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Frauen am Dirigentenpult gibt es nur wenige. Wer sind sie, wo sind sie aktiv und warum sind es nur einzelne, die es schaffen? Fragen, die der BR Klassik-Journalistin schon lange auf den Nägeln brennen. Sie hat sich auf Spurensuche begeben und Antworten gefunden.
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Seitenzahl: 24
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhalt
Kathrin HasselbeckJetzt kennen Sie 28 Dirigentinnen!Der langsame Wandel eines männlich dominierten Berufsbildes
Die Autorin
Impressum
Kathrin HasselbeckJetzt kennen Sie 28 Dirigentinnen!Der langsame Wandel eines männlich dominierten Berufsbildes
Kennen Sie eine Dirigentin? Der Nachname würde für den Anfang schon reichen. Mein Smartphone kannte nicht mal die Berufsbezeichnung. Tippte ich »Dirigentin«, korrigierte es automatisch zu »Dirigent in«. Da so eine künstliche Rechthaberintelligenz aber auf Weiterlernen programmiert ist, weiß sie inzwischen: It’s a thing! Und das nicht nur im Singular: Auch »Dirigentinnen« sind im Wortschatz meiner Autokorrektur angekommen. Da hat mein Smartphone den Bayreuther Festspielen etwas voraus. Dort wird dieses Jahr zum ersten Mal eine Dirigentin zu Gast sein: Oksana Lyniv. Auch bei den Salzburger Festspielen schaffte es bisher nur eine einzige Frau, eine Opernpremiere zu dirigieren: Joana Mallwitz konnte letztes Jahr die Bühne im Großen Festspielhaus erobern. Ihre »Così« wurde bejubelt und kehrt diesen Sommer wieder zurück. Dann soll außerdem noch Mirga Gražinytė-Tyla mit ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra auftreten. Außer diesen beiden Dirigentinnen nennt das Programmbuch für 2021 20 Dirigenten. Wenn die Salzburger Festspiele so weitermachen, sind wir schon 2030 bei fifty-fifty. Das ist natürlich optimistisch gerechnet.
Bleiben wir optimistisch: Denn jetzt kennen Sie schon drei! Und zwar drei richtig gute. Könnerinnen, fantastische Musikerinnen! Joana Mallwitz, Mitte 30, Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg und »Dirigentin des Jahres« 2019.1 Im selben Jahr widmet ihr die Süddeutsche Zeitung eine »Seite Drei«.2 Dort liest man von ihrer zügigen, aber nie übereilten Karriere, man lernt Mallwitz als blitzgescheite, hochtalentierte, gestaltungsmächtige und arbeitssüchtige Maestra kennen – und als Musikjunkie, der ganze Nächte mit Partitur und Klavier verbringt. Ein Name, den man sich merken sollte.
Das gilt auch für Mirga Gražinytė-Tyla, ebenfalls Jahrgang 1986, ebenfalls zur Dirigentin des Jahres gewählt.3 Sie machte 2016 Schlagzeilen, als sie mit nur 29 Jahren Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra wurde. Das europäische Feuilleton war aus dem Häuschen, weil sie damit so bedeutenden wie gefeierten männlichen Vorgängern wie Simon Rattle oder Andris Nelsons folgt. Außerdem konnte sie sich 2019 als erste Dirigentin einen Label-Exklusivvertrag sichern – bei der Deutschen Grammophon. Ihren für deutsche Augen und Zungen herausfordernden Namen hat sie selbst gewählt – als Künstlernamen. »Tyla« ist in ihrer litauischen Heimatsprache die »Stille«. Sie möchte Taten sprechen lassen, nicht Worte.4 Und dieser Name steht auch auf der Rangliste der »Top-Konzertdirigenten 2019« des internationalen Online-Musikmagazins Bachtrack. Die Liste folgt nicht qualitativen, sondern quantitativen Kriterien – der Auswertung von weltweit knapp 35 000 Veranstaltungen. Sechs Jahre zuvor war unter den Top-100-Dirigenten eine einzige Frau. 2019 sind es immerhin acht.5
Die Zahlen zeigen es: Frauen am Pult sind rar
Schauen wir uns noch ein paar Zahlen an. Das Beste gleich zu Beginn: Immerhin 36,2 Prozent der Menschen, die in Deutschland 2018/2019 Dirigieren studieren, sind weiblich.6
