Jesus, Gott und Lucifer in der Schweiz - Joachim Otto Mahrer - E-Book

Jesus, Gott und Lucifer in der Schweiz E-Book

Joachim Otto Mahrer

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Beschreibung

Das Christentum hat seine einstige Größe verloren, die Kirchen werden leerer. Die Menschen führen ein maßloses Leben – ein Leben ohne Gott. Um das zu ändern, reisen Jesus von Nazaret, Gott (als Giovanna Arco, Göttin) und Lucifer in die Schweiz. Sie wollen die Menschen zum Glauben zurückbringen – auf unterschiedliche Weise: Jesus mit einer neuen Bergpredigt (Jesus in Bern), Giovanna als Politikerin (Gott in Fribourg), Lucifer mit dem Traum eines eigenen Reichs (Lucifer auf dem Großen Sankt Bernhard). In der Schweiz entstehen mächtige Allianzen: zwischen Glauben und Zweifel, Macht und Moral, Familie und Finsternis. Verstecktes Gold, religiöse Reformen und menschliche Abgründe bilden die Kulisse für den epischen Kampf um die Zukunft des Glaubens – bis zum Showdown auf dem Jungfraujoch.

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Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Teil 1 – Jesus in Bern

Der Bericht

Vor den Ereignissen

Die Ereignisse

Nach den Ereignissen

Ende des Berichtes

Nachweise

Teil 2 – Gott in Fribourg

Berühmte Zitate von zwei berühmten evangelischen Theologen

Der Bericht

Vor den Ereignissen

Die Ereignisse

Nach den Ereignissen

Ende des Berichtes

Nachweise

Teil 3 – Lucifer in der Schweiz

Der Bericht

Vor den Ereignissen

Die Ereignisse

Nach den Ereignissen

Ende des Berichtes

Nachweise

Seitenliste

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1104-8

ISBN e-book: 978-3-7116-1105-5

Lektorat: novum Verlag

Umschlagabbildung: Yulan, Nomadsoul1 | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Teil 1 – Jesus in Bern

Der Bericht

Ich, Thierry Cognac, habe es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen, nach meinen eigenen Erfahrungen und nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Dienende des Wortes waren. Ich bin allem sorgfältig nachgegangen und habe der Reihe nach für die Bewunderinnen und Bewunderer von Jesus von Nazaret aufgeschrieben, was sich tatsächlich in Bern zugetragen hat.

Ich habe die Personen in diesem Bericht, auch mich selbst, nach bestem Wissen und Gewissen dargestellt.

Thierry Cognac

Abt des Alexanderklosters Paix in Paix an der Ach

Vor den Ereignissen

Krise

Papst Gregor XVII. empfängt die Gäste in seinem Arbeitszimmer. Es ist März. Heftige Winde rütteln an den Fensterläden. Die Gäste, eine Frau und zwei Männer, setzen sich in die breiten, mit grünem Samt überzogenen Fauteuils und schauen zufrieden in den Raum. Dunkelrote Vorhänge, flackernde Kerzenlichter und ein knisterndes Kaminfeuer verbreiten eine warme, heimelige Atmosphäre. An den Wänden hängen große Ölgemälde mit den typischen Venedigmotiven aus dem Umfeld von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto. Die Luft ist allerdings zu trocken. Gregor hat Altersasthma und Mühe mit dem Atmen. Er leidet aber nicht nur unter der Trockenheit, sondern auch unter seinem Gewicht, dem hohen Blutdruck und unter den vielen Hiobsbotschaften, die ständig im Vatikan eintreffen. Er will sich allerdings keine Luftbefeuchter aufschwatzen lassen. Die seien keine Wohltat, sondern eine Tanzeinladung für Grippeviren.

Gregor hat Kurienkardinal Pietro Palermo vor einer Woche angerufen und ihn kurzfristig nach Frascati eingeladen. Er wolle mit ihm wieder einmal über den Niedergang des Christentums reden. Der Papst hat am Telefon gelacht. Es handle sich um ein Geheimgespräch mit drei weiteren Teilnehmern. Diese seien allerdings Geisterwesen, berühmte Geisterwesen. Pietro ist deshalb nicht überrascht, dass das Gespräch nicht im Vatikan stattfindet, sondern in der Villa Pace in Frascati. Der Papst hat die Villa vor einigen Jahren gekauft. Er findet hier wenige Kilometer von Rom entfernt Ruhe und Erholung und kann Leute ohne die strengen Regeln des vatikanischen Protokolls treffen. Frascati ist bekannt für die Schönheit der Landschaft und die Qualität seiner Weißweine. Schon in der Antike hat man hier römische Patriziervillen für den Sommeraufenthalt reicher Römer gebaut. Die Villa Pace verfügt neben der Privatwohnung des Papstes auch über einen Gästetrakt mit fünf Schlafzimmern und zwei großzügigen Besprechungsräumen.

Pietro Palermo ist der engste Vertraute des Papstes. Er ist Neapolitaner, aufgewachsen in großer Frömmigkeit und strenger Selbstdisziplin. Als junger Arbeiterpriester arbeitet er in den Ranchos von Caracas und in den Townships von Kapstadt. Mit dreißig Jahren kehrt er nach Europa zurück und wird Jesuit. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main drückt er nochmals die Schulbank, ebenso an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wo er auch zum Doktor der Theologie promoviert. Im Vatikan legt er eine Blitzkarriere hin. Er wird Kardinal und schließlich vom Papst zum Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt, dem wichtigsten Amt innerhalb der Kurie. Pietro ist fünfundfünfzig Jahre alt.

Gregor erhebt sich und stellt die drei Gäste mit theatralischen Gesten auch gleich vor. Der erste sei Paulus von Tarsus, der großartige christliche Denker und Theologe aus dem Urchristentum. Paulus, mittelgroß und von schmaler Gestalt, verbeugt sich leicht in der Manier eines Grandseigneurs. Er hat tiefschwarze, stechende Augen, trägt einen Bart und ist kahlköpfig. Paulus sei sechzig Jahre alt, sagt Gregor, so alt also wie bei seinem gewaltsamen Tod durch den römischen Kaiser Nero während der Christenverfolgung im Jahre 64. Dann, so Gregor weiter, stehe hier Martin Luther, der Theologieprofessor und Initiator der Reformation. Luther erinnert Pietro an einen Bauern, der von der harten Landarbeit gezeichnet ist. Er ist klein und rundlich, hat ein schwulstiges, sonnenverbranntes Gesicht und einen großen, kahlen Kopf. Er sei so alt wie Paulus, erklärt Gregor, so alt wie bei seinem Tod 1546 in Eisleben. Und schließlich sei Rosa Ochsenbein hier, die ehemalige Soziologieprofessorin an der Universität Bern. Rosa ist eine charmante, mittelgroße Frau mit blauen Augen und kurzen, blonden Haaren. Gregor spielt den Gentleman und sagt nichts über ihr Alter. Pietro schätzt sie auf etwa fünfzig Jahre.

Der Papst schmunzelt mit einem schelmischen Blick. Er denke, mit Zeitzeugen aus verschiedenen Epochen des Christentums und mit Persönlichkeiten, die alle etwas streitsüchtig, starrköpfig und nervig seien und kein Blatt vor den Mund nehmen würden, die richtigen Antworten zu finden. Er wolle aber ihre wahre Identität mit einem Pseudonym verschleiern. Die echten Namen sollten zu ihrem eigenen Schutz geheim bleiben. Er nenne Paulus Fanaticus, Martin den Turbator und Rosa die Maestra. Er sei überzeugt, die einzelnen Charaktere mit diesen Namen gut getroffen zu haben.

Die drei Eingeladenen scheinen keine Einwände gegen ihre Pseudonyme zu haben und schauen Pietro nun ihrerseits erwartungsvoll an. In ihren Händen halten sie schwere Weinkelche aus reinem Gold und mit herrlichen Pflanzenmotiven verziert. Gregor hat ihnen einen alten Pinot Noir aus dem Kanton Wallis eingeschenkt. Die Soldaten der Schweizergarde bringen den Wein jeweils nach Rom, wenn sie von ihren Ferien aus der Schweiz zurückkehren. Gregor ist der erste Papst aus der Schweiz. Er ist als Sohn einer Weinbauerfamilie in Saint-Frédéric aufgewachsen, gleich neben der Antoniusabtei Saint-Frédéric. Gregor, der jetzt fünfundsiebzig Jahre alt ist, heißt mit bürgerlichem Namen Bernard Ambuel. Der Abt der Klosters, Georges Dumont, ist ein langjähriger, enger Freund von ihm.

Pietro hat im Vatikan gelernt, keine Emotionen zu zeigen. Sein Pokergesicht, das er sich in all den Romjahren angewöhnt hat, passt gut zu seinem asketischen Körper und den dunklen Augen, die kühl, kalkulierend und beobachtend wirken. Er widerspricht dem Papst nie öffentlich, außer in rein sachlichen Dingen, Zahlen und Fakten eben. Er fragt ihn deshalb auch nicht, weshalb Paulus plötzlich Deutsch sprechen kann oder Luther, der Erzfeind der römisch-katholischen Kirche, überhaupt eingeladen worden ist. Der Grund ist Pietro bekannt. Gregor hat ein Hobby. Er spielt gerne Theater, am liebsten Dramen. Und jetzt tut er es wieder. Er spielt den Regisseur und verteilt die Rollen nach seinem Gusto. Er beobachtet die Akteure während der Aufführung genau und beurteilt ihr Talent und ihr Auftreten. Zum Schluss hebt er den Daumen hoch oder senkt ihn. Viele Akteure haben in der Vergangenheit so Karriere im Vatikan gemacht, andere sind mit gebrochenem Genick liegengeblieben. Für Pietro ist klar, dass Rosa Ochsenbein, Paulus von Tarsus und Martin Luther nicht Pseudonyme erhalten haben, um sie vor der Außenwelt zu schützen, sondern weil Gregor ausdrucksstarke Namen für sein Theater braucht. Und es liegt auf der Hand, dass das Pseudonym Maestra beim Publikum wohl besser ankommen würde als der Name Rosa Ochsenbein.

So spielt Pietro das ihm bekannte Theater eben mit. Er stellt sich nun selber den anderen vor. Fanaticus nickt anerkennend mit dem Kopf. Der berühmte Kardinal verstehe wohl etwas vom Geschäft und sei sicherlich ein kompetenter Gesprächspartner für ihn.

Nach der Vorstellungsrunde erläutert Gregor die desolate Situation der Kirche. Immer mehr Menschen würden sich aus dem Staub machen. Die Priester seien frustriert und hätten kaum noch Freude an der Arbeit. Er brauche aber einen Rettungsanker und keine Propheten, die ihm sagen würden, das Christentum sei am Ende. Er habe sie nicht nach Frascati eingeladen, um über Probleme zu sprechen. Er wolle Lösungen hören, Lösungen, Lösungen und nochmals Lösungen. Wie könnte man das Christentum retten?

Gregor hat kaum aufgehört zu sprechen, da legt die Maestra schon los. Sie sei nun einmal eine Prophetin, und ihre Prophezeiung würde eintreffen. Die christliche Religion sei am Ende, der Rettungsanker endgültig weg. Sie habe im Unterschied zu Fanaticus und dem Turbator noch in der modernen Gesellschaft gelebt und wisse als Soziologin nur zu gut, weshalb die heutigen Menschen nicht mehr gläubig sein könnten. Fanaticus stellt seinen Kelch mit zitternden Händen auf den Beistelltisch und schlägt sich wütend auf die Schenkel. Sein Gesicht läuft rot an. Die Professorin könne wohl nicht warten. Statt voreilige Schlüsse zu ziehen, sollte sie sich doch lieber einmal fragen, wie das Christentum überhaupt entstanden sei. Nur wer die Vergangenheit kenne, könne die heutige Zeit verstehen. Es liege deshalb an ihm, dem ersten Theologen des Christentums, zu reden. Und er fordere Respekt.

Fanaticus hat sich wieder beruhigt. Er lehnt sich zurück und blickt in das Kaminfeuer.

Er fange einmal mit seinen beiden Aufenthalten in Jerusalem an und erzähle dann von seinen Missionsreisen nach Damaskus, Antiochia und Athen, auch von der letzten Reise nach Rom. Gregor unterbricht Fanaticus abrupt. Er will keine endlosen Reden über Juden, Heiden und Christen vor über zweitausend Jahren hören und fordert deshalb die Maestra auf, weiterzusprechen und die Gründe für die christliche Katastrophe doch einmal überzeugend darzulegen. Weshalb könnten moderne Menschen nicht mehr religiös sein? Fanaticus rollt beleidigt die Augen. Der Turbator kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Papst zieht eine Frau dem großen Theologen vor.

Die Maestra steht auf und beginnt, vor dem Kamin mit verschränkten Armen hinter dem Rücken auf- und abzugehen. Sie wolle zuerst einmal erklären, wie der Glaube aus der modernen Gesellschaft verschwunden sei, und zwar in gerade nur vier Generationen: Großeltern, Eltern, Kinder, Enkel. Dabei gehe es um ihre eigene Familie. Sie gibt sich Mühe, langsam und deutlich zu sprechen. Als Dozentin an der Universität Bern hat sie immer viel zu schnell geredet. Die meisten Studentinnen und Studenten konnten ihr damals kaum folgen.

Die erste Generation, die Eltern, hätten in miserablen Zuständen gelebt: Kindheit in Armut, kaum Schule, zwei Weltkriege, Arbeitslosigkeit, soziale Ängste, Krankheiten und schlecht bezahlte Arbeiten. Aber sie seien streng religiös gewesen. Sie hätten an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist geglaubt und in der Kirche Unterschlupf vor den Nöten des harten Alltags gefunden. Zum Pfarrer hätten sie mit schuldigem Gehorsam hinaufgeschaut. Beim Sterben sei ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht gelegen, so als hätten sie sie sich über den Tod gefreut. Das Paradies im Himmel sei ihnen gewiss gewesen.

Die Maestra macht eine kurze Atempause und bleibt stehen. Der Turbator lacht laut heraus. Das Leben der Eltern sei doch ein gutes gewesen, ein gottesfürchtiges und demütiges und mit einem strengen Pfarrer, vor dem sie sich verbeugt hätten. Die Maestra schüttelt verärgert den Kopf und nimmt ihre Schritte wieder auf.

Ihr eigenes Leben habe zum Glück einen anderen Verlauf genommen, einen sehr guten: Studium dank Staatshilfe, Karriere bis zur Professorin, Leben in einem freien und demokratischen Land, soziale Absicherung, keine Kriege. Mit dem Glauben sei es so eine Sache gewesen. Sie sei getauft und gefirmt worden und anfangs noch regelmäßig zur Kirche gegangen. Aber mit dem Alter seien Zweifel aufgekommen. Vieles habe ihr nicht mehr gefallen, das Machtgehabe der Kirchen, die sexuellen Übergriffe von Priestern auf Jugendliche, Urbi et orbi als Gala-Show, Ex cathedra Petri als unnötiges Dogma. Wo wären Bescheidenheit und Demut geblieben? Sie habe zwar immer noch gebetet und an Gott geglaubt, aber die Kirchen mit ihren strengen Vorschriften seien ihr fremd geworden.

Die Maestra macht wieder eine Pause und schaut in die Runde. Sie will sehen, wie ihre Worte bei den anderen ankommen. Der Turbator nickt diesmal wohlwollend. Die Kritik an der Kurie in Rom gefalle ihm natürlich sehr, meint er frech und prostet dem Papst mit dem Kelch zu. Die Maestra kommt zur dritten Generation.

Die Kinder hätten ebenfalls studiert und Karriere gemacht. Der Staat habe weiterhin gut für seine Bürgerinnen und Bürger gesorgt. Mit der Religion sei es hingegen immer weiter den Bach heruntergegangen. Die Kinder seien zwar noch getauft worden. Sie hätten allerdings freudlos und nur noch unter Druck am Religionsunterricht teilgenommen, mit dem Tag der Firmung sei aber Schluss gewesen. Sie hätten die Kirche verlassen. Weshalb hätte ein junger Mensch an einem Sonntagmorgen zur Messe gehen sollen, wenn er zur selben Zeit glücklich und frei mit einem Segler über Seen und Berge hätteschweben können?

Sie kommt zur letzten Generation und damit zum endgültigen Aus. Die Enkel seien nicht einmal mehr getauft worden. Sie seien völlig religionslos aufgewachsen und hätten das christliche Wissen komplett verloren. Sie hätten nicht einmal mehr gewusst, was die Trinität oder die Buchstaben INRI auf den Jesus-Kreuzen bedeuten würden oder weshalb sie an Ostern und Auffahrt nicht hätten arbeiten müssen. Seien sie danach gefragt worden, hätten sie Unverständnis gezeigt. Die Fragenden wären wohl gaga.

Die Maestra ist am Ende ihres kleinen Vortrages angekommen und schaut wieder fragend in die Runde. Der Papst faltet die Hände über dem Bauch zusammen, schaut zur Decke hoch und meint lakonisch, es könnten wohl nur noch Arme und Dumme religiös sein, Reiche und Gebildete hingegen nicht mehr. Fanaticus reibt sich hämisch die Hände. Das sei doch gut so. So kämen nur die Armen ins Paradies. Habe nicht Jesus Christus höchstpersönlich gesagt, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes komme? Die Maestra widerspricht ihm mit ernster Miene und zwar so als würde sie zu einem Primarschüler in der ersten Klasse sprechen. Jesus habe für eine Gesellschaft vor über zweitausend Jahren gesprochen. Die Reichen hätten damals nach ihren eigenen Gesetzen gelebt, Sklaven gehalten und die Armen unterdrückt. Und heute? Heute würden die Gesetze für alle Menschen gelten, und der Staat hole das Geld bei den Reichen, um die Armen und Kranken zu unterstützen. Die Reichen täten viel Gutes und kämen deshalb auch in das Reich Gottes. Fanaticus schaut Gregor fragend an. Er erwartet einen Rüffel. Dieser schweigt aber und nimmt seufzend einen großen Schluck Wein aus dem Kelch. Dann bittet er die Maestra, die moderne Gesellschaft doch noch etwas genauer zu beschreiben. Was überhaupt ist eine moderne Gesellschaft?

Die Maestra zählt die wichtigsten Merkmale auf: soziale und rechtliche Gerechtigkeit, Sicherheit, hervorragende Ausbildung und Wohlstand. Heutige Menschen würden in einem glaubwürdigen Sozialstaat mit modernen Grundwerten und in einem gut funktionierenden öffentlichen Gemeinwesen leben. In solchen Gesellschaften würden Menschen heranwachsen, die einfach nicht mehr religiös sein könnten. Die Maestra sagt es klar und deutlich, moderne, gut ausgebildete Menschen bräuchten keine christliche Vorgaben mehr, um glücklich und erfolgreich zu sein. Sie würden ihr Schicksal lieber selber in die Hand nehmen und auf Vernunft und Eigenverantwortung setzen. Sie will ein Beispiel geben und spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis, das wichtigste Bekenntnis der christlichen Religion:

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes,

des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zur richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten.

Die Maestra sagt, moderne Menschen könnten nun einmal solche Texte ganz einfach nicht mehr verstehen, auch nicht mehr mit den klügsten Kommentaren. Sätze wie

… empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria …

könne man den Menschen nicht mehr zumuten, ebenso irgendwelche Drohungen nicht mehr, wonach nur glaubende Menschen gerettet, nichtglaubende aber verurteilt würden. Solche Drohungen würden genau das Gegenteil bewirken. Noch mehr Menschen würden sich vom christlichen Glauben entfernen.

Fanaticus hat den Ausführungen der Maestra gar nicht mehr zugehört. Er hat die Augen geschlossen und denkt nach. Zur Überraschung aller kommt er mit einem gewagten Vergleich. Die Maestra sei mit ihrem Sozialstaat eigentlich gar nicht so weit weg vom Reich Gottes. Sie gibt ihm sofort recht. Sozialstaat und Reich Gottes wollten im Grunde dasselbe, nämlich Gerechtigkeit. Aber weil der Sozialstaat jetzt im Mittelpunkt der Menschen stehe, brauche es die Botschaft vom Reich Gottes nicht mehr. Gregor bewegt den Kopf hin und her. Der Sozialstaat sei sicherlich eine gute Sache. Doch damit gleich die ganze Botschaft vom Reich Gottes vom Tisch wischen?

Der Papst hat eine letzte Frage. Es gäbe doch immer noch Menschen, die am Sonntag in der Kirche beten, an Prozessionen teilnehmen und auf Wallfahrten gehen würden. Weshalb überhaupt noch? Religionen würden nie ganz aus einer modernen Gesellschaft verschwinden, so die Maestra, aber religiöse Menschen seien in Zukunft eine absolute Minderheit und würden von der Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen.

Fanaticus ärgert sich. Bei den modernen Menschen sei immer alles super, bei den Religionen immer alles schlecht. Die Maestra lässt sich jedoch nicht beirren. Das Christentum stehe vor dem Aus, und damit basta! Sie ist in Schwung gekommen und fängt an,frech das Lied Time to Say Goodbye zu singen.

Auch der Turbator ärgert sich jetzt. Die Maestra male den Teufel an die Wand. Sie solle doch lieber das Lied vom Tod pfeifen. Der Turbator ist ein Fan von Western-Filmen. Der Italowestern von Sergio Leone mit Claudia Cardinale, Charles Bronson und Henry Fonda ist sein Lieblingsfilm.

Der Papst möchte das Thema mit den modernen Menschen abschließen. Er habe genug gehört und wolle jetzt zu zwei anderen Themen wechseln, zu den Theologen und den Kirchen. Hätten die einen besseren Job machen und den Niedergang verhindern können? Fanaticus solle zu den Theologen sprechen, der Turbator zu den Kirchen.

Fanaticus ist ein scharfer Analytiker und Denker. Er weiß natürlich auch, dass die Religionen in den westlichen Gesellschaften eine geringe Überlebenschance haben. Hätten die Theologen trotzdem einen besseren Job machen können? Fanaticus will diplomatisch sein und einer kurzen, direkten Antwort vorerst aus dem Weg gehen. So fängt er einmal ganz von vorne an und stellt eine erste Frage. Was müssten Theologen überhaupt machen? Die Antwort sei klar. Sie sollten die uralten Texte der Bibel übersetzen und zwar so, dass sie ebenfalls die modernen Menschen verstehen würden. Könnten sie das heute aber überhaupt noch? Fanaticus sagt, nein, das gehe heute nicht mehr. Wo die Theologen auch reden würden, die Leute würden ihnen mit Ablehnung, Hohn und Spott entgegentreten. Der Vorwurf, es sei alles zu verstaubt, zu kompliziert, zu irrational, zu widersprüchlich, zu abstrakt, zu wenig attraktiv. Er wolle noch etwas mehr in die Tiefe gehen und stelle deshalb eine zweite Frage. Was überhaupt sei Religion? Er, der erste Theologe des Christentums, wisse es natürlich haargenau. Religion sei Moral und Glaube.

Fanaticus beginnt mit der Moral und erinnert an Jesus, der in der Bergpredigt über Moral gesprochen und den Armen im Geist das Himmelreich versprochen habe. Wie könnten Theologen nun ein solches Versprechen ins Heute übersetzen, ohne sich zu verkrümmen und lächerlich zu machen? Sie könnten es ganz einfach nicht mehr. Er selbst habe über Moral geschrieben, und zwar im ersten Brief an die Korinther. Die Korinther hätten damals die christlichen Gebote nicht befolgt und zum Beispiel kultische Fleischmahlzeiten zelebriert. Er habe ihnen das liederliche Alltagsleben austreiben wollen. Aber eben, das sei vor zigtausend Jahren gewesen. Die Welt sei heute eine komplett andere geworden.

Von der Moral wechselt Fanaticus zum christlichen Glauben. Im Zentrum des Glaubens stehe die Befreiung der Menschheit von der Sünde durch den Kreuztod Jesu, die Befreiung vom Tod durch die Auferstehung und die Errichtung eines Gottesreiches. Hinzu kämen die Dogmen der großen Konzilien von Nicäa, Konstantinopel und Chalzedon. Christinnen und Christen müssten sich zu diesem Glauben bekennen, um den Kirchen beitreten zu können. Er wisse natürlich auch, dass ein solches Bekenntnis heute nicht mehr möglich sei. Er zählt auf: Marias Unbefleckte Empfängnis, Erlösung von den Sünden am Kreuz, Gott ein Wesen mit drei Personen, Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich und schließlich das ungeheuerliche Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Fanaticus schaut Gregor tief in die Augen, nein, das gehe heute alles einfach nicht mehr. Selbst Petrus, der spätereerste Bischof von Rom, sei nicht unfehlbar gewesen. Der habe Jesus dreimal verleugnet und später bitterlich über den Verrat geweint. Gregor widerspricht Fanaticus nicht. Er will die angespannte Stimmung auflockern, grinst und meint, er wäre wohl nur beim Weintesten unfehlbar. Die anderen lachen nun auch und prosten ihm zu. Der Papst fordert Fanaticus auf, endlich auf den Punkt zu kommen und keine langen Vorträge mehr zu halten, vor allem nicht zu Erkenntnissen, die ihnen schon längst bekannt seien.

Hätten die Theologen einen besseren Job machen können? Fanaticus sagt klar und deutlich, nein, sie hätten keinen besseren Job machen können. Die veraltete biblische Moral und ein komplizierter Glaube könnten nicht mehr verständlich in die moderne Gesellschaft hineingetragen werden. Fanaticus schaut den Papst an. Was würde dieser jetzt sagen? Gregor schweigt. Er ist in Gedanken versunken. Die anderenwissen nicht, worüber er nachdenkt. Seine Gedanken kreisen um Fanaticus. Dieser ist eine prophetische Gestalt, die viel für das Christentum getan hat. Ohne seine theologischen Konzepte wäre die christliche Religion wohl nicht dort, wo sie heute ist, nämlich die Nummer eins unter den Weltreligionen. Die christliche Religion ist sein Kind, daran besteht kein Zweifel. Die Erkenntnis zu den Theologen muss ihn deshalb besonders hart treffen. Es spricht einiges für Fanaticus, wenn er nun die ganze christliche Theologie zu Grabe tragen will.

Die Maestra klatscht zufrieden mit den Händen. Selbst Fanaticus hätte einsehen müssen, dass moderne Menschen nicht mehr glauben könnten. Auch der Papst nickt. Er verstehe es, wenn sich die Kirchen in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einer Organisation für Events wie Hochzeiten und Beerdigungen und für soziale Hilfswerke entwickelt hätten. Das Bekenntnis zu Jesus Christus und der Glaube an die Offenbarung würden heute wohl keine große Rolle mehr spielen.

Pietro hat bisher nichts gesagt. Das Gespräch gefällt ihm aber sehr. Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre weiß er seit langem, dass der christliche Glaube für die modernen Menschen ein No-Go geworden ist und deshalb alle Maßnahmen aus dem Vatikan ins Leere laufen. Eigentlich ist er froh, dass der Papst die Maestra, Fanaticus und den Turbator eingeladen hat und nicht irgendwelche Fundamentalisten und Erzkonservativen, die jetzt die religiöse Tradition mit Inbrunst und Härte verteidigen würden. Eines versteht Pietro allerdings nicht. Woher hat Fanaticus, der vor zweitausend Jahren in Rom gestorben ist, überhaupt seine Kenntnisse zu den modernen Menschen und Theologen? Er verdrängt die Frage allerdings sofort wieder. Sie würden hier ja großes Theater spielen, ohne Sinn und Verstand. Er kann es sich allerdings nicht verkneifen vorzuschlagen, Maria Magdalena könnte doch auch noch vorbeikommen und ihnen ein Stück Datteltorte aus dem Himmel mitbringen. Eine solche würde zum Wein sehr gut passen. Es überrascht ihn nicht, dass Fanaticus und der Turbator den Vorschlag sofort ausgezeichnet finden. Die Maestra schlägt sogar vor, außerdem noch Jesus zum Tortenessen einzuladen. Dabei lacht sie laut heraus. Gregor ist verärgert. Er schaut alle böse an und unterbricht das Gespräch mit einer abrupten Handbewegung. Er liebt sein Theater, aber nicht, wenn andere plötzlich die Initiative ergreifen und selbst die Regie übernehmen wollen. Er fordert deshalb den Turbator auf, mit den Kirchen, dem dritten Thema nach den modernen Menschen und der Theologie, sofort weiterzumachen. Hätten die wenigstens einen besseren Job machen können?

Der Turbator ist eine widersprüchliche Gestalt. Er kann verständnisvoll und gesellig sein, jedoch auch aggressiv, verletzend und jähzornig. Jetzt fängt er an, zu fluchen und über die Kirchen zu klagen. Bereits vor fünfhundert Jahren hätte er gegen die römisch-katholische Kirche in Rom gekämpft. Und was sei seither passiert? Nichts, überhaupt nichts! Der nutzlose Kampf gegen die machtgierigen Kirchenleute, die Hierarchien und Strukturen, die alle noch aus dem Mittelalter kämen, sei ihm leid geworden. Die Maestra habe schon recht gehabt. Weshalb sollten die Menschen einer unglaubwürdigen, verfetteten, verfilzten und korrupten Ecclesia catholica vertrauen, wenn sie einen glaubwürdigen Staat hätten? Der Turbator hat schnell gesprochen und muss jetzt durchatmen. Eigentlich wollte er noch länger reden, aber er hat ganz einfach genug. Er sagt, sein Kampf gegen Windmühlen sei endgültig vorbei. Er lehnt sich zurück und zieht beleidigt die Mundwinkel nach unten. Sein kurzer, wilder Redeausbruch überrascht die anderen nicht. Gregor hakt nochmals nach. Hätten die Kirchen nicht doch einen besseren Job machen können? Der Turbator beugt sich nach vorne und hebt die Faust hoch. Ja, die Kirchen hätten es besser machen können, aber sie hätten jämmerlich versagt und dabei den Niedergang der christlichen Religion noch beschleunigt. Die Maestra und Fanaticus geben dem Turbator recht. Pietro schweigt. Er will abwarten, wie der Papst nun selbst reagiert.

Gregor gibt vor, traurig zu sein, und schüttelt den Kopf. Welche Lagebeurteilung! Moderne Menschen könnten nicht mehr religiös sein, die Theologen würden an den Menschen vorbeireden und die Kirchen ihr Grab gleich selber schaufeln. Er sehe nur Abgründe, keine Hoffnung! Er fasse einmal zusammen. Da sei der Glaubenszerfall, der sich nicht mit Trompeten und Trommeln ankündige, sondern auf leisen Sohlen in die moderne Gesellschaft hineinschleiche. Die Maestra habe es mit ihrer Familiengeschichte sehr schön aufgezeigt. Sobald die Kinder nicht mehr religiös erzogen würden, sei es mit dem Glauben vorbei. Und da seien die Seitenhiebe von Fanaticus, die aufhorchen ließen. Die christliche Religion sei viel zu kompliziert und unverständlich, vor allem für junge Leute. Er selbst habe das am eigenen Leib auch schon einmal erfahren müssen. Er habe einmal den beiden Kindern seiner Putzfrau hier in Frascati den ersten Satz aus dem Johannesevangelium erklären wollen:

Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.

Die Kinder hätten ihn angeschaut, als käme er von einem fremden Planeten. Bla, bla, bla! Sie hätten schnell wieder ihre Tablets in die Hand genommen, um bei irgendeinem Game zu schießen und zu töten. Die Worte des Turbators habe er allerdings erwartet. Die Kritik an den Kirchen sei ihm bewusst. Im Grunde genommen würde er ja selbst alles wissen. Was aber solle er mit einer solchen Lagebeurteilung machen? Er erhalte jeden Tag prallgefüllte Aktenordner mit gutgemeinten Vorschlägen aus aller Welt. Viel Brauchbares sei hingegen nie dabei. Er schenkt den anderen nochmals seinen Pinot Noir nach. Dann fordert er sie auf, doch noch einmal, ein letztes Mal wenigstens, zu versuchen, mit Lösungsvorschlägen zu kommen, wie man das Christentum doch noch retten könnte.

Für die Maestra ist die Sache klar. Sie habe es bereits mehrmals klar gesagt, das Christentum sei am Ende und könne nicht mehr gerettet werden. Sie wisse natürlich auch nicht, ob eine Weltkatastrophe, ein großer Krieg oder eine neue Pest alles wieder ändern könnte. Es könnte möglich sein, dass die Menschen bei einem großen Leid wieder zum Glauben und zu Gott zurückkehren würden, allerdings nicht mehr zur christlichen Religion und ihren komplizierten Glaubenskonzepten. Sie spricht dann den alles entscheidenden Satz:

Gottesglaube ja, Christus- und Trinitätsglaube nein.

Das Warten auf eine Katastrophe sei aber wahrscheinlich nicht die beste Idee, die Zeit fehle, und es brauche wohl keine Lückenbüßerreligion nur für schlechte Zeiten.

Fanaticus will nicht aufgeben. Man habe zu viel in den Aufbau des Christentums investiert. Man könne doch nicht einfach zweitausend Jahre Herzensblut in den Sand setzen. Man müsse nur einmal radikal anders denken und zum Beispiel ein neues theologisches Konzept ins Auge fassen, vielleicht eine neue Botschaft vom Reich Gottes. Er könne sich doch einmal hinsetzen und sich eine neue Botschaft ausdenken, eine Botschaft, welche den Bedürfnissen der heutigen Menschen entsprechen würde und vor allem auch für Jugendliche verständlich und spannend sein könnte.

Ebenso der Turbator fände es schade, jetzt aufzugeben und die religiösen Bedürfnisse, die gewisse Menschen halt immer noch hätten, einfach dem Islam, dem Buddhismus und Hinduismus oder dem Judentum zu überlassen. So wie Fanaticus über einen neuen Glauben nachdenke, könne er sich eine neue Kirche ausdenken, eine mit einer schlanken, glaubwürdigen Organisation und einem fehlbaren Papst an der Spitze. Paupertas, Humilitas und Simplicitas wären dann wieder die Anforderungen an die Kardinäle und Bischöfe. Er schaut Gregor vorwurfsvoll an. Vielleicht könne man so auch die beiden großen Kirchenspaltungen rückgängig machen und die römisch-katholische Kirche mit den Reformierten und den Orthodoxen im Osten wieder vereinen. Die Maestra macht sofort das Victory-Zeichen mit der rechten Hand. Sie sagt lachend, ein neuer Glaube, eine neue Kirche und als Beigabe eine Weltkatastrophe wären tatsächlich das absolute Superding. So könne man das Christentum vielleicht doch noch retten. Aber eben, für sie sei der Zug endgültig abgefahren. Selbst eine neue Botschaft und eine neue Kirche würden die Menschen nicht mehr zu Gott zurückbringen.

Gregor hat plötzlich einen Asthmaschub. Er keucht und atmet schwer. Seine großen Ohren laufen rot an, und das Doppelkinn zittert. Er holt mit einer raschen Bewegung seinen Asthmaspray hervor, nimmt diesen in den Mund und drückt zweimal auf den Sprühkopf. Die anderen schauen ihn erschrocken an. Gregor erholt sich schnell wieder und besänftigt sie. Es sei alles wieder okay. Dann fordert er Pietro, den obersten Glaubenshüter des Christentums, auf, zu den Vorschlägen von Fanaticus und dem Turbator doch selbst einmal Stellung zu nehmen.

Die Idee von Fanaticus hat Pietro fast vom Stuhl gehauen. So radikal hat er selbst noch nie gedacht. Eine neue Kirche ja, aber ein neuer Glaube? Pietro ist völlig überrascht, wie unbeschwert und locker Fanaticus gesprochen hat. Der selbst nippt zufrieden an seinem Kelch und schaut gelangweilt in die Runde, so als hätte er gerade über das Wetter gesprochen. Unglaublich! Fanaticus will die ganze christliche Tradition über Bord werfen und eine Revolution starten. Hat ihn Gregor deshalb nach Frascati eingeladen, weil er weiß, dass Fanaticus zu allem fähig ist und vor nichts zurückschreckt? Fanaticus hat schon einmal radikal neu angefangen, damals auf der Straße nach Damaskus. Dort hat er kurzerhand das Gewand des knallharten Pharisäers in den Graben geworfen und den Stab der Barmherzigkeit aufgenommen, um christliche Nächstenliebe zu predigen. Schneller kann man das Ufer nicht wechseln. Pietro ist fasziniert von Fanaticus und der Idee, man könne das Christentum retten, indem man einfach ein neues Glaubenskonzept auf die Beine stellen würde.

Pietro sagt schließlich, er finde die Idee von Fanaticus hervorragend. Der Papst nickt mit dem Kopf und sagt, er werde die Sache auch unterstützen. Pietro und Fanaticus sollten doch einmal hier in Frascati eine Woche zusammensitzen und über ein neues Glaubenskonzept nachdenken. Man werde sich dann wieder hier treffen und über die Vorschläge diskutieren. Der Turbator hebt protestierend die Hand hoch. Man dürfe die Kirchen nicht vergessen. Sonst würden die weitermachen wie bisher. Gregor beschwichtigt ihn. Zuerst einmal sollten Pietro und Fanaticus dem Glauben zu Leibe rücken. Er werde später dann mithelfen, auch die Kirchen zu reorganisieren. Die anderen schweigen. Sie glauben nicht an das Versprechen des Papstes.

Ein sechster Anwesender, der allerdings nicht sichtbar ist, sitzt in einer Zimmerecke und hört schmunzelnd zu. Es ist Jeschua ben Josef, auch Jesus von Nazaret genannt. Jesus kann die modernen Menschen voll und ganz verstehen. Er selber wollte ja auch keine Religion und keine Kirche gründen. Er hat zudem nie zu Petrus gesagt:

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Tore des Totenreichs werden sie nicht überwältigen.

Der Evangelist Matthäus hat ihm diesen Satz ganz einfach in den Mund gelegt, so wie vieles andere, das nicht der Wahrheit entspricht. Viele Jahre nach seinem gewaltsamen Tod auf Golgatha haben Schreiberlinge wie Markus, Matthäus, Lukas und Johannes eine neue Rolle für ihn erfunden, die Rolle des Jesu Christi, des von Gott zur Erlösung der Menschen gesandten Messias und Sohn Gottes. Sie haben einen religiösen Roman geschrieben und mit ihm, dem gekreuzigten Juden, die christliche Religion gegründet und dabei viel Fantasie aufgebracht. Es läuft Jesus eiskalt die Schulter hinunter. So ist er nicht in Bethlehem geboren, sondern in Nazaret. Er stammt auch nicht von Abraham ab oder ist vom Heiligen Geistes gezeugt worden. Er hat ebenso keine Wunder getan oder ist am Kreuz gestorben, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. Er wollte ja gar nicht sterben. Und dann die schillernde Idee, dass er außerdem Gott sein könnte, allerdings nicht alleine, sondern zusammen mit zwei anderen Personen, dem Vater und dem Heiligen Geist. Da kamen doch tatsächlich dreihundert Jahre nach seinem Tod fast alle Bischöfe der damaligen Welt in Nicäa zusammen und behaupteten, Gott würde aus drei Personen bestehen. Jesus hat immer an seinen einzigen Gott geglaubt, an den barmherzigen, freudvollen und dankbaren Gott. Das ungeheuerliche Gotteswesen der christlichen Religion, der Mischmasch aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, stößt ihn ab. Schließlich ärgert er sich darüber, dass unzählige Päpste, Kaiser, Könige und Diktatoren in seinem Namen ganze Völker unterworfen, gefoltert und getötet haben.

Jesus will weiterhin in Frascati bleiben und die Gespräche von Pietro und Fanaticus mitverfolgen. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schaut zur Decke hoch. Gregor erklärt den anderen gerade die Unterschiede zwischen den Weinen hier in Frascati und jenen seiner Heimat, dem Kanton Wallis in der Schweiz. Jesus hört nicht mehr zu. Ein Film zieht plötzlich über ihn hinweg. Der Film zeigt verschiedene Szenen aus seinem Leben in Galiläa. Erinnerungen kommen zurück.

Der Film beginnt in der ersten Szene mit dem einfachen Lehmhaus der Eltern Maria und Josef. Jesus blickt in seine Jugendzeit hinein, in das abgelegene Bergdorf Nazaret, weit ab von Judäa und dem lärmigen Jerusalem.Er sieht sich zusammen mit den Brüdern und Schwestern herumrennen. Das Haus hat nur einen einzigen großen Raum, der gleichzeitig Ess-, Wohn- und Schlafraum ist. Eine Ziege und fünf Hühner leben auch im Raum, getrennt nur durch ein kleines Podest. Jesus erinnert sich an seine religiöse Ausbildung mit der Tora und an die Schriften der Propheten. Als frommer Knabe glaubt er an den Gott Israels, an den einzigen, wahren und ewigen Gott. Leise spricht er seinen Lieblingssatz vor sich hin:

Höre Israel, der Herr allein ist Gott. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzer Seele und mit all deinen Kräften.

In der zweiten Szene sieht Jesus einen römischen Soldaten in einem braunen Waffenrock. Er trägt einen Lederhelm auf dem Kopf und ein Visier aus Metall. Er hält einen Speer in der Hand, der drohend auf ihn gerichtet ist. Es ist keine heile Welt, in der Jesus aufwächst. Die Römer herrschen zusammen mit Herodes Antipas, ihrem Statthalter in Galiläa, und unterdrücken brutal die Menschen. Folter, Mord an Aufständischen, hohe Steuern, bittere Armut und Hoffnungslosigkeit gehören zum Alltag. Die Eindrücke und Erfahrungen aus dieser schwierigen Zeit haben ihn tief geprägt und zu einem Gegner der Reichen und Mächtigen gemacht.

In der dritten Szene erblickt Jesus Johannes den Täufer, der am Jordan steht und ihm mit der rechten Hand lachend zuwinkt. In der linken hält er eine Heuschrecke, die er wohl gleich essen wird. Johannes trägt ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um die Hüfte. Er erwartet das endgültige Gericht Gottes und fordert die Menschen zu sofortiger und radikaler Buße auf. Jesus schämt sich noch heute. Als erwachsener Mann verlässt er seine Familie in Nazaret völlig unerwartet, um sich der Täuferbewegung des Johannes anzuschließen. Seine Eltern halten ihn damals für verrückt. Na ja, vielleicht ist er das ja auch ein wenig gewesen. Johannes tauft ihn im Jordan. Er selber wird nie Menschen taufen. Die Taufhandlungen überlässt er seinen Jüngern. Von den Sakramenten, welche die christlichen Kirchen später einführen werden, und zu denen ebenso die Taufe gehört, hält er ohnehin nicht viel.

In der vierten Szene sieht Jesus sieht sich selber wieder, ein Rabbi auf Wanderung durch die Dörfer am See Gennesaret. Er hat Freude an der Szene und findet, er sehe eigentlich ganz gut aus, zwar etwas klein gewachsen, dafür aber kräftig gebaut, braun gebrannt, mit dichtem Bart und dunklen Haaren. Er dürfte auf dem Bild etwa fünfunddreißig Jahre alt sein. Er trägt ein elegantes weißes Gewand aus Leinen mit einem braunen Umhängetuch. Die hässlichen Ledersandalen gefallen ihm allerdings gar nicht. Er zieht mit einer kleinen Schar von Jüngern durch die Dörfer und spricht in Synagogen und auf Märkten vor einfachen Bauern, Tagelöhnern, Fischern, Schafhirten, Eseltreibern, Kamelführern, Zöllnern, Bettlern und vor allem vor vielen Frauen. Sie wandern durch ein Land mit Weinstöcken, Feigen- und Ölbäumen, aber auch durch ein Land mit unwirtlichen Gegenden. Sie lassen sich in Kafarnaum am See Gennesaret nieder, wo Jesus Petrus kennenlernt. Kafarnaum ist ein kleiner Grenzort mit einem Zollamt, einem Militärposten und selbstverständlich einer Synagoge.

In der fünften Szene sitzen viele Menschen um ihn herum und hören ihm zu.

Sein Charisma und seine Überzeugungskraft haben sich herumgesprochen. Der Evangelist Markus wird später über ihn schreiben:

Und sie waren überwältigt von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.

Jesus ist stolz auf sich. Er verkündet keinen strafenden Gott, sondern einen Gott der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe. Er verkündet die Botschaft vom Reich Gottes mit einem einfachen Satz:

Erfüllt ist die Zeit, und nahegekommen ist das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Jesus will den Hungernden und Weinenden unter die Arme greifen und dem allgegenwärtigen Schmerz und Leid ein Ende setzen. In der Nähe von Kafarnaum steigt er mit seinen Jüngern auf den Berg und verkündet den Willen Gottes. Gott fordere einen ganz neuen Menschen, einen, der gerecht sei, Frieden stifte und den Nächsten liebe. Irgendwann kommen aber immer weniger Menschen, um ihm zuzuhören, und etliche Jünger wollen nicht einmal mehr mit ihm wandern. Er entscheidet sich deshalb, Galiläa zu verlassen und nach Jerusalem zu gehen. Er hofft, dort neue Zuhörer zu finden, vor allem während der Zeit der großen Feste. Auf seiner Reise nach Judäa begleiten ihn viele Frauen, darunter auch Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen, und Simone.

In der sechsten Szene erscheint Pontius Pilatus, Statthalter des Kaisers Tiberius, in der römischen Amtstracht mit weißem Gewand, weißer Toga und mit purpurfarbener Borte, glatt rasiert und mit kurzem Haarschnitt. Jesus eilt der Ruf eines unbequemen Unruhestifters voraus. Die Behörden des Tempels befürchten einen Volksaufstand während des Passahfestes und zeigen ihn bei den Römern an. Pontius Pilatus will auch keine Unruhen und macht kurzen Prozess. Er wirft Jesus vor, sich König der Juden zu nennen, und verurteilt ihn deshalb in einem Schnellverfahren zum Tod am Kreuze. Das Tragen von Königstiteln ist im Römischen Reich strengstens untersagt. Niemand darf in Konkurrenz zum Kaiser in Rom treten. Für Jesus ist der Urteilsspruch natürlich völliger Unsinn. Er selbst hat sich nie als König der Juden bezeichnet.

In der siebten und letzten Szene stirbt Jesus am Kreuz zwischen zwei Verbrechern. Auf das Kreuz haben die Römer INRI geschrieben:

Iesus Nazarenus Rex Iudaerorum

Jesus von Nazaret, König der Juden

Jesus erinnert sich noch gut an die schmerzhafte Kreuzigung. Nachdem er gestorben ist, ist er wie alle anderen Menschen sofort in den Himmel gekommen, in einem geistlichen Leibe, so wie es Paulus später im 1. Brief an die Korinther geschrieben hat:

Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib.

Alles, was sonst noch in der Bibel steht, ist falsch. Er ist weder in das Reich des Todes hinabgestiegen, noch hat er weitere vierzig Tage auf der Erde verbracht.

Jesus sitzt jetzt alleine im dunklen Zimmer. Die anderen haben die Villa und Frascati bereits verlassen. Jesus spricht noch lange mit Gott über die Gespräche hier in Frascati. Dann zieht auch er sich zurück.

Der Workshop von Pietro und Fanaticus dauert fast eine Woche. Sie arbeiten jeden Tag hart bis in die Mitternacht. Dann rufen sie Gregor an, sie seien jetzt so weit. Es könnten alle wieder nach Frascati kommen. Dort sitzen sie dann an einem runden Tisch, diesmal nicht im gemütlichen Arbeitszimmer des Papstes, sondern in einem geschäftsmäßig eingerichteten Besprechungsraum. Ebenso ist Jesus wieder da. Er sitzt unsichtbar in einer Ecke, gleich neben der Espressomaschine. Von da aus hat er einen großartigen Blick auf den wundervoll angelegten und sehr gepflegten Garten der Villa. Kräftige Winde vom Atlantik haben Feuchtigkeit und milde Temperaturen in die Albaner Berge gebracht und dem kalten und trockenen Wetter der Vorwoche ein Ende bereitet.

Gregor saugt zweimal kräftig an seinem Asthmaspray und begrüßt dann die anderen mit einem herzlichen Morgengruß. Sie sollten sich von den Früchten und den Cornetti auf dem Tisch bedienen. Gregor lehnt sich entspannt zurück. Man sei jetzt gespannt auf das, was Pietro und Fanaticus ihnen zu berichten hätten. Zu seiner Überraschung fängt Pietro an zu reden und nicht Fanaticus. Dieser sieht den fragenden Blick des Papstes, zieht die Schultern hoch und entschuldigt sich. Dabei zeigt er auf die vielen technischen Hilfsmittel, die auf dem Tisch stehen, an den Wänden hängen und von der Decke herunterkommen. Die Maestra grinst. Fanaticus sei nun definitiv in der Gegenwart angekommen.

Pietro setzt sein Pokergesicht auf. Er und Fanaticus hätten viel diskutiert und häufig bis spät in die Nacht gestritten. Sie hätten unzählige Varianten besprochen, aber am Schluss seien sie sich doch einig gewesen. Der Glaube könne, so wie sie es bereits vor einer Woche gesagt hätten, nur mit einem kompletten Neuanfang, mit einem ganz neuen Konzept, gerettet werden. Eigentlich sei alles ganz einfach. Vor zweitausend Jahren sei Jesus als jüdischer Rabbi durch ein unterdrücktes und leidendes Galiläa gewandert und habe die Botschaft vom Reich Gottes, in dem absolute Gerechtigkeit und Frieden herrschen würden, verkündet. Die Menschen hätten auf ein besseres Leben gehofft und seien Jesus gefolgt. Mit dieser Botschaft könne man aber heute keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Die Maestra habe die Gründe ja bereits sehr schön aufgezeigt. Fanaticus und er hätten sich deshalb die folgende Frage gestellt. Was würde Jesus machen, wenn er nochmals zur Erde käme und den Auftrag bekäme, die Menschen zu Gott zurückzubringen? Er würde wohl zuerst einmal in die Gesellschaft hineinsehen und sich ein Bild von den heutigen Menschen machen. Er würde Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit sehen, vielleicht nicht überall, jedoch immer noch viel mehr als in Galiläa. Er würde allerdings auch Entwicklungen vor die Augen bekommen, die ihm gar nicht gefallen würden. Er würde verschwendungssüchtige und größenwahnsinnige Menschen sehen, die ihr eigenes Leben kaputt machen würden. Und er würde Menschen sehen, die immer mehr vereinsamen und keine richtige Lebensorientierung mehr hätten. Er würde deshalb sofort wieder den Wanderstab in die Hand nehmen und anfangen zu predigen:

He Leute! Ihr wollt euch über Gott, die Seele und die Natur stellen. Das ist ein falscher Weg. Ihr zerstört euch dabei selber. Kehrt um und ändert euer Leben radikal!

Jesus würde eine neue Botschaft vom Reich Gottes verkünden, und die sei eine sehr einfache. Es werde ein Reich Gottes kommen, in dem sich kein Mensch mehr über Gott, die Seele und die Natur stellen würde. Mehr als diese Botschaft brauche es nicht. Es brauche vor allem keine Kirchen, die Jesus aus eigenen Interessen heraus unterstützen wollten.

Pietro hat überzeugend gesprochen. Der Turbator ergreift als erster das Wort. Er finde die Idee mit der neuen Botschaft sehr gut. Die fatale Entwicklung in den westlichen Gesellschaften erinnere ihn an den Turmbau in Babylon. Die Menschen hätten damals an den Ufern des Euphrats eine Stadt bauen wollen, mit einem Turm, dessen Spitze bis in den Himmel hätte reichen sollen. Sie hätten versucht, Gott gleichzukommen. Sie hätten sich in ihrem Machstreben und ihrer Ruhmsucht über alles hinwegsetzen wollen. Und das habe Gott nicht akzeptieren wollen. Er habe deshalb die Sprachen verwirren lassen, sodass keiner die Sprache des anderen mehr habe verstehen können. Mit dem Turmbau sei es damit fertig gewesen.

Die Maestra meldet sich. Sie finde das Beispiel Babylon als Vergleich spannend. Die Menschen seien halt nun einmal so. Sie würden immer nach mehr streben wollen und seien nie zufrieden. Das liege in ihrer Natur. Die neue Botschaft vom Reich Gottes, so wie sie Pietro vorgestellt habe, gefalle selbst ihr gut. Sie sei einfach, verständlich und entspreche der heutigen Wirklichkeit. Sie erfülle die Sehnsucht nach einer besseren Welt und habe auch eine ethische Forderung. Eine Ethik, die sich an Gott orientiere, brauche es aber in der modernen Welt nicht mehr, sie habe das schon mehrere Male gesagt. Sie halte deshalb an ihrer ursprünglichen Prognose fest, Religionen hätten in den westlichen Gesellschaften nichts mehr zu suchen.

Jetzt spricht Fanaticus. Er verstehe ja bekannterweise etwas von Marketing. Er habe dem Christentum das theologische Fundament gegeben und dieses mit einem cleveren Missionsplan zum Laufen gebracht. Er sei deshalb fest davon überzeugt, dass man mit dem schlagkräftigen Slogan nicht höher als Gott, nicht höher als die Seele, nicht höher als die Natur eine gute Marketing-Strategie entwickeln könne. Er wolle die Ausführungen von Pietro auch noch etwas ergänzen. Dieser habe gesagt, die Menschen müssten ihr Leben radikal ändern. Das heiße aber nicht, dass man gegen die Prinzipien der Aufklärung oder gegen den Fortschritt und die Globalisierung sei. Die Errungenschaften der modernen Gesellschaft dürften nicht aufs Spiel gesetzt werden. Es gehe darum, die Maßlosigkeit und Arroganz zu stoppen, die Natur zu retten und den Menschen einen neuen Lebenssinn zu geben. Dann möchte er noch darauf hinweisen, dass man zwar die neue Botschaft vom Reich Gottes klar im Visier habe, aber natürlich noch nicht wisse, wer die neue Botschaft überhaupt verkünden solle. Jesus von Nazaret stehe ja nicht mehr zur Verfügung.

Nun kommt Gregor ins Spiel, der sich bisher zurückgehalten hat. Er könne das Gesagte nachvollziehen und sei mit dem Inhalt der neuen Botschaft fürs Erste einmal einverstanden. Er sehe allerdings die Gefahr, dass die ganze Sache ohne Unterstützung durch die Kirchen aus dem Ruder laufen könnte. Die vielen Kirchen würden dann noch schneller verschwinden, als sie es jetzt bereits tun würden. Pietro und Fanaticus schauen sich gegenseitig in die Augen. Gregor konnte nicht wissen, dass sie gerade dies wollen, die totale Befreiung von allen Kirchen mit ihren machtbesessenen Institutionen, vor allem von diesem Papst, dem habgierigen und skrupellosen Gregor, und zwar möglichst schnell.

Gregor nickt langsam mit dem Kopf. Er habe keine weiteren Einwände. Pietro und Fanaticus sind überrascht, wie schnell Gregor auf ihr Konzept eingegangen ist. Sie konnten allerdings ihrerseits nicht wissen, dass Gregor selbst einen Plan im Kopf hat. Und noch ein dritter hat Gefallen an der Idee von einer neuen Botschaft vom Reich Gottes. Es ist Jesus selber, der unsichtbar in der Ecke sitzt und aufmerksam zuhört.

Mit Ausnahme von Rosa sind alle für die Weiterführung des Projektes. Pietro und Fanaticus wollen nochmals eine Woche in Frascati bleiben. Sie möchten das Konzept verfeinern und vor allem darüber nachdenken, wer denn überhaupt als neuer Prediger in Frage kommen könnte.

Elfenbeinkugeln

Gregor ist zurück im Vatikan und geht gedanklich nochmals das Gespräch in Frascati durch. Ein neuer Prediger könnte ihm tatsächlich sehr nützlich werden, allerdings nicht, um das Christentum zu retten, sondern um ihm bei der Suche nach zwei verschollenen Elfenbeinkugeln zu helfen. Vom Slogan nicht höher als Gott, nicht höher als die Seele, nicht höher als die Natur hält er ohnehin nicht viel. Der töne zwar auf den ersten Blick sehr gut, würde aber nicht genügen, um als Glaubenskonzept im Haifischbecken der Religionen überleben zu können. Ein Glaube brauche eben mehr als nur etwas Marketing-und Weichspüler-Blabla. Es brauche ein fundiertes philosophisches und theologisches Konzept und dann vor allem die Kirchen, die den Glauben unter das Volk bringen müssten. Die neue Botschaft sehe vor allem keine Sanktionen vor, falls sich die Menschen nicht an diese halten würden. Dabei zeige die gesamte Menschheitsgeschichte doch klipp und klar, ohne Sanktionen würden sich die Menschen an gar nichts halten. Das Ganze sei deshalb zum Scheitern verurteilt.

Franceso Ricci, den der Papst mit der Suche beauftragt ist, steckt in einer Sackgasse. Er hat viel gemacht, um die Elfenbeinkugeln zu finden. Er hat in Frankreich, in Vienne und Dijon, recherchiert, dann in der Schweiz, in Grandson und schließlich in Bern. In Bern ist er steckengeblieben. Gregor will aber nicht aufgeben. Die Kugeln bedeuten ihm viel. Sie sind ihm Symbol für die abgründige Bosheit des Menschen, für den Sündenfall im Paradies und für eine schreckliche Tat im schweizerischen Grandson. Gregor möchte die Reliquien unbedingt finden und ihre schmerzhafte Geschichte im Petersdom dramatisch zur Schau stellen. Die Menschen sollten in aufwühlender Weise daran erinnert werden, dass sie eben nicht nur gut sind, sondern immer auch böse. Gregor hat allerdings noch einen anderen Gedanken im Kopf, einen sehr eigennützigen. Er möchte sich mit den beiden Kugeln aus der langen Liste der Päpste hervorheben und hofft, nach dem Tod möglichst schnell heiliggesprochen zu werden. Er weiß jedoch, dass die Suche nach den verschollenen Reliquien auch ein Wettlauf mit der Zeit ist. Eine reiche Familie aus Bern sollangeblich mit großer Verzweiflung ebenfalls nach den Augen suchen.

Vor zwei Jahren finden Bibliothekare durch Zufall unter den mehr als zwei Millionen Büchern und Manuskripten des Vatikans eine verstaubte, in Vergessenheit geratene Handschrift aus dem sechsten Jahrhundert. Sie erzählt in lateinischer Sprache eine aufregende Geschichte. Sie beginnt bei Judas Iskariot im alten Jerusalem. Judas, der Kassenwart von Jesus und den Aposteln ist, trägt ständig irgendwelche Wertgegenstände mit sich herum, darunter ebenso zwei Elfenbeinkugeln aus Ägypten. Die Schrift beschreibt detailliert die Kugeln. Auf jede von ihnen ist eine ebenbildliche, winzige Schlange gemalt, die eine in roter Farbe, die andere in schwarzer. Der Betrachter sieht sofort, dass die beiden Kugeln zusammengehören. Nach der Verhaftung Jesu auf dem Ölberg gelangen die beiden Kugeln in den Besitz von Pontius Pilatus, dem römischen Präfekt von Judäa. Dieser wird später wegen Bestechung und Gewalttätigkeit von Rom abgesetzt und in die südfranzösische Stadt Vienne verbannt, welche von den Römern besetzt ist. In seinem Gepäck befinden sich die beiden Elfenbeinkugeln. Hier endet die Geschichte der Handschrift aus dem sechsten Jahrhundert.

Francesco fotografiert die beiden Kugeln mit dem Handy und fängt an zu recherchieren, zuerst in Vienne und dann in Dijon. In der Bibliothek des Erzbischofs von Dijon findet er eine neue Spur aus der Herrschaftszeit Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund. Vienne liegt wenige Tagesritte von Dijon entfernt und gehört zum Herrschaftsgebiet des Herzogs. Die beiden Kugeln gelangen vierhundert Jahre nach dem Tod von Pontius Pilatus in den Besitz des Herzogs und werden schnell berühmt am Hofe. Der Herzog hält die beiden Kugeln mit den Schlangenmotiven ständig in der rechten Hand und rollt sie mit den Fingern. Er will die Hand für den Einsatz mit dem Schwert beweglich und kräftig halten. Bei einem Brand in der Kathedrale von Dijon verliert der Erzbischof Martin de Louard seine beiden Augen und erblindet. Der Herzog schenkt ihm die Elfenbeinkugeln. Der Erzbischof ist sein Beichtvater und loyaler Berater in den Regierungsgeschäften. Dieser setzt sich die Kugeln von nun an als künstlichen Augenersatz ein, wobei er die Schlangenmotive nach innen dreht.

Die weitere Spur wird von da an ziemlich hässlich. Francesco liest in den alten Schriften der bischöflichen Bibliothek, dass der Erzbischof bei den Feldzügen und Schlachten des Herzogs meistens dabei ist. Bei der Niederlage im schweizerischen Grandson fällt den siegreichen Eidgenossen eine riesige Beute in die Hände, darunter auch eine Sakristei. Dort hat sich der Erzbischof versteckt gehalten. Die wütenden Eindringlinge finden ihn, reißen ihm die wertvollen Elfenbeinkugeln aus und enthaupten ihn. Sie spießen den abgetrennten Kopf mit den leeren und blutenden Augenhöhlen auf eine Lanze und tragen ihn als Trophäe durch die Tore von Grandson.

Francesco kommt mit den Bibliothekaren ins Gespräch. Sie erzählen ihm, der Herzog habe getobt und geschrien, als er von der brutalen Tat erfahren habe. Er habe sich angeblich zu einem Fluch hinreißen lassen und die Übeltäter und ihre Nachkommen zu ewiger Blindheit verdammt. Sie sollten dasselbe Schicksal erleiden wie der Erzbischof. Es gebe allerdings keine schriftlichen Beweise für die Verfluchung. Der Herzog sei noch zwei weitere Male gegen die Eidgenossen gezogen, um Rache zu nehmen, das erste Mal nach Murten, das zweite Mal nach Nancy. Er habe auch diese beiden Schlachten verloren. In Murten hätten die Eidgenossen noch größere Beute gemacht als in Grandson. In Nancy sei dann der Herzog, der halt etwas überheblich und größenwahnsinnig gewesen sei und gerne König geworden wäre, gestorben. Das sei am 5. Januar 1477 geschehen.

Francesco reist von Dijon nach Bern. Er vermutet, die Kugeln müssten irgendwo in der Schweiz versteckt sein, und recherchiert weiter. Im Staatsarchiv von Bern findet er Hinweise, dass vor allem Infanteristen aus Bern und deren Hauptleute, mittellose Bauern und verarmte Adlige, reiche Beute gemacht hätten. Nach ihrer Heimkehr haben sie mit dem vielen Geld in den Taschen geprahlt und ihre Häuser und verfallenen Burgen renoviert. Francesco nimmt nun an, dass die beiden Elfenbeinkugeln in die Region Bern gelangt sind. Aber es sind nur Vermutungen, konkrete Hinweise hat er keine.

Francesco forscht weiter und findet schließlich den Namen einer der Hauptleute, der an der Schlacht in Grandson teilgenommen hat und reich heimgekommen ist. Sein Name ist Robert von Gunten. Die Nachfahren des Mannes leben heute noch in Bern. Sie sind sehr reiche Leute mit großem politischen und wirtschaftlichen Einfluss bis hinauf zur Schweizer Regierung. Francesco hat in den Straßen von Bern herumgehört. Die Leute erzählen hinter vorgehaltener Hand von einem Fluch, der über der Familie liegen müsse. Immer wieder würden Kinder blind zur Welt kommen.

Weiter kommt Francesco mit seinen Nachforschungen nicht. Er müsste jetzt mit der Familie von Gunten Kontakt aufnehmen. Würden seine Vermutungen zutreffen? Wie aber sollte er mit der Familie in Kontakt treten? Francesco weiß, dass der Berner Gideon von Gunten das derzeitige Familienoberhaupt ist. Gideon ist ein großer Mäzen des Alexanderklosters Paix in Paix an der Ach. Und genau in diesem Kloster hat Francesco vor langer Zeit als Mönch gelebt.

Francesco nimmt das Handy in die Hand und ruft seinen Chef in Rom an.

Comeback

Pietro und Fanaticus diskutieren in Frascati über den Einsatz eines Predigers für die Verkündigung der neuen Botschaft. Wie müsse eine solche Person überhaupt sein, und woher solle man sie nehmen? Jesus von Nazaret ist auch wieder da. Er sitzt neben der Espressomaschine und hört den beiden aufmerksam zu.

Für Fanaticus ist das Profil klar. Der neue Prediger müsse mit offenem Herzen zu den Menschen gehen und ihnen die neue Botschaft vom Reich Gottes charismatisch und glaubwürdig vermitteln können. Er müsse selbstverständlich an Gott glauben und von der neuen Botschaft fest überzeugt sein. Ansonsten müsse er sich aber unabhängig und frei bewegen können und über ein gewisses Maß an Unverschämtheit und Hartnäckigkeit verfügen, um den kirchlichen und anderen Autoritäten die Stirn bieten zu können. Er müsse kämpferisch und furchtlos sein und die Gesellschaft in Frage stellen können. Beruflich solle er kein Akademiker sein, vor allem kein Theologe oder Philosoph, sondern eher ein Handwerker, so wie es auch Jesus gewesen sei, oder, wie es Pietro vorschlägt, ein Bauer wie Niklaus von der Flüe, also bodenständig und gut fassbar. Gregor habe ihm viel vom Schweizer Mystiker Niklaus erzählt, der auch das wunderschöne Gebet Mein Gott geschrieben habe:

Mein Herr und mein Gott,

nimm alles von mir,

was mich hindert an dir.

Mein Herr und mein Gott,

gib alles mir,

was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,

nimm mich mir

und gib mich ganz zu eigen dir.

Pietro sagt, das Gebet würde nicht nur gesprochen, sondern ebenso gesungen. Es sei sehr berühmt und stehe im katholischen Weltkatechismus noch vor dem Gebet Nada te turbe der Mystikerin