudumm gelaufen. Für ihn, den allzeit bereiten Helge!
Erst da hatte Sarah so richtig begriffen, was für eine „Nullnummer“ er eigentlich war. So etwas sollte ihr nie mehr wieder passieren. Das hatte sie sich bei allem, was ihr heilig war, geschworen. Also sozusagen bei Weißbrot und Thymian-Oliven.
Alles vom Bornheimer Wochenmarkt!
„Das kleine Grandhotel“ am Frankfurter Hauptbahnhof war ein Schmuckstück, im wahrsten Sinne des Wortes. Allein die Fassade! Wie vom Zuckerbäcker eigenhändig gegossen. Man glaubte fast, eine andere Welt zu betreten.
Irgendwie aufregend, das Ganze. Auch wenn Sarah nahezu geladen war vor Wut, dass Herr Fadenmeyer ihr den heiligen Freitagabend verhunzt hatte, um es gelinde auszudrücken, konnte sie sich nicht der ganz besonderen Atmosphäre dieses Hauses entziehen. Über dem Eingang wehten Fahnen aus aller Herren Länder und darunter standen die Empfangschefs in kompletter Hoteluniform und begrüßten die Gäste. Sehr teure und ebenso sehr lange, hochglanzpolierte Schlitten fuhren einer nach dem anderen vor und wechselten dann routiniert den Fahrer.
Sarah betrat diese Halle und tauchte ein in eine ganz andere Welt, die unglaublicherweise aber direkt neben der sündigen Meile des berüchtigten Hauptbahnhofes existierte. Wo sie draußen gerade noch Bettler und Drogenabhängige gesehen hatte, außerdem einige zwielichtige Gestalten und nicht zu vergessen, die üblichen Bordsteinschwalben. Eine verrückte Gegend, dieser Hauptbahnhof. Und so international! Und nun das… Ein wahrgewordenes Märchen aus betörendem Blumenduft, wunderschönen Farben und feinster Innenausstattung.
Ihre nagelneuen High-Heels, an die sie sich noch nicht ganz gewöhnt hatte, klackerten recht laut auf dem hochglanzpolierten Marmorboden, und in der Mitte des Foyers plätscherte sachte ein beachtlicher Brunnen, der alle überflüssigen Geräusche zu verschlucken schien. Und überall sah man Palmen, richtig große Palmen. Wie im Süden. Sarah fühlte sich in eine andere Epoche versetzt. Schon jetzt war sie restlos begeistert von diesem unerwarteten Ambiente. Eigentlich konnte sie Herrn Fadenmeyer ja doch gut leiden… Und heute ganz besonders. Man bedenke, dass sie unter normalen Umständen nie in dieses vornehme Haus gekommen wäre.
Vornehm und schick!
Fast hätte sie schon wieder an Helge gedacht – und ob er vielleicht auch hier mit einer seiner Flammen zugange gewesen ist. Aber schnell verbannte sie diesen Gedanken wieder aus ihrem Kopf.
Gedankenkontrolle, Frau Feldmann!
Erst kürzlich hatte sie gelesen: Man soll sich von seinen Gedanken nicht terrorisieren lassen. Sonst greifen sie um sich und gewinnen die Oberhand.
Sie musste sie in ihre Grenzen weisen, sonst wäre noch mehr Zeit mit Grübeleien über den längst geschmolzenen Schnee von gestern draufgegangen. Dafür war ihr Leben echt zu kurz, fand sie.
Die üppige Blumendekoration des Hauses ließ sie fast den Atem stocken. Alles wirkte beinahe wie beim Wiener Opernball, den sie leider nur aus dem Fernsehen kannte, aber es war genauso ausladend wie in der altehrwürdigen Staatsoper. Zarte Pastellfarben, zartes Grün und immer wieder reines Weiß. Die meisten Blumen – außer den allseits bekannten Rosen – kannte Sarah nicht einmal mit Namen, ihr fehlte auch der grüne Daumen. Aber sie konnte deren Schönheit erkennen, das genügte ihr vollkommen.
Aus der Bar, die man schon vom Eingangsbereich her einsehen konnte, drangen sanfte Piano-Klänge, die Luft war jetzt schon cocktailgeschwängert. Am liebsten wäre sie direkt an die Theke gegangen und hätte den Abend dort verbracht – bei schummrigem Licht und einem eiskalten Gin-Tonic. Oder zwei, oder drei…
„Guten Abend, die Dame, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ein charmanter Hotelboy mit exakt sitzender „Das-kleine-Grandhotel“-Mütze.
Wahrscheinlich hatte sie geguckt wie eine Landpomeranze, die das erste Mal in ihrem Leben ein Hotel der gehobenen Klasse betritt. So etwas sehen Hotelangestellte den Leuten einfach sofort an, sie besitzen oft eine ungetrübte Menschenkenntnis. Nun ja, heute sollte sie ja etwas lernen… Vielleicht auch, wie man perfekt und ganz weltmännisch (oder weltfrauisch?) ein Grandhotel betritt?
Der Boy schaute sie fragend, aber charmant an. Die Antwort stand noch aus. Sarah war unsicher in dieser ungewohnten Umgebung.
„Ja, das können Sie ganz bestimmt!“, kam relativ bescheiden aus ihr heraus. „Guten Abend erst einmal, entschuldigen Sie bitte. Also, ich suche die Veranstaltung von der Firma „Link Easy Living“. Das ist heute Abend ein Vortrag über richtiges Benehmen und so …“
„Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau, aber Sie haben diesen Vortrag ganz bestimmt nicht nötig. Doch ich zeige Ihnen natürlich gerne, in welchem Saal die Fortbildung stattfindet. Folgen Sie mir einfach. Hier entlang, bitte!“ Sarah hatte Mühe, mit seinem jugendlichen Tempo mitzuhalten. Dann ging es in den Aufzug, und anschließend liefen sie über dicke Flurteppiche, so flauschig, dass man am liebsten die Schuhe sofort ausgezogen hätte. Meine Güte, dachte Sarah, das Hotel ist wirklich groß. Es hätte auch das „Das große Grandhotel“ heißen können. Ob sie jemals wieder hier heraus finden würde?
„So, verehrte Dame, wir sind da! Saal Grizmek, dort findet Ihre Veranstaltung statt.“
„Aber die Tür ist doch geschlossen. Ist noch kein Einlass?“
„Ich befürchte, sie haben schon angefangen. Um 18.30 Uhr war der offizielle Beginn. Aber gehen Sie ruhig hinein. Es ist ja keine Opernaufführung in Bayreuth.“ Er nickte ihr ermutigend zu.
„Na gut. Wenn Sie es sagen. Und herzlichen Dank für Ihre Hilfe. Nun muss ich wohl alleine weiter, in die Höhle des Löwen…“
Der Boy war wieder abgezogen. Dynamisches Kerlchen, fand Sarah. Aber zwanzig Jahre zu jung. Schnell fiel ihr wieder ein, warum sie eigentlich da war.
Du liebe Zeit, wie konnte das nur passieren? Wie peinlich! Sie musste sich wohl in der Hektik des Tages vertan haben, denn auf der Einladung stand tatsächlich 18.30 Uhr. Und nun war sie eine Stunde zu spät! Mist!
Laut Einladung war eine Pause für halb neun geplant. Aber eine geschlagene Stunde vor der Türe vertun? Das war sinnlos. Und eine Stunde in die Hotelbar zu gehen, wäre fahrlässig. Nach dem zweiten Gin wäre ihr die Veranstaltung sowieso total egal gewesen. Und am Montag würde es Ärger mit Herrn Fadenmeyer geben. Nicht auszudenken. Wo das doch die Chance sein sollte für das international ausgerichtete Unternehmen.
Tief Luft holen und durch!
Das tat sie auch. Die Tür ging auf und schätzungsweise 200 Köpfe drehten sich um und schauten genau auf sie. Der Redner unterbrach kurz und begrüßte sie dann: „Herzlich willkommen, junge Dame! Treten Sie näher, kommen Sie herein in die gute Stube! Wir haben die Luft schon angewärmt.“
Genau so roch es aus. Nach angewärmter, verbrauchter Luft. Grrrr. Nicht gerade mit der Atmosphäre des Foyers zu vergleichen. Aber Sarah blickte sich nur nach einem freien Platz um. Und das recht panisch.
„Darf ich Ihnen vielleicht einen Platz in der ersten Reihe anbieten? Hier vorne ist noch frei!“, ermunterte sie der Mann auf der Bühne im gut geschnittenen Anzug. Also ging, oder sagen wir stolperte sie eher Richtung Bühne. Dümmer hätte das nicht laufen können. Sie biss die Zähne aufeinander, der Stress ließ ein paar Schweißtropfen über ihren Rücken laufen, was sie deutlich registrierte.
Der Scheinwerfer blendete unaufhörlich, aber sie hatte zumindest einen freien Platz entdeckt. Der Redner deutete noch in die Richtung. Energisch steuerte Sarah ihre Erlösung an. Bis sie kurz vor dem eigentlich Ziel an irgendetwas hängengeblieben war und sich gerade noch an einer Stuhllehne abstützen konnte, sonst wäre sie noch der Länge nach hingefallen. Dummerweise sprang just in diesem Moment ihre Handtasche auf, und allerlei Inhalt landete auf dem Schoß eines finster dreinblickenden Herrn. Der Rest ihres „Kofferinhalts“ lag auf dem mit Kabeln gespickten Fußboden: diverse Haarbürsten, eine Tupperdose mit Restbroten, gebrauchte Taschentücher, Lippenstifte, allerlei Zettel, Kulis, Tampons, Flügelbinden, ihr Portemonnaie, ein Deoroller und ein angebrochenes Wasserfläschen.
„Verehrte Dame, ich hoffe, es ist alles in Ordnung und Sie haben sich nicht weg getan. Und der Herr hat auch keine bleibenden Schäden davongetragen, soweit ich das von oben hier beurteilen kann!“ Dafür schaute er finster aus der Wäsche, registrierte Sarah, deren Herz mittlerweile auf Hochtouren pochte.
Alle lachten. Die Stimmung war gelockert. Im Grunde genommen auf Sarahs Kosten, aber was soll’s?
„Meine Damen und Herren, lassen Sie uns doch spontan die Gelegenheit nutzen, eine fünfminütige Pause auszurufen. Relax!!! So heißt das Zauberwort… Wir sehen uns also genau um 19.45 Uhr, und bitte beachten Sie: Es ertönt kein Gong! Seien Sie also möglichst pünktlich. Und dann geht es wie geplant weiter! Sie wissen ja: Mit mir, Ihrem Hans-Georg! Ihrem Link zum Easy Living!“
Dann sah Sarah genau diesen Mann von der Bühne springen und auf sie zugehen.
„Darf ich mich nochmals persönlich bei Ihnen vorstellen: Hans-Georg Link!“
„Angenehm, Herr Link! Ich bin Sarah Feldmann, und sorry, ich habe heute erst die Einladung erhalten, bin nur für eine Kollegin eingesprungen. In der Eile muss ich wohl…“
„Kein Thema. Für solche Fälle ist Link Living Easy vorgesehen. Wir machen aus jeder Situation das, was man entspannt nennt. Relax!“
Das war wohl das Motto seiner Firma. Relax! Naja. Zumindest bückte er sich und half spontan, das Taschensammelsurium wieder unter Verschluss zu bringen. Ohne dumme Kommentare, das musste sie ihm hoch anrechnen.
Sarah ärgerte sich jetzt noch mehr, dass sie ihre Tasche nicht schon längst einmal ausgemistet hatte. Und dann auch noch das Tupperdöschen. Mit dem angebissenen Schinkenbrot von heute Morgen. Das hatte sie nun davon! Hoffentlich roch es nicht nach vergammelter Wurst…
„Darf ich Ihnen etwas anbieten, Frau Feldmann? Nach all der Aufregung zu Beginn… Vielleicht einen Orangensaft oder ein Mineralwasser?“ Sarah wurde heiß und kalt, als Herr Link sie so ansah. Was war nur mit ihr los?
„Nein, danke, sehr freundlich. Aber ich habe schon genug Ärger gemacht für den Anfang. Finde ich…“ Ihr war das Ganze oberpeinlich. Was für ein Auftritt! Sie hasste es schon immer, im Rampenlicht zu stehen. Das war einfach nicht ihr Ding!
So spektakulär die Sache begonnen hatte, so interessant ging es weiter. Tatsächlich erfuhr Sarah eine Menge über Fehler, die man im Umgang mit ausländischen Geschäftspartnern machen konnte. Herr Link erzählte praxisnah von Millionenaufträgen, die aufgrund einer falschen Handbewegung platzen konnten. Im letzten Moment! Chinesen finden es zum Beispiel abstoßend, wenn man sich beim Business-Dinner die Nase putzt, auch wenn sie selbst – in unseren Augen – viel unappetitlichere Dinge für normal halten.
„Aber in diesem Fall bringt Ihnen das gar nichts, dass Sie sich vor diesem oder jenem ekeln! Wenn SIE etwas verkaufen wollen, müssen SIE sich an die Gepflogenheiten der Käufer halten. An die Sitten des Landes, an die Besonderheiten der jeweiligen Kultur.“
Das leuchtete Sarah ein. Der Mann hatte etwas zu berichten. Bis vor Kurzem, so erzählte er, war er selbst als Vertreter für allerlei Maschinen „Made in Germany“ im Einsatz gewesen. Und durch seine unzähligen Fehler auf dem internationalen Parkett hat er teils schmerzvoll erfahren, worauf es ankommt im Umgang mit schwierigen Kunden. Oder fremden Kulturen.
„Eines Abends, der Auftrag für eine große Maschine zum Verpacken von Shampoo stand kurz vor der Unterschrift, ein Vier-Millionen-Dollar-Projekt, da gingen wir in ein Restaurant, um den Deal zu besiegeln. Wir waren zu viert und bestellten munter drauf los, denn die Gespräche waren lang gewesen und wir wirklich ausgehungert. Allerdings war es zuviel des Guten und wir waren müde und wollten baldmöglichst zum Ende kommen. Also beeilten wir uns mit dem Essen, ließen eine Menge Reste, weil die Portionen nicht zu schaffen waren – und unterhielten uns beim Essen über Politik. Auf einmal zogen sich die beiden Verhandlungspartner zurück und signalisierten alsbald, dass heute nicht mehr mit einer Unterschrift zu rechnen sei. Morgen vielleicht. Mein angetrunkener Kollege umarmte daraufhin seinen chinesischen Tischnachbarn und wollte Brüderschaft trinken. Daraufhin gingen die Herren freundlich lächelnd. Wir bekamen keinen Fuß mehr in deren Tür! Der Deal war geplatzt!“
Erstaunendes Murmeln erfüllte den Raum.
Herr Link erklärte die Ursache: „Man kann nicht alles über dieses Milliardenvolk wissen, und es gibt viele regionale Unterschiede, die kein Mensch allesamt berücksichtigen kann. Aber es gibt ganz einfache Regeln, mit denen man die größte Katastrophe schon einmal verhindern kann: Keine Vier, die bringt Unglück und Tod, besser die Acht wählen. Wir hätten also einfach das Doppelte an Auftragsvolumen veranschlagen sollen, kleiner Scherz… Nein, aber ganz wichtig bei Chinesen: keine Eile beim Essen, kein Naseputzen – und vor allen Dingen keine Reste auf den Tellern! Das gilt als Verschwendung ist sündhaft in ihren Augen. Darüber hinaus sollte man von Umarmungen und plumpen Begrüßungsküssen absehen, Händeschütteln ist die Obergrenze, aber auch da ist Vorsicht geboten. Last but not least: Jegliche Gespräche über Politik sollten komplett vermieden werden. Das gilt im Übrigen auch fürs Inland, meine Damen und Herren.“
Man hörte leises Gelächter.
„Heute will ich Ihnen, die Sie hier für Ihre Firma diese Informationsveranstaltung besuchen, mein neues Konzept für den Umgang mit Geschäftspartnern vorstellen!“, kündigte er im zweiten Teil des Abends an.
„Es geht hier einerseits um das Kleine Einmaleins im Kontakt mit dem Kunden tagsüber, aber auch beim anschließenden Abendessen oder anderen Freizeit-Events. Andererseits ist es mir, dem Unternehmensgründer von Link Living Easy wichtig, meinen eigenen Kunden, also IHNEN, ein Werkzeug an die Hand zu geben, was jede noch so absurde Situation am Ende in einen „OK-IST-Zustand“ führt. Das heißt: Eine entspannte Ausgangslage, in der gute Geschäfte auf Vertrauensbasis erst möglich werden. Und das kann man nicht allein mit starren Benimmregeln wie aus dem vorigen Jahrtausend, meine Damen und Herren!“
Tosender Applaus im Saal Grizmek!
