Jessas, Maria und Josef - Rainer M. Schießler - E-Book
Beschreibung

Mit diesem Buch spricht Pfarrer Schießler seinem Publikum aus der Seele

»Jessas, Maria und Josef!« - mit diesem Ausruf bei freudigen wie leidvollen Ereignissen ist Rainer Maria Schießler aufgewachsen. Und er begegnet ihm wieder in seiner alltäglichen Arbeit als Wanderprediger und unkonventioneller Seelsorger, als Bayerns bekanntester Kirchenmann und Bestsellerautor. Vor allem deswegen nimmt er in diesem neuen Buch die Themen der Menschen auf, die an ihn herantreten: Es geht um Fragen des Zusammenlebens, des Zweifelns und Glaubens, um das, was im Alltag trägt und Halt gibt.

»Gott zwingt nicht, er begeistert!« ist Schießlers Credo, mit dem er die Menschen, die in Scharen die Kirchen verlassen, wieder mit ihrem Glauben in Berührung bringt.

»Schießler ist ein Pfarrer, der da ist. Klartext-Predigten, Messen für Tiere, Kunstaktionen - ein Pfarrer, der außergewöhnliche Ideen hat.« Abendzeitung (18.03.2016)

»Ein Mann mit Charisma, der auf dem Oktoberfest als Kellner jobbt, sein Gotteshaus füllt und für seine Predigten Applaus erhält.« Focus online (08.03.2010)

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Seitenzahl:440


Das Buch

»Jessas, Maria und Josef!« – mit diesem Ausruf bei freudigen wie leidvollen Ereignissen ist Rainer Maria Schießler aufgewachsen. Und er begegnet ihm wieder in seiner alltäglichen Arbeit als Wanderprediger und unkonventioneller Seelsorger, als Bayerns bekanntester Kirchenmann und Bestsellerautor. Durch seine immer weiter wachsende Popularität ist er als Zuhörer und Ratgeber weit über seine Pfarreigrenzen hinaus gefragt. Vor allem deswegen nimmt er in diesem neuen Buch die Themen der Menschen auf, die an ihn herantreten: Es geht um Fragen des Zusammenlebens, des Zweifelns und Glaubens, um das, was im Alltag trägt und Halt gibt. »Gott zwingt nicht, er begeistert!« ist Schießlers Credo, mit dem er die Menschen, die in Scharen die Kirchen verlassen, wieder mit ihrem Glauben in Berührung bringt.

Rainer M. Schießler

Jessas, Mariaund Josef

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Copyright © 2018 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Neumarkter Straße 28, 81673 München Unter Mitarbeit von Stefan Linde Umschlagfoto: © Susanne Krauss / fotografie, susanne-krauss.com Umschlag: Weiss Werkstatt München E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-22393-9V002www.koesel.de

Inhalt

Vorwort

Besinnung

Bestimmung

Erlösung

Danksagung

Ich spannte meine Schwingen aus und wurde seltsam weit; jetzt überfließt dein kleines Haus von meinem großen Kleid. Und dennoch bist du so allein wie nie und schaust mich kaum; das macht: ich bin ein Hauch im Hain, du aber bist der Baum.

(Rainer Maria Rilke, aus: VERKÜNDIGUNG, Die Worte des Engels)

Ich widme dieses Buch dem kleinen Engel Anna-Viktoria.

Sie hat mich in ihren Augen unseren Herrgott schauen lassen.

Vorwort

Ich kenne kaum einen Menschen, der diese drei Worte »Jessas, Maria und Josef« mit einer solch ehrlichen, aufrichtigen und bewusst gesetzten Inbrunst ausgesprochen hat, wie meine Mutter. Diese Begriffe kamen niemals ungehörig, schlampig, leicht geflucht oder wie ein oberflächlicher frommer Ausspruch daher und waren auch nie so beabsichtigt. Sie waren ein feststehendes Motto für alle Lebenslagen und mit jeweils wechselnden Nuancen: als flehentliche Bitte in Zeiten der Bedrängnis, als Ausdruck der Freude und der Entspannung, wenn eine Gefahr wieder einmal gebannt war, oder auch nur als Bewusstmachung des eigenen Glaubens und der damit verbundenen Überzeugung. Von dieser Grundstimmung her war unser christliches Umfeld getragen: »Der Herrgott weiß genau, wie es mir geht! Ist er doch selbst in einer ganz normalen Familie, unter ganz normalen Leuten und in ganz einfachen Lebensumständen aufgewachsen. Alles weiß er von mir, meine Freuden, mein Leiden, meine Last und mein Glück. Dann soll er es jetzt auch ruhig wieder wissen, da gibt’s immer noch Dinge, die dazukommen zu dem, was er selber erlebt hat. Sei einfach mit dabei in meinem Leben, lieber Gott! Mach mit, lass mich dich spüren – und schon geht’s mir ein Stück besser. Gib mir das Gefühl, dass ich das alles nicht allein erleben oder aushalten, empfinden oder ertragen muss. Die Freude wird noch größer und der Kummer gleich etwas erträglicher, wenn du bei mir bist.«

So, denke ich mir, hätte sie es mir erklärt, meine Mutter, wenn ich sie gefragt hätte, warum sie immer wieder mal »Jessas, Maria und Josef« in bestimmten Momenten ausrief. Sie hat’s mir nicht erklärt, wohl auch deswegen, weil ich nie gefragt habe. Aber ich hab’s gespürt: Hier fleht ein Mensch, der voller Vertrauen ist. »Jessas, Maria und Josef« ist für mich so zum kürzesten und intensivsten Gebet geworden. Darum soll es auch der Titel dieses Buches sein. Wie der Name wollen auch die Gedanken in diesem Buch Freude und Glück, Hoffnung und Zweifel, tiefste Trauer und Not zur Sprache bringen. Alles erdenklich Gute und Schöne, aber auch Niederschmetternde, Frustrierende und Erzürnende im eigenen Leben und in meiner Kirche darf hier zu Wort kommen. Am Ende steht dann aber nicht die Verwerfung, sondern nur der Aufbruch. Nicht Stehenbleiben, nicht Zurückschauen, nur ein ganz bewusstes Nach-vorne-Gehen und Aufbrechen bieten uns und meiner Kirche die Chance auf eine gute Zukunft. Entscheidend dabei ist und bleibt eine positive Nähe zu Gott. Einem Gott, der eben nicht zwingt, maßregelt, zürnt und unterdrückt, sondern einem Gott, der liebt, um uns wirbt, in Liebe bedrängt und begeistern will für das wunderbarste Geschenk, das wir besitzen: unser Leben!

»Gott zwingt nicht, er begeistert«, der Leitsatz meines Berufungslehrers Elmar Gruber ist mir zum Lebens- und Glaubensmotto geworden. Er ist die konsequente Fortsetzung zum Ausruf meiner Mutter: »Jessas, Maria und Josef!«

Ich wünsche allen viel Freude und Erbauung beim Lesen meines Buches.

Rainer Maria Schießler

Pfingsten 2018

Besinnung

Das Leben leben bedeutet mit der Zeit gehen, sich verändern, wandeln – nicht starr werden, brechen und spurlos verwehen. Wandlung ist ein Grundprinzip des Lebens. Das gilt für das Individuum wie für Organisationen. Für Gesellschaftssysteme. Parteien. Und auch die Kirche. Wir wachsen an der Zeit – oder vergehen. Dieses Prinzip zwingt uns Menschen ständig, unseren Kurs zu überprüfen und gegenzusteuern, wo es unser Leben gefährdet. Aber wann geschieht das? Wann und warum nehmen Menschen in ihrem Leben eine Richtungsänderung vor? Überdenken ihr Leben? Definieren sich neu? Suchen einen neuen Sinn? Trennen sich unter Schmerzen von alten, mächtigen Gewohnheiten. Von Freunden, die längst keine mehr sind. Von Strategien, die sich überlebt haben. Von altem Denken, dass in einer neuen Wirklichkeit nichts mehr taugt? Wann endlich finden wir den Mut, all den über viele Jahre angesammelten Ballast abzuwerfen? Den alten, abgenutzten Lebensentwürfen den Rücken zu kehren und sich ohne umzuschauen mutig dem Neuen zuzuwenden, dem Unbekannten mit all seinen Chancen und Abenteuern? Warum zögern wir? Und warum tun wir es so spät?

Oft zu spät? Unter Zwang – statt unsere Zukunft selbst zu gestalten?

»Geh mit der Zeit – sonst gehst du mit der Zeit«, hat mein Vater immer gesagt.

Und wie recht er damit gehabt hat.

Meine eigene Wandlung hat an einem Faschingsdienstag begonnen, unter seltsamen Umständen, denn wie so oft im Leben sind es nicht Planung und Vorsatz, die den Knoten lösen und unserem Leben eine andere Richtung geben – meist geschieht es alternativlos unter Zwang, manchmal jedoch ist es ein scheinbar zufälliges Ereignis, eine Begegnung, eine Tasse voller Kaffee, die umfällt, oder sonst ein banaler Grund, die unser Leben binnen Sekunden in eine neue, völlig unerwartete Richtung schubsen und den Blick auf ungeahnte Möglichkeiten öffnen. Und da es keine Zufälle gibt im Leben, muss es Bestimmung gewesen sein, wenn es geschieht. Der Anlass, der alles ins Rollen brachte und mich zu einer Richtungsänderung in meinem Leben aufforderte, war keine echte Lebenskrise, wie man vermuten könnte – sondern einerseits viel banaler – und dennoch viel elementarer, meine Lust am Leben berührend: nämlich eine Leberkässemmel. An einem Faschingsdienstag war das.

Obwohl ich jeden Morgen freudig als Neuanfang und Beginn eines weiteren Abenteuers mit vielem Unbekannten zu begrüßen suche, will ich doch nicht verschweigen, dass auch ein Pfarrer manchmal mutlos werden kann. An diesem Faschingsdienstag kam einiges zusammen. Es war eine unauflösbare Kette von Verknotungen, die für Missmut sorgte und mich tatsächlich ans Aufhören denken ließ. Irgendwann denkst du, es reicht dir! Und in völliger Niedergeschlagenheit, die einen nach sehr anstrengenden Tagen mit großen Widerständen in totaler Einsamkeit übermannt, eine Leere, die deine Kraft und Begeisterung völlig absaugt, stellst du dir irgendwann doch die Sinnfrage: Wozu machst du noch weiter – wenn es doch immer weniger Menschen zu interessieren scheint?

Bei mir schwelte seit Monaten eine latente Resignation angesichts der fortlaufenden Unbeweglichkeit meiner Kirche, sich in den essenziellen Fragen der Zukunft zu öffnen: wie wir Kirche und Glauben wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen, wie wir Frauen am Gottesdienst beteiligen, ob wir Wiederverheiratet-Geschiedene ernsthaft weiterhin von der Kommunion ausschließen wollen oder die immer noch fehlende Akzeptanz und Ausgrenzung von gläubigen Menschen, die sich entschlossen haben, gleichgeschlechtlich zu lieben und zu leben, sowie die ungeklärte Lösung für ein reformiertes Zölibat, das nicht länger Voraussetzung dafür ist, seiner Berufung als Priester nachzugehen, sondern sich öffnet und Raum lässt, auch als verheirateter Mann und Vater Priester zu sein.

Meine Lebenskrise war nie die Krise meines Glaubens, das wird es nie sein – sondern ist die Krise meiner Kirche, weil sie so unfähig scheint, sich in einer Zeit zu wandeln, die nichts dringlicher fordert, als es rasch und umfassend zu tun.

Es sind die Tage, an denen du unter der Last der Verwaltungsaufgaben erstickst, die dich von deiner eigentlichen Tätigkeit als Seelsorger abhalten. Mir lag eine Beschwerde offenbar neu ins Viertel gezogener Glockenfeinde vor, weil ich sonntags angeblich wieder zu früh, zu laut und zu lange läuten würde und sie sich in ihrer Morgenruhe gestört fühlten. Unsere Telefonanlage war mal wieder ausgefallen, der gesamte Telefonverkehr des Pfarramtes lief über mein kleines Handy und ein grippaler Infekt hatte mich angefallen, das Einzige, was mir die Stimme verschlägt und mich wortlos zurücklässt. Männern mit so einer derben Grippe rate ich, sich schon mal mit feuchter Erde einzureiben. Hilft zwar nicht – aber sie gewöhnen sich schon mal dran: das sie mitten im Leben dem Tode geweiht sind. Dazu kamen die neuen Zahlen der Kirchenaustritte und erneut hatten Gläubige in der Größenordnung der Stadt Wuppertal mit 350000 Einwohnern beiden Kirchen in Deutschland den Rücken gekehrt.

In diesem Zustand der Unzufriedenheit schnappte ich mir nach zwei äußerst unerfreulichen und zeitfressenden Telefonaten mit der Störungsstelle der Telekom – über Handy, weil meine Telefonanlage ja defekt war – meine französische Bulldogge und Sportschau-Partner »Phili« und ging einfach mal ein paar Minuten Gassi, frische Luft schnappen an der Isar entlang, um auf andere Gedanken zu kommen. Vorbei an meinem Vorbild für perfekten Service, dem weit über München hinaus bekannten 24-Stunden-geöffneten »Standl« von Harry an der Reichenbachbrücke, ging ich zu jenem Erker in der Mitte der Brücke, von dem schon einst Monaco-Franze seiner Liebe zu Michaela May nachgehangen hatte und ich meiner, mit Panoramablick auf das verkehrsumtoste Kirchenschiff von Sankt Maximilian. Ich dachte, wie sollte es weitergehen? Würde ich der Letzte sein, der in Sankt Max das Licht ausmacht? Ich machte mir innerlich Mut. Sankt Max hat in den über hundert Jahren seit der Einweihung schon Schlimmeres überstanden.

Den Rumpf des Kirchenschiffes von Sankt Max umschließt eine hohe Mauer aus Steinquadern, die in den Feinstaubschwaden des Münchner Verkehrs und den Brandnächten des Zweiten Weltkrieges schwarz geworden sind. Diese Mauer war für die Ewigkeit gebaut, massiv wie die Klagemauer in Jerusalem. Doch auch diese Kirche wurde durch den Krieg völlig zerstört. Mehrfach schwer getroffen im Bombenhagel der Luftangriffe auf München zwischen September 1943 und November 1944. Die Generationen vor uns haben noch während des Krieges in den Trümmern des Seitenflügels mit bloßen Händen eine Notkirche errichtet, als Zeichen der Hoffnung, dass Friede wird und es weitergeht. Sie wollten ihre Kirche am Leben erhalten, als Platz, wo sie Gemeinschaft sind und die Eucharistie feiern können, egal wie schlecht und kalt die Zeiten damals waren. Es waren die Frauen und die Alten, denn die Männer im wehrfähigen Alter waren weit fort, in Russland an der Front. Ich frage mich, ob wir heute noch genügend Menschen finden würden, die diese Kirche mit ihren eigenen Händen wieder aufzubauen bereit wären, einen großen Teil ihres Einkommens und ihrer Zeit zu opfern, damit im Turm die Glocken wieder läuten und die Gläubigen zusammenrufen. Ich bewundere die Leistung der Menschen, die dieses Wunder, wie es mir heute erscheint, vollbracht haben. Die treuen Mitglieder meiner Gemeinde, da bin ich sicher, hätten trotz der vielen Austritte der vergangenen Jahrzehnte noch den Willen, eine solche Aufbauleistung zu vollbringen – in anderen Gemeinden sicher nicht. Denn die Kirchen sind längst nicht mehr Sammelpunkt in der Mitte der Gesellschaft. Mancherorts werden sie schon aufgegeben. Die Gemeinschaft der Gläubigen wird kleiner und immer weiter an den Rand gedrängt. Wo die Gemeinden nicht mehr leben, sich nicht mehr entwickeln, weil die Impulse fehlen, hört das Herz auf zu schlagen. Negativer Spitzenreiter bei den Austritten bundesweit war mein Erzbistum München und Freising, das 2016 einen Schwund von knapp 18.000 Gläubigen zu verzeichnen hatte. Das war zwar ein leichter Rückgang zu den Vorjahren – auch hatte die Zahl der Taufen leicht zugenommen. Aber durfte ich diese Erosion, wie Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz es öffentlich tat, als Erfolgsmeldung so umdeuten wie er, dass er in diesen Zahlen ein Zeichen sieht, dass es nach wie vor den Wunsch gibt, in der Kirche verankert zu sein, und dass er sich freue, dass ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands weiterhin zur katholischen Kirche gehöre? Allein wegen eines leichten Rückgangs auf einem immer noch derart hohen Niveau der Austritte? Gilt auch in meiner Kirche das »Weiter so«? Muss ich mir auch hier den Satz bieten lassen »… ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssen«? Dieses »Wir schaffen das«, ohne einen Weg zu weisen, wie wir das schaffen sollten? Die Mauer von Sankt Max steht noch, aber als Folge der Bomben haben sich tiefe Risse aufgetan. Große Klammern aus Stahl sollen die weitere Spaltung verhindern und die Risse werden mithilfe spezieller Messgeräte unseres diözesanen Baureferates regelmäßig kontrolliert, ob sie sich weiten. Diese Risse, auf die ich täglich schaue, gehen viel tiefer, sind ein Sinnbild für mich für all das, was sich in meiner Kirche und in unserer gesamten Gesellschaft vollzieht: eine Spaltung und ein Auseinanderdriften in der Mitte der Gesellschaft. Ich fragte mich immer wieder, ob die Entwicklung zu stoppen wäre? Was kannst du tun, um den weiteren Zerfall aufzuhalten? Tust du genug und vor allem: Tue ich das Richtige? Stimmt dein Handwerk? Wie kannst du die Menschen, die sich abgewendet haben, mit deinem Glauben und der frohen Botschaft wieder in Berührung bringen und sie zurückgewinnen? Wie kann es gelingen, das Licht weiterzutragen, es zu schützen, wenn ein Windstoß es zum Verlöschen zu bringen droht? In diesem innerlich zerrissenen Zustand begann meine Zeit der Wandlung am Morgen des Faschingsdienstags, dem Endspurt im Münchner Faschingstreiben. Jener uralten Tradition des bayerischen Anarchismus, maskiert eine Auszeit zu nehmen, das Leben zu genießen und so der Obrigkeit den Mittelfinger zu zeigen. Ich nahm Phili wieder an die Leine und schleppte mich, von Grippewellen hin- und hergeschleudert, von den Isarauen weiter durchs Gärtnerplatzviertel.

An der nächsten Apotheke bin ich wie ein Sack voll Elend durch die Tür gefallen und habe mal kurz das Regal mit den Antigrippemitteln abgeräumt und mir wie Benjamin Blümchen die Schniefnase geschnäuzt. Die Apothekerin nahm mir Leidendem mit spitzen Fingern den virenverseuchten 50-Euro-Schein aus den Händen und fragte mich mit diabolischem Sanftmut, ob ich wisse, warum es heißt »der Schmerz«? Ich, ein schniefendes Fragezeichen im rotfiebrigen Gesicht, schüttelte den Kopf? Ihre Antwort: »Weil Schmerzen immer männlich sind!« Tor! Jubel in der Fankurve. Beim Hinausgehen trat sie noch einmal nach. »Auch Frauen leiden, wenn sie krank sind – sie sterben nur nicht gleich wie Männer!« Die Grippemittel hatte sie mir mit einem treuherzigen Augenaufschlag in einer Papiertüte überreicht, auf der ich – schon wieder draußen – lesen musste: »Gott hat die Männergrippe nur erschaffen, um uns Frauen zu prüfen.« Und damit nicht genug, auf der Rückseite stand: »Spiel mir das Lied von der Männergrippe.« Hallo? Mir wurde zum ersten Mal so richtig bewusst, dass es nicht nur Klischees den Frauen gegenüber gibt. Ich bin kränker und fertiger aus dieser Apotheke raus, als ich reingegangen bin! In diesem traurigen Zustand ließ ich mich von Hund Phili durch die Straßen schleifen. Was für ein Morgen!

Auf meinen üblichen Wegen zwischen den Polen meiner beiden Kirchen – Sankt Maximilian im Süden und Heilig Geist im Norden, direkt am Viktualienmarkt – durchstreife ich – ein guter Pfarrer ist immer im Dienst – mit wachen Augen das Viertel. Meist zu Fuß, viel auf dem Fahrrad – aber nie mit dem Auto und dem Motorrad, denn die sind für längere Fahrten. Weil ich die Wege oft mehrfach am Tag zurücklege, mal flanierend wie seinerzeit der alte Münchner Stadtkolumnist Siggi Sommer, dem man am Marienplatz ein Denkmal gesetzt hat, mal als Kugelblitz auf dem Fahrrad, tief über den Lenker gebeugt – wenn die Zeit zwischen den Terminen wieder mal zu knapp ist, registriere ich seismografisch jede Veränderung im Viertel. Ich sehe die Umzugswagen, wenn wieder eine Familie mein Viertel verlässt. Ich sehe die Ladenbesitzer kommen und gehen. Sie starten mit viel Optimismus und Luftballons im Fenster und am Ende steht dort immer das hässliche Schild »Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe«. Die Laufkundschaft bleibt aus. Amazon kommt schneller und billiger. Und manchmal denke ich, wann hängst auch du genauso ein Schild vor deine Kirchentür. »Räumungsverkauf!« Ich staune, weil bestimmte Verkaufsflächen immer dieselben Sortiment-Anbieter anziehen, die im lustigen Reigen immer wieder Pleite machen, als würde sie niemand warnen und die Geschäftsnachfolger nie die richtigen Schlüsse ziehen: wie man es erfolgreich macht. Sie wandeln sich nicht und gehen an der falschen Einschätzung der Grundbedürfnisse ihrer Kunden zugrunde. Sie vermuten nur, was ihre Kunden wünschen. Wissen tun sie es nicht. Sie beherrschen ihr Handwerk nicht. Den kundenorientierten Verkauf. Du musst dein Handwerk beherrschen. Das muss meine Lehre gegen die Leere sein. Und so ändern wir in meiner Gemeinde stetig das Sortiment für unsere Kunden, überraschen, lauschen nach, wie sie reagieren, und versuchen neue attraktive Angebote zu entwickeln, die zusätzlich Kunden anziehen, vor allem die Jüngeren, die gerade Zugezogenen – möglichst ohne die Alten zu vergraulen. Ein Spagat. Aber mein »Laden« ist zu den Gottesdiensten immer voll. Viele kommen inzwischen von außerhalb, weil sie es in ihrer Heimatgemeinde nicht mehr aushalten, die Leere, die schlechten Routinepredigten, das Desinteresse und die überall spürbare Gefahr der Geschäftsaufgabe. Wie ist es denn heute in vielen Kirchen? Leer. Einsam. Deprimierend. Wir Priester sitzen alleine in unseren Beichtstühlen und beten unser Brevier für die ganze Woche im Voraus, weil keiner mehr kommt. In die Kirche nicht. Und zur Beichte schon gar nicht. Ich nehme Beichten an sich nur noch nach Terminabsprache ab. Bei uns in Sankt Max stehen in einem der alten, nicht mehr benutzten Beichtstühle Staubsauger und Farbkübel und eine Kabelrolle drin. Das ist doch auch irgendwie sinnbildlich: der alte Beichtstuhl ist out. Mittelalter. Der neue Beichtstuhl heißt Facebook, vielleicht auch schon auf dem absteigenden Ast, oder Instagram – oder es sind die neuen Partnerschaftsbörsen, wo sich Menschen in einer so atemberaubenden Offenheit entblößen und in ihrer vollen Sünde präsentieren, wie ich es im Beichtstuhl nicht mal annähernd selbst in den »Sternstunden« erleben durfte – aber das ist alles schon lange Vergangenheit. Die Menschen zieht es heute woanders hin, sie haben den tieferen Sinn der Beichte vergessen – als Akt der Selbstreinigung, sein Gewissen zu erleichtern, Freiräume zu schaffen, wo Belastendes Neues verhindert. Für mich als Pfarrer gilt das Beichtgeheimnis – aber in den Sozialen Medien gibt es diesen absoluten Schutz nicht. Die Menschen scheinen den auch gar nicht zu vermissen und geben alles freiwillig preis, schimpfen aber vorurteilsbeladen über die Beichte. Während die einen Narrenfreiheit haben, muss ich mich oft rechtfertigen, wenn die Frage kommt: Warum bist du noch in der Kirche? Ich frage dann zurück: Warum bist du es nicht mehr? Ich kann es nicht leugnen – auch in meiner Gemeinde treten jedes Jahr ca. hundert Menschen aus. Obgleich ich mit die höchsten Neu- und Wiedereintrittszahlen in München haben darf, kann mich das nicht beruhigen: wir schrumpfen weiter. Wenn auch viel langsamer. Und trotzdem, wenn wir den Trend zum Austritt nicht drehen, bin ich bald der Letzte, der das Licht ausmacht in Sankt Max. Ich spüre doch täglich, wie rasend schnell sich das Viertel und meine Stadt verändern, wie gewohnte, oft lieb gewonnene Gesichter des Viertels sich auflösen in Erinnerungen, oft unter meinen eigenen Predigten und Gebeten, die ich an ihrem Grab halte, in das sie versinken. Natürlich gibt es auch Konstanten im Viertel, Kneipen, Bäckereien, die sich nie ändern und zum Inventar gehören, genau wie einige Originale, die schon immer da waren und auch hier sterben werden und sich an ihren Tresen das Leben interessanter trinken. Aber das ist die Ausnahme. Die Regel ist Veränderung. Drastische Veränderung, die ich bemerke, weil ich inzwischen selbst eine Konstante bin. Ich bin der Pfarrer dieses Viertels. Seit 25 Jahren Chef im Ring. Ich merke, wie die Gemütlichkeit in diesem einstigen Münchner Handwerkerviertel weicht, dessen Betriebe mehr und mehr von hippen Werbeagenturen, Coaching-Büros, Boutiquen, Galerien und Goldschmiedeläden verdrängt werden. Das einst vorherrschende oberbayerisch angehauchte »Münchnerisch« ist, seit ich hier arbeite und lebe, einem sehr bunten und lauten Gemisch vieler Dialekte und Sprachen gewichen. Und das ist, was ich am alten München wirklich vermissen werde: dieses leichte, lebensfrohe Bayerisch. Ein Bayerisch, das jeder versteht und trotzdem unverkennbar Dialekt ist. Meine Muttersprache. Ich bin all den Menschen, die mit mir Dialekt gesprochen haben, vor allem meinen Eltern unendlich dankbar. Es gibt viele Dinge im Leben, die lassen sich nur auf Bayerisch ausdrücken. Aber immer weniger Menschen verstehen das – weil sie selbst kein Bayerisch mehr sprechen und auch nicht Bayerisch denken können, mit seiner doppelten Verneinung schon gar nicht. Die Welt meiner Kindheit ist im Umbruch. Bayern und München verzeichnen den größten Bevölkerungszustrom in ihrer Geschichte. Mein Viertel ist »bunt« und spiegelt schon die kommende Demografie der »Neuen Zeit«, wie sie uns die Politik verheißt. Und es geht noch gut, weil in meinem Viertel nur eine kaum sichtbare Armut herrscht, gemessen an den sozialen Brennpunkten der anderen Metropolen mit ihren angeblichen oder tatsächlichen »No-Go-Areas«. Die gibt es in meinem Viertel nicht, denn dafür sind hier die Mieten inzwischen viel zu hoch. Hier wohnen die Reichen und Erfolgreichen – aus allen Nationen und Weltgegenden. 25 Jahre Pfarrjubiläum in Sankt Max – das bedeutet in diesem Viertel die Synthese aus Schnitzel-Döner, Leberkäs-Falafel, Kopftuch-Nerdcaps und Halal, aus Kirche und Moschee, gegen Trumpismus, für Toleranz, für Schwule und das Sakrament der Ehe, für Glaube in alle Richtungen, auch Aberglaube, Atheismus, AfD und Modernität. Mein christlicher Glaube ist längst nicht mehr tonangebend, nur noch eine »Denkrichtung« unter vielen anderen Lebensentwürfen, die nicht nur gleichberechtigt nebeneinanderstehen – sondern miteinander in Konkurrenz treten. Dass der christliche Glaube das Fundament der Politik in Deutschland sein sollte, lehnen nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage Anfang 2018 mit 59 Prozent bereits weit über die Hälfte der Deutschen ab – während nur noch 38 Prozent dem zustimmen, bei 3 Prozent, die überhaupt keine Meinung dazu haben. Und das obwohl sich die großen C-Volksparteien, sogar in ihrem Namen, die Verpflichtung auf die christlichen Werte ins Programm geschrieben haben. Ein elementarer Umbruch innerhalb weniger Jahre. Man mag das beklagen, aber was hilft all das Jammern, wenn die Menschen mit eingetragenem christlichen Glauben auf der Lohnsteuerkarte, gleich welcher Konfession, kaum noch etwas über die spirituelle Bedeutung der kirchlichen Feiertage wissen und sich noch weniger dafür interessieren, mal abgesehen von Weihnachten und Ostern vielleicht. Nur noch 5 Prozent der Katholiken in Deutschland besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Viele ahnen es – aber realisieren immer noch nicht, welche Verwerfungen dieser gesellschaftliche Epochenwandel in kürzester Zeit nach sich ziehen wird. Wir erleben Wandlung. Sind mitten drin. Es bedeutet, dass wir als Kirche nicht länger bequem sein dürfen und uns mit unseren Werten, wenn wir sie erhalten wollen, dieser Konkurrenz stellen und in den – friedlichen – Wettbewerb treten müssen – oder schrumpfen werden und uns selbst aufgeben. In manchen Regionen geht es inzwischen darum, zu zeigen, dass wir überhaupt noch da sind, dass es uns gibt. Wie jetzt bei einem Pilotprojekt in einem Essener Problemviertel, einer Stadt, in der seit 2006 24 Kirchen auf der Schließungsliste stehen. Und das bedeutet: Entweihung. Verkauf. Abriss. Oder Wandlung in Supermärkte und Discotheken. Ende! Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen steht der Religionsunterricht an den Schulen auf der Kippe, weil immer weniger Kinder daran teilnehmen, besonders an den Haupt- und Grundschulen mit ihrem besonders großen Anteil von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund – mit stellenweise über 50 Prozent. Die christliche Prägung insgesamt lässt nach, im Ruhrgebiet stellen Muslime an Grundschulen bereits mancherorts die (relative) Mehrheit. Folge all dessen: Schulen haben wachsende Probleme, Religion nach Konfessionen zu unterrichten. Kaum noch die Hälfte der Schulen bietet heute nach Konfessionen getrennten Religionsunterricht an. Konfessionssensibles Unterrichten gibt es vielerorts nicht mehr. Der bekenntnisorientierte Unterricht ist längst einem eher allgemein ethisch orientierten Religionskundeunterricht gewichen. Die vielfach gepriesene Lösung einer »Ökumene« mit einem gemeinsamen christlichen Religionsunterricht beider Konfessionen scheitert, weil von den fünf zuständigen Landeskirchen das Erzbistum Köln zunächst nicht mitziehen will, weil dort, so die Begründung, noch immer jeder dritte Schüler zumindest laut konfessioneller Zugehörigkeit katholisch sei. Im Gegensatz dazu kennt der neue islamische Religionsunterricht keine Aufgliederung in Schiiten und Sunniten. Die haben Ökumene – ein organisatorischer Vorteil. Gleichzeitig werden im Erzbistum Köln, der einstigen Hochburg des deutschen Katholizismus, die sechs Stadtpfarreien wegen Priestermangel zu einer Verwaltungseinheit zusammengelegt – dem neuen »Sendungsraum Köln«, wie es jetzt heißt, was nichts mit dem dort ebenso ansässigen WDR zu tun hat, der auch mit dem Generationenabriss seiner Zuschauer und fehlender Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu kämpfen hat. Noch ist die katholische Kirche mit 904 Bildungseinrichtungen und 360.000 Schülern und 32.000 Lehrern bundesweit der größte freie Schulträger in Deutschland. Aber wie lange noch? Die Schülerzahlen sind nicht zuletzt auch wegen der Missbrauchsfälle 2015/16 um weitere 12.000 zurückgegangen – aber eben auch wegen der Schließung von 60 Schulen, von 350 auf 290 in 2017. Die großen kirchlichen Orden, die seit Jahrhunderten Bildung als Missionsauftrag gesehen haben, verlieren wegen Nachwuchsmangel und ihrer enormen Überalterung zunehmend an Bedeutung und müssen ihre Schuleinrichtungen in die Hand der Diözesen übergeben. Es gibt inzwischen ein echtes Süd-Nord-Gefälle, was die Erosion meines Glaubens und den Niedergang der Institution der Amtskirche anbelangt. Während das Erzbistum Hamburg mit einem Fehlbetrag von 278 Millionen Euro kurz vor der Pleite steht und zum Entsetzen der Eltern acht seiner 21 Schulen schließt und sich damit aus ganzen Stadtteilen völlig zurückzieht und damit hier auch noch den letzten Kontakt zu Jugendlichen verliert, verzockt das Bistum Eichstätt 60 Millionen Euro Kirchengelder mit Immobilienspekulationen in den USA. Bistümer mit verarmenden Metropolenregionen wie Hamburg, Berlin, Bremen oder dem Ruhrgebiet leiden im Zuge der demografischen Veränderungen am heftigsten unter Bedeutungsverlust und den finanziellen Folgen der Kirchenaustritte. NRW ist dabei ja nur Vorreiter für das, was angesichts einer sich rapide verändernden, multikulturellen Demografie bald überall Realität sein wird. Wir suchen Antworten auf diese Entwicklungen – aber wir finden keine. Wir haben kein erfolgreiches Konzept, wie mit diesem Wandel umzugehen ist. Genauso wenig, wie wir noch ausreichend Priesternachwuchs generieren. Wir schrumpfen und verschwinden von der Fläche. Die Kirche verliert an Strahlkraft, Anziehung und an Wirksamkeit mit jedem Gläubigen, der sich abwendet.

Meine Kirche hat ihre unangefochtene Monopolstellung des vergangenen Jahrhunderts längst verloren. Es ist nicht mehr so, dass uns die Menschen sonntags in Scharen zuströmen, freiwillig in die Kirchen kommen, weil Gottesdienst und Kirche der natürliche Teil des gemeinschaftlichen Lebens ist, so, wie es in meiner Jugend noch war. Die Ströme fließen in die Gegenrichtung, von uns fort, und wir Priester, so schwer das einigen fallen wird, müssen runter von unserem hohen Ross und wieder lernen, dass wir jedem, wirklich jedem Menschen in unserer Gemeinde im positiven Sinne hinterherlaufen und um jeden Gläubigen kämpfen müssen. Lernen, dass wir Dienstleister sind im Glauben, dass wir jeden Tag Fußwaschung haben, nicht nur symbolisch, nicht nur für die Länge eines schönen Chorals und nur einmal im Jahr am Gründonnerstag, sondern täglich geht der Pfarrer mit mir auf Augenhöhe – und noch tiefer: auf Hühneraugenhöhe. Wann lernt meine Kirche wieder Hühneraugenhöhe? Das ist noch weiter unten. Und von ganz unten zum Gläubigen aufschauen. Das muss die Lebensmentalität und unser Auftrag als Priester sein: DIENEN. Und so lautet mein 12. Gebot: »Das Hühneraugengebot«. Während ich mich so voll in Rage dachte und, von Phili geschleift wie ein Sklave, in den Ketten meiner Grippe gefesselt willenlos durch die Straßen torkelte, bleiben meine gripperoten Augen plötzlich an einer großen Schaufensterscheibe kleben, die den Blick auf etwas bot, was mich völlig in seinen Bann zog. Es war einer dieser neuartigen »Bodystreetläden«, von denen ich seit Kurzem immer wieder Werbeflyer in unserem Briefkasten fand und die als ultramoderner Trend jetzt auch in meinem Stadtviertel überall wie Pilze aus dem Boden zu schießen schienen. Ein Trend, der mich einerseits mit Neugier für Neues erfüllt – andererseits aber auch mit ernster Sorge um das Wohl der Kunden dieser Läden. Denn wie der Flyer verspricht, entsteht hier Fitness durch Elektrizität. Durch Stromschläge!

Ich nahm einen Flyer aus der praktischen Info-Box am Eingang und las: »Bodystreet« sei eine »revolutionäre Fitnessmethode aus der Astronautik«. Na bitte: Dem Himmel ganz nah! Modernste sportmedizinische Erkenntnisse, las ich weiter, kämen zur Anwendung. »Hohe Wirksamkeit durch viele Studien bewiesen.« Aha. Phili zerrte ungeduldig an der Leine, nachdem er schon mehrfach gegen den Ladeneingang gepieselt hatte. Ich aber blieb gebannt stehen, denn was ich hier zum ersten Mal sah, war tatsächlich elektrisierend. Zum einen lockte die Werbung mit dem Slogan: »Testen Sie das zeitsparendste Training, das Sie je kennengelernt haben!« Zum anderen sah ich hinter den leicht beschlagenen Scheiben perfekt gestylte Körper, schwerelos leicht wie im Weltraum auf einem Laufband durchs Leben federn, Männlein und Weiblein, schön wie Apoll und Aphrodite, himmlisch, gottgleich, absolut gutaussehend. Es ist wie in der Fernsehwerbung für eine Flirtline: »Ich parshippe jetzt!«, sagen da zwei wunderschöne Menschen, Männlein und Weiblein. Ja, für was denn um Himmels willen brauchen denn solche Leute eine Flirtline? Die finden doch selber einen Partner, denkt man sich, wenn man sie sieht. So wie die Menschen hier in diesem Fitnessladen: Wozu trainieren die eigentlich? Die haben den perfekten Körper doch bereits! Ich schaute an mir herunter. Sah meine ganze schwere Bodenständigkeit eines Apolls mit Wurzeln in Niederbayern. Und dachte: Das wäre doch was für dich selbst?

Für leicht adipöse Männer wie mich, mit einer Bauchwölbung, die nicht auf Unterernährung zurückzuführen ist – andere würden sagen »ein gestandenes Mannsbild« –, klingt die Botschaft dieser Läden gerade am Tag vor Aschermittwoch, dem Beginn der Fastenzeit, äußerst verführerisch. Ich hatte eh vorgehabt, etwas zu ändern, wieder so fit zu werden wie damals, als ich als Kaplan noch mit den Jugendlichen in Rosenheim Eishockey spielte. Die Spaziergänge mit Phili waren offenbar nicht ausreichend als Abnehmprogramm und ein bisschen Training könnte nicht schaden, angesichts der auch körperlichen Anforderungen in meiner Arbeit, wenn ich wieder auf meine Kirchtürme zu den Glocken stürmen muss. Mit dem Ende der Faschingszeit wäre auch der Anlass da. Am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei – der Fasching und die Völlerei und die Fastenzeit beginnt. Alles Jammern und Klagen hilft nichts. Bier und Schweinsbraten werden auf die Seite gestellt und beim Wirt unter frommem Gebet nur Salat bestellt und ein Wasser. Modern. Ohne Kohlensäure. Ein Alptraum für barocke Genussmenschen wie mich – und genau an dieser Stelle meines Traumes wache ich auch stets immer schweißnass auf, richte meinen Blick zum Himmel und sage: »Gottseidank nur ein Traum!« Aber ich wusste auch, dein Bäuchlein ist da, genau wie die Fastenzeit, die jetzt begann. Und der Speck muss weg.

Ich versuchte durch die leicht beschlagenen Fenster der Panorama-Glasfront tiefer in den Laden zu spähen, die man zum Kundenfang in den kleinen Eingang des alten Milchladens gerammt hatte, der hier früher gewesen war. Einer der vielen kleinen Nachbarschaftsläden, in denen vor allem die alten Menschen im Viertel, ohne größere Wege zurückzulegen, noch schnell Brot und Butter, Mehl und Zucker, ein bisschen Gemüse und all die notwendigen Artikel für den täglichen Bedarf kaufen konnten. Die ebenso alten Besitzer, die ihre Läden auch nach Jahrzehnten Arbeit von früh bis spät immer noch weitergeführt haben, weil die Rente nicht reicht, sterben langsam alle weg – genau wie ihre Nachbarn und Stammkunden und schmerzhafte Lücken tun sich auf. Die restlichen Nachbarschaftsläden, Läden mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, schließen, erdrückt von der Konkurrenz der großen Discounter. Veränderungen. Wandlung. Auch in meinen Kirchenbänken wird dieser Umbruch in der überalterten Bevölkerungsstruktur spürbar – denn gerade die alten Leute sind die treuesten Kirchengänger.

Hinein in diese musealen Gedenkstätten aus einer vergangenen Zeit drängen nach kurzer Renovierung zu ungeheuren Mietpreisen nun auch diese »Bodystreet«-Läden: »Warum ständig trainieren, wenn 20 Minuten locker reichen?« Was wäre, dachte ich, wenn ein ähnlicher Slogan über deiner Kirchentür stehen würde: »Warum ständig beten und beichten, wenn 20 Minuten locker reichen?« Würden dann wieder mehr Menschen kommen? Auch die Jungen? »Kirche to go«? »Jesus – light, ohne Schmerz und Kreuzigung?« Eine echte Versuchung, durchfuhr es mich spontan. Doch ich verwarf den Slogan gleich wieder und las weiter: »Testen Sie das zeitsparendste Training, das Sie je kennengelernt haben!« Aber wie sollte das gehen? Auf so wenigen Quadratmetern? Praktisch bewegungsfrei und ohne Anstrengung binnen 20 Minuten wieder fit werden? In diesem ehemaligen Milchlädchen, in dem man früher nur mit einer Körperdrehung alles aus den Regalen ziehen konnte, so klein wie der war?

Ich möchte betonen, dass ich ein Naturmensch bin und die Isarauen mit ihren kilometerlangen Wegen, auf denen man ohne auf ein Auto zu treffen bis Bad Tölz und weiter noch bis an die Alpen durchlaufen könnte, von diesem Laden nur wenige Hundert Meter weit weg waren und die zwischen den Wolken durchbrechende Sonne durchaus zu einem Dauerlauf durch Mutter Natur einlud. Aber es ist ja nur Natur …

Drinnen erblickte ich zwei, drei Laufbänder. Auf dem einen lief eine junge Frau, an Drähten hängend wie eine Marionette, die sich, heftig angefeuert von einem Trainer, zu lauter Musik unter Zuckungen dehnte und streckte. Es waren zwei dieser neuen asketisch und drahtig wirkenden Menschen, die verstärkt ins Viertel ziehen, weil sie sich, mit hohem Einkommen gesegnet, die teuren Mieten leisten können. Dafür wird offenbar an Essen und Genuss gespart. Hauptsache, die Optik stimmt. »Schlank, rank und gesund«, so heißt der neue religiöse Kult einer modernen Gesellschaft, die es sich leisten kann, dabei trotzdem ständig im Überfluss zu leben. »Oh, du hast aber schön abgenommen!« Wenn einem das doch endlich gesagt wird! Sofort fühlen wir uns geschmeichelt und geehrt: Ja, wir haben wirklich Großes vollbracht! Auf den Straßen sieht man sie immer perfekt gestylt mit großen Kopfhörern herumlaufen und in ihr Smartphone schauen. Fitness ist eines ihrer Karrieremerkmale und Zeitoptimierung ein Lebensziel. Damit passen die Bodystreetläden voll in die sich wandelnden Lebenskonzepte unserer Zeit.

Die Fitness auf engstem Raum wird dadurch gesteigert, las ich weiter im Prospekt, dass sich die Fitnessjünger zu Ihrem Body-Gottesdienst einen Gürtel umschnallen lassen, der ihre Muskulatur mit Stromstößen auf Zack bringt. Mir war vom Prinzip her nur nicht klar, ob die Stromstöße dann kommen, wenn die Delinquenten zu langsam laufen, als Anreiz, es schneller zu tun – oder ob generell die Muskulatur mittels Stromstößen zur Kontraktion gebracht werden soll, was angeblich den Trainingseffekt durch vermehrte Beanspruchung der Muskeln erhöht, wie ich beim Weiterlesen feststellte. Unsere Nerven und Synapsen steuern tatsächlich durch minimale elektrische Ströme und Impulse die Muskeln und unsere Bewegungen. Warum sollte man dieses Prinzip nicht nutzen durch ein Vielfaches an elektrischer Spannung? Mehr Volt statt Isarauen. Eigentlich eine gute Idee. Ich könnte sogar bestätigen, dass es wirklich funktioniert. Hatten wir nicht als Jugendliche auf dem Bauernhof meines Onkels in Niederbayern als Mutprobe gegen jenen Elektrozaun gepinkelt, der die Kühe umhegte. War der Effekt ein ähnlicher wie damals, konnte man sich eine durchgreifende Wirkung versprechen. Jedenfalls hatten wir uns unter heftigen Kontraktionen der Muskulatur minutenlang auf dem Wiesengrund gewälzt. Ich sah der gertenschlanken Blondine zu, wie sie sich abmühte – betreut von ihrem »Hohepriester«, der die ganze Zeit an ihr herumhantierte, dass man neidisch werden konnte, registrierte scharf, wie er, die Elektroschocker-Manschetten auffällig oft nachjustierend und an den Reglern drehend, sie anfeuerte. Das Team sah seltsam entrückt aus. Mensch-Maschine. Welt am Draht. Warum gehen diese jungen Menschen nicht in die Natur, sondern setzen sich freiwillig diesen Torturen aus? Dachte ich. Die Frau schien mir pumperlgesund. Kein Gramm Fett an diesem »Weiberl« – das ist doch so, als wenn Gesunde ins Krankenhaus gingen? Ob bodychange oder easylife – Tricks, Pillen und Säfte auf dem Weg zur Slimfit-Figur gibt’s das ganze Jahr über in rauen Mengen – die Angebote auf dem ganzen Gebiet der Fitness und der gesunden Ernährung sind unendlich. Still und leise haben so Fitness- und Bodystyle-Programme den religiösen Eifer der Vergangenheit geschickt abgelöst. Die moderne Fitnesswelt ist ganzjährig aktiv. Warum dieser Körperkult? Diese Anbetung, diese Hingabe? Selbstkasteiung, Fitnessprogramme, die nur aufs Äußere abzielen, können letztlich nicht allein sinnstiftend sein? Warum machen die jungen Leute ihren Körper zum Tempel, quälen sich, verzichten, genießen nicht – wo es am Ende doch immer nur um die eine Frage geht? Selbst der besttrainierte Körper altert und stirbt einmal. Askese, die nur körperlich beim Abspecken hilft, gibt noch lange keine neue geistige Orientierung vor. Es geht um viel mehr, um die Konzentration auf das wirklich Wichtige und Wesentliche unseres Lebens. Warum hört keiner mehr die Botschaft »Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben«? Woher kommt dieser ständige Zwang zur Selbstoptimierung? Ist es der Wille und die Notwendigkeit, im Konkurrenzkampf der modernen Gesellschaften besser zu bestehen als andere? Sie zu besiegen – statt Miteinander und Mitgefühl? Auf dich allein gestellt musst du kämpfen und deinen Körper stählen. Gesund bleiben und fitter sein als die Konkurrenz, solange es geht. Wenn ich mich im Viertel umschaue, dann sehe ich täglich die Ursachen für diese Körperanbetung: weil die Menschen in ihrem Existenzkampf gar keine Zeit mehr finden, zur Besinnung zu kommen, und nur noch Funktionalität statt Seele zählt.

Turne bis zur Urne? Aus Angst vor Alter, Siechtum und Tod? Weil danach nichts mehr auf einen wartet, weil man an nichts mehr glaubt? Nur an den eigenen Körper, der zum Tempel wird – weil die anderen Tempel keine Erlösung mehr verheißen. Ist das der Grund für den Fitnessboom? Die Elektrifizierung des Menschen zu einer stets funktionsbereiten Maschine? Tatsächlich bildeten sich jetzt auf der Stirn der beiden erste Schweißperlen, die wie Motorenöl langsam auf die Funktionskleidung rannen und dort spurlos aufgesogen wurden, während die verdrahteten Oberarme und Oberschenkel der Frau weiter zuckten. Potenzielle »Kunden« wie diese beiden kaufen in »meinem Laden« immer seltener die Frohe Botschaft. Und schlimmer noch, sie kommen überhaupt nicht mehr in Kontakt mit ihr, und wenn, dann lehnen sie uns oft genug als lächerlich ab. Die Menschen haben ganz andere Probleme und als Lösung steht Glaube ganz weit unten auf der Liste, wenn überhaupt.

Meine Pfarrei ist mitten in einer der reichsten Städte Deutschlands, in München. Eine Stadt, die so reich ist, dass sie sich den Luxus leistet, die letzten Familien mit Kindern über die Stadtgrenzen hinweg ins Umland zu vertreiben, weil die hohen Mieten Familien hier arm machen. Weil in dieser Gesellschaft Kinder arm machen. Und Scheidungen und Kinder heute als die größten Risikofaktoren für Armut gelten. 500.000 Kinder in Deutschland, so die Statistik, leben mit einem Alleinerzieher oder beiden Elternteilen heute unter der Armutsgrenze. Wie reich muss eine Gesellschaft und eine Stadt sein, dass sie sich Kinderarmut leisten kann? Am besten so reich wie München, wo 13.000 bedürftige Menschen, eben auch Familien mit Kindern, in der höchsten Dringlichkeitsstufe bei den Sozialämtern jahrelang auf die Zuteilung einer Sozialwohnung warten. Wobei nur 3000 pro Jahr vergeben werden können.

Das »Dorf München«, die gemütliche Stadt mit Herz meiner Kindheit im Süden Deutschlands, das ist Geschichte. München ist dort angekommen, wo andere Metropolen und Megacitys längst sind, ausufernd, landfressend, unreif, brutal, arm, aber sexy wie Berlin. Nur viel teurer als Berlin. Elend macht sich breit auf dem Trottoir, das mal so sauber und ordentlich war, einst bestaunt und bewundert von den Zugereisten aus den anderen Metropolen.

In den Hauseingängen und U-Bahnhöfen liegen jetzt zunehmend Obdachlose. Und da sitzt keineswegs nur die rumänische Bettelmafia mit ihren Beinstümpfen und Geschwüren, die sie offen herzeigen – sondern viele darunter sind waschechte Münchner. Gestrandete nach einer Lebenskrise, die einen im feinsten bayerischen Heimatdialekt um etwas Geld für einen warmen Kaffee anhauen. Das gab es früher in München nur selten. Jetzt prägen die Armen in einigen Teilen das Stadtbild. 2016 waren bereits 860.000 Menschen in Deutschland obdachlos, weil sie sich keine Wohnung leisten können – bis 2019 rechnen die Wohlfahrtsverbände mit 1,3 Millionen Obdachlosen bundesweit. Auch diese Menschen erreiche ich nicht mehr mit der Frohen Botschaft. Auch sie haben ganz andere Sorgen. Keinen Glauben mehr. Trostlos. Einsam. Entwurzelt. Kein Ende in Sicht. Denn die sozialen Verhältnisse verschärfen sich. Auch das ist ein Zeichen des Wandels, der »neuen Zeit«.

Wie viele junge Menschen finden in diesem rivalisierenden Umfeld im Zeitalter der Digitalisierung noch den Mut, mit dieser ständig schärfer werdenden Arbeitsverdichtung, dem sozialen und beruflichen Konkurrenzdruck und den daraus folgenden Existenzängsten Kinder zu zeugen? Wer traut sich noch zu, über Jahre die Zeit aufzubringen, seine Kinder liebevoll zu erziehen, vielleicht sogar im Glauben, sie erfolgreich durch eine teure Ausbildung zu bringen, in einen anständigen Beruf, in ein erfolgreiches eigenes Leben – ohne Jobverlust, Trennung, Armut und Hartz IV, so, wie es sich Eltern wünschen für ihre Kinder? Die Kinderarmut unserer Gesellschaft ist doch auch ein Zeichen dieses Wandels, genau wie die Abkehr von Glaube, Liebe, Hoffnung und meiner Kirche. München wird zur Weltstadt ohne Herz. Nirgendwo klafft die Schere zwischen »ganz arm« und »unermesslich reich« so schnell und so weit auseinander wie hier in München. Im anderen München, dem der »Baby-Schimmerlosen«, der Reichen, Erfolgreichen und einfallsreichen Spekulanten, scheint Geld derweil keine Rolle zu spielen – genauso wenig wie familiengerechtes und bezahlbares Wohnen in der ganzen Stadt. Drüben am anderen Isarufer, oben auf dem Nockherberg auf dem Gelände der abgerissenen einstigen Münchner Traditionsbrauerei Paulaner bauen Immobilienentwickler seit 2017 mit 1500 Wohnungen ein neues Stadtviertel – aber nicht für kinderreiche Familien mit Durchschnittsverdienst, sondern für bestverdienende Singles und kinderlose Doppelverdiener. Ein Spekulationsobjekt der Luxusklasse, mit Preisen von bis zu zwanzigtausend Euro pro Quadratmeter. Ich wiederhole: 20.000 Euro für einen Quadratmeter Wohnung. Klar, dass Kinderreichtum in München bei solchen Preisen keinen Platz hat. Neuer Rekord im Immobilien-Roulette der Weltstadt mit Herz, nur einen Kilometer von Sankt Maximilian entfernt, dort, wo beim Starkbieranstich zur Fastenzeit jedes Jahr jene Großkopferten beim Singspiel derbleckt werden, die für diesen sozialen Raubbau mit verantwortlich sind. Die größte Wohnung – ein offen gehaltenes Loft mit Galerie – allenfalls tauglich für doppelverdienende Singles ohne Kinder, direkt am alten Eiswerk, das einst für die Kühlung des Bieres gebaut wurde, soll auf dem überhitzten Münchner Wohnungsmarkt ca. 3,3 Millionen Euro kosten. Selbst für die kleinsten und dunkelsten Wohnungen mit 40 Quadratmetern Erdgeschoss wird bei noch 9.000 Euro pro qm somit fast eine halbe Million Euro aufgerufen. Plus Tiefgaragenstellplatz, der zusätzlich 50.000 Euro kosten soll. Allein das schon ein Betrag, für den man in den sich entvölkernden und verarmenden Regionen der Oberpfalz und Frankens oder in den neuen Bundesländern ganze Mehrfamilienhäuser statt nur einer Garage kaufen könnte. Aber wer will da schon hin, wo es immer weniger Arbeit und keine Breitbandverkabelung gibt? Zuzug kommt nur noch von den Flüchtlingen. Auch die bräuchten Zuspruch und Trost. Doch auch von diesen möglichen Kunden erreiche ich die wenigsten. Es sind in der Mehrzahl Muslime. Arme Menschen mit enttäuschten Hoffnungen, hier in der reichen Stadt München. Die Demografie wandelt sich.

Nach München wollten viele. Aber die meisten können es hier nicht länger aushalten bei Kosten von 1400 Euro Miete für eine 57-qm-Wohnung. Und bei diesem ganzen Wahnsinn eines Lebens, bei dem sich für die einen alles nur noch um Konsum, Geld, Gewinnmaximierung, Rendite und noch mehr Profit zu drehen scheint – während die anderen, die Kinderreichen und Alleinerziehenden um Arbeit, Miete und das Überleben kämpfen, geht es beiden Gruppen, Gewinnern als auch Verlierern, immer seltener um christliche Werte, Miteinander und Nächstenliebe. Und dieser Mangel an Liebe und Leben legt sich als dunkle Wolke natürlich auf die ganze Stadt, wie auch auf mein Viertel, hier, mitten im Zentrum, wo ich Pfarrer bin.

Ich merke diesen Wandel noch auf eine ganz andere Weise. Heimat ist da, wo du den Duft kennst. Egal wo ich hinkomme, rieche ich immer erst und nehme eine Stadt am Duft wahr. München hatte früher einen ganz besonderen Duft, den hätte ich bei »Wetten, dass« blind erkannt. Meine Erfahrung war bis vor wenigen Jahren immer: München leuchtet nicht nur, es roch auch besonders – und ich meine damit nicht den Feinstaub am Mittleren Ring, den Geruch von Kanalisation, der in der Sommerhitze aus den Gullys strömt. Das München meiner Jugend, meine Heimat, die Bierstadt München, duftete intensiv nach dem Hopfen und Malz aus den Trockenanlagen und Sudkesseln der zahlreichen Brauereien, die damals noch mitten in der Stadt waren und heute wie die Familien ins Umland abgedrängt worden sind. Dieses Parfüm des Hopfens aus der Hallertau ist verweht. Zwar ist München im innerdeutschen Ranking der beliebtesten Städte auf Platz 13 abgerutscht, dennoch: wenn sie heute stinkt, die Stadt, dann immer noch vor Geld.

Statt Gemeinschaft – überall zunehmende Vereinzelung und Isolation. Und bei diesem Wandel müsste Kirche doch genau hier ansetzen? Für diese Menschen, die Einsamen und Sinnsuchenden, sind wir da. Kirche. In einer Zeit, in der eine zunehmende Ungleichheit, wie sie seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr in Deutschland herrschte, unsere ganze Gesellschaft spaltet und in der sich die Wirtschaft derart feindselig gegen die Menschen und ihr Zusammenleben wendet und für Angst vor der Zukunft sorgt, zeichnet sich meine Kirche immer noch durch zeitlos stabile Institutionen, perfekt funktionierende, flächendeckende Pastoralkonzepte und gut angelegtes Vermögen aus. Die Kirche könnte für viele ein sicherer Hafen sein in stürmischen Zeiten. Halt geben. Zuversicht stiften. Weil es um viel mehr geht im Leben, als nur um Geld. Aber was machen wir daraus? Setzen wir dieses Pfund ein? Reicht es aus, der Verwaltung für über 100 Millionen Euro ein kernsaniertes moderneres Ordinariat hinzustellen wie in München, leuchtend in den liturgischen Farben Rot, Violett, Blau, Gelb als Schaltzentrale für 1,8 Millionen Katholiken der Erzdiözese München-Freising, auf einem Filetgrundstück für Spekulanten, mitten in der Stadt? Nur noch 5 Prozent dieser 1,8 Millionen Gläubigen gehen noch regelmäßig in den Gottesdienst. Was soll denn am Ende noch verwaltet werden, was passiert mit diesen Hallen, wenn die Gläubigen weiter in Scharen fliehen und aus der Kirche austreten? Leerstand? Wir meinen offenbar immer noch, wir müssen da megagroße Bauten errichten, Pomp als Monstranz vor uns hertragen, um glauben zu können. Wenn du dir den Limousinenfuhrpark bei der Deutschen Bischofskonferenz anschaust, dann weiß ich nicht, bist du wirklich Kirche oder ist das eine Vorstandssitzung von Siemens, Allianz, BMW oder Daimler-Benz.

Glaube hängt aber nicht an Materie! Das ist Mittelalter. Der Glaube braucht keine Funktionäre und keine Behörde, keine Verbote und Maßregelungen, sondern einen Ort, wo er aufblühen kann. Glauben braucht Gemeinschaft von Menschen. Das ist das eigentliche Kapital, das Kirche einsetzen kann wie niemand sonst. Gemeinschaft. Miteinander. Füreinander. Beten und deinen Glauben fühlen kannst du notfalls auch alleine, mitten in der Natur, auf einer Bergwiese, wenn die Sonne aufgeht. Das sind Momente: zum Niederknien schön. Aber eine Gemeinschaft in einem vollen Gottesdienst erleben, im Alltag deiner Gemeinde Unterstützung und Trost finden, das kannst du nicht alleine. Warum hat das Erleben, von Gemeinschaft bzw. Gemeinde so viel an Strahlkraft verloren? Caritas und der Glaube an Werte wie Nächstenliebe und Gemeinsinn werden doch immer wichtiger in einer Gesellschaft, die den westlichen Menschen als »zielorientiert« heroisiert. Ein Wort, das nichts anderes beschreibt als Egoismus zulasten anderer und Werte, die auf Konkurrenz und Einzelkämpfertum basieren, aber nicht auf den Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit? Aber wenn das so ist, warum leeren sich dann unsere Kirchen, während die Fitnessstudios immer voller werden?

Der Trainer hat das Laufband jetzt eine Stufe schneller gestellt. Der Frau war die zusätzliche Anstrengung, Schritt zu halten, kaum anzumerken. Wie ausgerichtet auf ein fernes Ziel lief sie weiter – und doch bewegte sie sich nicht von der Stelle und ich fragte mich, wie das am Ende eines Lebens sein muss, festzustellen, dass du nie angekommen bist? Warum ist die Frohe Botschaft so unmodern geworden und droht in Vergessenheit zu geraten?, dachte ich. Warum indische Räucherstäbchen, wenn wir kübelweise Weihrauch haben. Warum das Solo in Körperanbetung statt Gemeinschaft im Gottesdienst – was macht der Fitnessladen besser? Und was machen wir als Kirche verkehrt? Warum berühren wir die Menschen nicht mehr?

In den Zuschriften, die ich nach jedem meiner ZDF-Fernsehgottesdienste erhalte, und den vielen Gesprächen mit Menschen, die mir erklären, warum sie aus der Kirche austreten wollen, erfahre ich doch jedes Mal, wie stark die Sehnsucht ist nach etwas, an das man glauben kann. Dass die Menschen einen Ort suchen, wo sie sich aufgenommen fühlen und wiederfinden können? Wieso ist Kirche nicht mehr der Ort, der diese Sehnsucht stillt?

Was die Menschen wirklich wollen, was sie brauchen, wissen wir nicht – was daran liegt, dass die Entfernung zu den Menschen mit Lichtgeschwindigkeit zunimmt, je weiter man in der Kirchenhierarchie nach oben steigt. Weiter liegt es daran, dass wir die Gläubigen über Jahrzehnte gar nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt und sie ernst genommen haben in dem, was sie vermissen. Also, dann fragen wir doch mal in den Gemeinden unten an der Basis nach, warum kommt ihr nicht mehr? Was fehlt – was braucht ihr denn? Was soll Kirche heute leisten? Und was leistet sie nicht? Wenn wir das wagen, werden uns die Ohren schlackern, Wetten! Denn Teile dieser Antworten könnten die Bevölkerung eventuell beunruhigen, frei nach einem ehemaligen Innenminister. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum wir es so lange nicht ernsthaft versucht haben.

Laut einer Umfrage, die zum ersten Mal 2017 im Auftrag der Kirche unternommen wurde, um die Ursachen zu erfahren, warum die Gläubigen die Kirche in Scharen verlassen, taten diese Gläubigen völlig überraschend kund: »Nicht wir verlassen euch – sondern warum habt ihr uns verlassen?« Die Menschen treiben ab wie auf Eisschollen in einer immer kälter werdenden Welt. Und die Kirche holt sie nicht zurück. Das ist die Wahrnehmung – und das ist eine, die sehr schmerzen muss. Die wenigsten Menschen verlassen die Kirche wegen der Kirchensteuern oder weil sie ohne Kirche leben wollen – an Weihnachten geht’s ja auch nicht ohne uns, da sind meist alle wieder da – sondern weil sie sich von dieser Kirche nicht mehr vertreten fühlen, sich nicht mehr in ihr wiederfinden und sich verlassen vorkommen.

Sie wenden sich ab von einem Zustand, in dem sie sich wie Fremde fühlen und sich nicht mehr einzubringen wissen. Sie können uns als Kirche, so wie wir uns anbieten, nicht gebrauchen. Unsere Art, Gottesdienst zu zelebrieren, passt vielerorts nicht mehr in ihr Leben und wir schaffen es nicht, diese Annahme zu widerlegen. Ich habe diesen direkten Kontakt und brauche keine teuren Umfragen. Ich stehe ganz unten. Auf dem Fels. Ich muss versuchen aufzuhalten, was immer mehr einer Massenflucht gleicht.