Jetzt oder Nils - Nikola Hotel - E-Book
Beschreibung

Sag niemals Nils, Baby! Emma hat den peinlichsten Job der Welt: Sie überbringt Blumen und Grußbotschaften – als Glücksschwein verkleidet. Kein Wunder, dass Journalist Nils wenig begeistert ist, als sie vor seiner Tür steht. Denn er will sich umbringen. Das zumindest glaubt Emma und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Nils zu retten. Neben seinen Problemen mit seinem korrupten Noch-Schwiegervater und dem drohenden Karriereaus muss er sich nun auch noch fragen, wie er die allzu hilfsbereite Emma wieder los wird. Und ob er das überhaupt will… Unglaublich komisch, turbulent und sehr romantisch!

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Seitenzahl:328

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Informationen zum Buch

Sag niemals Nils, Baby

Emma hat den peinlichsten Job der Welt: Sie überbringt Blumen und Grußbotschaften – als Glücksschwein verkleidet. Kein Wunder, dass Journalist Nils wenig begeistert ist, als sie vor seiner Tür steht. Denn er will sich umbringen. Das zumindest glaubt Emma und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Nils zu retten. Neben seinen Problemen mit seinem korrupten Noch-Schwiegervater und dem drohenden Karriereaus muss er sich nun auch noch fragen, wie er die allzu hilfsbereite Emma wieder los wird. Und ob er das überhaupt will …

Unglaublich komisch, turbulent und sehr romantisch!

Nikola Hotel

Jetzt oder Nils

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Danksagung

Über Nikola Hotel

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Adri, Julchen und Flo

»You may be a puzzle,

but I like the way the parts fit.«

Frank Sinatra

1

Ich habe den peinlichsten Job der Welt: In meinem Gesicht prangt eine rosa Schweinsnase, und auf meinem Kopf steckt ein Haarreif mit schlackernden Schweineohren. Jeder, der mich sieht, wird denken, dass ich eine schreckliche Sünde begangen habe, für die ich nun bestraft werde. Oder dass ich einen besonders schlechten Schulabschluss habe. Denn mal ehrlich, wer außer mir muss sich in seinem Job als Glücksschwein verkleiden?

»Zwei Komma vier«, murmele ich, in Gedanken immer noch bei meiner Abi-Note, und knalle die Hecktür des kleinen Lieferwagens zu.

Der ältere Herr, der neben mir auf das imposante Gebäude zugeht, schüttelt den Kopf. »Diese Apartmentnummer gibt es hier meines Wissens nicht. Am besten, Sie fragen den Concierge.«

Mit einem monströsen Blumenstrauß in den Händen schiebe ich mich an dem freundlich lächelnden Herrn vorbei und bedanke mich. Neugierig blicke ich mich um. Ich habe mich schon oft gefragt, wie die Neubauten im Rheinauhafen, die wegen ihrer Form Kranhäuser genannt werden, wohl von innen aussehen. Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht: Eine beeindruckende weiße Theke bildet den Mittelpunkt der Lobby, an deren Wänden der Marmor glänzt. Aus allen Ecken wird die Eingangshalle dezent beleuchtet. So dezent, dass dem Mann hinter der Theke ein samtener Schimmer ins Gesicht fällt.

»Schönen guten Tag«, grüße ich möglichst lässig, denn ich will mir nicht anmerken lassen, wie aufgeregt ich bin. »Emma Arend von Daisy Düfte, ich bringe einen Blumenstrauß für Herrn …«, ich ziehe einen zerknitterten Lieferzettel aus der Tasche, »… Dannenberg. Können Sie mir sagen, in welchem Stock er wohnt?«

Der Concierge muss nicht einmal im Computer nachschauen. »Herr Dannenberg bewohnt das Penthouse in der 18. Etage. Ich melde Sie an.« Er greift nach dem Telefon und tippt eine Zahlenkombination ein. Nach wenigen Augenblicken legt er den Hörer wieder auf.

»Tut mir leid. Anscheinend ist er gerade nicht zu sprechen.« Jetzt wirft er doch einen Blick auf seinen Bildschirm. »Möchten Sie warten? Sie können den Strauß aber auch bei mir abgeben.«

Unwillkürlich umklammere ich die Blumen fester. »Ich muss sie persönlich überbringen«, sage ich. »Zusammen mit einer Nachricht.«

Eigentlich ist es nicht bloß eine Nachricht. Es handelt sich um ein elendes Gedicht! Ein Gedicht, das so peinlich ist, dass sich Heinz Erhardt im Grabe umdrehen würde. Ich habe nur den Anfang gelesen, aber der war schon schlimm genug. Das verrate ich dem Concierge natürlich nicht.

Auf seinem Namensschild steht Winkel. Seltsamer Name. Ob er sich deshalb oft Witze anhören muss? Mir würden da einige einfallen … Ein wenig schuldbewusst betrachte ich das Muster des Eichenparketts zu meinen Füßen. Herr Winkel kann ja nichts für seinen Namen. Außerdem sieht er trotz seines steifen Anzugs eigentlich recht nett aus.

An die Wand gepresst, versuche ich, mich unsichtbar zu machen, denn in meiner Aufmachung fühle ich mich alles andere als wohl. Leider stößt mein Handy genau in diesem Moment den gellenden Hilfeschrei der Beatles aus und macht meine Bemühungen mit einem Schlag zunichte. Help! meine Schwester Heidi.

»Du weißt, dass ich Ärger bekomme, wenn ich während der Arbeitszeit privat telefoniere«, fahre ich sie an.

»Warum lässt du dann dein Handy an?«

»Das ist …«, beginne ich viel zu laut, was mir einen strengen Blick von Herrn Winkel einbringt. »Das ist auch mein Diensthandy«, fahre ich wispernd fort. »Ich muss das immer anhaben.«

»Dann beschwer dich auch nicht, wenn es klingelt. Außerdem rufe ich dienstlich an.«

»Wirklich?« Ich weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll oder ob das eher eine Drohung ist.

»Wir stecken gerade mitten in der Planung für den EMPFANG.« Das Wort erscheint in Großbuchstaben vor mir. Sie sagt Empfang, als handele es sich um eine höchst offizielle Angelegenheit, mindestens so wichtig wie eine Veranstaltung des Bundeskanzleramts.

»Für welchen Empfang denn?«

»Bist du verrückt? Seit Wochen redet die ganze Familie von nichts anderem als dem Sektempfang zu meiner Promotion. Es kommen mehr als dreißig Gäste. Sogar Professor Reifenhäuser hat zugesagt. Es muss einfach perfekt werden. Und du weißt genau, dass ich deshalb Blumenschmuck brauche. Und zwar etwas ganz Besonderes, nicht bloß langweilige Rosen.«

Langweilige Rosen! Ich fasse es nicht, dass sie das gerade gesagt hat. Als ob Rosen langweilig wären. Als ob die Rosen, die ich für sie aussuche, langweilig wären.

Ich hole tief Luft und setze zu einer Erwiderung an, als Herr Winkel sich lautstark räuspert.

»Können wir das vielleicht später besprechen? Ich habe hier noch zu tun.« Und dann, weil ich auch einmal etwas in Großbuchstaben sagen möchte, füge ich hinzu: »Ich bin nämlich gerade im KRANHAUS.«

Nichts.

»Hast du gehört? Ich bin gerade in DEM KRANHAUS. Am Rheinauhafen.« Und als immer noch keine Reaktion kommt: »Das mit den Superluxuswohnungen.«

»Aha«, sagt Heidi und ich höre, wie sie im Hintergrund mit Papieren raschelt. »Dann schick mir doch bis spätestens morgen früh deine Entwürfe. Mit Bildern. Drei verschiedene müssen es mindestens sein. Und vergiss den Kostenvoranschlag nicht, inklusive Freundschaftsrabatt.« Ohne ein weiteres Wort legt sie auf.

Ich bin von Heidi schwer enttäuscht. Es kommt nicht häufig vor, dass ich bei meiner Arbeit etwas wirklich Interessantes erlebe, sie hätte ruhig mit mehr Begeisterung reagieren können.

Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Der Strauß ist ganz schön schwer. Blumenwasser tropft auf meinen linken Oberschenkel und ich werfe einen hilflosen Blick zu Herrn Winkel. Doch bevor ich ihn noch einmal an mein Anliegen erinnern kann, hebt er beschwichtigend die Hand und greift erneut zum Telefon.

»Hier spricht Winkel von der Rezeption. Eine junge Dame von der Firma Daisy Düfte kommt jetzt zu Ihnen. Sie überbringt einen Blumenstrauß.« Er wartet. »Ich werde es ihr sagen.« Nun wendet er sich an mich. »Es tut mir leid, Herr Dannenberg kann den Strauß nicht persönlich in Empfang nehmen. Er bittet Sie, ihn hier zu hinterlassen.«

»Das darf ich leider nicht.« Ich hebe entschuldigend die Schultern. »Ich muss den Strauß persönlich abgeben und eine Nachricht überbringen.« Dass der Auftraggeber dafür extra einen Bonus gezahlt hat, muss Winkel ja nicht wissen.

Seufzend greift er erneut nach dem Hörer. Mein Gott ist das alles umständlich. Ich überlege schon, ob ich nicht einfach in den Aufzug springen und blitzschnell nach oben düsen soll. Das Problem ist: Ich habe riesige Angst vor Aufzügen. Das liegt nicht etwa an der Enge der Kabinen, sondern daran, dass ich bereits mit sieben alle alten James-Bond-Filme gesehen habe. Die Szene mit dem Aufzug, in der der Boden plötzlich aufklappt und die Insassin in ein Haifischbecken rutscht, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Seitdem fällt mir Aufzugfahren schwer, auch wenn ich weiß, dass Haie hier eher selten sind. Aber ich weiß auch, dass man sich nie sicher sein kann, welche Fallen sich die Architekten sonst noch haben einfallen lassen. Dieses Haus steht schließlich direkt am Rheinufer.

»Sie können jetzt hinauffahren«, unterbricht Winkel meine Gedanken. »Aber bitte fassen Sie sich kurz, Herr Dannenberg ist sehr beschäftigt, und wir legen großen Wert auf die Privatsphäre der Eigentümer.«

»Aber selbstredend«, antworte ich und merke, dass ich schon genauso gespreizt rede wie er. Färbt das etwa ab?

»Es gibt hier nicht zufällig eine Feuertreppe?«, erkundige ich mich.

Herr Winkel hebt das Kinn. »Das Gebäude verfügt über die neuesten Sicherheitstechniken und selbstverständlich auch über eine Feuertreppe. Doch die Benutzung ist nur im Notfall gestattet.«

»Vielleicht können Sie ausnahmsweise …« Unter seinem strengen Blick fällt mein Widerstand in sich zusammen. »Nicht? Na gut.« Ich seufze.

Zögernd betrete ich den vollverglasten Aufzug und beäuge den Boden. Es gibt keine Fugen, die sich in irgendeiner Weise öffnen könnten, und ich entspanne mich. In den Scheiben sehe ich, dass meine Schweinsnase schief sitzt, und rücke sie eilig zurecht. Dann streiche ich meine Haare glatt und bohre mit dem Fingernagel einen Mohnsamen zwischen meinen Schneidezähnen raus, als mein Blick auf das neugierige Auge einer Kamera fällt, die von der Decke herabhängt. Peinlich berührt lasse ich von meinen Zähnen ab und winke. Herr Winkel hat das bestimmt genau gesehen. Vielleicht beobachtet er, ob Gäste des Hauses eine Waffe aus ihrer Tasche ziehen. Entweder das, oder am Türrahmen zum Aufzug war ohnehin schon ein Metalldetektor angebracht. Welch ein Glück, dass ich nicht den schicken Gürtel angezogen habe, den mir Michi neulich geschenkt hat. Den mit der großen Schnalle.

Michi und ich sind seit fast zwei Jahren zusammen und eigentlich ziemlich glücklich. Beide lieben wir italienisches Essen und amerikanische Kinofilme. Er arbeitet in der Gärtnerei, die uns beliefert, und macht nebenbei viel Sport. Na ja, er guckt auch viel Sport. Genauer gesagt schaut er sich die Turniere aller Sportarten an. Ich könnte noch verstehen, wenn er nur ein Fußballfan wäre. Doch er guckt außerdem Tennis, Leichtathletik, Biathlon und Schwimmen. Und die Formel 1. Aber alles in allem kann ich doch froh sein, einen Freund zu haben, der so sportbegeistert ist, oder?

Ich bin leider nicht besonders sportlich. Und müsste ich die Stockwerke, die ich gerade hochsause, zu Fuß gehen, käme ich ganz schön aus der Puste.

Ein leises Pling kündigt an, dass ich mein Ziel erreicht habe, und die Fahrstuhltür schiebt sich geschmeidig auseinander. Noch bevor mein Fuß den Boden berührt, erhellt sich der Flur.

Ich brauche nicht lange, um mich zu orientieren, denn es gibt nur eine einzige Tür am Ende des Flurs, durch die Musik dröhnt. »My Way« von Frank Sinatra. Mit einem nervösen Flattern im Magen drücke ich auf die Klingel.

Nichts passiert. Ich befürchte schon, dass dieser Dannenberg aufgrund der lauten Musik das Klingeln nicht hört, da wird die Tür so ruckartig aufgerissen, dass ich unwillkürlich zurückweiche. Ein dunkelblonder Mann, höchstens Mitte dreißig, erscheint im Türrahmen. Er ist unrasiert und trägt ein verknittertes weißes Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen aufgekrempelt hat.

»Geben Sie schon die Blumen her, und dann verschwinden Sie«, blafft er mich an. Dann heftet sich sein Blick auf meine Schweinsnase. »Ach du Schande.«

Mit der linken Hand stützt er sich am Türrahmen ab. Mit der rechten umfasst er lässig ein Glas, in dem eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmert.

»Entschuldigung«, hasple ich verlegen und suche vergeblich nach einem Namensschild über der Türklingel. »Ich wollte eigentlich zu einem Herrn Dannenberg.«

»Herzlichen Glückwunsch«, erwidert er. »Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

»Sie sind Herr Dannenberg?« Der ungläubige Tonfall in meiner Stimme ist nicht zu überhören. Ich hätte nie gedacht, dass jemand, der in einem Penthouse im Kranhaus wohnt, so jung sein könnte!

»Warten Sie«, sagt er. »Ich sehe mal kurz in meinem Pass nach.« Aber er rührt sich nicht vom Fleck, sondern trinkt sein Glas in einem Zug leer, während er mich durch halbgeschlossene Lider mustert.

Mein Blick bleibt an seinen sonnengebräunten Unterarmen hängen. »Wenn Sie Herr Dannenberg sind, dann ist dieser Blumenstrauß für Sie«, sage ich. »Ich bin Emma Arend von Daisy Düfte.« Mit Schrecken spüre ich, wie meine Schweinsohren dabei wackeln.

Seine Augen weiten sich.

»Können Sie vielleicht die Musik etwas leiser stellen? Ich muss Ihnen auch noch ein Gedicht vorlesen.«

»Ein Gedicht.« Es ist nicht als Frage gemeint. Er hat die Stirn in Falten gelegt und schnipst dann zweimal mit den Fingern. Die Musik verstummt. »Nun gut«, sagt er ungeduldig.

Ich halte den Blumenstrauß vor mich, setze ein feierliches Gesicht auf und … erinnere mich, dass ich das Gedicht nicht auswendig kann. Meine hilflosen Bemühungen, mit Blumen im Arm in meiner Hosentasche nach dem Spickzettel zu fingern, quittiert Dannenberg mit einem Seufzen.

»Können Sie mal kurz halten?«, frage ich und reiche ihm den Strauß. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, lässt er ihn hinter sich auf den Boden fallen.

Ich schnappe nach Luft. Weiß er denn nicht, wie teuer Callas in dieser Größe sind? Ganz abgesehen davon: Der Strauß ist wunderschön! Sehr schlicht und geschmackvoll, und – wenn ich es recht bedenke – eigentlich ein Brautstrauß.

»Sie können doch nicht die schönen Blumen einfach so hinwerfen!«, empöre ich mich und dränge mich an ihm vorbei in die Wohnung. Behutsam hebe ich die Blumen auf und richte die abgeknickten Stängel. Danach falte ich mein Notizblatt mit der ausgedruckten E-Mail des Auftraggebers auf.

»Lieber Nils«, beginne ich.

»Was wäre ich denn ohne

einen Freund wie dich?

Ich legte dir mein Herz

ganz offen auf den Tisch.

Ich schenkte dir nicht nur

mein allergrößtes Vertrauen.

Sondern auch meine Tochter,

um deine Zukunft aufzubauen.«

Es ist furchtbar. Wieso schreibt jemand so etwas? Und weshalb hält er sich dann nicht weiter an das Versmaß?

»Doch jetzt in dieser Stunde

da weiß ich, wer du bist.

Wer solche Freunde hat,

braucht … keine Feinde nicht.«

Ach du je. Ich werfe einen schnellen Blick zu Dannenberg, der die Augen halb geschlossen hat und leise atmet. Meine Stimme beginnt zu zittern.

»I… ich wollte dir nur sagen,

einschenken reinen Wein.

Du bist nicht mehr mein Schwiegersohn,

du bist ein … mieses Schwein!«

Vor Schreck rutschen mir fast die Schweinsohren vom Kopf.

»Verzeihen Sie«, sage ich tapfer, »ich habe ehrlich gesagt nicht gewusst, was in diesem Gedicht steht. Sonst hätte ich bestimmt nicht … also ich hätte niemals … ganz sicher nicht … diese Verkleidung angezogen«, beende ich mein lächerliches Gestammel und zerre mir die Plastiknase vom Gesicht.

Dannenberg lässt mich, ohne ein Wort zu sagen, stehen. Mir ist das Ganze furchtbar unangenehm. Ich stolpere ihm hinterher und sehe, wie er im Wohnzimmer sein Glas auffüllt. Seufzend lässt er sich auf ein cremefarbenes Sofa nieder. Ich bleibe abrupt mitten im Raum stehen. Nicht nur, weil ich die mit Abstand luxuriöseste und traumhafteste Wohnung aller Zeiten betreten habe. Auch nicht, weil sich mir eine spektakuläre Aussicht auf den Kölner Dom bietet und der loftähnliche Raum durch die bodenlangen Fenster so sehr von Sonnenlicht durchflutet wird, dass ich beinahe erblinde. Und schon gar nicht, weil ein Schnipsen von Dannenberg die Surround-Anlage reaktiviert und Sinatra erneut anfängt, seinen größten Hit zu schmettern. Was mich erschrocken innehalten lässt, sind der riesige Metallhaken, der an der Deckenmitte hängt, und der Stuhl, der daruntersteht und nur darauf wartet, dass jemand hinaufklettert.

Erst jetzt fällt mir auf, wie zerzaust Dannenbergs Haare sind. So, als hätte er sie sorgenvoll durchwühlt. Sein weißes Hemd ist halb aufgeknöpft und sein blauer Schlips baumelt merkwürdig verdreht um seinen nackten Hals. Auf dem Tisch liegen ein Stapel zerrissener Fotos und die Überreste mehrerer Kreditkarten, die in Stücke geschnitten worden sind. Aus den Boxen dröhnt: »And now the end is near …«

Fehlt nur noch ein Umschlag mit der Aufschrift »Mein letzter Wille«. Unwillkürlich suche ich den Tisch danach ab, doch Dannenberg fängt meinen Blick auf und fegt im selben Moment alles mit einem Wisch beiseite.

Mein Mund öffnet sich wie von selbst. »Sie … Sie wollen sich doch nicht etwa umbringen?«, quetsche ich heraus.

Dannenberg schaut bei dieser Frage nicht einmal auf, sondern stiert in sein Glas.

»Sie haben Ihre Botschaft vorbildlich überbracht«, sagt er schließlich.

Es wundert mich, dass er das noch so klar formulieren kann, nach den ganzen Drinks.

»Sagen Sie Kreuzbach, dass er mich mal kann.«

Ich suche nach ein paar klugen Worten, frage schließlich jedoch nur: »Sind Sie krank? Haben Sie einen Tumor oder so was?«

Er schüttelt den Kopf. »Was wollen Sie eigentlich noch hier? Verschwinden Sie endlich.«

Ich erstarre. Aber ich kann doch jetzt nicht gehen! Nicht, wenn ich weiß, dass hier ein Mensch in einer Lebenskrise steckt. Wenn ich einfach so abhaue, dann wird er sich erhängen. Das geht doch nicht … Er kann doch nicht … Ich kann das doch nicht zulassen!

»Und dann lese ich morgen in der Zeitung, dass Sie sich umgebracht haben?«

Dannenberg ist wortlos aufgestanden und zu einer lackglänzenden Anrichte gegangen, auf der mehrere Karaffen stehen.

»Aber das dürfen Sie nicht«, rutscht es mir heraus.

Lautstark stellt er eine Flasche ab. »Nur zur Information: Ich weiß schon, was ich tue.«

»Aber …«

Mir schießen tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf: … Das dürfen Sie nicht, weil Sie in diesem Penthouse wohnen. Weil Sie verdammt noch mal einen Concierge haben! Weil es eklig ist, wenn hinterher der Tatortreiniger kommen muss. Weil irgendein Arzt an Ihrem nicht gerade unattraktiven Körper rumschnippeln wird. Weil die Sonne scheint …

»Wenn Sie das tun, dann muss ich mir ein Leben lang Vorwürfe machen.«

Habe ich das gerade tatsächlich gesagt? Na toll! Es wird ihn wohl kaum aufbauen, wenn ich bei seinen Suizidplänen nur an mich denke.

Er lächelt schief. »Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Und wenn es nur das ist: Ich entbinde Sie gerne von dieser Verantwortung.«

Verzweiflung sprudelt in mir hoch. »Das können Sie gar nicht!« Ich laufe hektisch auf und ab. »Von so etwas kann man nicht entbunden werden! Wissen Sie, als Kind hatte ich einen Goldhamster. Er hieß Julchen. Ich habe ihn so sehr geliebt! Aber ich konnte ja nicht wissen, dass Goldhamster keine Gummibärchen essen dürfen. Jedenfalls – ich habe ihm die ganze Haribo-Tüte ausgeschüttet und Julchen hat immer mehr davon in sich hineingestopft. Er sah anschließend so aus«, ich plustere meine Backen auf. »Und dann wollte er die Gummibärchen partout nicht wieder ausspucken. Er … er ist erstickt.« Gedankenversunken schaue ich zu Boden. »Ich habe mich bis heute nicht davon erholt. Sobald ich nur ein Nagetier sehe, wird mir schlecht. Ich hätte es vielleicht verhindern können, wenn ich ihn sofort zum Tierarzt gebracht hätte, aber ich war zu feige. Und jetzt …« Ich suche nach Argumenten und betrachte Dannenberg genauer: die gerunzelte Denkerstirn, die blauen Augen mit den dichten Wimpern und das kleine Muttermal auf seiner linken Schläfe. »Sie sind so jung«, beginne ich. »Sie sind attraktiv. Und reich sind Sie auch noch. Bestimmt gibt es eine Menge Leute, die Sie lieben und Sie wahnsinnig vermissen würden. Das können Sie denen nicht antun. Schon gar nicht ohne Abschiedsbrief. Und auch nicht mit Frank Sinatra. Eigentlich gibt es nichts auf der Welt, was so schlimm sein könnte, dass man sich mit Frank … Wir werden jemanden finden, der Ihnen hilft. Ich verspreche es Ihnen!«

Der Blick, den Dannenberg mir zuwirft, schwankt zwischen Entsetzen und Faszination. Seine Augenbrauen wölben sich nach oben:

»Sie haben Ihren Goldhamster mit Gummibärchen umgebracht.«

Ich nicke.

»Ich verspreche Ihnen, ich werde keine Gummibärchen essen.« Er zeigt in Richtung Wohnungstür. »Und jetzt raus.«

2

Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin mir nicht sicher, ob Dannenberg mir überhaupt richtig zugehört hat. Außer das mit den Gummibärchen, das hat er behalten. Aber auch als ich laut »Denken Sie an Ihre Mutter!« gerufen habe, hat ihn das nicht daran gehindert, mich mit aller Kraft durch die Wohnungstür zu schieben. Er ist wirklich fest entschlossen, und ich bin verzweifelt. Was soll ich bloß machen? Ich kann jetzt unmöglich nach Hause fahren und so tun, als wüsste ich von nichts. Mit zitternden Fingern tippe ich auf meinem Handydisplay herum und wähle die Nummer meiner Chefin. Erika wird wissen, wie man sich in so einem Fall verhält. Bestimmt gibt es eine Art Notfallkatalog. Für einen Verkehrsunfall habe ich in unserem Lieferwagen schließlich auch einen ganzen Aktenordner mit Punkten, die ich nach und nach abarbeiten muss. Unruhig tigere ich über den Flur. Als sie endlich abnimmt, rufe ich in mein Handy: »Erika, der Mann will sich umbringen!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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