John Sinclair 2119 - Stefan Albertsen - E-Book

John Sinclair 2119 E-Book

Stefan Albertsen

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Beschreibung

Des Todes schwarze Federn

Worte geisterten durch die Ewigkeit. Sie berichteten von Schlachten, die geschlagen, von Opfern die erbracht und von Siegen, die errungen wurden.
Sie kündeten auch von Rückzügen, Verlusten und Tod.
"Hörst du?", wisperte eine der Stimmen. "Hörst du die Klage von der Niederlage unserer Armeen?"
"Ja." Die Antwort war kurz gehalten. Unterdrückter Zorn schwang mit. "Ich höre sie genauso wie du, Camulus."
"Und was wirst du tun? Die Gegenseite wird schon bald weitere Krieger entsenden. Es werden mächtige Streiter von der Erde sein."
Es blieb für einen Moment still im Äther. Die Unendlichkeit selbst schien den Atem anzuhalten.
"Ich werde etwas unternehmen. Keiner von ihnen wird überleben ..."

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EPUB
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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Impressum

Des Todes schwarze Federn

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Melkor3D; Ondrej Prosicky/shutterstock

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-7661-6

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Des Todes schwarze Federn

von Stefan Albertsen

Worte geisterten durch die Ewigkeit. Sie berichteten von Schlachten, die geschlagen, von Opfern die erbracht und von Siegen, die errungen wurden.

Sie kündeten auch von Rückzügen, Verlusten und Tod.

»Hörst du?«, wisperte eine der Stimmen. »Hörst du die Klage von der Niederlage unserer Armeen?«

»Ja.« Die Antwort war kurz gehalten. Unterdrückter Zorn schwang mit. »Ich höre sie genauso wie du, Camulus.«

»Und was wirst du tun? Die Gegenseite wird schon bald weitere Krieger entsenden. Es werden mächtige Streiter von der Erde sein.«

Es blieb für einen Moment still im Äther. Die Unendlichkeit selbst schien den Atem anzuhalten.

»Ich werde etwas unternehmen. Keiner von ihnen wird überleben …«

Amanda Nolan blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen und starrte auf die halb fertig gepackte Reisetasche.

Wie jedes Mal, wenn sie zum Center aufbrach, lief ihr die Zeit davon.

Und nun auch noch das. Sie war für ein paar Minuten aus dem Raum gegangen, um eine Tube Zahnpasta zu holen. Nichts ahnend kehrte sie zurück und entdeckte eine schwarze Feder, die direkt auf dem geöffneten Gepäckstück lag.

Panik wallte in ihr auf. Konnte es sein – nach all den Jahren –, dass ihr Verstand den Halt verlor? Ihr Bilder vorgaukelte? Früher hatte sie geglaubt, Männer würden sie verfolgen, und Unsichtbare würden sie ansprechen.

Nein, das lag hinter ihr. Die Drogen, die Halluzinationen … ihre Zeit als Prostituierte.

Sie hatte ihr Leben jetzt im Griff, und das verdankte sie Mena Preston.

Durch seine Weisheit, seinen Rat waren ihr eine Existenz im Dreck und ein unrühmliches Ende in einer miesen Absteige oder einer dunklen Seitengasse erspart geblieben.

Ihr Atem ging stoßweise, als wäre sie mehrere Stockwerke hochgesprintet. Das Herz pochte hinter ihrer Brust.

»Das … das gibt’s doch nicht …« Sie trat an das Bett heran, auf dem die Tasche lag. Und auf ihr die Feder. Ja, sie sah sie klar und deutlich und das, obwohl es unmöglich war.

Niemand außer ihr hatte den Raum betreten. Kein Mensch und auch kein Vogel. Das hätte sie mitbekommen. Das Fenster war verschlossen. Trotzdem lag diese verfluchte Feder direkt vor ihr auf den zusammengefalteten Kleidungstücken.

»Ich bleibe ruhig und gelassen.«

Mena Prestons Mantra, das er sie gelehrt hatte, kam ihr automatisch über die Lippen. Amanda beugte sich vor und ergriff die Feder. Als sie sie zwischen ihren Fingern fühlte, hätte sie beinahe aufgelacht. Das elende schwarze Ding, das ihr so viel Angst bereitete, existierte tatsächlich.

Sie drehte sie und konnte nichts Ungewöhnliches daran erkennen. Abgesehen von ihrer Größe. Vom oberen Rand bis zum Ende des Kiels war sie so lang wie ein menschlicher Unterarm.

Für Amanda stand außer Frage, dass die Feder von einem Raben oder einer Krähe stammte. Sie war keine Vogelkundlerin, doch das schien offensichtlich. Die Färbung der Fahnen ließ keinen anderen Schluss zu.

Das seidige Schwarz glänzte ihr entgegen. Ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel. Die Feder war wunderschön. Langsam begann sie, damit über ihr Gesicht zu streichen. Dort, wo die Haut berührt wurde, prickelte es. Im Nu breitete sich eine Gänsehaut auf dem gesamten Körper aus. Sie schloss die Augen. Ihr wurde schwindelig, doch das machte nichts. Selbst als sie daran dachte, wie sehr dieses Gefühl dem Rausch ähnelte, den Drogen entfachen konnten, hörte sie nicht auf.

Warum auch? Es schadete nicht und fühlte sich einfach gut an.

Ein Stöhnen drang über Amandas Lippen. Es war ihr egal, dass sie ins Center zurückkehren sollte. Sie verschwendete keinen Gedanken an Preston oder dessen Personal. Egal wie sehr diese Menschen ihr geholfen hatten, alles, was zählte, war das Kribbeln und Knistern, das sich einem Kriechstrom gleich durch ihre Glieder arbeitete und sie pausenlos erschaudern ließ.

Ja, es war fantastisch.

Sie glitt dahin, durch eine Welt, die ihr zwar düster erschien, die aber auch friedvoll und voller Ruhe war. Über ihr spannte sich ein grüngrauer Himmel, in dem träge Wolken verteilt schwebten. Unter ihr erstreckte sich ein weites Land, das ähnlich gefärbt war.

Sie sank in die Tiefe hinab, doch das geschah behutsam. Ihre Füße, ihre Arme, ihr Leib streiften das hohe dichte Gras. Es kitzelte sie. Im nächsten Moment fühlte sie den weichen Boden.

Die Luft strich durch ihr erhitztes Gesicht, und von fern her wehte der würzige Duft des Meeres heran.

Amanda lachte auf. Sie mochte an diesem Ort fremd sein, doch sie war glücklich.

Inmitten des Taumels aus Gefühlen vernahm sie jäh ein Geräusch hinter sich. Es war ein knarrender Laut. Ein Krächzen.

Sie wandte den Kopf und erblickte zwischen den hohen Halmen und dem kräftigen Löwenzahn … einen Raben, der sie aus dunklen Augen anstarrte.

Er hätte unscheinbar wirken können. Der Vogel war weder besonders groß noch sonst irgendwie auffällig. Aber der Platz, auf dem er sich niedergelassen hatte, jagte heißen Schrecken durch Amandas Leib und vertrieb brutal ihre Glückseligkeit. Er hockte auf einem blanken Totenschädel, der dem Blick des Raben, wie zum Hohn, mit leeren Höhlen folgte.

Amanda öffnete den Mund, wollte etwas sagen, wollte schreien, doch eine weitere Empfindung vereitelte ihr Vorhaben.

Es war … Schmerz …

Jäh brandete er auf, strahlte durch ihren Körper. Sie strauchelte, wirbelte haltlos wie ein Blatt im Sturm umher. Statt eines Schreis quälte sich ein ersticktes Keuchen über ihre Lippen. Sie fiel in einen bodenlosen Abgrund voll von tiefster Schwärze.

Und dann … öffnete sie ihre Augen.

Sie atmete keuchend. Das Blut rauschte hinter den Ohren, und nur schwer formte sich aus einem Konglomerat verschiedenster Formen und Farben eine erkennbare Umgebung.

Ihr Zimmer!

Sie stand immer noch vor dem Bett.

Ihr Blick wanderte zu ihrer Hand. Amanda konnte den letzten kümmerlichen Rest des Kiels erkennen, der sich zwischen ihren Fingern grau verfärbte und wie Asche zerbröckelte.

Die Partikel stoben in die Luft und wurden im nächsten Moment mit einem Atemzug in die Lunge gesogen. Von der Feder blieb nichts übrig.

Erstaunt starrte sie mehrere Sekunden vor sich hin. Sie ließ den Arm sinken und lauschte dem Chaos, in das sich ihre Gedanken verwandelt hatten. Bilder wirbelten durch ihren Geist. Stimmen erklangen, zu undeutlich, um sie zu verstehen. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie lächelte.

»Na so was. Da habe ich es eilig und träume vor mich hin.«

Amanda packte die Zahnpasta in den Kulturbeutel und verstaute diesen in der Reisetasche. An die Feder dachte sie nicht mehr. Geblieben waren nur die entfernten Stimmen in ihrem Kopf … doch um die sorgte sie sich nicht.

»Ich brauche Hilfe. Hilf mir …«

Brooke Adams blieb wie angewurzelt stehen. Die Stimme war hinter ihr in der Dunkelheit aufgeklungen, die sich wie ein schwarzes Tuch über dem Land ausgebreitet hatte.

Die Web-Journalistin stutzte. Konnte es sein, dass sie sich die Worte nur eingebildet hatte?

Eisiger Wind fuhr rauschend durch die Äste der hoch aufragenden Tannen.

Das hat man nun davon, wenn man bei Einbruch der Nacht über einen uralten, längst aufgegebenen Friedhof stolpert, dachte sie pikiert. Man beginnt, am eigenen Verstand zu zweifeln.

Am liebsten wäre sie umgedreht, doch als sich dieser Gedanke formte, drängte sie ihn beiseite.

Aufgabe war für Brooke Adams keine Option.

Sie war im Rahmen von Recherchen für ihre Web-TV-Serie »Brooke’s Spooks« nach Piccotts-End gekommen. Sie wollte herausfinden, ob es, wie zahlreiche Gerüchte besagten, auf dem stillgelegten Armenfriedhof Geistererscheinungen gab. Alles, was sich ihr bislang offenbart hatte, war ein verwildert zugewuchertes Feld, das versteckt zwischen hohen Nadelbäumen lag.

Zugegeben, der Ort wirkte in der einsetzenden Abenddämmerung unheimlich. Brooke hätte sich vorstellen können, wie bleiche Geister über das kniehohe Gras dahin schwebten. Aber außer einigen Grabsteinen, die moosüberzogen aus dem Boden aufragten, hatte er nichts für eine brauchbare Sendung zu bieten.

Brooke fragte sich ernsthaft, was sie erwartet hatte. Grautrübe, durchsichtige Gestalten, die mit unheilvoll nachklingender Stimme nach ihr riefen? Um sie in schwarze Tiefen zu ziehen?

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie etwas gehört hatte. Eine eisige Woge kroch seitlich an ihrer Wirbelsäule hinab. Es waren nicht die spätherbstlichen Temperaturen, die sie erschaudern ließen. Die Web-Journalistin war ehrlich genug, um zuzugeben, dass der Friedhof doch nicht so harmlos war, wie sie gemeint hatte.

Brooke war nicht medial veranlagt, aber sie hatte ein Gespür dafür, wenn sich etwas Ungewöhnliches, etwas Bedrohliches in ihrer unmittelbaren Nähe abspielte.

Ihre Bekanntschaft mit John Sinclair hatte diese Sensibilität noch verfeinert. Seite an Seite mit dem Geisterjäger war sie in Geschehnisse verwickelt worden, die den Rahmen des Normalen bei Weitem gesprengt hatten.

Sie war in Hawkerton gewesen, dem Dorf aus dem Jenseits1) und hatte sich unheimlichen Mächten stellen müssen. Sie dachte auch kurz an ihr Zusammentreffen mit dem Geist von Lady Sarah Goldwyn, der eine dringende Warnung bezüglich des Angstbringers Barantar an die Lebenden weitergegeben hatte.2) Bei diesen Gelegenheiten hatte sie einschlägige Erfahrungen sammeln können.

»Bitte hilf mir …«

Die Stimme zerrte sie aus ihren Erinnerungen. Sie war deutlicher zu verstehen als beim ersten Mal. Brooke wirbelte herum. Der Strahl ihrer Taschenlampe folgte unbeirrt der Bewegung, doch es war nichts zu sehen. Die Web-Journalistin schluckte. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Ihr Magen schien sich zu verknoten.

Sie hatte die Worte gehört. Daran bestand kein Zweifel.

Allmählich erwuchs in ihr der Verdacht, dass sie tatsächlich auf einen Geist gestoßen war.

»Wir sind gleich da.«

Irritiert hob Amanda die Augenbrauen und hätte beinahe gefragt, wo sie ankommen würden. »Ach ja, beim Center. Das ist schön.« Sie konnte im Rückspiegel erkennen, wie der Mann am Steuer die Stirn runzelte. Wahrscheinlich wusste er mit ihrer Antwort nichts anzufangen, aber das war ihr egal.

Im Licht der Scheinwerfer tauchte eine hohe, weiße Steinmauer auf. Die Straße machte eine sanfte Kurve nach links. Vor ihnen durchbrach heller Lichtschein die Dämmerung.

Die Mauer endete in einer Steinsäule, auf der zahlreiche Abbildungen eingearbeitet worden waren. Zwischen ihr und einem identischen Pfeiler befand sich ein Metallgittertor.

Zwei Posten standen vor einem Wachhäuschen. Sie winkten, als das Taxi sich näherte.

»Das war’s dann«, sagte der Fahrer. Er ließ den Wagen ausrollen und nannte den Betrag, den das Taxameter angab.

Amanda bezahlte wortlos, griff nach ihrer Reisetasche und stieg aus.

Es war kalt geworden. Obwohl der Februar sich tagsüber von seiner milden Seite zeigte, dampfte nun der Atem vor ihrem Mund.

»Hallo Miss Nolan«, meinte einer der beiden Wächter. Er trat lächelnd vor. Sein Name war Rob Lyman. Natürlich kannte er sie, immerhin war sie nicht nur eine regelmäßig wiederkehrende Teilnehmerin. Sie wurde auch vom Ausbilderteam als Vertrauensperson und Assistentin herangezogen.

Amanda erwiderte das Lächeln. Irgendetwas stimmte nicht. Es fiel ihr schwer, die Mundwinkel in die Höhe zu ziehen. Sie konnte nicht sagen, warum, das ungute Gefühl, dass sich in ihr regte, wurde mit jedem Schritt stärker, der sie dem Tor näher brachte.

Am liebsten wäre sie mit dem Taxi davongefahren. Aber genau in diesem Augenblick gab der Fahrer Gas. Sie blickte den kleiner werdenden Rückleuchten hinterher und spürte, wie sich die undefinierbare Regung in ihr in eine ausgewachsene Beklemmung verwandelte.

Ihr Atem stockte, und sie blieb unvermittelt einige Yards vor Rob und seinem Kollegen stehen.

»Alles in Ordnung?«

Die Worte des freundlichen Mannes, mit dem sie schon öfter nett geplaudert hatte, drangen verzerrt bis in ihr Hirn vor. Sie blinzelte verwirrt, als wolle sich ihr der Sinn der Frage nicht erschließen.

»Amanda? Geht es Ihnen gut?«, wollte Rob wissen. Er klang besorgt.

Es kam ihr so vor, als würde Schweiß in Sturzbächen über Kopf und Körper laufen, doch nicht ein Tropfen zeigte sich. Die Haut schien von innen her zu glühen. Dennoch war sie sich sicher, das Rob nichts davon gespürt hätte, hätte er sie berührt. Alles in ihr schrie danach, schnell zu atmen, aber ihr Brustkorb hob und senkte sich nicht anders als sonst.

Was war nur los?

»Amanda?«, fragte der Wachmann ein drittes Mal.

Einem unheilvollen Automatismus folgend, antwortete sie, wobei sie weiterhin von den Phantomempfindungen gepeinigt wurde.

»Entschuldigen Sie, Rob. Ich stehe heute ein wenig neben mir. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich in der letzten Nacht schlecht geschlafen habe. Ich bin immer aufgeregt, wenn ich ins Center zurückkehre.«

In ihrem Inneren wand sie sich unter dem Eindruck einer Hitze, die nicht wirklich existierte. Gleichzeitig fragte sie sich, wer die Worte sprach. Wer hielt ihren Körper aufrecht?

»Ach, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. So was kommt vor.«

Der Herzschlag verdoppelte sich blitzartig. Beißender Schmerz flammte hinter ihrer Stirn auf und fraß sich langsam durch ihre Augen. Das Bild vor ihr begann zu flackern, wie einer dieser schrecklichen Super-8-Lehrfilme, die die Lehrer während ihrer Schulzeit so oft gezeigt hatten.

Sie holte ihre Ausweiskarte vor und reichte sie an Rob, der damit in das Wachhäuschen ging und sie am Computer einlas. Die Sicherheitsbedingungen waren streng. Mena Preston legte großen Wert darauf.

Amanda wand sich in ihrem Innersten. Dieser Teil ihrer Selbst hatte keinen Körper, aber es fühlte sich an, als habe sie sich auf einer Matratze aus Brennnesseln wundgelegen. Sie wollte schreien …

»Ist denn seit meinem letzten Besuch irgendetwas Interessantes passiert?«

Rob lachte und kehrte zu ihr zurück. »Bestimmt nicht. Hier herrscht immer dieselbe alte Routine.« Er reichte ihr den Ausweis. »Und das gefällt mir sehr gut.«

Die Schmerzen wurden unerträglich. Amanda brüllte vor Pein. Der schreckliche Laut verhallte in den Weiten ihres Geistes, der von glühender Lava umtost zu werden schien.

»Geht mir genauso, Rob. Das ist genau das, was mir der Arzt verschrieben hat«, entgegnete sie und zeigte ihr freundlichstes Lächeln.

»Hört denn keiner, wie sehr ich leide?«

Der plauderfreudige Wachmann gab seinem Kollegen ein Zeichen, damit dieser das Tor in Gang setzte, welches sich sogleich fast lautlos zur Seite bewegte.

»Einen schönen Abend noch, Amanda. Und einen erfolgreichen Lehrgang, wünsche ich Ihnen.«

»Nein, … ich vergehe, ich sterbe, es ist so heiß …«

»Ihnen auch, Rob.«

Amanda steckte den Ausweis ein, nahm die Tasche und schritt auf das geöffnete Tor zu.

Jeder Schritt brannte sich in ihre Muskeln, ihre Gedärme … ihr Innerstes. Die Lava strömte nicht mehr um sich herum, nein, sie bewegte sich quälend langsam durch sie hindurch.

Kurz bevor sie die unsichtbare Linie überschritt, die sich zwischen den hohen, symbolverzierten Säulen spannte, blieb sie stehen und blickte zu den oberen Enden der spitz zulaufenden Bauwerke empor.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte Rob erneut.

Nein, sie verging inmitten eines Sturms aus Feuer, Lava und Hitze, der sie durchdrang und jedes Quäntchen von ihr verbrannte. Amanda Nolan starb, verglühte wie Kohle im Ofen.

»Ja, ich habe nur die Säulen bewundert. Sie sind wunderschön.«

Sie winkte noch einmal, dann machte sie den nächsten Schritt, der sie an den beiden Pfeilern vorbei brachte.

Amanda schrie gellend und löste sich knisternd in ihrer körperlichen Hülle auf. Alles, was den Menschen ausmachte, ging unter, wurde unwiederbringlich zerstört.

Im selben Moment allerdings erwachte etwas Neues in ihr.

Nein, es war nicht neu … es war alt. Uralt sogar.

Sie schritt seelenruhig weiter, während sich das Tor hinter ihr schloss. Nach außen wirkte alles vollkommen normal.

»Es ist mir tatsächlich gelungen. Dein Plan hat funktioniert, Camulus. Ich konnte die Barriere überwinden. Ich bin im Lager der Feinde«, jubilierte das Alte.

Ein grausames Lächeln breitete sich in Amandas Gesicht aus.

»Wo bist du?« Brooke kam ihre eigene Stimme fremd vor.

»Ich bin hier, ganz nah bei dir, siehst du mich nicht?«, lautete die Antwort.

Die Journalistin runzelte die Stirn. Sie ließ den Strahl ihrer Taschenlampe durch das nachtschwarze Gelände gleiten. Egal, wohin sie auch leuchtete, sie konnte niemanden ausfindig machen. Und das, obwohl sich ihre Gesprächspartnerin nicht weit entfernt befinden musste.

Jedenfalls, wenn man nach der Lautstärke der Stimme ging.

»Sprich weiter, damit ich weiß, in welche Richtung ich gehen muss.«

»Ich habe so furchtbare Angst.«

Ein Schluchzen folgte. Es klang so verzweifelt, dass es wie eine Messerklinge Brookes Herz durchdrang. Sie zuckte zusammen. Ein Gefühl von Hilflosigkeit kroch in ihr empor. Es füllte ihre Glieder mit bleierner Schwere.

»Bitte … hilf mir …«

Bislang war die fremde Stimme von einem düsteren Hall begleitet worden. Dieser hatte eine genaue Ortung der Sprecherin unmöglich gemacht. Das änderte sich schlagartig. Wie bei einem Funkgerät, an dem man die Qualität des Empfangs von Hand nachjustieren konnte, erklangen die Worte mit einem Mal viel deutlicher. Brooke schätzte ihre Gesprächspartnerin auf allerhöchstens sechzehn oder siebzehn Jahre. Und sie weinte bitterlich.

»Ich möchte dir so gerne helfen«, begann die Journalistin. Sie fühlte sich entsetzlich hilflos. »Aber ich weiß leider nicht, wie. Wohin ich auch schaue, ich kann dich nirgends entdecken. Ich …«

Die nächsten Worte blieben unausgesprochen, denn mit einem Mal kam ihr eine Idee.

Vielleicht war das Licht ihrer Taschenlampe keine Hilfe für sie. Was war, wenn sie es mit einem Geist zu tun hatte, der auf diesem Grundstück umherstrich und nur zum Teil in der diesseitigen Welt steckte? In irgendeinem Text hatte sie gelesen, dass künstliche Lichtquellen es unmöglich machen konnten, solche Erscheinungen zu sehen.

»Warte, ich versuche etwas«, flüsterte Brooke.

Sie schaltete die Leuchte aus und rechnete damit schlagartig von absoluter Dunkelheit umgeben zu sein. Doch dem war nicht so. Ein matter, pulsierender Schein drang von der Seite her in ihre Augenwinkel. Er war so schwach, dass er vom Licht der Lampe überdeckt worden war.

Die Journalistin blickte in die Richtung.

»Du meine Güte«, entfuhr es ihr. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt, gleichzeitig wurde sie von dem Anblick, der sich ihr bot, überrumpelt.