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Der Amerikaner Bernard L. Madoff hat den Wirtschaftsbetrug in bislang ungeahnte Höhen getrieben. Wirtschaftskriminalität gehört jedoch zur Wirtschaft wie die Hufe zum Pferd. Der Autor und bekannte Anwalt Valentin N. J. Landmann hat den Mechanismus von Betrug und Naivität in der Wirtschaft beobachtet. Täglich begegnet er Fällen von Wirtschaftskriminalität und kennt zahlreich Betrüger und Betrogene. Wie geht ein Betrüger vor? Welches sind die Opfer? Wie wird man nicht zum Betrogenen? Landmann liefert Tipps und Tricks, wahre Stories und eigene Erkenntnisse aus der Praxis. Nur wer weiss, wie die Kriminalität funktioniert, kann entsprechend reagieren.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2013
Valentin Nikolai Josef Landmann (*1950) wurde als Sohn des Philosophen Michael und der Schriftstellerin Salcia Landmann geboren.
Heute ist er einer der bekanntesten Strafverteidiger der Schweiz. Als Anwalt der Hells Angels, Prostituierter, Neonazis und anderer Randgruppen, aber auch von Polizeibeamten, Politikern und Bankiers wurde er berühmt. Er lehrt an der Universität Luzern Strafverteidigung und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Valentin N. J. Landmann
Jetzt wird’s kriminell Trust me
Die Psychologie der Wirtschaftskriminalität
Stämpfli Verlag
Impressum
Die bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliografie ist über www.dnb.de abrufbar.
© Stämpfli Verlag AG, Bern · 2013
Lektorat: Bernd Zocher, Zürich
Korrektorat: Benita Schnidrig, Stämpfli Verlag AG, Bern
Umschlaggestaltung: Nils Hertig, clicdesign AG, Liebefeld BE
E-ISBN 978-3-7272-1250-5
Die gedruckte Ausgabe dieses E-Books ist im Buchhandel unter der ISBN 978-3-7272-1267-3 erhältlich.
Printed in Germany
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
In meinem Beruf gewöhnt man sich das Wetten genauso ab wie das Wort «unmöglich», denn als Strafverteidiger hat man es in erster Linie mit Menschen zu tun. Menschen sind immer für Überraschungen gut, und sie tun im Guten wie im weniger Guten oft genug, was man nicht für möglich gehalten hätte. Aber falls ich noch Wetten eingehen würde, würde ich jede Wette eingehen, dass es Wirtschaftskriminalität gibt, seitdem es Austauschsysteme gibt, die man als Wirtschaft bezeichnen kann, also von der Antike bis in die Gegenwart. Wirtschaftskriminalität gehört zur Wirtschaft, wie die Hufe zum Pferd. Meine Aussichten, diese Wette zu gewinnen, stünden wahrscheinlich nicht schlecht – aber dann müsste ich erst einmal jemanden finden, der auf die Gegenposition setzen würde.
Doch dies dürfte nicht einfach sein. Denn wer zum Thema «Trust me und du wirst Wunder erleben!» Historisches sammelt, stellt bald einmal fest: Immer und überall gab es die Schlaumeier, Magier, Seher, Verrückten, Propheten, Unternehmer, Anlageberater und so weiter, die ihren Mitmenschen für deren Investitionen in Form von Gold, Geld und anderen wertvollen Dingen eine goldene Zukunft versprachen, ihnen dafür ihr Hab und Gut abnahmen und unter dem Strich bestenfalls für sich selber ein paar goldene Jahre ergatterten. Und immer gab es Menschen, die auf sie hereinfielen.
Ägyptische Papyri, mesopotamische Tontafeln, Pergament- und papierne Briefe berichten uns von Tätern, ihren Machenschaften und ihren Opfern ebenso wie behördliche Erlasse, Gerichtsakten, Chroniken und andere Geschichtsbücher. Auch die fiktiven Helden, etwa in den Schelmenromanen oder Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, tun gute Dienste, wenn es zu belegen gilt, dass der Wirtschaftskriminelle ein Bestandteil der wirtschaftlichen Aktivität ist. Wo immer wir in der schönen Literatur solche Charaktere und ihre Praktiken beschrieben finden, können wir sicher sein, dass die Realität das Material geliefert hat.
Allerdings werden Sie in diesem Buch weder literarische Akteure finden noch Betrüger, die ihren Opfern etwas anderes als weltlichen Gewinn in Aussicht stellen. Der Grund ist einfach: Die Vortäuschung anderer Realitäten hat viele psychologische und soziale Ursachen, sowohl auf Seiten des Betrügers als auch auf der des Betrogenen. Wollten wir auch ihren Motiven folgen, würde unser Thema uferlos. Hier soll es allein um kriminelle Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben gehen.
In alten Zeiten nannte man die Schilderung von Ereignissen zu einem Thema, die Darstellung von Redewendungen oder die Zitation berühmter Autoren Florilegien; es ist das lateinische Wort für eine Blütenlese. Sie war meist alphabetisch oder thematisch gegliedert. So weit wollen wir nicht gehen, aber die Blütenlese ist ein hübsches Bild für liebevoll Zusammengestelltes aus ebenso liebevoll Ausgewähltem, seien das Gedichte, Musikstücke, Bilder oder die Blumen, die bereits im Wort stecken – und in diesem Fall ein treffender Euphemismus für die nachstehend präsentierten Szenen, Helden und Heldentaten.
Frauen werden Sie auf diesen Seiten derart selten begegnen, dass sich dazu ein paar Worte aufdrängen. Weit mehr noch als in der legalen Wirtschaft steht publik gewordene Wirtschaftkriminalität für eine Männerwelt, in der sich die Frauen gefälligst damit begnügen sollen, Teil der Inszenierung zu sein, sei es als Sekretärin, als Freundin oder als Ehefrau. Sogar als Investorinnen grösserer Summen spielen Frauen eine kleinere Rolle und scheinen weniger willkommen zu sein als männliche Geldanleger. Liegt es daran, dass Frauen weniger zu investieren haben oder in Finanzbelangen deutlich mehr unbequeme Fragen stellen als Männer? Nach meinen Beobachtungen lehnen sie ein wie auch immer geartetes Investment schneller ab, wenn ihnen die Antworten nicht einleuchten. Bereits die extrem hohe Dunkelziffer sorgt dafür, dass ich diese Fragen ebenso offen lassen muss wie die Frage, ob und wieweit Frauen in Sachen Wirtschaftkriminalität zurzeit aufholen.
Fangen wir mit der ersten Blüte unseres Florilegiums an, mit Pausanias (* um 115 n. Chr. in Kleinasien; † um 180 n. Chr.), einem griechischen Reiseschriftsteller und Historiker, der für ein gebildetes römische Publikum schrieb. Er verfasste unter anderem einen «Reiseführer» für Griechenland, der zu seiner Zeit allerdings kein Bestseller war. Aber dank Pausanias wusste, wer sich den Luxus des Reisens leisten konnte, fortan nicht nur, was in Griechenland eine Reise, eine Pause oder wenigstens einen kleinen Umweg lohnte. Pausanias informierte seine Leser auch in Sachen Legen und Gelegtwerden.
So dreht sich ein Grossteil dessen, was er zu den Olympischen Spielen mitzuteilen hatte, um Inszenierungen und Machenschaften, die uns Heutigen alles andere als antik vorkommen. Vielmehr fällt uns dank modernen Skandalen nur zu leicht, das Bild zu komplettieren, das Pausanias entwarf. Nicht nur die «Kleinen» – angefangen bei den kleinen Fastfood-Verkäufern über Prostituierte und Ticketvermittler bis zu Kneipiers, Hoteliers, und Prostituierten – konnten dank den Spielen, welche Rom wieder zum grossen Event gemacht hatte, Geld ergaunern. Auch und vor allem die Grossen konnten dies tun. Sie bestimmten, wer in den Wettkämpfen gegen wen antrat. Sie sorgten dafür, dass nicht immer der Beste gewann. Sie steuerten das grosse Geschäft mit Spiel und Wette.
Mit dem Rezept «Panem et circenses» sorgten römische Herrscher auch weitab von Olympia dafür, dass ihre Untertanen nicht auf unbequeme Fragen kamen. Römer und später auch die Byzantiner waren begeisterte Fans von Kampfspielen und Pferderennen. Auf die wurde mit Enthusiasmus gewettet. Und so lange, wie es die kaiserlichen Spiele gab, gab es die Cleveren, die mit ihnen Geld machten, und je mehr Geld in die Spiele floss, desto mehr Geld war auch rund um diese Spiele herum unterwegs.
Das Weltreich Rom mit seinen Waren- und Geldflüssen und seiner omnipräsenten Korruption muss auch anderweitig ein Eldorado für Wirtschaftskriminelle gewesen sein. Und sie konnten sich gut aufgehoben fühlen bei ihrem Schutzgott. Ob der sich Hermes nannte oder Merkur, er war unter anderem zuständig für Handel, Kaufleute, Diebe, Betrüger und die Redekunst. Nicht besser als Sport und die allgemeine Wirtschaft schnitten in Sachen antike Gaunerei die Tempel ab. Schon in der Römischen Republik (6. Jahrhundert v. Chr. bis 27 v. Chr.) war es gang und gäbe, jene Priester zu bestechen, welche durch Götterschau und Vogelflug den Gang der Ereignisse beeinflussten.
Vom Kollaps des weströmischen Reiches an (476) und bis weit ins Mittelalter hinein scheint Wirtschaftskriminalität im heutigen Sinne weniger ein Thema gewesen zu sein. Angesichts der Verhältnisse kann das nicht überraschen. Produktion und Handel lagen im Wesentlichen in den Händen der politischen Elite. Die Erlangung einer politischen Funktion zum Zweck des eigenen Vorteils galt nicht als ehrenrührig. Völkerwanderung, der Zusammenbruch des römischen Reiches und aller Streit um dessen Nachlass sorgten im Übrigen für instabile Verhältnisse, sodass die Machtverhältnisse eher auf dem Schlachtfeld oder mit gross angelegtem politischem Betrug geregelt wurden.
Erst im Verlauf des Mittelalters wurde Wirtschaftskriminalität zu einem wesentlichen Bestandteil der frühen kapitalistischen Entwicklung. Um 1420 herum gab der französische Alchemist Tschan (= Jean) vor, aus Blei Silber und aus Kupfer Gold machen zu können. Von Zürich bis Konstanz und Schaffhausen führte er seine Künste vor und suchte Investoren. Seine Show muss gut gewesen sein, denn Ratsherren, Stadträte und der Adel fielen auf ihn herein. Der Schaffhauser Rat sah Schaffhausen bereits im Gold schwimmen und erfüllte, um die statt in gross richtum ze bringend, eine Zeit lang jeden Wunsch des Alchemisten. Flossen die Mittel spärlicher, zog Tschan weiter. Er soll es sogar geschafft haben, in den Hegauer Adel einzuheiraten. Das volle Ausmass seiner Betrügereien wurde erst sichtbar, nachdem er beim Versuch, sich abzusetzen, erschlagen worden war, und kament die lüt in grossen kumer und schaden, die das ir uff in gelait hatten.
Der Glaube, aus Blei Gold herstellen zu können, ist eine der grossen alchemistischen Fantasien, die die philosophischen Entwicklungen des 17. und 18. Jahrhunderts begleiteten.
Ein Juwel verdanken wir dem Benediktiner Sigismund Meisterlin, dem Autor der Augsburger Chronik «Chronographia Augustensium», der im 15. Jahrhundert als Sekretär eines Grafen wirkte und von diesem abdelegiert wurde, einen Doktor der freien Künste und der Physik unter die Lupe zu nehmen – es ist ein Musterbeispiel für einen Betrugsversuch.
Je mehr neue Welten die europäischen Entdecker erkundeten und zu Geld beziehungsweise zu Teilen der europäischen Königreiche zu machen versuchten, desto besser gedieh auch die Wirtschaftskriminalität. Bereits für seriöse Geschäftsleute waren gigantische Gewinne ebenso selbstverständlich wie Totalverluste. Ein prägendes Beispiel dafür ist die Entwicklung des Reedereiwesens, die mit den grossen Entdeckungen einherging. Das Prinzip war einfach: Eine Gruppe von Investoren fand sich zusammen und bezahlte ein Schiff samt Manschaft, um Güter aus fremden Ländern zu beschaffen. Fand ein Schiff plus Ladung beispielsweise aus Fernost zurück nach Hamburg, entsprach dies einem Treffer im Roulette. Kam das Schiff nicht zurück, war alles Investierte weg. Es herrschte Goldgräberstimmung. Das Wissen über die neuen Welten war noch dermassen lückenhaft, dass kaum eine Geschichte als Unsinn abgetan werden konnte – ein weites Feld für jede Art von Wirtschaftsbetrug.
Im 17. Jahrhundert war Israel Ory, ein Düsseldorfer Kaufmann, unterwegs, der sich als Mitglied des armenischen Hochadels ausgab und dem Kurfürsten von der Pfalz die armenische Krone anbot, auf dass die armenischen Christen besser geschützt würden. Zu den Geschenken, die er dem Kurfürsten in Aussicht gestellt hat, vermerkt ein Billett von Ory, einer der armenischen Fürsten habe Kostbarkeiten, Pferde und andere Schätze für den Kurfürsten zur Verfügung gestellt, doch habe Ory leider nichts von all diesen Herrlichkeiten mitbringen können, da es in Anatolien zurzeit von Räubern wimmle. Der Kurfürst biss nicht so richtig an, weshalb Ory schliesslich weiterzog und sich an den russischen Zaren wandte. Der ernannte ihn effektiv zum Botschafter in Persien und ermöglichte ihm, im Rahmen seiner diplomatischen Missionen lukrative Geschäfte zu machen. Dass Ory der Klasse der Orientbetrüger zuzurechnen war, wurde erst nach seinem Tod klar. Solche «Orientbetrüger» setzten vor allem im 18. Jahrhundert auf die märchenhaften Vorstellungen der Europäer vom Orient und nutzten sie zu ihrem eigenen Vorteil. Ein Könner namens Mirza Hassan Collaweck, Sohn des persischen Königs, lebte in Deutschland nicht bloss jahrelang auf Pump, sondern lud auf den 24. April 1797 alle seine Gläubiger ein, ihn zur Ankunft seiner Karawane mit Kamelen, Dienern und Schätzen zu begleiten – und die Gläubiger kamen für Kutschen und Musikkapelle auf! (Die Karawane blieb leider aus.)
Das 18. Jahrhundert kann weiter mit Giuseppe Balsamo aufwarten. Er stammte aus einem Armenviertel Palermos. Seine grosse Zeit begann, nachdem er nach seinen Angaben den ganzen östlichen Mittelmeerraum bereist, alles dortige Fachwissen in Sachen Alchemie und Medizin zusammengetragen und sich schliesslich dem Grossmeister des Malteserordens als Alessandro, Graf von Cagliostro, Alchemist und Goldmacher, präsentiert hatte. Die Empfehlungen des Grossmeisters öffneten ihm in Neapel und Rom alle Türen. Von Rom aus fand er dann mit seiner ebenso talentierten Ehefrau Zugang zu den Höfen in ganz Europa. Geld verschaffte er sich mit Produkten, die zu Schönheit, Jugend und Liebe verhelfen sollten, sowie mit alchemistischen Mixturen. Seine Auftritte waren perfekt, egal ob er sich als Freimaurer inszenierte oder der Inquisition als Kronzeuge gegen die Freimaurer zu Diensten war, ob er in den besten Kreisen auftrat oder im Gefängnis sass.
Der industrielle Aufbruch im 19. Jahrhundert schuf mit seinen fast unbegrenzten Möglichkeiten ein eigentliches Eldorado für Wirtschaftskriminelle. Die Grenzziehung zwischen seriös gemeinten und unseriösen Projekten fiel schwerer denn je. Gigantische Visionen konnten beim Suezkanal realisiert werden und sorgten beim Panamakanal erst einmal für einen Riesencrash und -skandal. Nur zu oft entschied der Erfolg darüber, ob man später von echten oder falschen Visionären, von grossen Würfen, abstrusem Wunschdenken oder gezielter Irreführung ausging. Das Aufkommen des modernen Kapitalismus brachte als Nebenerscheinung eine undurchsichtige Melange von unternehmerischer Weitsicht, sinnvoller Spekulation und betrügerischer Hinterhältigkeit hervor. Je nach Blickwinkel waren einzelne Protagonisten weitsichtige Kaufleute oder ruchlose Gesellen.
Der Amerikaner James Fisk war auch so einer, und er war ein begnadeter Verkäufer. Er machte sein erstes Vermögen während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861–1865), indem er Freund und Feind zu überrissenen Preisen Produkte verkaufte, die sie gerade brauchten, oder andrehte, was sie nicht brauchten. Waffen- und Baumwollschmuggel war sein Metier.
In den 1860er-Jahren legte er den Geschäftsmann Daniel Drew herein, der dies als Fähigkeitsausweis wertete und Fisk zu seinem Partner machte. Die beiden waren sich auch in Sachen Skrupellosigkeit ebenbürtig und stellten das nicht nur in der Dauerfehde mit dem Eisenbahnkönig Vanderbilt unter Beweis. Zusammen mit dem rücksichtslosesten aller amerikanischen Eisenbahnunternehmer, Jay Gould, setzten sie sich zum Ziel, den US-Goldmarkt zu übernehmen. Dieser Markt war eher klein. Die Regierung konnte ihn und den Goldpreis nach Wunsch steuern, weil sie über einen grossen Teil des vorhandenen Goldes verfügte. Fisk und Gould brachten den Schwager des US-Präsidenten Ulysses S. Grant dazu, sich an ihrem Goldgeschäft zu beteiligen. Den Präsidenten selber brachten sie dazu, einen neuen, mit ihnen verbandelten Assistenten des Finanzministers zu ernennen. Dann trieb Gould mit seinen Käufen den Goldpreis massiv in die Höhe. Als die Regierung grosse Verkäufe ankündigte, sorgte dies an der Börse für den Einbruch aller Rohstoffpreise und dann auch der Aktienkurse. Der «Schwarze Freitag» 1869 ruinierte viele Spekulanten. Nur Fisk und Gould hatten dank Insiderinformationen ihre Gewinne bereits realisiert.
Der Betrug von Charles Ponzi ist eine noch fast unverfrorenere Geschichte. Ponzi stammte aus Parma und wanderte 1903 mit zwanzig Jahren aus. In Montreal bekam er als Bankangestellter mit, wie sein Chef mit den Einlagen neuer Kunden fällige Zinsen beglich und sich schliesslich mit der Bankkasse nach Mexiko absetzte. Ponzi sass später wegen Betrugs und Menschenhandels zweimal in US-Gefängnissen und schlug sich eher schlecht als recht durch, bis ihn 1920 ein internationaler Antwortschein auf die Idee seines Lebens brachte. Es gelang ihm, innerhalb von etwa sechs Monaten nach heutigem Wert ungefähr 150 Mio. US-$ einzusammeln, indem er vorgaukelte, mit seinen Investitionen grandiose Renditen erwirtschaften zu können. Aber es war nur das klassische Schneeballsystem. Jahrzehnte galt Ponzis Leistung als der grösste Betrug, den es je gegeben hatte; im amerikanischen Sprachgebrauch spricht man bei Schneeballsystemen heute noch vom Ponzi scheme. Erst Bernard L. Madoff, der ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Technologiebörse NASDAQ, setzte hier neue Massstäbe: Sein Schneeballsystem hinterliess einen Schaden von 65 Milliarden Dollar, von den damit verbundenen menschlichen Katastrophen ganz zu schweigen.
Auch Deutschland hatte mit Adele Spitzeder seinen «Musterbetrug»: Spitzeder war eine mässig erfolgreiche Schauspielerin, die über ihre Verhältnisse lebte und chronisch in Geldnot war. Einmal lieh sie bei einem Handwerker hundert Gulden, versprach zehn Prozent Zins im Monat, weil sie keinerlei Sicherheiten bieten könne, und löste ihr Versprechen ein. Das Wunder sprach sich herum, und immer mehr Leute brachten Geld zu Adele Spitzeder.
Sie gründete daraufhin 1869 eine Privatbank, die spätere «Dachauer Bank» unseligen Angedenkens. Es folgten drei Jahre Geschäftstätigkeit, die ungemein modern anmuten. Die Bank bezog repräsentative Räume in München, in denen vierzig Angestellte Geld entgegennahmen, quittierten und stapelten. Niemand war vom Fach. Niemand hatte den Überblick. Alle bedienten sich. Das Geld wurde säckeweise in Spitzeders Wohnung gestapelt. Die Chefin diversifizierte in Richtung Immobilienhandel. Mit Geld erkaufte sie sich positive Pressemeldungen und verhinderte negative. Sie betrieb eine eigene Zeitung und betätigte sich als fromme Wohltäterin, indem sie «vom Volk fürs Volk» eine Volksküche finanzierte. 31 000 Geldgeber brachten acht Millionen Gulden – manche ihre ganzen Ersparnisse, manche das Geld, das sie selbst hierfür aufgenommen hatten. Alle Zins- und Rückzahlungen wurden mit den Neueinlagen bestritten. Als Gegner das Kartenhaus 1872 zum Einsturz brachten, sahen sich nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gemeinden ruiniert.
Viktor Lustig ist ein anderer Fall: Er stammte aus Arnau in Österreich-Ungarn (heute Tschechien). Seine Laufbahn begann an den Spieltischen der Überseedampfer. Berühmt wurde «Graf» Viktor Lustig in den Golden Twenties, weil er es schaffte, den Eiffelturm an einen Alteisenhändler zu verkaufen und Al Capone übers Ohr zu hauen. In Paris lud er mit gefälschten Ausschreibungen mehrere Pariser Schrotthändler zu einer vertraulichen Vorbesprechung ein. Das mit Bedacht gewählte, traditionsreiche Hotel bot den idealen Rahmen für seinen Auftritt als hoher Beamter des Postministeriums. Man besuchte gemeinsam den Turm, worauf Lustig pro forma alle um Offerten bat, obschon er bereits wusste, wen er weiter bearbeiten würde. Beim nächsten Treffen – nun unter vier Augen – beklagte sich Lustig über seine schlechte Entlöhnung. Korrupte Beamte waren für den Interessenten nichts Neues. Er interpretierte Lustigs Vertraulichkeit dahingehend, dass auch Lustig ein Schmiergeld erwarte, vergass alle noch vorhandenen Zweifel an der Echtheit des Geschäfts und kaufte den Eiffelturm. Weil die Scham ihn davon abhielt, Anzeige zu machen, versuchte Lustig ein paar Wochen später den Eiffelturm nochmals an den Mann zu bringen, doch dieser Interessent ging zur Polizei.
Ebenso brillant brachte Lustig Al Capone um 5000 Dollar. Er behauptete, aus 50 000 Dollar in zwei Monaten 100 000 machen zu können, und bekam die 50 000. Dieses Geld ruhte zwei Monate in einem Safe, worauf Lustig es zu Al Capone zurückbrachte und «seinen Misserfolg zugestand». Seine scheinbare Ehrlichkeit verblüffte den Mafiaboss derart, dass Capone Victor Lustig 5000 Dollar schenkte. Es war ein scharf kalkuliertes Spiel Lustigs, das auch mit einem Betonblock an den Füssen hätte enden können.
Der schwedische Streichholzkönig Ivar Kreuger begann seine Karriere mit einer Erbschaft: Er erbte 1908 ein paar kleine schwedische Streichholzfabriken, arbeitete sich in den folgenden zehn Jahren zum «Zündholzkönig» hoch und schien 1918 in Geld und geldwerten Aktiven zu schwimmen, während Staaten wie Frankreich und Deutschland dringend Geld brauchten. Nicht nur ihnen lieh Kreuger Milliardenbeträge und liess sich dafür das Zündholzmonopol einräumen. In wenigen Jahren wuchs sein Imperium auf mehr als 400 Firmen an. Deren Aktien warfen Dividenden von bis zu 50 Prozent des Kurses ab. Derlei konnte nichts anderes sein als ein Schneeballsystem. Aber man zog vor, zu glauben, dass Kreugers Imperium von nun an bis in Ewigkeit weiterwachsen würde. Die Ewigkeit dauerte bis zum Crash von 1929. Und 1932 brachen die Börsen weltweit nochmals massiv ein, nachdem Kreuger Selbstmord begangen hatte.
Alle grossen Anlegerkatastrophen tragen die Tradition früherer Vorbilder in sich, die Abläufe wiederholen sich. Und auch die jüngere Vergangenheit bietet Stoff zum Nachdenken: So dürften Glanz und Kollaps des European Kings Club noch in unguter Erinnerung sein. Dessen Chefin Damara Bertges sorgte für Milliarden Franken Schaden.
Aber auch das nimmt sich fast bescheiden aus neben Glanz und Kollaps von Bernard Madoffs Anlagesystem, das fast 50 Milliarden US-Dollar Schaden verursacht hatte.
Dagegen ist der Deutsche Volker Eckel ein ganz Kleiner seines Fachs, wenn man den angerichteten Schaden anschaut, aber ein ungemein typischer. Er war ab 2009 in der Schweiz tätig. Der angeblich uneheliche und verstossene Sohn von Saddam Hussein und einer saudischen Prinzessin trat so auf, wie die von ihm Anvisierten es von einem in Petrodollars schwimmenden arabischen Prinzen oder Scheich erwarteten. Gefälschte Bankbelege wiesen ihn als atemberaubend reich aus. Seine mit ebenso falschen Dokumenten untermauerte Vita beeindruckte dermassen, dass Immobilienhändler, Treuhänder, ein Verwaltungsrichter, eine Kantonsverwaltung und sogar der Zürcher Elite-Fussballclub FC Grasshoppers – gemäss einem Gerichtsberichterstatter «der halbe Kanton Thurgau» – auf ihn hereinfielen und für Investitionen oder zur Überbrückung irgendeiner momentanen Geldnot das Geld lockermachten, das ihm erlaubte, weiterhin standesgemäss aufzutreten.
Alle Ereignisse haben eine Menge gemeinsam. Und wenn Sie keine vernünftige Antwort auf die Frage finden, warum der weltweit vernetzte Investmentstar X ausgerechnet Ihnen die Hälfte der von ihm neu entdeckten Goldminen fast gratis überlassen möchte, und bloss Ihr hohler Bauch nach Mitmachen schreit, sollten Sie Ihr Gehirn vor einer Entscheidung wieder einschalten.
Eine funktionstüchtige Wirtschaft ist schlichtweg nicht vorstellbar ohne Vertrauen. Das Gleiche gilt für Unternehmen. Vertrauen ist unabdingbarer Bestandteil jeder funktionierenden Wirtschaft. Vom Grossunternehmen bis zum kleinen Handwerksbetrieb, in allen Wirtschaftsbeziehungen zu Kunden, zu Lieferanten, zu anderen Unternehmen und sogar innerhalb jedes einzelnen Unternehmens ist man auf Vertrauen angewiesen. Es ist gewissermassen das Öl im Getriebe. Fiele es weg, widerführe der betroffenen Wirtschaft, was jedem komplexen technischen Gerät passierte: Sie täte sich immer schwerer mit dem Laufen und wäre schliesslich irreparabel beschädigt.
Bietet denn die Möglichkeit, bei Nichterfüllung von Verträgen vor Gericht zu gehen, keinen vollen Ersatz für dieses «Öl»? Die Antwort fällt leicht: Nein! Wenn wir einen Betrieb aufbauen, Angestellten und Managern ihre Funktion zuweisen, für ein Unternehmen handeln, produzieren, Verträge abschliessen und so weiter, setzen wir zu Recht nicht darauf, ihr Funktionieren mit gerichtlichen Prozessen durchzusetzen. Gerichtsverfahren zwischen Unternehmen können Jahre dauern und sind ein teures bis sehr teures Vergnügen. Ihr Ausgang ist kaum vorauszusagen. Bis zu ihrem Abschluss streuen sie bestenfalls Sand ins Getriebe; schlimmstenfalls blockieren sie alle Aktivitäten.
Wenn wir unsere Vertragspartner selber aussuchen können, so werden wir am liebsten mit den vertrauenswürdigsten zusammenarbeiten wollen. Dabei ist Vertrauenswürdigkeit nicht einfach gleichzusetzen mit Zahlungsfähigkeit – auch wenn der Zahlungsfähige viel leichter in den Genuss unseres Vertrauens kommt als der Konkurskandidat.
Vertrauenswürdigkeit steht für weit mehr. Weder die international tätige Gesellschaft, die einen Auftrag für den Bau einer neuen Produktionsanlage zu vergeben hat, noch das hiesige Gemeinwesen, welches den Bau eines Kongresszentrums, einer Brücke oder eines Spitals in Auftrag geben will, wird sich nur mit Zahlen zufrieden geben. Was nützt die preisgünstige Offerte, wenn der Anbieter dann ausserstande oder nicht willens ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen? Was nützt der Manager mit den verlockend bescheidenen Gehaltsansprüchen, wenn er danach in der Firma abräumt, was es abzuräumen gibt, oder wenn er schlicht und einfach überfordert ist?
Wir realisieren den Stellenwert des Vertrauens wohl nur dann richtig, wenn wir selbst auf die Nase gefallen sind. Aber dann stehen wir wieder auf, suchen uns neue vertrauenswürdige Partner und hoffen von neuem das Beste. Wir haben keine andere Wahl. Grundsätzlich gilt: Wer
einen Gebrauchtwagen kaufen will,Verträge abschliesst, Zahlungen in Empfang nimmt, für welche die Gegenseite eine Leistung erwartet, aber noch nicht sofort erhält,Vermögen anvertraut bekommt,mit Anlagen für einen Dritten betraut wird, die wenn möglich zu einer Rendite führen sollen,erreicht sein Ziel nur, wenn er anderen wenigstens ein Stück weit vertraut und selbst Vertrauen erweckt.
Aber wie vertrauenerweckend ist homo sapiens für seinesgleichen? Die Römer, Weltmeister im Kreieren von eingängigen Kürzestformeln, haben uns zu diesem Thema mit den Worten lupus est homo homini beliefert: «Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen.» Diese bösen Worte hat der römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus (* ca. 250 v. Chr. , † ca. 184 v. Chr.) erstmals geschrieben. Allerdings wissen wir heute, dass es Bereiche gibt, in denen der Mensch sich viel schlechter benimmt als die Wölfe.
Aber egal, wie schlecht der Mensch in manchen Punkten abschneiden mag: Es gibt bei uns etwas, das ich hier als Grundvertrauen bezeichnen möchte. Mit dem Urvertrauen, dessen Definition und Konsequenzen ich nie richtig verstanden habe, hat solches Grundvertrauen nichts zu schaffen. Es steht ganz einfach für jenes überlebensnotwendige Quantum Vertrauen, das man sich in einem bestimmten Kreis «bis zum Beweis des Gegenteils» entgegenbringen muss, damit das menschliche Zusammenleben funktionieren kann – eigentlich stellt es eine Form von Kredit dar.
Am grössten ist es im familiären Bereich, und hier passt auch die Redewendung vom «Vertrauen schenken» am besten hin: Jeder Familienangehörige hat erst einmal Anspruch auf volles Vertrauen. Er braucht sich das nicht mühsam zu verdienen, sondern er hat es und sollte dafür sorgen, dass es erhalten bleibt.
Im Freundeskreis ist das Grundvertrauen grösser als im Kreis der oberflächlich Bekannten oder zwischen Unbekannten.
Im Kreis der bereits für verlässlich befundenen Geschäftspartner ist es grösser als im Kreis der neuen Vertragspartner.
Ohne solches Grundvertrauen, manchmal grösser, manchmal geringer, ginge gar nichts mehr. Aber ein hoher Vertrauenskredit ist bloss im engsten Kreis eine Selbstverständlichkeit. Ausserhalb dessen, insbesondere im Wirtschaftsleben, sind wir nicht mehr so grosszügig. Da muss sich das Gegenüber unser Vertrauen verdienen. Wir erwarten, was aus unserer Sicht Vertrauenswürdigkeit signalisiert und so unser Vertrauen rechtfertigt.
Vor allem positive eigene Erfahrungen eignen sich hierzu. Langjährige externe Geschäftsbeziehungen, in denen der Partner sich immer bewährt hat, schaffen ebenso Vertrauen wie die Erfahrung, dass ein Angestellter sich seit vielen Jahren in einem Unternehmen bewährt hat.
Auch fremde gute Erfahrungen können für Vertrauen sorgen. Nicht ohne Grund präsentieren Dienstleistungsfirmen oft Kundenlisten oder lassen zumindest durchblicken, welche renommierten Kunden von ihnen betreut werden. Gartengestaltungsfirmen bedingen sich gerne das Recht aus, in neu gestalteten Gartenanlagen eine Tafel anzubringen, welche die Anlagen als ihr Werk bezeichnet (und oft genug wundert sich der Gartenliebhaber, warum sie nicht vorgezogen haben, anonym zu bleiben!). Bauten, die ein Konsortium zur vollsten Zufriedenheit der Auftraggeber erstellt hat, können dem Konsortium als Leistungsausweise dienen.
Die publik gewordenen Erfahrungen anderer mit einem Unternehmen verdichten sich oft zum guten Ruf. Nicht anders verhält es sich mit natürlichen Personen. Fremde gute Erfahrungen mit natürlichen Personen, wie sie in Leistungsausweisen aller Art, Arbeitszeugnissen und Auskünften festgehalten werden, sind vertrauensbildend. Dem CEO, der den Umbau eines maroden Grossunternehmens in ein florierendes schaffte, traut man zu, Vergleichbares auch anderswo zu leisten. Ähnliches Vertrauen bringt man der Bardame entgegen, die jahrelang die Seele des «Bärenpubs» und dann jahrelang die Seele der Bar im «Goldenen Leuen» war.
Erfolg wirkt also vertrauensstiftend, vorausgesetzt, er wurde rundum korrekt erzielt. Aber Vorsicht: Grossartige Leistungen werden oft nicht grundlos auch als blendende Leistungen bezeichnet.
Vertrauen kann das konkrete Angebot schaffen, welches Kundenwünsche genau erfasst und dann massgeschneiderte – und realistische – Offerten macht. Dummerweise mangelt es solchen grundseriösen Angeboten oft an wirtschaftlicher Attraktivität. Spitzenqualität hat ihren Preis. Wer den nicht bezahlen kann oder bezahlen will, muss weitersuchen.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Jedes auffällig attraktive Angebot sollte erst einmal Skepsis wecken. Aber in der Praxis geschieht nur zu leicht das Gegenteil: Die Aussicht des Adressaten auf ungewöhnliche potenzielle Vorteile trübt seinen Blick, reduziert seine Wachsamkeit, nimmt echten Vertrauensfaktoren etwas von ihrem Gewicht … Von da bis zur «blinden Gier», einem ungemein wertvollen Gehilfen des Wirtschaftskriminellen, ist es noch ein weiter Weg. Aber der Mechanismus ist der gleiche: Die Aussicht auf Vorteile wirkt sich auf die Vertrauensbeurteilung aus, obschon sie das nicht tun sollte.
Aber blind sollte es nicht sein im Geschäftsleben, das Vertrauen. Das leistet sich auch so gut wie niemand. (Apropos blindes Vertrauen: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es das blinde Misstrauen als feste Redewendung so wenig gibt wie das gesunde Vertrauen?) So werden fürs Aussenverhältnis Kautelen, also Vorbehalte, in Verträge eingebaut: Man sieht bei einem Generalunternehmen Tranchenzahlungen gemäss dem Baufortschritt, Teilzahlungen für Teillieferungen, Zwischentests, kurzfristige Kündbarkeit und so weiter vor.
