John Sinclair 2073 - Stefan Albertsen - E-Book

John Sinclair 2073 E-Book

Stefan Albertsen

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Beschreibung

Vor einigen Jahren, der Himalaya - das Dach der Welt.

Uralte Legenden rankten sich um dieses von Naturschauspielen erfüllte Gebirgssystem.
Der Mensch hatte sich seiner furchterregenden Höhe, der dünnen Luft und zahlreichen Gefahren gestellt, ihm viele Schrecken genommen.
Jedoch längst nicht alle!

Auch in der modernen Zeit existierten, umgeben von atemberaubenden Bergmassiven, dickem Eis und schier bodenlosen Abgründen Abscheulichkeiten aus vergangenen Tagen.
Eine davon brachte Tod und Verderben über Unschuldige. Seine Taten riefen mich herbei.

Mich - Mandra Korab!

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Zorn des alten Gottes

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Timo Wuerz

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5933-6

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der Zorn des alten Gottes

von Stefan Albertsen

Vor einigen Jahren

Der Himalaya – das Dach der Welt.

Uralte Legenden rankten sich um dieses von Naturschauspielen erfüllte Gebirgssystem.

Der Mensch hatte sich seiner furchterregenden Höhe, der dünnen Luft und zahlreichen Gefahren gestellt, ihm viele Schrecken genommen.

Jedoch längst nicht alle!

Auch in der modernen Zeit existierten, umgeben von atemberaubenden Bergmassiven, dickem Eis und schier bodenlosen Abgründen Abscheulichkeiten aus vergangenen Tagen.

Eine davon brachte Tod und Verderben über Unschuldige. Seine Taten riefen mich herbei.

Mich – Mandra Korab!

Mandra Korabs Bericht

Eben noch hatte die Sonne geschienen, und mit ihren hellen Strahlen eine glänzende, schillernde Welt gezeichnet.

Ein brutaler Wind zerstörte im nächsten Moment diesen überwältigenden Anblick, als er mir winzige Eiskristalle wie Glassplitter in die Augen trieb.

Ich konnte mich kaum aufrecht halten. Nur mit Mühe vermochte ich die Schutzbrille herabzuziehen und den dicken Schal anzulegen.

Das Eis legte sich wie eine Hülle um mich und machte jede Bewegung zu einer kaum zu bewältigenden Kraftanstrengung. Meine Beine wurden schwer wie Blei und sackten bis über die Knöchel ein.

Ich hatte gewusst, was mir bevorstand, als ich Tshokanran am Morgen verlassen hatte. In solchen Höhenlagen konnte das Wetter binnen weniger Sekunden eine komplette Kehrtwende beschreiben. Trotzdem hatte es nur diesen Weg gegeben.

Obwohl der Wind mir unbarmherzig entgegenwehte und ich kaum vorankam, dachte ich kurz daran, wie es mich hierher verschlagen hatte.

Begonnen hatte alles mit einem fiebrigen Traum, in dem eine gestaltlose Stimme mir mitteilte, dass ich nach Tshokanran musste.

Eine finstere Macht hat dort großes Leid verursacht. Reise dorthin und finde dein Schicksal.

Obwohl ich ein Mensch bin, der um das Übernatürliche weiß, folge ich normalerweise nicht sofort jedem undeutlichen Hinweis aus einem Traum.

Doch dieses Mal war es anders. Die Stimme klang sogar noch Tage später in meinem Geist nach und ich fühlte, dass es unumgänglich war, ihrer Aufforderung nachzukommen.

Das Reiseziel war Sikkim, und ich suchte, begleitet von zwei Führern, das Gebirgsdorf Tshokanran am Fuße des Kangchendzönga auf.

Während meiner Anreise forschte ich nach. Nicht nur dort, sondern auch in anderen Orten dieser Region waren in den letzten Jahren immer wieder Menschen auf geheimnisvolle Weise verschleppt und ermordet worden.

Am Ziel angekommen, begann ich, dem Rätsel nachzugehen. Ich spürte, dass die Bewohner im Dorf etwas vor mir verbargen. Sie wichen meinen Fragen aus oder weigerten sich, mit mir zu reden.

Nachdem ich einige Tage bei diesen einfachen Leuten verbracht hatte, fasste einer von ihnen Vertrauen zu mir.

Er hieß Naresh und lebte allein in einer Hütte und konnte sich kaum bewegen. Schuld daran waren schwere Verletzungen, die ihn lähmten.

Er erzählte mir, dass seine Frau Rati damals scheinbar willenlos aus dem Bett gestiegen war. Sie folgte einer unheilvollen Gestalt, die sie unentwegt flüsternd mit einem Bann belegte.

Als er sich auf den Entführer stürzte, um ihn daran zu hindern, kam er nur knapp mit dem Leben davon.

Der Gegner war ihm in jeder Hinsicht überlegen gewesen. Er hatte ihn brutal niedergestreckt und anschließen mit irrsinniger Kraft durch die Hütte geschleudert.

Naresh war schwer verletzt zurückgeblieben, während Rati und der Unheimliche spurlos in der Nacht verschwanden.

»Ich weiß nicht, wie der Fremde aussah, es war zu dunkel«, hatte Naresh nach Beendigung seines Berichts geflüstert. »Aber ich bin mir sicher, dass es kein Mensch war.«

»Und woher weißt du das?«, fragte ich.

Der schwer gezeichnete Mann, der seit jener schicksalhaften Nacht auf dem rechten Auge blind war, wiegte den vernarbten Kopf. »Menschen haben keine fünf Arme, Mandra. Er schon.«

Ein Windstoß riss mich in die Gegenwart. Er durchdrang die dicke Wollkappe mühelos. Mein Gesicht fühlte sich an, als fräße sich reine Säure durch die Haut.

Die Umgebung versank in undurchdringliches Weiß. Das Gelände wurde zu einer Fläche, in der keinerlei Merkmale zu erkennen waren.

Ich kämpfte um jeden Schritt, obwohl ich keine Ahnung hatte, in welche Richtung ich mich bewegte.

Trotz des Risikos, in eine Felsspalte zu stürzen oder einen Abgrund zu übersehen, ging ich weiter.

Ich hätte das Notzelt, das ich im Rucksack bei mir trug, aufbauen können. Aber das kam nicht infrage. Da war ein eigenartiges Ziehen in meiner Brust. Es trieb mich voran, ließ nicht zu, dass ich ein Lager aufschlug, um den Sturm abzuwarten Inmitten der eisigen Hölle, die ich durchquerte, war dieses Gefühl ein wohltuender Gegenpol. Es übertrug einen Hauch von Hoffnung auf mich. Von Zuversicht.

Ja, ich wusste, dass ich, wenn ich ihm weiterfolgen würde, mein Ziel erreichen konnte. Ich durfte nur nicht nachlassen.

Weiter, immer weiter … feuerte ich mich an. Oder war es eine fremde Stimme, die ich hörte? Vielleicht sogar die aus dem Traum?

Die Kälte kroch wie lähmendes Gift in die Glieder. Ich wurde langsamer. Zu beschwerlich war es, die Beine aus dem kniehohen Schnee zu heben.

Der Drang, weiterzugehen hielt meinen Geist wach. Der Körper jedoch wurde schwächer, und es war abzusehen, dass ich den Kampf gegen die zürnenden Elemente verlor.

»Hierher … hier entlang …«

Ich blieb überrascht stehen, denn die Worte hatte ich nicht in meinem Kopf gehört. Sie erklangen vor mir, inmitten der Wand aus Schnee und Kälte. Ich hob die Hände vor den Mund und bildete mit ihnen einen Trichter.

»Wo bist du?«, brüllte ich. Ich hoffte, dass ich mir die Stimme nicht nur einbildete. Ich war völlig unterkühlt.

»Hierher … komm«, lautete die Antwort. Ich hatte keine andere Wahl. Der Sturm verstärkte sich. Die Wucht, mit der die heranpeitschenden Böen mich zurückzuwerfen drohten, wurde schlimmer.

»Ruf weiter. Bitte …«, schrie ich. Ich konnte meine Hände kaum noch zum Mund heben. Der Unbekannte tat mir den Gefallen.

»Hier zu mir, ich warte. Komm her, hier sind wir vor dem Wind geschützt.« Wie lange ich der undeutlichen Stimme folgte, wusste ich nicht, aber irgendwann veränderte sich das Gelände vor mir.

Aus der konturlosen Schneefläche erhob sich ein dunkler, halbrunder Felsen, in dessen Mitte ein schwarzes Loch klaffte.

Eine Höhle, dachte ich. Für einen kurzen Moment kerbte sich ein Lächeln in meine Mundwinkel. Es schwand jedoch genauso schnell, wie es gekommen war.

Nareshs Worte vom Vortag fielen mir ein. Er hatte mir nicht nur von der Nacht berichtet, in der Rati entführt worden war, sondern auch von den Erzählungen, mit denen man den geheimnisvollen Angreifer in Verbindung brachte.

Der Fünfarmige sollte angeblich ein indischer Himmelsdämon, ein Asura sein. Es hieß, dass diese Kreatur in einer Höhle nahe eines Gebirgspasses hausen würde.

Und nun erhob sich, wie zur Bestätigung der alten Legenden, der Zugang einer Höhle wie ein dunkles Mahnmal vor mir. Der Anblick, der sich mir unvermutet bot, ließ mich für einen Moment zögern.

Ich blieb stehen und dachte nach. Konnte ich es wagen hineinzugehen? Auch die Aussicht, im Inneren Schutz vor dem Sturm zu finden, verleitete mich nicht, unvorsichtig zu sein.

Natürlich war ich hierhergekommen, um das Geheimnis der verschleppten Menschen zu lüften. Allerdings war ich am Ende. Die Kälte und der Marsch durch den hohen Schnee hatten alle Kraft aus mir gesaugt. Ich war in diesem Augenblick kaum in der Lage, zu stehen, geschweige denn den Kampf gegen einen übernatürlichen Gegner aufzunehmen.

Meine Hand wanderte in die rechte Seitentasche des Parkas. Obwohl ich dicke Handschuhe trug, spürte ich den harten, länglichen Gegenstand, den ich dort hineingesteckt hatte.

Es war einer der magischen Dolche. Einst hatte ich sieben davon besessen. Luzifer persönlich hatte mir meine wertvollen Waffen gestohlen. Er hatte sie über die gesamte Welt verteilt und in andere Dimensionen geschleudert.1)

Nach langer Suche hatte ich in Aibon, dem Land der Druiden, die letzten zwei Dolche gefunden. Ein finsterer Zauber verwandelte jedoch fünf von ihnen in das zurück, was sie ursprünglich gewesen waren.

Dämonenarme.

Der Eiserne Engel hatte sie vernichtet. Am Ende hatte ich nur zwei Dolche übrigbehalten.2) Der Verlust hatte mich erschüttert, aber dennoch hatte ich in meinem Kampf gegen die Mächte der Finsternis nicht nachgelassen.

Bei diesem Gedanken verwandelte sich das Ziehen in der Brust in einen wärmenden Strom, der vom Kopf bis zu den Füßen flutete.

Ich verdrängte die Unsicherheit in die hinterste Ecke meines Geistes und betrat, erfüllt von neuer Entschlossenheit, die Höhle.

Gegenwart/London

Als das Telefon klingelte, ahnte Shanta Fremont, wer sie anrief.

Seufzend nahm sie ihre Brille ab. Sie ließ sich Zeit, rieb sich mit einer bedachten Bewegung über die Nasenwurzel und warf einen Blick auf das Display.

Die Nummer, die angezeigt wurde, bestätigte ihren Anfangsverdacht. Colin rief an.

Ihr Mann oder besser baldiger Ex-Mann, konnte es nicht lassen. Seit sie die Scheidung eingereicht hatte, versuchte er immer wieder, ihr auf die verschiedensten Arten nahezulegen, es sich zu überlegen. Er bat sie mindestens dreimal in der Woche darum, »den Blödsinn, den sie angeleiert hatte«, abzublasen. Aber Shanta war nicht gewillt, seine Frau zu bleiben. Obwohl sie keinerlei Lust verspürte, sich mit ihm auseinanderzusetzen, nahm sie das Gespräch an.

»Hallo, mein Schatz«, begrüßte er sie mit seidenweicher Stimme. »Wie geht es dir?«

Oh ja, das konnte er wirklich. Colin Fremont war ein Meister darin, andere Menschen auf charmante Art zu umgarnen. Sein gutes Aussehen und sein vortrefflicher Wortwitz taten dabei ihr Übriges.

Bei mir hat es damals auch sehr gut geklappt, aber die Zeiten sind vorbei, dachte Shanta.

Unwille keimte in ihr auf. Am liebsten hätte sie ihm klar und deutlich gesagt, wohin er sich seine zuckersüßen Worte stecken konnte.

Aber ihre Erziehung verbot ihr, sich so gehen zu lassen. Stattdessen sog sie die Luft langsam gleichmäßig ein und erinnerte sich an die Lektionen ihrer Ausbildung, die ihr im Kloster vermittelt worden waren.

»Hallo, Colin. Ich habe dich doch schon öfter darum gebeten, mich nicht mehr mit irgendwelchen Kosenamen zu betiteln. Es würde mir meinen Umgang mit dir enorm erleichtern, wenn du dich daran hieltest.«

Ein leises Lachen erklang am anderen Ende der Leitung. »Komm schon, Shanta. Immerhin sind wir verheiratet.«

»Noch«, korrigierte die Anwältin in scharfem Ton. Für einen Moment kehrte Stille in der Verbindung ein.

»Was willst du, Colin? Warum rufst du an?«

Wenn ihr Einwurf ihm etwas ausgemacht hatte, dann verbarg er es sehr gut. Seine Stimme klang unbekümmert, als er antwortete.

»Oh ja, tut mir wirklich leid, ich bin vom Thema abgekommen. Ich wollte dich nur fragen, ob unser Termin heute Abend steht?«

Shanta seufzte innerlich. Sie hatte die Verabredung mit Colin nicht vergessen, auch wenn sie sie am liebsten abgesagt hätte.

»Ja, der Termin steht noch. Wir treffen uns gegen sieben in unserem alten Stammlokal, obwohl ich wirklich nicht weiß, warum. Die Anwälte …«

Colin unterbrach sie, ehe sie weiter ausholen konnte. »Shanta, wir sind jetzt seit acht Jahren verheiratet. Nicht alles war schlecht in unserer Ehe.«

Ja, wenn man davon absieht, dass du ständig Affären hattest, einen Großteil des Geldes verschwendet hast und als Anwalt über Leichen gegangen bist, erwiderte Shanta, wohlweißlich nur gedanklich.

»Es ist nicht zu viel verlangt, noch einmal gemeinsam essen zu gehen und einfach nur zu reden. Vielleicht …«

»Ich glaube nicht«, fuhr sie ihrem Mann in die Parade. »Aber trotzdem können wir uns treffen. Eine letzte Aussprache vor der Trennung ist sicher nicht verkehrt.«

»Es bleibt also bei sieben Uhr?«

»Ja, ich bin bis sechs im Tempel und komme pünktlich ins Lokal.«

»Gut«, antwortete Colin. »Ich freue mich schon. Bis nachher.«

Es klickte in der Leitung. Shanta blickte erstaunt auf den Hörer in ihrer Hand. Normalerweise beendete sie die Gespräche mit ihrem Mann. Meistens war sie danach ziemlich entnervt, weil er nicht aufhören konnte, sie irgendwie umstimmen zu wollen.

Shanta legte das Telefon zurück in die Ladestation und strich sich eine Strähne aus der Stirn. Sie dachte an das, was die Zukunft für sie bereithielt.

Es gab weiterhin viele Landsleute, die nach England kamen, um sich hier eine Existenz aufzubauen. Sie würden einen guten Rechtsbeistand benötigen, ebenso wie diejenigen, die bereits seit einer oder mehreren Generationen hier lebten.

In diesen Fällen sprang Shanta ein. Als Anwältin beschritt sie die Wege, die ihren Mandanten unbekannt waren, und versuchte ihnen beim Start in ein neues Leben oder bei der Wahrung ihrer Interessen zur Seite zu stehen.

Aber das war längst nicht alles. Es gab noch andere Aufgaben, die von Shanta Fremont bewältigt werden mussten. Sie hatte nicht nur ihren Klienten und Familienmitgliedern gegenüber eine Verantwortung. Sie führte, wenn man es genau nahm, zwei Leben. Ein öffentliches und ein eher geheimes.

Das Öffentliche, war der Welt der Menschen zugewandt. Sie arbeitete als Anwältin und setzte sie für soziale Einrichtungen und Stiftungen ein.

Ihr zweites Leben allerdings verbarg sie vor dem größten Teil der Außenwelt. Natürlich gab es Eingeweihte, jedoch nur wenige. Nur die wirklich Vertrauenswürdigsten wussten, dass Shanta eine Hohepriesterin war und somit als Sprachrohr für einen alten Gott der Hindus diente.

Sie war die Vertraute Indras.

Colin Fremont blickte nachdenklich auf das Telefon in seiner rechten Hand.

Er wirkte unschlüssig und schien nicht genau zu wissen, was er als Nächstes tun sollte. Der Anwalt biss sich auf die Unterlippe.

Er war in eine Sache geraten, die ihn vom Verstand her vollkommen überforderte.

»Es geht nicht anders«, flüsterte er. »Wenn ich nicht mitspiele, werden sie mich töten.« Er zögerte. »Oder Schlimmeres.«

Nein, es gab kein Zurück mehr. Er musste sich an den Plan halten.

Fremont tippte eine Nummer ein und hielt sich das Smartphone ans Ohr.

Das Rufsignal erklang nur zwei Mal, dann wurde abgenommen.

»Ja?«

Die Stimme, am anderen Ende der Verbindung, jagte einen eisigen Schauder über Fremonts Rücken. Der Anwalt schluckte hart.

»Ich bin es. Ich habe mit meiner Frau telefoniert. Alles läuft, wie vorgesehen. Sie wird wie erwartet im Tempel sein. Ihr …«

Ein kurzes Klicken im Ohr verriet Colin Fremont, dass aufgelegt worden war. Mit zittriger Hand ließ er das Telefon sinken und sackte auf dem Stuhl zusammen.

Die Erkenntnis, dass er Shanta in genau diesem Moment, den Wölfen zum Fraße vorgeworfen hatte, übermannte ihn.

Aber es war jetzt ohnehin egal.

Seiner Frau konnte keiner mehr helfen.

Mandra Korabs Bericht

Vergangenheit

Ich blieb nach wenigen Schritten, die ich mich in die Höhle hineingewagt hatte, stehen und nahm meinen Rucksack ab.

Es war nicht warm, aber erträglicher als in dem Sturm, der draußen tobte. Ich schlüpfte aus dem Parka und steckte die beiden magischen Dolche in die Lederscheiden am Gürtel. Dann griff ich nach der Taschenlampe und schritt ins Innere der Höhle.

Der Strahl meiner Lampe reichte keine zehn Meter. Es war so, als söge etwas die Helligkeit auf. Das Blut rauschte mir in den Ohren, und ein beständiger Schwindel ließ mich im trüben Schein des Lichtstrahls unwirkliche Bewegungen sehen.

Karstige Spitzen ragten in den Gang hinein. Mir war, als kröchen lebendig gewordene Schatten über sie hinweg.

Ich blieb stehen, lehnte mich an und presste die Lider aufeinander. Meine rechte Hand umfasste den Griff eines Dolchs. Die rötlichen Schlieren die sich darin abzeichneten, bewegten sich träge hin und her. Wie Dampf hinter Glas.

Wärme kroch mir prickelnd über die Haut. Das wilde Pochen in meiner Brust ließ nach. Vielleicht gab die Waffe Kraft an mich ab.

Ich fühlte neue Zuversicht in mir. Ja, ich war bereit für den Kampf. Nicht für Ehre und Ruhm, sondern um den Menschen zu helfen und sie vor weiterem Schrecken zu bewahren.

Die Stimme von vorhin kam mir in den Sinn. Hatte ich sie mir nur eingebildet? War es ein Wunschtraum gewesen, hier jemandem zu begegnen, der mich aus dem tobenden Sturm rettete?

Ich verdrängte die Gedanken an den Ruf. Konzentration war gefordert. Irgendwo in dieser Höhle lauerte der Feind.

Ich war mir sicher, dass ich den Rückzugsort des Asuras gefunden hatte. Andererseits hatte ich ein Gefühl, dass der Himmelsdämon bereits bemerkt hatte, dass ich hier war.

Ich ging weiter. Der Lichtstrahl war nicht stark, beleuchtete jedoch den Weg so ausreichend, dass ich vorankam, ohne zu stolpern und mir die Knochen zu brechen.

Mein Zeitgefühl verlor sich in diesem dunklen Gang. Urplötzlich wichen die Wände in alle Richtungen davon. Die Dunkelheit wurde von einem Schimmer verdrängt.

Ich blieb stehen. Vor mir endete der Weg. Wenn ich auch nur noch einen Schritt getan hätte, wäre ich mehrere Dutzend Meter in die Tiefe gestürzt und von aufragenden Gebilden, die entfernt an Stalagmiten erinnerten, aufgespießt worden.

»Vishnu stehe mir bei«, flüsterte ich. Meine Stimme wurde von den schimmernden Wänden aufgefangen und wie ein unheilvolles Wispern zurückgeworfen.

Wie sollte ich in dieser gigantischen Ausdehnung den Dämon finden? Mehrere hundert Männer hätten sich in der riesigen Höhle aufhalten können, ohne sich jemals zu begegnen.