Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Er war der einzige deutsche Bischof, der im Dritten Reich verfolgt und schließlich des Landes verwiesen wurde. Seine freimütigen Predigten auf Bischofs- und Jugendtagen brachten jeweils Tausende auf die Straße, bei den nationalsozialistischen Machthabern waren seine klaren Worte gefürchtet. Als Sproll 1938 der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs demonstrativ fernblieb, begann eine Serie gewalttätiger Demonstrationen gegen den "Volksverräter". Der Volkszorn musste inszeniert werden. Die Eskalationen fanden im erzwungenen Abtransport Sprolls ein vorläufiges Ende. Erst 1945 konnte der Bischof aus seinem Exil zurückkehren.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Er war der einzige deutsche Bischof, der im Dritten Reich verfolgt und schließlich des Landes verwiesen wurde. Seine freimütigen Predigten auf Bischofs- und Jugendtagen brachten jeweils Tausende auf die Straße, bei den nationalsozialistischen Machthabern waren seine klaren Worte gefürchtet. Als Sproll 1938 der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs demonstrativ fernblieb, begann eine Serie gewalttätiger Demonstrationen gegen den 'Volksverräter'. Der Volkszorn musste inszeniert werden. Die Eskalationen fanden im erzwungenen Abtransport Sprolls ein vorläufiges Ende. Erst 1945 konnte der Bischof aus seinem Exil zurückkehren.
Herausgegeben von Peter Steinbach, Julia Angster, Reinhold Weber
Die Herausgeber: Professor Dr. Steinbach lehrt Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Professor Dr. Julia Angster lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim. Dr. Reinhold Weber ist Publikationsreferent bei der Landeszentrale Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen
Dominik Burkard
Joannes Baptista Sproll
Bischof im Widerstand
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart
Print: 978-3-17-021492-7
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-023306-5
epub:
978-3-17-023305-8
mobi:
978-3-17-026013-9
„Sie werden alles schlucken...“
Herkunft, Ausbildung, erste Berufsjahre
Kleinbäuerliches Milieu
Entscheidung für den Priesterberuf
Jünger der Wissenschaft oder Adlatus eines Unbeugbaren?
Kanonist – Historiker – Pädagoge
Eine historiographische Leerstelle: Im Bann des Antimodernismus
Als Pfarrer nach Kirchen – ein Karriereknick?
Domkapitular – Generalvikar – Weihbischof
Aufstieg zum alter ego des Bischofs
Untypisch: Sprolls Engagement für die Friedensbewegung
In der Politik
Bischof von 750 000 württembergischen Katholiken
Wahl oder Ernennung? Ein Kompromiss
Kandidatensuche Roms und Wahl in Rottenburg
Eine Denunziation ohne Folgen
Erste Schritte im Bischofsamt
Wendejahr 1933
Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus vor 1933
Freudige Mitarbeit im neuen Reich? – Erste Sondierungen
Von der Kooperation zur Konfrontation
Auf Kollisionskurs
Erfolglose Eingaben – Das Ende des Rechtsstaats
Die Bischofstage – ein Forum für klare Worte
Aktivierung der Katholiken
Die Konsequenz: Strafverfahren wegen Volksverhetzung
Die Volksabstimmung von 1938 – ein „stiller Protest“?
Wahlenthaltung und erste Demonstrationen
Deeskalation durch Abwesenheit?
Wachsender Terror
„Bischof Sproll – Volksverräter“: Sturm aufs Palais
Gescheiterte Einschüchterungsversuche: Beruhigung der Lage?
Verfolgung auch in die Provinz
Der staatliche Machtspruch
Reaktionen auf die Ausweisung Sprolls
In der Verbannung
Odyssee durch Süddeutschland
Exil im Benediktinerkloster St. Ottilien
Rückkehr? Der verweigerte Maulkorb
Aufenthalt im Heilbad Krumbad
„Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut …“
Heimholung – erste Gespräche und Vorbereitungen
Die „zweite Inthronisation“
Blick nach vorn
Nachwirkung und Deutung
Provokateur, Märtyrer oder nur ein „aufrechter Schwabe“?
Genese eines Geschichtsbilds
Fortiter in fide
Motive der Wahlenthaltung
Ikone des „Widerstands“
Literatur
Abbildungsnachweis
„Ich laß mich auf einen Kulturkampf schon gar nicht ein. Das war eine Blödheit, als wenn’s den Schwarzen nicht darum zu tun war, vor dem armen Weiblein mit der heiligen Märtyrerkrone zu glänzen. […] Aber nun ist ihre Zeit um! Das wissen die Pfaffen selbst. Klug genug sind sie, das einzusehen und sich nicht auf einen Kampf einzulassen. Tun sie es doch, ich werde bestimmt keine Märtyrer aus ihnen machen. Zu simplen Verbrechern werden wir sie stempeln. Ich werde ihnen die ehrbare Maske vom Gesicht reißen. Und wenn das nicht genügt, werde ich sie lächerlich und verächtlich machen. […] Ich gebe ihnen ein paar Jahre Galgenfrist. Zu was brauchen wir uns streiten. Sie werden alles schlucken, um ihre materiellen Positionen halten zu können. Es kommt nicht zum Kampf. Die wittern schon, wo ein fester Wille ist. Darum brauchen wir bloß ein paar Mal den Herrn zu zeigen. Dann wissen sie schon, woher der Wind weht. Dumm sind die nicht. Das war schon was, die Kirche. Jetzt sind wir die Erben. Wir sind auch eine Kirche. […] Sie werden nicht kämpfen. Mir wird es schon recht sein. Wenn ich schon die Jugend habe, die Alten sollen in die Beichtstühle hinken. Aber die Jugend wird anders. Dafür stehe ich“. (Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Zürich 1940, S. 52–54.)
Über die von Hermann Rauschning (1887–1982) überlieferten Gespräche mit Hitler und die Frage, ob diese denn tatsächlich so stattgefunden haben, wurde lange gestritten. Sie gelten heute als Fälschung. Gleichwohl: In all ihrer Ambivalenz fügen sie sich doch gut nicht nur in das überkommene Bild, sondern auch weithin in die Realität des komplexen Verhältnisses Adolf Hitlers zum Christentum und zur katholischen Kirche, wie sie sich auch sonst aus den Quellen erheben lässt: Bewunderung gepaart mit hasserfüllter Ablehnung einer 2000jährigen Institution gegenüber, die es – als vielleicht gefährlichsten Hort mentaler Widerständigkeit – zu brechen galt, von der man aber durchaus „lernen“ konnte; die deshalb in manchem imitiert wurde – um nicht zuletzt dadurch – überflüssig zu werden. Dass die sukzessiv durchgeführte Beschränkung kirchlicher Lebensvollzüge, die Gleichschaltung kirchlicher Organisationen, nicht zuletzt die Unterminierung des Religionsunterrichts über kurz oder lang in die „Vernichtung des Christentums überhaupt“ münden müsse, wurde von den deutschen Bischöfen früh vermutet und – etwa in ihrem Hirtenbrief vom 19. August 1938 – auch deutlich gesagt. Allerdings: Das Verhältnis des NS-Staates zur Kirche war vor allem in den ersten Jahren nach 1933 ebenso vielschichtig wie das der „Kirchenführer“ – der deutschen Bischöfe – zu „Führer“ und NS-Staat.
Nicht zuletzt deshalb wird die Frage, ob die Kirche die meisten Zumutungen des Nationalsozialismus „geschluckt“ habe, ob sie „eingeknickt“ sei, ob sie nicht deutlicher, klarer, widerständiger hätte sein können – ohne sich selbst der „Kaltstellung“ oder der schlichten Auflösung preiszugeben – bis heute kontrovers diskutiert. Hatte Hitler recht? Waren die Bischöfe einzuschüchtern? Waren sie klug genug, sich auf keinen Kampf einzulassen?
Der breiteren Öffentlichkeit bekannt sind bis heute nur wenige, in ihrer widersprüchlichen Gegensätzlichkeit gleichwohl markante Vertreter des deutschen Episkopats: der hochbetagte Breslauer Kardinal Adolf Bertram (1859–1945), ein Zauderer und Gegner aller öffentlicher Proteste, der noch 1945 für den toten Reichskanzler Adolf Hitler ein Requiem feiern ließ, der Münchener Kardinal Michael Faulhaber (1869–1952), der 1937 den Entwurf für die Enzyklika Mit brennender Sorge lieferte, Erzbischof Conrad Gröber(1872–1948) von Freiburg, der wegen seiner zeitweiligen fördernden Mitgliedschaft in der SS (1933) als „brauner Conrad“ bekannt wurde, und nicht zuletzt Bischof Clemens August Graf von Galen (1878–1946), der „Löwe von Münster“, der 1941 einige aufsehenerregende Predigten hielt und darin auch die Kranken- und Behindertenmorde des NS-Regimes anprangerte.
Unbekannter – zumindest außerhalb Württembergs – ist der Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll. Und doch hatte Galen schon im Dezember 1943 geschrieben, Sprolls Schicksal erinnere ihn an das Los des heiligen Johannes Chrysostomus, der 404 ins Exil geschickt worden war:
„Sie sind ja der einzige aus unseren Reihen, der solcher Prüfung und Auszeichnung würdig befunden wurde“.
Das Bewusstsein, dass Sproll unter allen Bischöfen am meisten gelitten habe, war bei den Zeitgenossen durchaus präsent. Und doch fand er offenbar ausgerechnet bei seiner eigenen Kirchenleitung am wenigsten Anerkennung. Weder wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg von Pius XII. zum Kardinal erhoben, wie sein adeliger Münsteraner Kollege, noch – wie dieser 2005, nach einem fast 50jährigen kirchlichen Seligsprechungsverfahren – zu „Ehren der Altäre“. Wer war dieser unbekannte, „einzige“ Verfolgte unter den deutschen Bischöfen?
Sproll entstammte dem bäuerlich-dörflichen Raum zwischen Biberach und dem württembergischen Allgäu. In Schweinhausen bei Waldsee kam er am 2. Oktober 1870 als erstes Kind des Straßenwärters Josef Sproll (1846-1917) und dessen Frau Anna Maria Frehner (1846-1924) zur Welt und wurde – wie üblich – noch am selben Tag in der Pfarrkirche getauft; der Vater war nicht dabei, weil er damals seinen Kriegsdienst abzuleisten hatte. Dem Erstgeborenen sollten noch 13 Geschwister folgen. 1889, bei der Geburt des letzten, war Joannes Baptista bereits 19 Jahre alt und besuchte in Ehingen das bischöfliche Konvikt, ein Internat für Schüler, die Priester werden wollten. Sechs der Geschwister starben noch im Kindesalter; der Tod gehörte im Haus Sproll, wie überhaupt im dörflichen Leben der damaligen Zeit, zum Alltag.
Die Eltern waren arm; zuhause herrschten – zumal bei der großen Zahl von Kindern – einfachste Verhältnisse. Der Vater konnte sich als Vizemesner ein kleines Zubrot hinzuverdienen, die Mutter betrieb neben dem Haushalt eine kleine Landwirtschaft. Die Eltern waren im kirchlich geprägten Milieu religiös verwurzelt und achteten auf eine entsprechende Erziehung. Hier, in seiner Familie, dürfte Sproll einen festen, nüchternen, weil bodenständigen Glauben als Mitgift erhalten haben. Realitätssinn und Urvertrauen – zwei miteinander vereinbare, aber durchaus auch konkurrierende Größen – bestimmten auch später sein Handeln. Die selbstverständliche Religiosität, die in der Familie gepflegt wurde – Morgen-, Mittag- und Abendgebet, das Gebet bei Tisch, das Rosenkranzgebet der Mutter, ab und zu die Wallfahrt nach Steinhausen/Rottum – prägte die Kinderjahre Sprolls.
Schon bald zog der lernbegierige, begabte 10-Jährige die Aufmerksamkeit des Pfarrers im benachbarten Ummendorf, Engelbert Hofele (1836–1902), auf sich, der 1880/1881 die verwaiste Pfarrei Schweinhausen mitzuversorgen hatte. Hofele besaß einen „Blick“ für talentierte Schüler. Lange Jahre war er „Präzeptoratskaplan“ gewesen, also Geistlicher auf einer mit einem schulischen Lehramt verbundenen Stelle. So nahm sich Hofele in den wenigen Monaten seiner Aushilfe in Schweinhausen der religiösen und schulischen Förderung des Knaben an. Auch Joseph Vochezer (1849–1904), der 1881 Ortspfarrer von Schweinhausen wurde, erkannte die Potentiale Sprolls. Er drängte die Eltern mit Blick auf eine etwaige geistliche Laufbahn, ihrem Jungen eine nachhaltige Bildung angedeihen zu lassen. Ein Vorschlag, der vor allem im Hinblick auf die damit verbundenen finanziellen Opfer zunächst auf keine große Gegenliebe stieß. Als die Eltern in den Vorschlag der Pfarrers einwilligten, übernahm Vochezer die Vorbereitung auf den Besuch der Lateinschule und erteilte Sproll den ersten Lateinunterricht. Es folgten 1882 vier Jahre an der Lateinschule in Biberach. Den 7,5 Kilometer langen Schulweg musste Sproll zwei Mal täglich zu Fuß zurücklegen; morgens las er in der Schule Cicero und Sallust, nachmittags half er seiner Mutter in der Nebenerwerbslandwirtschaft, bei der Feldarbeit oder beim Viehhüten.
Der Schulbesuch in Biberach war alles andere als ein Spaziergang. Sprolls dortiger Lehrer, Rektor Müller, war in ganz Württemberg als „Landexamensdriller“ bekannt. Der Fleiß, die Strebsamkeit und Arbeitskraft, die Sproll hier wie auch später an den Tag legte, sind wohl am ehesten mit den ärmlichen Verhältnissen zuhause zu erklären; Sproll wusste, dass er das keineswegs selbstverständliche Privileg einer besseren Schulbildung genoss. Mit Auszeichnung bestand er die gefürchtete Prüfung, in der Mitbewerber aus allen Landesteilen Württembergs um die begehrten Freiplätze an den beiden Konvikten in Rottweil und Ehingen konkurrierten. Das Abschlusszeugnis bescheinigte Begabung und Wissensdurst, das Empfehlungsschreiben Vochezers für die Aufnahme ins Konvikt nach Ehingen „eine wirkliche Neigung und Berufung zum geistlichen Stand“. So konnte Sproll 1886 an das Ehinger Gymnasium wechseln, dessen Rektor zunächst Vinzenz Schneiderhahn (1824–1894) und ab 1886 Joseph Hehle (1842–1928) war. Als Konviktor unterstand Sproll dem damaligen Konviktsdirektor Theodor Hofmann (1843–1914). Hier in Ehingen empfing Sproll die über Württemberg hinaus bekannte gute humanistische, philologisch-philosophische Schulbildung.
In Ehingen reifte und verfestigte sich auch Sprolls Wunsch, Priester zu werden. Im Juli 1890 legte er im Rottweiler Gymnasium die sogenannte „Konkursprüfung“, eine erschwerte Reifeprüfung, ab, die zum Besuch der Universität und des Tübinger Hochschulkonvikts berechtigte. So bezog er zum Wintersemester 1890/91 das Tübinger Wilhelmsstift, die Pflanzstätte des katholischen Klerus Württembergs, und die Landesuniversität. Auch hier begegnete er Persönlichkeiten, die für seinen späteren Werdegang entscheidend wurden.
An der Katholisch-Theologischen Fakultät lehrten die Exegeten Paul Vetter (1850–1906) und Johannes Belser (1850–1916), beide arbeiteten vor allem philologisch und waren eher konservativ eingestellt, hielten sich kirchenpolitisch aber weithin zurück. Auf der anderen Seite standen der von der Nationalökonomie her kommende Kirchenhistoriker Franz Xaver Funk (1840–1907) und – vielleicht – der Dogmatiker Paul Schanz (1841–1905). Beide genossen – weit über Tübingen und über die konfessionellen Grenzen hinaus – hohes wissenschaftliches Ansehen. Funk arbeitete streng philologisch und beeindruckte durch seine Sachlichkeit sowie seine kritische – von manchen als hyperkritisch empfundene – Schärfe der Argumentation. Schanz bewegte sich auf der Höhe der Zeit, besaß weitgespannte Kontakte – auch zu sogenannten „Modernisten“ – enthielt sich aber weitgehend eines eigenen pointierten Urteils. Als Moral- und Pastoraltheologe lehrte Paul Wilhelm Keppler (1852-1926), der 1894 nach Freiburg wechselte und vier Jahre später zum Bischof von Rottenburg gewählt wurde. Keppler genoss vor allem außerhalb der Universität Ansehen, die Kollegen (vor allem Funk) vermissten die Wissenschaftlichkeit; auch in den Augen mancher Studenten ersetzte Keppler positives Wissen durch schöne Formulierung. Senior der Fakultät war der Kirchenrechtler Franz Quirin Kober (1821–1897), ein tüchtiger Lehrer und äußerst fleißiger und penibler Forscher, der nur der Wissenschaft lebte und sich fern hielt von der Politik und jeglicher Agitation.
Das Wilhelmsstift stand unter der Leitung von Direktor Othmar Ege (1847–1913), dem 1893 Franz Xaver Reck (1853–1924) folgte. Ihnen beigegeben waren Repetenten, promovierende junge Geistliche, die mit den Studenten im Haus ein zusätzliches Studienprogramm absolvierten. Sproll erlebte noch ein kurzes Jahr lang Anton Koch (1859–1915), der kurz darauf als Moraltheologe Nachfolger von Keppler wurde und eindeutig dem „liberalen“ Flügel zugehörte, außerdem Friedrich Laun (1860–1931), dem Sproll später im Domkapitel wieder begegnete. Dem Repetentenkollegium gehörten außerdem fast während der gesamten Studienzeit Sprolls an: Albert Zisterer (1858–1921) und Sebastian Merkle (1862–1945), die beide kirchenhistorisch bei Funk arbeiteten, der Kirchenrechtshistoriker Johann Baptist Sägmüller (1860–1942) – er wurde 1893 in der Philosophischen Fakultät außerordentlicher Professor für mittelalterliche Geschichte –, Eduard Vogt (1865–1923), der 1894 als Regierungsassessor in den Stuttgarter Katholischen Kirchenrat wechselte, sowie Joseph Gregor Bentele (1864–1901). Die führenden Gestalten im Kollegium waren zweifelsohne Merkle und Sägmüller, beide von immensem wissenschaftlichem Fleiß beseelt. Während Merkle wohl als der Empfindsamere und auch Gewissenhaftere der beiden gelten muss, war Sägmüller ein kaum zu bändigendes „Kraftpaket“, Polemiker reinsten Wassers und von schwäbischer Derbheit. Zwischen beiden entbrannte wenig später eine heftige literarische Kontroverse über die Beurteilung der katholischen Aufklärung, die auch vor persönlichen Verunglimpfungen nicht Halt machte. Letztlich handelte es sich um einen kirchenpolitischen Richtungskampf. Ob dieser als solcher schon während der Studienzeit Sprolls sichtbar wurde und unter welchen Einfluss Sproll in dieser prägenden Phase stärker stand, lässt sich schwer sagen.
Insgesamt jedenfalls war es eine Zeit des Umbruchs. Während in der Theologischen Fakultät Wissenschaftlichkeit, gepaart mit kritisch-loyaler Kirchlichkeit dominierte, machte sich in der Diözese spätestens unter Bischof Wilhelm Reiser (1835–1898) seit 1893 eine „konservative“ Wende bemerkbar, die – über das Wilhelmsstift – auch wieder nach Tübingen zurückwirkte. So kam es nach dem Amtsantritt von Direktor Reck zum Eklat mit Zisterer und Merkle, die daraufhin das Haus verließen.
Sproll schloss sich in Tübingen der Studentenverbindung „Danubia“ und dem „Vinzenzverein“, einer sozial tätigen Gruppierung, an. In den Zeugnissen wurde ihm bescheinigt, „bescheiden und freundlich“, „brav und wacker“, vor allem aber „sehr strebsam“ zu sein. Bezeichnend ist, dass Sproll sich offenbar kaum für spekulative theologische Fragen erwärmen konnte. Umso mehr interessierte er sich für die historischen Realitäten und die Fächer mit praktischem Bezug; Recht und Geschichte waren Disziplinen, zu denen er die größten Affinitäten entwickelte und die sein Denken und Handeln am nachhaltigsten prägten.
Neben den verpflichtenden Vorlesungen in Philosophie und Theologie besuchte Sproll wiederholt das historische Seminar der Universität, dessen Leiter, der Historiker Dietrich Schäfer (1845–1929), ihm zeitlebens hohes Lob spendete. Von Schäfer, aber auch von Funk methodisch streng geschult, nahm Sproll die Bearbeitung der 1894 von der Fürstbischöflich-Speyrischen Stiftung der Universität Tübingen ausgeschriebenen Preisaufgabe in Angriff und verfasste eine Untersuchung über Das St. Georgenstift in Tübingen und sein Verhältnis zur Universität in dem Zeitraum von 1476–1534. Als einziger Bearbeiter der Aufgabe erhielt er den Preis zuerkannt, und mit ihm das damit verbundene Preisgeld von 120 Mark. Möglich, dass Sproll sich vor allem des Preisgelds wegen beworben hatte, um seinen Eltern damit eine finanzielle Erleichterung zu verschaffen.
Im Sommer 1894 beendete Sproll sein Studium. Konviktsdirektor Reck betonte im Gutachten, das für die Aufnahme ins Priesterseminar benötigt wurde, Sproll gehöre „zu den besten und edelsten des Kurses“. Er besitze „eine klare, offene, heitere Natur, voll Humor mit lebendigem Sinn für das Rechte und einem braven Gemüt“.
So bezog Sproll im Oktober das Priesterseminar im neckaraufwärts gelegenen Rottenburg, um sich unmittelbar auf die Priesterweihe und die praktischen Tätigkeiten der Seelsorge vorbereiten zu lassen. Unter den 40 weiteren Tübinger Absolventen, die nach Rottenburg zogen, befand sich auch Ludwig Baur (1871–1943), der ihm später auf seiner „Flucht“ ins Exil behilflich sein sollte, sowie Franz Josef Fischer (1871–1958), den Sproll sich später von Rom als Weihbischof erbat.
Das relativ freie Tübinger Studentenleben fand in Rottenburg ein Ende, zumal das Priesterseminar seit den Tagen von Regens Joseph Mast (1848) als ausgesprochener Hort der kirchlichen „Reaktion“ galt. Auch unter Regens Paul Stiegele (1847–1903), der hier 1882 das Regiment übernommen hatte, herrschte ein streng asketischer, mitunter fast unmenschlich zu nennender Geist. Stiegele entstammte einem Elternhaus in Ravensburg, das schon in den 1860er Jahren Treffpunkt strengkirchlich-ultramontaner Parteigänger des konservativen Mast gewesen war. Seine lebenslange Faszination für das Ordenswesen, sein Drang zur Einsamkeit, ging in den Stil seiner Priestererziehung ein. Selbst physisch und psychisch labil, war bei Stiegele an eine geistig rege oder positiv eingestellte Auseinandersetzung mit einer sich wandelnden Gegenwart nicht zu denken. Statt Herausforderung regierte Weltflucht. Der Regens klagte über die Alumnen und deren Tübinger Studienzeit, über das Lesen verbotener Bücher, Lücken in der theologischen Ausbildung und unkirchliche Äußerungen von Professoren. Sein Leitungsstil war autoritär und schulmeisterlich, von Misstrauen überschattet. Zeitungslektüre war verboten. Einserkandidaten und Promovierte, gute Sänger und Prediger, wurden von Stiegele gerne öffentlich gedemütigt, um ihnen „den Stolz auszutreiben“ oder sie vor demselben zu bewahren. Ob dieses Schicksal auch Sproll ereilte? In der Beurteilung vor der Weihe bescheinigte ihm Stiegele ein „glückliches Naturell“ und ein „ausgeglichenes Gemüt“, was wohl auch heißen mag, dass Sproll sich nicht provozieren ließ und in keiner Weise negativ auffiel.
Am 16. Juli 1895, wenige Monate nach dem Empfang der Subdiakonats- und Diakonatsweihe, wurde Sproll durch Bischof Reiser zum Priester geweiht. Am darauffolgenden Sonntag feierte er in seiner Heimatgemeinde Primiz. Zur Festpredigt reiste sein früherer Heimatpfarrer und Förderer Joseph Vochezer an – wohl ein Zeichen besonders enger persönlicher Verbundenheit.
Bei Vochezer, der inzwischen Pfarrer des 150-Seelen-Dorfs Hofs bei Leutkirch geworden war, trat Sproll drei Wochen später auch seine erste Stelle an. In Hofs selbst hatte Sproll wenig zu tun. Zur Pfarrei gehörten jedoch 17 weitere Weiler und Orte, mit insgesamt etwa 1000 Gläubigen, die Sproll zusammen mit seinem Pfarrherrn zu betreuen und gottesdienstlich zu versorgen hatte. In den zwei Schulen des ausgedehnten Pfarrbezirks war außerdem Religionsunterricht zu halten. Nebenher unterstützte der Vikar seinen Pfarrer aber auch in wissenschaftlicher Hinsicht: Vochezer schrieb an einer umfangreichen Geschichte des fürstlichen Hauses Waldburg in Schwaben. Sproll half bei der Entzifferung und Transkription von Quellen – eine Arbeit, die dem historisch Interessierten eine willkommene Abwechslung bot. Und eben deswegen hatte sich Vochezer Sproll als Vikar erbeten, „damit die jüngere Kraft im Verein mit dem väterlichen Freund das große Werk der heimatgeschichtlichen Forschung weiterführe“.
Zwei Jahre blieb Sproll in Hofs. Im Juli 1897 wurde er aus dem bäuerlichen Allgäu in die Industriestadt Oberndorf am Neckar versetzt. Das Umfeld war ein anderes. Sproll wurde mit einer Welt konfrontiert, die er noch nicht kannte. Doch viel Zeit, sich darauf einzulassen, blieb nicht. In Oberndorf bereitete sich Sproll neben seinen seelsorgerlichen Tätigkeiten auf die Pfarrkonkursprüfung vor, für die er drei Facharbeiten zu schreiben hatte. Eine ist im Hinblick auf seine spätere Haltung in der NS-Zeit von besonderem Interesse. Die Aufgabenstellung lautete: „Wann verbindet ein Zivilgesetz unter einer schweren Sünde?“ Die Antwort Sprolls kennen wir nicht, die Arbeit hat sich offenbar nicht erhalten.
In Oberndorf war kein langes Bleiben, obwohl Sproll sich mit Stadtpfarrer Adolf Brinzinger (1846–1921), einem ebenso leutseligen wie schlagfertigen Stuttgarter Wirtssohn, der auch mit landes- und kunstgeschichtlichen Aufsätzen renommierte, durchaus verstanden haben dürfte. Anfang Oktober wurde Sproll als Präzeptoratskaplaneiverweser nach Wiesensteig versetzt, einem kleinen Städtchen im oberen Filstal; beim Weggang von Oberndorf wurde ihm „Eifer und Geschick“ in seinem pastoralen und schulischen Wirken bescheinigt. Noch im Oktober legte er seine Pfarrkonkursprüfung ab. Obwohl als „sehr fähig“ zur Verwaltung des Pfarramtes eingestuft, erhielt Sproll für seine Predigt nur ein „gut“. Auch später galt er nie als talentierter Prediger – und konnte doch mit seinen Predigten Tausende mobilisieren.
Auch Wiesensteig blieb Durchgangsstation. Bereits einen Monat später sollte Sproll als Repetent nach Tübingen zurückkehren – und das hieß: zur Weiterbildung, zur Wissenschaft und in die Priestererziehung.
Der Ruf nach Tübingen war ein Beweis dafür, dass die Diözesanleitung Vertrauen in die wissenschaftlichen und pädagogischen Fähigkeiten Sprolls hatte. Zu den Aufgaben der Repetenten im Wilhelmsstift gehörte die menschliche und wissenschaftliche Begleitung der Theologiestudenten. Zusätzlich zu den Vorlesungen der Professoren hatten sie im Haus ein begleitendes Studienprogramm zu tragen, „Repetitionen“ zu halten. Dazu kam die eigene wissenschaftliche Weiterqualifizierung, die in eine Promotion münden sollte, außerdem Gottesdienst und Seelsorge in der Stadtpfarrei St. Johann.
Direktor im Wilhelmsstift war noch immer Franz Xaver Reck, der das Haus schon im letzten Studienjahr Sprolls geleitet hatte; er wird als „Charakterkopf“, „tüchtiger Erzieher und vorzüglicher Menschenkenner“ (Hagen) charakterisiert. Für die kirchenpolitische Einschätzung ist eine Bemerkung von Sprolls Mitrepetenten Hugo Koch (1869–1940) wichtig, der wenige Jahre später zu den „Modernisten“ gezählt wurde. Dieser schrieb 1900 an P. Odilo Rottmanner OSB (1841–1907) über den „Niedergang“ der Tübinger Tradition: Nicht nur, dass Reck – was schon genug besage – Päpstlicher Hauskaplan geworden sei:
„Ein boshafter Tübinger Repetent, mein Freund u[nd] treuer Gesinnungsgenosse Dr. Fürst, hat mir nun ein Poem à la Bürgschaft von Schiller dediziert […]. Schade, daß der Ärmste im ganzen Repetentenkollegium allein steht; alles übrige ist verjesuitet.“
Offenbar fiel auch Sproll unter das Koch‘sche Verdikt. Das scheint sich durch eine Beurteilung zu bestätigen, die das Württembergische Kultministerium drei Jahre später über Sprolls Freund Ludwig Baur abgab: Er sei ein „waschechter Ultramontaner“.
Sproll hörte in seinen zweiten Tübinger Jahren Vorlesungen vor allem in den Fächern Geschichte und Kunst, dazu auch eine über die Soziale Frage, Sozialismus und Kommunismus. Möglich, dass sein kurzer Aufenthalt im „roten“ Oberndorf nicht spurlos an ihm vorüber gegangen war. Später, in den 1920er Jahren, sollte er sich intensiver mit dem Kommunismus auseinandersetzen.
Wissenschaftlich trat Sproll indes nicht hervor. Anders als andere Repetenten veröffentlichte er in den drei Tübinger Jahren keinen einzigen Aufsatz in der Zeitschrift der Fakultät, der Tübinger Theologischen Quartalschrift. Lediglich eine kleine Rezension erschien 1899 aus seiner Feder; es handelt sich um die Besprechung eines Wiener Kirchenrechtskompendiums, das Sproll als zweckmäßiges „Hilfsmittel zur schnellen Rekapitulation und raschen Orientierung für den praktischen Seelsorger“ lobte. Ein kritischer Satz zum Patronatsrecht zeigt, dass er sich schon damals für eine Materie interessierte, mit der er später noch intensiver befasst wurde. Ansonsten war Sproll ganz offenkundig vor allem mit der Umarbeitung seiner einstigen Preisarbeit über das Sindelfinger und Tübinger Chorherrenstiftes zur Dissertation beschäftigt. Zwar war sein früherer Lehrer, der Historiker Dietrich Schäfer 1896 nach Heidelberg gewechselt, trotzdem wurde Sproll mit seiner überarbeiteten Studie am 1. Dezember 1898 von der Tübinger Philosophischen Fakultät zum Doktor promoviert. Auch die folgenden zwei Jahre vergingen, ohne dass Sproll etwas veröffentlichte. Weshalb? Blieb ihm die Theologische Quartalschrift verschlossen? Lag es daran, dass er sich nicht wirklich als „Schüler“ seiner theologischen Lehrer verstand? Aber nicht einmal seine historische Dissertation erschien in dieser Zeit im Druck. Sie wurde erst 1902/1903 publiziert, und zwar in zwei Teilen auf insgesamt 143 Seiten im Freiburger Diözesanarchiv. Thematisch hätte sie eigentlich in die Württembergische[n] Vierteljahrshefte für Landesgeschichte gehört.
Als Repetent vertrat Sproll im Wilhelmsstift das Kirchenrecht. Diese Zuordnung legte sich von seiner kirchenrechtshistorischen Preisarbeit her nahe. Kirchenrecht, Geschichte und Katechetik waren Sprolls bevorzugte Disziplinen, und blieben es auch in Zukunft. Die Frage ist allerdings von Interesse: Von wem wurde Sproll in seinem Denken und Arbeiten stärker geprägt? Von seinem einstigen Lehrer Kober, einem kirchenpolitisch gemäßigten Kopf, der sich in seinen Forderungen für die Freiheiten der katholischen Kirche maßvoll zeigte, in der schwierigen Zeit des Kulturkampfes auf Wahrung des konfessionellen Friedens in Württemberg bedacht war, 1870 aber die von dem Münchener Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger (1799–1890) und anderen formulierte Erklärung gegen das Unfehlbarkeitsdogma des I. Vatikanischen Konzils unterzeichnete? Oder geriet er in den Jahren nach 1897 nicht doch mehr ins Fahrwasser des zunehmend intransigenten, vielleicht sogar integralistischen Sägmüller, der den Rottenburger Regens Stiegele als „vielseitig gebildeten geistvollen Priestererzieher“ schätzte und gegen seine Tübinger Kollegen aufhetzte? Letzteres ist wohl anzunehmen. Jedenfalls wies Sägmüller, der kantige Schwabenschädel, Charakterzüge auf, die auch Sproll – in abgeschwächter, verbindlicherer Form vielleicht – nicht fremd waren: zähe Energie, Arbeitskraft, militärische Strenge im Lebensstil, Leidenschaft und ein durchaus cholerisches Temperament. Sägmüller scheute keine Konfrontation, ließ sich in etliche Kontroversen verwickeln und führte eine spitze Feder. Selbst wenn Sproll die Positionen des Professors nicht in allem geteilt haben dürfte (was erst noch zu zeigen wäre): ohne Einfluss wird dieser kaum auf ihn geblieben sein.
Mit seiner Promotion im Dezember 1898 war für Sproll das unmittelbare Ziel seines Tübinger Aufenthaltes eigentlich erreicht. Dennoch wurde er einstweilen auf seiner Stelle belassen. In Rottenburg hatte man damals andere Sorgen. Nach dem Tod von Bischof Wilhelm Reiser (1835–1898) und dem daraufhin gewählten, aber noch vor seiner Weihe am 21. September ebenfalls verstorbenen Franz Xaver Linsenmann (1835–1898) galt es, den eben gewählten neuen Oberhirten der württembergischen Katholiken zu installieren. Paul Wilhelm Keppler (1853–1926), der frühere Tübinger Moral- und Pastoraltheologe (seit 1894 in Freiburg), wurde im Januar 1899 geweiht und inthronisiert. Die Wahl Kepplers hatte kaum überrascht. Sie lag in der Stringenz jener Personalpolitik, die in Rottenburg seit Jahrzehnten von einer fast mafiös zu nennenden Gruppierung konsequent und kontinuierlich betrieben worden war. Wie immer beim Antritt eines neuen Bischofs war mit weitreichenden personellen Veränderungen in den wichtigen Ämtern der Diözese zu rechnen. Die Repetenten des Wilhelmsstifts gehörten erst in zweiter oder dritter Reihe dazu.
Endlich, am 3. Dezember 1900, wurde Sproll aus Tübingen abberufen. Er sollte jedoch weiterhin im Rahmen der Priesterausbildung wirken und wurde Subregens – das heißt: der zweite Mann – im Rottenburger Priesterseminar. Er trat die Nachfolge von Paul Pfaff (1865–1936) an, der provisorisch als Superior ins Kloster der Franziskanerinnen nach Reute gewechselt war. Deshalb wurde Sproll zunächst auch nur kommissarisch und erst 1902 definitiv angestellt.
Im Seminar war Sproll der wichtigste Mitarbeiter von Regens Benedikt Rieg (1858–1941), der als einstiger Repetent am Priesterseminar und dann Zeremoniar von Bischof Keppler dem inzwischen zum Domkapitular aufgestiegenen Regens Stiegele nachgefolgt war. Sproll erhielt einen Lehrauftrag für Gesetzeskunde und Religionspädagogik, das heißt: Er sollte die Alumnen in ihre Rechte, Pflichten und Aufgaben bei der Verwaltung ihres Pfarramts einführen sowie in die praktischen Fragen des Schulunterrichts einweisen.
Beide Lehraufträge waren für Sproll mit schriftstellerischer Tätigkeit verbunden. Zum einen führte er die von seinem Vorgänger publizierte Gesetzeskunde weiter, eine Zusammenstellung der für die Geistlichen des Bistums relevanten kirchlichen und staatlichen Verordnungen. Sie sollte ausdrücklich „dem Priesterseminar Erleichterung schaffen und das zeitraubende Diktieren des von Jahr zu Jahr anwachsenden Stoffs ersparen“. Aufgrund der zahlreichen Änderungen der staatlichen und kirchlichen Gesetzgebung bearbeitete Sproll die Sammlung jedoch völlig neu, veränderte auch die Konzeption und machte aus dem einstigen Lehrbuch für das Seminar bzw. aus dem Lernbuch für die Pfarrkonkursprüfung ein zweibändiges Handbuch für die gesamte Pfarr- und Pfründverwaltung. Der erste Band erschien 1908, der zweite konnte erst 1918 folgen. Mit diesem Werk präsentierte sich Sproll nicht nur als kirchlicher Fachmann in praktischen juristischen Fragen, sondern prädestinierte sich auch für die künftige Verwendung im Dienst der Diözesanverwaltung. Seine Berufung zum Generalvikar, die 1913 erfolgte, verdankte sich damit einer gewissen Logik und Konsequenz.
An einem zweiten Großprojekt war der Subregens zumindest beteiligt, vielleicht sogar federführend verantwortlich: Es ging um die Erarbeitung eines neuen Katechismus als Grundlage des Religionsunterrichts im Bistum. Erst 1920 wurde dieser Rottenburger Katechismus eingeführt, aber seine Anfänge datieren in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts. Ein erster Entwurf entstand 1906, ein zweiter wurde 1908 im Magazin für Pädagogik veröffentlicht. Der Anteil Sprolls am Werden dieses Katechismus wäre noch exakt zu bestimmen. Dass er jedoch von Anfang an intensiv damit befasst war, muss als sicher gelten. Möglicherweise hatte er sogar den Anstoß dazu gegeben. Jedenfalls veröffentlichte Sproll 1901 im Magazin für Pädagogik den programmatischen Aufsatz Der Katechismus für das Bistum Rottenburg im Lichte der Katechismusfrage. Es folgten 1902 eine Artikelserie über Analyse und Synthese im Katechismusunterricht, 1904 zwei Beiträge über die sogenannte „Münchener Methode“, schließlich 1908 die umfängliche schriftliche Ausarbeitung eines Vortrags, den Sproll 1907 beim Münchener Katechetischen Kurs über „Verbales Memorieren und Ideenassoziationen“ gehalten hatte. Sein eigenes Handexemplar des 1908 veröffentlichten Entwurfs des neuen Katechismus für das Bistum Rottenburg ließ Sproll mit leeren Seiten „durchschießen“, auf denen er – vermutlich bei der praktischen Erprobung als Pfarrer von Kirchen – viele Korrekturen und Änderungsvorschläge anbrachte.
Noch ein weiteres Arbeitsfeld tat sich in seiner Zeit als Subregens auf: die Geschichtswissenschaft, die Sproll in Tübingen – merkwürdigerweise – nicht weiterverfolgt hatte. 1902 und 1903 erschien endlich seine historische Dissertation – und fand offenbar ein günstiges Echo. Als Sprolls einstiger Prinzipal und Freund Joseph Vochezer 1904 – mit 55 Jahren überraschend früh – starb, „beerbte“ ihn der zum Testamentsvollstrecker eingesetzte Sproll. Fürst Franz von Waldburg zu Wolfegg und Waldsee (1833–1906) beauftragte ihn, den von Vochezer zwar in weiten Teilen vorbereiteten, aber noch unveröffentlichten dritten Band der Geschichte des Hauses Waldburg herauszugeben. Sproll besuchte dafür das Waldburger Archiv, außerdem das Kreisarchiv in Amberg, und erweiterte die Vorlage Vochezers um ca. 300 Druckseiten; eine gewaltige Arbeit für knapp drei Jahre und in Anbetracht vieler anderer Verpflichtungen. Der Band – mit über 1000 Seiten – erschien 1907 in zwei Teilbänden. Wohl von Fürst Waldburg vorgeschlagen, wurde Sproll 1905 zum außerordentlichen Mitglied der „Königlichen Kommission für Landesgeschichte“ von Württemberg ernannt, der auch Vochezer angehört hatte. Zwischen 1905 und 1909 erschienen mehrere kleine historische Veröffentlichungen. Insbesondere arbeitete Sproll an der zweiten Generation der Oberamtsbeschreibungen (Ortsgeschichte in den Oberämtern Biberach, Laupheim, Leutkirch, Ravensburg, Riedlingen, Saulgau, Tettnang, Waldsee und Wangen) mit. Man wird davon ausgehen dürfen, dass er auch hier auf Vorarbeiten Vochezers zurückgreifen konnte, der staatlich beauftragter Kreisarchivpfleger für die sechs Bezirke des Königreichs gewesen war, in dem diese katholisch geprägten Oberämter lagen. Später verfasste Sproll nur noch einen einzigen historischen Beitrag, und zwar 1927 – im Jubiläumsjahr – Zur Gründungsgeschichte der Universität Tübingen. 1914 wurde Sproll Vorstand des Sülchgauer Geschichts- und Altertumsvereins (in Rottenburg), und damit auch ordentliches Mitglied der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte. Die Mitgliedschaft wurde ihm 1937 auf nationalsozialistischen Druck hin entzogen.
War das von Sproll wiederentdeckte historische Interesse eine „Flucht in die positive Arbeit“? Möglich, denn kaum auf seiner neuen Stelle in Rottenburg, brach ein Sturm los, der die Kirche in eine tiefe Krise stürzte: der „Modernismusstreit“.
Das Epizentrum dieses Sturms lag zunächst und auf Jahre hin in Rottenburg selbst, denn der Rottenburger Bischof machte sich zum Vorläufer dessen, was dann universalkirchlich folgen sollte. Am 1. Dezember 1902 versammelte Keppler – ohne allen erkennbaren Anlass – die Geistlichen der Dekanate Rottenburg und Horb, das Domkapitel und die Priesteramtskandidaten im Rottenburger Priesterseminar zu einer Konferenz. Diese bildete die Bühne für eine Rede über Wahre und falsche Reform, die bald als „Thronrede seiner antireformerischen Regierung“ bezeichnet wurde. Es war ein wohlvorbereiteter, gezielter Paukenschlag, der Keppler mit einem Mal weithin Beachtung verschaffte. Bereits am folgenden Tag konnte man den vollen Wortlaut der Rede in allen führenden katholischen Zeitungen Deutschlands nachlesen. Schon vorher war sie beim Herder-Verlag in Druck gegeben worden, noch am 1. Dezember schickte Keppler Sonderabzüge an die Münchener Nuntiatur und das päpstliche Staatssekretariat, an sämtliche deutsche Bischöfe sowie an zahlreiche Äbte, Domkapitulare, Professoren, Abgeordnete, Adelige und sonstige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.
In aggressivem Ton rechnete die Rede Kepplers mit allen Versuchen der vergangenen Jahre ab, Katholizismus und Moderne miteinander zu versöhnen. Die Reformkatholiken wurden als „hochmütige Pharisäer“, „Wölfe im Schafspelz“, „Reformsimpel“, „Verräter“ und „Phrasenhelden“ bezeichnet, als Vertreter eines „Salonkatholizismus“, „Kompromißkatholizismus“ und „Margarinekatholizismus“. Ganz offenkundig paarte sich hier Kultur- und Bildungspessimismus mit Wissenschaftsfeindlichkeit, das einfache Volk wurde der modernen Kultur uneingeschränkt positiv und romantisierend gegenübergestellt. Hier werden Züge sichtbar, die sich später auch bei Sproll finden werden.
Inwieweit Keppler mit seiner Rede auf entsprechende Signale aus Rom reagierte – bereits bei seinem Amtsantritt 1899 hatte man ihn vor den Tübinger Theologen („novateurs et libéraux!“) bzw. vor dem System der Theologenausbildung an staatlichen Fakultäten gewarnt – sei dahingestellt. Als Rom 1907 mit der Enzyklika Pascendi dominici gregis und dem Dekret Lamentabili des Sanctum Officium
